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Stadt ohne Gesicht (6)

13/09/2026 0 comments Article Gemischt Nancy Proud
This entry is Teil 6 von 6 in the series Stadt ohne Gesicht
Windelgeschichten.org präsentiert: Stadt ohne Gesicht (6)

„Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ –

✍️Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.

Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.

„Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.

Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!

Danke, Nancy Proud

Die Geschichte darf nicht kopiert werden

Kapitel 6

(Februar 2010)

Der Riss

„Ein weites Feld…“, wiederholte Vera Wolf langsam, und ihre Stimme schmeckte das Fontane-Zitat förmlich nach. „Sie bemühen die Klassiker und arbeiten bald in der Forschung, Herr Amarell. Das ist zumindest ein Anfang, der auf eine gewisse Bildung und Struktur schließen lässt. Einbildung ist es hoffentlich nicht. Und Bielefeld… nun, die Universität, das ist ja gut pendelbar von hier.“

Sie fixierte meine Hände, die noch immer unruhig auf dem Stoff meiner Hose lagen, und wollte gerade weitererzählen, als aus dem Flur das schrille, mechanische Klingeln eines alten Wählscheibentelefons ertönte. Das laute, aggressive Rrring-Rrring zerschlug die angestaubte Ruhe des Raumes wie eine weggeworfene Glasscherbe.

Vera Wolf verzog keine Miene, aber ihre Handknöchel am silbernen Knauf des Gehstocks wurden für einen Moment kreideweiß. „Mia!“, rief sie mit ihrer sonoren, herrischen Stimme zur Tür hinaus. „Geh bitte an den schrecklichen Apparat!“

Man hörte das hastige Trippeln von Mias kleinen Füßen auf dem Flurboden, gefolgt von einem unterdrückten, kindlichen Nuscheln in den schweren Hörer. Wenige Augenblicke später steckte der blonde Lockenkopf wieder durch den Türspalt. Mia blickte ihre Großmutter mit großen, ehrlichen Kinderaugen an.

„Omi? Das war Charly“, sagte Mia laut und zupfte aufgeregt an ihrem Pullover. „Die kommt heute nicht. Die hat gesagt, das Auto ist kaputt und schläft. Und im Zimmer ist ganz viel Farbe umgefallen. Morgen kommt sie vielleicht. Oder übermorgen. Aber da war Musik im Telefon, ganz laut.

Ich glaube, Charly tanzt wieder.“

Ich hielt den Atem an. Ein tiefer, dunkler Schatten legte sich über das Gesicht von Vera Wolf. Charlottes chronische Unzuverlässigkeit war offensichtlich ein wunder, brennender Punkt in diesem Haus. Als Kunststudentin und Cousine der Familie genoss sie bei Vera eigentlich Narrenfreiheit – die alte Dame ignorierte die immergleichen, ausgebufften Ausreden ihrer Verwandtschaft standhaft, nur um den Schein der perfekten Familie nach außen hin zu wahren. Doch hier, vor mir, einem völlig fremden Bewerber, war dieser Anruf ein herber, unerträglicher Gesichtsverlust.

„Mia! Genug der Unverschämtheiten über deine Cousine“, maßregelte Vera das Kind scharf, doch ihre Stimme klang für einen kurzen Moment seltsam kraftlos und brüchig. „Charlotte ist… künstlerisch gefordert. Richte ihr aus, wir haben verstanden. Und dann geh in dein Zimmer.“

Mia schnaubte leise, warf mir im Gehen einen vielsagenden, fast verschwörerischen Blick zu und verschwand wieder im Flur.

Vera Wolf atmete tief durch. Sie straffte ihre Wirbelsäule noch ein Stück mehr, als wollte sie den Einbruch des Chaos mit purer, aristokratischer Haltung abwehren. Ich saß auf meinem Stuhl, spürte die schwere, feuchte Wärme meines dicken Vlieses im Schritt und beobachtete sie. Als sie mich wieder ansah, lag eine neue, fast greifbare Dringlichkeit in ihren Augen. Ohne Charlotte war diese stolze Frau heute Abend mit der kleinen Mia und ihrer kaputten Hüfte komplett auf sich allein gestellt. Und das wusste sie.

„Nun, Herr Amarell“, sagte sie, und ihre Stimme hatte mühsam wieder die gewohnte Fassung und Disziplin angenommen. „Wie Sie sehen, sind die Dinge hier… dynamisch. Da Charlotte heute durch unvorhersehbare Umstände aufgehalten wird, kann sie Ihnen das Zimmer vorerst nicht zeigen. Das müssen wir verschieben. Aber kommen wir zum Kern: Wenn Sie in fünfzig Tagen beim Fraunhofer-Institut beginnen, haben Sie ja jetzt Zeit. Können Sie das, was ich von Ihnen fordere, ab sofort leisten? Und wie flexibel sind Sie, wenn Not am Mann ist?“

Ich schluckte. In mir zog sich alles zusammen – nicht vor Angst, sondern vor einer tiefen Freude. Ich sah die Hilflosigkeit hinter ihrer strengen Fassade und spürte, wie sehr ich hier gerade gebraucht werden würde.

Ich bemerkte die feinen Nuancen in ihrer Stimme und verstand, wie unangenehm Vera Wolf diese Situation war. Sie verteidigte ihre Haltung und die mühsam aufrechtgehaltene Etikette wortlos, und es lag ganz und gar nicht in meiner Natur, diese kleine Risswunde in ihrer Fassade aufzugreifen oder gar zu meinem Vorteil zu nutzen. In meiner zurückhaltenden Art wollte ich sie einfach nur unterstützen, ohne die Umstände genauer zu hinterfragen.

Doch während ich still dasaß, sickerte die Realität meines eigenen Körpers wieder durch meine Gedanken. Ich saß hier, inmitten eines für mich so lebensverändernden Vorstellungsgesprächs, in meiner feuchten Windel. Ich wollte diese Wohnung, ich wollte dieses soziale Engagement unbedingt. Mein Blick glitt kurz hinab zu meinem Rucksack, der neben dem Stuhl stand. Darin befinden sich nur noch zwei frische Pampers und ein paar Pflegeprodukte zum Frischmachen. Wenn alles gut ging und meine gestresste Blase nicht vollends versagte, musste ich dieses Haus spätestens morgen früh wieder verlassen haben, um meine sichere Komfortzone nicht zu gefährden. All diese Gedanken kreuzten sich in meinem Kopf, während das Schweigen im Raum dichter wurde.

Vera Wolf spürte wohl, dass sie mich mit ihrer direkten Frage ein wenig bedrängte. Sie schenkte mir die Zeit der Stille, taxierte mich geduldig, während die Zeiger der großen Standuhr unaufhörlich auf achtzehn Uhr zurückten. Sie wusste genau, dass Mia bald zu Bett gehen musste und ihre abendlichen Rituale einforderte.

Schließlich brach sie das gemeinsame Nachdenken und versuchte, aus ihrer Sicht ein weiteres Argument mit Gewicht anzubringen. „Nun, Herr Amarell… Haben Sie eine Antwort auf meine Frage gefunden? Wenn Sie mir Ihre konkreten Planungen mitteilen, werde ich im Anschluss meinen Sohn kontaktieren müssen. Er befindet sich derzeit in Bayern beim Militär und finanziert selbstverständlich die Betreuung und Förderung von Mia. Morgen gegen Mittag würde ich mich dann bei Ihnen melden, wie wir gemeinsam entschieden haben. Spricht aus Ihrer Sicht etwas gegen dieses Vorgehen?“

„Nein, gar nicht, Frau Wolf“, antwortete ich leise und bemühte mich um einen ruhigen Ton, ohne zu viel aus meiner eigenen Vita preiszugeben. „In meiner zukünftigen Position am Institut genieße ich recht viele freie Entscheidungen. Ich werde zwar im Schichtdienst arbeiten, kann meine Dienste aber sehr flexibel legen. Das schließt den Dienstanfang und das Dienstende mit ein. Ich könnte mich also sehr gut anpassen.“

Während wir so theoretisch über ein eventuelles Engagement sprachen, brach das unkalkulierbare, echte Leben in Form von Mia durch die Wohnzimmertür.
Verschüchtert drückte das Mädchen sich durch den Spalt. Unter den linken Arm hatte sie fest ihr krankes Kuschelkrokodil geklemmt, in den Händen balancierte sie vorsichtig drei rote Äpfel aus dem Garten. Sie steuerte direkt auf den Ohrensessel zu.

„Omi, bitte… Noffel ist fürchterlich krank und hat ganz dolle Bauchschmerzen“, sagte sie mit leiser, besorgter Stimme. „Er wollte bei meiner Geschichte von dem riesigen Eisbecher gar nicht mehr zuhören. Aber Becci aus der Kita sagt doch immer: Eigene Äpfel sind viel besser als ein Rezept vom Doktor. Stimmt das, Omi? Ich möchte doch nur, dass die Äpfel ganz warm in den kranken Bauch von Noffel kommen… und dann kann ich ihn ja mit Apfelpfannkuchen füttern.“

Frau Wolf tätschelte mit ihrer freien Hand ihren Oberschenkel – ein stummes Signal für Mia, den Kuschelplatz auf dem Schoß ihrer Omi zu besetzen. Ich beobachtete die Situation mit einem leisen, inneren Lächeln, hütete mich aber, es offen auf meinem Gesicht zu zeigen.
Währenddessen formten sich meine Beobachtungen zu einem besorgniserregenden Bild. Ich war nun schon seit fast zwei Stunden als Gast in diesem Haus, doch nirgendwo im Raum konnte ich Gläser, Tassen oder Trinkgefäße entdecken. Der Verdacht verhärtete sich, dass Vera und Mia seit Stunden sehnsüchtig auf Charlotte gewartet hatten. Weil die Enkelin nicht gekommen war, hatten die alte Dame mit ihrer kaputten Hüfte und das kleine Kind die ganze Zeit ohne Flüssigkeit auskommen müssen. Sie waren blockiert.

Während Mia nun aufgeregt durch das Wohnzimmer spurtete, um in die Arme von Vera zu gelangen, passierte das Missgeschick: Zwei der roten Äpfel entglitten ihren kleinen Fingern und kullerten in unterschiedliche Richtungen über den Boden. Auch das Krokodil Noffel wurde unsanft vor dem Ohrensessel abgelegt, da der Aufstieg auf Veras Schoß Mias ganze kindliche Gelenkigkeit erforderte. Man konnte sofort sehen, wie die Anspannung aus Mias Gesicht kroch, als sie endlich sicher in Omas Armen lag. Selbst die eiserne Dame verschluckte einen tiefen Seufzer und zwang sich ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen.

„Und jetzt?“, fragte Vera das Kind mit einer zutiefst weichen Stimme.

„Ja nichts, fast gar nichts“, antwortete Mia leise. Dabei schielte sie sehnsüchtig nach ihrem Noffel, während sie den letzten verbliebenen Apfel in ihren kleinen Händchen von rechts nach links drehte.
Als Vera sich langsam aus dieser kurzen, intensiven Umarmung löste, richtete sie ihren klaren Blick wieder auf mich. Sie war nun nicht mehr nur an ihren Sessel, sondern auch an Mias eingeforderte Kuschelstunde gebunden. Sie konnte nicht aufstehen.

Ich spürte, dass das meine Sekunde war. Ganz vorsichtig, um das Vlies unter meiner Bundfaltenhose nicht zu laut rascheln zu lassen, rutschte ich auf meinem Sessel nach vorn. Ich erhob mich mit behutsamen, unaufdringlichen Bewegungen, um mich zuerst um die Kulleräpfel zu bemühen und den kranken Noffel vom Boden aufzuheben. Ich wollte einfach nur nützlich sein, ohne Raum einzunehmen.

Ich bückte mich langsam, spürte das warme, schwere Polster meiner Windel im Schritt und sammelte die beiden Äpfel auf, die bis zum Rand des Teppichs gerollt waren. Dann nahm ich das grüne Stoffkrokodil behutsam in die Hand. Ich trat zwei Schritte näher an den Ohrensessel heran. Mia beobachtete mich mit einer Mischung aus kindlicher Neugier und leiser Skepsis, während ich mich leicht vor ihr hinunterbeugte, um ihr Noffel und die Früchte entgegenzustrecken.

„Ein echter Apfelpfannkuchen ist die beste Medizin für ein Krokodil“, sagte ich mit einer Stimme, die so sanft war, dass sie die Stille des Raumes kaum störte. Ich blickte kurz zu Frau Wolf auf, deren Augen mich mit einer neuen, fast dankbaren Aufmerksamkeit musterten.

Ich versuchte, mich in der riesengroßen Küche zu orientieren, und wusste schon gar nicht mehr, wie lange ich bereits nach Vanillezucker, Mehl und Eiern suchte. Kurz zuvor war ich noch leise im Wohnzimmer auf meinem Sessel sitzen geblieben. Die drei roten Äpfel lagen behutsam in meinen Händen, während ich gedanklich meine Möglichkeiten jonglierte. Vera hatte nach dem Telefonat erschöpft die Augen geschlossen, und auch die kleine Mia war an ihrer Seite sanft weggeschlummert.

Mich einfach leise aus dem Haus zu schleichen, war mir nicht in den Sinn gekommen. Zum einen war unser Gespräch noch nicht beendet und ich wollte mir die Chance auf diese Wohnung nicht entgehen lassen. Zum anderen flüsterte mir meine innere Stimme, dass ich die beiden nicht einfach so allein zurücklassen konnte, wenn Charlotte heute Nacht nicht mehr auftauchte. Mein Tag war nun ohnehin nicht mehr nach Plan zu gestalten. Irgendwann musste ich zwar an mich selbst denken – zurück in die Bielefelder City fahren, ein Zimmer buchen, damit ich am Samstag wenigstens eine sichere Bahnverbindung nach Kassel bekam. Aber jetzt war ich hier.

Als Mia im Schlaf unruhig wurde, war ich leise aufgestanden und in die Küche ausgewichen, um Vera die nötige Ruhe zu gönnen. Nun öffnete ich vorsichtig einzelne Schranktüren. Es war wie bei einem Adventskalender: Die ersten drei Türen waren praktische Nieten, und in mir keimten die ersten Zweifel. Was, wenn Vera mein eigenmächtiges Handeln missbilligte? Mir war schmerzhaft bewusst, dass sie mir das als Unverschämtheit oder Übergriffigkeit auslegen und ich damit meine Option auf das Zimmer verspielen könnte. Ich wischte den Gedanken mühsam weg. Meine Seele signalisierte mir, dass ich hier und jetzt einfach handeln musste.

Gut eine Viertelstunde später hörte ich plötzlich kleine, leise Schritte hinter mir. Verwundert drehte ich mich um und entdeckte den blonden Lockenkopf im Türrahmen.

„Huch, wo kommst du denn jetzt her? Du warst doch so müde“, fragte ich sie mitfühlend.
„Nö“, war ihre einfache Antwort. Sie schlurfte näher, die Augen noch ganz verklebt. „Und außerdem knattert Omis Mund wie Opas alter Oldeimer.“

Oldeimer. Ich blies kurz die Backen auf und konnte ein Schmunzeln nach innen nicht vermeiden. Nicht nur wegen des Wortes, sondern weil Mia es mit einer solchen kindlichen Selbstverständlichkeit benutzte.
„So, so… die Oma knattert also wie ein Oldeimer“, wiederholte ich amüsiert, um ihre Ebene zu teilen. „Na, dann komm zu mir hoch. Dann kannst du mir helfen, Mehl, Eier und Zucker zu suchen.“

Ich hielt ihr beide Hände entgegen, die Mia langsam und ein wenig zögernd annahm. Ich hob sie mit einer behutsamen Bewegung an und setzte sie auf der freien Arbeitsfläche neben dem Herd ab.
Mias Nähe holte mich augenblicklich zurück in die Gegenwart – und mit ihr das feuchte, schwere Gefühl im Schritt. Die plötzliche Anstrengung beim Hochheben des Kindes drückte das nasse Vlies spürbar gegen meine Haut. Es war ein zutiefst intimer, fast beschämender Moment, doch gleichzeitig strömte eine seltsame, wohlige Wärme durch mich hindurch. Dieses dicke Polster unter meiner Bundfaltenhose war meine Komfortzone, mein geheimer Schutzschild gegen die Welt da draußen. Ich wusste, dass ich mich irgendwann an diesem Abend mit dem Problem beschäftigen musste, aber jetzt zählte nur das Kind.
„Warum bist du eigentlich nicht einfach gegangen?“, fragte mich Mia, während sie mit den Beinen gegen die Schranktür baumelte.

„Ich wollte mich nicht heimlich aus dem Haus stehlen“, antwortete ich leise. „Und außerdem hatte ich ja deine schönen roten Äpfel in der Hand. Die wollte ich zusammen mit Pfannkuchen für dich und deine Oma machen. Verstehst du? Weil Charlotte doch heute nicht mehr kommt.“

„Wer braucht schon Charly“, piepste Mia mit einer entlarvenden Ehrlichkeit. „Wenn die Omi gleich wieder wach wird, ruft sie sowieso heimlich unsere… ähm, unsere gute Hausfee an. Und die macht dann alles, was Charly nicht macht. Omi glaubt, ich merke das nicht… Aber immer, wenn Britta im Haus ist, seit Omi die Hüfte quält… dann ist neue Wäsche im Schrank, es gibt warmes Essen und überall ist der Staub weg. Omi meint, ich bin zu klein dafür, aber ich bin schon groß und außerdem viel, viel schlau. Hast du doch auch schon gemerkt, oder, Amarella? Dein Name ist viel zu kompe… kompetenz, finde ich. Das kann man gar nicht richtig sagen.“

Ich nickte verständnisvoll. „Ja, mein Name ist wirklich ein bisschen zu kompetenz. Aber das kann ich leider nicht ändern.“

„Meine Mama hieß ja früher auch wie ihre Mama, nämlich Krämer“, plapperte Mia munter weiter, während sie ein Staubkorn auf der Arbeitsplatte untersuchte. „And jetzt heißen wir Wolf, stimmts? Wolf klingt doch viel schöner als Amarella. Und ich kann mit meinem Namen auch allen Angst machen… Wirklich! So wie… Huuuuhuoooo… huhuuhuhuuu… Siehst du?“

„Oh ja“, erwiderte ich und tat so, als müsste ich mich am Schrank festhalten. „Da bekomme ja sogar ich Angst.“

„Und was suchst du denn da jetzt eigentlich in unserer Küche?“, lenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die offenen Schränke.

„Mir war ein bisschen langweilig, und ich dachte, ich versuche für die Pfannkuchen Mehl, Eier, Milch und Zucker zu finden. Das Rezept habe ich im Kopf.“

Mia riss ihre smaragd-grünen Augen weit auf. „Jetzt wirklich? Du kannst in echt Pfannkuchen backen? Als Mann? Oh, wow… Die besten Pfannkuchen mit Apfel macht eigentlich die Omi. Nicht mal Charly kann welche backen, und bei Britta schmecken sie wie labberiges Brot. Ihhhh… bah… Ich tue aber immer so, als wenn sie ganz, ganz doll schmecken, und wenn sie weggeht, schmeiße ich sie schnell in meine Kita-Tasche und verstecke sie im Garten. Nicht mal den Regenwürmern schmecken die… dabei essen die fast alles, haben wir gelernt. Stimmt doch, oder?“

Ich musste leise lachen über ihr herrlich unschuldiges Geheimnis. „Möchtest du mir denn helfen? Zucker, Mehl, Eier und Milch zu suchen?“

„Ähm, Joshua…“, unterbrach sie mich plötzlich, und ihr Tonfall wurde merklich kleiner. Sie rutschte unruhig auf der hölzernen Platte hin und her, drückte die Knie zusammen. „Ich muss mal. Ganz dringend. Kannst du mir helfen?“

Ich erstarrte mitten in der Bewegung. „Kannst du etwa noch nicht von hier runterhüpfen?“, war meine erste, automatische Reaktion, während in meinem eigenen Kopf das Karussell losraste. Ich, in meiner eigenen nassen Windel, sollte jetzt dieses kleine Mädchen zum Badezimmer begleiten.

Die Schmalzsäule

„Natürlich kann ich schon mutig von hier runterspringen!“, tönte es von der Küchenzeile. Mia schunkelte sich flink an die Kante, wedelte aufgeregt mit den Armen und – hopp – da stand sie mit einem Schwupps und einem breiten Lächeln auf den Wangen auf den glatten Fliesen. Sie schwankte noch ein wenig auf ihren kleinen Beinchen, plusterte sich aber sofort stolz auf.

„Guck, wie Pippi Langstrumpf… Klasse, wa? Ist doch einfach, siehst du. Ohh… hoo, jetzt drückt der Popo noch mehr! Schnell, schnell, Jo-Jo… shu… a, ich muss kacki und du musst mich putzen, klar?“

Meine Gedanken fuhren Achterbahn, und das so schnell, dass mir fast schlecht wurde. Doch mir war sofort klar, dass ich da jetzt durch musste. Wenn ich jetzt Vera weckte, war nicht nur meine Pfannkuchen-Überraschung für die Katz, sie könnte am Ende auch noch denken, dass ich nicht einmal eine alltägliche Situation mit Mia bewältigen konnte. Wenn ich wirklich ernsthaft um diese mietfreie WG-Wohnung eifern wollte, gehörten genau solche Momente zu meinem zukünftigen Alltag. Das war schließlich die Bedingung, die in der Anzeige stand.

„Komm jetzt schnell, Joshua, der Kacki wartet nicht!“, drängelte Mia und schob mich in Richtung Flur. „Aber du bleibst draußen vor der Tür wie eine Schmalzsäule! Ich muss ja dadrin arbeiten, richtig fest arbeiten… nääähh… du kommst erst, wenn ich laut rufe ‚Fertig!‘, aber nicht mogeln und gucken!“

Ich nutzte die Sekunde und griff hastig nach meinem Rucksack, der noch neben dem Sessel stand. In mir keimte die verzweifelte Hoffnung, mich drinnen vielleicht heimlich und ungestört frisch machen und in eine frische Pampers steigen zu können. Die feuchte Wärme in meinem Schritt war langsam nicht mehr zu verdrängen, und mein Kopf schrie nach einer kurzen Pause von der Alarmstufe.

„Komm jetzt, ich brauche unbedingt Beeilung!“, piepste Mia.

Die Privaträume – Schlafzimmer, Kinderzimmer und das Bad – lagen im hinteren Bereich der Etage. Die letzte Renovierung lag bestimmt schon mehr als drei Jahrzehnte zurück, alles wirkte ein wenig aus der Zeit gefallen. Mia zog mich unbeirrt hinter sich her, hatte vor der Badezimmertür aber prompt die nächsten Befehle für mich parat.

„Also, hier ist der Platz für die Schmalzsäule, klar? Und nicht bewegen! Und wenn ich rufe, kommst du… verstanden?“

Ich nickte einfach, fügte mich still ihren Regeln und genoss es insgeheim, mich in diesem kindlichen Spiel ganz ihrer Bestimmung unterzuordnen. Mia verschwand hinter der Tür, deren oberes Drittel aus gemustertem Milchglas bestand. Sie zog die Klinke ins Schloss, aber das erlösende, metallische Geräusch der Verriegelung blieb aus. Sie sperrte sich nicht ein.

Draußen im Flur bereitete ich mich gedanklich auf meine Aufgabe und meine anschließende, heikle Wechsel-Aktion vor. Nervös rubbelte ich meine schwitzigen Handflächen an der Bundfaltenhose trocken. Was, wenn etwas schiefging? Wie ging man mit Mias absolutem Vertrauen um, ohne ihre unschuldige Offenheit zu erschüttern?

Lange konnte ich die Gedanken nicht sortieren, denn schon ertönte aus dem Bad ein lautes, kräftiges: „Fertig! Du kannst kommen… Ich bin fertiiig!“

Ich schnappte mir meinen Rucksack mit den Wechselklamotten und den frischen Windeln, drückte langsam die Türklinke herunter und steckte vorsichtig den Kopf durch den Türspalt. „Soll ich…?“

„Ja, komm schon! Jetzt passt bestimmt eine Menge Pfannkuchen wieder in meinen Bauch“, erklärte sie mir forsch und bestimmend.

Mia saß nicht auf einer Toilettenverkleinerung, sondern stützte sich mit beiden Ärmchen direkt auf dem großen, normalen Toilettendeckel ab. Als ich meinen Rucksack erleichtert unter dem Waschbecken abstellte, hüpfte sie auch schon von ihrem Thron herab und deutete nach oben. „Die weichen Tücher für mich liegen auf dem Fenstersims da hinten.“

Ich musste mich weit über sie rüberbeugen, um an die Packung zu gelangen, und bemerkte dabei mit einem kleinen Schrecken, dass das Fenster vollkommen ungeschützt war. Man konnte ohne jeden Sichtschutz direkt in den Garten schauen.

„Jo… jo… shu… a… mein Rücken bricht gleich durch! Du musst jetzt putzen!“, stöhnte sie theatralisch auf. „Puhhh, das ist genau so anstrengend wie drücken…“

Erst jetzt begriff ich ihre Position: Sie hatte sich im Vierfüßlerstand auf die Badematte gehockt und stützte die kleinen Hände ab. Ich hatte mir großzügig vier Tücher gegriffen und säuberte behutsam ihre blanke Haut. In diesem Moment spürte ich, wie mein Blutdruck in unbekannte Höhen schoss. Eine Welle der Befangenheit überrollte mich, das Blut schoss mir heiß in den Kopf. Mia richtete sich unbefangen wieder auf und zog flink ihre Unterwäsche hoch, während ich noch versuchte, meine Fassung wiederzufinden. Irgendetwas zu sagen, brachte ich einfach nicht über die Lippen.

Dafür übernahm Mia das Reden für uns beide. „Du musst jetzt abziehen und die Toilettenbürste benutzen. Ähm… und nicht vergessen, den Toilettendeckel zuzuklappen! Omi mag keine Unordnung im Bad. Wäschst du mir noch die Hände?“, forderte sie mich auf.

„Ja, natürlich. Ist doch klar“, kam es knapp und ein wenig heiser von mir.

Beim Abtrocknen plapperte sie munter weiter: „So… alles fertig und die Baktermien können mir keinen Pfannekuchen wegessen. Kommst du? Mein Bauch hat jetzt ein noch größeres Loch… das Hungergrummeln macht mir schon Angst, guck, hör mal… da…“

Ich lauschte amüsiert. „Ahh, ja, jetzt höre ich es auch.“

Plötzlich legte Mia den Kopf schief und fixierte meine Beine. „Häää? Bleib mal still stehen. Dein Rascheln ist doch viel lauter als meine Bauchgeräusche… Pst… Joshua…? Kommst du jetzt?“

Mir fror das Blut in den Adern. Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Sie hatte es gehört. Das charakteristische, dumpfe Knistern des Plastiks unter meiner Hose. Panik stieg in mir auf, doch ich musste irgendwie reagieren.

„Mia… ich muss auch mal zur Toilette. Und mir vor dem Backen noch gründlich die Hände waschen. Wo kann ich…?“

Bevor ich meine Frage beenden konnte, durchkreuzte Mia meinen Fluchtplan mit kindlicher Logik. „Okay! Du kannst auch hier machen. Ich passe draußen auch wie eine Schmalzsäule auf, dass dich keiner stört! Rufst du dann, wenn ich kommen soll?“

Mit einem lauten Knall schlug sie die Tür vor meiner Nase zu und war verschwunden.

Ich stand allein im Bad, der Hall des Knalls schien noch in den Fliesen zu hängen. Mein Blick wanderte sofort zur Tür. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Es gab keinen Schlüssel für das Schloss in der Badezimmertür. Das Milchglas starrte mich an, und draußen stand die kleine Schmalzsäule Wache…

Autor: Nancy Proud | Eingesandt via Formular

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