Skip to content
WindelgeschichtenDeine ABDL-Story kostenlos!
  • Gemischt
  • Jungs
  • Mädchen
  • Reale Geschichten
  • Übersetzung
  • KI Geschichten
  • Informationen

Stadt ohne Gesicht (1)

19/07/2026 1 comment Article Gemischt Florian
Windelgeschichten.org präsentiert: Stadt ohne Gesicht

1. Vorwort

„Eine Stadt ohne Gesicht“
Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.
Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.
„Eine Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.
Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!
Danke, eure Nancy Proud.

Teil 1: Die neue Welt

Kapitel 1: Cafe Weinstein

Es war Mitte Februar, ein Freitagvormittag, als ich nach meinem Vorstellungstermin direkt in dieses Café fand. Also Bielefeld. Nicht Berlin, Köln, München oder London. Diese Stadt sollte für die nächsten sechs Jahre meine Lebensgestaltung bestimmen.

Gedankenversunken rührte ich unnötig lange in meinem Cappuccino, während ich der sportlich gekleideten Kellnerin hinterhersah. Ihre Hüften schwankten auffällig in der weißen, dreiviertellangen Leinenhose von rechts nach links, während sie schon fast zirkusreif ein volles Tablett zwischen den engen Tischen und gestikulierenden Gästen jonglierte.

Unter ihrem olivgrünen, überkreuz gerafften T-Shirt hüpften ihre Brüste wie kleine Flummis. Sie schwebte in ihren halboffenen Sandalen mit kleinem Blockabsatz beinahe lautlos über den dunklen Dielenboden des Cafés „Weinstein“. Ihr magnolienmatter Lippenstift wirkte nicht billig oder aufgesetzt, sondern umhüllte ihre geschwungenen Lippen mit einer natürlichen Eleganz. Ein ebenso unaufdringliches Rot hatte sie auf ihre gepflegten Fuß- und Fingernägel aufgetragen.

Ob sie um ihre Wirkung weiß?, fragte ich mich. Ich vermutete, dass sie sehr genau wusste, wie sie sich bewegen musste, um in jedem Licht zu glänzen.

Während ich die Szene gierig beobachtete, bewunderte ich ihre Selbstsicherheit und Kontrolle. Mir liefen immer wieder neue, süße Schauer über den Rücken, die einen flauschigen Teppich aus Gänsehaut produzierten. Meine Nase fing unentwegt neue Duftstimmungen auf. Mit jedem neuen Tablett, das sie an mir vorbeitrug, wehte eine andere Nuance zu mir herüber. Mal schwappte eine dominante Pudrigkeit und Sanftheit zu mir, dann eine kräuterige Komponente, und schließlich eine Wildheit mit holzig-würzigem Charakter. Diese Düfte wirkten bei mir wie ein Gefühlsverstärker, der alle Eindrücke noch viel schärfer machte.

Ich beneidete sie um diese ungeheure Stärke. Ich dagegen agierte meistens abwartend, defensiv und zurückhaltend. In mir entstand der verzweifelte Wunsch, sie nach ihrem Parfüm zu fragen. Für Typen, die herumliefen, als hätten sie richtig Eier in der Hose, wäre das überhaupt kein Problem gewesen. Für mich schon.

Hitze, Kälte und kleine Schweißperlen auf der Stirn zeigten mir an, dass mein Amygdalazentrum im Gehirn kurz vor der Selbstzerstörung stand. Meine Komfortzone in sozialer Kompetenz hatte in etwa den Durchmesser eines Kronkorkens. Außerhalb dieses Durchmessers hatte ich meistens nichts im Griff. So hatte ich mir meinen Anfang hier nicht vorgestellt. Ich saß ja nur hier, weil ich mich erst vor gut einer Stunde vertraglich an die Uni gebunden hatte. In weniger als fünfzig Tagen sollte ich meine neue Stelle im Labor antreten. Da fragte niemand danach, ob ich mich in dieser Stadt wohlfühlte. Hier zählte nur meine Kernkompetenz, und mit der hatte ich Frau Dr. Diana Kimmenz heute Morgen zum Glück völlig überzeugen können.

Nervös schaute ich auf meine Uhr. Freitag, der 13. Februar.

In diesem Moment schlich sich seitlich von mir eine sportliche Kupfer-Blondine in den Mittelpunkt des Raumes. Sie ging zielstrebig auf die Kellnerin zu, umarmte und herzte sie innig. Kurz tauschten die beiden Frauen ein paar Wortfetzen aus, die nicht bis zu mir durchdrangen. Der Trennungsgruß, gekrönt von einem vertrauten Kuss auf die Lippen, wirkte tief in mir nach. Er war irgendwie normal und doch so ganz besonders anders. Das Rätsel, warum mir dieser flüchtige Kuss zweier Frauen so lange in Erinnerung bleiben sollte, konnte ich hier und jetzt noch nicht auflösen.

Als die blonde Frau das Café verließ, richtete die Kellnerin ihre Aufmerksamkeit endlich mir zu. Sie trat an meinen Tisch, blickte mit leicht zusammengekniffenen Augenbrauen auf ihren Block und schenkte mir ein gekonnt aufgesetztes Profilächeln, das mich sofort schachmatt setzte.
„Und? Gibt es noch einen weiteren Wunsch?“, fragte sie mit frecher Leichtigkeit.

Erschrocken zuckte ich zusammen. Obwohl ich mir im Vorfeld drei kurze Antworten zurechtgelegt hatte, bekam ich durch meinen trockenen Mund keinen anständigen Satz heraus. Mein Herz raste panisch bis zum Hals. Ich schluckte schwer, spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss, und fragte schließlich mit triefend nassen Handflächen und voller peinlicher Ähms:

„S-sagen Sie… wissen Sie vielleicht, wo man hier in der Gegend eine bezahlbare Wohnung oder ein Apartment finden kann?“

„Ja, bitte? Sie wünschen?“, wiederholte sie ihre Frage, als ich nicht sofort antwortete.

„Gerne noch einen zweiten Cappuccino und eine Schachtel Davidoff, bitte“, bestellte ich mit einem gezwungen freundlichen Lächeln.

„Sonst noch etwas?“

Meine Stimme versagte mir vor Aufregung fast gänzlich. Ich rieb meine feuchten Hände unter dem kleinen Bistrotisch an meiner blauen Bundfaltenhose trocken, holte tief Luft und setzte an: „Gibt es hier vielleicht eine Studentenzeitung mit Wohnungsanzeigen? Oder eine Wochenzeitung mit Annoncen für alles Mögliche? Ich suche… eine Unterkunft.“

„Ähm, eigentlich eher eine Wohnung oder etwas Ähnliches!“, berichtigte ich meine erste Aussage.

In unsere Unterhaltung schallte bereits zum dritten Mal ein lautes, ungeduldiges „Service! Service!“ durch den Raum. Hektisch entschuldigte sie sich für ihre Eile und drehte sich in Richtung der Rufe. „Ich glaub, ich habe da was für dich“, rief sie mir im Umdrehen noch kurz angebunden zu. Dann war sie auch schon weg.

Um sie nicht einfach so gehen zu lassen und damit sie für mich erreichbar blieb, schob ich bei ihrer nächsten Runde eilig eine weitere Bestellung hinterher: einen Martini mit Orangensaft und einen Espresso. Wenn sie auf Provision arbeitete, hatte sie den Dreh jedenfalls raus: keine unnützen Wege und Gäste, die gut versorgt waren.

Ich blieb nervös an meinem Tisch zurück. Wenig später kehrte die tanzende Kellnerin zu mir zurück – doch statt des Cappuccinos balancierte sie nun einen Martini mit Orangensaft und einen Espresso auf ihrem Tablett. Sie stellte die Getränke vor mir ab, legte eine gefaltete Zeitung daneben und notierte schmunzelnd etwas auf ihrem Block.
Sie wollte mir doch nicht etwa…Arbeitete sie auf Provision? Sie hatte den Dreh jedenfalls raus: keine unnützen Wege und Gäste, die gut versorgt waren und nicht ständig riefen oder unnötig nervten.

Bevor ich den Gedankengang beenden konnte, hörte ich das scharfe Abreißgeräusch des Papiers.
„Neu in der Stadt?“, fragte sie kurz nach.

Ich nickte und presste ein heiseres „Ja“ hervor. „Aber erst ab dem fünfzehnten Juli.“
„Ah, so. Und wo?“, fragte sie, halb neugierig, halb aufgesetzt professionell.
„An der Uni. Ich werde im Labor meine Stelle antreten.“

„Hier, das ist ein Geheimtipp für Zugezogene“, sagte sie und reichte mir den Zettel mit einer Telefonnummer: 0521-6639***.

„Vera Wolf, Sennestadt. Mietfrei, große Wohnung, ländlich und ruhig. Nur Wasser- und Stromkosten fallen an, und natürlich die Fahrtkosten zur Uni.

Die Omi und die Kleine sind ja ziemlich süß, aber man muss schon die Einöde mögen, eine soziale Ader haben und etwas Geduld für eine fünfjährige Göre mitbringen. Ansonsten ist es dort paradiesisch, wenn man das mag. Alles Weitere zu der Anzeige findest du im Stadt-Blatt hier.“ Sie klopfte auf die Wochenzeitung Blick auf Bielefeld, die sie mir hingelegt hatte.

Sie wollte sich bereits abwenden, als ich meine zweite Chance sah. Ich spürte, wie meine Hände unkontrolliert zitterten, verwirrt von der Intensität meiner eigenen Gefühle. „Und welches…“, begann ich, wobei der Anfang erst beim zweiten Versuch tatsächlich meine Lippen verließ. „…und welches Parfüm benutzt du gerade?“

Ich war atemlos.

„Es ist nur reine Neugier. Eine kleine Leidenschaft von mir für Düfte“, schob ich hastig hinterher und zwang mich, ihrem Blick standzuhalten.

Ihre Lippe zuckte kurz. „Echt jetzt? Das willst du wirklich wissen?“

„Ja. Ich mache eigentlich keine Witze.“

„Body Silk von La Perla“, kicherte sie, sichtlich amüsiert über meine Direktheit, und drehte sich um.

Unbekümmert und sicher ging sie zwei Tische weiter, um ein offensichtlich frisch verliebtes Pärchen abzukassieren. Ich beobachtete sie genaustens. Sie nestelte spielerisch oberhalb des Tisches am Hemdärmel des Mannes herum, schlug ihre langen Haare gekonnt hinter die Schultern und warf ihre Brüste unverschämt weit nach vorne. Er wiederum grapschte unentwegt unter dem Tisch nach ihren Knien, bis seine Finger den Rocksaum erreichten.

Seine Gesten wirkten auf mich billig und unästhetisch grob. Selbst als sie aufstanden, lief seine Hand wie grobes Schmirgelpapier über ihren Rock. Er half ihr nicht einmal in den Mantel, und sie hielt ihm mit schmachtendem Blick auch noch die Tür auf, bis der Spuk vorbei war.

Ich blickte hinab auf den handgeschriebenen Zettel in meinen Händen. Der Duft von Body Silk hing noch immer wie eine unsichtbare, pudrig-seidene Spur in der Luft. Ich wusste es in diesem Moment noch nicht, aber ich hielt gerade den Schlüssel zu meiner gesamten Zukunft in der Hand.

Ich versuchte, die auffällig negativen Punkte der Kellnerin zu verarbeiten. Einem Ankömmling in Bielefeld einen „Geheimtipp“ mit so vielen Warnungen anzubieten, war entweder unreif, oder sie verfolgte damit einen Sinn, den ich schlicht noch nicht verstand.

Trotzdem genoss ich das Verweilen im „Weinstein“. Beim Beobachten und Studieren des unterschiedlichen Publikums verging die Zeit wie im Flug. Es hatte etwas Herrliches, über den Status der verschiedenen Pärchen zu sinnieren und kleine Geschichten um sie herum zu kreieren. Hier traf sich offensichtlich alles, was gesehen werden wollte oder sich zum Austausch verabredet hatte.

Ich steckte mir eine weitere Davidoff an, nippte am Espresso und stöberte im Stadt-Blatt nach der Annonce. Die Zeitung war ein einziges Sammelsurium von Nichtigkeiten – mehr bunte Anzeigen als echter Inhalt.

Doch zwischen all den Wirren fand ich sie schließlich. Die Ausschreibung für die WG-Wohnung. Die Überschrift war eindeutig und ziemlich ungewöhnlich. Für jemanden wie mich, der sich finanziell lieber zurückhielt und jeden Pfennig zweimal umdrehen musste, klang es nach der perfekten Entlastung. Aufgeregt zündete ich mir noch eine Zigarette an und schluckte den restlichen, inzwischen lauwarmen Espresso hinunter. Die Anzeige war fett umrandet und musste Vera ein kleines Vermögen gekostet haben.

Ich überflog die harten Fakten: Mietfrei in der Senne wohnen – Alltagshelfer für Seniorin gesucht. Naturnah und ruhig. Kaltmiete: 77,00 €. Einzug ab 01.05.

Meine Augen wanderten weiter zu den Kriterien für den Idealmieter. Männlich. 20 bis 30 Jahre alt. Ledig. Gefordert war eine Mitarbeit von etwa zwanzig Monatsstunden im Haushalt, bei der Gartenarbeit oder der Kinderbetreuung, abzustimmen mit einer „zweiten Hauptperson“ im Haus. Es gab ein Auto, das man mitnutzen durfte, eine voll eingerichtete Werkstatt und ein möbliertes, 35 Quadratmeter großes Zimmer im Obergeschoss.

„Mit meiner fast 5-jährigen Enkelin wohne ich (Seniorin, 68) in ruhiger und dennoch zentraler Lage“, schrieb sie am Ende. „Wichtig ist uns: offene, empathische und ethische Generationenorientierung, Abfallvermeidung, keine chemischen Spritzmittel, Nichtraucher. Wenn das für dich in Frage kommt, melde dich gerne bei mir. Liebe Grüße, Vera Wolf.“

Ich las die Zeilen ein zweites Mal und nahm einen erfrischenden Schluck von meinem Martini. Eigentlich konnte ich darin weitaus weniger negative Punkte finden als die Bedienung. Das Wohngefühl auf dem Land war mir in jedem Fall angenehmer als in der anonymen Stadt. Für mich hörte sich das alles absolut machbar und friedlich an.

Nur das Wort „WG-Wohnung“ bereitete mir Bauchschmerzen. Ich hatte keinerlei Erfahrung mit dem Zusammenleben, und ich wusste nur zu gut, dass ich mit meiner devoten, zurückhaltenden Art kaum Durchsetzungsvermögen besaß, wenn es um Prinzipien, klare Regeln oder das Einhalten von Absprachen ging. Was, wenn sich dort bereits ein oder zwei Stinkstiefel und Unbelehrbare eingenistet hatten, gegen die ich mich niemals behaupten könnte?

Nervös ließ ich den Blick durch das Café schweifen. Ich wartete darauf, dass die Kellnerin wieder in meine Reichweite tauchte, um sie nach einer Gelegenheit zum Telefonieren zu fragen. Bis dahin nippte ich am Martini, atmete den Rauch meiner Davidoff aus und beobachtete weiter das geschäftige Treiben um mich herum…

Kapitel 2: Café Weinstein II

Das Ungewisse trieb nun auch meine Blase weiter an. Die feuchte Pampers unter meiner blauen Bundfaltenhose war nach den Stunden der Anspannung kaum noch zu ignorieren, und ein unruhiges Drücken signalisierte mir, dass ich dringend handeln musste. Ich brauchte ein Telefon, aber noch viel dringender brauchte ich einen geschützten Raum, um meine Pampers zu kontrollieren.

Ich nahm meinen Rucksack, erhob mich umständlich aus dem Polstersessel und ging mit kontrollierten, behutsamen Schritten hinüber zur hölzernen Theke. Das geschäftige Klappern von Tassen und Gläsern umgab mich, als ich wartend stehen blieb, bis die tanzende Kellnerin endlich vor mir auftauchte.

Als sie meinen suchenden Blick bemerkte, wischte sie sich flink die Hände an ihrer Schürze ab, trat an den Tresen und schenkte mir ein gekonnt aufgesetztes Profilächeln. Bevor ich überhaupt nach einem Münzfernsprecher fragen konnte, musterte sie mich mit einem frechen, wachen Blick unter ihrem Kajalstrich und kam mir frontal und ohne Vorwarnung zuvor:

„Und? Hast du schon eine Wohnung gefunden? Wird nicht wirklich einfach, da gerade das neue Semester begonnen hat und alle Studenten suchen.“

Ihre Stimme traf mich wie ein Schlag – so eine typische, lässig hingeworfene Service-Floskel, aber mit einer weiblichen, messerscharfen Zunge zwischen weichen Lippen.

„Ähm, nein… noch nicht wirklich. Aber die Adresse in…“, murmelte ich oder etwas in der Art. Meine Stimme war viel zu hoch, fast piepsig. Und sofort hasste ich mich dafür.

Ich wollte cool wirken. Unbeteiligt. Locker. Aber in meinem Kopf herschte Chaos. Hatte sie es gemerkt? War mein Blick zu lang gewesen? Hatte ich mich verraten? Oder bemerkte sie meine feuchten Schenkel unter meiner Bundfaltenhose? Hinter meinem Rücken strich ich mir prüfend über den Po… nein, alles trocken, stellte ich glücklicherweise fest.

Ich versuchte, wieder geradezustehen, die Schultern zu lockern, so zu tun, als würde ich nur entspannt ins Cafe schauen – aber alles um mich herum war verschwommen. Ich hörte nur das monotone Hämmern meines eigenen Herzens in den Ohren. Und ihr Satz wiederholte sich in meinem Kopf, wie ein Echo, das einfach nicht verschwinden wollte:
„So was wie dich kann Bielefeld gut gebrauchen!“
„So was wie dich kann Bielefeld gut gebrauchen!“
„So was wie dich kann Bielefeld gut gebrauchen!“
Es klang wie ein Witz. Und genau das machte es schlimmer. Denn wenn es nur ein Spaß war, durfte ich doch eigentlich nicht so nervös sein, oder? Und doch… es fühlte sich an, als hätte sie mich durchschaut. Als hätte sie für eine Sekunde hinter all meine Fassaden geblickt und etwas gesehen, das ich selbst noch nicht auszusprechen wagte. Etwas, das ich nicht einmal denken durfte. Ich fühlte mich ertappt. Irgendwie nackt. Erwischt bei einem Verbrechen, das gar kein Verbrechen war – und sich jetzt gerade trotzdem genau so anfühlte.

Denn tief in mir wusste ich es vielleicht schon: Ich hatte nicht „einfach so“ intensiv geguckt. Mein Blick war kein Zufall gewesen. Und genau dieser Gedanke, dieser kleine, kratzende Funke Wahrheit war es, der mein Gesicht wie Feuer brennen ließ. Ihre Ausstrahlung, ihre Natürlichkeit, ihre Figur…wäre ich eine Frau, dann wollte ich ihren Körper und ihr „Ich“ kopieren.
Den Rest des Gesprächs verbrachte ich wie betäubt. Ich redete kaum noch.

„Das Telefon ist gleich hier hinter mir, vor den Toiletten“, holte sie mich in die Realität zurück. „Eine Telefonkarte kannst du von mir bekommen. Dreihundert Meter weiter Richtung City steht sonst noch ein öffentlicher Fernsprecher.“

Ich nickte wie in Trance. „Ich versuche es von hier… Könnte ich eventuell die Telefonkarte bekommen?“

Das Café war laut – Rufe, das Quietschen von Gummisohlen auf dem Dielenboden, das rhythmische Donnern des Basses aus den Boxen –, aber in mir war nur ein dumpfes, wattiges Rauschen. Meine Gedanken taumelten umeinander wie Kegel beim Strike. Und die Einlage zwischen meinen Beinen quoll mit jeder weiteren Minute, die ich neben der Bedienung stand, unaufhörlich weiter.

Als sie mir die Karte übergab, ließ sie sie ungeschickt durch die Finger rutschen. Das Plastik knallte gegen meinen Oberschenkel und fiel direkt unter den hölzernen Sockel der Theke. Sie schaute kurz zu mir rüber, hob die Augenbrauen, sagte aber nichts.

Mist, dachte ich verzweifelt, jetzt hält sie mich für völlig unfähig. Ich stolperte beim Zurückgehen, kam aus dem Tritt und knickte leicht um. Mein Körper funktionierte zwar irgendwie, aber er gehörte mir nicht mehr. Ich war nur noch damit beschäftigt, nichts zu zeigen. Keine Regung. Kein falscher Blick. Keine Geste, die man deuten könnte. Alles in mir war angespannt, verkrampft, absolut kontrolliert, bis sie mir ein zweites Mal die Karte in die Hand drückte.

„Aber schön aufpassen… gelle?“, feixte sie.

Ich war viel zu unkonzentriert, um schlagfertig zu kontern. Ich blieb starr und wie angewurzelt stehen, weil ich mich in meinem eigenen Körper kaum noch zu bewegen wagte, aus Angst, mich zu verraten. Nur vor was, das wusste ich selbst nicht. Gott sei Dank verlangte in diesem Moment ein Gast mit sehr tiefer Stimme nach ihr – sofort. Und sie folgte dem Ruf.
Doch bevor sie endgültig im Gewusel verschwand, trat sie noch einmal an meine Seite. Ihre Stirn war in Falten gelegt, ihre Haare band sie nebenbei flink zu einem unordentlichen Dutt zusammen. Ihr Parfüm dampfte intensiv in meine Nase.

„Die Omi ist süß und ungefährlich“, sagte sie vertraulich, „nur die Kleine kann eine kleine Zicke oder wahlweise eine Hexe mimen – alles nur Show.“ Sie klopfte mir locker auf die Schulter. Nicht fest, nicht komisch. Einfach so, wie Kumpels das manchmal untereinander machen. Und genau das machte es so schlimm. So schmerzhaft normal. „Ähm, schon vergessen, wo sich die Toiletten befinden?“, fragte sie noch feixend und deutete mit der Hand hinter mich. „Gleich hinter dem Telefon.“ Sie war dabei so unerträglich freundlich, dass mir ein kleiner, kalter Schauer über den Rücken lief. „Viel Erfolg!“

Mein Herz raste. Nicht vor Glück, sondern vor nackter Angst. Ich stand da und wusste nicht, was ich tun sollte. Ob ich zurücklächeln sollte, ob mein Gesicht krebsrot war, ob sie doch etwas gemerkt hatte. Ich überprüfte im Kopf zwanghaft meine Bewegungen, mein Gangbild. Ich nickte kurz und murmelte etwas wie: „Gut, dann habe ich jetzt alles zusammen.“ Keine Ahnung, ob sie es verstand. Meine Stimme fühlte sich zu hell an, zu unsicher. Und meine Blase pumpte unterdessen einfach immer weiter in das Pampersvlies, als hätte ich seit Tagen keine Toilette mehr gesehen.

Dabei war eigentlich überhaupt nichts passiert. Gar nichts. Kein Kuss. Kein Geständnis. Kein Geheimnis, das ich offenbart hätte. Nur ein Stück ehrliche Bewunderung für eine fremde Person, die ich vielleicht nie wiedersehen würde, die sich aber für immer in meine Gedanken gegraben hatte. Nur ein paar Blicke. Nur meine Blicke. Und trotzdem fühlte es sich an, als hätte ich etwas getan, das man nicht tun durfte. Etwas Verbotenes. Falsches. Ich hatte ihr zugeschaut. Zu lange. Zu offen.

Eigentlich hatte niemand etwas bemerkt. Nur ich. Nur mein Kopf. Nur mein Gefühl, das anhaltend rotierte, ohne dass ich den Alarmknopf drücken konnte. Außer diesem Blick… nur dieser verdammte Blick. Und der hatte bereits alles verändert.

Ich flüchtete in den Toilettentrakt. Der Raum roch nach allem, was ich hasste – nach abgestandenem Urin, beißendem Putzmittel, muffigen alten Handtüchern, billigem Parfüm und kaltem Rauch. In der Ecke neben dem Waschbecken dröhnte ein Handfön, irgendwo klickte eine Klotür ins Schloss, und ungenierte, entlastende Geräusche erfüllten unüberhörbar die beiden Räume. Ein Ventilator klapperte leise gegen sein vergilbtes Gitter. Die Sonne stand inzwischen tief und warf Streifenlicht durch ein kleines Fenster, das milchig war von den Hinterlassenschaften der letzten Monate.

Ich brauchte lange, bis ich mich in eine der beiden engen Kabinen traute und das fragile Plastikschloss drehte. Ich horchte angespannt, bis ich keine Schritte mehr am Waschbecken hörte. Mein gepackter Rucksack stand neben mir auf dem kühlen Boden. Und da spürte ich es wieder: dieses Ziehen, dieses unangenehme, unerwünschte Prickeln, das sich seinen Weg bahnte. Langsam. Unaufhaltsam.

Ich hielt den Atem an. Nicht. Jetzt. Nicht. Bitte. Nicht hier.

Ich zwang mich, das Prickeln zu unterdrücken, schlug den Rucksack auf und griff nach einer frischen Windel. Vorsichtig zog ich meine Bundfaltenhose herunter und legte die Pampers zurecht. Jeder Handgriff saß, die Routine war mir vollkommen vertraut. Ich beugte mich leicht nach vorne und entsorgte das tropfnasse, schwere Vlies im Müll, als hätte ich diesen Ablauf unermüdlich trainiert. Ich verstaute alles ordentlich in einer verschließbaren Tüte, ohne es verstecken zu müssen. Draußen am Waschbecken ertönten wieder Geräusche, und mein Herz pochte bis zum Hals.

Ich setzte mich auf die frische Windel und zog die Klettverschlüsse stramm zu. Unten auf meinen Schuhen lagen die Miederhose und die Bundfaltenhose, ich zog beides mit geübten Griffen wieder in die gewohnte Ordnung. Ein mir gut vertrauter, tröstlicher Geruch von süßem Puder erreichte meine Nase. Ich spürte, wie mein Körper noch warm war – vom Wechseln, vom alten Vlies, vom Adrenalin, aber auch von den wilden Gedanken und der vagen Erwartung auf eine Wohnung.

Ich betrachtete mich noch kurz im fleckigen Spiegel, reinigte mir gründlich die Hände und achtete peinlich genau darauf, dass das raschelnde Vlies unter meiner Hose beim Gehen nicht auffiel. Die Haupttür lag zum Glück nicht ganz im Schloss. Ich kickte sie leise auf, um mich direkt in der abgeschiedenen Nische nach dem Telefon umzusehen.

Der kleine, graue Telefonapparat an der Wand war unbesetzt. Ich trat an das Gerät, strich die Telefonkarte glatt und wählte mit zitternden Fingern die Nummer: 0521-6639***.
Das Freizeichen ertönte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Doch die Nummer war offensichtlich gerade nicht besetzt, denn am anderen Ende meldete sich immer wieder nur ein mechanischer Anrufbeantworter. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, legte ich den Hörer enttäuscht zurück in die Halterung. Mein Herz sackte ab. Kurz darauf holte ich tief Luft, straffte die Schultern und versuchte es ein zweites Mal…

Autor: Florian | Eingesandt via Formular

Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.

Post Views: 423
Tags: präsentiert, vorwort, stadt, ohne, gesicht
4.5 2 Abstimmungen
Article Rating
Abonnieren
Anmelden
Benachrichtige mich bei
guest
guest
1 Kommentar
Oldest
Newest Most Voted
Sascha
Sascha
Gast
19/07/2026 13:31

Interessant, mal sehwn was da noch kommt…

1
Antworten

Report

Vorlesen

Archiv

Neueste Beiträge

  • Ein Traum mit Folgen (4)
  • Die Katastrophe (2)
  • Laura (37)
  • Laura (36)
  • Sarah (1)

Neueste Kommentare

  • giaci9 zu Windelfreunde (10)
  • Nici zu Kerstin und Victoria (1)
  • Sascha zu Stadt ohne Gesicht (1)
  • Der Telegrafierer zu Windelfreunde (10)
  • Chris zu Lebenskunst – Haus Ledwin (7)
  • Littleboy99 zu Ein Traum mit Folgen (3)
  • Olaf zu Lebenskunst – Haus Ledwin (7)
  • Chris zu Lebenskunst – Haus Ledwin (7)

zufällige Geschichten

  • Der Plan meiner Mutter
  • Der große Traum (1)
  • Ivon’s wahre Geschichte
  • Windel Sissyboy
  • Micky (1)

Newsletter

© Windelgeschichten.org 2014 - 2025

wpDiscuz
  • Startseite
  • Autoren Übersicht
  • Index
  • Lesezeichen
  • Informationen
  • Windelgeschichten APP
  • über uns
  • Newsletter
  • Newsletter Archiv
  • Einsendungen
  • Support
  • Nutzerbedingungen