Skip to content
WindelgeschichtenDeine ABDL-Story kostenlos!
  • Gemischt
  • Jungs
  • Mädchen
  • Reale Geschichten
  • Übersetzung
  • KI Geschichten
  • Informationen

Florians Schatten (29)

05/09/2026 0 comments Article Jungs, KI Geschichten Michaneo
This entry is Teil 29 von 29 in the series Florians-Schatten
Windelgeschichten.org präsentiert: Florians Schatten (29)

Annette zog mir die Jacke wieder an. Ich hielt still, meine Arme waren schwer. Der Stoff war erst kühl, dann wurde er warm.
Sie zog mir den Schal über den Kopf. Kurz war alles dunkel, dann wieder hell. Der Schal lag weich an meinem Hals, ein bisschen eng, aber irgendwie gut.
Dann setzte sie mir die Mütze auf und zog sie ein kleines Stück tiefer.
„So“, sagte sie leise.
Ich sagte nichts und stand einfach da.
Dann beugte sie sich zu mir runter und hob mich hoch. Ich klammerte mich sofort an sie. Mein Kopf rutschte an ihre Schulter, ich roch ihr Shampoo. Alles wurde ruhiger.
„Danke“, sagte sie zur Ärztin.
„Gern. Passt gut auf euch auf“, hörte ich die Ärztin sagen, aber schon leiser.
Annette drehte sich. Ich sah den Raum nur noch kurz, dann war er weg.
Am Empfang blieb sie stehen. Da saß Pauls Mama. Mein Bauch machte ein kleines komisches Gefühl.
Annette sprach mit ihr, ich hörte nur einzelne Wörter. „Attest… Schule… nächste Woche…“
Ein Blatt Papier wurde über den Tresen geschoben.
Dann sah Pauls Mama zu mir. „Na, Florian“, sagte sie freundlich.
Ich drückte mein Gesicht ein bisschen mehr an Annettes Schulter.
„Vielleicht könnten wir diese Woche mal ein Spieldate ausmachen? Paul würde sich freuen.“
Spieldate.
Mein Kopf hob sich ein kleines Stück. Ich war plötzlich wieder da, nicht mehr nur warm und müde.
Ich sah zu Annette, erst ganz kurz, dann länger. Mein Herz klopfte schneller.
„Willst du diese Woche mal mit Paul spielen?“, fragte sie ruhig.
Ich nickte. Mehr als vorhin.
Sie lächelte leicht. „Ich glaube, die Entscheidung ist gefallen.“
Ich drückte mich fester an sie.
„Vielleicht kommt ihr zu uns auf den Hof? Da fühlt er sich sicherer“, sagte sie.
Pauls Mama nickte. „Klar, das ist kein Problem. Mittwoch wäre super. Da ist doch immer hausaufgabenfrei.“
Annette nickte. „Ja, Mittwoch passt.“
Dann schaute Pauls Mama nochmal zu mir. „Sollen wir etwas mitbringen?“
Annette sah kurz zu mir. „Ich denke nicht. Florian und ich können ja einen Kuchen backen, oder?“
Ich sah sie an. Kuchen. Backen.
Ich nickte wieder, ein kleines bisschen schneller.
Sie strich mir kurz über den Arm.
„Super, dann bis Mittwoch.“
Annette nahm einen Zettel und schrieb etwas darauf. Ich hörte das Kratzen vom Stift.
„Das ist unsere Adresse. Und vielleicht Sachen, die schmutzig werden dürfen, falls die Jungs draußen spielen.“
„Alles klar“, sagte Pauls Mama.
Die beiden redeten noch kurz. Ich hörte nicht mehr richtig zu. Ich dachte an Paul. An draußen. Und dass Annette dabei ist.
„Tschüss, Florian“, sagte sie.
Ich sah sie kurz an. Mein Mund wollte etwas sagen, aber es kam nichts raus.
Ich nickte nur ganz klein.
In meinem Kopf sagte ich trotzdem tschüss.
Dann legte ich meinen Kopf wieder an Annettes Schulter.
—
Draußen war es auf einmal kalt im Gesicht. Ich zog den Kopf ein bisschen ein.
Annette trug mich zum Auto, setzte mich auf den Sitz und schnallte mich an. Der Gurt lag fest über meiner Jacke.
„Du schläfst bestimmt gleich ein, mein Schatz“, sagte sie leise.
Ich schüttelte leicht den Kopf.
Sie griff in den Rucksack und hielt mir den Nuckel hin. Ich nahm ihn und steckte ihn in den Mund.
Es fühlte sich sofort gut an. Warm. Ruhig. In meinem Bauch wurde es leichter.
Ich rutschte ein bisschen tiefer in den Sitz.
Annette machte die Tür zu, setzte sich nach vorne, der Motor ging an. Das Auto vibrierte leise.
Wir fuhren los. Ich sah noch ein bisschen nach draußen. Alles zog vorbei.
Meine Augen wurden schwer. Ganz schwer.
—
Als ich die Augen wieder aufmachte, war alles noch weich.
Annette saß neben mir. Sie schaute nach unten auf etwas in ihrer Hand, das ein bisschen leuchtete. Dann sah sie hoch und lächelte, als sie merkte, dass ich wach war. Sie legte es in den Rucksack.
„Na, mein kleiner Mann. Hast du ein bisschen Energie getankt?“
Ich sah sie nur an. Noch ganz müde.
Der Nuckel war noch in meinem Mund. Ich nuckelte wieder daran. Es fühlte sich gut an. Warm im Bauch. Ruhig im Kopf.
„Du brauchst noch einen Moment, hm…?“, sagte sie leise.
Ich blinzelte.
„Wir sind am Bahnhof. Ich habe dich noch etwas schlafen lassen. Wir essen jetzt eine Kleinigkeit und dann schauen wir uns ein paar Züge an, ja?“
Züge.
„Ja… Züge…“, wollte ich sagen, aber der Nuckel war im Weg.
Sie lächelte leicht und nahm ihn mir vorsichtig aus dem Mund.
„Den packen wir jetzt wieder weg. Du bist ja wieder ausgeschlafen.“
Es fühlte sich sofort leer an.
Ich wollte ihn zurück. Ganz doll. Aber ich sagte nichts.
Ich schaute raus.
Wir standen auf einem Parkplatz. Das Auto war aus, aber es war noch warm. Ein leises Rauschen war da, ganz gleichmäßig.
Annette öffnete die Tür. Kalte Luft kam rein.
„Wollen wir los?“
Ich sah sie an. „Ja… Züge anschauen.“
„Ja. Aber zuerst essen wir etwas, okay?“
Ich nickte. Ganz klein.
—
„Was essen wir?“, fragte ich leise.
Annette hob mich aus dem Auto und setzte mich auf den Boden. Meine Beine fühlten sich noch ein bisschen weich an.
„Wir können entweder hier vorne eine Pizza oder einen Burger essen“, sagte sie und zeigte auf ein Haus. „Oder wir laufen ein kleines Stück die Straße runter. Da ist ein Eiscafé. Da können wir eine Waffel mit einer Kugel Eis essen. Wie du magst.“
Ich sah in die Richtung.
Eis.
Das war besser.
Ich wollte Eis.
Aber ich sagte nichts.
Was, wenn Annette lieber Pizza wollte?
Ich zuckte mit den Schultern.
Sie sah mich an. „Du weißt nicht, was du lieber magst?“
Ich sagte nichts. Ich wusste es, aber ich durfte das doch nicht entscheiden.
Sie hockte sich vor mich. Ganz nah.
„Florian… magst du Pizza?“
Ich nickte vorsichtig.
„Und magst du Eis?“
Ich nickte wieder. Ein bisschen mehr.
„Ich glaube, beim Eis war mehr Überzeugung dabei“, sagte sie leise.
Ich schaute auf den Boden. Mein Bauch wurde komisch.
„Möchtest du lieber eine Waffel mit Eis?“
Ich nickte ganz leicht.
„Du darfst mir ruhig sagen, was du möchtest“, sagte sie ruhig.
Ich sagte nichts. Meine Finger zogen an meiner Jacke.
„Du warst so tapfer beim Arzt. Du hast dir eine kleine Belohnung verdient.“
Verdient.
Das Wort blieb in meinem Kopf.
Ich hatte doch nichts gemacht. Ich hatte nur da gesessen. Ich hatte Angst gehabt. Ich hatte nichts gesagt. Die Ärztin hatte alles gemacht.
Und Annette… sie hatte mich die ganze Zeit getragen. Und mir die Windel gewechselt.
Sie hatte so viel gemacht.
Ich nicht.
In meinem Bauch wurde es schwer.
Ich sah auf meine Schuhe. Ich drückte meine Finger fest in meine Jacke und lehnte mich ein kleines Stück zu ihr.
Aber ich sagte nichts.
—
Annette nahm meine Hand.
Ihre Hand war warm.
Wir liefen langsam los. Die Straße war nass, der Schnee war zu Matsch geworden. Es glänzte ein bisschen. Die Sonne war da, aber es war trotzdem kalt.
In meiner Hand war es warm. In mir drin auch ein bisschen.
Ich lief ganz nah neben ihr und schaute mich um. Alles fühlte sich groß an. Leute liefen vorbei, Autos fuhren auf der Straße. Es war laut, aber nicht zu laut.
Ich sah eine alte Frau an einem Taxi. Der Fahrer hob einen Koffer in den Kofferraum.
Ich blieb ein bisschen stehen und schaute zu.
Fährt sie weg? Oder kommt sie gerade? Vielleicht besucht sie jemanden. Vielleicht war sie im Urlaub. Vielleicht wartet irgendwo jemand auf sie.
Ich stellte mir vor, wie sie ankommt. Mit dem Koffer. Und jemand wartet schon.
Dann stieg der Fahrer ein. Die Tür ging zu. Das Taxi fuhr los.
„Wollen wir weiter?“, fragte Annette leise.
Ich zuckte ein bisschen und nickte.
Wir gingen weiter. Sie zog mich nicht. Sie wartete einfach.
—
Da war ein Schild.
Es leuchtete bunt. Rot. Blau. Grün.
Ich sah hoch und blieb stehen.
S… p… i…
Ich las langsam.
Spie… Spil… Spiel?
Mein Herz machte einen kleinen Sprung.
Spiel.
Wie Spielzeug?
Ich schaute genauer hin.
Die Buchstaben waren komisch. Zu lang. Keine Bilder von Autos oder Bällen. Nur Lichter.
Das passte nicht.
Ich verstand das nicht.
Die Tür ging auf. Ein Mann kam raus.
Er sah komisch aus. Sein Gesicht war irgendwie anders. Er schaute zu mir.
Mein Bauch wurde eng.
Ich ging schnell weiter. Ganz nah zu Annette.
Ich griff nach ihrer Hand und hielt sie fest.
Wir liefen weiter die Straße entlang.
Meine Beine fühlten sich plötzlich ganz weich an.
Immer wieder sah ich nach hinten.
Nur ganz kurz.
Ob der Mann uns hinterher kam.
Mein Herz klopfte jedes Mal schneller, wenn ich mich umdrehte.
Aber da war niemand.
Die bunten Lichter waren schon weit weg.
Dann konnte ich das Haus gar nicht mehr sehen.
Trotzdem schaute ich noch einmal zurück.
Nur zur Sicherheit.
Annette sagte nichts.
Sie lief einfach weiter neben mir.
Das machte es irgendwie besser.
Dann blieb sie vor einem anderen Haus stehen.
Große Fenster. Helle Lampen. Drinnen saßen Menschen an kleinen Tischen.
Über der Tür stand etwas mit Eis.
Annette öffnete die Tür.
Wir gingen hinein.
Drinnen war es warm. Ganz anders als draußen. Die Luft roch süß, ein bisschen wie Zucker.
Ich blieb kurz stehen.
Es klapperte irgendwo. Teller. Oder Tassen. Stimmen waren da. Leise durcheinander.
Mein Bauch tat nicht mehr ganz so weh wie eben.
Hier war es heller.
Nicht so komisch.
Nicht so unheimlich.
Die Tür fiel hinter uns zu und ich merkte erst da, wie fest ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.
Dann sah ich nach vorne.
Hinter Glas war ganz viel Eis. Viele Farben.
Ich schaute lange hin.
Dann spürte ich Hände an mir. Meine Mütze wurde abgezogen, der Schal ging über mein Gesicht. Kurz dunkel, dann wieder hell.
Ich drehte mich.
Annette stand vor mir und machte mir die Jacke auf.
„Du hast ganz rote Bäckchen“, sagte sie leise und lächelte.
Dann hängte sie unsere Sachen weg.
Sie kam zurück, hob mich hoch und trug mich zur Eistheke.
Vor uns war das Eis. So viel.
Neben uns stand eine Frau mit einem Kind. Ihre Stimme war hart. Nicht laut, aber fest. Das Kind wurde leiser.
Ich schaute kurz hin und dann wieder weg.
Ich mochte das nicht.
—
Dann gingen wir weiter zum Tisch am Fenster.
Sie blieb stehen.
„Wollen wir uns hier hinsetzen?“
Ich sah den Tisch an, dann zu ihr.
„Neben dir…“, sagte ich ganz leise.
Sie lächelte. „Natürlich sitzt du neben mir.“
Mein Bauch wurde ein bisschen leichter.
„Ich meine, hier am Fenster oder lieber woanders?“
Ich schaute raus.
„Hier“, sagte ich leise.
Sie nickte und setzte sich neben mich.
Ich rückte ein kleines Stück näher.
Auf dem Tisch lagen Karten.
Annette nahm eine und klappte sie auf.
Da waren Bilder. Ganz viele.
Ich rückte ein kleines Stück näher.
Eisbecher. Große Gläser mit Sahne oben drauf. Mit Streuseln. Mit Soße.
Dann Waffeln. Mit Eis. Mit Früchten.
Ich schaute von einem Bild zum nächsten und wieder zurück.
Da war eine mit Erdbeeren. Rot. Glänzend.
Die sah gut aus. Richtig gut.
Ich blieb einen Moment dabei hängen.
Dann rutschten meine Augen weiter.
Bananen. Mit Schokoeis.
Das sah auch gut aus.
Ich sah wieder zurück. Erdbeeren.
Dann wieder Bananen.
Dann eine mit ganz viel Schokosoße, die langsam über das Eis lief.
Vielleicht schmeckt die besser.
Oder doch die mit Erdbeeren.
Oder die andere.
Ich wusste es nicht.
Mein Blick blieb nie lange an einer Stelle. Immer weiter, hin und her.
Alles sah gut aus.
Zu viel.
Mein Bauch wurde komisch. Ich zog meine Hand ein Stück in meinen Ärmel.
Annette schaute mich an.
„Ganz schön viel, hm?“
Ich nickte langsam. Ich wusste nicht, wo ich hinschauen soll.
„Worauf hast du denn Lust?“
Ich hörte ihre Stimme, aber die Bilder waren noch da. Alle gleichzeitig.
Ich sagte nichts.
„Was magst du denn gerne?“
Ich schaute weiter auf die Karten, dann ganz kurz zu ihr und sofort wieder runter.
Mein Herz klopfte schneller.
Ich musste irgendwas sagen.
„Erdbeeren…“, sagte ich leise. Ganz leise. Fast nur Luft.
Das war sicher. Die kannte ich.
Ich schluckte.
„Und…“ Ich blieb hängen. „Das Schokoeis…“
Ich hob meine Hand ein kleines Stück und zeigte vorsichtig auf die Waffel mit den Bananen. Nur ganz kurz. Dann zog ich sie wieder zurück.
Annette nickte langsam.
„Du magst Erdbeeren. Und Schokoeis.“
Ich nickte. Ganz klein.
Sie hatte es verstanden. Das fühlte sich gut an.
„Dann können wir doch die Waffel mit Erdbeeren nehmen“, sagte sie ruhig, „und fragen, ob du Schokoeis dazu bekommst.“
Ich sah sie an. Dann auf das Bild. Dann wieder zu ihr.
Mein Kopf wurde langsam. Verwirrt.
„Aber…“ Ich zeigte auf das Bild. „Da ist Vanille…“
So war das doch. So stand es da. So sah es aus.
Das durfte man doch nicht einfach ändern.
Annette lächelte ruhig.
„Das ist nur so gezeigt“, sagte sie leise. „Man kann auch sagen, was man lieber mag. Die machen das oft so, wie man es möchte.“
Ich sah wieder auf die Bilder.
Erdbeeren. Dann Bananen. Dann wieder Erdbeeren.
Das ging?
Einfach anders?
Ohne dass es falsch ist?
Ich sagte nichts.
Mein Bauch fühlte sich noch ein bisschen komisch an.
Aber nicht mehr ganz so schlimm.
Ich blieb bei den Erdbeeren hängen.
Nur einen Moment länger.
Und dachte an das Schokoeis.
Dann kam jemand an den Tisch.
Eine Frau.
Sie war noch jung und hatte die Haare hinten zusammengebunden.
Als sie uns ansah, lächelte sie freundlich.
„Hallo ihr zwei“, sagte sie.
Ich wurde sofort still.
Sie schaute direkt zu mir.
„Na kleiner Mann? Weißt du schon, was du möchtest?“
Mein Herz machte einen kleinen Sprung.
Ich sah schnell nach unten auf den Tisch.
Plötzlich fühlte sich alles wieder zu nah an.
Die Stimme war nett gewesen.
Trotzdem wurde mein Bauch wieder eng.
Ich rückte dichter an Annette.
Am liebsten hätte ich mich hinter ihr versteckt.
Meine Finger hielten sich an ihrem Ärmel fest.
„Oh“, sagte die Frau leise.
„Der ist aber schüchtern.“
Annette legte sofort einen Arm um mich und zog mich sanft näher an sich.
Ganz vorsichtig.
Ich ließ mich einfach an sie drücken.
„Ja“, sagte Annette ruhig.
„Vor allem bei fremden Menschen.“
Ihre Stimme war ganz weich.
Ich hörte den beiden nur noch halb zu.
Mein Kopf fühlte sich plötzlich ganz voll an.
Ich traute mich nicht hochzusehen.
Stattdessen blickte ich zum Fenster.
Draußen liefen Leute vorbei.
Eine Frau schob einen Kinderwagen über den Gehweg.
Im Wagen sah ich kurz eine blaue Mütze.
Ich beobachtete sie einfach.
Wie der Wagen langsam kleiner wurde.
Die Stimmen hinter mir verschwammen irgendwie.
Ich hörte nur einzelne Wörter.
„… Schokoeis …“
„… Sahne? …“
„… natürlich …“
Dabei spürte ich immer noch Annettes Arm um mich.
Warm.
Sicher.
Ich sah immer noch nach draußen.
Ein Mann fuhr mit dem Fahrrad vorbei.
Dann wurde die Straße langsam leerer.
Plötzlich spürte ich etwas an meinem Kopf.
Ich zuckte kurz zusammen.
Dann merkte ich, dass es Annette war.
Ihre Hand strich mir ganz vorsichtig über die Haare.
Ich wurde still.
Es fühlte sich gut an.
Warm.
Ruhig.
Ich lehnte mich ein kleines Stück zu ihr.
Dann sah ich mich um.
Die Frau war weg.
Am Tisch war es ruhig.
Nur leise Stimmen.
Und das Klappern von Geschirr.
Ich blickte zum Fenster.
Der Kinderwagen war verschwunden.
Die Straße war fast leer.
Nur ein Auto fuhr vorbei.
Ich schaute noch einen Moment nach draußen.
Dann sah ich wieder zu Annette.
Meine Finger zogen sich ein Stück in meinen Ärmel.
Ich wusste nicht genau, wie ich es sagen soll.
„Annette…“, sagte ich leise.
Sie sah sofort zu mir.
„Hm?“
Ich zögerte.
„War ich…“
Ich blieb hängen.
Mein Bauch wurde wieder komisch.
Ich sah kurz auf den Tisch.
Dann wieder zu ihr.
„War ich als Baby auch… so?“
Sie runzelte leicht die Stirn.
„Wie meinst du das?“
Ich sah kurz zum Fenster.
Dann wieder zu ihr.
„So…“
Ich suchte nach einem Wort.
„…dass jemand… mit mir… spazieren geht…“
Meine Stimme wurde noch leiser.
„Und…“
Ich schluckte.
„…dass ich… nichts sagen muss…“
Ich zog meine Hand tiefer in den Ärmel.
Mein Bauch fühlte sich schwer an.
Ich wusste selber nicht richtig, was ich meinte.
Die Gedanken waren da.
Aber sie passten nicht richtig in Worte.
Ich schaute auf meine Hände.
„Und…“
Ich stockte wieder.
„…dass man einfach… da ist.“
Ich schüttelte ganz leicht den Kopf.
Das war nicht richtig.
Oder nicht alles.
„Ich meine…“
Ich wusste nicht weiter.
Annette sagte nichts.
Sie wartete einfach.
Das machte es leichter.
Ein bisschen.
„Dass man… nicht so viel falsch machen kann“, murmelte ich.
Ganz leise.
„Weil man noch klein ist…“
Meine Finger knüllten den Stoff von meinem Ärmel zusammen.
„Und…“
Ich schluckte.
„…dass Mama und Papa… einen trotzdem lieb haben.“
Das letzte sagte ich fast ohne Stimme.
Mein Hals fühlte sich eng an.
Ich schaute schnell wieder auf den Tisch.
„Auch wenn man… alles falsch macht.
Ich dachte kurz nach.
„Oder was kaputt macht.“
Meine Stimme wurde immer leiser.
„Oder wenn die sich… ärgern.“
Ich zog die Schultern ein kleines Stück hoch.
„Gab’s das bei mir auch?“
Jetzt war es raus.
Aber irgendwie auch nicht richtig.
Nicht alles davon.
Da war noch mehr in meinem Kopf.
Ein Gefühl.
Ganz alt.
Ich war…, nein ich bin zu viel.
Zu anstrengend.
Zu falsch.
Aber ich wusste nicht, wie ich das sagen soll.
Ich drückte meine Finger fest in den Ärmel und sah weiter auf den Tisch.
Ich wollte fast, dass sie nichts antwortet.
Und gleichzeitig ganz doll doch.
Dann sagte Annette erst nichts.
Ich spürte nur ihre Hand in meinen Haaren.
Ganz ruhig.
Dann rückte sie ein kleines Stück näher zu mir.
„Florian…“, sagte sie leise.
Ich sah weiter auf den Tisch.
„Kleine Kinder machen dauernd Sachen.“
Ihre Stimme war weich.
„Die weinen. Die kleckern. Die machen Unsinn.“
Meine Finger zogen sich noch weiter in den Ärmel.
„Und manchmal bringen sie ihre Eltern bestimmt auch an ihre Grenzen“, sagte sie leise.
Mein Bauch zog sich kurz zusammen.
Aber sofort strich ihre Hand wieder vorsichtig über meinen Kopf.
„Aber deswegen hat man sie doch nicht weniger lieb.“
Ich hob ganz kurz den Blick.
Nur kurz.
Sie schaute mich ruhig an.
Nicht böse.
Nicht genervt.
Einfach ruhig.
„Weißt du“, sagte sie leise,
„ein kleines Kind muss sich das nicht verdienen.“
Ich sagte nichts.
Mein Hals fühlte sich eng an.
„Man hat es einfach lieb.“
Ganz still wurde es in mir.
„Einfach weil es da ist.“
Ich schluckte.
Irgendwas tat weh in meinem Bauch.
Und gleichzeitig nicht mehr ganz so doll.
„Und wenn es Angst hat“, sagte sie ruhig weiter,
„oder traurig ist… dann hält man es fest.“
Ihre Finger strichen wieder durch meine Haare.
Ich wollte mich plötzlich ganz nah an sie lehnen.
Und gleichzeitig traute ich mich nicht richtig.
„Ich weiß nicht, wie das früher bei dir war“, sagte sie leise.
„Aber Markus und ich… wir wollen versuchen, vieles besser zu machen.“
Mein Herz klopfte schneller.
Ich sah auf meine Hände.
„Und wir werden bestimmt auch Fehler machen“, sagte sie ruhig.
„Weil Erwachsene das manchmal auch tun.“
Ich hörte einfach nur zu.
„Aber du musst hier nicht perfekt sein, Florian.“
Mein Bauch zog sich kurz zusammen.
Perfekt.
Das Wort blieb sofort in meinem Kopf hängen.
Ich war nicht perfekt.
Nicht mal nah dran.
Ich machte ständig etwas falsch.
Ich machte Arbeit.
Ich konnte nicht mal trocken bleiben.
Warum sollte jemand sowas lieb haben?
Ich drückte meine Finger fester in den Ärmel.
„Du darfst traurig sein“, sagte Annette leise.
„Oder Angst haben.“
Ihre Hand blieb ruhig an meinem Kopf.
„Und wenn mal etwas schief geht… dann bleiben wir trotzdem da.“
Ich schluckte schwer.
Das fühlte sich warm an.
Und gleichzeitig machte genau das Angst.
Weil ich gar nicht wusste, ob sowas wirklich bleiben kann.
Ein Teil von mir wollte ihr einfach glauben.
Sofort.
Ganz doll.
Aber ein anderer Teil wartete schon darauf, dass alles wieder kaputte geht.
Dass ich wieder irgendwas falsch mache.
Zu viel bin.
Oder zu anstrengend.
Oder dass sie irgendwann merken, dass ich eigentlich gar nichts richtig kann.
Ich sagte nichts davon.
Ich konnte nicht.
Dann machte Annette eine kleine Pause.
„Und weißt du noch was?“, fragte sie leise.
Ich schüttelte ganz leicht den Kopf.
Sie strich mir vorsichtig über die Wange.
„Ich hab dich richtig lieb, Florian.“
Mein Hals fühlte sich eng an.
Ich sah sie kurz an.
Ganz vorsichtig.
„Und Markus auch.“
Meine Augen wurden warm.
Ich blinzelte schnell.
„Und egal, wie viel Angst du gerade hast…“, sagte sie leise,
„du bist jetzt unser Junge.“
Irgendwas zog sich plötzlich ganz fest in meinem Bauch zusammen.
Weil ich das hören wollte.
So doll.
Vielleicht doller als alles andere.
Und gleichzeitig hatte ich Angst davor, es zu glauben.
Dass es wieder weggeht.
Dass ich es kaputt mache.
Dann lief plötzlich etwas Warmes über meine Wange.
Ich merkte es erst, als es schon da war.
Ich hob schnell die Hand und wischte es weg.
Ich sah sofort runter.
Auf meine Hände.
„Hey…“, sagte Annette ganz leise.
Nicht erschrocken.
Nicht böse.
Einfach nur leise.
Im nächsten Moment zog sie mich einfach ganz nah zu sich.
Noch bevor ich richtig begriff, was sie tat, hob sie mich behutsam auf ihren Schoß.
Wie selbstverständlich.
Als wäre genau dort der Platz, an dem ich gerade sein sollte.
Ich lehnte mich an ihre Schulter.
Ihre Arme waren fest um mich.
Warm.
Sicher.
Ich hielt mich erst noch einen Augenblick steif.
Dann gab irgendetwas in mir nach.
Ich klammerte mich an sie.
Und auf einmal konnte ich die Tränen nicht mehr aufhalten.
Sie liefen einfach.
Immer mehr.
Ich vergrub mein Gesicht an ihrer Schulter.
Annette sagte nichts.
Sie hielt mich einfach nur fest.
Ich merkte erst gar nicht, dass jemand an unseren Tisch gekommen war.
Erst das leise Klirren von Geschirr riss mich für einen Moment aus meinen Gedanken.
Die Bedienung stellte unser Eis vorsichtig auf den Tisch.
Sie sagte nur ein leises „Bitte schön“ und ging gleich wieder.
Annette blieb noch einen Augenblick ganz still.
Ich saß immer noch auf ihrem Schoß.
Ihre Arme waren noch immer um mich.
Dann spürte ich, wie sie ihren Kopf ein kleines Stück zu meinem neigte.
„Geht’s wieder ein bisschen?“, flüsterte sie.
Ich wollte eigentlich gar nicht antworten.
Ich wollte einfach so bleiben.
Bei ihr.
Auf ihrem Schoß.
In ihren Armen.
Weil es sich gerade einfach so sicher anfühlte.
Ganz vorsichtig nickte ich.
Nur ein kleines bisschen.
„Gut“, flüsterte sie.
„Wir müssen uns auch gar nicht beeilen.“
Annette lockerte ihre Umarmung ganz langsam. Ich blieb weiter auf ihrem Schoß sitzen, die Wange an ihrer Schulter. Unser Eis stand jetzt vor uns auf dem Tisch. Der süße Geruch von Erdbeeren und warmer Waffel stieg mir in die Nase.
Plötzlich lief ein kleiner Schauer durch meinen Körper. Erst nur ein Kribbeln, dann dieses verräterische, warme Gefühl, das sich in meiner Windel ausbreitete. Ich erstarrte.
Nein. Nicht jetzt. Bitte nicht jetzt.
Ich spannte alle Muskeln an, versuchte verzweifelt, es aufzuhalten. Mein Körper zitterte ein bisschen vor Anstrengung, aber es ging einfach nicht. Es lief weiter, leise und warm, bis es sich ganz in dem weichen Material verteilte. Mein Gesicht wurde glühend heiß. Die Scham kroch mir den Nacken hoch und brannte hinter den Augen. Ich wollte verschwinden.
Ich drehte den Kopf weg und schaute starr an Annette vorbei zur Wand, nur um niemanden ansehen zu müssen. Mein ganzer Körper war steif geworden, die Schultern hochgezogen.
Annette merkte es sofort. Sie musste es gespürt haben, vielleicht daran wie ich plötzlich den Atem anhielt oder wie ich mich auf ihrem Schoß versteifte. Ihre Hand legte sich warm und ruhig auf meinen Rücken.
„Hey…“, flüsterte sie ganz sanft. „Alles gut, mein Schatz.“
Ich schüttelte nur ganz leicht den Kopf, den Blick weiter fest auf die Wand gerichtet. Die Tränen von vorhin waren noch nicht ganz trocken, und jetzt kamen neue dazu.
„Ich… ich hab…“, brachte ich kaum heraus. Meine Stimme versagte.
„Schhh. Ich weiß“, sagte sie leise. Ihre Hand strich langsam über meinen Rücken, kreisende, beruhigende Bewegungen. „Du kannst nichts dafür. Gar nichts. Dein Körper macht das manchmal einfach, und das ist okay.“
Ihre Stimme blieb weich und sicher. Ohne Vorwurf. Ohne Ekel.
„Du bist hier sicher, Florian. Niemand außer mir merkt es. Und selbst wenn, es ist nicht schlimm.“ Sie drückte mich ein kleines bisschen fester an sich, ihre Wange ganz leicht an meinem Haar. „Wir machen dich nach dem Eis frisch, ja? In Ruhe.“
Sie wartete einen Moment, dann sprach sie noch leiser weiter:
„Damit du dein Eis richtig genießen kannst und ich auch meins essen kann, hebe ich dich jetzt runter, okay?“
Ich nickte nur ganz leicht. Vorsichtig schob sie mich ein Stück nach vorne, umfasste mich mit beiden Armen und hob mich sanft von ihrem Schoß auf den Stuhl direkt neben sich. Der Stuhl fühlte sich kühl an und genau deshalb wurde die Wärme in der Windel sofort deutlicher spürbar. Ein Teil von mir wollte sich zusammenziehen, fühlte sich plötzlich zu sichtbar, zu bloßgestellt, als würde jeder Blick merken, was da unter dem Stoff war.
Gleichzeitig umhüllte mich dieses warme, weiche Gefühl wie eine stille Decke. Es war vertraut. Irgendwie gab es mir Halt und ließ das komische Gefühl in meinem Bauch ein kleines bisschen kleiner werden.
Genau so, wie Annette gesagt hatte.
Es war nicht schlimm.
Vielleicht wirklich nicht.
Ich rutschte unruhig hin und her, spürte die Wärme dabei noch intensiver und ließ meinen Blick auf das Eis gleiten, das die Kellnerin gerade gebracht hatte.
Annette schob meinen Teller vor mich und legte den Löffel neben meine Hand. Dann zog sie ihren eigenen Becher zu sich.
„Langsam, mein kleiner Mann. Wir haben Zeit.“
Ich zögerte. Meine Finger fühlten sich noch ganz zittrig an. Trotzdem nahm ich irgendwann den Löffel. Ich stach vorsichtig in das Eis. Ein bisschen tropfte es, aber ich schaffte es, den Löffel zum Mund zu führen.
Es schmeckte süß und kalt. Richtig gut. Trotzdem blieb ein großer Teil von mir bei dem warmen, nassen Gefühl unten hängen. Ich aß langsam und schweigsam.
Annette blieb ganz nah bei mir. Manchmal spürte ich ihre Hand kurz auf meinem Rücken oder Arm, warm und beruhigend. Sie aß ebenfalls, ohne Druck, ohne Eile.
Ich stach mit dem Löffel in die Waffel.
Sie gab ein kleines bisschen nach, aber nicht genug.
Ich drückte fester.
Der Löffel rutschte ab und ein Stück Erdbeere schob sich über den Teller.
Ich hielt kurz inne und versuchte es noch einmal.
Diesmal hielt ich die Waffel mit der anderen Hand fest und drückte den Löffel darauf.
Sie bog sich nur ein bisschen.
Annette sah zu mir.
Sie sagte erst nichts.
Dann fragte sie ganz leise:
„Darf ich dir die Waffel ein bisschen kleiner machen?“
Ich sah zu ihr.
Dann wieder auf meine Waffel.
Ich nickte vorsichtig.
Annette nahm ihre Gabel und ihren Löffel und zog meinen Teller ein kleines Stück zu sich.
Ganz ruhig machte sie die Waffel in kleinere Stücke.
Nicht ganz klein.
Nur so, dass sie gut auf meinen Löffel passten.
Dann schob sie den Teller wieder zu mir.
„So.“
Ich sah die Stücke an.
Eins lag direkt neben dem Schokoeis.
Ich nahm es mit dem Löffel auf und schob noch ein bisschen Eis dazu.
Diesmal ging es viel leichter.
Ich steckte den Löffel in den Mund.
Die Waffel war noch ein bisschen warm. Das Eis war kalt, und die Schokolade schon ein kleines bisschen geschmolzen.
Ich kaute.
Dann nahm ich gleich noch einen Löffel.
Diesmal mit einer Erdbeere dazu.
Annette sah kurz zu mir.
„Und?“, fragte sie.
Ich sah sie an.
„Hm?“
„Wie schmeckt’s?“
Ich schaute wieder auf meinen Teller und nahm noch einen Bissen.
„Gut“, sagte ich leise.
Annette lächelte.
„Das freut mich.“
Ich schob das nächste Stück Waffel durch das Schokoeis und nahm es in den Mund.
Dann noch eins.
Diesmal mit einer Erdbeere dazu.
Annette sah kurz auf meinen Teller.
„Schokoeis war eine gute Idee, hm?“
Ich nickte.
Dann nahm ich den nächsten Löffel.
Eine Weile aßen wir einfach weiter.
Irgendwann war von meiner Waffel fast nichts mehr übrig. Nur ein bisschen geschmolzenes Schokoeis und ein kleines Stück Erdbeere lagen noch auf dem Teller.
Ich schob die Erdbeere mit dem Löffel durch das Eis und steckte sie in den Mund.
Dann legte ich den Löffel hin.
Mein Bauch fühlte sich voll an.
Aber gut voll.
Annette war auch fast fertig.
Gerade als sie ihren Löffel ablegte, kam die Bedienung wieder zu unserem Tisch.
Ich sah sie und rückte sofort näher zu Annette.
Fast von alleine.
Meine Schulter drückte sich an ihren Arm und ich zog den Kopf ein kleines bisschen ein.
Annette merkte es sofort.
Sie legte ihren Arm um mich und zog mich sanft an ihre Seite.
„Hat es euch geschmeckt?“, fragte die Frau freundlich.
„Sehr gut“, sagte Annette. „Danke.“
Dann zeigte die Frau auf meinen fast leeren Teller.
„Und wie ich sehe, hat der kleine Mann seine Waffel ja auch komplett geschafft.“
Ich sah schnell auf meinen Teller.
„Das hätte ich gar nicht gedacht“, sagte sie lächelnd. „Da hat die Mama bestimmt ein bisschen geholfen, oder?“
Ich wurde ganz still.
Mama.
Mein Blick ging für einen Moment zu Annette.
Sie hielt mich noch immer im Arm.
„Nur beim Kleinschneiden“, sagte sie ruhig. „Gegessen hat er sie ganz alleine.“
Die Frau lächelte.
„Na, dann hat sie aber wirklich geschmeckt.“
Ich sah wieder auf meinen Teller.
Dann nickte ich ganz klein.
Nur einmal.
Annette strich mir kurz über den Arm.
„Wir würden dann auch gerne bezahlen.“
„Natürlich. Ich komme gleich.“
Die Frau ging wieder.
Ich blieb noch einen Moment dicht an Annette gelehnt.
Sie sagte nichts wegen der Mama.
Ich auch nicht.
Aber das Wort war noch einen kleinen Moment in meinem Kopf.
Mama.
Dann schaute ich wieder auf meinen leeren Teller.
Nachdem Annette bezahlt hatte, nahm sie meine Hand.
„Komm, wir gehen noch schnell Hände und Gesicht waschen.“
Ich nickte und lief neben ihr her.
Als ich sah, dass wir zu den Toiletten gingen, wurde mir plötzlich ganz warm im Kopf.
Meine Finger schlossen sich fester um ihre Hand.
Hier?
Mein Bauch zog sich zusammen.
Vielleicht wollte sie mich hier frisch machen.
Ich sah zur Tür.
Was, wenn jemand reinkam?
Oder jemand etwas sah?
Ich wollte nicht.
Aber ich sagte nichts.
Auf einmal fühlte sich die Windel gar nicht mehr so schlimm an wie vorher. Das warme Gefühl war längst nicht mehr neu. Alles war aufgesogen und weich, und wenn ich stillstand, merkte ich es kaum noch.
Vielleicht konnte sie einfach noch ein bisschen so bleiben.
Annette ging mit mir zum Waschbecken und drehte das Wasser auf.
„Hände“, sagte sie leise.
Ich hielt sie unter den Wasserstrahl.
Dann machte Annette ein Papiertuch nass und wischte mir vorsichtig über den Mund und die Wangen.
„So.“
Sie betrachtete mich kurz.
Dann beugte sie sich zu mir herunter.
Ganz nah.
„Ich glaube, das reicht hier“, flüsterte sie mir ins Ohr.
Ich sah sie an.
„Die Windel wechseln wir lieber im Auto. Hier ist dafür irgendwie kein richtiger Platz.“
In meinem Bauch wurde es sofort leichter.
Ich nickte.
Diesmal ein bisschen schneller.
Annette lächelte ganz leicht, als hätte sie verstanden.
Sie trocknete meine Hände ab und nahm sie wieder in ihre.
Dann gingen wir zurück zu unseren Sachen.
Draußen war es wieder kalt.
Annette nahm meine Hand und wir liefen zurück in Richtung Auto.
Eine Weile sagte ich nichts.
Ich dachte immer noch an das Eiscafé.
An ihren Arm um mich.
Und an das warme, weiche Gefühl unter meiner Hose.
Meine Finger bewegten sich ein bisschen in ihrer Hand.
„Annette?“
„Ja?“
Ich sah auf den Boden.
„Du bist wirklich nicht böse?“
Sie sah zu mir herunter.
„Wegen was?“
„Weil ich eingepullert hab.“
Die letzten Worte sagte ich ganz leise.
Annette drückte meine Hand ein bisschen.
„Nein, mein Schatz“, sagte sie ruhig. „Ich bin überhaupt nicht böse.“
Ich lief weiter neben ihr.
Eigentlich hatte sie das schon gesagt.
Mehr als einmal.
Und sie hatte mich auch schon oft frisch gemacht.
Trotzdem fühlte es sich gut an, es noch einmal zu hören.
„Aber…“
Ich sah auf meine Schuhe.
„Ich bin doch schon groß.“
Annette sagte erst nichts.
„Große Kinder gehen doch aufs Klo.“
„Ja“, sagte sie nach einem Moment. „Die meisten schon.“
Ich sah kurz zu ihr hoch.
„Aber dein Körper schafft das eben nicht immer.“
Ich schaute wieder nach vorne.
„Du machst das doch nicht mit Absicht.“
„Nein.“
„Eben.“
Sie strich mit ihrem Daumen über meine Hand.
„Du hast eine Behinderung, Florian. Dein Körper funktioniert bei manchen Sachen ein bisschen anders als bei anderen Kindern.“
Ich sagte nichts.
Das Wort kannte ich.
Behinderung.
Es fühlte sich trotzdem komisch an, wenn sie es über mich sagte.
„Und deshalb brauchst du manchmal Hilfe“, sagte sie weiter. „So wie andere Menschen auch Hilfe brauchen.“
Ich sah sie an.
„Was für Hilfe?“
„Na ja.“ Sie dachte kurz nach. „Manche Menschen brauchen eine Brille, weil ihre Augen nicht richtig mitmachen. Manche brauchen einen Rollstuhl, weil ihre Beine nicht richtig funktionieren.“
Sie sah kurz zu mir herunter.
„Und du brauchst eben deine Windeln, weil du nicht immer merkst oder kontrollieren kannst, wann du musst.“
Ich dachte darüber nach.
Dann zog ich die Stirn zusammen.
„Aber das ist nicht gleich.“
„Nein“, sagte Annette. „Ganz gleich ist es nicht.“
„Mit einer Brille wird man nicht ausgelacht.“
Ich machte eine kleine Pause.
„Und mit einem Rollstuhl auch nicht.“
Dann wurde meine Stimme leiser.
„Aber wenn ein großes Kind eine Windel trägt schon.“
Annette antwortete nicht sofort.
Wir gingen ein paar Schritte weiter.
„Ja“, sagte sie schließlich.
Ich sah überrascht zu ihr.
Sie wollte gar nicht sagen, dass das nicht stimmt.
„Da hast du leider recht.“
Mein Bauch wurde schwer.
„Warum?“
Annette atmete leise aus.
„Ich glaube, weil die Leute bei einer Brille sofort sehen, warum jemand sie braucht.“
Sie deutete mit der freien Hand auf ihre Augen.
„Und bei einem Rollstuhl meistens auch.“
Dann sah sie wieder zu mir.
„Aber bei dir sieht man von außen nicht, warum du eine Windel brauchst.“
Ich hörte zu.
„Wenn jemand einfach nur ein größeres Kind mit einer Windel sieht und nichts darüber weiß, denkt er vielleicht etwas Falsches.“
Ich schluckte.
„Aber ich kann doch nichts dafür.“
„Nein.“
Ihre Stimme wurde sofort ganz weich.
„Genau das ist der Punkt. Du kannst nichts dafür.“
Sie blieb kurz stehen und ging vor mir in die Hocke.
„Aber andere Menschen wissen das nicht automatisch.“
Ich schaute sie an.
„Und manche fragen leider auch nicht erst nach, bevor sie etwas Dummes sagen.“
Mein Bauch zog sich zusammen.
Annette nahm jetzt auch meine andere Hand.
„Ich wünschte, ich könnte dir versprechen, dass dich deswegen niemals jemand ärgern wird.“
Ich sah auf unsere Hände.
„Aber das kann ich nicht.“
Meine Finger wurden ganz still.
„In der Schule wird das vielleicht manchmal schwierig.“
Ich wollte sofort wegsehen.
Aber Annette drückte meine Hände leicht.
„Florian.“
Ich sah wieder zu ihr.
„Das heißt aber nicht, dass du damit alleine bist.“
Sie strich mir mit dem Daumen über die Finger.
„Markus und ich sind da.“
Ich sagte nichts.
„Und wenn jemand etwas sagt oder etwas passiert, was dir wehtut oder dir Angst macht, dann sagst du es uns.“
Ich sah sie an.
„Auch wenn’s peinlich ist?“
„Gerade dann.“
Ich dachte kurz nach.
Dann gingen wir weiter.
Nach ein paar Schritten sagte Annette:
„Und hier ist es sowieso ein bisschen anders.“
Ich sah zu ihr.
„Warum?“
„Weil dich hier niemand kennt.“
Ich verstand nicht ganz.
„Die Leute wissen doch gar nicht, wie alt du bist.“
„Aber die sehen mich doch.“
„Natürlich.“
Sie lächelte leicht.
„Aber du bist nun mal ziemlich klein und schmal. Manche denken vielleicht, du bist erst fünf oder sechs.“
Ich verzog das Gesicht.
„Ich bin sieben.“
„Ich weiß.“
Sie musste ein bisschen lächeln.
„Aber die wissen das nicht.“
Ich dachte darüber nach.
Eigentlich mochte ich das nicht.
Wenn jemand dachte, ich wäre kleiner.
Ich war sieben.
Nicht fünf.
„Vielleicht denken manche sogar, du bist noch ein bisschen jünger“, sagte Annette.
Ich sah sie empört an.
„Noch jünger?“
Sie lachte ganz leise.
„Vielleicht. Menschen sind ziemlich schlecht darin, das Alter von Kindern zu schätzen.“
Ich sah wieder nach vorne.
Das gefiel mir eigentlich gar nicht.
Und trotzdem war da noch ein anderer Gedanke.
„Dann denken die vielleicht gar nicht, dass ich zu groß für eine Windel bin?“
Annette sah zu mir.
„Vielleicht nicht.“
Sie drückte meine Hand leicht.
„Und wahrscheinlich achten die meisten Leute sowieso gar nicht darauf.“
Ich dachte darüber nach.
Normalerweise ärgerte es mich, wenn jemand dachte, ich wäre kleiner.
Aber jetzt war es irgendwie anders.
Wenn die Leute nicht wussten, dass ich schon sieben war, konnten sie auch nicht denken, dass ich viel zu groß dafür war.
Das fühlte sich ein kleines bisschen sicherer an.
Wir gingen weiter.
Nach einer Weile spürte ich wieder die Windel.
Nicht so wie vorhin.
Nicht dieses plötzliche warme Gefühl.
Sie war einfach nur noch da.
Warm.
Weich.
Gar nicht richtig nass.
„Annette?“
„Hm?“
„Die Windel ist gerade gar nicht so schlimm.“
Sie sah zu mir.
„Wie meinst du das?“
Ich zuckte ein bisschen mit den Schultern.
„Die fühlt sich gar nicht mehr nass an.“
Ich dachte kurz nach.
„Nur warm.“
Eigentlich war da noch etwas.
So warm und weich, wie sie jetzt war, fühlte sie sich sogar ein kleines bisschen gut an.
Vertraut irgendwie.
Aber das sagte ich nicht.
Annette sah mich einen Moment an.
„Meinst du, wir müssen sie gerade noch gar nicht wechseln?“
Ich sah sofort zu ihr.
„Können wir erst die Züge anschauen?“
Sie lächelte.
„Wenn sie dich nicht stört, können wir das machen.“
Ich dachte kurz nach.
Dann nickte ich.
„Sie stört nicht.“
„Ganz sicher?“
Ich nickte diesmal schneller.
„Ja.“
Annette drückte meine Hand.
„Okay. Dann schauen wir uns erst die Züge an.“
Mein Bauch machte einen kleinen Sprung.
„Und wenn sie dich doch irgendwann stört oder du frisch gemacht werden möchtest, sagst du einfach Bescheid.“
„Okay.“
Wir gingen weiter.
Das Auto war schon zu sehen.
Aber ich dachte jetzt nicht mehr daran.
Ich dachte an die Züge.
Die Windel war noch da.
Aber gerade war sie nicht wichtig.
Und irgendwie wusste ich jetzt ein kleines bisschen besser, dass Annette wirklich nicht böse wurde.
Auch wenn es passierte.
Vielleicht stimmte es ja wirklich.
Vielleicht konnte ich wirklich nichts dafür.
Schon als die Tür zum Bahnhof aufging, war plötzlich alles da.
Warm.
Laut.
Voll.
Menschen liefen an uns vorbei. Schuhe klackerten über den Boden. Rollen von Koffern rumpelten über die Fliesen. Irgendwo lachte jemand laut.
Dann kam eine Stimme von oben.
„Achtung am Gleis…“
Ich zuckte zusammen.
Die Stimme war überall gleichzeitig. Sie hallte durch die Halle und verschwand dann wieder zwischen den anderen Geräuschen.
Stimmen.
Schritte.
Ein Kind, das irgendwo weinte.
Der Geruch nach Kaffee.
Etwas Gebratenem.
Dann roch es plötzlich ganz stark, als eine Frau an uns vorbeiging.
Ich rückte näher an Annette.
Meine Schulter berührte ihren Arm.
Sie sah kurz zu mir herunter, sagte aber nichts.
Ihre Hand hielt meine einfach weiter fest.
Den Bahnhof kannte ich.
Ein bisschen.
Ich war schon einmal hier gewesen.
Mit Mama und Papa.
Die große Halle kam mir bekannt vor.
Die Stimme von oben auch.
Und plötzlich war da noch etwas anderes.
Nicht richtig wie ein Bild.
Mehr wie ein Gefühl.
Schnell.
Wir mussten schnell sein.
Papa war böse gewesen.
Mama auch.
Dann Stimmen.
Laut.
„Du bist doch kein Baby mehr.“
Mein Bauch zog sich zusammen.
Die Rückfahrt.
Meine Hose war nass gewesen.
Ich hatte ganz still gesessen und gehofft, dass es niemand merkt.
Aber sie hatten es gemerkt.
Natürlich hatten sie es gemerkt.
Dann hatten sie geschimpft.
Erst mit mir.
Dann miteinander.
„…endlich sauber…“
„…auch dein Sohn…“
„Ist auch deiner!“
Ich wusste nicht mehr, wer was gesagt hatte.
Nur einen Satz wusste ich noch.
„Der ist einfach zu blöd dafür.“
Ich blieb stehen.
Einfach so.
Die Menschen liefen weiter an mir vorbei.
Jemand streifte fast meine Jacke.
Meine Finger schlossen sich fest um Annettes Hand.
Plötzlich bewegte sie sich vor mir.
„Hey…“
Ich sah zu ihr hoch.
Sie ging in die Hocke.
Ihr Gesicht war ganz nah.
„Ist es gerade ein bisschen viel?“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Vielleicht.
Aber das war nicht alles.
Ich nickte trotzdem.
Nur ganz klein.
Annette sagte nichts weiter.
Sie beugte sich einfach zu mir und hob mich hoch.
Meine Arme gingen sofort um ihren Hals.
Ganz automatisch.
Ich drückte mein Gesicht an ihre Schulter.
Ihr Schal war weich an meiner Wange.
Eine Hand lag unter mir, die andere auf meinem Rücken.
Die Geräusche waren noch da.
Die Stimme.
Die Menschen.
Die Koffer.
Alles war noch genauso laut.
Aber irgendwie war es weiter weg.
Ich musste nur noch Annette festhalten.
Ihre Hand strich langsam über meinen Rücken.
Immer wieder.
Ich atmete ein.
Dann aus.
Noch einmal.
Mein Bauch wurde langsam ein bisschen lockerer.
Annette lief nicht weiter.
Sie stand einfach mit mir da.
Niemand zog mich.
Niemand sagte, dass wir schnell machen mussten.
Dann hörte ich etwas.
Tief.
Ein Brummen.
Ich hob den Kopf ein kleines Stück von ihrer Schulter.
Da war es wieder.
Dann quietschte irgendwo Metall.
Mein Blick ging sofort in Richtung der Gleise.
Das Geräusch war laut.
Aber anders laut.
Ich wollte wissen, was es war.
Ich lauschte.
„Da ist ein Zug“, sagte ich leise.
Annette drehte den Kopf in dieselbe Richtung.
„Das klingt ganz danach.“
Ich sah weiter dorthin.
Das Brummen blieb.
Und plötzlich wollte ich runter.
Nicht weil Annette mich nicht mehr halten sollte.
Nur weil ich näher ran wollte.
„Annette?“
„Hm?“
Ich zögerte.
„Können wir uns den mal anschauen?“
Sie sah mich an.
Dann lächelte sie.
„Natürlich.“
Ich wartete noch einen Moment.
Irgendwie auf das Aber.
Aber da kam keins.
„Deshalb sind wir doch hier“, sagte sie.
Ich blinzelte.
„Wegen den Zügen?“
Ihr Lächeln wurde weicher.
„Wegen dir. Weil du dir die Züge anschauen wolltest.“
Ich sah sie an.
Das wusste ich eigentlich.
Schon seit heute Morgen.
Trotzdem fühlte es sich jetzt plötzlich anders an.
Ich sah wieder zu den Gleisen.
„Auch den da?“
„Auch den da.“
„Und wenn da noch einer ist?“
„Dann schauen wir uns den auch an.“
Ich dachte kurz nach.
„Auch wenn das lange dauert?“
Annette lächelte.
„Wir haben heute keinen Zug zu erwischen, Florian.“
Ich blieb still.
„Wir können einfach gucken.“
Einfach gucken.
Ich sah wieder zu den Gleisen.
Dann fragte ich leise:
„Kannst du mich runterlassen?“
„Natürlich.“
Sie setzte mich vorsichtig auf den Boden.
Ihre Hand blieb noch einen Moment an meinem Rücken.
Dann nahm ich wieder ihre Hand.
Und diesmal machte ich den ersten Schritt in Richtung der Züge.
—
Annette:
Florian hielt noch immer meine Hand, als wir auf den Bahnsteig kamen.
Ein Stück weiter vorne stand ein silbergrauer Zug.
Florian blieb stehen.
Sein Blick hing sofort daran.
Ich blieb neben ihm und wartete.
Er sah erst nach vorne zu dem Zug, dann ein Stück an ihm entlang. Dabei legte sich seine Stirn leicht in Falten.
„Annette?“
„Hm?“
Er zeigte nach vorne.
„Wo ist die Lok?“
Ich sah ebenfalls hin.
Tatsächlich.
Da war keine Lok.
Zumindest nichts, was für mich wie eine aussah.
„Gute Frage.“
Florian sah mich an.
„Aber der fährt doch.“
„Davon gehe ich aus.“
Sein Blick wanderte wieder zum Zug.
„Wie?“
Ich betrachtete das Fahrzeug etwas genauer.
„Ich glaube, der kann selber fahren.“
„Hat der einen Motor?“
„Bestimmt.“
„Wo?“
Ich musste kurz überlegen.
„Irgendwo da drin.“
Florian sah wieder zum Zug.
„Hat der Batterien?“
„Batterien?“
„Wie mein Lego-Zug.“
Ich musste lächeln.
„Ach so. Nein, der fährt nicht mit Batterien.“
Florian dachte darüber nach.
Dann hob er den Kopf.
„Was ist das da oben?“
„Wo?“
„Das Ding da.“
Er zeigte auf das Dach.
Ich folgte seinem Finger. Dort ragte der Stromabnehmer nach oben und lag an der Leitung über dem Zug an.
„Das ist der Stromabnehmer.“
Florian sah mich an.
„Stromabnehmer?“
„Ja. Damit bekommt der Zug Strom aus der Leitung da oben.“
Er legte den Kopf ein wenig in den Nacken und betrachtete sie.
„Aus dem Kabel?“
„Genau. Die Leitung nennt man Oberleitung.“
„Und da ist Strom drin?“
„Ja.“
Er sah wieder zu dem Stromabnehmer.
„Dann braucht der keine Batterien?“
„Nein. Solange er den Strom von da oben bekommt, nicht.“
Florian dachte kurz darüber nach.
„Und keine Lok?“
„Nein. Der kann auch ohne extra Lok fahren.“
„Warum?“
Ich betrachtete den Zug noch einmal.
„Weil der seine Motoren selbst hat.“
Sofort kam die nächste Frage.
„Wo?“
Ich musste lachen.
„Jetzt wird es schwierig.“
„Unter den Sitzen?“
„Kann sein, dass die irgendwo unten am Zug sind. Aber wo genau die Motoren sitzen, weiß ich wirklich nicht.“
Florian betrachtete das Fahrzeug wieder, als könnte er die Antwort von außen erkennen.
Dann ertönte ein Warnton.
Er zuckte leicht.
Die Türen schlossen sich.
Der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
Florian folgte ihm mit den Augen. Er wurde schneller und glitt am Bahnsteig entlang.
„Der ist aber leise.“
Jetzt hörte ich selbst genauer hin.
Er hatte recht.
Abgesehen von dem Rollgeräusch und einem leisen Surren hörte man erstaunlich wenig.
„Stimmt.“
Florian lauschte, bis der Zug immer weiter weg war.
Dann war er verschwunden.
Sein Blick wanderte sofort über die anderen Gleise.
„Da!“
Er zog leicht an meiner Hand.
Ich folgte seinem Blick.
Auf einem anderen Bahnsteig standen drei rote Züge direkt hintereinander.
Zumindest sah es für mich erst einmal nach drei Zügen aus, die irgendwie miteinander verbunden waren.
Schon von hier war ein tiefes Brummen zu hören.
„Sind das drei?“, fragte Florian.
„Sieht so aus.“
„Drei Züge?“
„Ich glaube schon.“
„Warum sind die zusammen?“
„Vielleicht fahren die zusammen.“
Er sah mich an.
„Alle drei?“
„Sieht danach aus.“
„Kann man die auch wieder auseinander machen?“
„Bestimmt.“
„Wie?“
Ich musste passen.
„Keine Ahnung.“
Florian sah mich einen Moment an.
Dann deutete er wieder hinüber.
„Können wir da hin?“
Die Frage kam diesmal schneller.
Ich schaute nach dem Weg.
„Ja. Aber dafür müssen wir den Bahnsteig wechseln.“
„Wie?“
Ich zeigte auf die Treppe.
„Da runter und drüben wieder hoch.“
Florian sah zur Treppe.
Dann sofort wieder zu den roten Zügen.
„Fahren die gleich?“
„Das weiß ich nicht.“
Er machte bereits den ersten Schritt.
„Komm.“
Ich musste unwillkürlich lächeln und ging mit.
In der Unterführung hielt er meine Hand zwar wieder etwas fester, aber diesmal drängte es ihn vorwärts.
Kaum waren wir auf der anderen Seite wieder oben, wurde das Brummen deutlich lauter.
Florian blieb stehen.
Jetzt konnte er die roten Züge aus der Nähe sehen.
Und offenbar noch etwas anderes.
„Der ist aber dreckig.“
Ich sah hin.
Er hatte recht.
Die Front war mit graubraunem Schmutz überzogen, und auch an den Seiten zogen sich dunkle Streifen entlang.
„Ja“, sagte ich. „Ein bisschen waschen könnte man den wohl mal.“
Florian betrachtete ihn weiter.
Über dem Dach stieg etwas in die kalte Luft.
Sofort zeigte er darauf.
„Da kommt was raus.“
„Ja.“
„Ist das Rauch?“
„Vielleicht Abgas.“
„Wie beim Traktor?“
„Könnte sein.“
Er lauschte wieder dem tiefen Brummen.
„Fährt der mit Benzin?“
„Ich glaube eher mit Diesel. So wie unser Traktor.“
Das schien ihm einzuleuchten.
Für ungefähr zwei Sekunden.
Dann sah er sich über den Bahnsteig um.
Nach links.
Nach rechts.
Wieder zurück.
„Wo tankt der?“
Ich blinzelte.
„Der Zug?“
Er nickte.
„Irgendwo hier am Bahnhof vielleicht.“
Florian schaute über die Gleise.
Dann zu mir.
„Aber hier ist gar keine Tankstelle.“
Ich sah mich ebenfalls um.
Keine Tankstelle.
Zumindest keine, die ich erkennen konnte.
„Stimmt.“
„Wie kommt der dann zur Tankstelle?“
„Das ist eine gute Frage.“
„Fährt der da selber hin?“
„Vermutlich.“
„Wo ist die?“
„Das weiß ich nicht.“
„Hinter dem Bahnhof?“
„Vielleicht.“
Er sah wieder zu dem roten Zug.
„Warum ist der so laut?“
„Wegen dem Motor, denke ich.“
„Hat jeder von den dreien einen?“
„Keine Ahnung.“
„Oder haben die ganz viele?“
„Kann sein.“
„Und warum sind das drei und der andere war nur einer?“
Ich öffnete den Mund.
Dann schloss ich ihn wieder.
Florian wartete.
„Ich weiß es nicht.“
Er grinste.
Und da fiel es mir zum ersten Mal richtig auf.
Seit wir hier draußen standen, hatte er fast ununterbrochen geredet.
Nicht nur geantwortet, wenn ich ihn etwas fragte.
Er fragte selbst.
Eine Sache nach der anderen.
Kaum hatte ich eine Antwort gegeben, schien daraus in seinem Kopf schon die nächste Frage zu entstehen.
Der Junge, der sich vor wenigen Minuten noch an meiner Schulter versteckt hatte, war kaum wiederzuerkennen.
Florian bemerkte meinen Blick nicht einmal.
Er zeigte schon wieder nach vorne.
„Da sitzt einer!“
„Wo?“
„Ganz vorne.“
Jetzt sah ich ihn auch.
Im Führerstand saß ein Mann.
„Ist das der Lokführer?“
„Bestimmt.“
„Warum guckt der aus dem Fenster?“
Der Mann hatte tatsächlich den Kopf ein Stück nach draußen gesteckt.
„Vielleicht schaut er, ob alles in Ordnung ist.“
„Was denn?“
„Na, mit dem Zug.“
„Was muss mit dem Zug in Ordnung sein?“
Ich sah Florian an.
Er sah mich erwartungsvoll an.
„Du hast heute wirklich viele Fragen.“
Sofort veränderte sich etwas in seinem Gesicht.
Nur ganz wenig.
„Sind die falsch?“
Mein Herz zog sich zusammen.
„Nein.“
Ich legte ihm kurz die Hand auf die Schulter.
„Überhaupt nicht.“
Sein Blick blieb noch einen Moment bei mir.
„Ich stelle nur gerade fest, dass ich von Zügen fast gar nichts weiß.“
„Gar nichts?“
„Na ja.“
Ich sah zu den drei roten Fahrzeugen.
„Nicht besonders viel.“
Florian dachte darüber nach.
Dann zeigte er wieder nach vorne.
„Wo geht der Lokführer aufs Klo?“
Ich musste lachen.
„Was?“
„Wenn der muss.“
„Im Zug gibt es doch Toiletten.“
Er runzelte die Stirn.
„Aber wenn er fährt?“
„Dann kann er vermutlich nicht einfach aufstehen.“
„Und wenn er ganz dringend muss?“
Darauf hatte ich nun wirklich keine Antwort.
„Keine Ahnung.“
„Hält er dann an?“
„Ich glaube nicht, dass er einfach irgendwo anhalten darf.“
„Was macht er dann?“
„Florian.“
Jetzt musste ich wieder lachen.
Diesmal grinste auch er.
„Ich weiß es nicht.“
Er sah zum Führerstand.
„Schläft der auch im Zug?“
„Ich glaube nicht.“
„Wo schläft der dann?“
„Zu Hause.“
„Aber wenn er ganz weit weg fährt?“
„Dann kommt er irgendwann wieder zurück.“
Florian überlegte.
„Wohnt der vielleicht manchmal im Zug?“
Ich schüttelte lächelnd den Kopf.
„Nein. Ich glaube nicht, dass der Lokführer da wohnt.“
„Wo wohnt der dann?“
„Das weiß nur der Lokführer.“
Florian schaute wieder nach vorne.
Als wäre der Mann dort plötzlich noch interessanter geworden.
Dann bemerkte er jemanden weiter hinten auf dem Bahnsteig.
„Wer ist das?“
Ich folgte seinem Blick.
Ein Mann in Uniform stand an einer der Türen.
„Vielleicht der Zugbegleiter.“
„Ist der auch Lokführer?“
„Nein, ich glaube nicht.“
„Was macht der dann?“
„Der arbeitet im Zug.“
„Was?“
„Fahrkarten kontrollieren. Und…“
Ich überlegte.
„Aufpassen, dass alles funktioniert.“
„Warum steht der dann draußen?“
„Das weiß ich auch nicht.“
Florian sah wieder zu ihm.
Plötzlich ertönte ein lauter Warnton.
Piep.
Piep.
Piep.
Florian zuckte zusammen.
Die Türen begannen sich zu schließen.
„Warum piept das so laut?“
„Damit die Leute merken, dass die Türen zugehen.“
Sein Blick wanderte den Zug entlang.
Dann zeigte er.
„Die da nicht.“
Tatsächlich.
Die Tür bei dem Zugbegleiter war noch offen.
„Warum bleibt die offen?“
„Vielleicht muss er noch einsteigen.“
Der Mann sah nach vorne und hob einen Arm.
Fast gleichzeitig schaute der Lokführer aus seinem Seitenfenster.
Florian hob vorsichtig die Hand.
Er winkte.
Nur ganz klein.
Ich musste lächeln.
Der Zugbegleiter stieg ein.
Kurz darauf schloss sich auch seine Tür.
Das tiefe Brummen veränderte sich.
Wurde kräftiger.
Dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung.
Der Lokführer blieb noch einen Moment am geöffneten Seitenfenster.
Als die Spitze des Zuges an uns vorbeikam, hob er deutlich die Hand.
Florians Gesicht veränderte sich sofort.
Seine Hand schoss nach oben.
Jetzt winkte er mit dem ganzen Arm.
„Annette!“
Ich erschrak fast darüber, wie laut seine Stimme plötzlich war.
„Der hat mir gewunken!“
„Ja!“
Ich konnte gar nicht anders als zu lachen.
Florian winkte weiter.
Dann kam der Zugbegleiter an uns vorbei.
Auch er sah zu Florian.
Und hob die Hand.
„Der auch!“
Florian drehte sich mit dem fahrenden Zug mit.
„Der hat auch gewunken!“
„Ja, hab ich gesehen.“
Er lachte.
Einfach so.
Ich stand daneben und sah ihn an.
Sein ganzes Gesicht strahlte.
Die drei roten Züge zogen an uns vorbei, einer nach dem anderen, bis schließlich auch der letzte verschwunden war.
Florian sah ihnen noch hinterher.
Dann drehte er sich zu mir.
„Annette?“
„Ja?“
„Wo fahren die jetzt hin?“
Ich musste lachen.
Natürlich.
Wir waren noch lange nicht fertig.
Fortsetzung folgt…..

Autor: Michaneo | Eingesandt via Ticket

Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.

Florians-Schatten

Florians Schatten (28)
Post Views: 25
Tags: florians, schatten, präsentiert, annette, jacke
5 1 Abstimmung
Article Rating
Abonnieren
Anmelden
Benachrichtige mich bei

guest

guest
0 Comments
Oldest
Newest Most Voted

Report

Vorlesen

Weitere Teile dieser Geschichte

  • Florians Schatten
  • Florians Schatten (2)
  • Florians Schatten (3)
  • Florians Schatten (4)
  • Florians Schatten (5)
  • Florians Schatten (6)
  • Florians Schatten (7)
  • Florians Schatten (8)
  • Florians Schatten (9)
  • Florians Schatten (10)
  • Florians Schatten (11)
  • Florians Schatten (12)
  • Florians Schatten (13)
  • Florians Schatten (14)
  • Florians Schatten (15)
  • Florians Schatten (16)
  • Florians Schatten (17)
  • Florians Schatten (18)
  • Florians Schatten (19)
  • Florians Schatten (20)
  • Florians Schatten (21)
  • Florians Schatten (22)
  • Florians Schatten (23)
  • Florians Schatten (24)
  • Florians Schatten (25)
  • Florians Schatten (26)
  • Florians Schatten (27)
  • Florians Schatten (28)
  • Florians Schatten (29)

Archiv

Neueste Beiträge

  • Am Abgrund (4)
  • Florians Schatten (29)
  • Daxon (4) : Die Mystara-Legende
  • Die Lehre (16)
  • Lebenskunst – Haus Ledwin (9)

Neueste Kommentare

  • Lukas zu Die Lehre (16)
  • Soe Lückel zu Die Lehre (16)
  • Petra zu Die Lehre (16)
  • Lukas zu Die Lehre (16)
  • Leerer zu Die Lehre (16)
  • Jörg Zach zu Daxon (3) : Achtel-Supraen
  • Volker zu Stadt ohne Gesicht (3)
  • W.Z.M zu Das Licht im Wald im Winter

zufällige Geschichten

  • Sophie (1)
  • Sommerurlaub in Berlin
  • Wie Leon sich wünscht, dass es gewesen wäre
  • Jasmins Albtraum
  • Der Schulunfall

Newsletter

© Windelgeschichten.org 2014 - 2025

wpDiscuz
  • Startseite
  • Auto-Veröffentlichung
  • Autoren Übersicht
  • Index
  • Lesezeichen
  • Informationen
  • Windelgeschichten APP
  • über uns
  • Newsletter
  • Newsletter Archiv
  • Einsendungen
  • Support
  • Nutzerbedingungen