
#10: Traurigkeit vergeht …
Kleinfeldern – Montag, der 17. Dezember 2012, 14:30
»Na, dann schau nochmal nach, was in der Aufgabenstellung steht«, zwinkerte Frau Harlekin Jakob zu. Ihr ehemaliger Schüler stützte seinen Kopf müde auf dem Ellenbogen ab und seufzte: »Och nöööö … die wollen ja den Flächeninhalt wissen und nicht die Länge! Hää, wie soll ich den errechnen?«
Jakob zog einen Schmollmund, kratzte sich am Kopf und sah hoffnungsvoll auf die Wanduhr in dem weihnachtlich geschmückten Grundschulklassenzimmer. Doch vergebens: Es war grade erst halb zwei, seine Nachhilfestunde also nicht mal zur Hälfte vorbei.
»Hattest heute einen harten Schultag, hm?«, fragte ihn seine ehemalige Grundschullehrerin mitfühlend.
Jakob nickte: »Wir haben heute die Mathearbeit geschrieben!«
»Und?«, fragte die Lehrerin.
»Ging«, lächelte Jakob: »War garnicht so schlimm.«
»Toll«, freute sich Frau Harlekin mit ihm. Dann sah sie den schmächtigen Elfjährigen mit den verstrubbelten dunkelbraunen Haaren und großen braunen Rehaugen einen Moment nachdenklich an.
»Bis wann musst du die Mathehausaufgabe machen, Jakob?«, fragte sie dann.
»Boaaah … keine Ahnung«, zuckte Jakob mit den Schultern ohne den Kopf zu heben: »Also … nicht für morgen … Mittwoch, dann hab ich das nächste Mal Mathe! Und dann nur noch Donnerstag und dann, dann das ganze restliche Jahr nicht mehr!«, kicherte er. Schließlich war die letzte Schulwoche vor den Winterferien angebrochen und damit auch die letzten Unterrichtstage des gesamten Jahres. Und irgendwie war, zumindest heute, für Jakob die Luft raus.
»Ach komm«, zwinkerte seine ehemalige Klassenlehrerin: »Lassen wir für heute mal gut sein. Mathe machst du morgen in Ruhe zu Hause, lass dir von deiner Schwester oder deinen Eltern helfen, wenn du nicht weiterkommst. Für heute haben wir genug gemacht!«
»Eecht?«, freute sich Jakob und hob den Kopf an, plötzlich strahlte sein Gesicht wieder.
»Ja! Na komm, pack schnell zusammen, die in der OGS freuen sich bestimmt wenn du schon etwas früher da bist, grade heute!«
»Boah, Danke, Frau Harlekin!«, freute sich der Fünftklässler und stopfte seine Mathesachen schnell und unachtsam zurück in die Schultasche. Er zog den Ranzen auf, stellte seinen Stuhl hoch auf den Tisch und wollte sich grade von der Lehrerin verabschieden, als zwei Sinnenseindrücke auf einmal auf ihn einprasselten.
Er musste pullern, ganz, ganz, ganz dringend!
Im Regal neben der Türe stand noch der Milchkasten von der großen Pause und darin war eine Kakaoflasche, in der noch kein Strohhalm steckte!
Automatisch drückte Jakob mit seiner linken Hand in den Schritt um einzuhalten, doch sein Hand versank im hoffnungslos dicken Saugmatsch seiner völlig durchnässten Schulpampers.
»Frau Harlekin? Kann ich den Kakao haben der übriggeblieben ist? Der hält sich doch eh nicht bis morgen, oder?«, quengelte er.
»Na, weil du es bist«, antwortete die Pädagogin, doch zog dabei eine Augenbraue hoch: » … Aber Jakob? Kann es sein, dass du mal auf die Toilette musst?«
Jakob erstarrte und man konnte ihm ansehen, dass ihn die Erkenntnis selbst überraschte: »Oh. Ja!«
»Na dann flitz schnell rüber, Großer! Der Kakao wartet auf dich, versprochen«, antwortete Frau Harlekin, während Jakob die Beine verschränkte. Viel Zeit es aufs Klo zu schaffen hatte er nicht mehr, so viel war ihr klar.
Jakob sah seine ehemalige Grundschullehrerin nachdenklich an. Es war so lieb von ihr, dass sie die Nachhilfe heute nicht so lang gemacht hatte wie sonst, überhaupt, dass sie das überhaupt für ihn machte und dann auch noch, dass er sogar den Kakao haben durfte! Und dass sie immer so nett zu ihm war.
Natürlich würde er nicht aufs Klo gehen, das war sinnloser Quatsch, dafür war er doch gewickelt, damit er das nicht machen musste!
Aber er wollte Frau Harlekin jetzt auch nicht anlügen …
Entschuldigend murmelte er: »Aber … meine Pampers ist doch eh schon nass, also …« und drehte sich, um den Strohhalm in die Kakaoflasche zu stecken. Und um die Enttäuschung, die er auf Frau Harlekins Gesicht vermutete, nicht sehen zu müssen.
Seine Lehrerin sagte zum Glück nichts dazu. Schnell nahm er die Flasche aus dem Kasten. »Tschuldigung«, sagte er trotzdem, weil er das Gefühl hatte, sie zu enttäuschen. Dann verabschiedete er sich etwas verlegen und lief auf den Schulflur hinaus, wo er in Richtung Nachmittagsbetreuung ging und dabei am Strohhlam seiner Kakaoflasche nuckelte. In der kleinen Aula fiel seine Aufmerksamkeit dann auf die halb geschmückte, wirklich riesige Weihnachtstanne und er löste die bis dato zwischen seine Beine gepresste linke Hand um mit den Fingern über die Tannenzweige zu fahren.
Er spürte das pieksen der Nadeln und währenddessen wurde es zwischen seinen Beinen und am Po warm. Er seufzte, seine Augen wurden glasig und er sah in die Ferne. Mit einem Mal war die Entspannung da: Für heute war er fertig mit Schule. Alle Hausaufgaben für morgen hatte er bereits erledigt, den Rest des Tages konnte er in der Nachmittagsbetreuung und dann Zuhause spielen.
Und auch seine überreizte Blase wurde endlich entlastet. Mit Hochdruck flutete er seine ohnehin schon stark durchnässte Windel.
Die Pampers war so, so voll. Schwer. Glibberig. Matschig.
Langsam ging der Fünftklässler in die Hocke, saugte am Strohhalm der Kakaoflasche und machte sich in aller Ruhe in die Hose.
Im breitgequollenen Saugstoffwulst zwischen seinen Beinen bildete sich eine See, der bald auch seinen Po erreichte.
Langsam atmete Jakob aus.
Er dachte nicht darüber nach, dass er vielleicht nicht so viel auf einmal pinkeln sollte, wenn seine Pampers schon so pitschenass war und auch der Gedanke, dass er sich besser frisch wickeln sollte, bevor er zur Nachmittagsbetreuung gehen würde, konnte in diesem Moment nicht ferner sein.
Jakob dachte über gar nichts nach, sondern fühlte sich geborgen. Roch den Geruch von Weihnachten, spürte die beruhigende Wärme der vollen Windel und genoss die Entspannung, die ihn durch das einpullern überkam.
Als er nach etwas rumstromern zehn Minuten später in der Nachmittagsbetreuung ankam, hatte es seine Pampers doch noch geschafft, den Pipisee aufzusaugen. Dafür war Jakobs Windelpo in der etwas engen Cargohose noch etwas praller geworden. Doch der Elfjährige mochte das Gefühl des glibberigen Saugmatsches, der eng an ihn herangepresst wurde. Fühlte sich von früher nur allzu vertraut an. Und außerdem hatte er gar keine wirkliche Gelegenheit, sich über seine Unterwäsche Gedanken zu machen, stattdessen stand ihm die Überraschung ins Gesicht geschrieben als er den Raum der Nachmittagsbetreuung betrat:
»Warum gibt es denn heute Essen?«, wunderte er sich.
Die vielen kleinen Tische waren zusammengeschoben, sodass alle Kinder an einer großen Tafel saßen.
»Na, wir machen doch heute länger wegen des Bastelns für die Weihnachtsaufführung, hast du’s schon vergessen?«, begrüßte ihn Maxis Großmutter, welche die Kinderbetreuung ehrenamtlich leitete.
»Ohhh«, fiel es Jakob plötzlich ein: »Stimmt ja. Dafür gabs ja sogar den Elternbrief, den ich meiner Mama hab zeigen sollen …«, fiel ihm ein.
Frau Knopp hatte extra daran gedacht, auch Jakob zum Basteln einzuladen, auch wenn er eigentlich kein Grundschüler war und entsprechend auch nicht von seiner Klassenlehrerin einen der Elternbriefe mitgegeben bekommen hatte, die darüber aufklärten, dass die Offene Ganztagsschule, also die Nachmittagsbetreuung der Kleinfeldener Grundschule, heute einen etwas längeren Tag machen würde.
»Und, weiß deine Mama Bescheid?«, fragte ihn Großmutter Knopp nun und das war Jakob, das musste er zugeben, äußerst unangenehm …
»Ähh … ich hab den Elternbrief vergessen zu zeigen …«, gab er zu und presste betreten die Lippen aufeinander: »Darf ich gleich mal zuhause anrufen? Dann frage ich schnell. Oh, bitte, bitte!«, quengelte er.
»Ja, ist gut. Aber gleich nach dem Essen dann«, schüttelte Frau Knopp mit dem Kopf, seufzte und dann wuschelte sie ihm durch die strubbeligen schwarzen Haare: »Jakob, wenn dein Kopf nicht angewachsen wär …«, kommentierte sie, aber das ging schon im allgemeinen Trubel unter. Denn auch ihr Enkel hatte den Elfjährigen plötzlich entdeckt: »Jakob! Schnell! Komm zu mir, zu mir!«, rief er quer durch den Raum und klopfte auf den leeren Sitzplatz neben sich.
Das lies Jakob sich nicht zweimal sagen, lief um den großen Tisch herum und nahm sich schnell einen tiefen Teller sowie etwas von der Kürbissuppe, die am Tischkopf stand und balancierte den Suppenteller anschließend so schnell es ging zu dem für ihn freigehaltenen Platz.
Das leise Schmatzen seiner durchnässten Pampers ging im lauten durcheinandergerede der Kinder völlig unter und natürlich war für Jakob in diesem Moment alles andere viel wichtiger als dass sein Po in warmem Pipi schwomm.
»Voll cool, dass du schon da bist«, freute sich Maxi, während Jakob einen Arm weit nach vorne streckte und nach der Kanne Kamillentee griff, die in der Tischmitte stand.
»Jaaaaaa«, freute sich Jakob, dann kicherte er: »Frau Harlekin hat gesagt, heute wird das nichts mehr mit Nachhilfe«, erzählte er seinem Freund ganz ehrlich, während er sich überschwänglich den warmen Tee in den bereitstehenden, roten Plastikbecher goss.
Etwas zu überschwänglich.
»Hee, pass auf, jetzt hast du gekleckert!«, belehrte ihn der Erstklässler, der auf der anderen Seite neben ihm saß.
»Sorrryyyyyy«, rollte Jakob mit den Augen und wischte den Fleck schnell mit seinem Pulliärmel weg.
»Ich kann das schon besser als du, dabei bin ich erst Sieben!«, blökte der blonde Junge.
»Toll«, gratulierte Jakob dem kleinen Jungen, auch wenn er ihn in diesem Moment eher nervig fand. Aber er wollte trotzdem nett sein, das hatte er sich früher immer gewünscht, dass die großen Kinder nicht immer so gemein wären.
»Wie alt bist du?«, fragte der Junge und schaute ihn mit großen Augen an.
»Elf«, antwortete Jakob einsilbig und trank einen Schluck Kamillentee.
»Boaah! Dann gehst du ja schon in die vierte Klasse!«, staunte der Siebenjährige.
Jakob stockte kurz, dann nickte er: »Ja, sozusagen …«
Er hatte keine Lust, dem Knirps jetzt zu erklären, dass er eigentlich gar nicht mehr hier zur Schule ging.
»Dann kommst du ja bald auf die Schule für die ganz großen Kinder!«, kombinierte der Erstklässler, während er aufgeregt mit den Beinen vor und zurückwippte.
Jakob musste schmunzeln und legte den Kopf schief: »Stimmt. Aber das dauert zum Glück noch ein bisschen …«
Auch wenn er nicht fand, dass er ein ganz großes Kind war. Zumindest jetzt noch nicht.
Als der Erstklässler seine nächste Frage stellen wollte, übertönte ihn Max einfach. Was Jakob etwas leid tat, aber andererseits war das, was Maxi ihm und Benni erzählen wollte auch einfach viel spannender. Und er war schließlich mit Maxi befreundet, nicht mit diesem Erstklässler.
Kaum eine Viertelstunde später hatten alle Kinder aufgegessen und brachten nun nacheinander ihre Teller zur Spülküche an der Stirnseite des großen Raumes. Jakobs siebenjähriger Sitznachbar legte grade seinen Suppenteller auf dem Stapel ab, da wurde er von Frau Knopp diskret zur Seite genommen.
»Louis, gehst du bitte nochmal auf das WC, bevor wir anfangen? Nicht, dass nochmal dasselbe passiert wie Freitag …«, bat sie den Jungen, dann fiel ihr Blick auf Jakob: »Ach, Jakob. Für dich gilt eigentlich das gleiche, sozusagen.«
Louis sah ihn überrascht an und kicherte leise über den Umstand, dass so ein großer Junge wie Jakob daran erinnert werden musste, auf Toilette zu gehen. Der Elfjährige schüttelte peinlich berührt mit dem Kopf. Warum fragte Maxis Oma das? Die wusste doch, dass er Windeln trug und dementsprechend garantiert nicht aufs WC gehen musste. Jakob verschränkte defensiv die Arme. Zum Glück kannte Frau Knopp ihn gut genug, dass sie es dabei beließ. Auch wenn sie mitbekommen hatte, wieviel Kamillentee Jakob getrunken hatte und obwohl sie deutlich sah, wie dringend er einen Windelwechsel brauchte. Sie würde ihn gleich nochmal diskreter beiseite nehmen, nahm sie sich vor.
Jakob achtete nicht auf das Ziehen in seiner Blase, als er schnell wieder an seinen Platz zurückrannte. Genau so wenig dachte er darüber nach, wie schwerfällig seine klitschnasse Windel beim Gehen an seinen Oberschenkeln rieb. Stattdessen setzte er sich wieder neben Max und ignorierte dabei nicht nur die neu aufkommende Nässe, die sich beim Setzen auf den harten Holzstuhl an seinem Po ausbreitete, sondern auch den starken Pipistrahl, der im selben Moment gegen das durchnässte Vorderteil seiner völlig überforderten Pampers prasselte. Nur, dass seine Windel wieder schön warm wurde, spürte er und da war es ihm dann auch ganz recht, dass der Schwall kaum enden wollte und seine Pampers überall bis ins wirklich letzte Zipfelchen triefend nass wurde.
Als er kurz darauf bei sich zu Hause anrief, ging nur der Anrufbeantworter dran. Was für Jakob okay war, denn der konnte wenigstens nicht Nein sagen. Als sich die Kinder kurz darauf paarweise zu Bastelgruppen zusammenfinden sollten, standen die drei Freunde hingegen vor einem Dilemma, das sich nur mit Schnick Schnack Schnuck lösen lies. Jakob verlor und anstatt mit Maxi oder Benni zu basteln, war sein Partner nun der siebenjährige Louis.
»Ach, das ist eigentlich ganz gut, wenn Louis einen großen Jungen hat, der ihm helfen kann!«, munterte Großmutter Knopp Jakob auf und gab den Beiden die Bastelaufgabe, die sie für die Viertklässler vorbereitet hatte.
Kleinfeldern – Samstag, der 19. August 2023, irgendwann am späten Vormittag
Als Jakob am nächsten Morgen – oder Vormittag – aufwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Es war warm in seinem Zimmer, trotz der halb heruntergelassenen Rollläden. Noch im Halbschlaf drehte er sich zur Seite und drückte mit seinem Oberschenkel das warme, aufgequollene Saugfließ seiner Windel zusammen. Er hatte geschlafen wie ein Stein und jetzt war seine Windel randvoll und seine Blase leer. Den sonst jeden Morgen drängenden Toilettengang hatte er offenbar bereits während des Schlafens erledigt.
Also alles genau wie in seiner Kindheit. Nur die Kuscheltiere in seinem Hochbett fehlten, aber auch nur weil er sie mit in sein Zimmer im Studentenwohnheim genommen hatte. Einen Moment lang blieb Jakob noch liegen, spürte die schwere Nässe in seinem Schritt, die feuchte Wärme einer vollgepinkelten Nachtwindel und lies all die Gefühle, die damit einhergingen auf sich wirken.
Wenige Minuten später wurde es ihm unter der Bettdecke endgültig zu warm, sodass er mit zwischen seinen Beinen durchhängender Windel die Hochbettleiter herunterkletterte und ganz automatisch vor seine Windelschublade ging und selbige öffnete.
Erst dann wurde ihm bewusst, dass dort drin schon lange keine Feuchttücher mehr lagerten. Verschlafen quetschte er die Vorderseite seiner vollgepullerten Windel und spürte, wie die Seni die aufgesaugte Feuchtigkeit wieder freigab. Oh, wie er dieses Gefühl liebte! Eigentlich würde er seine nasse Windel am liebsten anbehalten.
Da öffnete sich plötzlich die Türe.
»Na da hat aber jemand ordentlich die Hose voll!«
Mit schockgeweiteten Augen fuhr Jakob herum und war sichtlich erleichtert, als er Fenix in der Tür erkannte. Doch dann traf ihn eine weitere Erkenntnis: »Schhhh! Bist du bescheuert? Was wenn meine Eltern das hören??«
»Chill, die sind vor ner halben Stunde zum Globus gefahren!«, antwortete Fenix: »Wir sind alleine.«
»Gottseidank«, war Jakobs Reaktion: »Dann kann ich mich ja in Ruhe im Bad frischmachen.«
»Nötig hättest dus jedenfalls«, zwinkerte Fenix seinem Freund zu: »Ooder wir frühstücken erstmal.«
»In der nassen Windel?«
»Na als wäre das etwas neues für dich. Wir wollten eh in ner halben Stunde schon bei Maxi sein zum Aufräumen, wickeln kannste dich auch nach dem Frühstück …«
»Fuck, ist es schon so spät?«
Fenix nickte nur. Jakob haderte einen Moment lang mit sich selbst: Die Windel war fantastisch. Seine Eltern würden sicherlich nicht vor zwölf zurückkommen.
Eigentlich gab es da nichts zu überlegen, bis auf die Tatsache, dass es sich wie ein Rückschritt anfühlte, am heimischen Frühstückstisch wieder in Windeln zu sitzen.
»Okay«, nuschelte Jakob verlegen als Antwort und zog seine Schlafanzughose stramm, was seine Windel nicht im geringsten besser kaschierte.
Die Cornflakes, welche die beiden Jungen in einem der Eckschränke fanden, waren kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums und dennoch genießbar. Jetzt, wo selbst Jakob aus dem kleinen, alten Haus ausgezogen war gab es wohl niemanden hier, der morgens Cornflakes mit extra viel Milch aß. Genauso wie es niemanden mehr gab, der mit den Fahrrädern in der Garage fuhr oder mit den Brettspielen im Wohnzimmerschrank spielte. Wobei. Wann hatten sie damit zuletzt gespielt, als er hier noch gewohnt hatte? Das musste ewig her sein.
»Du bist aber nachdenklich heute Morgen«, bemerkte Fenix das Schweigen seines Kindheitsfreundes.
»Ich … ich weiß nicht. Ist komisch, hier zu sein, in ner Pampi, mit dir, jetzt …«
»Sorry”, entschuldigte sich Fenix sofort.
»Nein, nein! Du bist nicht das Problem!«, stellte Jakob sofort klar: »Nur … ach, ich weiß nicht …«
Angesichts des schon deutlich vorangeschrittenen Tages beeilten sich die beiden Freunde mit dem Frühstück. Schon zehn Minuten später hatte Jakob seine Nachtwindel ausgezogen und war in der Dusche verschwunden. Die Abkühlung tat gut, obwohl es um diese Zeit noch nicht besonders heiß draußen war. Außerdem kam man beim duschen immer gut auf andere Gedanken.
In dieser Dusche hatte seine Mutter ihn kalt abgeduscht, als er in der ersten Klasse sein großes Geschäft in seinen Pullup gemacht hatte, weil er sein Spiel nicht hatte unterbrechen wollen. Das Wasser war so kalt gewesen, dass es richtig weh getan hatte.
Falscher Gedanke.
Gleich würden sie Maxi zur Hand gehen beim Aufräumen. Auch wenn ihm auf dem Knopphof immer etwas mulmig zu Mute war, nachdem was 2012 passiert war, freute er sich darauf. Körperliche Arbeit mit Maxi machte immer Spaß, wie im Coronasommer zwischen Abi und Studium, als Jakob auf dem Hof ausgeholfen hatte. Er war früher immer der kleine, schwache, empfindliche Junge gewesen, also hatte er hart angepackt um sich zu beweisen und war stolz gewesen, als ausgerechnet Maxis Vater ihn lobte.
»Beeil dich mal Junge, oder willst du zu Karpador werden?«, rief Fenix vom Flur aus und riss Jakob aus den Gedanken. Er hatte ja recht.
Jakob drehte schnell das Wasser aus, trocknete sich ab und zog seine Schlafanzughose wieder hoch. Das Shirt und die zusammengefaltete Nachtwindel nahm er in die Hand. Als er die Badezimmertüre wieder aufschloss, hakte der Schlüssel im Schloss. Derselbe Schlüssel, den David von außen umgedreht hatte, als er Jakob als Kindergartenkind auf dem Klo eingeschlossen hatte.
»Damit du endlich lernst, dir nicht in die Hose zu scheißen!«
Dann hatte David das Licht ausgemacht und gelacht. Es musste Abends gewesen sein, jedenfalls war es in Jakobs Erinnerung stockduster. Er konnte nichts sehen, außer den Lichtspalt unter der Türe.
Er hatte schreckliche Angst gehabt und sofort um Hilfe gebrüllt, gegen die Türe gehämmert und geheult, bis er auf der anderen Seite plötzlich Robins Stimme gehört hatte.
»Bärchen! Alles gut! Ich hol dich raus … warte einen ganz kleinen Moment, okay? Wie auf der Nachtwanderung, ja?«
Dann hatten sich Robin und Dave angeschrien. Robin hatte damit gedroht, Mama und Papa anzurufen. Sie hatte gekreischt. Es hatte gerumst in Davids Zimmer. Dann war sie gerannt und Jakob hatte begriffen, dass sie zu ihm rannte. Das Schloss hatte geknackt, wie es immer knackte wenn man es aufschloss und im nächsten Moment hatte seine große Schwester die Türe aufgerissen.
Nur damit David sie wieder zuwarf.
»Du Arschloch!«, hatte Robin geschrien, dann hörte Jakob ein Klirren und David schrie vor Schmerz auf.
Sofort hatte Robin die Türe aufgerissen und ihn ganz feste in ihre Arme genommen. Hinter ihr hockte David auf dem Boden und funkelte ihn Böse an, um ihn die Scherben von der Blumenvase, die bis dato auf der Anrichte neben dem Bad gestanden hatte.
Falscher Gedanke.
Das alte Schloss knackte, als Jakob es aufschloss. Schnell huschte der Student über den Flur in sein altes Kinderzimmer und stopfte die benutzte Windel in seinen Rucksack, damit sie bloß niemand sah.
Als nächstes schob er seinen Schreibtischstuhl zurück, auf dem er sich gestern die Kleidung für heute rausgelegt hatte. Doch Fehlanzeige.
Hatte er sich das eingebildet? Okay, er war ja auch nicht mehr ganz nüchtern gewesen gestern Abend. Dann musste das Zeug wohl noch im Rucksack sein.
Genervt hob Jakob die nasse Windel wieder raus, aber im Rucksack war nur die Boxershorts.
Immerhin.
Aber wo verdammt war der Rest? Der Student wurde ungeduldig.
»Fenix, weißt du wo mein Zeugist?«, rief er und fragte sich im selben Moment, wo Fenix eigentlich war.
»Hab ich dir auf dem Hochbett bereitgelegt«, antwortete Fenix im Türrahmen stehend. Jakob rollte genervt mit den Augen. Wie sollte er das denn finden? Hektisch stieg er auf die erste Stufe seines Hochbettes und schon sah er es.
Sein blaues T-Shirt. Die schwarze Outdoorshorts.
Und eine frische Seni Quattro.
Kleinfeldern – Montag, der 17. Dezember 2012, kurz nach 16 Uhr
»Guck mal Jakob, ich hab einen Schnabel!«, lachte Louis und hielt sich die spitz zulaufende, gelbe Pappe vor den Mund.
Jakob sprang sofort darauf an: »Quak, Quak, Quak«, sagte er und hielt sich ebenfalls eine der Pappen, aus denen sie eigentlich Sterne zusammenkleben sollten vor den Mund.
»Nak Nak!!«, machte auch die Louis-Ente und Jakob musste daraufhin so stark lachen, dass er dabei kräftig in seine Windel nässte.
»Ich bin Donald Duck!«, quakte Jakob und gab sich Mühe, den Tonfall der Comicente zu imitieren, woraufhin Louis vor lauter Lachen den Kleber umwarf.
»Passt doch auf, ihr Spielkinder!«, meckerte Lara von der anderen Seite des Tisches, doch Louis antwortete erstaunlich selbstbewusst: »Spiel-Enten!«
Als Louis nach der Flasche griff um sie wieder aufzurichten, quietschte diese.
»Quietscheenten!«, warf Jakob ein, woraufhin Louis mehrmals mit der Flasche quietschte und sich die beiden Jungen nur noch mehr amüsierten.
Mittlerweile hatte Jakob den siebenjährigen Louis richtig gern. Die Albereien mit dem Erstklässler waren genau das, was er nach seinem anstrengenden Schultag heute brauchte. Zwar kamen sie mit dem Falten und zusammenkleben der Sternstrahlen nur halb so schnell vorran wie die anderen Kinder an ihrem Basteltisch, aber das war beiden Jungen ziemlich egal. Immerhin hatte ihr Tisch auch die komplizierteste Bastelaufgabe und Louis war erst in der ersten Klasse, da war das doch nur verständlich.
Während die Erst- und Zweitklässler bunte Papierschnipsel mit Kleister auf Plastikschüsseln klebten, aus denen am Ende bunte Kugeln wurden und die Drittklässler die Aufgabe bekommen hatten, aus weißer Wolle, roter Pappe und elastischen Gummibändern Weihnachtsmannhüte zu bauen, kümmerten sich die Viertklässler um die großen gelben Sterne, die auf der Bühne von der Decke baumeln sollten. Doch sonderlich viele Viertklässler waren heute gar nicht in der Nachmittagsbetreuung, sodass Großmutter Knopp auch Jakob und Louis die komplizierte Bastelaufgabe gegeben hatte. Die alte Dame mit der schneeweißen Hochsteckfrisur hatte ihnen erst geduldig erklärt, wie man die einzelnen Teile des Pappsterns vorzeichnen musste, anschließend zusammenfaltete und mit Flüssigkleber zusammenklebte. »Das ist schon etwas knifflig. Ihr müsst vor allen Dingen gut vorzeichnen, das hab ich nicht mehr geschafft. Aber ihr seid ja auch schon groß. Und ihr habt ja auch noch Jakob als Unterstützung«, hatte sie ihre Erklärung beendet, bevor sie sich wieder den kleineren Kindern zuwandte. Kurz hatte Jakob Angst, jetzt als Ältester den Ton angeben zu müssen, doch dann ergriff eines der Mädchen die Initiative und begann, die Falzlinien auf der gelben Pappe vorzuzeichnen.
«Ist das so richtig, Jakob?”, fragte ihn der blonde Erstklässler mit den Augen, die so hellblau wie Eisminzbonbons waren und hielt ihm die nun fertig gefaltete, gelbe Pappspitze hin.
«Jau, das ist echt nicht schlecht!”, lobte Jakob ihn: »Ein Mega spitzer Schnabel, damit kann der Vogel sogar Löcher graben! Wie so ein Specht: Tok, tok tok!!«
Doch nicht alle in der Gruppe waren von Louis Arbeit überzeugt: »Zeig nochmal, Louis«, bat ihn Lara und Louis reichte seine Faltarbeit zu dem Mädchen, welches ebenfalls in die dritte Klasse von Frau Harlekin ging.
»Naja, also der Falz ist aber schon ziemlich unsauber«, fand Lara, doch Louis protestierte: »Ja aber das sieht man doch gar nicht mehr, wenn es aufgeklebt ist!«
»Na, das heißt doch aber nicht, dass du deswegen unsauber arbeiten darfst«, empörte sich die Neunjährige mit dem langen dunkelblonden Zopf, woraufhin Jakob mit den Augen rollte: »Lara, lass ihn doch, das ist echt egal …«
»Hä? Garnicht?!«, beharrte das Mädchen, woraufhin Jakob sich vorbeugte um nach dem von Louis gefalteten Sternenstrahl zu greifen. Lara zog den Strahl zu sich rüber, damit Jakob nicht an ihn drankam, also beugte er sich nach vorne und kniete sich dafür auf seinen Stuhl. Lara übertrieb echt, fand der Elfjährige.
»Jakob!!«, platzte Louis ganz aufgeregt dazwischen: »Dein Popo ist ja ganz nass!«
Der Angesprochene zuckte zusammen und spürte die kalte, klamme Nässe an seiner Hose. Gegenüber von ihm kreischte zu allem Überfluss Lara: »Iiiiih! Jakobs Pampers ist übergelaufen!!!«
So laut, dass es wirklich jeder in der Nachmittagsbetreuung hörte.
Die vielen Gespräche, die bisher den großen Raum mit Leben erfüllt hatten verstummten auf einen Schlag. Dann kreischten und lachten auch alle anderen Kinder. Für einen kurzem Moment war Jakob starr vor Scham, bevor er langsam wieder auf seinen Platz zurücksank.
Neben ihm saß Maxi, doch Jakob traute sich nicht, seinen Freund anzuschauen, denn er wollte nicht sehen, wie Maxi vielleicht auch lachte, oder ihn befremdet ansah. Oder Benni. Selbst Louis.
Jakob schloss die Augen, hielt sich die Ohren zu und fing im selben Moment an zu heulen. Jetzt redeten alle Kinder durcheinander und auch wenn er am liebsten kein Wort verstanden hätte, begriff er, dass es hauptsächlich um ihn und seine volle Windel ging.
Plötzlich hörte er die Stimme von Frau Knopp: »Mensch Jakob … steh erstmal auf, dann …«
Jakob stand auf und griff nach der Hand von Maximilians Großmutter.
»Ich hab dich eben noch erinnert …«, tadelte sie den verheulten Elfjährigen, während sie ihn aus dem Raum herausführte, zur Garderobe vor der Türe, wo die Schulranzen und Jacken der Kinder hingen.
»Haben sie gar nicht!«, trotze Jakob schniefend.
Frau Knopp antwortete nicht.
»Hast du eine frische Windel in deinem Rucksack?«, fragte sie stattdessen.
Jakob zog die Rotze in seiner Nase hoch und nickte. Er kniete sich vor seinen Rucksack, spürte, wie seine Windel dabei noch mehr auslief und entnahm die in einem Beutel versteckte Wechsel-Pampers.
»Hörmal, Jakob«, sagte Maxis Großmutter, die im Gegensatz zu Maximilians Vater und Großvater eigentlich immer nett war. Doch jetzt kniete Jakob mit einer nassen Hose auf dem Boden, war ganz klein und die große, alte Dame stand vor ihm und verschränkte gradezu bedrohlich die Arme. Frau Knopp nahm war, dass Jakob eingeschüchtert wirkte und kurz überkam sie der Impuls, sich vor ihm hinzuknien um mehr auf Augenhöhe zu sein, doch dann dachte sie an ihren alten Rücken.
»Du kannst nichts dafür, dass du immer noch in die Hosen machst. Aber du bist wirklich mehr als alt genug um dich selbst darum zu kümmern, wenn du eine frische Windel brauchst!«, tadelte sie ihn.
»Ja, aber …«, setzte Jakob an und wusste dann nicht mehr, was er sagen sollte. Stattdessen liefen ihm Tränen über die Wange. Frau Knopp hatte recht. Warum war er so ein verdammtes Kleinkind? Warum hatte er nicht bemerkt, dass seine Pampers überlief? Das hätte ihm doch klar sein müssen! Alle lachten jetzt über ihn, alle!
»Schaffst du es, zum Sekretariat zu gehen und Frau Brocke zu erklären, was passiert ist? Dann gibt sie dir eine frische Hose und du kannst dich im Krankenzimmer umziehen«, sagte Frau Knopp, nachdem Jakob sich wieder etwas beruhigt hatte.
Doch der elfjährige Junge, der eingenässt vor ihr auf dem Boden hockte und nun mit dem Mund an der Kordel seines Kaputzenpullis nuckelte, schüttelte mit dem Kopf: »Können sie mitkommen?«, nuschelte er weinerlich.
Frau Knopp seufzte und griff nach Jakobs Hand. Kaum zu glauben, dass der Junge, der sich grade wie ein Kindergartenkind verhielt sonst so ein cleverer, aufgeweckter Fünftklässler war. Watschelnd ging Jakob neben ihr her, sagte keinen Mucks, zog ab und zu die Nase hoch und starrte auf den Fliesenboden, während sie durch das Schulgebäude gingen.
»Na, was ist denn mit dir passiert?«, fragte Frau Brocke mitleidig, als Großmutter Knopp mit dem verheulten Jungen im Schlepptau das Sekretariat betrat. Frau Knopp wartete einen Moment, ob Jakob sich trauen würde, selbst etwas zu sagen, vergebens.
»Jakobs Windel ist ausgelaufen. Jetzt braucht er eine saubere Hose und einen Ort, an dem er sich wickeln kann«, erklärte Frau Knopp und spürte dabei, wie Jakob fester nach ihrer Hand griff.
»Ach Jakob … «, schüttelte Frau Brocke mit dem Kopf, woraufhin Jakob noch beschämter zu Boden blickte als ohnehin schon. Gisela Brocke spielte mit seiner Mama zusammen Karten und Jakob wusste, dass sie ihr bei nächstbester Gelegenheit von seinem Unfall heute erzählen würde. Seiner Mutter wäre das dann vor ihren Freundinnen total peinlich, weshalb sie wütend auf ihn werden würde. Und dann würde sie wieder gemeine Dinge zu ihm sagen. Dass er ein Kleinkind war, ob er vielleicht besser wieder in den Kindergarten gehen sollte, wenn er sich selbst in der Grundschule lächerlich machte, dass er eine Enttäuschung sei …
Jakob wischte sich die Tränen mit seinem Ärmel weg und versuchte, nicht wieder loszuheulen. Frau Brocke suchte kurz in einer grauen Plastikkiste im Regal hinter ihrem Empfangstisch, bevor sie eine grüne Jogginghose hervorzog. Sie erklärte ihm irgendwas, doch Jakob hörte nicht zu. Anschließend drückte sie ihm die Jogginghose, eine durchsichtige Plastiktüte sowie eine Packung Feuchttücher in die Hand und schloss ihm die Türe zum Nebenraum auf.
Als er hineinging, spürte er bei jedem Schritt, wie seine Oberschenkel an der nassen, rau gewordenen Außenseite seiner übervollen Pampers rieben. Das juckte!
Er öffnete den Knopf seiner nassen Hose und zog sie langsam herab. Seine Hände streiften den Stoff seiner Windel und versanken im dicken, von all dem Pipi des heutigen Tages längst übersättigten Windelflies, das sofort zwischen seinen Beinen herabsackte, kaum wurde es von seiner Hose nicht mehr an ihn herangepresst. An seiner Haut spürte er einen Luftzug, der sich nach all den Stunden, in denen er in seinem Schritt nichts als den warmen, nassen Pipimatsch gespürt hatte fremdartig und kalt anfühlte. Mit schwerfällig wackelnder Windel streifte Jakob nun seine Filzpantoffeln ab, stieg aus der nassen Cargohose, knüllte sie zusammen und stopfte sie in die Plastiktüte, bevor er seine nasse Strumpfhose herunterzog. Der nasse, hellblaue Stoff klebte an seinen Oberschenkeln und rollte sich beim Herunterziehen auf, sodass das Ausziehen zu einer lästigen Geduldsübung wurde, an deren Ende Jakob Barfuß auf dem kalten Fliesenboden stand.
Nun nur noch in Pullover und Windel öffnete der Fünftklässler endlich die Klebestreifen seiner Pipiwindel, woraufhin das kiloschwere Paket schwerfällig zu Boden fiel. Von der Oberkante der Pampers, direkt unter den Bauchbündchen bis hinten zu der Stelle, an der die Seitenteile aufhörten, war seine Windel knallgelb und dick aufgedunsen. Seine Haut glänzte vor Nässe und erst jetzt, wo sie fehlte, bemerkte Jakob, dass er die dauerhafte Wärme und Feuchtigkeit der klitschnassen Windel direkt wieder vermisste. Die Windel roch so intensiv nach Urin wie sonst nur seine Nachtwindeln morgens, doch das störte ihn ebenso wenig, verband er mit diesem Geruch doch hauptsächlich die Geborgenheit und Sorglosigkeit freier Samstagmorgende.
Trotzdem brauchte er sämtliche Feuchttücher der angebrochenen Packung auf, reinigte sich gründlich und warf die benutzten Tücher anschließend in seine volle Windel, so wie Robin das sonst auch immer machte beim wickeln. Nur Creme fehlte, aber damit kam er klar. Und wenn er ehrlich war, fühlte sich die trockene Windel anschließend auf ihre ganz eigene Art noch wesentlich kuscheliger und angenehmer an als die übervolle, längst Ausgereizte zuvor. Selbst die Jogginghose war bequem, wenn auch etwas eng zwischen den Beinen. Die Windel war flauschig, seine Hose war weich, alles war nun kuschelig und frisch.
Jakob seufzte, zog ein letztes Mal seine Nase hoch, faltete seine volle Windel zusammen und warf sie in den Mülleimer. Er atmete einmal kurz durch, rieb sich noch die Augen öffnete dann langsam wieder die Türe zum nebenliegenden Sekretariat.
»Ähm … ich brauche noch Socken«, fragte der Elfjährige immer noch schüchtern, aber schon hörbar gefasster als noch vor wenigen Minuten: »Meine Strumpfi ist ja auch nass geworden …«
Offenbar kam es selten vor, dass die Kinder der Kleinfeldener Grundschule Socken in der Schule vergaßen, also war die Auswahl begrenzt und Jakob bekam pink-weiß geringelte Mädchensocken mit aufgestickten Blümchenmustern und diesem komischen weißen, abstehenden Rand, wie ihn immer nur Mädchensocken hatten.
Das war peinlich gewesen, doch als er wieder zurück bei der Kinderbetreuung gewesen war, hatte keiner deswegen gelacht. Und auch nicht mehr wegen seiner ausgelaufenen Pampers. Vielleicht hatte Frau Knopp die Kinder ermahnt, oder Maxi oder Benni hatten sich auf ihre Art für ihn eingesetzt. Jedenfalls hatte er weiter dämliche Witze mit Louis gemacht, mit Maxi und Benni rumgealbert und Lara nervig gefunden, bis es irgendwann langsam dunkel wurde, sämtliche Basteleien fertig waren und die verlängerte Kinderbetreuung beendet war.
Frau Knopp erinnerte Jakob daran, die Plastiktüte mit seinen nassen Sachen mit nach Hause zu nehmen. Dazu, dass seine Pampers schon wieder schwer in seiner Hose hing, sagte sie nichts.
Autor: giaci9 | Eingesandt via Ticket
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