
#9: Besser zu spät als nie
Kleinfeldern – Montag, den 17. Dezember 2012, 14 Uhr
Die elektrischen Rollläden vor den großen bodentiefen Fenstern im Wohnzimmer des Neubauhauses der Herbrands waren zur Hälfte heruntergelassen. Auf dem Couchtisch stand ein leeres Tetrapack Apfelschorle und auf dem Sofa saß in hervorgebeugter Haltung ein Zehnjähriger, der offensichtlich einen dringend nötigen Toilettengang aufschob so lange es ging.
Wegen dem, was auf dem Fernseher lief, auf der angeschlossenen Playstation 2: Corusant, kurz nachdem Kanzler Palpatine den Soldaten der Klonarmee die Ausführung von Order 66 befohlen hatte.
Vor etwas mehr als einem halben Jahr hatte Fenix mit Nick zusammen die Starwars-Filme gesehen, obwohl er damals noch nicht mal zehn gewesen war, aber die Filme ab zwölf. Entsprechend kannte er die Szene schon und wusste, was ihn erwartete: Anakin Skywalker und die Klonkrieger töteten im Jedi-Palast auf Corusant alle Jedis, selbst die Padawan-Kinder, damit der Imperator die Herrschaft über die Republik an sich reißen konnte.
Im Film war das schrecklich gewesen. Als sie als allerersten Starwars-Film Episode 1 geschaut hatten, hatte Fenix Anakin Skywalker ausgesprochen cool gefunden: Der Junge aus der Wüste, der mit Podracern um die Wette fuhr und sogar ein Jedi war. Fenix war damals fast genau so alt gewesen wie Anakin und außerdem sahen sie beide sich auch noch ziemlich ähnlich! Fenix hätte damals jede Wette abgegeben, dass er einen genau so guten Jedi abgegeben würde wie Anakin, wenn man ihn nur ließe!
Wegen Anakin hatte er sich beim Friseur die Haare kurz schneiden lassen, genau wie sein Vorbild am Ende von Episode 1.
Doch dann war Anakins Mutter gestorben und der aufgeweckte Junge war nach und nach vom Zorn verschluckt worden und hatte schließlich mitgeholfen, alle Jedis zu töten, selbst die Padawan-Kinder. Bald darauf hatte Fenix verstanden, dass sein großes Vorbild ausgerechnet Darth Vader gewesen war!
Man, was war er wütend gewesen! Vor allem auf Nick. Denn der kannte die Filme vorher schon und wusste, was aus Anakin werden würde, aber hatte ihn nie gewarnt, als Fenix von dem Jedijungen geschwärmt hatte.
Lass dir das eine Lehre sein, hatte Nick nach Episode Drei gesagt, so als wäre er selbst ein Jedi.
Ein paar Monate später war seine eigene Mutter gestorben und Fenix hatte verstanden, wie das jemanden so traurig machen konnte, dass man deswegen etwas zerstörte.
Und jetzt brachte er in Corusant die Jedis um.
Aber das war etwas völlig anderes. Wirklich. In der Kampagne von Star Wars Battlefront II, das Fenix in Nicks alter Playstation gefunden hatte, spielte man einen Soldaten der Klonarmee und natürlich gehörte da auch das ausführen von Order 66 dazu. Für Fenix spielte es keine Rolle, dass er den Hintergrund der Mission hasste. Es war eine einzige große Herausforderung: Der Kampf gegen die Jedis in Corusant war die bisher mit Abstand schwierigste Mission der ganzen Kampagne. Zuerst musste er zwei Minuten lang die Jedis davon abhalten, die Bücherregale an Kommandoposten 2 zu zerstören und selbst dafür, hatte Fenix schon vier Versuche gebraucht, weil die Jedis so viel Schaden aushielten dass sie kaum todzukriegen waren. Und als Klonkrieger musste man ständig vor ihnen weglaufen, weil sie einen sofort umbrachten mit ihren Laserschwertern.
Nachdem Fenix es jetzt endlich geschafft hatte, die Bibilothek für zwei Minuten lang zu verteidigen, kam er zum ersten Mal zur zweiten Aufgabe des Levels: Etwas aus dem Kommunikationsraum zu entwenden. Dafür durfte er sogar in die Rolle seines ehemaligen großen Vorbilds schlüpfen: Anakin Skywalker!
Allerdings mit schwarzem Umhang und Röchelstimme in der Form von Darth Vader. Endlich hatte Fenix eine richtige Chance gegen die Überzahl an Jedis und Tempelwachen. Ohne es realisiert zu haben, spielte der Zehnjährige schon seit Stunden. Warum auch nicht? Jakob war in der Grundschule, sein Vater noch auf der Arbeit und Nick war noch in der Schule. Seine Hausaufgaben konnte er auch später noch machen, entsprechend gab es nichts, was Fenix daran hinderte, die nächsten Stunden als erfolgreicher Klonkrieger zu verbringen.
Seinen Hunger hatte er mit einem Joghurt mit der Ecke gestillt.
Dank des Apfelsaft-Tetrapacks hatte er auch keinen Durst mehr.
Aber dafür musste er höllisch dringend pinkeln.
Schon als er das Spiel zum allerersten Mal gespielt hatte, zusammen mit Jakob, hatte er herausgefunden, dass die Select-Taste des Playstationcontrollers das Spiel pausierte.
Er konnte also jederzeit anhalten und zum Klo rennen, wenn es zu dringend wurde.
Aber wenn er ehrlich war, dann war dieser Punkt bereits vor einer Viertelstunde gewesen.
Mittlerweile kniete Fenix auf dem Sofa, presste seine Oberschenkel gegeneinander und hatte seinen Oberkörper nach vorne gebeugt, um so noch irgendwie einhalten zu können. Seine beiden Hände brauchte er für das Videospiel, ansonsten hätte er mindestens eine davon zwischen seine Beine gedrückt.
Dafür machte er das zwischenzeitlich mit dem ganzen Controller, wenn das Einhalten kurz besonders schwer wurde.
Wäre er Jakob, dann könnte er jetzt einfach ganz entspannt in seine Windel pinkeln und sein nerviger, ablenkender Harndrang würde sich von einer Sekunde auf die nächste in Wohlgefallen auflösen. Auch wenn Jakob niemals so lange eingehalten hätte wie er, sondern schon längst in seine Pampers gemacht hätte ohne darüber überhaupt nachzudenken. Vermutlich hätte er davon nicht mal etwas mitbekommen. Sein windeltragender Freund hätte genau so viel Spaß wie er daran, Battlefront zu spielen und Apfelsaft zu trinken, aber würde dabei ohne schlechtes Gewissen seine Pampers vollpullern und anschließend von seiner großen Schwester liebevoll frisch gewickelt werden.
Ja, Fenix war neidisch.
Und als ihn kurz darauf die nächste Welle überkam, drückte er den Select-Knopf immer noch nicht. Und auch seine Hände mitsamt Controller blieben, wo sie waren.
Oben in seinem Zimmer hatte Fenix ein paar seiner Underjams versteckt. Nick und sein Vater brauchten bestimmt noch lange, bis sie nach Hause kamen, theoretisch konnte er einfach schnell eine Hochziehwindel anziehen und das Problem dadurch lösen, auch wenn das kaum schneller war als einfach aufs Klo zu gehen.
Aber Fenix wollte wie Jakob sein!
Und Jakob würde jetzt genau eines machen: Einfach weiterspielen.
Fenix lugte mit Darth Vader um die Ecke und bemühte sich, den Blasterschüssen der Tempelwachen auszuweichen, bevor er angriff.
Jeden Moment würde er sich in die Hose machen! Was dann? Das Sofa würde nass werden!
Verdammt, jetzt hatte er schon wieder darüber nachgedacht.
Einfach weiterspielen.
Mit dem Laserschwert wehrte Darth Vader die Blasterschüsse der Tempelwachen ab, dann duckte er sich vor eine umgefallene Steinsäule.
Fenix Unterhose wurde nass.
Es ging einfach nicht mehr.
Geistesgegenwärtig drückte der Zehnjährige den Controller zwischen seine Beine, ließ im selben Moment Darth Vader hinter der Steinsäule hervorspringen und brachte zwei Tempelwärter um, während er sich unaufhaltsam vollpinkelte.
Innerhalb eines Sekundenbruchteils fühlte sich seine Unterhose so nass an, wie es sonst eine Windel tat. Kaum ging die zweite Wache zu Boden, lies Fenix den Controller mit der linken Hand los und drückte stattdessen mit aller Kraft zwischen seine Beine, wo alles nur noch nass war. Ein fußballgroßer dunkler Fleck zierte nun die helle Jeans des Zehnjährigen und auch wenn er es geschafft hatte, kurzzeitig wieder einzuhalten war Fenix völlig klar, dass er nun zur Toilette rennen musste.
Sofort.
Von hinten schlich sich ein Jedi an und tötete Darth Vader, sodass Fenix wieder im Spawnbildschirm war.
Einfach weiterspielen.
Fenix griff wieder mit beiden Händen zum Controller und spielte mit pochender Blase einfach weiter. Zwei weitere Versuche, mit dem Geheimmaterial vom Kommunikationsraum auf die andere Seite des Tempels zur Veranda zu gelangen, scheiterten. Fenix überkreuzte die Beine, drückte einen Ellenbogen in seinen Schritt und krümmte seinen Oberkörper nach vorne um wie Jakob zu sein: Um einfach weiterzuspielen, egal wie dringend er musste. Sein Unterfangen war zum scheitern verurteilt, offensichtlich hoffnungslos, aber wenn er es einfach schaffte, nicht darüber nachzudenken dann …
… war er für einen Moment ein Windeljunge.
Als Nick die Haustüre aufschloss, wunderte er sich über die Dunkelheit im großen Wohn-Ess-Bereich, der das gesamte Erdgeschoss ihres seelenlosen aber sehr modernen neuen Hauses ausfüllte. Doch dann hörte er das Geräusch der Laserblaster und die Durchsagen des Kloncommanders aus dem Fernseher und hatte sofort verstanden, dass sein kleiner Bruder mal wieder sein altes Lieblingsspiel spielte.
Nick legte seinen locker geschulterten Rucksack schnell auf der Treppe ab, bevor er zur Couch ging: »Hey«, begrüßte er seinen kleinen Bruder.
Fenix saß verkrampft auf dem Sofa, starrte hochkonzentriert auf den Bildschirm und drehte sich erschrocken zu ihm um, als er ihn ansprach.
»Was machst du den schon hier?«, wunderte der Zehnjährige sich ertappt.
Nick lächelte milde: »Hä ganz stanni, hab nach der Neunten den Bus genommen … aber chill. Ich finds cool, dass du das zockst. Erzähl’s auch nicht Papa, keine Sorge.«
Doch das schien Fenix nicht zu beruhigen. Sein kleiner Bruder fühlte sich ertappt und wollte am liebsten, dass er sofort verschwand, das verstand Nick. Und war ein bisschen gekränkt, denn Fenix musste doch wissen, dass er ihn nicht verpetzen würde, ganz im Gegenteil.
»Zockst du Kampagne? Auf Corusant? Das ist echt übel schwer«, erinnerte Nick sich und wollte sich grade neben Fenix setzen, da sprang der Zehnjährige auf: »Spiel kurz weiter für mich! Muss mal schnell pieseln!«
Fenix reichte ihm den Controller und hielt sich beide Hände in den Schritt. Doch der riesige nasse Fleck auf seiner hellen Jeans war unübersehbar.
»Digga, hast du in die Hose gepisst?«, platzte es aus Nick heraus, härter und direkter als er es wollte. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht starrte sein zehnjähriger Bruder ihn an, verschränkte die Beine, stotterte: »N – Nein …«
… und dann pinkelte der kleine Junge sich voll.
Nick traute seinen Augen nicht: Fenix Oberschenkel wurden nass, die Hosenbeine, selbst die Socken und noch bevor einer der beiden Brüder reagieren konnte bildete sich eine gelbe Lache auf dem grauen Fliesenboden.
»Nicht dein Ernst, Fussel …«, stöhnte der Sechzehnjährige genervt während Fenix beinahe teilnahmslos dastand, offenbar aufgegeben hatte und zur Schadensbegrenzung die Beine spreizte. Anstatt dass sein Pipi durch seine Hosenbeine floss, tropfte es nun zwischen seinen Beinen direkt hinunter auf den Boden, aber das machte rein gar nichts besser.
»Ich … Tschuldigung, das Spiel ist viel zu spannend, ich hab vergessen pieseln zu gehen!«, entschuldigte sich Fenix aufgeregt.
Kleinfeldern – Freitag, der 18. August 2023, weit nach Mitternacht
Die Straßenlaternen gingen grade aus, als Jakob die Haustüre zu seinem Elternhaus aufschloss. Statt des alten silbernen Opel Zafiras parkte nun ein neuer, höhergelegter Mercedes-Kombi in schwarz vor der Garage, die vermutlich noch genau wie vor zehn Jahren voll mit allerlei Krimskrams war, zumindest vermutete Fenix das.
Im Flur roch es wie früher. Leicht nach dem Öl der alten Heizung und nach dem Holz der Deckenvertäfelung.
»Schhhh«, deutete Jakob ihm und hielt einen Finger vor seine Lippen, bevor sie beide ihre Schuhe abstreiften und unter die Schuhbank kickten wie früher als Schulkinder. Es war weit nach Mitternacht, trotz des für Fenix holprigen Anfangs hatten sie sehr viel Spaß auf Maximilians zwanzigstem Geburtstag gehabt. Nun waren die beiden jungen hundemüde und mehr als reif fürs Bett. Nacheinander schlichen sie die alte Holztreppe nach oben und Fenix war von sich selbst überrascht, dass er nach all den Jahren immer noch genau wusste, wo man auf die Treppenstufen treten musste, damit sie nicht knarzten.
»Wow, du hast ja sogar noch das Hochbett«, flüsterte Fenix ungläubig, als er Jakob in dessen Zimmer nachfolgte.
Jakob schloss sachte die Türe: »Ja, klar, immer noch so kuschelig wie früher«, lächelte er.
»Hier hat sich echt wenig verändert seit damals«, stellte Fenix überrascht fest, als er sich in Jakobs Zimmer umsah. Die meisten Möbel standen noch dort, wo sie vor zehn Jahren gestanden hatten. Natürlich lag kein Lego auf dem Boden, aber … selbst ein zusammengebautes Legoflugzeug stand auf der Kommode und staubte vor sich hin.
»Ja …«, kicherte Jakob etwas verlegen: »Jetzt wo mein PC nicht mehr hier ist siehts echt fast wieder aus wie früher mein Kinderzimmer. Aber … die eine Schublade hat sich verändert, also, du weißt schon …«
Fenix wusste.
Wie zum Beweis öffnete Jakob die ehemalige Windelschublade in seiner Kommode, die nun voller Collegeblöcke und Schulhefte war.
»Hm, die fand ich früher cooler«, zwinkerte Fenix seinem Freund zu.
»Bin halt jetzt ein großer Junge!«, sagte Jakob gespielt-kindisch.
Der Kirchturm schlug leise drei Uhr, in Jakobs altem Elternhaus war alles still und Fenix sah seinen einen Kopf kleineren Freund einen Moment lang an. Jakobs dunkle Augen funkelten ihn herausfordernd an, er legte es geradezu darauf an Wiederrede zu provozieren.
Fenix seufzte und legte eine Hand auf Jakobs Schulter: »Komm, mach jetzt keinen Quatsch und zieh deine Nachtpampi an. Sonst tropfts heute Nacht durchs Hochbett durch, Bärchen …«
Als er Bärchen sagte, klappte Jakobs Mund leicht auf. Zugegebenermaßen hatte ihn ausgerechnet Sarah dazu verleitet, Jakob bei seinem Kindheitsspitznamen zu nennen.
Jakob fing sich sofort und schob stattdessen beleidigt seine Unterlippe hervor: »Aber … ich bin doch schon groß!«, quengelte er erstaunlich glaubhaft, wenn auch bemüht dabei leise zu sein.
»Aber klar, Bärchen, das bist du doch auch. Aber schau mal, du brauchst doch trotzdem noch deine Pampis, oder?«, fragte Fenix beruhigend und streichelte instinktiv die Schulter seines Freundes.
»Okayyyy … aber was, wenn meine Pampi morgen früh trocken ist?«, trotzte Jakob, obwohl ihm anzusehen war, dass er sich schon mit seiner Windel abgefunden hatte.
»Ohhh, dann … dann malen wir morgen zusammen eine ganz tolle Sonne. Auf das Fenster, mit Fenstermalfarbe«, schlug Fenix vor, während er seinen Rucksack öffnete und zwei große weiße Windeln hervorholte.
»Abgemacht«, grinste Jakob, bevor er ganz erwachsen vorschlug: »Ääääähm, ich zieh mich oben im Hochbett um, du unten unter der Bettdecke? Geht das?«
»Digga, Ich war fünf Jahre aufm Internat, klar geht das«, lachte Fenix als Antwort und Jakob stieg die Leiter in sein altgewohntes Hochbett hoch. Zuerst streifte er seinen nach Rauch und Lagerfeuer stinkenden Pullover ab und freute sich über die Frische, die von seinem dunkelblauen Schlafanzugsweatshirt ausging, bevor er seine Jeans mitsamt Boxershorts runterzog und gegen eine … Seni Quattro eintauschte!
Dieselben Windeln, die er auch als Schuljunge getragen hatte, nachdem die Pampers zu klein und vor allem zu saugschwach für seine seltenen Windelwechsel geworden waren.
»Oah, wie cool ist das denn, hast du die absichtlich gekauft?«, quiekte Jakob verzückt und vergaß für einen Moment, dass er eigentlich leise sein wollte.
»Schhh«, machte daraufhin Fenix, während er selbst grade seine Windel auffaltete: »Als ich ausgezogen bin waren das tatsächlich die ersten, die ich mir gekauft hab, weil wir die früher immer getragen haben. Die sind echt gut, eigentlich meine Lieblings, auch wenn sie halt bisschen langweilig aussehen …«
»Ich find nicht, dass sie langweilig aussehen«, antwortete Jakob, während er routiniert die Klebestreifen über seinem Bauch zuklebte. Die beiden blauen Streifen berührten sich in der Mitte fast, was daran liegen musste, dass Fenix die Windeln in M gekauft hatte – als Teenager hatte er zuletzt S getragen. Doch grade dadurch, dass sie etwas zu groß war, erinnerte die Seni Jakob an die Zeit, als er als Zwölfjähriger von seinen altbekannten Pampers zur Größe XS der weißen Erwachsenenwindeln gewechselt war. Die war schon im trockenen Zustand viel dicker und einkuschelnder gewesen als die zuletzt doch etwas kleinen Pampers. Und viel mehr Kapazität hatte die Seni selbstredend auch gehabt. Ab sofort war es kein Problem mehr gewesen, beim Battlefront-spielen mit Fenix literweise Eistee zu trinken und die Windel dabei den ganzen Nachmittag vollzupullern. Auch wenn Jakob etwas traurig gewesen war, nicht mehr seine altbekannten, bunten Pampers zu tragen, die so gut zu seiner Wunschidentität als siebenjähriges Windelkind passten.
»Hach, das fühlt sich an wie früher«, freute sich Jakob, nachdem er die Schlafanzughose über seine Windel gezogen hatte.
»Ja, alles daran«, gab Fenix zu: »Aber wer von uns macht jetzt das Licht aus?«
»Mmmh … du? Ich muss ja erst runtersteigen …«, quengelte Jakob.
»Nagut …«, gab Fenix nach, stand nochmal auf und ging zum Lichtschalter an Jakobs Zimmertüre. Jakob lugte zwischen den Brettern des Hochbettes hindurch auf seinen nur in Windel und Shirt bekleideten Freund. Die Windel stand Fenix wirklich ausgeeicnet!
»Schlaf gut, Bärchen«, sagte Fenix, kaum hatte er sich wieder zurück in sein Bett gelegt. – diesmal als freundschaftliche Neckerei gedacht.
Doch kaum war es eine Minute lang still, sprach Jakob einen Gedanken in die nächtliche Stille: »Ich fands nicht so cool, dass Sarah mich heute Bärchen genannt hat«
»Früher hats dir gefallen … oder?«, fragte Fenix zögerlich.
»Jaa. Weil … die anderen Mädchen bei uns in der Klasse waren nie nett zu mir. Klar, auch die Jungs nicht. Aber das war trotzdem was anderes. Ich mein du kennst sie, sie war doch echt super, oder?«
»Ja«, antwortete Fenix nachdenklich und müde zugleich: »War schon cool. Was macht sie jetzt eigentlich? Hab gar nicht gefragt …«
»Hm«, überlegte Jakob: »Keine Ahnung, ehrlich gesagt.«
»Habt ihr nicht mehr so viel Kontakt?«
»Hm, ne … schon lange nicht mehr«, platzte es aus Jakob heraus: »Irgendwie hat sie mich nie richtig ernst genommen. Sondern mich eher behandelt als wäre ich ihr kleiner Bruder oder so, auch wenn sie nur ein Jahr älter war als ich … Das war irgendwie cool, am Anfang, weil sie war deshalb halt lieb zu mir und alles. Aber hey, ich wollte irgendwann auch mal ein ganz normaler Teenager sein und nicht immer nur Bärchen …«, erzählte Jakob zu.
»Oh«, antwortete Fenix.
»Aber wenn du Bärchen sagst, dann ist das eigentlich ganz cool«, gab Jakob verlegen zu: »Zumindest wenn ich klein bin.«
Von Fenix, der auf der bereitgelegten Gästematratze halb unter, halb neben Jakobs Hochbett lag, kam ein erfreutes Kichern, auf das ein Gähnen folgte: »Jetzt aber gute Nacht, du normaler Teenager …«
Jakob haderte für einen Moment mit sich. Eine Frage brannte ihm noch auf den Lippen: Als Fenix damals sein Windel-Geheimnis verraten hatte, hatte er das wirklich gemacht, weil er neidisch gewesen war, wie close Sarah und er damals gewesen waren?
Weil Fenix sich mehr Chancen bei Sarah ausgerechnet hatte, wenn erst bekannt wäre, dass er noch Windeln brauchte?
Das hatte er immer gedacht und Sarah auch, alle eigentlich.
Aber Jakob kam das plötzlich weit weniger glaubhaft vor als noch vor zehn Jahren. Was eine ungeheure Erkenntnis war. Wenn Jakob mit der Vermutung, die ihm im Laufe des heutigen Abends gekommen war, Recht hatte, dann würde er es bitter bereuen, Fenix in der siebten Klasse nicht noch zur Rede gestellt zu haben, bevor sich ihre Wege für fast zehn Jahre getrennt hatten.
Dienstag, der 18. Dezember 2012
»Mach es einfach wie ich! Mach dir in die Hose!«, riet Jakob ihm und sah ihn herausfordernd an. Sein bester Freund verschränkte die Arme, als ginge es um einen Wettkampf.
»Aber doch nicht in der Schule!«, beharrte Fenix aufgeregt. Sie standen in der obersten Etage des Treppenhauses, die Sonne schien hell von allen Seiten herein und außer ihnen beiden war niemand hier. Trotzdem war es absurd, solch eine Unterhaltung mitten in der Schule zu führen.
»Upsi, meine Pampi läuft schon über …«, stellte Jakob plötzlich erstaunlich gelassen fest und im nächsten Moment erschienen auf beiden Seiten seines Hosenlatzes nasse Flecken die rasant größer wurden. Richtig groß, Jakobs ganzer Oberschenkel wurde [GK3.1]plötzlich feucht, als hätte er gar keine Windel an! Im selben Moment spürte auch Fenix, wie es zwischen seinen Beinen warm wurde.
Er sah an sich herunter und beobachtete, wie Stück für Stück seine gesamte Jeans nass wurde und sich ein Pipisee auf den modernen, großen grauen Fliesen bildete.
»Hey cool! Jetzt haben wir beide die Hose nass!«, freute sich Jakob ganz unbekümmert, während Fenix sich Gedanken machte, was wohl ihre Mitschüler sagen würden. Oh Gott, die durften das nicht mitbekommen! Warum machte das Jakob nichts aus? Sein Freund stand völlig gelassen da und sah aus dem Fenster. Fenix spürte nun deutlich, wie sein Po warm und nass wurde, dann auch sein Rücken. Plötzlich musste er blinzeln.
Er spürte das Kopfkissen an seinem Kopf.
Dann riss er die Augen auf.
Es war dunkel, warm, nass und roch nach Pipi.
Es war mitten in der Nacht, er lag in seinem Bett und wieder einmal hatte er beim Schlafen eingepullert und das nicht zu knapp. Was kein Wunder war, dank dem großen Glas Wasser und einem übersprungenen Toilettengang vor dem einschlafen. Zugegebenermaßen hatte er es ja auch drauf angelegt.
Aber eine Sache war diesmal ungeplant: Er war deswegen aufgewacht!
Was ganz schön nervig war.
Unter der Bettdecke tastete Fenix mit einer Hand über seinen klammen, warmen Schlafanzug. Dann drehte er sich auf die Seite, schloss die Augen und versuchte wieder ins Reich der Träume zurückzufinden. Er hatte grade etwas so spannendes geträumt, das wusste er noch. Aber was? Vielleicht würde er dort weiterträumen, wenn er jetzt direkt wieder einschlief.
Zwecklos.
Sein Bett war nass.
So konnte er definitiv nicht weiterschlafen.
Auch wenn ihn das nasse Bett die letzten Nächte nicht gestört hatte und er einfach bis zum Morgen darin weitergeschlafen hatte. Jetzt war es etwas anderes, kaum war er wach, konnte er nicht mehr einschlafen.
Ohne groß nachzudenken schlug der zehnjährige Bettnässer die Decke zur Seite, stand auf, schlurfte in den Flur, bediente den Lichtschalter, blinzelte gegen das Licht an und ging ins Zimmer seines Vaters.
»Papaaaaaa …«, sagte er leise, und wartete darauf, dass sein Vater aufwachte.
Da Robert Herbrands nicht reagierte, piekste sein Sohn ihn an der Schulter.
»Papaaa … mein Bett ist wieder nass …«
Robert schlug die Augen auf und drehte sich überrascht.
»Papa, kannst du mir helfen das frisch zu beziehen?«, konkretisierte sein Sohn seine Bitte.
Sein Vater setzte sich langsam auf und musterte einen Moment lang den kleinen Jungen, der vom Flurlicht nur schemenhaft beleuchtet war. Dann setzte auch bei ihm die Routine ein, die sie gebildet hatten als Fenix vor nicht allzu langer Zeit wieder angefangen hatte ins Bett zu machen: »Ist nicht schlimm. Komm, mach dich schonmal sauber, ich Wechsel dein Laken und dreh die Matratze um.«
Müde ging Fenix ins Bad und machte die Dusche an um seinen Unterkörper notdürftig sauber zu machen. In der großen bodentiefen Dusche ging das bedeutend besser als in der Duschwanne in ihrer Hamburger Altbauwohnung, musste er dabei feststellen. Und dann fiel ihm auf, dass sie grade zum ersten Mal in der Nacht sein Bett neubeziehen mussten, seitdem sie aus Hamburg hergezogen waren.
Meine Güte, das hatte er wirklich nicht vermisst. Fenix war in einem merkwürdigen Dämmerzustand, alles war zu hell und das Wasser aus der Duschbrause war viel zu laut. Er wollte einfach nur weiterschlafen und vermisste seine Hochziehwindeln in diesem Augenblick wirklich sehr.
Entsprechend beeilte er sich und kam mit um die Hüfte geschlungenem Handtuch aus dem Badezimmer, noch bevor sein Vater die Matratze gedreht hatte.
»Ach Scheiße …«, hörte er seinen Vater fluchen, was durchaus ungewöhnlich war: »Die ist ja noch von gestern nass auf der Unterseite …«, bemerkte er und ließ die Matratze wieder ins Lattenrost zurückfallen. Auch in seinem Zimmer war es jetzt viel zu hell.
Fenix stand neben seinem Vater und lehnte müde seinen Kopf gegen dessen Oberarm: »Ohhh, wir haben vergessen die hochzustellen heute Morgen …«, fiel Fenix wieder ein. Das musste man eigentlich machen, damit nassgepinkelte Matratzen trocknen konnten, so viel hatte er in seiner Bettnässerzeit vor einem halben Jahr gelernt.
Herr Herbrands legte eine seiner großen Hände um Fenix Kopf: »Nicht deine Schuld, Fussel«, machte er klar: »Was hälst du davon, wenn du den Rest der Nacht bei mir im Bett schläfst? Und wir kümmern uns morgen um den Rest?«
»Mmmmmmh«, summte Fenix geborgen und brachte ein kaum wahrnehmbares Nicken zustande, war seinem Vater aber unendlich dankbar für dessen Vorschlag. Am nächsten Morgen würde er sich wundern, warum sein Vater nun so viel einfühlsamer mit seinem Problem umging wie vor einem halben Jahr, doch in diesem Moment war er dafür viel zu müde und freute sich einfach nur über die Geborgenheit.
Fenix nahm sich grade einen frischen Schlafanzug, den letzten, aus seinem Kleiderschrank, da fügte sein Vater noch etwas verlegen an:
»Fussel, sag mal, würde es dir etwas ausmachen, wenn du eine deiner alten Underjams anziehst, für den Rest der Nacht? Nur zur Sicherheit? Weil weißt du, wenn du bei mir …«
»Nein«, antwortete Fenix entspannt: »Garnicht … ist ok.«
»Ich glaube, die müssten in der Garage sein«, vermutete sein Vater.
Fenix wurde plötzlich wach: »Ach, ja, ich weiß schon …«
Nicht mehr in der Garage, so viel wusste er.
Zwei der vier verbliebenen Packungen aus seiner nicht lange zurückliegenden Bettnässerzeit waren hinter den Büchern in seinem Regal versteckt, die anderen beiden in einer der Schubladen seines Schreibtisches.
Eine Minute später lag eine türkise, halbleere Underjamspackung auf dem Boden von Fenix Kinderzimmer, der Zehnjährige legte sich auf die freie Betthälfte im ehemaligen Ehebett und kuschelte sich in die trockene, weiche Windel unter seinem Schlafanzug.
Autor: giaci9 | Eingesandt via Ticket
Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.
Wird ja immer interessanter!
Ich hoffe, das die Beiden noch zueinander finden. Und ich bin echt gespannt, ob wir noch mehr darüber erfahren, wie Jakob zu den Seni Quattros kam und wie es für Fenix im Internat war.