Kapitel XVII
Wenn ich heute im Rückspiegel auf jene Tage knapp vor den 80er Jahren zurücklicke, kann ich den kalten, schweren Jungenpanzer, den ich damals so unendlich müde durch die Welt schleppen musste, kaum noch spüren. Mein Name war Julian. Aber mein wahres Ich, die kleine, sehnsüchtige Seele tief in meiner Brust, hieß schon immer Jule.
Zu Hause, in meinem einsamen kleinen Zimmerchen auf dem Dorf, gab es für meine Träume keinen Platz. Nach dem traurigen, viel zu frühen Tod meiner leiblichen Mutter war da nur noch eine unendliche Kälte. Mein Vater, der mir gegenüber schon lange nicht mehr gerecht wurde und meine Not nicht sehen wollte, traf irgendwann die herzlose Entscheidung, mich einfach abzugeben. Er schob mich ab in die Hände seiner Schwester, meiner strengen Stiefmutter, und verschwand von heute auf morgen für immer aus meinem Leben. Für meine neue Familie war ich kein geliebtes Kind, sondern nur ein störendes, fehlerhaftes Wesen, das unauffällig im Haushalt zu funktionieren hatte.
In dieser dunklen Einsamkeit gab es für mich nur eine einzige Rettung: die kiloschweren, dicken Versandhauskataloge, die ich heimlich unter meinem Bett versteckte. Sie waren mein ganz persönliches, geheimes Fenster aus Papier in eine andere, wunderschöne Welt. Stundenlang blätterte ich mit zittrigen Fingern durch die bunten Seiten, strich über die Abbildungen der zarten Spitzenunterwäsche, der bauschigen Rüschenschürzen und der pastellfarbenen Trägerkleidchen für kleine Mädchen. Wie schrecklich gerne wäre ich ein Teil dieser Bilder gewesen. Ein unschuldiges, behütetes Windelkind, das von einer lieben Mama an die Hand genommen, gewickelt und nach Strich und Faden verwöhnt wird.
Als ich schließlich mit vierzehn Jahren mein allererstes Lehrjahr in der gut fünfundzwanzig Kilometer entfernten Kleinstadt begann, ahnte ich noch nicht, dass das Schicksal mein heimliches Flehen endlich erhören würde. Die neue Stadt und mein erster Job öffneten mir plötzlich Türen, von denen ich vorher nicht einmal zu träumen gewagt hatte.
Und dann… dann betrat ich an jenem unvergesslichen Nachmittag im Sommerschlussverkauf zum ersten Mal das kleine Kaufhaus.
Als ich dort die gütigen Augen von Frau Schneider und das warme, mütterliche Lächeln von Tante Simone erblickte, begann in mir ein wahres Karussell der Gefühle. Mit ihnen und der wirbeligen, unendlich selbstbewussten Franzi an meiner Seite schienen all meine frühen Kinderträume mit einem Schlag Wirklichkeit zu werden. Zum ersten Mal durfte der traurige Junge Julian auf dem harten Linoleumboden kapitulieren, und das kleine Mädchen Jule durfte auf ihren weichen Strumpfhosenfüßen auferstehen.
Wohlwissend, dass all diese tiefe, neu gefundene Freude am Abend wieder vorbei sein konnte,
klammerte ich mich an jeden Moment der Geborgenheit. Die schwierige Kindheit, die Einsamkeit und der Schmerz der Vergangenheit verflogen im warmen Duft von Babypuder und weichem Strickzeug. Ich war endlich angekommen. Ich war sicher. Und ich ahnte noch nicht, dass das, was an diesem einen Tag im kleinen Kaufhaus so unschuldig als Spiel begann, mein ganzes Leben für immer verändern würde…
Kapitel XVII
Spiegelbild
„Ähm… Simone? Wo bitte sind denn die Knöpfe zum Schließen?“, fragte ich verwirrt und tastete mich unbeholfen ab.
Ich schaute in ein erstauntes, zutiefst schmunzelndes Gesicht. In ihren Augen blitzte diese mütterliche Wärme und Weisheit auf, die ich in meinem jetzigen Leben, bei meiner Stiefmutter, so sehr vermisste.
„Bei euch Minis hilft doch immer die Mami“, erklärte sie mir mit einer Engelsgeduld. „Die Kleidchen für euch Minis werden doch fast immer auf dem Rücken geschlossen. Das schützt eure feine Haut vorne beim Spielen, damit nichts drückt, wenn ihr manchmal noch krabbelt.“
Mein Herz machte einen schweren, dumpfen Schlag. Bei euch Minis. Die Mami. Die Worte taten so unendlich weh und formten gleichzeitig ein so wohliges, warmes Knäul in meinem Bauch.
„Und… wie komme ich dann an die ganzen Knöpfe ran?“, fragte ich leise, und meine unsichere gebremste Stimme klang noch hilfloser, als mir ohnehin schon lieb war. Es war nur noch ein feines, hauchdünnes, helles Puppen-Fiepsen.
„Na so“, lachte Simone leise und herzig. „Eigentlich ist das ganz einfach. Dreh dich doch bitte mit dem Rücken zu mir, Maus.“
Ich gehorchte aufs Wort und drehte mich um, das Gesicht ganz dicht vor der hölzernen Trennwand. In meinem Kopf hallten ihre Worte von vorhin nach: Es kann sein, dass du dich gleich nicht wiedererkennst. Sie hatte so recht. Ich war nervös, ich hatte unheimliche Angst vor dem nächsten Schritt, aber gleichzeitig verschmolz ich mit jeder Sekunde mehr mit diesem neuen, unselbstständigen Gefühl. Ich rutschte immer tiefer in diese wunderbare, ferngesteuerte Rolle hinein.
„Das ist ja überhaupt nicht praktisch“, bemerkte ich schüchtern über meine Schulter, während Simones warme Finger an meinem Rücken zu hantieren begannen.
„Da wirst du wohl ab jetzt immer etwas Hilfe brauchen, Liebes“, flüsterte sie und schloss Knöpfchen für Knöpfchen, bis auch das letzte in seiner kleinen Öse steckte. „Bist schon fast fertig, Maus! Schau mal, ich binde derweil noch die Schleifen an den Ärmelbündchen neu. Aber die beiden großen Bänder hier… bindest du dann bitte noch zu einer Schleife…. Maus?“
Ich blickte an mir herunter. Rechts und links auf Hüfthöhe hingen zwei intensiv glänzende, rosa, breite Seidenbänder. Voller Eifer führte ich beide Enden vor meinem Bauch zusammen, knotete und schleifte mit hochkonzentriertem Blick, bis ich mit meinem Kunstwerk auf meiner Vorderseite halbwegs zufrieden war. Stolz drehte ich mich auf dem Podest zu Simone um, hielt mir den aufgebauschten Bauch und strahlte sie mit roten Wangen an: „Bin fertig!“
„Hach, Mäuschen…“, Simone schlug scherzhaft ihre Hände vor dem Mund zusammen, aber ihr Blick war so unendlich voller Liebe, dass mir ganz schwindelig wurde. „Du bist einfach zu goldig! Die Schleife gehört doch auf dem Rücken zusammengebunden!“
Sie trat ganz nah heran und kniff mir mütterlich-zärtlich in die Wange. „Hast du wohl bisher noch nicht so gebraucht, was?“, neckte sie mich freundlich lächelnd.
„Ähm… nein. Bisher noch nie“, gab ich unsicher zurück, während ein heftiges, brennendes Rot mir wieder bis über die Ohren schoss. Ich blickte beschämt auf meine Füße in der weißen Baumwolle.
„Wie soll das denn auch gehen? Ich habe doch hinten keine Augen! Ich binde sonst nur manchmal die Schleifen an meinen Schuhen, und das ist doch etwas ganz, ganz anderes. Die kann ich wenigstens sehen.“
„Ist doch wirklich nicht so schlimm, wenn du noch ein kleines Problem mit dem Schleifenbinden hast“, entschärfte Simone mein tollpatschiges Missgeschick sofort und nahm mir jede Scham. „Komm her, ich mach dir das mal schnell. Zu Hause solltest du das dann unbedingt fleißig üben. Oder du lässt dir von deiner Stiefmutter dabei helfen…“
Bei dem Wort Stiefmutter zog sich mein gesamtes Inneres schmerzhaft zusammen. Simone ahnte nicht, welche Dunkelheit sich hinter diesem Wort verbarg. Meine Stiefmutter nannte mich zu Hause nur „Jule“, um mich vor Besuch oder meiner kleinen Stiefschwester zu verunsichern, um mich klein zu machen und abzustrafen. Aber hier, in Simones warmen Händen, verwandelte sich mein Spottname in ein echtes, passenden Gefühl. Hier war Jule kein Schimpfwort mehr – es war meine gefühlte Bestimmung.
Mit flinken, geübten Fingern schob Simone die glänzenden Seidenbänder auf meinem Rücken zu einer perfekten, großen Schleife zusammen. Sie strich den Stoff am Po glatt, sodass er über dem dicken Windelpopo wunderbar bauschte, und gab mir ein paar leise Tipps, wie ich mich bewegen müsse, damit die Bänder flogen wie die Flügel eines Schmetterlings. Dann gab sie mir einen ganz sanften, mütterlichen Schubs in Richtung Vorhang.
„Du musst dir überhaupt keine Sorgen machen, Jule. Du siehst in diesem rosa Traum einfach herzallerliebst aus.“ Sie trat einen Schritt zurück, betrachtete ihr Werk mit feuchten Augen und fügte mit einem verträumten Schmunzeln hinzu: „Ach, ich wünschte mir so sehr eine zweite, kleine Tochter… Ich wäre so glücklich, wenn ich dich so an deinem ersten Schultag begleiten dürfte. Oder als kleines Blumenmädchen, das vor einem Hochzeitspaar bunte Blüten in den Wind streut.“ Einfach zu süüüß……
Die Worte wärmten mich von innen wie heißer Kakao, doch mein kindlicher Mut reichte noch nicht ganz aus, um den Vorhang beiseite zu schieben.
„So, Maus, und jetzt gehen wir fein zusammen zum großen Spiegel in der Abteilung, damit du dich im Ganzen ansehen und ordentlich drehen kannst“, bestimmte Simone liebevoll. „Diese Kabine hier ist viel zu eng und hat dieses giftige, grelle Licht. Darin wirkt das schöne Rosa viel zu blass und gar nicht schmeichelnd. Also hopp, Maus, raus in die Kinderabteilung!“
Vollkommen lenkbar und mit kleinen, tapsigen Schritten in meiner neuen, dicken weißen Strumpfhose folgte ich ihr aus der noch schützenden Kabine. Schon beim ersten, zaghaften Schritt aus dem Vorhang tauchte Frau Schneider auf. Sie hatte geduldig in der kleinen Sitzecke gewartet, wie eine treue, wachsame Wächterin. Als sie mich sah, hellte sich ihr Gesicht augenblicklich auf. Ein tiefes, ehrliches Einverständnis lag in ihrem Blick – und noch etwas anderes. Etwas, das ich in meiner Naivität noch nicht deuten konnte.
Anne Schneider sah mich an, und in ihrem Kopf formte sich in diesem Moment ein kleiner geheimer, heiliger Wunsch. Ab Dezember würde sie in Frührente gehen. Sie fühlte sich stark und bereit, ihr Leben völlig neu zu ordnen. Als sie mich in diesem rosa Glitzertraum sah, mit der dicken Windel und den unschuldigen weißen Beinen, sah sie kein fremdes Kind mehr. Sie sah ihr neues Mädchen. Sie sah die kommenden Osterferien vor sich – drei Wochen intensive, behütete Erziehung in ihrer eigenen Welt. Drei Wochen, in denen sie Jule eine echte, unschuldige Mädchenkindheit schenken würde. Sie würde mich ganz für sich gewinnen wollen und mich lehren, wie man ein richtiges, geliebtes kleines Mädchen ist. Aber diesen ersten Eindruck und Gedanken behielt Frau Schneider soweit vor anderen und meinen Gedanken noch geheim.
„Das sieht ja super toll aus, Jule! Richtig vorteilhaft!“, waren ihre ersten Worte, und ihre Stimme zitterte fast ein wenig vor mütterlicher Vorfreude.
„Wie… ja? Wirklich?“, fragte ich mit quietschiger, unsicherer Stimme nach und hielt mich unschuldig an Simones Rockzipfel fest.
„Wie, gefällt es dir etwa nicht?!“, wollte Frau Schneider wissen und trat einen Schritt näher an mich heran.
Ich hielt inne. Auch wenn es für einen Jungen meines Alters völlig abgedreht klingen mag: Ich fühlte mich überhaupt nicht schlecht. Besser, viel besser und sicherer als jemals zuvor in meinem Leben. Nur laut aussprechen durfte ich diese verbotene Wahrheit ja nicht.
„Doch, es gefällt mir schon irgendwie“, flüsterte ich und strich mit den Fingerspitzen ehrfürchtig und unsicher über den feinen, glitzernden Stoff auf meinem Bauch. „Ich weiß nur nicht, wie ich es genau beschreiben soll. Es fühlt sich so ganz anders an als bisher in meinen klobigen Hosen. Viel leichter. Feiner. Aber irgendwie ist es trotzdem noch sehr ungewohnt und seltsam. Ich dachte eigentlich, es würde sich viel schlimmer anfühlen.“
„Bist du denn nicht auch ein wenig gespannt?“, klinkte sich Simone lächelnd ein und legte mir von hinten die Hände auf die Schultern, um mich sanft vorwärts zuschieben.
„Worauf?“
„Na, wie du im Spiegel aussiehst! Im Durchgangsbereich drüben haben wir einen extra großen Spiegel. Da kannst du dein neues Ich zum ersten Mal ganz genau bewundern, Maus…
#Absatz 2
„Da kannst du dich von allen Seiten betrachten und selbst beurteilen, ob das Kleidchen wirklich zu dir passt.“
Gegen diese mütterliche Logik hatte mein kleiner Kopf kein Argument mehr. Ich atmete tief durch, spürte das schwere, vertraute überfeuchte Vlies zwischen meinen Beinen und flüsterte folgsam: „Okay… gehen wir.“ Ich schaute schüchtern zu den beiden Frauen hoch, versuchte tapfer zu scherzen, um meine zitternden Knie zu verbergen, und fragte mit piepsiger Stimme: „Wie sehe ich aus?“
Frau Schneider musterte mich aufmerksam, ihre Augen ruhten weich auf dem rosa Stoff, und ein fast schon stolzer, beschützerischer Ausdruck legte sich auf ihre Gesichtszüge. Sie sah bereits ihr zukünftiges Ferienkind vor sich. „Wird schon gehen. Komm“, raunte sie mir zärtlich zu, wuschelte mir einmal liebevoll durchs Haar und ging an mir vorbei. „Dann finden wir es jetzt heraus.“
Und dann nahm Simone mich an die Hand. Ihre Finger waren so warm und groß. Sie umschlossen meine kleine Hand komplett, und in diesem Moment gab ich jeden eigenen Willen an sie ab.
Ich versuchte krampfhaft, jeden einzelnen Bewegungsablauf auf dem Weg zum Spiegel zu kontrollieren. Doch in der dicken weißen Strumpfhose und mit dem ungewohnten, bauschigen Rüschenhöschen, das bei jedem Schritt sanft an meinen Oberschenkeln und gegen meine intimste Scham rieb, fühlte ich mich unendlich tollpatschig. Wenige Sekunden später tapste ich wie ein kleines, junges Fohlen an Simones Hand durch die weite Abteilung. Meine Füße schlurften über den glatten Boden, aber mit jedem Schritt genoss ich dieses enge, absolut sichere Gefühl der Umklammerung. Es war, als würde ich auf Wolken gehen – weit weg von der harten Realität da draußen.
„Gefällt dir, was du siehst?“, fragte Simone leise. Sie hatte sich beschützend direkt hinter mich vor den riesigen Spiegel gestellt.
Ich starrte auf mein Spiegelbild. Und mein Herz setzte für einen Moment komplett aus. In meinen Augen sammelten sich glitzernde Tränen der Erleichterung. Ich war absolut begeistert.
Wunderschön. Das war kein billiger Stoff aus den Versandkatalogen mehr – das hier war eine waschechte Verwandlung. Die tolle, weiche Farbe, das zarte Meer aus Blüten, die bauschigen Puffärmelchen mit den kleinen Schleifen und diese riesige, perfekte Schleife auf meinem Rücken, die Simone mir gebunden hatte. Das Kleid endete schon frech in der Mitte meiner Oberschenkel und wirkte so herrlich verspielt und kindlich.
Trotzdem suchte der schüchterne Junge in mir, geplagt von jahrelanger Angst, nach Einwänden. Ich drehte mich halb um, klammerte mich an Simones Hand und murmelte mit rotem Gesicht zu ihr hoch: „Naja… ein bisschen komisch sehe ich schon darin aus. Und… und jeder kann doch sofort erkennen, dass ich eine …“
„Dann ist’s ja gut“, schmunzelte Simone unendlich warm und drückte meine Hand etwas fester. „Fühlst du dich denn nicht wohl,…………. Maus?“
„Ja,doch schon“, gestand ich mit brennenden Wangen und senkte den Blick auf meine weißen Beine. „Zwar noch sehr ungewohnt, aber es ist angenehm und hübsch.“
„Na, das ist doch die Hauptsache.“ Sie lächelte mich wieder so mütterlich an, dass alle Zweifel in mir verblassen mussten. Von dem lauten Trubel um mich herum, den hetzenden Müttern und dem grauen Gewimmel des Schlussverkaufs bekam ich plötzlich überhaupt nichts mehr mit. Ich war vollkommen allein in meiner sicheren, rosa Seifenblase gefangen. Bis diese schöne Blase mit einem Schlag lautstark zerplatzte.
Von mir völlig unbemerkt stand urplötzlich wieder das große, neunjährige Mädchen von vorhin mit ihrer Mutter direkt neben mir. Auch sie wollten den großen Spiegel nutzen. Das Mädchen hatte sich für eine braune Jerseyhose mit roten Kontrastnähten, riesigen aufgesetzten Taschen und einen auffallend gelben Rippenpullover mit breitem Taillengürtel entschieden. Sie wirkte so unglaublich erwachsen, so derb, grob und selbstbewusst im direkten Vergleich zu mir kleinem, zarten Wesen.
„Schau mal, Sigrid“, sagte ihre Mutter leise und zeigte mit dem Finger direkt auf mich. „Das sieht doch wirklich auch sehr hübsch zusammen aus, was die Kleine da trägt! Möchtest du nicht lieber…“
Weiter kam die Mutter nicht.
„Muttiii… also wirklich!“, zischte Sigrid lautstark und genervt dazwischen. „So etwas ziehe ich bestimmt nicht mehr an. Das ist doch was für Babys!“ Sie warf mir einen abschätzigen Blick zu und schnaubte: „Der Kleinen scheint es aber sehr zu gefallen, sie strahlt ja wie ein Honigkuchenpferd.“
Sie hatte mich gemeint. Die Kleine. Im ersten Moment war ich schrecklich peinlich berührt und wollte am liebsten im Erdboden versinken. Doch mitten durch die Scham hindurch breitete sich plötzlich eine triumphierende, süße Bestätigung in meiner Seele aus. Ja! Sie hielt mich für ein kleines Mädchen. Für ein hilfloses Kleinkind. Und genau das wollte ich sein. Das Kleidchen hatte endlich meine Jungenexistenz vorerst komplett ausgelöscht.
Sigrid drehte sich nun ganz bewusst zu mir um. Sie musterte mich auffällig von oben bis unten mit einem Blick, der nicht mehr ganz so grimmig, sondern fast schon neugierig-freundlich wirkte. Sie wollte alles ganz genau sehen. Ihre Augen brannten regelrecht auf meinem rosa Stoff.
Panik stieg in meinem kleinen Kopf auf. Es wurde mir plötzlich alles zu viel, zu eng, zu laut. Ich beeilte mich mit einer überstürzten, letzten Drehung, um möglichst schnell vor dem Spiegel unsichtbar zu werden und aus dem Sichtfeld dieses riesigen Mädchens zu flüchten. Doch durch das ungewohnte Gefühl des weiten, schwingenden Kleidchens und meine eigenen, zittrigen Beine verlor ich plötzlich völlig den Halt.
Meine wackligen Knie knallten zusammen und meine Füße verhedderten sich mit der rutschigen Strumpfhose in dem stumpfen Teppichboden. Ich verlor das Gleichgewicht und plumpste ungebremst, mit einem dumpfen Aufprall, mitten auf den blauen Kaufhausteppich.
Wie peinlich! Das war’s dann wohl. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
Alle Augen in der Abteilung waren plötzlich wie gebannt auf mich gerichtet. Und Sigrid? Sie hielt sich nicht einmal mehr zurück. Sie quietschte vor purer Freude laut los. „Die Kurze kann ja noch nicht einmal richtig laufen!“, johlte sie durch die Abteilung und kicherte schadenfroh.
Kein Wunder: Durch den Sturz hatte sich das bauschige Rockteil komplett nach oben geschoben und lag wie ein umgedrehter Trichter direkt über meinem Kopf. Ich war gefangen im dunklen, warmen Rosa des Stoffes. Ich wollte aufstehen, kämpfte vergebens mit meinen dünnen Ärmchen gegen die Stoffmassen, aber das gerüschte Etwas hatte sich völlig vertüddelt. Es war ein totales, hilfloses Missgeschick. Denn da ich so flach auf dem Bauch auf dem Boden lag, den Rock über dem Kopf, war mir sofort klar: Mein gesamtes Untendrunter lag für alle aufmerksamen Augen in der Abteilung völlig frei. Die weiße Strumpfhose, das üppige, bauschige Rüschenhöschen und das dicke, verräterische Windelpaket darunter – alles wirkte wie eine hell erleuchtete Zielscheibe.
Da hörte ich scharfe, mahnende Worte von Sigrids Mutter durch den Stoff dringen: „Also wirklich, Sigrid! Hör sofort auf zu lachen und hilf ihr lieber wieder auf!“
Plötzlich griffen fremde Hände nach dem hochgeschlagenen Stoff. Mit einem sanften Ruck wurde das Kleidchen von meinem Gesicht gezogen, und ich hatte wieder freie Sicht. Ich blickte direkt in die giftgrünen Augen von Sigrid, die sich über mich gebeugt hatte.
Mir schoss das Rot kochend heiß ins Gesicht. Ein Blick zu ihr zeigte mir, dass sie sich königlich über mein Schlamassel amüsierte. Sie reichte mir beide Hände, packte meine Handgelenke fest zu und zog mich mit einem kräftigen Ruck wieder auf die Beine.
„Ja, Kuckuck, da ist die Kleine ja wieder!“, keckte sie ganz frech und ließ mich wieder los, sodass ich kurz schwankte. „Das Laufen musst du aber noch ganz schön üben, was?“
Ich fand die Begrüßung überhaupt nicht witzig. Ein heftiges Schamgefühl überrollte mich, als ich merkte, wie meine freche Retterin ungläubig und staunend auf mein bauschiges Höschen starrte. Sie hatte die Windelkonturen durch die weiße Strumpfhose genau gesehen.
„Und? Kann das Baby denn schon ganz allein stehen?“, neckte sie mich ungeniert weiter. Sie unterdrückte ein lautes Lachen, weil ihre Mutter drohend in der Nähe war, doch ihre Lippen zogen sich fast bis zu den Ohrläppchen hoch. Ihre Augen funkelten gefährlich abwertend. „Oh Mann, du bist ja noch mehr Baby als meine kleine Schwester. Wie niedlich!“
Doch in diesem Moment passierte etwas zutiefst Seltsames in mir. Ich ärgerte mich nicht. Ich war eher seltsam amüsiert, ja fast schon erlöst. Der Spott verletzte mich nicht – er befreite mich aus meinem alten Leben. Ich fand den Gedanken plötzlich wunderschön, dass sie sahen, dass ich eine Windel trug. Es fühlte sich an, als wäre das ab jetzt das Normalste von der Welt. Als hätte dieses Kleidchen mir das rechtmäßige Recht gegeben, wieder ganz klein, bedürftig und unselbstständig zu sein. Ich hielt mich krampfhaft an diesem warmen Gedanken fest: Der Weg zu mir selbst hatte gerade erst begonnen, und er fühlte sich für mich unendlich gut an.
Ich schluckte meine letzte Scham hinunter, machte mit meinen weißen Beinen einen ganz leichten, wackeligen Knicks, blickte schüchtern zu meiner großen Retterin auf und sagte brav und ordentlich: „Vielen Dank für die Hilfe.“
Sigrids Mutter hatte die kleine Stichelei ihrer Tochter haarscharf mitbekommen. Mit einem wütenden Gesichtsausdruck packte sie Sigrid fest am Arm und zog sie ruckartig von mir weg. Aus der Entfernung konnte man noch die donnernde Ansage der Mutter hören: „Hast du das gehört, Sigrid?! Die Kleine hat wenigstens noch tolle Manieren und kann sich ordentlich bedanken! Für dich muss man sich ja wirklich in Grund und Boden schämen!“
Ich sah ihnen mit großen Augen hinterher, während Simone an meine Seite trat und mir sanft den rosa Rock wieder glattstrich. Der Junge Julian war auf diesem Kaufhausboden gestürzt – aber als das kleine Mädchen Jule stand ich wieder auf.
Die Worte von Sigrids Mutter verhallten in der Ferne, aber in meinem eigenen Körper breitete sich plötzlich eine ganz andere, unaufhaltsame und geschützte Welle aus. Der Sturz, der heftige Schreck und das laute, panische Pochen meines Herzens hatten etwas in mir losgetreten, das ich nicht mehr kontrollieren konnte. Meine kranke Blase, die ohnehin nie tat, was sie sollte, kapitulierte völlig vor der Aufregung dieses Moments. Ich spürte, wie jeglicher Muskel und jeder Halt in meinem Unterleib nachgab. Ein heißer, unaufhaltsamer Strom ergoss sich schwer und mächtig in die dicken Stoffschichten……….
Autor: Soe Lückel | Eingesandt via Formular
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