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Stadt ohne Gesicht (7)

21/09/2026 0 comments Article Gemischt Nancy Proud
This entry is Teil 7 von 7 in the series Stadt ohne Gesicht
Windelgeschichten.org präsentiert: Stadt ohne Gesicht (7)

✍️Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.

 

Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.

 

„Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.

 

Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!

 

Danke, Nancy Proud

 

 

 

Kapitel 7

 

 

Meine Gedanken stolperten kopfüber hin und her. War es nicht viel zu riskant, hier und jetzt die Pampers zu wechseln? Auf der anderen Seite drückte die stark beanspruchte und feuchte Pampers nun schon seit fast zehn quälenden Stunden um meine Hüften. Das hier war vielleicht meine letzte Chance, wieder ein trockenes Gefühl und Sicherheit anzulegen, bevor ich zurück in die Stadt und in ein anonymes Hotelzimmer flüchten musste.

 

 

Ich blickte mich in dem wundersamen, alten Badezimmer um. Direkt hinter der milchigen Glasscheibe wartete eine ungeduldige Mia darauf, dass wir endlich ihre Pfannkuchen ausbackten. Und draußen vor dem Fenster lag der wilde Garten – die Sicht von dort war vollkommen frei und ungeschützt. Ich saß in der Falle. Doch mein Körper und meine gestresste Blase ließen mir keine Wahl mehr.

 

 

Ach, was solls, dachte ich verbissen. Ich muss jetzt einfach handeln und praktisch denken.

Ich zog meinen Rucksack unter dem Waschbecken hervor, setzte mich mit dem Becken flach auf den Boden und presste meinen Rücken als menschlichen Riegel gegen die Badezimmertür. Durch das ungeschützte Fenster konnte ich gleichzeitig beobachten, was sich im Garten oder in der Nachbarschaft abspielte. Hastig öffnete ich den Reißverschluss, fummelte das formende Mieder hinunter bis zu den Knien und sah sofort, dass die Pampers absolut keinen Spielraum mehr hatte.

Höchste Zeit, signalisierten mir meine Gedanken alarmiert.

 

 

Es war gut, dass die Klebestreifen noch hielten. Schlecht war nur, dass ich sie jetzt mit Gewalt aufreißen und das typische, verräterische Geräusch hinnehmen musste. In der drückenden Stille des Raumes fühlte es sich an wie ein Donnerschlag:

 

 

Rrrratsch…………….Rrrratsch…………..

……………Rrrratsch…………….Rrrratsch.

 

 

Ich schob die Panik und die lähmende Scham einfach beiseite. Schließlich stand da draußen nur eine knapp Fünfjährige, die sich eben selbst noch ganz natürlich auf der Toilette erleichtert hatte. Während ich im rasenden Takt des Adrenalins hantierte, haderte ich im Stillen wieder einmal mit meiner Mutter und den Erlebnissen aus meiner Kindheit. Wem konnte man so etwas überhaupt erzählen? Wer wollte so etwas hören, wem konnte man die Schuld für dieses Debakel geben? Wer sollte das Vergangene jemals reparieren?

 

Viele in meinem Umfeld hatten es damals geahnt, aber niemand hatte sich verantwortlich gefühlt. Es war ja so viel einfacher, wegzusehen. Sollte jetzt etwa ein Seelenklempner durch bloßes Handauflegen meine Probleme lösen und die Welt wäre wieder in Ordnung?

 

 

Wenn es eine Möglichkeit gäbe, all das Schlechte, das Chaotische aus mir herauszureißen oder wegzubrennen – ich hätte es sofort getan. Nur leider gab es diese Möglichkeit nun mal nicht.

Jetzt musste ich wieder einmal ganz allein die Folgen meiner Kindheit entsorgen und mich vor meiner eigenen Ohnmacht schützen. Denn das Gespräch mit Vera war noch nicht final abgeschlossen, und ich brauchte meine volle Konzentration.

 

 

Jede Sekunde zählte. Ich griff nach der frischen Pampers, breitete das neue Plastikvlies aus und zog es vorsichtig zwischen meinen Beinen hoch. Ich presste mich noch ein Stück fester gegen das Holz der Tür, spannte den Bauch an und zog die seitlichen Klettbänder stramm nach vorne, bis das weiche, trockene Polster mich wie eine warme Schutzschicht mit absoluter Sicherheit umgab. Miederhose hoch. Bundfaltenhose hoch.

 

 

Die frische Folie knisterte ganz anders als die alte. Sicherer. Wärmender. Aber auch verletzlicher und ungezwungener. Ein Geräusch, das sich bei jeder Bewegung bemerkbar machte und sich einfach nicht verhindern ließ, es sei denn, man bewegte sich überhaupt nicht.

 

Reißverschluss zu.

 

 

Draußen vor der Tür hüpfte Mia bereits ungeduldig von einem Bein auf das andere. Ich spürte ihre kindliche Rastlosigkeit durch das Holz hindurch. So hatte es sich in all den Jahren eingespielt: Bei anstehendem Stress schützte ich mich selbst vor sichtbaren Flecken. Auch wenn die großen Narben meiner Seele sich der Welt nicht zeigten, so wollte ich wenigstens verhindern, dass auffällige Spuren zwischen meinen Schenkeln mein Geheimnis verrieten. Ich wusste ja mittlerweile genau, wann der psychische Druck überlaufen würde – und jetzt legte ich wieder bei klarem Verstand, mit meinen eigenen, zitternden Händen, diesen knisternden Verband an.

 

 

Plötzlich klopften Mias kleine Hände laut gegen das Holz. „Bist du immer noch nicht fertig?“

„Doch, bald“, rief ich hastig zurück und griff nach dem Stück Seife. „Ich muss nur noch die Hände waschen.“ Ich belog eine Vierjährige, nur um meine eigene Fassade zu schützen.

„Kann ich bitte reinkommen? Mir ist so langweilig… häää?“, bettelte sie von draußen. „Die Äpfel sind bestimmt schon ganz viel am Schrumpeln!“

 

Ich gab ihrer ungeduldigen Stimme nach. „Ich bin fertig, du kannst schon reinkommen.“

Ich schaffte es gerade noch, den Reißverschluss meines Rucksacks zuzuziehen, als Mia langsam die Tür aufdrückte.

 

 

„Du brauchst aber echt lange“, waren ihre ersten Worte, während sie mich prüfend musterte.

Im Spiegel oberhalb des Waschbeckens konnte ich sehen, wie sich mein ganzes Gesicht rosa färbte. Auf ihre Worte fand ich so schnell keine passende Antwort. Ich schluckte schwer.

 

 

Mia trat einen Schritt näher, legte den Kopf schief und schnupperte unschuldig. „Ein bisschen riechst du jetzt wie Lina, wenn sie mit ihrer Mama aus dem Bad kommt. Da juckt meine Nase genauso wie jetzt.“ Sie nieste kurz, schüttelte sich und strahlte mich dann wieder an. „Können wir jetzt endlich in die Küche backen gehen?“

 

Ein unendlicher Stein fiel mir vom Herzen. Ich lächelte befreit. „Ja… ja, das können wir.“

Autor: Nancy Proud | Eingesandt via Formular

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Stadt ohne Gesicht

Stadt ohne Gesicht (6)
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Tags: präsentiert, hallo, stadt, ohne, gesicht
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