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Die Fußball-Jungs (17)

19/06/2026 0 comments Article Jungs Spargeltarzan
This entry is Teil 17 von 17 in the series Die Fußball-Jungs
Windelgeschichten.org präsentiert: Die Fußball-Jungs (17)

Ein lautes Schmatzen war zu hören, als Noah sich mit seinem Windelpo auf den Küchenstuhl am Frühstückstisch setzte. Es war der nächste Montagmorgen, nach einem aufregenden Wochenende bei seinem Vater, wo er nicht nur den Spielepark unsicher gemacht, sondern auch noch einen neuen Kumpel im kleinen Dorf gefunden hatte. Wie ein Stein hatte er geschlafen und, wie sonst auch, nichts von seinem nächtlichen Harndrang mitbekommen, sondern unbewusst seine Pampers geflutet. Nun saß er vor seinem morgendlichen Nutellabrot und nahm den ersten gierigen Bissen, der sofort einen Rand aus Nuss-Nugat-Creme um seinen Mund hinterließ.

„Wo ist denn Jonathan?“, fragte der Grundschüler mit vollem Mund, „Schläft der noch?“

Heike blickte von ihrer Tageszeitung hoch. Natürlich hatte sie auch ihren älteren Sohn schon geweckt. Allerdings war Jonathan heute Morgen wieder einmal in einem nassen Bett aufgewacht und musste daher erst einmal unter die Dusche, um sich frisch zu machen. Seit über einer Woche nun passierte das jede Nacht, was für den Zwölfjährigen wahnsinnig unangenehm war. Nicht nur hatte seine Mutter ihn zum Hausarzt geschleppt und ihm von seinem Problem mit dem Bettnässen erzählt, auch hatte sie ihm am Wochenende Höschenwindeln gekauft, die speziell für Kinder und Jugendliche mit dem selben Problem hergestellt wurden. Gestern Abend hatten sie sich deshalb furchtbar gestritten und Heike hatte versprochen, die Windeln zu entsorgen.

„Der kommt gleich.“, winkte Heike ab und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrer Kaffeetasse, „Du kennst ihn doch. Der kommt morgens nicht aus dem Bett.“

Der aufgeweckte Drittklässler gab sich mit der knappen Antwort seiner Mama zufrieden und schaute interessiert auf das große Bild der Titelseite, das einen älteren Mann im Anzug zeigte. Doch als Noah gerade die Überschrift lesen wollte, klappte Heike die Zeitung zusammen und wuschelte ihm durch die langen Haare.

„Ich schau mal nach deinem Bruder, Schatz.“, hauchte sie und ging von der Küche hoch ins Obergeschoss des Einfamilienhauses.

Im Badezimmer war Jonathan gerade fertig mit duschen und trocknete sich mit einem großen Handtuch ab. Heike klopfte an die Tür und wartete auf eine Reaktion.

„Moment…“, rief der Siebtklässler und wickelte sich das Handtuch mit dem Wappen seines Lieblingsvereins um die Hüfte, „Kannst reinkommen, Mama.“

„Du musst dich ein bisschen beeilen, Großer.“, drängelte Heike ihren Sohn, „Ich kümmer mich um dein Bettzeug. Dein Frühstück steht schon bereit.“

Leicht genervt nahm Jonathan den großen Föhn aus dem Schrank und stöpselte ihn in die Steckdose. „Jaaa Mama, ich komm ja gleich!“

Die Situation war ihm unangenehm, obwohl es die selbe Prozedur wie an den vergangenen Morgen war: Er war im nassen Bett aufgewacht, musste duschen und Mama kümmerte sich um die nassen Sachen.

„Ich muss auch noch Noah fertig machen für die Schule. Also beeile dich bitte, ja?“

Mit einem Augenrollen betätigte Jonathan den Föhn und trocknete sich die blonden Haare, sodass sie eine coole Frisur bildeten. Seine Lieblingsjeans und ein lässiges T-Shirt von einer seiner Lieblingsbands waren schnell aus dem Kleiderschrank geholt und angezogen und im Handumdrehen saß der Siebtklässler neben seinem Bruder am Frühstückstisch. Der hatte sein Nutellabrot bereits aufgegessen und begrüßte Jonathan abwesend, da die halbvolle Flasche Orangensaft vor ihm gerade seine volle Aufmerksamkeit forderte.

„Noah, spiel damit bitte nicht herum! Die kippt sonst noch aus!“, mahnte ihn Heike an, „Wir müssen jetzt eh ins Bad.“

Das war Noahs Stichwort aufzustehen und hoch ins Badezimmer zu gehen. Schließlich konnte er nicht mit seiner nassen Nachtwindel in die Schule gehen. Auch wenn sich die aufgequollene Pampers zwischen seinen einfach super gemütlich anfühlte und er sie nur ungern gegen eine normale Unterhose austauschte. Nur wenige Minuten später war die Nachtwindel zusammengerollt auf dem Fliesenboden des Badezimmers und Noah gewaschen, gekämmt und mit frisch geputzten Zähnen bereit für den heutigen Schultag. Auch sein großer Bruder Jonathan musste noch Zähne putzen und ging zum Waschbecken, als Noah fertig mit seiner Morgenroutine war.

„Man Noah, kannst du deine Windel nicht in den Müll bringen?“, nörgelte der Zwölfjährige, als er die zusammengerollte Pampers auf dem Boden liegen sah, „Ist ja voll eklig!“

Mit rollenden Augen sammelte Noah seine vollgepullerte Windel auf und entsorgte sie im kleinen Mülleimer neben der Toilette. Sein großer Bruder war wirklich ein Morgenmuffel!

Der Schultag begann für Noah nicht gerade toll. Nicht nur, dass ihn die Deutschlehrerin mehrmals ermahnen musste, endlich still zu sitzen und mit dem Kippeln aufzuhören, auch hatte er die Hausaufgaben völlig vergessen, als er am Wochenende bei Papa war! So landete ein weiterer Hausaufgaben-Vergessen-Strich neben seinem Namen und seine Lehrerin meckerte ihn vor der ganzen Klasse an.

„So geht das nicht, Noah!“, hatte sie ihn tadelnd angesprochen, „Wenn du schon die Hausaufgaben vergessen hast, dass verhalte dich bitte ruhig!“

Als endlich das Klingeln zur langersehnten großen Pause ertönte, konnte sich der Achtjährige keine Sekunde länger auf seinem Stuhl halten und sprintete aus dem Klassenzimmer hinaus auf den Schulhof. Nachdem er das ganze Wochenende lang von seiner Oma verwöhnt worden war, hatte er heute absolut keine Lust auf Schule! Immerhin konnte er jetzt in der Pause seinem Bewegungsdrang nachgeben und dem Stillsitzen für eine Viertelstunde entfliehen. Lukas, sein Freund und Sitznachbar am Gruppentisch, folgte ihm sogleich und beide hielten Ausschau nach Möglichkeiten die Pause zu verbringen. Für Fußball waren nicht genug andere Kinder zusammengekommen, weswegen die Wahl der beiden Jungs auf Fangen fiel. Quer über den Schulhof jagten die Grundschüler umher, ab und zu wurde diskutiert, wo man vor dem Fänger sicher war und nicht angetickt werden durfte und schließlich machten sich nach dem erneuten Klingeln alle wieder auf den Weg zurück in die Klasse. Auf dem Weg zurück erzählten Noah und Lukas sich von ihren Erlebnissen am vergangenen Wochenende. Lukas machte große Augen, als Noah vom großen Spiele-Park berichtete.

„Boah cool, da hat mein großer Cousin mal seinen Geburtstag gefeiert!“, staunte Lukas, „Papa und ich wollen diese Woche ins Schwimmbad nach Ahornkirch. Willst du da vielleicht mit?“

„Ja, auf jeden Fall!“, nickte Noah begeistert. Er liebte das Schwimmbad im Nachbarort. Es gab nicht nur eine supercoole Wasserrutsche, sondern auch die besten Pommes der Welt. Als er seine Schwimmabzeichen dort gemacht hatte, durfte er sich vor dem Heimweg immer eine Portion mit extra Ketchup holen.

Die nächste Unterrichtsstunde begann und nach wenigen Minuten fiel Noah auf, dass seine Blase langsam drückte. In der Pause hatte er völlig vergessen auf die Toilette zu gehen. Wobei sein Harndrang da noch nicht so stark bemerkbar war, schließlich war er da mit Tick spielen beschäftigt gewesen. Nervös rutschte er auf seinem Stuhl hin und her. Vielleicht konnte er es ja bis zur nächsten Pause aufschieben. Aber dann würde er nur die halbe Pause lang mit den anderen Kindern spielen können, was ja auch irgendwie doof war. In seinem Kopf ging er die Optionen durch, die ihm blieben: Entweder er fragte seine Lehrerin, ob er kurz auf die Toilette gehen durfte oder er machte sich in die Hose, wie letzte Woche! Die Schüler der Klasse 3b sollten in Stillarbeit eine Aufgabe im Arbeitsheft erledigen, weswegen es mucksmäuschenstill im Klassenraum war. Man hörte sogar die Schritte der Deutschlehrerin auf dem Teppichboden, als sie zwischen den Gruppentischen umherging. Nur Noah nicht. Er konzentrierte sich darauf, seine Beine zusammenzupressen, um wieder seinem Pipi freien Lauf zu lassen, Doch heute viel es ihm schwerer, als am Wochenende mit der Windel unter der Hose. Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und zuckte zusammen.

„Musst du mal auf die Toilette, Noah?“, flüsterte seine Deutschlehrerin ihm leise ins Ohr, „Geh ruhig schnell.“

Der Achtjährige wurde rot im Gesicht und nickte schüchtern. Schlagartig schien es so, als ob seine Blase blockiert war, während seine Lehrerin neben ihm stand. Aber der Druck wurde auch nicht weniger, weshalb er aufstand und schnell das Klassenzimmer in Richtung Schulklo verließ. Er presste sich die Hand in den Schritt, da beim Laufen schon erste Tropfen Urin in seiner Unterhose landeten und es jeden Moment zu spät sein konnte. Gerade war er auf dem Flur um die Ecke gebogen, als ihm auffiel, dass er es ja gar nicht bis zur Toilette schaffen musste! Schließlich war sein Plan ja wieder in die Hose zu machen, um von Mama abgeholt zu werden. Langsam löste er sich aus seiner verkrampften Körperhaltung und ging leicht in die Knie, sodass sein Po etwas ausgestreckt war. So machte er es auch immer, wenn er vor dem Schlafengehen schon in seine Nachtwindel pullerte. Die Tropfen in Noahs Unterhose wurden mehr, es wurde ein Strahl und der Druck auf seiner Blase wurde endlich weniger. Seine Beine wurden warm und nass, was im Augenblick genau das war, was Noah fühlen wollte. Wie damals im Kindergarten! Nur, dass er heute nicht in die Hose machte, weil er unbedingt weiterspielen wollte, sondern, weil er endlich anfangen wollte zu spielen, anstatt in der langweiligen Schule zu hocken. Letzte Woche hatte das ja super geklappt!

„Schon wieder, Noah?!“, fragte Heike genervt, als sie im Sekretariat der Grundschule ihren Sohn abholen musste.

Die grummelige Sekretärin konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Schon wieder war dieser schwierige Junge von seiner Lehrerin zu ihr gebracht worden, weil er die Hose nass hatte. Ein kurzes Telefonat mit seiner Mutter wurde geführt und der Dreikäsehoch wieder einmal abgeholt.

„Denkst du, dass ich einfach so von der Arbeit verschwinden kann?“, polterte Heike los, als Noah auf der Rückbank im Kindersitz Platz genommen hatte. Ihr Chef war natürlich alles andere als begeistert gewesen, dass sie heute wieder früher gehen musste. Zwar hatte sie ihm hoch und heilig versprochen, dass sie die Stunden die nächsten Tage wieder ausgleichen würde, aber die Arbeit stapelte sich trotzdem für den Rest des Vormittags auf ihrem Schreibtisch.

„Ich…ähh…“, setzte Noah zu einer Erklärung an, sagte dann aber lieber nichts. Mama war echt sauer! Die Fahrt nach Hause war zum Glück nicht lang. Schon wenige Minuten später fand sich der Grundschüler im Badezimmer wieder, wo er seine nassen Klamotten auszog, die mittlerweile kalt und klebrig an seinen Oberschenkeln waren. Unter dem wohltuenden Wasserstrahl der Dusche seifte er sich mit seinem Kinderduschgel ein und freute sich schon auf einen Vormittag voller Playmobil und Hörspielkassetten. Der Wasserdampf waberte durch den Raum, als Noah den Duschvorhang zur Seite schob und nach seinem Handtuch griff. Mama hatte ihm schon trockene Sachen auf den Rand der Badewanne gelegt. Kaum war er in die frische Unterhose geschlüpft, da kam Heike ins Bad und schaute ihren Sohn mit kritischem Blick an.

„Du glaubst jawohl nicht, dass du jetzt einfach in dein Zimmer gehst und für den Rest des Tages Freizeit hast, oder?“

Noah schluckte. Diesen Tonfall bekam er von seiner Mutter nur selten zu hören. Nur wenn sie so richtig sauer war, redete sie mit so einer durchdringenden Stimme! Noah rutschte das Herz in die Hose.

„Ich…ähhh…ich wollte noch auf Klo gehen. Ehrlich, Mama!“

Heike atmete tief durch. Innerlich war sie kurz vorm Platzen, aber sie wusste genau, dass dieses Thema hier und jetzt zu keinem Ende finden würde. Sie war zu aufgebracht und auch Noah musste erst einmal Abstand von der Situation bekommen.

„Du setzt dich jetzt in die Küche und machst Schulaufgaben, Freundchen! Bis um Zwölf Uhr, wenn du Schulschluss hättest. Und nachdem Mittag rufst du bei Lukas an und lässt dir die Hausaufgaben durchgeben. Die werden dann auch noch gemacht.“

Vor seinem geistigen Auge türmten sie die Arbeitsblätter auf und er wollte schon mit dem Quengeln anfangen, jedoch machte Heikes Blick dem Achtjährigen klar, dass es hier keinen Raum für eine Debatte gab. Kurze Zeit später war der Küchentisch voll mit Schulbüchern, Arbeitsheften und dem Inhalt von Noahs Federmäppchen. Wild verstreut lagen leere Tintenpatronen, Buntstifte und ein Anspitzer herum und luden den Grundschüler zu willkommenen Ablenkungen ein. Lustlos rechnete er ein paar Aufgaben, malte dann aber doch lieber kleine Strichmännchen in sein Matheheft. Der Vormittag fühlte sich noch länger an als ein normaler Schultag. Die Zeiger der Küchenuhr bewegten sich einfach nicht schneller.

Am Liese-Meitner-Gymnasium war für die 7c mittlerweile der Sportunterricht zu Ende gegangen. Leider stand immer noch das blöde Turnen am Barren auf der Tagesordnung. Für Simon und Jonathan, die Fußball-Asse im Kader des SV Fichtenwald, war das die Höchststrafe! Die Jungs-Umkleide war so sehr mit Deo-Spray eingenebelt, dass man kaum noch atmen konnte, als die beiden Jungs ihre Sportsachen in den Taschen verstaut hatten und sich auf den Weg zurück ins Schulgebäude machten. Für heute standen nur noch eine Doppelstunde Latein bei dem gefürchteten Herrn Hinrichs auf dem Stundenplan. Der ältere Herr mit grauer Halbglatze war für seine unangekündigten Vokabeltest bekannt.

„Ich hab voll vergessen die Vokabeln von der neuen Lektion zu lernen.“, nörgelte Simon, als die schwere Glastür der Sporthalle ins Schloss viel, „Hoffentlich schreiben wir heute keinen Test.“

„Hab Freitag noch etwas gelernt, als wir bei meinem Vater waren. Konnte ja nicht mit euch zum See.“, merkte Jonathan an. Seine Freundesgruppe hatte sich am Wochenende mal wieder am örtlichen Badesee getroffen. Natürlich genau an einem Wiesengrund-Wochenende. Jonathan war es schon gewohnt, dass er an jedem zweiten Wochenende nichts mit seinen Freunden unternehmen konnte. Aber immer wieder aufs Neue war er innerlich angefressen, dass er nicht einfach selbst darüber entscheiden konnte, bei welchem Elternteil er die Wochenenden verbringen wollte. Schließlich verpasste er dadurch auch viele Fußballspiele mit seiner Mannschaft! Simon war sein bester Freund und wusste natürlich, wie sehr ihn das Thema wurmte. Aufmunternd blickte er ihn an.

„Lass doch nächstes Wochenende was zusammen machen. Nur wir beide!“

Jonathans Miene hellte sich schlagartig auf. Nach dem turbulenten Spielepark-Besuch und dem erneuten nassen Bett heute Morgen war das genau das Richtige für ihn!

„Auf jeden Fall! Wir können da ins Kino. Oder Schwimmen gehen!“

„Ja, geile Idee! Und dann bestellen wir Pizza und du pennst bei mir.“

Die letzten Vier Worte seines besten Freundes waren wie ein Schlag in die Magengrube für den blonden Zwölfjährigen. Natürlich würde er normalerweise bei Simon übernachten. Das hatte er schon dutzende Male gemacht und immer den größten Spaß dabei gehabt. Aber jetzt war alles anders. Er konnte doch nicht ins Bett pissen, wenn er bei Simon auf der Gästematratze lag!

„Klar, machen wir so.“, willigte Jonathan ein und versuchte zu lächeln. Was sollte er anderes sagen? Er konnte Simon ja schlecht von seinem nächtlichen Problem erzählen. Kurze Zeit später fanden sich die Beiden im Klassenraum ein, wo Simon noch einmal in sein Vokabelheft schaute, um wenigstens etwas vorbereitet zu sein. Jonathan dagegen konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Er hatte die letzten Nächte nie trocken überstanden, auch wenn das Bett durch die entwendete Pampers von Noah einmal trocken geblieben war. Selbst wenn er vor dem Schlafengehen noch auf die Toilette ging, brachte das überhaupt nichts! Der Unterricht hatte schon längst begonnen und Jonathan grübelte immer noch über die Situation. Das fiel sogar Simon auf, der neben ihm saß.

„Junge, Herr Hinrichs guckt immer zu dir rüber!“, zischte er Jonathan zu, „Pass lieber auf.“

Doch da war es schon zu spät. Mit seinem Zeigestock schlug er gegen die Tafel und sprach den abgelenkten Zwölfjährigen direkt an: „Wie würden wir zum Beispiel diesen Satz hier übersetzen, Jonathan?“

Der Angesprochene schrak hoch und schaute nervös zur Tafel. Herr Hinrichs zeigte auf einen Satz, den er zuvor mit Kreide angeschrieben hatte. Claudia amicum laborare videt. Das war diese bescheuerte Grammatikkonstruktion, die in der nächsten Klassenarbeit drankommen sollte.

„Eine Idee, oder will der Herr lieber weiter Löcher in die Luft starren?“, versuchte Herr Hinrichs eine Antwort aus seinem Schüler zu bekommen.

„Ähh, das ist ein Accusativus cum Infinitivo!“, stammelte Jonathan und versuchte sich zu konzentrieren. Das Verb laborare kannte er doch! Vor seinem geistigen Auge stellte er sich ein Labor vor, in dem Wissenschaftler arbeiteten. Das war eine Eselsbrücke. Genau wie das Verb videt. Das konnte er sich einfach über das deutsche Nomen Video herleiten. Ein Youtube-Video, das man sich anschaut. Also sehen!

„Korrekt, aber was heißt es übersetzt?“, fragte Herr Hinrichs mit grimmiger Stimme nach.

„Claudia…ähh…sieht, dass der Freund arbeitet.“

„Genau, der Accusativus cum Infinitivo, kurz AcI, wird im Deutschen als Dass-Satz übersetzt. Linus wie sieht es im nächsten Beispielsatz aus, wo wir Plural statt Singular haben?“

Jonathan atmete erleichtert aus. Das war gerade noch einmal gut gegangen. Latein gehörte wahrlich nicht zu seinen Lieblingsfächern. Aber besser als Französisch war es allemal! Zum Glück nahm Herr Hinrichs ihn heute nicht noch einmal dran, sodass die restliche Zeit bis zum ersehnten Schulschluss schnell verging. Nur in Sachen Übernachtung bei Simon hatte er noch keinen Geistesblitz gehabt und schlenderte, den Schulrucksack lässig mit nur einem Gurt über die Schulter hängend, nach Hause.

„Manno, warum geht das nicht?!“, frustriert warf Noah seinen Bleistift auf das karierte Heft, in welchem die Spuren seines Radiergummis einen Großteil der Fläche unansehnlich machten. Diese blöden Matheaufgaben waren einfach viel zu schwer. Etliche Male hatte er sich schon verrechnet, musste bereits notierte Rechenwege wieder ausradieren und nochmal von vorne anfangen.

„Was ist denn los, Noah?“, fragte Heike, die neben dem Küchentisch am Herd stand und das Mittagessen zubereitete.

„Die Aufgabe ist blöd!“, fluchte der Achtjährige und verschränkte trotzig die Arme.

„Wir gucken uns das nach dem Essen mal zusammen an, okay?“, versuchte Heike ihren Sohn zu beruhigen, „Ich muss mich um die Kartoffeln kümmern.“

„Darf ich denn hochgehen, bis es Essen gibt, Mama?“

Noah war bereits bei den Hausaufgaben vom heutigen Tag angekommen und dementsprechend lange mit dem Unterrichtsstoff beschäftigt. Da hatte er sich eine Pause verdient, dachte Heike.

„Das darfst du. Aber geh bitte noch einmal auf die Toilette, ja?“

„Ich muss aber gar nicht!“, lächelte Noah und freute sich schon auf seine Playmobil-Ritterburg.

„Du hast fast zwei Gläser Apfelschorle getrunken. Also ab aufs Klo.“, blieb Heike standhaft und Noah flitze die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Kurze Zeit später war die Klospülung zu hören und Heike entschied sich dagegen, noch einmal nachzufragen, ob der Kleine wirklich auf der Toilette war.

Wie gewohnt um diese Zeit fand sich auch Jonathan wieder zuhause ein und betrat, angelockt vom Duft des Mittagessens, die Küche.

„Hallo Mama.“, begrüßte er Heike wortkarg, wie es Teenager eben machten.

„Hallo Großer, wie war die Schule?“

„Wie immer.“, grummelte der Zwölfjährige und inspizierte die Kochtöpfe auf de Herd. Er hatte einen Bärenhunger und wollte sich gerade an den Küchentisch setzen, als ihm das dortige Chaos auffiel.

„Äh, was ist das alles hier? Macht Noah jetzt schon vor dem Essen Hausaufgaben?“

Das war ungewöhnlich, da der Zwerg eh immer eine Extraeinladung für die Hausaufgaben brauchte und damit nie vor dem Mittagessen anfing!

„Ach, ich musste ihn heute schon wieder aus der Schule abholen, weil er in die Hose gemacht hatte.“, seufzte Heike, „Und da hab ich ihn dazu verdonnert, gleich den Stoff von heute und die Hausaufgaben zu machen. Jetzt ist er aber oben und spielt. Die Pause hat er auch echt nötig, so hibbelig wie er gerade war.“

Jonathan musste schmunzeln. Noah und Schule? Das würde wohl nie die große Freundschaft werden!

„Warte mal ab, bis er Vokabeln lernen muss!“, lachte Jonathan, „Ich bring kurz meine Sachen hoch. Essen wir hier?“

Heike überblickte kurz das Chaos auf dem Küchentisch und schüttelte den Kopf. Im Handumdrehen hatte sie aus dem Hängeschrank drei Teller hervorgeholt,die sie ihrem älteren Sohn in die Hand drückte.

„Deck doch bitte noch kurz drüben den Tisch, bevor du hochgehst. Dann essen wir im Wohnzimmer.“, instruierte sie ihren Sohn, der genervt mit den Augen rollte.

Zum Glück nahm das Tischdecken kaum Zeit in Anspruch, sodass der Zwölfjährige wenige Minuten später seine Schultasche in seinem Zimmer abstellte und aus dem Nebenraum die vertrauten Stimmen der Teufelskicker hörte. Da fiel es Jonathan plötzlich ein: Er hatte ja noch die Fußballsticker, die er Samstag an der Tankstelle gekauft hatte. Im Spielepark hatte er sich über Noah lustig gemacht, weil er tagsüber eine Windel angezogen bekommen hatte. Das hatte einen tierischen Streit gegeben, den er bisher nicht wirklich mit seinem Bruder geklärt hatte. Nicht nur, weil der Nervzwerg am Sonntag viel zu spät für die Rückfahrt zurück vom Spielen war, sondern auch, weil er gestern auch noch Streit mit Mama hatte. Die Aufkleber waren da völlig in den Hintergrund getreten. Die Zwanzig Päckchen konnte Noah gut gebrauchen und sollten den Ärger vom Wochenende schnell vergessen machen. Nicht nur, weil der Achtjährige die Bilder selbst leidenschaftlich sammelte, sondern auch, weil er einen schweren Fehler begangen hatte: In der großen Pause hatte er Maxi, seinem Klassenkameraden und Mannschaftskollegen, den Aufkleber des Stürmers Thomas Müller geklaut und ihn in sein eigenes Sammelalbum geklebt. Jetzt hatten ihn aber Maxi und auch seine Lehrerin Frau Schneider im Verdacht, für den Diebstahl verantwortlich zu sein und aus Verzweiflung hatte er sich an seinen Bruder gewendet. Die Beiden hatten zwar seit jeher ein schwieriges Verhältnis, konnten sich aber im Zweifelsfall auf den anderen verlassen.

Mit einem Klopfen kündigte sich Jonathan an der Zimmertür seines Bruders an. Mit seiner hellen Stimme bat der Grundschüler ihn rein und stutze, da er eigentlich seine Mutter erwartet hatte, die ihn zum Mittagessen herunterschicken wollte.

„Hey Noah.“, begann Jonathan das Gespräch etwas holprig.

Noah blickte kurz von seiner Ritterburg auf und begrüßte seinen Bruder flüchtig.

„Ist das Essen schon fertig?“, fragte der quirlige Lockenkopf, als er einen Ritter mit langem Schwert vor die Zugbrücke zur Wache aufstellte. Die gegnerischen Löwenritter hatten sich schon im nahegelegenen Wald versammelt und würden gleich angreifen. Jedenfalls, wenn nicht bis dahin das Mittagessen dazwischenkam.

„Hab gerade den Tisch gedeckt. Dauert nicht mehr lange.“, beantwortete Jonathan die Frage und musterte das Chaos im Kinderzimmer. Nicht nur massenhaft Playmobil lag im Raum verstreut, auch lagen Kuscheltiere und Mickey-Maus-Hefte verteilt auf dem Teppichboden.

„Ich…ähhh…also wegen Samstag…“, versuchte Jonathan das Gespräch auf den vorangegangenen Streit der beiden Brüder zu lenken, „Das war echt nicht cool von mir.“

Noah schaute auf und runzelte die Stirn. Wollte sich Jonathan etwa wirklich bei ihm entschuldigen?

„Tut mir Leid, dass ich so kacke zu dir war.“

Noah wusste nicht so recht, wie er damit umgehen sollte. Hatte Mama ihm gesagt, dass sie sich wieder vertragen sollten und er sich entschuldigen musste? Halbherzige Entschuldigungen war er von seinem großen Bruder gewohnt.

„Ich hab was, um es wieder gut zu machen.“, ließ der Zwölfjährige sein Ass aus dem Ärmel und holte die Päckchen mit den Fußballstickern hervor.

„Wow, was? So viele?!“, stockte Noah der Atem, „Danke!“

Stürmisch viel er seinem Bruder um den Hals und umarmte ihn, was der sonst so coole Teenager heute einfach mal über sich ergingen ließ.

„Da ist ein Thomas Müller drin, ganz sicher!“, hauchte Jonathan seinem kleinen Bruder ins Ohr.

Autor: Spargeltarzan | Eingesandt via Formular

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Tags: präsentiert, fußball, lautes, schmatzen, jungs
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