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Florians Schatten (30)

16/09/2026 1 comment Article KI Geschichten, Jungs michaneo
This entry is Teil 30 von 30 in the series Florians-Schatten
Windelgeschichten.org präsentiert: Florians Schatten (30)

Annette:

Florian stand noch immer neben mir und sah dem Zug hinterher, obwohl längst nichts mehr davon zu sehen war.

Dann drehte er sich zu mir.

„Annette?“

„Ja?“

„Wo fährt der jetzt hin?“

„Das weiß ich leider auch nicht.“

Fast im selben Moment fiel mein Blick auf die Anzeige über dem Bahnsteig.

Dort stand noch etwas.

RE 30

Nürnberg Hbf

„Warte mal.“

Florian sah sofort zu mir.

„Nach Nürnberg“, sagte ich. „Der fährt nach Nürnberg.“

„Nürnberg?“

„Ja. Da steht’s noch.“

Jetzt schaute auch er nach oben.

Gerade in diesem Moment verschwand die Schrift.

Die Anzeige wurde kurz leer.

Dann erschienen neue Buchstaben darauf.

Florian blinzelte.

„Jetzt ist es weg.“

„Ja. Gerade noch erwischt.“

Er sah wieder in die Richtung, in der der Zug verschwunden war.

„Ist Nürnberg weit?“

„Schon ein Stück.“

„Ganz weit?“

„Nicht ganz weit.“

Er dachte kurz darüber nach.

„Wie lange fährt der da hin?“

Ich sah noch einmal zur Anzeige.

Darauf stand inzwischen ein anderer Zug.

„Das weiß ich nicht.“

Florian sah mich an.

Dieses kleine Grinsen erschien wieder auf seinem Gesicht.

„Schon wieder nicht.“

Ich musste lachen.

„Schon wieder nicht.“

Florian blickte erneut über die Gleise.

Dann knackte es über uns im Lautsprecher.

Sofort hob er den Kopf.

Eine Stimme hallte über den Bahnsteig.

„RE 2 nach München Hauptbahnhof, Abfahrt vierzehn Uhr vierzig …“

Danach folgten mehrere Ortsnamen, von denen ich mir kaum einen merken konnte.

Florian hatte offenbar nur einen davon richtig wahrgenommen.

„München?“

„Ja.“

„Der fährt nach München?“

„Anscheinend.“

„Ist München weiter als Nürnberg?“

„Ja.“

„Ganz viel weiter?“

„Ich denke schon.“

Er schaute mich an.

Ich wusste bereits, was jetzt kam.

„Wie lange fährt der?“

Ich öffnete schon den Mund.

Das weiß ich nicht.

Dann hielt ich inne.

Florian wartete.

Ich sah mich um.

„Weißt du was?“

„Was?“

„Das finden wir jetzt mal raus.“

Er sah mich überrascht an.

„Wie?“

„Irgendwo muss hier doch ein Fahrplan hängen.“

Sein Blick wanderte sofort über den Bahnsteig.

„Wo?“

„Den müssen wir suchen.“

Ich zeigte in eine Richtung.

„Komm. Wir spielen Detektive.“

Das schien ihm zu gefallen.

Er nahm meine Hand, und wir gingen los.

Schon nach wenigen Metern entdeckte Florian einen großen Kasten mit verschiedenen Aushängen.

„Da!“

„Sehr gut, Herr Detektiv.“

Er grinste.

Vor dem Kasten blieben wir stehen.

Es hingen deutlich mehr Zettel darin, als ich erwartet hatte.

Linien.

Zeiten.

Bahnhöfe.

Kleine Schrift.

„So“, murmelte ich. „Jetzt müssen wir erst einmal den richtigen finden.“

Florian stellte sich dicht neben mich.

„Die Züge stehen hier nach der Zeit“, sagte ich und suchte die Zeilen ab. „Vierzehn Uhr vierzig … also ungefähr hier.“

Florian trat noch etwas näher an die Scheibe.

Sein Finger wanderte vor den Zeilen entlang.

„Rrr … e … zwei.“

Ich sah hin.

„Genau. RE 2.“

Sein Finger blieb vor der Zeile stehen.

„Und wo fährt der hin?“

„Schau mal hier.“

Ich zeigte ein Stück weiter nach rechts.

„Das Ziel ist fett gedruckt.“

Florian beugte sich näher heran.

„M … Mü …“

Er stockte.

Seine Stirn legte sich in Falten.

„Mü … n …“

„Mün“, half ich leise.

„Mün … chen.“

„Genau. München.“

Florian sah kurz zu mir hoch.

Dann wieder auf den Fahrplan.

Wir suchten die Zeile weiter ab.

„Und hier steht Hof.“

Das Wort erkannte er sofort.

„Hof.“

„Richtig.“

Daneben stand die Abfahrtszeit.

„Schau mal. Kannst du die Abfahrtszeit lesen?“

Florian betrachtete die Zahlen.

„Vierzehn …“

Er hielt kurz inne.

„Vier …“

Noch einmal sah er genauer hin.

„Vierzig?“

„Genau. Vierzehn Uhr vierzig.“

Florian nickte.

Gemeinsam gingen wir den Fahrplan weiter nach unten.

Sein Finger wanderte vor den Zeilen entlang.

„Mar …“

Er blieb hängen.

Das Wort vor ihm schien überhaupt keinen Sinn ergeben zu wollen.

„Marktredwitz“, half ich.

„Markt … redwitz“, wiederholte er langsam.

Ein Stück weiter.

„Wei … den.“

„Genau. Weiden.“

Dann kam das nächste.

„Schwan …“

Er verstummte.

Sein Finger blieb mitten vor dem Wort stehen.

„Schwandorf.“

„Schwan … dorf.“

„Genau.“

Wir gingen weiter.

Florian beugte sich noch etwas näher an den Aushang.

„Re … gens …“

Er versuchte es noch einmal.

„Re … gens …“

„Regensburg.“

„Regensburg.“

Ich nickte.

„Sehr gut.“

Sein Finger wanderte weiter.

Einmal geriet er in die falsche Zeile.

„Hier?“

„Eine höher.“

Er korrigierte die Richtung.

Dann suchten wir weiter.

Schließlich entdeckte er das Wort wieder.

„Mün … chen.“

„Genau.“

Daneben stand die Zeit.

Ich zeigte darauf.

„Und wann kommt er an?“

Florian sah auf die Zahlen.

„Achtzehn … sechzehn.“

„Richtig. Achtzehn Uhr sechzehn.“

Er sah mich an.

„Also fährt er um vierzehn Uhr vierzig hier los und ist um achtzehn Uhr sechzehn in München.“

Florian nickte.

Ich sah noch einmal auf die beiden Zeiten.

Dann zu ihm.

„Kannst du schon so weit rechnen, dass du rausbekommst, wie lange er unterwegs ist?“

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

Die Begeisterung war nicht ganz weg.

Aber irgendetwas darin sackte zusammen.

Er sah wieder auf die Zahlen.

„Vierzehn Uhr vierzig“, sagte ich noch einmal. „Bis achtzehn Uhr sechzehn.“

Florian starrte darauf.

Seine Lippen bewegten sich ein bisschen.

Dann schüttelte er den Kopf.

„Nein.“

Ganz leise.

„Ist auch ziemlich knifflig.“

Ich griff in meine Tasche.

„Aber weißt du was?“

Florian beobachtete, wie ich mein kleines Notizbuch und einen Kugelschreiber herausnahm.

Ich schlug eine freie Seite auf und schrieb:

14:40 Uhr → 18:16 Uhr

Florian sah darauf.

„Was machst du?“

„Ich schreibe es uns auf.“

„Warum?“

„Dann rechnen wir zu Hause zusammen aus, wie lange der Zug braucht.“

Sein Gesicht sprach Bände.

„Zu Hause?“

„Ja.“

Er sah auf das Notizbuch.

Dann zu mir.

„Müssen wir?“

Ich musste mir ein Lächeln verkneifen.

Die Aussicht, zu Hause freiwillig zu rechnen, begeisterte ihn offensichtlich erheblich weniger als ein dreckiger Dieseltriebwagen.

„Du möchtest nicht.“

Florian schüttelte sofort den Kopf.

„Nein.“

„Gar nicht?“

Noch einmal Kopfschütteln.

„Wir machen es zusammen.“

Er sah mich skeptisch an.

„Ich kann das nicht.“

„Noch nicht.“

Er senkte den Blick.

„Ist schwer.“

„Wenn man die beiden Zahlen einfach so anschaut, ja.“

Ich zeigte auf die Seite.

„Aber ich zeige dir zu Hause, wie man das in kleinen Schritten machen kann.“

Keine Reaktion.

„Und ich rechne mit.“

Florian sah langsam wieder zu mir.

„Du auch?“

„Natürlich.“

„Nicht ich alleine?“

„Nein.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wir machen das zusammen. Du wirst sehen, dann ist es gar nicht mehr so schlimm.“

Er wirkte noch immer nicht überzeugt.

„Und wenn ich’s falsch mache?“

„Dann machen wir es noch einmal.“

„Und wenn’s wieder falsch ist?“

„Dann eben noch einmal.“

Florian betrachtete mich.

„So oft?“

„So oft wir brauchen.“

Ich klappte das Notizbuch zu.

„Aber jetzt rechnen wir gar nichts.“

Das schien ihm deutlich besser zu gefallen.

„Jetzt schauen wir Züge an.“

Sein Blick ging sofort wieder zu den Gleisen.

Und im selben Augenblick wurden seine Augen groß.

„Annette.“

„Was?“

Er zeigte.

„Da!“

Ich folgte seinem Finger.

Langsam rollte ein Zug an unseren Bahnsteig.

Vorne war eine große rote Lok.

Dahinter kamen hohe rote Wagen.

Florian machte einen Schritt nach vorne.

„Da ist eine Lok!“

Die Enttäuschung über meine Rechenaufgabe war schlagartig vergessen.

„Ja“, sagte ich lachend. „Diesmal wirklich.“

Er stand da und starrte.

Die Lok kam näher.

Dann rollte sie an uns vorbei.

Florian drehte den Kopf mit ihr mit, bis sie schon ein gutes Stück weiter vorne am Bahnsteig war.

Hinter ihr folgte ein hoher Wagen.

Dann noch einer.

Und noch einer.

Florian zeigte nach oben.

„Der hat oben auch Fenster!“

„Stimmt.“

„Warum?“

Ich sah genauer hin.

Tatsächlich waren dort zwei Reihen Fenster übereinander.

„Der hat zwei Stockwerke.“

Florian sah mich an.

„Im Zug?“

„Offenbar.“

Sein Blick schoss sofort wieder zu den Wagen.

„Kann man da oben sitzen?“

„Bestimmt.“

„Wie kommt man da hoch?“

„Mit einer Treppe, würde ich vermuten.“

„Im Zug ist eine Treppe?“

„Ja.“

„Kann man die sehen?“

„Von hier wahrscheinlich nicht.“

Florian reckte sich trotzdem ein bisschen, als könnte er vielleicht doch durch eines der Fenster etwas erkennen.

„Ist oben besser?“

„Keine Ahnung.“

„Kann man da besser rausgucken?“

„Das könnte ich mir vorstellen.“

Der Zug wurde immer langsamer.

Wagen für Wagen rollte an uns vorbei.

Florian schaute zwischendurch immer wieder nach vorne zu der roten Lok, die inzwischen weit den Bahnsteig hinuntergefahren war.

„Die ist ganz da vorne.“

„Ja.“

Dann sah er wieder auf die hohen Wagen vor uns.

„Warum hat der jetzt eine Lok?“

„Das würde ich auch gern wissen.“

„Und der andere nicht.“

„Nein.“

„Der Silberne auch nicht.“

„Stimmt.“

„Aber die fährt jetzt alle Wagen?“

„Die Lok?“

Er nickte.

„Ich denke schon.“

Florian sah den Zug entlang.

„Ganz alleine?“

„Sieht so aus.“

„Obwohl der so lang ist?“

„Offenbar ist sie ziemlich stark.“

Er blickte wieder zur Lok.

Fast ehrfürchtig.

„Kann die auch ohne Wagen fahren?“

„Bestimmt.“

„Dann ist die ganz alleine?“

„Ja.“

„Und kann die noch mehr Wagen ziehen?“

Ich musste lachen.

„Das weiß ich nicht.“

Florian grinste.

„Schon wieder.“

„Pass auf, mein Freund. Wenn das so weitergeht, brauchen wir nachher noch ein ganzes Buch über Züge.“

Er schien darüber ernsthaft nachzudenken.

Der Zug wurde noch langsamer.

Dann kam schließlich auch der letzte Wagen an uns vorbei.

Nur wenige Meter von uns entfernt blieb er stehen.

Florian schaute ihn an.

Dann legte er den Kopf schief.

„Da vorne ist auch ein Fenster.“

Ich folgte seinem Blick.

Der letzte Wagen sah anders aus als die übrigen. Mit den großen Scheiben erinnerte er mich fast an die Spitze eines Zuges.

„Warum sieht der hinten auch vorne aus?“

Ich sah ihn an.

„Wie bitte?“

Florian zeigte noch einmal.

„Da. Der sieht aus, als könnte der auch vorne sein.“

Ich betrachtete das Fahrzeug.

Er hatte recht.

„Vielleicht kann er das.“

„Aber da ist doch keine Lok.“

„Nein.“

„Kann der dann von hinten fahren?“

„Das weiß ich wirklich nicht.“

„Dann schiebt die Lok?“

Ich sah von dem Wagen vor uns den Bahnsteig entlang zur Lok am anderen Ende.

Dann wieder zu Florian.

„Das könnte tatsächlich sein.“

Seine Augen wurden noch größer.

„Die kann den ganzen Zug schieben?“

„Vielleicht.“

„Aber woher weiß die dann, wo sie hin muss?“

Ich lachte.

„Keine Ahnung.“

„Und wie fährt der Lokführer, wenn die Lok hinten ist?“

Ich sah wieder zu dem anderen Ende des Zuges.

Zu dem Wagen mit den großen Scheiben vor uns.

„Vielleicht sitzt dann da jemand, der den Zug fährt.“

Florian starrte auf die Fenster.

„Da?“

„Vielleicht.“

„Aber die Lok ist doch ganz da vorne.“

Er zeigte den Bahnsteig hinunter.

„Stimmt.“

Florian runzelte die Stirn.

„Dann fährt der von da die Lok ganz da vorne?“

„Ich denke schon.“

Ich sah noch einmal zu dem Wagen vor uns.

„Irgendwie muss er die Lok wohl von hier aus steuern können.“

Florian kicherte.

Ich beobachtete ihn.

Das Rechnen war vergessen.

Auch das mühsame Lesen am Fahrplan schien für den Moment weit weg.

Gerade gab es nur noch diese große rote Lok, die hohen Wagen und ungefähr hundert Dinge, die Florian unbedingt darüber wissen wollte.

Und während sein Blick schon wieder den ganzen Zug entlangwanderte, wusste ich eines inzwischen ziemlich sicher:

Das hier war kein bisschen bloßes Interesse.

Dieser Junge liebte Züge.

Florian zeigte wieder den Bahnsteig hinunter.

„Können wir zu der Lok?“

„Natürlich.“

Mehr brauchte er offenbar nicht.

Sofort setzte er sich in Bewegung.

Er ging erst schnell.

Dann noch schneller.

Seine Hand hielt meine, und plötzlich war ich diejenige, die hinterherkommen musste.

„Annette, komm!“

Ich musste lachen.

„Ich komme ja schon.“

Florian zog weiter.

Sein Blick war nur noch auf die rote Lok gerichtet, die weit vorne am Bahnsteig stand.

„Die ist so groß!“

„Ja.“

„Von hier sah die kleiner aus.“

„Stimmt.“

Er machte noch ein paar schnelle Schritte.

„Ich will die von vorne sehen.“

„Dann müssen wir noch ein Stück.“

„Komm!“

Diesmal lachte ich richtig.

„Du musst mich nicht ziehen, mein Schatz.“

Aber genau das tat er.

Nicht besonders kräftig.

Nur immer wieder dieses kleine Ziehen an meiner Hand, als könnte es ihm plötzlich nicht schnell genug gehen.

Menschen standen am Bahnsteig.

Einige mit Taschen.

Andere mit Koffern.

Viele warteten offenbar darauf, in den Zug einzusteigen.

Florian schien sie kaum wahrzunehmen.

Sie standen meistens dicht an den Wagen und hielten die Bereiche vor den Türen frei.

Er lief einfach an ihnen vorbei.

Immer in Richtung Lok.

Die Türen des Zuges standen inzwischen offen.

Florian sah kurz hin.

Schon stiegen die ersten Fahrgäste aus.

Dann drehte er sich wieder zur Lok.

„Komm.“

Er ging weiter.

Anfangs waren es nur einzelne Menschen, die aus den Türen kamen.

Ein Mann mit einem Rucksack.

Eine Frau mit einer Tasche.

Ein älteres Paar.

Florian wich ihnen aus, ohne wirklich langsamer zu werden.

Doch innerhalb weniger Sekunden wurden es mehr.

Aus mehreren Türen gleichzeitig kamen Fahrgäste auf den Bahnsteig.

Die Menschen, die einsteigen wollten, blieben dicht am Zug stehen und ließen sie vorbei.

Dadurch gingen die Aussteigenden weiter nach außen.

Direkt in unseren Weg.

Florian wurde ein bisschen langsamer.

Nur so wenig, dass es mir zunächst kaum auffiel.

Seine Hand hielt meine jetzt fester.

Vor uns kamen zwei Männer nebeneinander auf uns zu.

Florian wich näher zu mir.

Wir gingen weiter.

„Die Lok ist gleich da vorne“, sagte er.

Seine Stimme war leiser geworden.

„Ja.“

Eine Familie kam uns entgegen.

Ein Kind lief vor den Eltern her.

Hinter ihnen zog jemand einen großen Rollkoffer über den Bahnsteig.

Die Rollen ratterten über den Boden.

Von der Seite kam eine weitere Gruppe aus dem Zug und bog in Richtung Ausgang ab.

Florian machte kleinere Schritte.

Ich passte mein Tempo seinem an.

Er sah noch einmal zur Lok.

Dann vor sich.

Dann zur Seite.

Eine Frau ging ziemlich dicht an ihm vorbei.

Florian zuckte leicht zusammen.

Seine Hand schloss sich noch fester um meine.

„Alles gut?“, fragte ich.

Er nickte.

Also gingen wir weiter.

Noch ein paar Schritte.

Die Fahrgäste verteilten sich inzwischen über den ganzen Bahnsteig.

Manche liefen zum Ausgang.

Andere blieben stehen.

Einige suchten nach jemandem.

Koffer wurden gezogen.

Menschen gingen aneinander vorbei.

Für mich war es einfach ein ganz normaler Bahnsteig nach der Ankunft eines Zuges.

Florian wurde immer langsamer.

Ich merkte es erst richtig, als seine Hand plötzlich nicht mehr nach vorne zog.

Vor wenigen Augenblicken hatte er mich noch praktisch zur Lok mitgenommen.

Jetzt lief er nur noch neben mir her.

Sein Blick wanderte von einem Menschen zum nächsten.

Ein Mann kam uns entgegen.

Hinter ihm zwei weitere.

Von der Seite lief jemand an uns vorbei.

Florian blieb stehen.

Ich machte noch einen halben Schritt weiter.

Seine Hand zog an meiner.

Ich blieb ebenfalls stehen und drehte mich um.

„Florian?“

Er antwortete nicht.

Die Lok war vergessen.

Er sah nicht mehr nach vorne.

Seine Schultern waren hochgezogen.

Die freie Hand lag dicht an seinem Körper.

Seine Finger krallten sich in den Stoff seines Ärmels.

Menschen gingen an uns vorbei.

Links.

Rechts.

Hinter ihm.

Vor ihm.

Florian stand einfach da.

Ganz still.

„Hey.“

Ich machte den halben Schritt zurück und beugte mich zu ihm herunter.

Seine Augen waren groß.

Er sah mich an, sagte aber nichts.

„Komm her.“

Ich öffnete die Arme.

Mehr musste ich nicht sagen.

Florian kam sofort zu mir.

Ich hob ihn hoch.

Dabei fiel mir auf, dass sich seine Windel unter der Hose inzwischen deutlich voller anfühlte als noch vorhin im Café.

Wann das passiert war, hatte ich nicht mitbekommen.

Vielleicht irgendwo zwischen all den Zügen, Fragen und Eindrücken.

Florian schien es selbst kaum wahrgenommen zu haben.

Im Moment spielte es keine Rolle.

Erst einmal brauchte er etwas anderes.

Kaum war er auf meinem Arm, schlangen sich seine Arme um meinen Hals.

Fest.

Viel fester als sonst.

Sein Gesicht verschwand an meiner Schulter.

„Alles gut, mein Schatz.“

Ich legte eine Hand auf seinen Rücken.

„Du bist bei mir.“

Seine Finger krallten sich hinten in meine Jacke.

Ein Mann mit einem Koffer ging dicht an uns vorbei.

Florian zuckte zusammen und drückte sich noch enger an mich.

„Du bist sicher“, sagte ich leise. „Alles ist gut.“

Ich strich langsam über seinen Rücken.

Immer wieder.

Sein Körper blieb angespannt.

„Nicht loslassen“, hörte ich plötzlich ganz leise an meinem Hals.

Mein Herz zog sich zusammen.

Ich schob meinen Arm ein Stück fester unter ihn.

„Nein.“

Ich legte meine Wange kurz an seinen Kopf.

„Ich lasse dich nicht los.“

Er hielt mich trotzdem weiter fest.

„Versprochen?“

„Versprochen.“

Um uns herum liefen noch immer Menschen über den Bahnsteig.

Aber es wurden schon weniger.

Die meisten, die ausgestiegen waren, waren inzwischen auf dem Weg zum Ausgang oder verschwanden die Treppe hinunter.

Vor den Türen des Zuges standen jetzt hauptsächlich die Menschen, die einsteigen wollten.

Einer nach dem anderen verschwand im Zug.

Das Rattern der Koffer wurde seltener.

Die Stimmen entfernten sich.

Der Platz um uns herum wurde wieder größer.

Ich blieb einfach stehen.

Florian musste nirgendwohin.

Ich auch nicht.

Seine Arme lagen noch immer um meinen Hals, aber langsam ließ der Druck nach.

Ich spürte, wie sein Körper weicher wurde.

Sein Atem ging ruhiger.

Meine Hand wanderte weiter über seinen Rücken.

Die Windel würde ich im Auge behalten müssen.

Nicht sofort.

Aber lange wollte ich damit auch nicht mehr warten.

Jetzt jedoch war es wichtiger, dass er merkte, dass nichts mit ihm passieren konnte.

Dass ich da war.

Nach einer Weile hob er vorsichtig den Kopf.

Nur ein kleines Stück.

Er sah über meine Schulter.

Der Bahnsteig hatte sich beinahe geleert.

Ein paar Menschen stiegen noch ein.

Andere standen weiter entfernt an den Wagen.

Aber dieses Durcheinander von eben war vorbei.

Florian schaute sich um.

Dann noch einmal.

„Sind die weg?“

„Die meisten, ja.“

Er blieb noch einen Moment an mich geschmiegt.

„War ganz voll.“

„Ja.“

Ich strich ihm über die Haare.

„Das war gerade ziemlich viel.“

Er nickte.

„Die sind überall gelaufen.“

„Ich weiß.“

Sein Blick wanderte über den Bahnsteig.

Dann blieb er irgendwo hinter mir hängen.

Seine Augen wurden wieder ein kleines bisschen wacher.

„Annette?“

„Hm?“

Er löste eine Hand von meinem Hals und zeigte.

„Die Lok ist noch da.“

Ich drehte mich ein Stück.

Die rote Lok stand noch immer weit vorne am Bahnsteig.

„Stimmt.“

Florian sah sie an.

Dann zu mir.

Seine andere Hand hielt mich noch immer fest.

„Können wir trotzdem noch hin?“

Ich lächelte.

„Natürlich können wir das.“

Er blickte noch einmal über den inzwischen ruhigeren Bahnsteig.

Dann wieder zur Lok.

Loslassen wollte er mich noch nicht.

Das musste er auch nicht.

Ich setzte mich langsam in Bewegung.

Florian blieb auf meinem Arm.

Sein Kopf lag noch dicht an meiner Schulter, aber sein Blick war wieder bei der Lok.

Je näher wir kamen, desto häufiger richtete er sich ein Stück auf.

„Möchtest du wieder runter?“, fragte ich.

Er schüttelte sofort den Kopf.

„Okay.“

Ich ging weiter.

Seine Arme lagen noch immer um meinen Hals.

Nicht mehr so fest wie eben.

Aber fest genug.

Die Lok kam näher.

Florian drehte sich jetzt immer wieder auf meinem Arm, um besser sehen zu können.

„Die ist riesig.“

„Ja.“

„Viel größer als der Traktor.“

„Ein kleines bisschen.“

Er sah mich an.

„Ganz viel.“

Ich musste lächeln.

„Okay. Ganz viel.“

Noch ein paar Schritte.

Jetzt waren wir fast auf Höhe der Lok.

Florian wurde unruhiger auf meinem Arm.

Nicht so wie eben.

Diesmal konnte er offenbar einfach nicht genug sehen.

Er beugte sich nach vorne, drehte sich wieder zurück und reckte den Hals.

„Möchtest du jetzt runter?“

Er antwortete nicht sofort.

„Nur wenn du willst.“

Seine Arme lockerten sich.

Dann nickte er ganz leicht.

Ich setzte ihn vorsichtig auf den Bahnsteig.

Kaum standen seine Füße auf dem Boden, griff seine Hand nach meiner.

Ich schloss meine Finger um seine.

Florian sah kurz zu mir hoch.

Dann zur Lok.

„Komm.“

Er zog an meiner Hand.

Vorsichtiger als vorher.

Aber wieder voller Neugier.

Wir gingen langsam an der roten Seitenwand entlang.

Florian schaute nach oben.

Dann nach unten.

Dann wieder nach oben.

Seine Hand blieb die ganze Zeit in meiner.

„Annette?“

„Ja?“

„Ist da der Motor drin?“

„Ich denke schon.“

Er sah die Lok an.

„Der ist bestimmt groß.“

„Davon würde ich ausgehen.“

Ein paar Schritte weiter blieb Florian stehen.

Seine freie Hand hob sich.

Er streckte sie zur Lok aus.

„Vorsichtig“, sagte ich sofort.

Er hielt inne und sah mich an.

„Warum?“

„Weil ich nicht weiß, ob irgendwo etwas heiß sein kann. Und nicht so weit nach vorne, ja?“

Er nickte.

Dann legte er vorsichtig die Fingerspitzen an die rote Seitenwand.

Nur ganz kurz.

Seine Augen wurden groß.

„Die ist kalt.“

„Dann haben wir wenigstens schon mal eine Frage geklärt.“

Florian ließ die Hand noch einen Augenblick auf dem Metall liegen.

Dann zog er sie zurück.

Er betrachtete seine Finger.

Auf seinen Fingerspitzen waren dunkle Spuren.

Er drehte die Hand ein wenig hin und her und sah sie sich genau an.

„Guck mal.“

Ich musste lächeln.

„Oh, ich glaube, deine Finger sind jetzt ein bisschen schmutzig.“

Florian betrachtete erst seine Hand.

Dann die Lok.

Plötzlich legte er die Finger wieder an die rote Seitenwand und rieb damit über das Metall.

„Florian!“

Sofort zog er die Hand zurück.

Er bewegte sich nicht mehr.

Seine Augen waren groß.

Er sah mich nur an.

Ganz still.

Da merkte ich erst, wie erschrocken er plötzlich war.

„Hey.“

Ich wurde sofort wieder leiser.

„Alles gut, mein Schatz.“

Ich schloss meine Finger ein wenig fester um seine andere Hand.

„Du hast nichts Schlimmes gemacht.“

Florian sagte noch immer nichts.

Sein Blick blieb auf mir.

„Ich hab mich nur erschrocken, weil du jetzt so mit den Fingern über die dreckige Lok reibst.“

Florians Blick wanderte langsam zu seiner Hand.

Seine Finger waren jetzt noch dunkler als vorher.

„Mehr“, sagte er leise.

Jetzt musste ich lachen.

„Ja. Deutlich mehr.“

Ich sah zur Lok.

Dann wieder auf seine Hand.

„Na, dann müsst ihr wohl beide mal wieder eine Runde durch die Badewanne.“

Florian schaute an der riesigen Lok hoch.

Dann zu mir.

„Die passt doch gar nicht in unsere Badewanne.“

Ich lachte.

„Da hast du allerdings recht.“

Er dachte darüber nach.

„Dann braucht die eine ganz große.“

„Eine ziemlich große sogar.“

„Gibt es eine Badewanne für Züge?“

„Vielleicht keine Badewanne.“

„Ich sah auf seine schmutzigen Finger.“

„Aber irgendeine Waschanlage wird es bestimmt geben.“

„Wie beim Auto?“

„So ähnlich, würde ich vermuten.“

Florian sah wieder zur Lok.

„Fährt die da selber rein?“

„Keine Ahnung.“

Ein kleines Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

„Schon wieder.“

Da war es wieder.

Nur ganz vorsichtig.

Aber es war da.

Ich drückte seine Hand ein wenig.

Florian zog mich weiter.

Dann hörte ich plötzlich ein metallisches Geräusch.

Eine Tür an der Seite der Lok öffnete sich.

Florian blieb augenblicklich stehen.

Oben erschien ein Mann.

Ein Lokführer, nahm ich an.

Er stieg einige Stufen herunter.

Fast gleichzeitig kam ein anderer Mann auf uns zu.

Die beiden begrüßten sich kurz.

Florian stand ganz still neben mir.

Diesmal aber nicht vor Angst.

Sein Blick hing an der offenen Tür.

Von hier unten konnte man in die Lok hineinsehen.

Nicht besonders viel.

Aber offenbar genug.

Der Führerstand lag deutlich höher als der Bahnsteig.

Ich sah einen Sitz.

Ein Pult.

Viele Schalter und Anzeigen.

Und ein großes Rad.

Florian zog plötzlich an meiner Hand.

„Annette!“

„Was?“

Er zeigte nach oben.

„Der hat doch ein Lenkrad!“

Ich sah noch einmal hin.

Stimmt.

Da war tatsächlich ein Lenkrad.

Zumindest sah es genauso aus.

Florian strahlte.

„Die müssen doch lenken!“

Ich betrachtete das Rad.

„Sieht fast so aus.“

Einer der beiden Lokführer hatte uns offenbar gehört.

Er sah zu uns herüber.

„Lenken müssen wir zum Glück nicht.“

Florian verstummte sofort.

Sein Blick ging zu dem Mann.

Dann wieder zu dem großen Rad.

Der Lokführer deutete zu den Schienen.

„Das machen die für uns.“

Florian sah nach unten.

„Die Schienen?“

„Genau.“

Jetzt war seine Neugier offenbar doch stärker als seine Scheu.

„Aber warum ist da dann ein Lenkrad?“

Der Mann lächelte.

„Das ist kein Lenkrad.“

Florian sah wieder hinein.

„Was ist das?“

„Damit sagen wir der Lok, wie viel Leistung sie geben soll.“

Florian runzelte die Stirn.

Der Lokführer bemerkte es.

„Kennst du das Gaspedal beim Auto?“

Florian nickte.

„Wenn man da draufdrückt, gibt der Motor mehr Kraft. Bei der Lok machen wir das mit dem Rad.“

Florian sah wieder nach oben.

„Dann fährt die schneller?“

„Wenn sie mehr Kraft bekommt, kann sie schneller werden. Aber lenken müssen wir nicht.“

Florian blickte auf die Schienen.

„Weil die Schienen lenken.“

„Ganz genau.“

Ich musste lächeln.

Währenddessen hatten die beiden Männer offenbar ihre Übergabe nicht vergessen.

Der eine wandte sich wieder dem anderen zu.

„Im dritten Wagen ist eine Tür abgesperrt. Sonst ist nichts.“

„Alles klar.“

„Fahrzeug sonst ohne Auffälligkeiten.“

Viel mehr verstand ich davon nicht.

Florian vermutlich auch nicht.

Aber das interessierte ihn ohnehin kaum.

Die Tür stand noch offen.

Und damit auch der Blick in den Führerstand.

Er versuchte auf die Zehenspitzen zu gehen.

„Sind da ganz viele Knöpfe?“

Der Lokführer sah wieder zu ihm.

„Ein paar.“

Florians Augen wurden größer.

„Wofür?“

Der Mann lachte leise.

„Für ziemlich viele Sachen.“

Florian reckte sich noch ein bisschen.

Der Lokführer sah ihn einen Moment an.

Dann deutete er nach oben.

„Willst du mal hochkommen und richtig gucken?“

Florian bewegte sich nicht mehr.

Eben noch hatte er versucht, möglichst viel von dem Führerstand zu sehen.

Jetzt stand er einfach da.

Seine Finger schlossen sich fester um meine Hand.

Der Lokführer wartete.

Florian machte einen kleinen Schritt zu mir.

Dann noch einen.

Seine Schulter berührte mein Bein.

Ich sagte nichts.

Er sollte selbst entscheiden.

Florian drückte sich noch etwas näher an mich.

Dann schüttelte er ganz leicht den Kopf.

„Alles klar“, sagte der Mann.

Einfach so.

Keine weitere Frage.

Kein Überreden.

Er wandte sich wieder seinem Kollegen zu.

Die beiden sprachen noch kurz miteinander.

Dann verabschiedete sich der eine und ging den Bahnsteig entlang.

Der andere sah noch einmal zu Florian.

„Ich muss jetzt langsam los. Mach’s gut.“

Florian sah zu ihm hoch und nickte ganz leicht.

Dann stieg der Mann wieder nach oben in die Lok.

Florian sah ihm hinterher.

Sein Blick blieb an der offenen Tür hängen, bis sie sich schließlich schloss.

„Komm“, sagte ich leise.

Er ging mit.

Ich zeigte ein Stück weiter nach vorne.

„Wollen wir noch von vorne schauen?“

Florian sah sofort zur Spitze der Lok.

„Ja.“

Wir gingen weiter in Richtung Bahnsteigende.

Nur ein paar Meter.

Dann standen wir ein Stück vor der Lok und konnten sie von schräg vorne betrachten.

Florian hielt meine Hand noch immer fest.

Aber sein Blick war wieder völlig bei dem roten Fahrzeug.

„Von vorne ist die noch größer.“

„Stimmt.“

Er machte einen kleinen Schritt zur Seite.

Dann noch einen.

Offenbar suchte er die Stelle, von der aus er am meisten sehen konnte.

Plötzlich öffnete sich oben das Seitenfenster.

Florian bemerkte es sofort.

„Annette.“

„Hm?“

„Der guckt wieder raus.“

Ich sah hin.

Der Lokführer blickte aus dem Fenster den Zug entlang nach hinten.

„Stimmt.“

„Der andere hat das vorhin auch gemacht.“

„Ja.“

Florian beobachtete ihn aufmerksam.

Sein Blick wanderte ebenfalls am Zug entlang.

Weiter hinten stand noch der Zugbegleiter auf dem Bahnsteig.

Die letzten Fahrgäste stiegen ein.

Dann durchschnitt plötzlich ein kurzer, scharfer Pfiff die Geräusche des Bahnhofs.

Florian zuckte leicht zusammen.

„Der hat gepfiffen!“

„Ja.“

Fast im selben Augenblick schlossen sich die Türen entlang des Zuges.

Mehrere dumpfe Schläge folgten dicht aufeinander, beinahe gleichzeitig, als die schweren Türen in ihre Rahmen fielen.

Florian sah den Zug entlang.

„Jetzt sind die alle zu.“

„Sieht so aus.“

Nur weiter hinten stand der Zugbegleiter noch draußen.

Er schaute den Zug entlang.

Dann gab er ein Zeichen nach vorne.

Florian zog an meiner Hand.

„Annette!“

„Was?“

„Jetzt sagt der dem Lokführer wieder, dass er fahren darf.“

Ich sah erst zu dem Mann weiter hinten.

Dann nach vorne zum geöffneten Fenster der Lok.

„Das könnte tatsächlich sein.“

Florian wirkte zufrieden.

Er hatte sich offenbar genau gemerkt, was beim Zug von vorhin passiert war.

Der Zugbegleiter stieg ein.

Kurz darauf schloss sich auch seine Tür mit diesem tiefen, dumpfen Geräusch.

Vorne zog der Lokführer den Kopf wieder ins Führerhaus zurück.

Florian hob schon vorsichtig die Hand.

Doch der Mann sah nicht mehr zu uns.

Er schaute nach vorne.

Dann setzte sich die Lok langsam in Bewegung.

Das tiefe Brummen wurde kräftiger.

Florian stand völlig still.

Nicht vor Angst.

Er wartete.

Die Lok kam langsam auf uns zu.

Je näher sie kam, desto höher hob Florian seine Hand.

Dann winkte er.

Erst vorsichtig.

Dann mit dem ganzen Arm.

Oben im Führerstand bewegte sich etwas.

Der Lokführer sah zu uns.

Und sofort hob auch er die Hand.

Florians Gesicht leuchtete auf.

„Der winkt!“

„Ja!“

„Der winkt mir!“

Die Lok rollte an uns vorbei.

Florian drehte sich mit ihr mit und winkte weiter.

Der Lokführer ließ die Hand noch einen Moment oben, bevor der Führerstand an uns vorbeigezogen war.

Florian strahlte.

„Der hat mich gesehen!“

„Das hat er.“

Jetzt kamen die hohen Wagen.

Einer nach dem anderen.

Florian sah ihnen hinterher.

Noch immer hielt er die Hand oben.

Der Zug wurde schneller.

Das Ende des Bahnsteigs kam näher.

Die Lok war inzwischen schon ein gutes Stück entfernt.

Da ertönte plötzlich noch einmal ihr Horn.

Nur kurz.

Florian zuckte zusammen.

Seine Hand schloss sich fester um meine.

Dann sah er zur Lok.

Seine Augen wurden groß.

„Warum hat der gehupt?“

Ich sah dem Zug hinterher.

Nach dem Winken eben hatte ich zumindest eine Vermutung.

„Das weiß ich nicht“, sagte ich. „Aber vielleicht für dich.“

Florian sah mich an.

„Für mich?“

„Kann sein.“

Für einen Moment schien er darüber nachzudenken.

Dann breitete sich langsam ein Grinsen auf seinem Gesicht aus.

„Der hat für mich gehupt.“

„Sieht ganz danach aus.“

Sofort hob Florian noch einmal die Hand und winkte dem Zug hinterher.

Obwohl der Lokführer ihn längst nicht mehr sehen konnte.

Die letzten Wagen verschwanden schließlich am Ende des Bahnsteigs.

Florian blieb stehen.

Noch einige Sekunden sah er in die Richtung, in der der Zug verschwunden war.

Dann senkte er langsam die Hand.

Es wurde wieder ruhiger.

Und mit der Ruhe veränderte sich auch sein Gesicht.

Das Grinsen verschwand ein wenig.

„Annette?“

„Ja?“

Er sah weiter den leeren Gleisen hinterher.

„Ich wollte eigentlich schon.“

Ich sah ihn an.

„Was wolltest du?“

Florian antwortete nicht sofort.

Er sah dorthin, wo eben noch die Lok gestanden hatte.

„Da hoch.“

Erst jetzt verstand ich.

„In die Lok?“

Er nickte.

Ich sah ihn einen Moment an.

„Aber du hast dich vorhin einfach noch nicht getraut, stimmt’s?“

Wieder nickte er.

Sein Blick ging nach unten.

„Jetzt ist die weg.“

„Ja.“

Er sagte nichts mehr.

Stand einfach da und starrte auf seine Schuhe.

Dann murmelte er:

„Ich bin so blöd.“

Mir zog sich etwas zusammen.

„Hey.“

Ich ging vor ihm etwas in die Hocke.

„Du bist doch nicht blöd.“

Florian zuckte mit den Schultern.

„Doch.“

„Nein. Du hast dich einfach nicht getraut. Das ist etwas ganz anderes.“

Er schwieg.

„Und jetzt ärgerst du dich, weil du dich jetzt trauen würdest.“

Florian nickte.

„Jetzt schon.“

„Jetzt würdest du hochgehen?“

Diesmal kam das Nicken sofort.

„Ja.“

„Das glaube ich dir.“

Er sah wieder dorthin, wo der Zug verschwunden war.

„Aber jetzt geht’s nicht mehr.“

„Nein. Heute geht’s nicht mehr.“

Florian sah mich an.

„Heute?“

Ich musste ein wenig lächeln.

„Na ja. Nur weil es heute nicht geklappt hat, heißt das doch nicht, dass du nie wieder in eine Lok darfst.“

Er sah mich weiter an.

„Nochmal?“

„Bestimmt. Das war schließlich nicht die letzte Lok, die du in deinem Leben siehst.“

Florian dachte darüber nach.

„Gibt es noch ganz viele?“

„Sehr viele.“

„Auch solche?“

„Bestimmt.“

Er schwieg einen Augenblick.

„Und vielleicht fragt noch mal einer?“

„Vielleicht.“

Ich strich ihm kurz über die Haare.

„Und dann kannst du wieder entscheiden, ob du dich traust.“

Florian sah noch einmal die Gleise entlang.

Ganz zufrieden war er damit offensichtlich nicht.

Aber nach einer Weile nickte er.

Dann hob er plötzlich seine freie Hand.

Die dunklen Spuren von der Lok waren noch immer auf seinen Fingern.

„Annette?“

„Hm?“

„Meine Finger sind noch dreckig.“

Ich betrachtete sie.

„Das Problem lässt sich wesentlich leichter lösen.“

Florian sah mich an.

„Badewanne?“

„Für die Finger reicht fürs Erste ein Waschbecken.“

Ein kleines Grinsen kam zurück.

Und seine Hand suchte wieder meine.

Florian sah noch einmal über die Gleise.

Dann zu mir.

„Kommen noch mehr Züge?“

Ich musste lächeln.

„Ganz bestimmt.“

Sein Blick ging sofort wieder zurück zu den Gleisen.

„Können wir noch welche anschauen?“

Natürlich.

Am liebsten hätte er wahrscheinlich bis zum Abend hier gestanden.

Ich strich ihm mit dem Daumen kurz über die Hand und sah ihn genauer an.

Seine Wangen waren inzwischen richtig rot.

„Ich weiß, dass du noch gern bleiben würdest, mein Schatz.“

Er sah erwartungsvoll zu mir hoch.

„Aber es ist kalt, und du hast schon ganz rote Bäckchen.“

Sofort wurde sein Gesicht ein wenig länger.

„Wir suchen jetzt erst einmal ein Waschbecken für deine Hände. Dann mache ich dich schnell frisch und danach fahren wir nach Hause, okay?“

Florian schaute noch einmal zu den Gleisen.

Nur ganz kurz.

Dann nickte er.

„Okay.“

So leise.

Ich hätte ihn am l

iebsten einfach in den Arm genommen.

Er wollte hierbleiben. Das sah ich ihm an.

Und ich hätte sogar verstanden, wenn er jetzt wütend geworden wäre.

Wenn er gesagt hätte, dass ihm gar nicht kalt sei. Dass er noch Züge sehen wollte. Dass es blöd war, jetzt schon nach Hause zu müssen.

Sebastian hatte mir in diesem Alter oft genug gezeigt, was er davon hielt, wenn etwas nicht nach seinem Kopf ging.

Er hatte geschimpft.

Geweint.

Manchmal gebrüllt.

Und sich auch schon mitten auf den Boden gesetzt, weil er einfach nicht mitwollte.

Damals hatte mich das mehr als einmal an meine Grenzen gebracht.

Jetzt hätte ich fast etwas darum gegeben.

Florian tat nichts davon.

Kein Schimpfen.

Kein „Ich will aber“.

Nicht einmal ein beleidigtes Gesicht.

Nur dieses leise „Okay“.

Er nahm meine Hand und kam mit.

So gehorsam, dass es mir einen kleinen Stich versetzte.

Ich drückte seine Hand.

„Komm.“

Wir gingen die Treppe hinunter in die Unterführung.

Florian blieb dicht neben mir.

Seine Hand lag in meiner, und einmal blickte er noch über die Schulter zurück, bevor die Gleise über uns verschwanden.

Unsere Schritte hallten durch den Tunnel.

Wir waren schon fast auf der anderen Seite, als über uns eine Durchsage ertönte.

Dumpf drang die Stimme bis zu uns herunter.

„Achtung an Gleis zwei. Ein Zug fährt durch. Bitte Abstand von der Bahnsteigkante.“

Florian blieb stehen.

Sein Kopf schoss nach oben.

Dann zog er an meiner Hand.

„Annette?“

Ich wusste schon, was kam.

„Ja?“

„Können wir den noch anschauen?“

Er sah mich vorsichtig an.

Fast so, als wäre die Frage schon ein bisschen zu viel, nachdem er gerade eben zugestimmt hatte, dass wir gehen.

Ich merke schon. Ich bin unglaublich konsequent.

Florian wartete.

Aber wenn ich bei ihm nicht schwach wurde, bei wem dann?

„Den einen noch.“

Sein ganzes Gesicht hellte sich auf.

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Er schaute sofort die Treppe hinauf.

Keine Ahnung, wie lange es noch dauern würde.

Ich beugte mich zu ihm und hob ihn auf meinen Arm.

Florian legte ganz selbstverständlich die Arme um meinen Hals.

Für einen kurzen Moment schmiegte er sich an meine Schulter.

Dann richtete er sich schon wieder auf und schaute gespannt nach oben.

Ich nahm die Stufen zügig.

Oben angekommen sah Florian sofort nach links.

Dann nach rechts.

Nichts.

Kein Zug.

Nicht einmal ein Geräusch.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Der ist schon weg.“

„Das glaube ich nicht.“

Florian sah mich an.

„Aber da ist keiner.“

„Noch nicht.“

Ich schaute selbst in beide Richtungen.

„Ich glaube, den hätten wir gehört, wenn er schon durchgefahren wäre.“

Ganz sicher war ich mir trotzdem nicht.

Aber so lange hatten wir nun wirklich nicht gebraucht.

„Vielleicht war der ganz schnell.“

Ich musste lächeln.

„So schnell nun auch wieder nicht.“

„Vielleicht war der schon da.“

Ganz ausschließen konnte ich das natürlich nicht.

„Kann sein. Aber ich glaube, der kommt noch.“

Florian sah wieder über die Gleise.

„Wirklich?“

„Wir warten einfach einen Moment.“

Ich ging mit ihm ein Stück auf den Bahnsteig hinaus.

Mit reichlich Abstand zur Kante setzte ich ihn ab.

Dann ging ich direkt hinter ihm in die Hocke und legte beide Arme um ihn.

Florian lehnte sich sofort ein wenig gegen mich.

Seine Hände legten sich auf meine Unterarme.

So warteten wir.

Er blickte nach links.

Dann nach rechts.

„Von wo kommt der?“

„Keine Ahnung.“

Er sah wieder in die eine Richtung.

Nichts.

Dann in die andere.

„Ich hör nichts.“

„Ich auch nicht.“

Wir warteten.

Ein paar Sekunden lang passierte gar nichts.

Florian sank ein kleines bisschen weiter gegen mich zurück.

„Bestimmt ist der doch schon weg.“

Ich zog meine Arme etwas enger um ihn.

„Noch einen Moment.“

Er nickte.

Dann richtete er sich plötzlich auf.

„Da ist was.“

Ich lauschte.

Jetzt hörte ich es auch.

Noch ganz leise.

Ein fernes Rauschen, das langsam kräftiger wurde.

Florian suchte die Gleise ab.

Er sah erst nach links.

Ich ebenfalls.

Nichts.

Das Geräusch wurde lauter.

Dann fuhr sein Kopf herum.

„Da!“

Weit hinten tauchte eine Lok auf.

Noch klein.

Aber sie kam schnell näher.

„Da kommt er!“

Florian richtete sich in meinen Armen auf.

Das Rauschen wurde zum Rollen und schließlich zu einem immer kräftigeren Dröhnen.

Die Lok näherte sich wesentlich schneller als die Züge, die wir bisher beim Ein- und Ausfahren beobachtet hatten.

Instinktiv zog ich Florian etwas enger an mich.

„Bleib schön hier bei mir.“

Er nickte, ohne den Blick vom Zug zu nehmen.

Dann war die Lok da.

Mit einem gewaltigen Rauschen schoss sie an uns vorbei.

Der Fahrtwind traf uns.

Florians Haare flogen zur Seite, und für einen Augenblick drückte er sich zurück gegen mich.

Meine Arme schlossen sich automatisch fester um ihn.

Dann kam der erste Wagen.

Florian starrte.

„Autos!“

Noch bevor ich antworten konnte, rauschte schon der nächste vorbei.

„Annette! Da sind Autos drauf!“

„Ich sehe es.“

Er reckte den Kopf.

„Oben auch!“

Tatsächlich standen sie auf zwei Ebenen.

Florian strahlte.

„Die Autos fahren auch oben!“

Ich musste lachen.

„Ja.“

Wagen um Wagen rauschte an uns vorbei.

Das Rattern verschmolz zu einem gleichmäßigen Dröhnen, und der Fahrtwind zog an unseren Jacken.

Florian blieb zwischen meinen Armen, aber von Angst war nichts mehr zu sehen.

Nur Staunen.

Er versuchte einen Moment, die vorbeifahrenden Wagen zu zählen.

„Eins, zwei, drei, vier, fünf …“

Dann verlor er den Überblick.

„Das sind viel zu viele.“

„Das glaube ich auch.“

Er gab das Zählen auf und schaute einfach nur noch.

Der Zug schien kein Ende zu nehmen.

„Wie lang ist der denn?“

„Keine Ahnung.“

Florian grinste.

„Schon wieder.“

„Ja. Schon wieder.“

Noch immer rauschten Wagen vorbei.

Langsam begann ich mich zu fragen, ob wir uns mit unserem einen letzten Zug ausgerechnet den längsten des ganzen Tages ausgesucht hatten.

Florian hatte damit offensichtlich kein Problem.

„Der hört gar nicht auf.“

„Sieht fast so aus.“

Dann kam tatsächlich der letzte Wagen.

Er rauschte an uns vorbei.

Das Dröhnen entfernte sich erstaunlich schnell.

Der Fahrtwind ließ nach.

Florian drehte sich in meinen Armen herum und sah dem Zug hinterher.

Wir blieben noch einen Moment so.

Der Güterzug wurde kleiner.

Das Geräusch verlor sich.

Und plötzlich wirkte der Bahnsteig erstaunlich ruhig.

„Der war riesig“, sagte Florian.

„Das war er.“

„Und ganz viele Autos.“

„Sehr viele.“

Er sah noch einen Moment hinterher.

Dann lockerte ich meine Arme und stand langsam auf.

Florian nahm sofort meine Hand.

„So“, sagte ich. „Und jetzt ist aber wirklich Schluss.“

Er schaute vorsichtshalber noch einmal über die Gleise.

Ich hob eine Augenbraue.

Florian grinste.

„Nur geguckt.“

„Natürlich.“

Wir machten uns langsam auf den Weg zur Unterführung.

Nach ein paar Schritten zog Florian leicht an meiner Hand.

„Annette?“

„Ja, mein Schatz?“

Er sah auf den Boden.

„Mir ist ein bisschen kalt.“

Sofort sah ich ihn an.

Seine Wangen waren noch immer rot.

Ich nahm seine freie Hand zwischen meine Finger.

Sie war kalt.

„Das glaube ich dir.“

Ich strich ihm kurz über die Wange.

Auch die fühlte sich kühl an.

„Deswegen gehen wir jetzt erst mal ganz schnell ins Warme.“

Florian nickte.

„Okay.“

Diesmal klang das Okay anders.

Nicht enttäuscht.

Fast ein bisschen erleichtert.

Ich nahm seine Hand wieder richtig in meine und ging mit ihm zur Treppe.

Genug Züge für heute.

Jetzt brauchte mein kleiner Mann erst einmal Wärme. 

Kaum hatten wir die Tür zum Bahnhofsgebäude hinter uns, schlug uns die Wärme entgegen.

Ich atmete unwillkürlich auf.

Erst jetzt merkte ich selbst, wie kalt meine Finger geworden waren.

Neben mir blieb Florian einen Moment stehen.

Seine Schultern sanken ein kleines Stück nach unten.

„Besser?“, fragte ich.

Er nickte.

„Ja.“

Ich nahm seine Hand wieder richtig in meine.

Sie war noch immer kühl.

Für einen Moment hatte ich den Impuls, ihn einfach wieder hochzunehmen.

Der Gedanke kam inzwischen erstaunlich selbstverständlich.

Vielleicht, weil er so klein neben mir wirkte.

Vielleicht aber auch, weil ich es selbst längst viel zu gern mochte.

Sein Gewicht auf meinem Arm.

Seine Arme um meinen Hals.

Wenn er den Kopf an meine Schulter legte und sich einfach tragen ließ.

Ich hatte gar nicht gewusst, wie sehr ich dieses Gefühl vermisst hatte.

Einen kleinen Jungen auf dem Arm zu haben.

Noch einmal ein bisschen Mama zu sein.

Meine Finger schlossen sich etwas fester um seine Hand.

Nein.

Nicht einfach so.

Ich war mir inzwischen ziemlich sicher, dass Florian meine Nähe mochte.

Aber ich wusste auch, wie selten er Nein sagte.

Wie oft er Dinge einfach geschehen ließ, weil er offenbar noch immer Angst hatte, mit einem Widerspruch etwas falsch zu machen.

Vielleicht wollte er gerade auf meinen Arm.

Vielleicht wollte er aber auch laufen.

Und irgendwann sollte er lernen, dass er mir beides sagen durfte.

Also ging ich einfach mit ihm weiter.

„Jetzt suchen wir erst einmal ein Waschbecken.“

Florian nickte.

Nach den ersten Metern fiel mir auf, dass etwas anders war.

Draußen hatte er eben noch gestrahlt.

Autos.

Die Lok.

Der Fahrtwind.

Eine Frage nach der anderen.

Jetzt lief er still neben mir.

Nicht einmal unbedingt langsam.

Aber irgendwie schwerer.

Eine Tür fiel irgendwo hinter uns ins Schloss.

Florian zuckte zusammen.

Seine Finger schlossen sich sofort fester um meine.

Ich sah zu ihm herunter.

„Alles gut, mein Schatz.“

Er nickte.

Wir gingen weiter.

Ein Mann zog einen Rollkoffer an uns vorbei.

Das Rattern der kleinen Räder auf den Fliesen ließ Florian den Kopf drehen.

Gleichzeitig rückte er näher an mich, bis seine Schulter fast meinen Arm berührte.

Ich runzelte leicht die Stirn.

War ihm der Bahnhof schon wieder zu viel?

Dabei war es hier längst nicht so voll wie vorhin.

Ich sah mich nach einem Schild um.

WC.

Toilette.

Irgendetwas.

Nichts.

„Siehst du irgendwo ein Klo?“, fragte ich.

Keine Antwort.

Ich sah zu Florian.

Er lief noch immer neben mir.

Aber sein Daumen steckte im Mund.

Seit wann?

Ich blieb stehen.

Florian blieb ebenfalls stehen und sah zu mir hoch.

Der Daumen blieb, wo er war.

Seine Augen wirkten plötzlich ganz anders als noch draußen.

Müde.

Nicht nur ein bisschen.

Ich ging vor ihm in die Hocke.

„Hey.“

Er sah mich an.

Ganz vorsichtig nahm ich seine Hand und zog seinen Daumen aus seinem Mund.

Florian ließ es einfach geschehen.

„Du bist ganz schön fertig, hm, mein Schatz?“

Er schüttelte sofort den Kopf.

„Nein.“

Seine Stimme klang leise.

Ich musste ein bisschen lächeln.

„Okay.“

Mit dem Daumen strich ich ihm über die Wange.

„Aber deine Finger sind noch ganz dreckig von der Lok.“

Florian sah auf seine Hand.

An den Fingerspitzen waren noch immer dunkle Spuren.

„Die sollten wir gerade lieber nicht in den Mund stecken.“

Er sagte nichts.

Sein Blick wanderte schon wieder irgendwo an mir vorbei.

Ich dachte an meine Tasche.

„Möchtest du deinen Nuckel? Der ist sauber.“

Jetzt sah er mich wieder an.

Nur kurz.

Dann nickte er.

Ich holte ihn heraus und hielt ihn ihm hin.

Florian nahm ihn sofort in den Mund.

Ein paar ruhige Saugbewegungen.

Seine Schultern entspannten sich ein kleines Stück.

„Besser?“

Ein kleines Nicken.

Ich strich ihm über die Haare und stand wieder auf.

„Komm. Jetzt finden wir erstmal dieses blöde Klo.“

Er nahm meine Hand.

Diesmal hielt er sie anders.

Nicht nur fest.

Fast so, als würde er sich daran ein bisschen mitziehen lassen.

Ein Stück weiter entdeckte ich den kleinen Laden mit den Zeitschriften und Büchern.

„Da fragen wir.“

Florian kam mit.

Er lief an meiner Hand neben mir her, den Nuckel im Mund, und ich hatte zunehmend das Gefühl, dass er einfach nur noch meinen Schritten folgte.

Als wir den Laden betraten, änderte sich das für einen Moment.

Überall waren Farben.

Zeitschriften.

Bücher.

Comics.

Hefte.

Florians Kopf hob sich.

Sein Blick wanderte über die Auslagen.

Für einen Augenblick glaubte ich fast, jetzt würde wieder eine Frage kommen.

Oder er würde irgendwo stehen bleiben.

Aber nichts davon geschah.

Seine Augen blieben kurz an einem bunten Titel hängen.

Dann am nächsten.

Weiter hinten war auf einem Buch sogar ein Zug zu sehen.

Auch dort blieb sein Blick einen Moment.

Aber nur sein Blick.

Er zog mich nicht hin.

Fragte nichts.

Ließ meine Hand nicht los.

Die ganze Begeisterung war noch irgendwo da.

Nur die Kraft dafür offenbar nicht mehr.

Ich ging mit ihm zum Tresen.

Die Frau dahinter sah freundlich auf.

„Entschuldigung“, sagte ich. „Können Sie mir sagen, wo hier die Toiletten sind?“

„Natürlich.“

Sie erklärte mir den Weg.

Wieder hinaus, ein Stück Richtung Bahnsteig zwei.

„Die ist ein bisschen versteckt“, fügte sie hinzu.

„Das beruhigt mich.“

Die Frau lächelte.

„Sie sind nicht die Erste, die fragt.“

„Vielen Dank.“

Während sie sprach, sah ich kurz zu Florian.

Sein Blick war wieder zu den Büchern gewandert.

Diesmal blieb er an dem mit dem Zug hängen.

Aber selbst dafür schien er inzwischen zu müde, um sich richtig darauf zu konzentrieren.

Seine Augen wanderten weiter.

Dann wieder zurück.

Mehr nicht.

Ich merkte mir das Buch.

Vielleicht kamen wir nachher noch einmal zurück.

„Komm, mein Schatz.“

Florian ließ sich mitziehen.

Draußen angekommen sah er nicht einmal mehr zu den Gleisen.

Spätestens jetzt hätte mir eigentlich klar sein müssen, wie fertig er war.

Wir fanden die Toilette schließlich dort, wo die Verkäuferin sie beschrieben hatte.

Ich bezahlte und öffnete die Tür.

Drinnen war es angenehm warm.

Vor allem aber war es ruhig.

Ich schloss hinter uns ab.

„So.“

Florian stand einfach neben mir.

Nuckel im Mund.

Die Hand noch immer in meiner.

„Jetzt machen wir deine Lokomotivfinger wieder sauber.“

Keine Reaktion.

Ich führte ihn zum Waschbecken.

„Ärmel hoch, mein Schatz.“

Florian stand da.

Ich wartete.

„Florian?“

Nichts.

Nicht einmal ein Nein.

Er schaute irgendwo auf das Waschbecken, ohne es wirklich anzusehen.

Ich beugte mich ein wenig zu ihm.

„Hey, kleiner Mann.“

Langsam hob er den Blick.

„Hm?“

Da war plötzlich nichts Rätselhaftes mehr.

Der Junge war einfach durch.

Völlig.

Ich musste lächeln.

„Na komm.“

Ich krempelte ihm selbst die Ärmel hoch.

Florian machte keinerlei Anstalten, mir zu helfen.

Normalerweise hätte ich ihn vielleicht noch einmal aufgefordert.

Jetzt nicht.

Ich nahm seine Hände.

„Du musst gerade gar nichts machen.“

Ich drehte das Wasser auf und prüfte kurz die Temperatur.

Dann hielt ich seine Hände darunter.

Flo

rian ließ sie einfach in meinen liegen.

Ich gab etwas Seife darauf und wusch ihm vorsichtig die Finger.

Die dunklen Spuren verschwanden langsam.

Er schaute dabei zu.

Zumindest glaubte ich das.

Seine Augen wurden immer wieder für einen Moment ganz schmal.

Der Nuckel bewegte sich nur noch langsam in seinem Mund.

Ich spülte seine Hände ab und trocknete sie gründlich.

„So. Wieder sauber.“

Florian sah auf seine Finger.

Dann zu mir.

Keine Antwort.

Mein Blick fiel auf die große Liege an der Wand.

Eigentlich hatte ich ihn im Auto frisch machen wollen.

Aber das ergab inzwischen überhaupt keinen Sinn mehr.

Hier war es warm.

Ruhig.

Sauber.

Und Florian sah aus, als wäre selbst der Weg bis zum Auto inzwischen eine Aufgabe.

Ich strich ihm über die Haare.

„Weißt du was?“

Er sah mich an.

„Ich mach dich gleich hier frisch.“

Keine Reaktion.

Nur dieses müde Schauen.

„Du bist wirklich völlig durch für heute, mein Schatz.“

Diesmal widersprach er nicht einmal mehr.

Ich klappte die Liege herunter.

„Komm.“

Ich half ihm hinauf.

Kaum lag er, sank sein Kopf zur Seite.

Seine Augen schlossen sich.

Ich musste lächeln.

„Florian?“

Die Augen gingen wieder auf.

„Hm?“

„Noch nicht einschlafen.“

Er blinzelte mich an.

Als hätte ich gerade etwas ausgesprochen, das überhaupt nicht zur Diskussion gestanden hatte.

Ich öffnete seine Hose.

Dabei bestätigte sich, was ich vorhin beim Hochnehmen schon vermutet hatte.

Seine Windel war inzwischen deutlich voller als noch im Eiscafé.

Wann genau das passiert war, wusste ich nicht.

Vielleicht wusste Florian es selbst nicht.

Bei all den Zügen, den Menschen, den Geräuschen und der Aufregung wäre es kein Wunder gewesen.

„Beinchen kurz hoch.“

Nichts.

Ich sah zu ihm.

Seine Augen waren schon wieder geschlossen.

„Mein Schatz?“

Langsam öffneten sie sich.

„Hm?“

„Die Beine.“

Er hob sie ein kleines Stück.

Mehr kam nicht.

„Schon gut.“

Ich half ihm.

Es fühlte sich beinahe an, als würde ich eine Puppe wickeln.

Nicht weil er sich steif machte.

Ganz im Gegenteil.

Er ließ sich einfach fallen.

Seine Beine lagen schwer in meinen Händen.

Sein Körper war völlig entspannt.

Der Nuckel bewegte sich nur noch hin und wieder.

Und plötzlich musste ich daran denken, wie anders das noch vor kurzer Zeit gewesen war.

Wie genau er mich beobachtet hatte.

Wie schnell die Angst gekommen war.

Ob ich böse wurde.

Ob etwas falsch war.

Ob er etwas getan hatte, wofür man ihn schimpfen konnte.

Davon war gerade nichts da.

Er lag einfach vor mir.

Halb eingeschlafen.

Und ließ mich für ihn sorgen.

Ich sagte nichts dazu.

Ich strich ihm nur einmal über den Bauch, bevor ich seine Kleidung wieder richtete.

„So.“

Florian blinzelte.

„Bleib noch einen Moment liegen, mein Schatz.“

Ich trat zum Waschbecken und wusch mir gründlich die Hände.

Dann trocknete ich sie ab und ging wieder zu ihm.

„Fertig.“

Er sah mich an.

Ich hielt ihm die Arme hin.

„Kommst du zu mir?“

Einen Moment passierte nichts.

Dann hob Florian beide Arme.

Da war meine Antwort.

Ich nahm ihn hoch.

Sofort legten sich seine Arme um meinen Hals.

Sein Kopf sank auf meine Schulter.

Ich zog ihn dicht an mich.

„Na komm, mein kleiner Mann.“

Sein Körper schmiegte sich an meinen.

Der Nuckel bewegte sich noch ein paarmal.

Ich strich langsam über seinen Rücken.

Nach wenigen Augenblicken spürte ich, wie er schwerer wurde.

Nicht viel.

Aber anders.

Seine Arme hielten mich nicht mehr bewusst fest.

Sie lagen einfach um meinen Hals.

Sein Atem ging ruhig an meiner Haut vorbei.

„Du warst natürlich überhaupt nicht müde“, murmelte ich.

Keine Reaktion.

Ich lächelte.

Er schlief.

Richtig.

Ich blieb noch einen Moment stehen.

Nur mit ihm.

Sein Gewicht auf meinem Arm.

Der Kopf an meiner Schulter.

Sein warmer Körper fest an meinem.

Und diesmal musste ich nicht darüber nachdenken, ob er überhaupt auf meinen Arm wollte.

Er hatte selbst die Arme nach mir ausgestreckt.

Dieser kleine Gedanke machte irgendetwas mit mir.

Ich strich ihm noch einmal über den Rücken.

Dann öffnete ich die Tür.

Draußen stand eine junge Frau mit einem kleinen Jungen.

Sie sah zu uns.

Nur kurz.

Dann begegneten sich unsere Blicke.

Ein freundliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

Ich lächelte zurück.

„Komm, Liam“, sagte sie leise zu dem Jungen neben sich. „Wir sind dran.“

Ich trat zur Seite.

Florian bekam davon nichts mehr mit.

Sein Kopf lag weiterhin schwer an meiner Schulter.

Ich ging zurück in Richtung Bahnhofsgebäude.

Bei jedem Schritt spürte ich ihn.

Seinen Atem.

Seine Wärme.

Das leichte Gewicht seiner Arme.

Und ich musste zugeben, dass ich diesen Moment genoss.

Sehr sogar.

Nicht seine Erschöpfung.

Aber dass er sich bei mir so fallen ließ.

Dass er offenbar nicht mehr glaubte, ständig aufpassen zu müssen.

Ich strich ihm langsam über den Rücken.

Dann fiel mir wieder der Buchladen ein.

Das Buch mit dem Zug.

Eigentlich wollte ich nur kurz nachsehen.

Als ich den Laden erneut betrat, erkannte mich die Verkäuferin sofort.

Ihr Blick fiel auf Florian auf meinem Arm.

Ihre Stimme wurde automatisch leiser.

„Haben Sie es gefunden?“

„Ja. Vielen Dank.“

„Gut.“

Ich strich Florian langsam über den Rücken.

Keine Bewegung.

„Vielleicht können Sie mir noch bei etwas anderem helfen.“

„Natürlich.“

„Ich suche ein Buch über Eisenbahnen.“

Die Verkäuferin nickte.

„Für Kinder?“

„Ja.“

Ich verlagerte Florians Gewicht ein wenig auf meinem Arm.

Er reagierte nicht.

„Am besten etwas für Erstleser. Große Schrift, kurze Texte und viele Bilder.“

„Da müsste ich etwas haben.“

Sie kam hinter dem Tresen hervor.

„Für den Kleinen?“

„Ja.“

Meine Hand glitt wieder über Florians Rücken.

„Wir üben gerade das Lesen. Und seit heute ist er völlig begeistert von Zügen.“

Die Verkäuferin sah noch einmal zu Florian.

Dann wieder zu mir.

„Er lernt schon lesen?“

In ihrer Stimme lag ehrliche Überraschung.

„Ja.“

Ihr Blick wanderte noch einmal zu dem kleinen Jungen auf meinem Arm.

Zum Nuckel in seinem Mund.

Dann lächelte sie.

„Da ist aber jemand früh dran.“

Ich sah kurz zu Florian.

Sein Kopf lag schwer an meiner Schulter.

„Er ist schon etwas Besonderes.“

Die Verkäuferin lächelte ebenfalls.

„Dann schauen wir mal.“

Ich folgte ihr zu einem Regal.

Sie zog ein Buch heraus.

„Vielleicht das hier.“

Mit einer Hand schlug sie es für mich auf.

Ich spürte seinen ruhigen Atem die ganze Zeit an meinem Hals.

Ich beugte mich ein wenig über das Buch.

Große Schrift.

Kurze Absätze.

Viele Bilder.

Züge.

Bahnhöfe.

Lokomotiven.

„Ja“, sagte ich leise. „Genau so etwas meinte ich.“

„Das ist für Kinder, die gerade mit dem Lesen anfangen, wirklich schön.“

„Dann nehme ich das.“

Die Verkäuferin nickte.

Ich sah noch einmal auf die aufgeschlagene Seite.

Dann fiel mir ein, wie viele Fragen Florian draußen gestellt hatte.

Warum der Zug Strom aus der Leitung bekam.

Wo ein Dieselzug tankte.

Warum manche Züge eine Lok hatten und andere nicht.

Warum der Zug hinten auch wie vorne aussah.

Ich musste lächeln.

„Hätten Sie vielleicht noch etwas mit ein bisschen mehr Informationen?“

„Ein richtiges Eisenbahnbuch?“

„Ja. Also schon etwas, wo mehr erklärt wird.“

Meine Hand bewegte sich weiter langsam über Florians Rücken.

„Das muss er nicht alleine lesen können. Das schauen wir uns zusammen an.“

Die Verkäuferin überlegte kurz.

„Soll es trotzdem viele Bilder zum Text haben?“

„Wenn Sie so etwas haben, sehr gerne.“

„Moment.“

Sie ging ein Stück weiter.

Kurz darauf kam sie mit einem größeren Buch zurück.

„Das hier könnte passen.“

Sie schlug es auf.

Ich war sofort interessiert.

Fotos von verschiedenen Zügen.

Zeichnungen.

Alte Dampflokomotiven.

Moderne Züge.

Bahnhöfe.

Führerstände.

Kleine Kästen mit Erklärungen.

Sie blätterte weiter.

Auf einer Seite war eine Diesellokomotive zu sehen.

Auf einer anderen ein Zug mit einem Stromabnehmer auf dem Dach.

Ich musste lächeln.

Oh ja.

Das war es.

Ich wusste jetzt schon, was passieren würde.

Eine Frage.

Dann noch eine.

Und aus jeder Antwort würden wahrscheinlich drei neue entstehen.

Nur diesmal konnte ich vielleicht irgendwann sagen:

Wir schauen nach.

„Das nehme ich auch.“

„Beide?“

„Beide.“

Die Verkäuferin lächelte.

„Da wird sich aber jemand freuen.“

Ich strich Florian noch einmal über den Rücken.

Er schlief einfach weiter.

Keine Ahnung von den beiden Büchern.

Keine Ahnung von der Überraschung, die ihn zu Hause erwartete.

„Ja“, sagte ich leise.

„Das glaube ich auch.“

….

Florian:

Ich machte die Augen auf.

Es war dunkel.

Nur durch die Tür kam ein bisschen Licht herein.

Ich blinzelte.

Wo war Annette?

Neben mir lag Pandi.

Ich griff sofort nach ihm und drückte ihn an mich.

„Annette?“

Ganz leise.

Ich wartete.

Nichts.

„Annette?“

Wieder nichts.

Ich setzte mich auf.

Mein Herz klopfte ein bisschen schneller.

Vielleicht war sie nur draußen auf dem Flur.

Ich schob die Decke weg und stand auf.

Meine Windel fühlte sich schwer an.

Beim ersten Schritt merkte ich, wie dick sie geworden war.

Aber das war jetzt egal.

„Annette?“

Ich ging zur Tür und machte das Licht an.

Dann auf den Flur.

Da war niemand.

Ich hielt Pandi ganz fest.

Vielleicht war Annette im Schlafzimmer.

Ich ging hinüber und öffnete die Tür.

Dunkel.

„Annette?“

Keine Antwort.

Ich machte das Licht an.

Das Bett war leer.

Ich ging trotzdem hin.

Vielleicht lag sie nur auf der anderen Seite.

Aber da war niemand.

Ich zog die Decke auf ihrer Seite ein kleines Stück zurück.

Leer.

Mein Bauch wurde komisch.

Wo war sie denn?

Ich ging wieder raus.

„Annette?“

Jetzt etwas lauter.

Nichts.

Vielleicht war sie unten.

Bestimmt war sie unten.

Ich lief zur Treppe.

Die Windel störte beim Laufen, weil sie so schwer war, aber ich wollte jetzt nicht stehen bleiben.

Unten war Licht.

Das war gut.

Ich ging schnell in die Küche.

„Annette?“

Niemand.

Ich sah zum Tisch.

Dann zur Küchenzeile.

Auch niemand.

Vielleicht im Wohnzimmer.

Ich ging hinüber und machte dort auch das Licht an.

Leer.

Ich blieb stehen.

Pandi war ganz fest gegen meinen Bauch gedrückt.

„Annette?“

Meine Stimme zitterte ein bisschen.

Warum antwortete sie nicht?

Ich ging wieder in den Flur.

Vielleicht war sie doch oben.

Vielleicht hatte ich sie irgendwo nicht gesehen.

Da hörte ich die Haustür.

Ich drehte mich sofort um.

„Annette?“

Die Tür ging auf.

Aber es war Markus.

Er kam herein und zog die Tür hinter sich zu.

Ich blieb einfach stehen.

Markus sah mich an.

Sein Blick blieb an meinem Gesicht hängen.

Dann kam er sofort zu mir und ging vor mir in die Hocke.

„Hey, kleiner Mann.“

Seine Stimme war ganz ruhig.

„Ist alles gut?“

Ich konnte nur den Kopf schütteln.

Meine Augen wurden schon wieder so heiß.

„Wo ist Annette?“

Markus sah mich einen Moment an.

„Annette ist heute beim Elternabend in deiner Schule.“

Ich verstand nicht gleich.

„Bei Frau Siegel?“

„Ja.“

Er nickte.

„Du hast vorhin so schön geschlafen. Wir wollten dich nicht extra wecken.“

Ich drückte Pandi noch fester an mich.

Meine Unterlippe fing an zu zittern.

„Kommt die wieder?“

Markus‘ Gesicht veränderte sich.

Nur ganz kurz.

Dann rückte er näher zu mir.

„Natürlich kommt sie wieder.“

Jetzt liefen die Tränen einfach los.

Ich wollte gar nicht weinen.

Aber ich konnte sie nicht mehr aufhalten.

„Wirklich?“

„Ja.“

Markus legte mir vorsichtig eine Hand auf den Rücken.

„Sie kommt heute Abend wieder nach Hause. Und so lange dauert das bestimmt gar nicht mehr.“

Ich schniefte.

„Ich hab sie gesucht.“

„Das hab ich gemerkt.“

Seine Hand strich langsam über meinen Rücken.

„Ich war die ganze Zeit da, Florian. Ich war nur draußen in der Halle.“

Ich sah ihn an.

„Draußen?“

„Ja.“

Er nickte.

„Ich hatte das Babyphone bei mir. Du warst nicht allein.“

Ich schluckte.

Aber irgendwie brachte mich das nur noch mehr zum Weinen.

Markus blieb vor mir.

„Hey.“

Er griff in seine Jackentasche und holte ein Taschentuch heraus.

„Komm mal.“

Er hielt es vor meine Nase.

„Einmal schnäuzen.“

Ich schniefte einmal hinein.

Markus wartete.

„Noch mal.“

Ich machte es noch einmal.

Dann wischte er mir vorsichtig unter der Nase entlang.

Danach nahm er eine trockene Ecke vom Taschentuch und tupfte mir die Tränen von den Wangen.

„So.“

Seine Hand kam wieder an meinen Rücken.

„Alles gut, kleiner Mann.“

Ich sah ihn an.

„Annette kommt wieder?“

„Ja. Sie kommt wieder.“

Ich drückte Pandi an meine Brust.

Langsam konnte ich wieder besser atmen.

Markus blieb noch eine Weile einfach bei mir in der Hocke.

Dann sah er mich an.

„Weißt du was?“

Ich schniefte.

„Hm?“

„Ich hab gerade ganz schön Hunger.“

Er machte eine kleine Pause.

„Und du?“

Ich zuckte mit den Schultern.

Markus lächelte ein bisschen.

„Du weißt noch gar nicht, ob du Hunger hast?“

Ich wusste es wirklich nicht.

Dann sah er auf Pandi.

„Und wie sieht’s mit deinem Panda aus? Hat der vielleicht Hunger?“

Ich sah nach unten.

Pandi war noch immer ganz fest in meinen Armen.

Ich drückte ihn noch ein bisschen mehr an mich.

„Vielleicht.“

Markus grinste.

Dann stand er auf, zog seine Jacke aus und hängte sie an den Haken.

Gleich danach kam er wieder zu mir und ging noch einmal in die Hocke.

Er hielt mir beide Arme hin.

„Komm. Wir schauen mal zusammen in den Kühlschrank, was es da so Leckeres gibt.“

Ich sah seine Arme an.

Dann Markus.

Nur kurz.

Dann ging ich zu ihm.

Er hob mich hoch.

Pandi klemmte zwischen uns.

Markus setzte mich ein bisschen besser auf seinem Arm zurecht.

Dann hielt er kurz inne.

„Du, kleiner Mann …“

Ich sah ihn an.

„Ich glaube, bevor wir uns ums Essen kümmern, müssen wir erst mal nach deiner Windel schauen.“

Mein Bauch wurde sofort wieder komisch.

Ich drückte Pandi fester an mich.

„Kann Annette das machen, wenn sie wieder kommt?“

Markus sah mich ruhig an.

„Ich glaube, wir sollten lieber nicht warten, bis sie wieder da ist.“

Er setzte mich ein bisschen besser auf seinem Arm zurecht.

„Ich hab das Gefühl, deine Windel könnte bald auslaufen.“

Ich drückte Pandi an mich.

Eine Weile sagte ich nichts.

Dann sah ich Markus vorsichtig an.

„Kannst du das?“

Markus lächelte ein bisschen.

„Ja, das kriege ich hin.“

Dann musste er kurz grinsen.

„Bei Sebastian hab ich das früher oft gemacht. Aber das ist schon ganz schön lange her.“

Ich sah ihn an.

„Du musst mir nur zeigen, wo deine Windeln und die Feuchttücher sind.“

Seine Arme hielten mich ganz ruhig fest.

„Dann kriegen wir das schon hin.“

Markus stand mit mir auf dem Arm auf und ging zur Treppe.

Ich hielt Pandi zwischen uns fest.

Mein Kopf lag fast an seiner Schulter.

Markus roch anders als Annette.

Ein bisschen nach draußen.

Nach seiner Jacke und noch nach irgendwas anderem.

Ich wusste nicht, wonach.

Aber ich kannte den Geruch langsam.

Er gehörte zu Markus.

Oben blieb Markus kurz stehen.

Er sah in mein Zimmer und dann den Flur entlang.

„Du hast ja überall Licht angemacht.“

Sofort wurde mir komisch.

„Entschuldigung.“

Markus sah mich an.

„Hey. Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen.“

Er ging weiter.

„Wenn man klein ist, kann einem Dunkelheit schon mal Angst machen. Das kann ich gut verstehen.“

Meine Finger vergruben sich ein wenig in Pandis Fell.

„Ich hatte als Kind auch Angst im Dunkeln.“

Ich sah Markus kurz von der Seite an.

Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Markus war groß.

Richtig groß.

Und stark.

Vielleicht sagte er das auch nur so.

Er trug mich in mein Zimmer und setzte mich auf mein Bett.

Pandi blieb neben mir liegen.

Und da sah ich meinen Nuckel.

Er lag auf der Decke.

Ich nahm ihn sofort.

Eigentlich hatte ich gar nicht darüber nachgedacht.

Plötzlich war er einfach in meinem Mund.

Das fühlte sich besser an.

Ich merkte erst danach, dass Markus mich ansah.

Mir wurde warm im Gesicht.

Vielleicht fand er das komisch.

Ich sah nach unten.

Markus lächelte nur ein bisschen.

„Der hilft dir gerade, hm?“

Ich nickte.

Mehr musste ich nicht sagen.

Das war gut.

Markus sah sich um.

„Weißt du, wo deine Windeln sind?“

Ich zeigte auf die Kommode.

Markus ging hin und zog die Schublade auf.

Er sah kurz hinein.

„Ah, da sind sie ja.“

Er nahm eine Windel heraus.

Dann griff er noch einmal in die Schublade und holte die Feuchttücher dazu.

Beides legte er neben mich aufs Bett.

„So.“

Er sah auf die Sachen.

Dann auf mich.

„Dann schauen wir mal, ob ich das noch hinbekomme.“

Ich hielt Pandi fest und sah ihn an.

Markus deutete auf das Bett.

„Leg dich mal hin.“

Ich legte mich hin.

Pandi zog ich neben meinen Kopf.

Markus zog mir einfach die Schlafanzughose aus.

Ich hätte das auch selber gekonnt.

Aber ich sagte nichts.

Es war irgendwie einfacher so.

Dann öffnete er meine Windel.

Er nahm gleich mehrere Feuchttücher aus der Packung.

Mehr als Annette sonst.

Damit machte er mich sauber.

Ganz selbstverständlich.

Als wäre das überhaupt nichts Besonderes.

Dann sah er kurz auf die Windel.

„Macht Annette eigentlich immer Creme oder so dran?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Okay.“

Markus zog die alte Windel unter mir hervor.

Dann rollte er si

e zusammen.

Anders als Annette.

Bei Annette sah das hinterher irgendwie ordentlicher aus.

Markus legte sie zur Seite.

Dann nahm er die neue Windel und faltete sie auseinander.

Er schob sie unter mich und zog sie vorne hoch.

Ein Klebestreifen.

Dann der andere.

Markus sah darauf.

„Hm.“

Einen machte er wieder auf.

Er klebte ihn etwas weiter oben fest.

Dann sah er noch einmal hin.

Jetzt machte er den anderen wieder auf.

Ich beobachtete ihn.

Er zog vorne ein bisschen an der Windel.

Dann an der Seite.

„Nee.“

Wieder ging ein Klebestreifen auf.

Ich sah kurz zu Markus hoch.

Irgendwie sah es ein bisschen so aus, als wüsste er selbst nicht genau, wo der Streifen hinmusste.

Als er meinen Blick bemerkte, sah ich schnell wieder nach unten.

„Ja, ja“, sagte er.

Seine Stimme klang aber nicht böse.

„Ist eben schon ein paar Jahre her.“

Er machte den Streifen noch einmal fest.

Dann löste er den anderen wieder und klebte auch den neu.

Er sah von einer Seite zur anderen.

Zog noch einmal vorsichtig daran.

Dann nickte er.

„So.“

Er klang zufrieden.

„Ich glaube, so sollte das passen.“

Er sah mich an.

„Ist das okay?“

Ich nickte.

„Nichts zu eng?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Drückt irgendwo was?“

Wieder schüttelte ich den Kopf.

Markus lächelte.

„Gut.“

Er nahm meine Schlafanzughose und zog sie mir wieder an.

Dann setzte er mich auf.

Ich griff sofort nach Pandi.

Markus hob mich hoch und legte mir Pandi noch richtig in den Arm.

Einfach so.

Als gehörte der natürlich mit dazu.

Ich lehnte meinen Kopf wieder an seine Schulter.

Da war wieder dieser Geruch.

Nach draußen.

Nach seiner Kleidung.

Und nach diesem anderen, für das ich noch keinen Namen hatte.

Aber inzwischen wusste ich, zu wem er gehörte.

Zu Markus.

Er trug mich zur Tür.

„So, kleiner Mann.“

Das Licht in meinem Zimmer schaltete er aus.

„Jetzt kümmern wir uns um was zu essen.“

Markus trug mich wieder nach unten.

Pandi hielt ich fest im Arm.

Der Nuckel war noch in meinem Mund.

In der Küche setzte Markus Pandi auf einen Stuhl am Tisch.

Dann stellte er den kleinen Tritthocker vor das Spülbecken und stellte mich darauf.

„Aber bevor wir uns ums Essen kümmern, waschen wir erst mal Hände.“

Er drehte den Wasserhahn auf und stellte sich neben mich.

Dann hielt er seine Hände unter das Wasser.

Ich sah ihm zu.

Er nahm Seife und rieb die Hände aneinander.

Zwischen den Fingern.

Über die Handrücken.

Ich machte es genauso.

Markus sah kurz zu mir.

„Genau.“

Ich rieb noch einmal zwischen den Fingern.

Dann hielt ich die Hände unter das Wasser.

Markus drehte den Hahn zu.

Ich wollte schon nach dem Handtuch greifen.

Aber Markus nahm es zuerst.

„Komm mal her.“

Er nahm meine Hände in seine.

Erst eine.

Dann die andere.

Er trocknete meine Finger ab.

Dazwischen auch.

Dann die Handflächen und die Handrücken.

Ganz gründlich.

Ich ließ ihn einfach machen.

„So.“

Dann trocknete er seine eigenen Hände ab.

„Jetzt können wir was zu essen machen.“

Ich schaute zum Tisch.

Pandi saß noch auf dem Stuhl.

Markus nahm ihn und gab ihn mir wieder.

Ich drückte ihn sofort an mich.

Dann ging Markus vor mir in die Hocke und hielt mir die Arme hin.

Ich ging zu ihm.

Er hob mich hoch.

Pandi kam natürlich mit.

Dann drehte Markus sich zum Kühlschrank und öffnete die Tür.

Das Licht darin ging an.

Ich schaute hinein.

Da war ganz schön viel.

Milch.

Butter.

Käse.

Joghurt.

Eier.

Gemüse.

Gläser.

Schüsseln mit Deckeln.

Und noch Sachen, bei denen ich gar nicht wusste, was da drin war.

„Na?“, fragte Markus. „Was meinst du?“

Ich schaute noch einmal von oben nach unten.

Keine Ahnung.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Du weißt noch gar nicht, worauf du Hunger hast?“

Ich schüttelte den Kopf.

Markus sah selbst noch einmal hinein.

„Wie wär’s mit Rührei?“

Rührei kannte ich.

Das gab es manchmal im Kindergarten.

In der Schule auch.

Ich nickte.

„Gut.“

Markus griff nach dem Eierkarton.

„Das geht schnell. Das machen wir zusammen.“

Dann sah er mich an.

„Hast du schon mal Eier aufgeschlagen?“

Sofort nickte ich.

Das hatte ich.

„Ja! Bei A’ette! Hab i’ scho’ ma’!“

Markus sah mich an.

„Was?“

„Bei A’ette!“

„Warte mal.“

Er nahm mir vorsichtig den Nuckel aus dem Mund.

Sofort fehlte etwas.

Eben hatte ich es ihm noch unbedingt sagen wollen.

Jetzt sah ich nur auf den Nuckel in seiner Hand.

„Du hast das schon mal gemacht?“

Ich nickte.

„Ja … bei Annette.“

Ganz leise.

Markus sah kurz auf den Nuckel.

Dann steckte er ihn mir wieder sanft in den Mund.

„Ich wollte ihn dir nicht wegnehmen. Ich hab dich nur nicht richtig verstanden.“

Ich schloss sofort die Lippen darum.

Das war besser.

„Also kannst du es schon.“

Ich nickte.

Markus nahm den Eierkarton aus dem Kühlschrank und schloss die Tür.

Dann trug er mich zur Arbeitsplatte.

Pandi setzte er auf einen Stuhl am Küchentisch.

Vor die Arbeitsfläche stellte Markus den kleinen Tritthocker und half mir hinauf.

Dann holte er eine Schüssel.

Eine Gabel.

Milch.

Butter.

Den Eierkarton stellte er neben mich.

„So.“

Er nahm ein Ei heraus und hielt es mir hin.

„Dann darfst du anfangen.“

Ich nahm es.

Es war kühl und glatt.

Vor mir stand die Schüssel.

Also kannst du es schon.

Ich hatte genickt.

Jetzt musste ich es auch können.

Ich durfte nichts falsch machen.

Ich hielt das Ei an den Rand.

Ganz vorsichtig.

Tock.

Nichts.

Ich sah auf die Schale.

Kein Riss.

„Ein bisschen doller darfst du“, sagte Markus.

Ich nickte schnell.

Doller.

Ich konnte auch doller.

Ich wollte ihm zeigen, dass ich es wirklich konnte.

Dass ich auch Kraft hatte.

Ich holte weiter aus.

KLACK!

Die Schüssel hüpfte über die Arbeitsplatte.

Es schepperte laut.

Ich erschrak.

Das Ei rutschte mir aus der Hand.

Es fiel auf die Arbeitsplatte.

Rollte.

Ich griff danach.

Zu spät.

Es rollte über die Kante.

Klatsch.

Oh nein.

Kaputt.

Ich hatte es kaputt gemacht.

„Oh“, sagte Markus.

Dann bewegte er sich neben mir.

Sein Arm kam an mir vorbei.

Nach oben.

Ganz nah.

Ich zuckte zusammen.

„Entschuldigung!“

Ich wollte weg.

Sofort.

Ich rutschte vom Hocker.

Viel zu schnell.

Mein Fuß traf die Stufe nicht richtig.

Ich fiel nach vorne.

Mein Knie knallte auf den Boden.

Der Nuckel fiel mir aus dem Mund.

„Florian—“

Ich rappelte mich hoch.

Rannte aus der Küche.

Durch den Flur.

Ins Wohnzimmer.

Hinter die Couch.

Ich kroch so weit dahinter, wie ich konnte.

Bis zur Wand.

Dann zog ich die Knie dicht an meinen Körper und legte die Stirn darauf.

Mein Daumen fand von selbst meinen Mund.

Die Tränen liefen einfach.

Ich konnte sie nicht aufhalten.

Mein ganzer Körper bebte bei jedem Atemzug.

Ich versuchte leise zu sein.

Aber immer wieder kam dieses blöde Schluchzen.

Ich presste das Gesicht fester gegen meine Knie.

Hinter der Couch war es dunkel.

Fast kein Licht kam hierher.

Nur ein schmaler Streifen lag auf dem Boden.

Ich mochte das nicht.

Aber raus wollte ich noch weniger.

Aus der Küche hörte ich etwas.

Dann wurde es still.

Schritte kamen durch den Flur.

Mein Herz schlug noch schneller.

Ich rutschte so dicht an die Wand, wie es ging.

Die Schritte kamen näher.

Vielleicht ging er vorbei.

Vielleicht—

Sie hörten auf.

„Florian?“

Ich bewegte mich nicht.

Mein Daumen blieb im Mund.

Die Tränen liefen weiter über mein Gesicht.

„Hey?“

Ich hielt ganz still.

Dann klickte etwas.

Im Wohnzimmer ging die kleine Lampe an.

Nicht die große an der Decke.

Nur die neben der Couch.

Ein bisschen Licht fiel jetzt auch hinter die Couch.

Nicht viel.

Aber es war nicht mehr ganz so dunkel.

Ich hörte Markus wieder.

Ein paar Schritte.

Dann raschelte seine Kleidung.

Etwas scharrte leise über den Boden.

Danach wurde es still.

Markus sagte erst einmal nichts.

Ich auch nicht.

Nur mein Schluchzen war immer noch da.

Ich bekam es nicht weg.

Eine Weile passierte nichts.

Dann sagte Markus leise:

„Ich schick dir mal jemanden.“

Ich wusste nicht, was er meinte.

Kurz darauf flog etwas vorsichtig über die Couchkante.

Es landete weich neben meinen Füßen.

Schwarz.

Weiß.

Pandi.

Ich zog ihn sofort zu mir.

Drückte ihn gegen mein Gesicht.

Sein Fell wurde gleich nass.

Markus blieb auf der anderen Seite der Couch.

„Tut mir leid“, brachte ich irgendwann heraus.

Die Worte kamen kaum richtig.

Immer wieder musste ich dazwischen Luft holen.

„Es tut mir leid.“

Markus antwortete sofort.

„Hey.“

Seine Stimme war ganz ruhig.

„Alles gut.“

Ich schüttelte den Kopf.

Obwohl er das wahrscheinlich gar nicht sehen konnte.

„Ich wollte das nicht kaputt machen.“

Danach kam wieder nur ein Schluchzen.

Ich drückte mein Gesicht fester gegen Pandi.

„Das weiß ich“, sagte Markus.

Mehr erst einmal nicht.

Ich wartete.

Mein Bauch tat weh vor Anspannung.

Markus musste doch noch was sagen.

Aber es kam nichts.

Erst nach einer Weile hörte ich ihn wieder.

„Das Ei ist nicht schlimm, Florian.“

Ich zog die Knie noch dichter an mich.

„Ehrlich.“

Pause.

„So ein Ei fällt eben manchmal runter.“

Wieder Pause.

„Dann ist es kaputt.“

Ich schniefte.

„Wir wischen es weg und nehmen ein neues.“

Ich sagte nichts.

Die Tränen liefen immer noch.

Nicht mehr ganz so schlimm wie eben.

Aber sie hörten nicht auf.

„Ich bin nicht böse auf dich.“

Mein Daumen rutschte wieder zwischen meine Lippen.

Markus blieb still.

Dann bewegte sich etwas auf der anderen Seite der Couch.

Nur ein Rascheln.

Vielleicht rückte er sich anders hin.

Ich zuckte sofort zusammen.

Mein Rücken drückte sich noch fester gegen die Wand.

Die Stirn blieb auf meinen Knien.

„Hey.“

Markus bewegte sich nicht mehr.

„Alles gut.“

Ich schluchzte wieder auf.

„Ich bleib sitzen.“

Seine Stimme kam noch immer von derselben Stelle.

„Ich komm nicht zu dir.“

Ich drückte Pandi gegen mein Gesicht.

Es dauerte lange, bis mein Atem wieder ein bisschen langsamer wurde.

Markus sagte nichts.

Er ließ mich einfach.

Irgendwann hörte ich ihn ganz leise:

„Du hast gerade richtig Angst vor mir, hm?“

Ich antwortete nicht.

Mein Daumen blieb im Mund.

„Ist okay.“

Wieder Stille.

„Du musst nichts sagen.“

Ich zog an Pandis Ohr.

„Ich hab’s kaputt gemacht“, wimmerte ich.

„Ich weiß.“

Ich wartete.

„Aber wegen einem kaputten Ei passiert dir nichts.“

Meine Finger wurden still.

Markus redete nicht weiter.

Er ließ den Satz einfach da.

Ich wusste nicht, was ich damit machen sollte.

Die Tränen liefen wieder stärker.

„Tut mir leid.“

„Du musst dich doch nicht immer entschuldigen, Florian.“

Seine Stimme blieb weich.

„Ich bin dir wirklich nicht böse.“

Ich presste das Gesicht wieder auf meine Knie.

Eine ganze Weile hörte ich nur meinen eigenen Atem.

Und manchmal Markus.

Ganz ruhig.

Er war noch da.

Er kam nicht näher.

Irgendwann sagte er:

„Annette hat mir schon einiges erzählt.“

Ich bewegte mich nicht.

„Ich weiß, dass du schon viele schlimme Sachen erlebt hast.“

Pandi lag fest zwischen meinem Gesicht und meinen Knien.

„Und ich weiß, dass du oft Angst hast.“

Meine Lippen schlossen sich fester um meinen Daumen.

Markus schwieg kurz.

„Ich seh ja gerade, wie sehr dich das mitnimmt.“

Meine Augen wurden schon wieder heißer.

„Deswegen möchte ich dir einfach was sagen.“

Ich hörte hin.

„Du musst vor mir keine Angst haben.“

Ich schluckte.

„Annette und ich wollen, dass du hier sicher bist.“

Seine Stimme war jetzt ganz leise.

„Dass du weißt, dass dir hier keiner wehtut.“

Ich hielt Pandi noch fester.

Markus ließ sich wieder Zeit.

„Ich hab dich nämlich lieb, kleiner Mann.“

Mein Daumen bewegte sich nicht mehr.

„Und ich will auf dich aufpassen.“

Pause.

„Ich will dir noch ganz viel zeigen.“

Noch eine.

„Mit dir Sachen machen.“

Seine Stimme klang plötzlich ein kleines bisschen anders.

Fast warm.

„Und bestimmt auch noch ganz viel Quatsch.“

Ich hob den Kopf nicht.

Aber ich hörte jedes Wort.

„Ich will jedenfalls nicht, dass du vor mir Angst haben musst.“

Wieder wurde es still.

Dann sagte Markus:

„Ich werde dich nicht hauen, Florian.“

Mein ganzer Körper spannte sich an.

Markus sagte nichts weiter.

Ich zog den Daumen langsam aus meinem Mund.

„Gar nich’?“

„Gar nicht.“

Ich schluckte.

„Auch wenn was kaputtgeht?“

„Auch dann nicht.“

Ich hielt Pandi gegen meinen Bauch.

„Auch wenn du böse bist?“

Markus brauchte einen Moment.

„Ich werd bestimmt irgendwann mal sauer sein.“

Mein Bauch zog sich sofort zusammen.

„Aber dann hau ich dich trotzdem nicht.“

Ich schniefte.

„Ich kann dir sagen, dass ich sauer bin.“

Pause.

„Aber ich tu dir nicht weh.“

Ich blieb ganz still.

„Versprochen?“

„Versprochen.“

Mein Daumen fand wieder meinen Mund.

Ich lehnte die Stirn zurück auf meine Knie.

Markus blieb, wo er war.

Er kam nicht näher.

Das war gut.

Eine Weile sagte niemand etwas.

Mein Atem wurde langsam ruhiger.

Die Tränen liefen noch.

Aber nicht mehr so viele.

Dann musste ich wieder an Annette denken.

Sofort wurde mein Hals eng.

„Annette?“

Markus antwortete gleich.

„Die kommt wieder.“

Ich schniefte.

„Wirklich?“

„Ja.“

„Ganz sicher?“

„Ganz sicher.“

Seine Stimme klang so, als wäre das überhaupt keine Frage.

„Sie ist nur beim Elternabend. Danach kommt sie wieder nach Hause.“

Ich drückte Pandi ein bisschen fester an mich.

„Heute?“

„Heute.“

Ich schloss kurz die Augen.

Markus blieb noch eine ganze Weile einfach auf dem Boden sitzen.

Dann fragte er:

„Darf ich ein bisschen näher kommen?“

Mein Körper wurde sofort wieder steifer.

Markus bewegte sich nicht.

Er wartete.

Ich hob die Stirn ein kleines Stück von meinen Knien.

Mehr nicht.

„Nur ein kleines Stück“, sagte er.

Ich hörte hin.

Dann nickte ich ganz leicht.

Ob er das sehen konnte, wusste ich nicht.

Vielleicht nicht.

Ich zog den Daumen aus dem Mund.

„Ja.“

Ganz leise.

Jetzt hörte ich, wie Markus über den Boden rutschte.

Nur ein Stück.

Dann hörte es wieder auf.

„So?“

Ich hob den Kopf etwas weiter.

Ganz vorsichtig.

An der Seite der Couch konnte ich einen Teil von ihm sehen.

Sein Bein.

Ein Stück von seinem Pullover.

Markus saß noch immer auf dem Boden.

Ich sah gleich wieder auf Pandi.

Aber ich nickte.

„Noch ein bisschen?“

Ich brauchte länger.

Dann zog ich den Daumen wieder aus dem Mund.

„Ja.“

Ganz leise.

Markus rückte näher.

Langsam.

Und blieb wieder sitzen.

Er wartete jedes Mal.

Irgendwann konnte ich sein Gesicht sehen, wenn ich an der Couch vorbeischaute.

Er sah mich nur an.

Mehr nicht.

„Ist das okay?“

Ich nickte.

Markus blieb noch einen Moment dort.

Dann fragte er:

„Darf ich zu dir kommen?“

Ich sah ihn an.

Nur kurz.

Dann auf Pandi.

Mein Herz klopfte wieder schneller.

Aber nicht so wie vorher.

Markus wartete.

Er streckte nicht einfach die Hände nach mir aus.

Er saß nur da.

Ich rutschte ein kleines Stück nach vorne.

Dann noch eins.

Markus bewegte sich immer noch nicht.

Erst als ich fast an der Kante der Couch war, hielt er mir vorsichtig die Hände hin.

„Möchtest du zu mir?“

Ich sah auf seine Hände.

Dann in sein Gesicht.

Ganz leicht nickte ich.

Markus zog mich nicht zu sich.

Er wartete, bis ich selbst das letzte Stück kam.

Dann nahm er mich vorsichtig hoch und setzte mich auf seinen Schoß.

Pandi blieb bei mir.

Ich drückte ihn fest an meinen Bauch.

Markus legte einen Arm um mich.

Ganz langsam.

Mein Körper wurde sofort wieder ein bisschen steif.

Markus hielt inne.

„Alles gut.“

Mehr sagte er nicht.

Nach einer Weile lehnte ich mich ein kleines Stück gegen ihn.

Nur ein bisschen.

Seine Hand legte sich an meinen Rücken.

Sie blieb dort.

Warm.

Ganz ruhig.

Irgendwann fing sie an, langsam über meinen Rücken zu streichen.

Immer wieder.

Ganz gleichmäßig.

Mein Daumen war noch immer im Mund.

Meine Wange lag irgendwann an Markus‘ Pullover.

Da war wieder dieser Geruch.

Nach draußen.

Nach seiner Kleidung.

Und nach Markus.

Seine Hand bewegte sich weiter.

Langsam.

Immer gleich.

Dann bewegte Markus sich plötzlich ein bisschen.

Sofort wurde ich wieder steifer.

Er hielt inne.

„Nur dein Nuckel.“

Ich hob den Kopf.

Er hielt ihn in der Hand.

„Den hast du in der Küche verloren.“

Er hielt ihn

 mir hin.

Ich nahm ihn selbst.

Mein Daumen kam aus dem Mund.

Der Nuckel rein.

Das war besser.

Markus legte den Arm wieder um mich.

Seine Hand strich weiter über meinen Rücken.

„Annette ist bestimmt bald wieder da.“

Ich nickte gegen seinen Pullover.

Pandi lag zwischen mir und Markus.

Ich hielt ihn fest.

Markus bewegte sich irgendwann noch einmal.

Nur ein bisschen.

Mein Körper spannte sich wieder an.

Aber seine Hand blieb ruhig an meinem Rücken.

Dann strich sie weiter.

Langsam.

Immer gleich.

Ich blieb bei ihm sitzen.

Autor: michaneo | Automatische Veröffentlichung

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Michael
Michael
Gast
17/09/2026 01:38

Wieder eine Fortsetzung mit vielen Erlebnissen und allen Betrachtungen der Erlebten.
Feinfühlig und vorsichtig, mit viel Verstand und Vertrauen der verletzten Seelen.
Freu mich auf die Fortsetzung.
Danke

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