Kapitel 4
„Ich muss mal auf die Toilette“, sagte Simon und blieb abrupt vor einer großen Marmorküche in der Küchenabteilung des großen Möbelhauses stehen. Die Currywurst und die Cola, welche er an einem Imbissstand vor einer Stunde zu sich genommen hatte, machten sich jetzt deutlich in seinem Magen bemerkbar. Er musste auf die Toilette.
„Weißt du, wo die Toiletten sind?“, fragte sein Vater eher sich selbst als seinen Sohn und sah sich jene Marmorküche an, vor welcher beide gerade standen.
„Klar“, erklärte der Elfjährige lächelnd und machte sich kurz darauf auf den Weg zu den Toiletten.
Gemächlich lief Simon zum Restaurant des Möbelhauses, wo sich die Kundentoiletten befanden. Das Restaurant, in welchem es allerlei Speisen wie z. B. Fleischbällchen oder Hotdogs gab, war beliebt. Es war kurz nach fünfzehn Uhr mittags und immer noch gut besucht.
Der Junge lief gerade an einem der vollbesetzten Tische, an welchem ein Elternpaar mit ihrem kleinen Sohn saß vorbei, als er plötzlich mit einem lauten „Weg da, Kleiner“, unsanft an der Schulter angerempelt wurde. Den Übeltäter für diese Aktion hatte Simon schnell ausgemacht. Ein Junge rannte zu den Toiletten und hatte gerade die Türe der Herrentoilette geöffnet, welche sich kurz darauf wieder schloss.
Wie hatte ihn der Junge genannt? Kleiner? Was bildete der sich eigentlich ein? So klein war er jetzt auch wieder nicht, dachte sich Simon und betrat die Herrentoilette.
Sekunden später saß er auf der Toilette und erledigte sein Geschäft. Sorgfältig wusch sich Simon anschließend am Waschbecken die Hände und trocknete diese anschließend mit ein paar Papierhandtüchern ab.
„Sorry wegen eben“, wurde der Junge plötzlich von der Seite angesprochen.
Der Angesprochene drehte seinen Kopf in die Richtung, aus welcher die unbekannte Stimme erklang, und erschrak etwas. Ein Junge hatte ihn angesprochen. Nicht irgendein Junge, sondern jener, welcher ihn vorhin angerempelt hatte.
„Hättest halt auch nicht so rennen müssen“, erklärte Simon etwas schroff und musterte ihn. Der Junge war viel größer als er, vermutlich auch älter. Er trug eine kurze Jeansshorts, ein rotes T-Shirt und schwarze Sneaker.
„Entschuldige, musste echt dringend“, sagte er und strich sich einige Haare aus dem Gesicht. „Wie heißt du eigentlich? Ich bin Noah“, stellte sich der Junge vor und legte den Kopf schief.
„Hi Noah, ich bin Simon“, stellte sich Simon nun ebenfalls vor.
„Cool, wie alt bist du?“, fragte Noah den Elfjährigen, als beide gerade die Toilette verlassen hatten und durch das Restaurant liefen.
„Elf und du?“, gab Simon ihm die Antwort und sah, wie Noah eine Augenbraue hochzog.
„Elf? Ich hätte dich jünger geschätzt, ich bin zehn“, stellte Noah verwundert fest.
„Du bist aber echt groß für einen Zehnjährigen“, sagte Simon und wartete auf eine Antwort.
„Ja, ich bin einer der Größten in meiner Klasse, ich bin 1,56 m groß, mein Dad ist fast zwei Meter und meine Mom 1,80 m groß“, erklärte Noah, wieso er bereits in dem Alter so groß sei.
Die beiden Jungs hatten sich in der Zwischenzeit auf eine Sitzbank gesetzt und unterhielten sich seit einer Weile angeregt miteinander.
„Dein Dad ist Polizist?“, rief Simon verwundert und sah seinen Gesprächspartner mit großen Augen an.
Noah hatte ihm gerade berichtet, dass sein Vater bei der Polizei arbeitete.
„Nein, nicht direkt, er ist für die Verwaltung zuständig, also Akten, Berichte und so“, präzisierte Noah und zupfte am Saum seines Shirts herum.
Simon erzählte ihm anschließend, was sein Vater arbeitete.
„Cool, meine Mom ist auch in der Buchhaltung, was macht deine?“, fragte Noah plötzlich unvermittelt und brachte Simon damit völlig aus dem Konzept.
Was sollte er jetzt antworten?
„Ähm…“, setzte Simon zum Reden an, wurde aber durch eine andere Stimme unterbrochen.
„Ach, da bist du, ich habe dich schon gesucht“, hörten die Jungs eine weibliche Stimme sagen.
Ruckartig drehten sich beide um und sahen eine Frau mit einem Einkaufswagen auf sie zugehen. Der Einkaufswagen der Frau war mit zwei großen Kartons befüllt, vermutlich irgendwelchen Möbelstücken, mutmaßte Simon.
Durch das Klingeln eines Smartphones, welches aus der Hosentasche des Elfjährigen erklang, wurde die kurze Unterhaltung zwischen Noah und seiner Mutter unterbrochen.
„Papa“ stand auf dem Display.
„Bist du ins Klo gefallen, oder wo treibst du dich rum?“, scherzte Simons Vater und brachte den Jungen zum Schmunzeln.
„Nein, habe mich mit nem Jungen verquatscht, sind am Ausgang“, erklärte der Junge die Verspätung.
„Alles klar, bin gleich da“, fuhr sein Vater fort.
Sekunden später beendeten die beiden ihr Gespräch.
„Mom, das ist Simon, wir haben uns zufällig bei den Toiletten getroffen“, begann Noah. Kaum hatte Simon sein Smartphone wieder in die Hosentasche gesteckt begann Noah mit der Vorstellung seiner Bekanntschaft.
Die Frau hielt Simon die Hand hin und sah ihn freundlich an.
Nach einer kurzen Begrüßung der beiden lief Simons Vater auf die Gruppe zu.
„Und was gefunden?“, fragte Simon seinen Vater, nachdem dieser bei ihnen angelangt war.
Sein Vater schüttelte den Kopf.
„Ne“, sagte er knapp und wandte sich Noahs Mutter zu.
Die beiden Jungs liefen anschließend nebeneinander hinter den Erwachsenen her zum Parkplatz.
„Wohnst du hier in der Gegend?“, fragte Simon und sah Noah an.
„Ja, in Rosenfurt. Sind erst vor einer Woche von Frankfurt dort hingezogen“, antwortete Noah.
„Rosenfurt? Wir wohnen ein Dorf weiter“, stellte Simon erstaunt fest und lächelte.
Der Parkplatz war voll, überall parkten Autos und Menschen liefen umher. An einem roten PKW, welcher wohl Noahs Mutter gehören musste, blieben die Erwachsenen stehen.
„Am besten klappen wir die Rückbank um“, hörte Simon seinen Vater zu der Frau sagen.
Die beiden machten sich kurze Zeit später daran, die beiden länglichen Kartons in den roten Kleinwagen zu verladen.
„Zum Glück braucht Noah aufgrund seiner Größe keinen Kindersitz mehr, sonst hätten wir ein Problem“, scherzte Noahs Mutter.
Sein Vater hörte er kurz auflachen und etwas Unverständliches sagen.
„So geschafft“, erklärte Augenblicke später Thomas und schloss den Kofferraumdeckel des Kleinwagens.
„Komm, Noah, wir wollen doch noch einkaufen“, beendete seine Mutter das Gespräch zwischen den beiden Jungs und hielt ihrem Sohn die Beifahrertür auf.
„Wir müssen uns unbedingt wieder treffen, meine Nummer hast du ja jetzt“, lächelte Noah und verabschiedete sich von Simon.
„Klar, unbedingt“, erwiderte der Elfjährige und schlug mit dem jüngeren Jungen ein.
Nachdem die beiden eingestiegen waren, liefen Simon und sein Vater zu ihrem Wagen, welcher auf der anderen Seite des Parkplatzes stand.
„So, rein mit dir“, lächelte Thomas, als dieser seinem Sohn die linke Hintertür aufhielt und Simon sich Sekunden später in seinen Kindersitz gesetzt hatte.
Aufgrund seiner Körpergröße benötigte der Junge nämlich noch einen Kindersitz. Er hasste es. Besonders nachdem er an einem verschneiten Wintermorgen vor der Schule aus dem Wagen gestiegen war und anschließend von Tizian einen dummen Spruch reingedrückt bekam. Dieser war nämlich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt mit Benjamin vor der Schule gewesen, als Simon gerade aus dem Wagen gestiegen war, und hatte somit das Ankommen des Jungen hautnah mitbekommen.
Normalerweise achtete er immer darauf, von seinem Vater einige Meter vor der Schule rausgelassen zu werden, aber an diesem Morgen war dies aufgrund des vielen Verkehrs einfach nicht möglich gewesen. An diesem Tag hatte er seinen Vater angefleht, auf eine einfache Sitzerhöhung ohne Rückenlehne umzusteigen, aber dieser hatte nicht mit sich reden lassen.
Durch seinen Bruder, welcher im Rettungsdienst tätig war, wusste Thomas schließlich, dass eine einfache Sitzerhöhung bei einem Unfall zu schweren Verletzungen führen konnte und im Gegensatz zu einer Sitzerhöhung mit Rückenlehne keinen ausreichenden Schutz bei einem Frontal-, Seiten- und Heckaufprall bot.
Der Junge sehnte den Tag herbei, an dem er endlich keinen Kindersitz mehr brauchen würde.
„Angeschnallt?“, fragte sein Vater, nachdem der Motor des Wagens gestartet war, ihn.
„Ja“, war Simons kurze Antwort.
Kurz darauf setzte sich der Wagen in Bewegung. Sie verließen den Parkplatz und bogen nach einiger Zeit auf eine Landstraße ein.
16 Uhr war es bereits, der Sprecher des örtlichen Radiosenders begann gerade mit den Nachrichten. Eine Dreiviertelstunde Fahrt zu Onkel Alex lag vor ihnen.
„Noah und seine Mutter scheinen nett zu sein“, stellte Thomas fest, als der Wagen gerade an einer roten Ampel hielt.
„Ja, ich und Noah haben schon Nummern ausgetauscht“, erwiderte Simon und sah aus dem Fenster.
Einen Augenblick später sprang die Ampel auf Grün und Thomas setzte die Fahrt fort.
Simon sah währenddessen aus dem Fenster der vorbeiziehenden Landschaft zu. Dabei dachte er nach. Ihm kam das Erlebnis von heute Mittag in den Sinn.
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Bauchlängs lag der Junge auf seinem Bett und scrollte auf dem Tablet auf der Suche nach einem spannenden Video durch die Youtube-App. Plötzlich fiel sein Blick auf ein Videothumbnail. Irgendein Video über die skurrilsten Fußballstadien wurde ihm angezeigt. Wenigstens etwas, dachte sich der Junge und startete das Video.
Doch zuvor wurde, wie sollte es auch anders sein, Werbung abgespielt. Eigentlich hätte er jetzt, wie immer, auf den „Überspringen“-Button geklickt, um diese zu beenden, doch dieses Mal hielt ihn etwas davon ab. Eine Werbung einer bekannten Windelmarke wurde ihm angezeigt, genauer gesagt die Pampers-Werbung.
Blitzartig tauchten plötzlich Bilder in seinem Kopf auf, wie er früher vor dem Zu-Bett-Gehen gewickelt wurde. Er sah die weiche Pampers vor seinen Augen, roch die Wundschutzcreme und hörte das Schließen der Klebestreifen, als die Pampers verschlossen wurde.
Niemand hatte sich daran gestört, dass er nachts noch nicht trocken war. Nicht Mama und Papa, seine Großeltern oder seine Freunde. Ganz besonders Matthis nicht. Dieser hatte, als er einmal bei ihm übernachtete, nicht mal eine Miene verzogen, als sein Schlafanzugoberteil beim Legobauen hochgerutscht war und der Rand der Pampers zum Vorschein kam.
Ganz im Gegensatz zu einigen aus der 1a, seiner Klasse in der Grundschule. Bei der Übernachtung in ihrem Klassenzimmer hatte sich Simon gebückt, um vor dem Schlafengehen seinen Kuschelhund Wuffi aus seinem Rucksack zu holen. Dabei war sein Schlafanzugoberteil hochgerutscht und er gab unfreiwillig seinen Klassenkameraden Einblick in ein bis dahin gut gehütetes Geheimnis.
„Guckt mal, Simon trägt ’ne Pampers“, schrie Marc schon fast durch den Raum und hatte damit alle Blicke auf Simon gezogen.
Kurz darauf fingen alle an zu lachen, alle außer einer. Matthis. Der Siebenjährige hatte sich schützend vor seinen Klassenkameraden gestellt und fauchte seine Mitschüler an.
„Lasst Simon in Ruhe, er kann nichts dafür“, rief er wütend.
Simon hatte sich panisch die Hose hochgezogen, war kurz darauf aufgesprungen und aus dem Zimmer gerannt. Seine Lehrerin Frau Hanke fand ihn schließlich weinend auf dem Teppich im Foyer wieder. Aus der Übernachtung wurde nichts. Sein Vater musste ihn abholen.
Von diesem Tag an hatte er nirgendwo mehr übernachtet. Außer bei Matthis. Da musste er sich nicht verstecken und versuchen, seine Pampers zu verbergen.
Im Geheimen fand es Simon damals sogar ganz sinnvoll, eine Pampers zu tragen. Nicht nur sein Bett blieb dadurch trocken, sondern auch der Gang zur Toilette am Morgen fiel weg. Wenn er morgens, wenn seine Eltern noch schliefen, in seinem Kinderzimmer gespielt hatte und mal musste, machte er einfach in die Pampers. Dafür waren sie ja schließlich da.
Apropos Pampers. Wie würde es eigentlich mit dem Bettnässen weitergehen? Die Unterlagen würden auf Dauer nicht reichen. Ob ihm sein Vater wieder Pampers kaufen würde?
Simon musste schmunzeln und schüttelte belustigt den Kopf.
„Simon, in 10 Minuten fahren wir los“, rief sein Vater von unten und holte ihn so wieder in die Realität zurück.
„Ja, komme gleich“, antwortete er zurück und stand auf, um sich fertig zu machen.
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„Jungs, passt bitte etwas auf die Blumentöpfe auf“, ermahnte Alex die beiden Kinder und wendete sich anschließend wieder dem Grillgut zu.
Doch die beiden reagierten überhaupt nicht darauf, sondern spielten einfach weiter.
„Ja“, jubelte Luan euphorisch, nachdem dieser Simon ausgedribbelt und den Ball in dem kleinen Fußballtor versenkt hatte. „Ich bin voll gut, oder?“, fragte der blonde Junge mit den Locken seinen älteren Spielkameraden und lächelte.
„Voll“, bestätigte Simon und setzte zum nächsten Angriff an.
Der Elfjährige hatte vor einiger Zeit beschlossen, mit seinem kleinen Cousin Fußball zu spielen, auch wenn er ziemlich Mühe hatte, mit dem Achtjährigen mitzuhalten.
Das Einfamilienhaus von Familie Schmidt lag in einer kleinen Siedlung. In Talried, einem kleinen Dorf mit ungefähr achthundertfünfzig Einwohnern, kannte jeder jeden. Das Dorf hielt zusammen, die Gemeinschaft war gut. Das weiß gestrichene Einfamilienhaus mit einer großen Einfahrt, einer geräumigen Garage und einem idyllischen Garten war der ganze Stolz der Familie.
„Jungs, Essen“, rief Alex den beiden Kindern zu und beendete somit ihr Spiel.
Schnell liefen die beiden auf die Terrasse und ließen sich jeweils auf einem Stuhl am Gartentisch, welcher bereits gedeckt war, nieder.
„Luan, was möchtest du, eine Bratwurst oder Steak?“, fragte Alex seinen Sohn.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
„Bratwurst“, kam es wie aus der Pistole geschossen von ihm.
Simon hatte sich ebenfalls für eine bzw. zwei Bratwürste entschieden, die Erwachsenen wählten Steak.
Nachdem das Essen unter den Anwesenden verteilt worden war, fingen alle an zu essen.
Während alle ihr Essen zu sich nahmen, entstand unter den Erwachsenen eine Diskussion über Autos und Sport. Langweilig, dachte sich Simon und schob sich gerade den letzten Bissen seiner zweiten Bratwurst in den Mund.
„Mama, darf ich aufstehen?“, quengelte Luan und rutschte hibbelig auf seinem Stuhl herum.
Simon trank gerade den letzten Tropfen seiner Limonade aus und stellte das Glas anschließend wieder auf den Tisch.
„Ja Schatz, du kannst weiterspielen“, gab Nicole ihr Okay und lächelte.
Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, war Luan auch schon aufgesprungen und in den Garten gerannt.
Simon musste grinsen. Der Kleine hatte echt einen Bewegungsdrang. Ob er überhaupt mal für fünf Minuten ruhig auf einem Stuhl sitzen konnte? Wahrscheinlich nicht.
Etwas ratlos stand Simon auf und blickte auf den Gartentisch voller Teller, Besteck und Gläser. Sollte er den Erwachsenen nicht beim Abräumen helfen?
„Soll ich euch helfen?“, fragte er in die Runde und blickte auf den Tisch.
„Ne, brauchst du nicht, wir kriegen das schon hin“, antwortete Nicole und begann mit den anderen, den Tisch abzuräumen.
„Spiel doch noch etwas mit Luan, power ihn noch etwas aus, dann schläft er heute Abend schnell ein“, lachte sie und ging mit ein paar Tellern durch die Terrassentüre in die Küche.
Langsam lief Simon in den Garten zurück.
„Du hast keine Chance gegen mich“, sagte Luan herausfordernd und legte den Ball vor seine Füße.
„Wetten?“, fragte Simon ihn belustigt und machte sich zum Angriff bereit.
Luan sprintete mit dem Ball los und Simon versuchte, ihm diesen wieder wegzunehmen.
Währenddessen waren die drei Erwachsenen in der Küche damit beschäftigt, das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine einzuräumen. Dabei unterhielten sie sich miteinander.
„Ist alles klar bei dir, Thomas? Du bist so still“, fragte Alex seinen Bruder und sah ihn aus dem Augenwinkel an.
„Alles gut“, erklärte dieser kurz und stellte gerade einen Teller in das untere Fach der Spülmaschine.
Doch Alex gab sich mit dieser kargen Antwort nicht zufrieden. Er kannte seinen Bruder in- und auswendig und wusste, dass etwas nicht stimmte. Alex hielt in der Bewegung inne und sah zu seiner Frau.
„Schatz, wir lassen dich mal kurz alleine“, erklärte Alex und wandte sich Thomas zu. „Thomas, kommst du mal mit mir ins Wohnzimmer?“, fragte er ihn, auch wenn es eher wie eine Aufforderung klang.
Thomas sah verwirrt zu seinem Bruder.
„Thomas, komm“, erklärte er und packte ihn sanft an der Schulter, um ihn ins Wohnzimmer zu begleiten.
Dort setzte er sich mit ihm auf die große Ledercouch.
„Also, was ist los?“, fing Alex an und sah seinen Bruder an.
Dieser schwieg kurz und starrte auf den braunen Couchtisch vor sich.
„Simon hat vorgestern auf einer CD durch Zufall ein Video von ihm, mir und Heike gefunden. Daraufhin hat er bitterlich angefangen zu weinen, ließ sich kaum beruhigen“, rückte Thomas nun endlich mit der Sprache heraus und wippte nervös mit seinem rechten Bein.
Alex seufzte.
„Fuck“, murmelte er anschließend leise und fuhr sich mit einer Hand über sein Gesicht.
„In der Nacht hatte er dann einen Traum von ihr. Er ist schreiend aufgewacht und hat ins Bett gemacht. Das geht jetzt schon seit zwei Tagen so“, sprach Thomas weiter und atmete tief durch.
„Hätte ich doch nur diese Scheiß-CD nicht in seinen Kleiderschrank in die Kiste getan, als ich im Wohnzimmer ausgemistet habe. Ich bin so ein Idiot“, schluchzte Thomas und wischte sich mit einem Finger die aufkommenden Tränen weg.
Alex legte einen Arm um ihn und sah ihn an.
„Nein, bist du nicht. Es war ein dummer Zufall und fertig. Gib dir dafür nicht die Schuld“, versuchte Alex, seinen Bruder davon zu überzeugen, dass er nicht daran schuld war.
„Simon ist zwar nach außen hin stark, aber innerlich versucht er, es noch immer zu verarbeiten, und das ist vollkommen in Ordnung. Jeder Mensch trauert auf seine Weise und bei Kindern ist es noch einmal viel intensiver. Sei für ihn da, wenn er Fragen stellt, stärke ihn und ganz wichtig lass ihn einfach Kind sein“, versuchte Alex, ihn aufzubauen und ihm einen Rat zu geben.
„Danke, Alex“, lächelte Thomas und umarmte seinen Bruder.
„Kein Problem“, sagte er und löste sich kurz darauf aus der Umarmung.
„Oh, wir sollten so langsam los, wir haben es ja schon 20 Uhr und wir müssen noch heimfahren“, stellte Thomas fest, nachdem er auf die Uhr im Wohnzimmer geblickt hatte, und wollte aufstehen.
Doch sein Bruder drückte ihn wieder zurück auf die Couch.
„Du fährst heute nirgends mehr hin“, lächelte Alex.
„Ein andermal“, beharrte Thomas, er wollte seinem Bruder keine zusätzliche Arbeit machen. Alex hatte schließlich genug mit Luan zu tun.
„Keine Wiederrede. Die Jungs spielen gerade so schön zusammen“, sagte Alex und zeigte nach draußen zu den beiden Kindern, welche voller Freude miteinander Fußball spielten.
„Du hast schon genug mit Luan zu tun, da will ich dich nicht noch zusätzlich strapazieren. Außerdem haben wir keine Schlafsachen dabei und auch keine Unterlage für Simon, falls das Bett nass wird“, zählte Thomas die Nachteile einer Übernachtung auf.
Doch Alex ließ nicht locker.
„Thomas, du machst dir echt immer zu viele Gedanken. Du bekommst ein Shirt von mir, Simon kann einen Schlafanzug von Luan haben, sind ja beide fast gleich groß, und für das Bett finden wir auch eine Lösung. Außerdem kann ich nie genug Leute um mich haben“, erklärte Alex und stand bereits auf.
„Du entspannst dich heute mal und lässt mich machen. Na los, gehen wir zu unseren Jungs“, sprach er weiter und sah Thomas erwartungsvoll an.
Dieser gab sich schließlich geschlagen und stimmte einer Übernachtung zu.
„Na gut, einverstanden“, lachte Thomas und lief mit Alex wieder auf die Terrasse zurück.
„Simon?“, hörte der Junge seinen Vater ihn rufen und blickte, nachdem er gerade den Ball knapp am Tor vorbeigeschossen hatte, zu ihm.
„Wir schlafen heute Nacht hier“, überbrachte er ihm die Neuigkeit und brachte Simon dazu, für einen Moment komplett zu erstarren.
„Was?“, rief er überrascht und trat kurz darauf auf die Terrasse.
Er konnte nicht hier schlafen, unter keinen Umständen.
„Willst du nicht hier schlafen?“, fragte Luan und sah ihn irritiert an.
Das durfte doch alles nicht wahr sein.
„Doch, aber…“, fing Simon an, brach aber wieder ab. Er konnte Luan doch nicht sagen, dass er seit kurzem wieder ins Bett machte. Was sollte er dann über ihn denken? Der Achtjährige bewunderte seinen großen Cousin und wollte genau so sein wie Simon. Da wäre es ziemlich kontraproduktiv, wenn er feststellen würde, dass sein elfjähriger Cousin seit kurzem wieder Bettnässer war.
Alex, welcher die Situation bisher still beobachtet hatte, schaltete sich nun ein.
„Simon, ich und dein Papa hatten gerade ein Gespräch und uns dazu entschieden, dass ihr heute hier schlaft“, erklärte der Notfallsanitäter und wandte sich anschließend seinem Sohn zu.
„Luan, hilf doch deiner Mutter in der Küche“, sprach er.
Der Achtjährige zuckte mit den Schultern und ging ins Haus.
Nachdem sich Alex vergewissert hatte, dass Luan im Haus verschwunden war, wandte er sich erneut Simon zu.
„Ich habe deinem Papa angesehen, dass was nicht stimmt und habe daraufhin mit ihm gesprochen. Er wollte zuerst nicht sagen, was vorgefallen ist, aber ich habe ihn gebeten, mir zu erzählen, was los ist. Er hat also nichts ausgeplaudert, keine Sorge. Dein Vater hat mir erzählt, dass du seit kurzem wieder ins Bett machst.
Mach dir wegen dem Bettnässen keinen Kopf. Luan hat auch noch bis vor kurzem ins Bett gemacht. Er wird dich deswegen nicht auslachen, falls es das ist, wovor du Angst hast“, erklärte er.
„Ja … aber ich habe doch gar keine Unterlage dabei“, erwiderte er.
Alex kniete sich zu ihm hin.
„Du kannst eine Unterlage von Luan nehmen. Mach dir deswegen keine Gedanken“, lächelte der Familienvater aufmunternd.
Simon nickte schwach.
„Wollt ihr Mensch ärgere dich nicht spielen?“, rief Luan und kam mit dem Brettspiel, zusammen mit seiner Mutter, auf die Terrasse.
„Klar“, kam es prompt von Alex.
„Fünf“, sagte Luan und zog seine grüne Spielfigur fünf Felder weiter auf dem Spielbrett.
Die beiden Kinder spielten schon seit einiger Zeit mit ihren Vätern „Mensch ärgere dich nicht“.
Die Sonne war mittlerweile bereits untergegangen und im Garten der Familie Schmidt brannten schon seit einer Weile einige LED-Lichter und tauchten diesen in ein sanftes Licht. In der Nähe war das vereinzelte Zirpen einiger Grillen zu hören und der Tag neigte sich so langsam dem Ende zu.
„Dein Ernst?“, fragte Simon seinen Vater augenrollend, nachdem dieser seine letzte Figur kurz vor dem Ziel rausgeworfen hatte.
„Ja, mein voller Ernst“, grinste er und ging kurz darauf mit seiner letzten Figur ins Ziel.
Er hatte damit das Spiel gewonnen.
Verwundert blickte Simon auf sein Smartphone und stellte erschrocken fest, dass es schon ziemlich spät war. Kurz nach zweiundzwanzig Uhr.
„Luan, gehst du bitte deinen Schlafanzug anziehen und Zähne putzen? Ich komme dann gleich hoch“, bat Nicole ihren Sohn und begann, das Brettspiel zusammenzuräumen.
Simon hatte die Unterhaltung zwischen den beiden nur am Rande mitbekommen. Er scrollte durch seine diversen Social-Media-Apps und versuchte, sich, da er noch nicht müde war, die Zeit zu vertreiben.
Thomas und Alex unterhielten sich derweil über irgendwelche Serien.
„So, Luan ist im Bett“, erklärte Nicole, als sie sich gerade wieder an den Tisch gesetzt und ein Glas Rotwein eingeschenkt hatte.
Mittlerweile war es fast 22:30 Uhr und Simon merkte nun doch, dass er so langsam müde wurde.
„Ich gehe dann auch schlafen“, sagte er und stand im selben Atemzug von seinem Stuhl auf.
„Gute Nacht“, murmelte er in die Schulter seines Vaters und löste sich kurz darauf wieder von ihm.
„Ich habe dir einen Schlafanzug ins Bad gelegt, der sollte dir auch noch passen“, hörte er Nicole sagen.
„Auf dem Laken liegt außerdem eine Unterlage“, fügte Alex hinzu.
Simon nickte und lief, nachdem er allen eine gute Nacht gewünscht hatte, durch das Haus.
Gemütlich lief er die Treppe nach oben und drückte die Klinke der Badezimmertür nach unten. Leise schloss er diese wieder und zog sich Sekunden später den Schlafanzug an, welchen ihm Nicole hingelegt hatte.
Der Schlafanzug war laut Etikett in Größe 134 und passte ihm erstaunlicherweise noch ganz gut.
Simon entschied sich, nachdem er die kurze Shorts hochgezogen hatte, dazu, auf die Toilette zu gehen, er musste nämlich groß.
„War ja klar“, murmelte Simon und blickte noch immer auf die fast leere Rolle in der Halterung an der Wand.
Die Klopapierrolle war fast aufgebraucht.
Sein Blick schweifte suchend durch das hell erleuchtete Badezimmer seines Onkels. Wo könnte er die Klopapierrollen aufbewahren?, fragte sich der Elfjährige und überlegte fieberhaft.
Ein Klopfen an der Badezimmertüre brachte jedoch die Räder in seinem Kopf dazu, ihre Arbeit einzustellen.
„Simon, bist du fertig? Brauchst du noch etwas?“, hörte er eine männliche Stimme rufen, welche er direkt seinem Onkel zuordnen konnte.
„Ja, bin fertig. Das Klopapier ist alle“, sagte er knapp und hörte kurz darauf die Türklinke, welche heruntergedrückt wurde.
Sein Onkel trat herein und ging zielstrebig auf den kleinen Schrank neben der Waschmaschine zu. Er öffnete die Türe und überreichte seinem Neffen mit einem „Hier“ eine neue Klopapierrolle aus dem oberen Fach.
Simon konnte im unteren Fach kurz etwas erkennen. Etwas, was seine Aufmerksamkeit sofort auf sich zog.
Simon nahm die neue Rolle dankend an.
„Dann bis morgen. Wenn was sein sollte, wir sitzen noch unten“, verabschiedete er sich von seinem Neffen.
Als Simon wieder alleine war, ging er zur Toilette und wusch sich anschließend am Waschbecken die Hände.
Nachdenklich trocknete er seine Hände an einem Handtuch ab und starrte auf die Kommode.
Er konnte doch nicht einfach … nein, das wäre viel zu riskant. Oder?
Schnell schloss er die Türe ab und öffnete mit zittrigen Händen die Tür der weißen Kommode.
Im unteren Fach sprang ihm eine geöffnete grüne Packung sofort ins Auge.
Minutenlang starrte er diese an.
Der Junge wollte nicht, dass das Bett und der Schlafanzug erneut nass werden würden. Er wollte Luan nicht gestehen müssen, dass er nachts seine Blase seit Neuestem nicht mehr kontrollieren konnte. Auf gar keinen Fall.
Er dachte erneut nach. Luan schlief bestimmt schon. Er würde somit nichts davon mitbekommen. Die Erwachsenen ebenfalls nicht. Er müsste den Gegenstand morgen früh bloß unbemerkt irgendwie entsorgen.
Mit der rechten Hand griff er in die Packung und hielt einen Augenblick später etwas in den Händen. Etwas, was er bis vor einigen Jahren noch jede Nacht benötigt hatte.
Eine flauschig-weiche Windel.
Nicht irgendeine Windel, sondern eine Pampers Baby Dry in der Größe acht.
Autor: Littleboy99 | Eingesandt via Formular
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