Wenn ich heute im Rückspiegel auf jene Tage knapp vor den 80er Jahren zurückblicke, kann ich den kalten, schweren Jungenpanzer, den ich damals so unendlich müde durch die Welt schleppen musste, kaum noch spüren. Mein Name war Julian. Aber mein wahres Ich, die kleine, sehnsüchtige Seele tief in meiner Brust, hieß schon immer Jule.
Zu Hause, in meinem einsamen kleinen Zimmerchen auf dem Dorf, gab es für meine Träume keinen Platz. Nach dem traurigen, viel zu frühen Tod meiner leiblichen Mutter war da nur noch eine unendliche Kälte. Mein Vater, der mir gegenüber schon lange nicht mehr gerecht wurde und meine Not nicht sehen wollte, traf irgendwann die herzlose Entscheidung, mich einfach abzugeben. Er schob mich ab in die Hände seiner Schwester, meiner strengen Stiefmutter, und verschwand von heute auf morgen für immer aus meinem Leben. Für meine neue Familie war ich kein geliebtes Kind, sondern nur ein störendes, fehlerhaftes Wesen, das unauffällig im Haushalt zu funktionieren hatte.
In dieser dunklen Einsamkeit gab es für mich nur eine einzige Rettung: die kiloschweren, dicken Versandhauskataloge, die ich heimlich unter meinem Bett versteckte. Sie waren mein ganz persönliches, geheimes Fenster aus Papier in eine andere, wunderschöne Welt. Stundenlang blätterte ich mit zittrigen Fingern durch die bunten Seiten, strich über die Abbildungen der zarten Spitzenunterwäsche, der bauschigen Rüschenschürzen und der pastellfarbenen Trägerkleidchen für kleine Mädchen. Wie schrecklich gerne wäre ich ein Teil dieser Bilder gewesen. Ein unschuldiges, behütetes Windelkind, das von einer lieben Mama an die Hand genommen, gewickelt und nach Strich und Faden verwöhnt wird.
Als ich schließlich mit vierzehn Jahren mein allererstes Lehrjahr in der gut fünfundzwanzig Kilometer entfernten Kleinstadt begann, ahnte ich noch nicht, dass das Schicksal mein heimliches Flehen endlich erhören würde. Die neue Stadt und mein erster Job öffneten mir plötzlich Türen, von denen ich vorher nicht einmal zu träumen gewagt hatte.
Und dann… dann betrat ich an jenem unvergesslichen Nachmittag im Sommerschlussverkauf zum ersten Mal das kleine Kaufhaus.
Als ich dort die gütigen Augen von Frau Schneider und das warme, mütterliche Lächeln von Tante Simone erblickte, begann in mir ein wahres Karussell der Gefühle. Mit ihnen und der wirbeligen, unendlich selbstbewussten Franzi an meiner Seite schienen all meine frühen Kinderträume mit einem Schlag Wirklichkeit zu werden. Zum ersten Mal durfte der traurige Junge Julian auf dem harten Linoleumboden kapitulieren, und das kleine Mädchen Jule durfte auf ihren weichen Strumpfhosenfüßen auferstehen.
Wohlwissend, dass all diese tiefe, neu gefundene Freude am Abend wieder vorbei sein konnte, klammerte ich mich an jeden Moment der Geborgenheit. Die schwierige Kindheit, die Einsamkeit und der Schmerz der Vergangenheit verflogen im warmen Duft von Babypuder und weichem Strickzeug. Ich war endlich angekommen. Ich war sicher. Und ich ahnte noch nicht, dass das, was an diesem einen Tag im kleinen Kaufhaus so unschuldig als Spiel begann, mein ganzes Leben für immer verändern würde…
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Kapitel 19 Pausenraum
In meinem Kopf hallten die Worte von Frau Schneider immer noch nach wie ein leises, unendlich beruhigendes Echo. „Ich möchte so gerne, dass du heute mit ordentlichen, wunderschönen Kleidchen nach Hause gehst, Kind…“ Sie hatte das mit einer so unerschütterlichen, mütterlichen Ruhe gesagt, während ihre warme Hand noch wie ein Schutzschild auf meiner Schulter lag. „Das alles mit einer nassen, klebenden Windel zu machen, ist doch für dich auch mehr als unangenehm, oder? Ohne eine frische Windel wird es einfach nicht gehen, Maus. Wenn du mir vertraust, dann kriegen wir das wieder hin! Versprochen!“
Ich saß da, die Knie fest an die Brust gezogen, und schmiegte mich tiefer in den weichen, rosa Stoff des Kleides. Ich hatte damals nur ein leises, befangenes „Mhh, ja… schon okay“ herausgequetscht. Ich hatte ja überhaupt keine Vorstellung davon gehabt, wie sie dieses kleine Wunder hier im Kaufhaus vollbringen wollte. Aber ich hatte mich ihren Argumenten blind gefügt. Jeder eigene Wille war in diesem Moment aus mir herausgeflossen.
Ich hatte nicht die geringste Vorstellung davon, wie Frau Schneider das hier im Kaufhaus in die Tat umsetzen wollte. Ich fühlte mich so angenommen, gab mich aber auch durch ihre sanften, logischen Argumente vollkommen geschlagen. Jeder eigene Wille floss aus mir heraus.
Und dann war da diese kleine Wanderung nach unten gewesen.
„Wieso denn nach unten wandern?“, fragte ich verwundert und blickte mit großen, kindlichen Augen zu ihr auf.
„Wir können leider hier oben nicht auf die Kundentoilette gehen, da ist einfach viel zu wenig Platz für uns beide, mein Schatz“, antwortete Frau Schneider mit Engelsgeduld. „Unten haben wir aber einen schönen, großen Pausenraum für das Personal. Da ist es ruhig und es müsste wirklich gut gehen. Okay, können wir dann jetzt gehen, Jule? Bereit?“
Ich spürte, wie meine erste, lähmende Verlegenheit durch ihre ruhige Art langsam verflog. Ich war vollkommen bereit, mich von ihr führen zu lassen. Ich nickte fügsam und lächelte blass zurück. „Ja, ich bin bereit.“
„Dann los!“
Gemeinsam schritten wir aus der Kabine und machten uns auf den Weg nach unten. Ich trottete ganz brav an ihrer Hand durch das Kaufhaus – immer noch in meinem allerersten, rosa Glitzerkleidchen und komplett barfuß, ohne meine alten Schuhe wieder angezogen zu haben. Schon auf den ersten Stufen machte sich der eiskalte Treppenmarmor unbarmherzig durch die dünne, weiße Strumpfhose an meinen Fußsohlen bemerkbar. Ich schauderte kurz zusammen, zog den Kopf tief zwischen die Schultern und drückte mich noch ein bisschen enger an Frau Schneiders Seite. Das schwere, nasse Gewicht zwischen meinen Beinen schwabbelte bei jeder Stufe unaufhörlich mit und erinnerte mich mit jedem Tapsen daran, wie klein und bedürftig ich gerade war.
Während wir Stufe um Stufe nach unten stiegen, kam auch das Thema mit meiner Stiefmutter wieder zur Sprache. Frau Schneider sah mich von der Seite an und fragte mit mütterlicher Neugier: „Sag mal, Jule… wieso ist deine Stiefmutter denn eigentlich nicht mit dir gemeinsam losgezogen, um diese schönen Sachen einzukaufen?“
„Martina… Martina hat leider im Moment gar keine Zeit“, log ich hastig, und meine Stimme quietschte vor Nervosität, während mir die Hitze ins Gesicht stieg. „Weil… weil meine kleine Nichte ganz krank im Bett liegt und meine Stiefmutter doch alleinerziehend ist.“
Ich senkte den Blick und fixierte meine weißen, barfüßigen Zehen auf dem Marmor. Ich hoffte so unendlich sehr, dass Frau Schneider mir meine kleine Märchengeschichte glaubte und ich nicht aufflog. Meine Knie zitterten, und ich hatte furchtbare Angst, dass meine schauspielerische Tarnung für die Welt der Erwachsenen nicht ausreichte.
Nach der Marmortreppe steuerte Frau Schneider mich zielsicher wieder mitten durch die bunte Babyabteilung. „Wir gehen jetzt erst an die Kasse zu Andrea“, flüsterte Frau Schneider, während sie mich sanft am Verkaufsstand für Rasseln und Beißringe vorbeilotste. „Dort holen wir deine bereits ausgesuchten Stoffwindeln, die bunte Unterwäsche und das Schutzhöschen. Alles, was wir vor Stunden schon in dein Körbchen gelegt haben, brauchen wir jetzt zum Wickeln. Und dann gehen wir direkt weiter in den dahinterliegenden Personalraum. Um diese Zeit ist es dort noch ziemlich ruhig und ich kann dich ganz ungestört frisch machen.“
Andrea, die junge Kassiererin mit den großen Ohrringen, wirkte sichtlich irritiert, als wir so überraschend vor ihrem Tresen auftauchten. Ihr Blick glitt von Frau Schneiders ernstem Gesicht hinab zu mir. Sie legte den Kopf erst nach links, dann nach rechts, und plötzlich ging ein helles Leuchten über ihre Züge.
„Hui…!“, staunte sie mit großen Augen. „Da hast du aber schnell ein supersüßes Kleidchen für dich gefunden, Jule! Da werde ich ja richtig neidisch. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man glatt meinen, du bist das Blumenmädchen von Lady Diana!“ Andrea grinste über das ganze Gesicht und warf mir mit einer verspielten Handbewegung einen Handkuss zu. „Das zuckersüße Rosa steht dir wirklich umwerfend toll.“
Ich spürte, wie mir die Hitze wieder in die Wangen schoss. Verlegen und hilflos schaute ich zu Frau Schneider auf, weil ich überhaupt nicht verstand, was Andrea mir damit sagen wollte. In meiner einsamen Welt aus Krankenhausbetten und schweren Versandhauskatalogen hatte es diese Worte nie gegeben. Ich wusste weder mit dem Begriff „Blumenmädchen“ etwas anzufangen, noch hatte ich jemals den Namen „Lady Diana“ gehört. Für mich klang es wie eine Geheimsprache der Erwachsenen, aus der ich ausgeschlossen war. Ich fühlte mich so unendlich klein und unwissend.
Frau Schneider spürte meine Verwirrung sofort. Sie legte schützend eine Hand auf meine Schulter und blickte Andrea mit einem Blick an, der keine Widerrede duldete. „Das ist im Moment nicht wirklich wichtig, Andrea. Wichtig ist nur, dass auch eine Lady Diana irgendwann mal pullern gehen muss. Andrea, geben Sie mir bitte die hinterlegte Unterwäsche und alles, was wir zum Wickeln brauchen, hier auf die Kassenablage.“
„Oh… ja, natürlich!“, stammelte Andrea, sichtlich überrumpelt von dem plötzlichen Ernst der älteren Kollegin. „Was denn genau…?“
„Andrea, bitte, es eilt!“, schnitt Frau Schneider ihr das Wort in einem strengen, tiefen Ton ab.
Diesen Tonfall verstand die Kassiererin sofort. Ihre Augen wurden rund, und sie beugte sich ein Stück vor. „Oh… ein Malheur?“
„Ja, ja, schon gut… nur ein kleines“, wiegelte Frau Schneider ab, hielt den Stoffbeutel mit meinen neuen Sachen aber schon fest umklammert. „Also Andrea, bitteeee… schnell.“
„Kann ich Ihnen irgendwie zur Hand gehen, Frau Schneider?“, bot Andrea flüsternd ihre Hilfe an, während sie nervös von einem Fuß auf den anderen trat.
„Nein, nein, Andrea. Kümmern Sie sich bitte darum, dass die Abteilung besetzt bleibt und die Kundinnen gut bedient werden. Wir schaffen das schon.“
Frau Schneider hatte mit wenigen, erstaunlich flinken Handgriffen alles zusammengesucht, was ich für mein drängendes Problem brauchte. Sie hielt das Paket aus unschuldigen weißen Stoffwindeln und dem knisternden Schutzhöschen wie einen kostbaren Schatz unter dem Arm. Dann drehte sie sich zu mir um, nahm mich wieder fest an die Hand und steuerte auf die schwere, weiße Eisentür zu, die sich am Ende des Raumes befand.
Ich kannte sie schon von heute Morgen. Damals hatte ich sie kaum eines Blickes gewürdigt, doch jetzt starrte ich auf das kalte, schwarze Schild, das in klaren Buchstaben eine unüberwindbare Grenze markierte: ……………………………………………………..Nur für Personal.
Für die Kunden da draußen bedeutete dieses Schild ein Verbot. Doch für mich, während Frau Schneider die schwere Klinke nach unten drückte und das Eisen mit einem dumpfen Seufzen nachgab, fühlte es sich an wie das Tor zu einem geheimen Heiligtum. Dahinter lauerte das Unbekannte. Der Moment, in dem ich mich komplett entblößen musste, in dem meine größte Hilflosigkeit offengelegt wurde.
Mein Herz pochte so heftig, dass ich glaubte, man müsse es durch den rosa Stoff meines Kleides sehen können. Ich blickte ein letztes Mal zurück in den hellen Verkaufsraum, atmete den vertrauten Duft von Babypuder ein und folgte Frau Schneider über die Schwelle. Der Junge Julian blieb endgültig vor der Tür zurück.
Wir betraten den kühlen, recht spartanisch eingerichteten Aufenthaltsraum. Sofort bemerkte ich, dass wir nicht allein waren. Eine andere, mir völlig unbekannte Mitarbeiterin saß am Tisch und verbrachte dort ihre Pause. Ein heftiger Schreck durchfuhr mich, und ich versuchte instinktiv, mich hinter Frau Schneiders breiter Gestalt zu verstecken. Die andere Verkäuferin und Frau Schneider begrüßten sich kurz und freundlich.
„Beate, würde es dich stören, wenn ich das Kind hier auf dem Boden schnell in eine frische Windel stecke?“, fragte Frau Schneider freiheraus und deutete auf mich. „Oben in den Kabinen ist es leider nicht wirklich möglich.“
„Aber nein, Anne, das geht vollkommen in Ordnung, mich stört das überhaupt nicht!“, antwortete Beate sofort mit einer angenehm tiefen Stimme. „Ich war damals auch immer froh, wenn ich mit meinem kleinen Floh beim Wickeln auf Verständnis gestoßen bin. Gut, dass meine Bille seit fast drei Jahren ganz alleine auf die Toilette geht. Hat ja auch lange genug dafür gebraucht, die süße Maus.“
„Oh… vielen Dank, Beate“, atmete Frau Schneider erleichtert auf.
Ich schaute mich weiter ganz vorsichtig und mit großen, ängstlichen Augen im Raum um, während Frau Schneider bereits den Tisch hergerichtet hatte. Sie packte die dicken Vlieseinlagen, die weichen Stoffwindeln und die knisternde Schutzhose aus ihren Folien aus. Das laute Knistern des Plastiks schnürte mir vor Scham fast die Kehle zu. Frau Schneider faltete derweil eine dicke Moltonwindel auseinander und legte sie als schützende Unterlage bereit.
„Wie alt ist denn deine Bille jetzt schon, Beate?“, fragte Frau Schneider, um das Eis zu brechen, während sie die Tücher glattstrich.
„Mein kleiner Floh ist im Juni schon ganze sechs Jahre alt geworden. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht, oder?!“, plauderte Beate stolz. Dann wanderte ihr prüfender Blick rüber zu mir, musterte mein rosa Glitzerkleidchen, meine barfüßigen, weißen Strumpfhosenbeine und das verräterische, bauschige Volumen um meine Hüften. „Und wie alt ist deine kleine Maus hier?“
Mir blieb fast das Herz stehen. Jetzt war es vorbei. Jetzt würde alles auffliegen. Doch bevor ich auch nur einen Ton herausquetschen konnte, sprang Frau Schneider mir direkt zur Seite. Sie übernahm wie selbstverständlich das Wort für ihr unselbstständiges Kind.
„Im nächsten Jahr wird sie schon ganze neun Jahre alt… ist doch so, oder, Jule?“, sagte sie und sah mich mit einem ganz bewussten, warmen Blick an.
Ich schluckte schwer. Hatte Frau Schneider jetzt gerade absichtlich die Unwahrheit gesagt? Hatte sie mich bewusst jünger gemacht, um mich vor Beate zu schützen und mir diese schreckliche Peinlichkeit zu ersparen? Ein unendlicher Strom aus Dankbarkeit flutete meine Seele. Egal, dachte ich mir im Stillen, ich spiele dieses wunderbare Spiel einfach mit.
„Ja, ja, das stimmt“, bestätigte ich mit ganz leiser, piepsiger Puppenstimme.
„Ach, echt?!“, wunderte sich Beate und schüttelte den Kopf. „Ich hätte sie wirklich für wesentlich jünger eingeschätzt, so zierlich wie sie ist! Aber wie unterschiedlich die Kleinen doch aufwachsen.
Ich hoffe ja nur, dass Bille nicht die Riesen-Gene von ihrem Vater geerbt hat und noch weiter so in die Höhe schießt. Mit ihren fünf Jahren ist sie in ihrer Kita-Gruppe jetzt schon die Allergrößte. Ich muss ihr oft schon die Größe 122/128 kaufen.“
Beate trank ihren Kaffee aus und erhob sich vom Stuhl. „So, ich sollte mich mal besser wieder zurück in meine Abteilung machen. Bis später, Anne!“
„Bis später, Beate.“
Die schwere Eisentür fiel mit einem lauten, dumpfen Klack ins Schloss. Für einen kurzen Moment breitete sich eine tiefe, fast andächtige Stille im kühlen Pausenraum aus. Nur das leise Summen des Lüftung war zu hören. Nun waren wir allein.
Frau Schneider drehte sich zu mir um und erklärte mir mit ruhiger Bestimmtheit ihren mütterlichen Plan. „Jule, du musst jetzt als Erstes dein hübsches Kleid weit nach oben bis zur Brust zusammenraffen. Und dann setzt du dich mit deinem Po ganz brav auf die ausgebreitete Unterlage hier auf dem Boden. Den Rest übernehme ich dann wie gewohnt für dich, mhhmm…………Maus. Ich bereite uns schon mal die Mullwindeln vor und falte sie richtig.“
Ich stand einfach nur da und lauschte ihren Worten wie in Trance.
„Bei meinen eigenen beiden Kindern hatte ich es damals immer gern, wenn ich die Stofftücher doppellagig gelegt habe“, erzählte sie mütterlich-erinnernd weiter, während ihre Hände den weichen Stoff falteten. „Das gibt zwar ein richtig dickes, breites Volumen am Po, aber es hält eben auch viel länger schön trocken. Deine Stiefmutter macht das doch bestimmt genau so, oder muss ich bei dir auf etwas Besonderes achten, Liebes?“
Überrascht von dieser intimen Frage, zuckte ich nur ganz unschuldig mit den Schultern. Ich blickte verlegen zu Boden. „Ich… ich glaube nicht“, hauchte ich.
„Alles verstanden, Maus?“
Ich nickte folgsam und presste ein schüchternes: „Jaahaaa…“, durch meine Lippen.
„Fein. Um den ganzen Rest kümmere ich mich dann.“
Ich trat vor die vorbereitete Moltonwindeln heran. Als ich gerade dabei war, mit dem weiten Stoff des Kleides, dem rutschigen Unterfutter und meinen eigenen, ungeschickten Fingern zu kämpfen, um alles irgendwie nach oben zu raffen, bewegte sich plötzlich die Klinke. Die schwere, weiße Sicherheitstür öffnete sich erneut mit einem satten Geräusch.
Erschrocken hielt ich inne. Den Raum betrat die blonde, langhaarige Verkäuferin aus der Abteilung von Frau Köhler.
„Anne…? Bist du hier unten?“, rief sie in den Raum hinein.
„Ja… hier hinten hinterm Tisch!“, rief Frau Schneider zurück.
Die blonde Verkäuferin kam näher und blickte verwundert auf die Wickelutensilien und meine barfüßigen Beine. „Wieso… was machst du denn da? Geht es dir nicht gut, Anne?“
„Doch, doch… alles bestens“, schmunzelte Frau Schneider unentwegt weiter. „Ich bereite hier nur alles vor, um die kleine Maus frisch zu wickeln.“
„Ach so! Und… kommst du denn alleine zurecht?“, hallte die besorgte Frage durch den kleinen Aufenthaltsraum.
Frau Schneider drehte sich verwundert um, um die Stimme einzuordnen. Als sie das Gesicht der Kollegin sah, huschte ein warmes Lächeln über ihre Züge. „Ah….du, hallo Marianne, du bist das?! Ja, es ist alles in Ordnung. Uns ist oben am großen Spiegel nur ein kleiner, folgenschwerer Pipi-Unfall passiert.“
„Wirklich alles okay? Oder brauchst du vielleicht eine helfende Hand?“, fragte Marianne mit einer unheimlich sympathischen, weichen Stimme und trat näher an uns heran. Ihre Augen blickten mich unendlich lieb an. „Simone hat mich nämlich mitten in meiner Pause hierhergeschickt. Sie meinte, dass du hier unten bestimmt gut eine helfende Hand gebrauchen könntest.“
„Wie kommt Simone denn bitteschön darauf?!“, wunderte sich Frau Schneider und zog irritiert eine Augenbraue hoch. Ein Hauch von mütterlichem Stolz schwang in ihrer Stimme mit. „Ich habe meine beiden eigenen Würmchen ja schließlich damals auch immer ganz alleine sauber und trocken bekommen!“
„Ist doch nur unendlich lieb von Simone gemeint, Anne. Du weißt doch, wie sie ist – sie macht sich halt immer sofort um alles und jeden schreckliche Sorgen!“, verteidigte Marianne die Kollegin schmunzelnd. „Sie ist eben unsere geborene, besorgte Kümmerin und kann einfach nicht aus ihrer Haut.
Und weil meine beiden eigenen Kinder, die Miriam und der Manuel, noch gar nicht so unendlich lange aus den Windeln heraus sind, hat Simone bestimmt gedacht, dass ich im Falten und Wickeln gerade einfach noch etwas geübter und näher dran bin als du.“ Marianne machte eine kurze Pause, und ihre Stimme wurde ganz weich und mitfühlend. „Wenn man Simones eigene Geschichte kennt, ist ihre sensible Sorge um die Kleinen doch mehr als verständlich, oder nicht, Anne?“
„Ja, da hast du wohl recht, Marianne“, lenkte Frau Schneider einverstanden und verständnisvoll ein, blickte aber immer noch mit einem schmunzelnden, hochgezogenen Brauenbogen auf die ausgebreiteten Stofftücher.
Ich stand stumm daneben und spürte eine überwältigende Mischung aus tiefer Erleichterung und wohliger Verlegenheit. Zu sehen, wie unkompliziert, liebevoll und absolut gekonnt diese beiden erwachsenen Frauen mein intimes Problem besprachen, nahm mir jede verbleibende angst. Frau Schneider beherrschte das Wickeln offensichtlich immer noch im Schlaf. Während die beiden Frauen leise weitersprachen, setzte sie die Vorbereitungen weiter…………………..
Autor: Soe Lückel | Eingesandt via Formular
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