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Stadt ohne Gesicht (5)

06/09/2026 0 comments Article Gemischt Nancy Proud
This entry is Teil 5 von 5 in the series Stadt ohne Gesicht
Windelgeschichten.org präsentiert: Stadt ohne Gesicht (5)

Stadt ohne Gesicht
„Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ –

✍️Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.

Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.

„Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.

Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!

Danke, Nancy Proud

Kapitel 5

(Februar 2010)

Absatz 1: Kummerwolken ade

Als ich im Bus Platz nahm und aus dem Fenster in die sich langsam auflösenden Kummerwolken blickte, erschien es wieder vor meinem inneren Auge: das schrille, fast dämonische Gesicht meiner Mutter. Das grelle Rot auf ihren Lippen ließ ihre blasse Haut nur noch krasser, fast unheimlich wirken. Automatisch duckte ich mich auf meinem Sitz weg – ein Reflex aus Kindertagen, weil ich jeden Moment ihr extrovertiertes, schrill-gelles Lachen erwartete.

Sie lebte so weit weg von der Realität und so unendlich weit weg von mir, dass ich mich zutiefst schämte, wenn mich jemand nach ihr fragte. Besonders im Gemeindehaus, wenn ich bei den Ministranten oder im Chor von den Ferien oder Weihnachten erzählen sollte. Meine Welt interessierte sie nicht. Für sie zählten nur ihre eigenen Probleme, die sie sich durch ihre grenzenlose Oberflächlichkeit immer wieder selbst einbrockte. Von meinen Sorgen, dem Mobbing, dem harten Kampf in der Schule und in der Gesellschaft hatte sie keinen Schimmer.

Pfarrer Olaf Hahn war mir immer näher gewesen als meine eigene Mutter. Er war mein pastoraler Ziehvater. Er sah meine Zweifel und merkte sofort, wenn ich nicht zurechtkam. Er teilte mich für die lukrativen Christ-Metten, Taufen und Beerdigungen ein, damit ich ein gutes Taschengeld verdiente, um Schulfahrten und vieles mehr selbst zu bezahlen. Er unterrichtete mich privat in Latein und half mir, wenn ich in anderen Fächern schlechtere Noten schrieb; er fing mich auf, wann immer er meine Not bemerkte. Anfangs, so mit acht oder zehn Jahren, war mir seine große Nähe manchmal unangenehm und zu direkt gewesen. Später konnte ich gelegentlich besser damit umgehen, und das beklemmende Gefühl legte sich bald. Er blieb jedoch immer als Mentor an meiner Seite.

Ihm verdankte ich das Stipendium im Begabtenprogramm der Kirche; dass ich mich als Kind einer so chaotischen Mutter überhaupt behauptet hatte, erhöhte meine Chancen.

Meine Mutter ließ derweil keine Gelegenheit aus, den Pfarrer und mich schlechtzureden. Selbst meine gelegentlichen Nassunfälle waren in ihren Augen seine Schuld. Dass diese Unfälle eine direkte Folge ihrer ständig wechselnden, unerträglichen Partner waren, die sie betrunken mit nach Hause brachte, kam ihr nicht in den Sinn.

Die Wut und die alte Ohnmacht standen mir bis zum Hals, während sich ihr Gesicht am Himmel langsam verflüchtigte. Doch das schwere Paket lag tief in mir. Ich seufzte, schüttelte den Kopf – und spürte in diesem Moment, wie das Ungewisse auch meine Blase weiter antrieb. Eine vertraute, heiße Wärme breitete sich in meiner Pampers aus und erinnerte mich unbarmherzig an mein geheimes Manko.

Ein plötzliches Tippen auf meiner Schulter riss mich jäh aus den Gedanken. Ich zuckte erschrocken zusammen.
„Sie müssen hier raus“, sagte das schmunzelnde Gesicht der brünetten Frau, während der Bus zischend an der Haltestelle stoppte.

„Oh, vielen Dank“, stammelte ich, schnappte mir meinen Rucksack und drängte mich ins Freie.
Draußen auf dem Gehweg stand ich im kühlen Nachmittagsregen. Mit der linken Hand zog ich den kleinen, abgerissenen Bierdeckel mit der Adresse aus meiner Hosentasche und strich mit den Fingern suchend über die handgeschriebenen Buchstaben: Widumsgasse 2, Sackgasse, Zweifamilienhaus.

Die brünette Frau, die ebenfalls ausgestiegen war, bemerkte meine Hilflosigkeit. Sie lächelte mich an. „Kann ich helfen?“

Überrascht drehte ich mich um neunzig Grad, um ihr höflich ins Gesicht zu schauen. „Ähm, mhh… vielleicht ja. Kennen Sie sich hier etwas aus?“

Sie nickte leicht, blieb aber zugewandt stehen. „Ein bisschen, ja.“

„Ich… ich suche die Widumsgasse 2 in Sennestadt.“

„Ahhh ja, die Wolfs“, erwiderte sie sofort. „Am einfachsten ist es, wenn Sie hier auf der Hauptstraße bis zur ersten Laterne zurücklaufen, dann links in die Krackser Straße einbiegen und bis zur Windelsbleicher Straße laufen. Dann sehen Sie schon die Widumsgasse. Es ist das letzte Haus auf der linken Seite, das können Sie überhaupt nicht verfehlen.

Einen schönen Tag noch!“ Sie winkte kurz und verschwand genau in die entgegengesetzte Richtung.

„Danke, wünsche ich Ihnen auch“, rief ich ihr hinterher.

Es war Freitagnachmittag, kurz nach vier, und es fehlten nur noch zehn, fünfzehn Minuten Fußweg bis zu meiner ersten eigenen Wohnungsbesichtigung. Jetzt hatte ich dieses vertraute Sicherheitsnetz nicht mehr, das ich durch mein Stipendium und die katholische Gemeinde immer hatte nutzen können. Meine bisherige Studentenwohnung hatte mir noch Olaf Hahn besorgt – mein großer Mentor. Ab jetzt würde es niemanden mehr geben, der Dinge für mich erledigte oder mir Entscheidungen abnahm, wenn sich eine Sackgasse auftat oder ich keine Lösung fand. Ich war ganz auf mich allein gestellt.

Ich atmete tief durch, ging entschlossen weiter und rückte mir meinen rettenden Rucksack mit der Hand richtig über die Schulter zurecht. Außer mir war niemand unterwegs, und nur ein einziges Auto fuhr hinter mir über die einsame Landstraße; sein Geräusch blieb mir nur kurz als verhallendes Echo.

Absatz 2: Der Blick des Falken

Im Gehen striff ich mit meiner Hand gedankenverloren über die nassen Blätter einer dichten Ligusterhecke und blickte starr nach vorn.

Mein Weg führte mich fort von den grauen Durchgangsstraßen, vorbei an einer Reihe unauffälliger Bauten, tiefer hinein in das typische Bild dieser Stadt in der Senne. Zu meiner Linken, flankiert von einem kargen, sandigen Grashang, lag schließlich das Ziel: ein freistehendes, großzügiges Architektenhaus. Seine flache, weitläufige Bauweise aus den sechziger Jahren und der riesige Balkon im Obergeschoss versprachen einen ungestörten Blick in die Weite der Senne. Direkt daneben duckte sich ein Nebengebäude mit spitzem Giebel und mächtigen, wettergegerbten Flügeltüren aus Holz – die voll eingerichtete Werkstatt, von der Vera Wolf am Telefon gesprochen hatte.

Hoch am dämmernden Himmel über mir stand ein Turmfalke wie festgenagelt. Mit ausgebreiteten Schwingen rüttelte er in der Luft und lauerte auf Beute im buschigen Grün der Heide. Ich sah ihm so lange zu, bis er schließlich aufgab, abdrehte und im fahlen Abendlicht verschwand.

Die Bewegung hatte gutgetan, aber der fünfzehnminütige Fußweg hatte seinen Tribut gefordert. Unter meiner blauen Bundfaltenhose spürte ich bei jedem Schritt das schwere, abgekühlte Vlies der Windel. Es drückte unangenehm gegen meine Schenkel. Ich knöpfte die obersten Knöpfe meines blauen Cardigans auf, um die angestaute Körperwärme entweichen zu lassen und meinen aufgeregten Atem zu beruhigen.

Bloß nicht ins Schwitzen geraten. Bloß jetzt keinen Fehler machen. Ich rückte den Rucksack auf meinen Schultern in Position und lenkte den Blick zur Haustür.

Eigentlich war ich ganz der Alte. Nichts hatte sich verändert. Und doch… seit der Unterschrift unter dem Uni-Vertrag, den intensiven Stunden im Café Weinstein und den Geistergedanken an meine Mutter, die mich auf der Herfahrt verfolgt hatten, war da dieses neue Gefühl. Ein leises, unaufhaltsames Wachsen in meiner Brust, für das mir bisher jedes Wort fehlte. Noch.

Nur noch wenige Schritte trennten mich von dem Vorstellungsgespräch. Im tiefen Schatten einer mächtigen, alten Buche fand ich kurz Zuflucht vor meiner eigenen, unbändigen Nervosität. Aus dem üppigen Gemüsegarten neben dem Haus schlug mir ein intensiver Duft entgegen: feuchte Erde, widerspenstige Sellerieknollen, rankendes Bohnenkraut und das kräftige, krautige Aroma von einem Maggistrauch. Ein Geruch nach echtem Leben, nach ehrlicher Arbeit. Das exakte Gegenteil zu der sterilen, kalten Chemie meines zukünftigen Labors.

Ich trat auf die oberste Stufe des Eingangsbereichs und atmete noch einmal tief durch. Rechts und links von mir rahmten zwei wuchtige, patinierte Metallkübel die verglaste Haustür ein. Darin wucherten ausladende, blaue Hortensien. Wären sie gepflegt gewesen, hätte mich dieser Anblick sicher positiv gestimmt – doch die Vernachlässigung war unübersehbar. Die vertrockneten, braunen Blüten waren seit Wochen nicht ausgeputzt worden, und wilder Weizen schoss bereits frech zwischen den Blättern hoch. Die schwere Hüft-OP hatte der alten Dame offensichtlich jegliche Kraft genommen. Sie brauchte mich. Wirklich.

Absatz 3: Die Galerie der Zukunft

Ich wandte mich der massiven Tür zu und drückte auf die große Messingklingel. Ihr dumpfer, schwerer Ton hallte unüberhörbar durch das ganze Haus und schnitt mitten in die nachmittägliche Stille der Senne. Sofort schreckte ich auf; mein Pulsschlag beschleunigte sich spürbar. Durch das milchige Glas der Tür konnte ich schemenhaft erkennen, wie eine kleine Gestalt auf halber Höhe in meine Richtung hüpfte.

Wie in Zeitlupe öffnete sich die schwere Tür. Ein kleiner, blonder Lockenkopf zog das Holz unter heftigem, kindlichem Stöhnen auf. Das Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, riss die Augen weit auf und musterte mich ungeniert vom Kopf bis zu den Sohlen.

In mir zog sich alles zusammen. Hatte ich zu viel Haarspray erwischt? Konnte sie durch die blaue Bundfaltenhose etwa das Mieder oder das dicke Vlies meiner Pampers sehen?
„Omi, Omiii!“ Die Kleine drehte sich um und gellte durch den weiten Flur. „Hier steht ein Barbie-Schnittchen! Darf ich die reinlassen… häää?“

Mir stockte der Atem. Barbie-Schnittchen. Das Wort traf mich wie ein Schlag mitten in meine ohnehin zerrissene Seele.

„Mia! Woher hast du das schon wieder?“, ertönte eine mahnende, sonore Stimme aus dem dunklen, würdevollen Inneren des Hauses.

Die Kleine hielt sich theatralisch mit beiden Händen die Ohren zu, kräuselte die Stirn und fixierte mich dann wieder mit einem frechen, unschuldigen Grinsen. „Hey, ich bin Mia. Und wer bist du?“
„Deine Omi hat mich eingeladen“, entgegnete ich leise, noch immer völlig irritiert und bemüht, meine Stimme so tief und männlich wie nur möglich klingen zu lassen. „Mein Name ist Amarell. Joshua Amarell.“

„Du hast ja einen komischen Namen“, plapperte Mia sofort los, ohne überhaupt Luft zu holen. „Sowas habe ich noch nie gehört. Konnte deine Mama etwa nicht Arielle schreiben? Klingt doch viel schöner als Armdelle…“

Gerade als ich die Luft einsaugen wollte, um zu protestieren und die Aussprache meines Nachnamens richtigzustellen, durchbrach erneut die klare, tiefe Stimme aus dem Hintergrund die Szene.

„Mia! Zeig unserem Besuch doch bitte den Weg ins Wohnzimmer. Dass du immer so hemmungslos geschwätzig sein musst… Du enttäuschst mich. Was soll der Besuch von uns denken? Jetzt sei folgsam und führ den Herrn zu mir. Du weißt genau, ich mag keine frechen Mädchen in meinem Haus.“

Mia verdrehte genervt die Augen, griff nach meiner völlig schlaffen Hand und zerrte ungeduldig daran. „Kommst du jetzt?“

Ich biss mir auf die Unterlippe. Aus zusammengekniffenen Augen musterte ich das Kind, das vor mir herhibbelte. Mit ihren weichen, kleinen Fingern zog sie mich durch einen langen, kühlen Flur, dessen Wände überreich mit alten Ölgemälden und einer ehrwürdigen Ahnengalerie geschmückt waren. In der Mitte des Ganges stoppte Mia so abrupt, dass ich sie fast umgerannt hätte. Sie wirbelte zu mir herum und fing sofort wieder an zu tuscheln:

„Aber psssst! Omi mag es nicht, wenn ich Heimlichkeiten mache. Keine Angst, das Gewittergesicht von Omi sieht nur böse aus. In echt macht sie mir immer tolle Sonnenstiche und ist gar nicht so streng. Sie tut nur so, das habe ich schon lange herausgefunden! Sie hat früher bestimmt bei den Dinosauriern gelebt und nennt jetzt alle Kindchen, die noch klein sind und ihr Gesicht noch nicht bügeln müssen. Sie ist auch keine gemeine Hexe, wie die Omis im Fernsehen. Leider hat sie keine eigenen Kinder und ist bestimmt deshalb schon lange ganz, ganz alt… echt uralt! Den Stock nimmt Omi jetzt immer, weil ihre Beine vergessen haben, wie man geht.“

Mit einem kräftigen Ruck zerrte sie mich schließlich ins herrschaftliche Wohnzimmer. „Omi, guck, ich bringe dir das Barbie-Schnittchen! Die Mama hat einen ganz komischen Namen ausgesucht… Adernelle! Lustig, wie, häää Omi?“

„Mia, sei nicht so albern und entschuldige dich auf der Stelle bei Herrn Amarell“, entgegnete Vera Wolf, die majestätisch in ihrem Ohrensessel thronte.

„Hö? Du bist ein Mann? Seit wann gibt es denn…“

„Also wirklich, Mia…“, unterbrach sie ihre Großmutter mit gefährlich hochgezogener Augenbraue.

„Wenn du heute Abend keine Apfelpfannkuchen mehr zum Abendbrot möchtest, darfst du natürlich gerne weiter den Clown spielen. Und dann darfst du dir für deine unlustige Vorstellung auch gleich dein Bettzeug in den Schuppen bringen.“

Mia schluckte, machte auf dem Absatz kehrt und schlurfte mit hängenden Schultern aus dem Zimmer. Die schwere Atmosphäre des Raumes schien sich sofort enger um meine Brust zu legen.

Vera Wolf wandte ihren kühlen, prüfenden Blick nun mir zu. „Nun, Herr Amarell. Setzen Sie sich doch. Die Bedingungen für das mietfreie Zimmer haben Sie ja bereits aus unserem Stadt-Blatt entnommen. Haben Sie noch Fragen dazu? Zwanzig Stunden Arbeit im und ums Haus. Mein Sohn ist beim Militär in Bayern, ich bin ganz auf mich gestellt. Erzählen Sie mir: Warum glauben Sie, dass Sie diesen umfangreichen Aufgaben gewachsen sind?“

„Ähmmm… ja, wenn Sie mich so direkt fragen…“, stammelte ich. Ich spürte, wie mir der Schweiß in die Handflächen schoss, und wischte mir die feuchten Hände hastig an meiner blauen Bundfaltenhose ab. „…ich, also… ich mag die Natur und glaube auch, dass ich sehr gut mit ihr umgehen kann. Für die Arbeit im Garten kann ich mich bestimmt begeistern, auch weil ich mich gern ordentlich ernähren möchte. Bei meiner Oma durfte ich auch immer zuschauen und mithelfen.

Meine Eltern haben… wir hatten auch einen großen Schrebergarten in der Nähe von Kassel. Ich denke, ich kann auch durchaus eine Heckenschere bedienen.“

Meine Stimme klang ein, zwei Oktaven höher, als mir lieb war. Ich rutschte auf der vorderen Kante des Polsterstuhls herum, wagte es aber nicht, mich anzulehnen.

„Ist das nicht ein bisschen viel Konjunktiv, Herr Amarell?“ Vera Wolf bewegte keinen Muskel. Ihre Augen, scharf wie die eines Falken, ruhten unverwandt auf meinem Gesicht. Das Ticken der Standuhr schien mit jedem meiner Worte lauter zu werden. Sie hob eine Hand vom silbernen Knauf ihres Stocks, nur um ein unsichtbares Staubkorn von ihrem perlgrauen Seidentuch zu schnippen.

„Einen Schrebergarten… ach wirklich“, wiederholte sie leise, und in diesem einen Wort schwang die gesamte Distanz ihres herrschaftlichen Denkens gegenüber einem geordneten Kleingarten-Parzelle mit. „Das ist… rührend, Herr Amarell. Aber dieses Haus verlangt keine Freizeitgestaltung. Es verlangt Disziplin. Der Garten ist wild, das Fundament alt. Was ich von Ihnen erwarte, ist die absolute…“

Bevor sie den Satz beenden konnte, knallte die Wohnzimmertür erneut auf. Mia kam herein, ein verwaschenes Kuscheltier-Krokodil fest unter den Arm geklemmt. Sie ignorierte die eisige Stimmung im Raum komplett, steuerte direkt auf Veras Sessel zu und legte ihren Kopf auf das gesunde Knie ihrer Großmutter.

„Omi, das Krokodil hat Bauchweh. Muss das jetzt auch ein neues Zimmer suchen wie das Barbie-Schnittchen?“

Veras Züge entspannten sich augenblicklich. Ein weicher, fast nostalgischer Glanz trat in ihre Augen. Sie legte ihre schmale Hand auf Mias Lockenkopf und kraulte sie unendlich sanft. „Nein, mein Herz“, sagte sie, und ihre Stimme verlor jede Härte. „Bring das Krokodil in dein Zimmer. Leg es ins Bett und erzähl ihm eine Geschichte von dem großen Eisbecher, den wir heute Nachmittag gegessen haben. Und erzähl ihm, dass es bald wieder tollen Kirschsaft gibt, wenn die Kirschen an unserem großen Baum erst einmal reif sind und wir den großen Kuchen backen.“

Mia sah mit großen Augen zu ihrer Großmutter auf, den Finger tief im Mund.

„Siehst du, Mia“, fuhr Vera leise fort, „Omi und du… wir brauchen neue Hilfe im Haus. Und deshalb ist Herr Amarell heute da. Damit wir darüber sprechen können, was du und ich uns wünschen und was wir brauchen.“

Mia ließ den Finger aus dem Mund gleiten und warf mir einen Blick zu, der mein Herz für einen Moment stolpern ließ. „Omi, das weiß doch jeder“, sagte sie mit dieser unschuldigen, unbarmherzigen Kinderehrlichkeit. „Oder kann der Herr Armadelle etwa richtig Hokus-Pokus Mami und Papi hierhin zaubern, wenn ich sie brauche?“

In meiner Kehle bildete sich ein dicker Kloß. Ich schluckte schwer über diesen so verständlichen, traurigen Wunsch der Kleinen, deren Vater kaum da war und deren Mutter… ja, wo war sie eigentlich? Ich hob den Blick zu Vera Wolf und erstarrte mitten in der Bewegung. Für den Bruchteil einer Sekunde war die eiserne Fassade der alten Dame komplett weggebrochen. In ihren Augenwinkeln schimmerte es feucht. Ein tiefer, unterdrückter Schmerz lag in ihren Zügen – so flüchtig, dass ich glaubte, mich zu täuschen. Doch sie fing sich schneller, als ich atmen konnte.

Sie blinzelte das Gefühl mit einer fast unheimlichen Selbstbeherrschung weg und straffte die Schultern.

„Geh jetzt, Mia“, flüsterte sie, nun wieder ganz die unerbittliche Herrin des Hauses.
Das Mädchen spürte, dass kein Raum mehr für Widerspruch war, drehte sich schweigend um und schlurfte mit dem Krokodil davon. Als die Tür ins Schloss fiel, wandte Vera den Blick wieder mir zu. Die leichte Rötung in ihren Augen war das einzige Überbleibsel des emotionalen Ausbruchs, doch ihre Stimme war bereits wieder kühl und prüfend.

„Sie wirken berührt, Herr Amarell“, stellte sie fest, während ich mir noch immer krampfhaft die feuchten Hände in die Taschen meiner blauen Bundfaltenhose steckte. „Aber Mitgefühl repariert kein Dach und stutzt keine Hecken. Ein Mann, der hier einzieht, muss eine gewisse Festigkeit mitbringen. Erzählen Sie mir von Ihrem Job an der Universität. Und erklären Sie mir, warum ein junger Mann Ihrer Generation sich freiwillig einer solchen… weiblichen Hierarchie unterordnet und sich stellt.“

Sie fixierte meine Hände, die noch immer unruhig auf dem Stoff der Hose lagen, hob dann aber abwehrend die Hand. „Lassen wir die akademischen Exkurse beiseite, Herr Amarell. Reden wir über das Praktische. Die Struktur dieses Hauses ist klar geregelt. Ich erwarte, dass Sie Charlotte in allem unterstützen und sich, wo es nötig ist, von ihr anleiten lassen.

Nur in Sachen Papiere und Verwaltung sind Sie komplett außen vor – das bleibt Charlottes und meine Angelegenheit. Dafür dürfen und sollen Sie sich nach Ihren Kenntnissen im Garten und in der kleinen Werkstatt meines verstorbenen Mannes nach Herzenslust austoben. Es gibt dort genug zu tun.“

Sie machte eine kurze Pause, strich ihr graues Seidentuch glatt und sah mich mit einem durchdringenden, fast geschäftsmäßigen Blick an.

„Sie fangen zum ersten Mai an, Joshua. Aber da meine Hüfte mir zunehmend Sorgen bereitet, erwarte ich Sie ab Mitte März im Haus. Ihr Zimmer im Obergeschoss steht bereit. Enttäuschen Sie mich nicht.“

Ich atmete tief aus, spürte das schwere, warme Vlies zwischen meinen Beinen und nickte stumm. Der Vertrag mit meinem neuen Leben war besiegelt.

Die Geschichte darf nicht kopiert werden

Autor: Nancy Proud | Eingesandt via Formular

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