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Stadt ohne Gesicht (8)

29/09/2026 0 comments Article Gemischt Nancy Proud
This entry is Teil 8 von 8 in the series Stadt ohne Gesicht
Windelgeschichten.org präsentiert: Stadt ohne Gesicht (8)

„Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ –

✍️Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.

Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.

„Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.

Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!

Danke, Nancy Proud

Die Geschichte darf nicht kopiert werden

Kapitel 8

Mia schaute mich strahlend an und wollte gerade etwas sagen, als mich aus heiterem Himmel mein eigenes Gesicht im Spiegel anblickte und mich geradewegs zurück in die Vergangenheit zerrte.

Immer wieder hatte in meiner Kindheit jemand ein Foto von mir machen wollen. Geduldig hatte ich es damals über mich ergehen lassen, aber wirkliche Freude hatte weder meine Seele noch mein Gesicht erfüllt. Nun stand ich allein vor dem kühlen, spiegelnden Glas im Badezimmer der Wolfs und blickte in mein fragendes, unsicheres Ich. Ich brauchte diese Sekunden der Ruhe, um meine Gedanken und Gefühle neu zu ordnen. Ich atmete schwer aus und spürte, wie sich meine Finger krampfhaft in den weißen Rand des Waschbeckens krallten.

Eine heiße Wut stieg in mir auf, die ich verzweifelt hinunterschluckte. Ich durfte nicht laut schreiend aus diesem Bad laufen. Nicht jetzt. Nicht vor Mia und nicht, bevor ich die Bestätigung für das WG-Zimmer von Vera hatte. Ich hatte all meine verbleibenden Hoffnungen auf dieses Gespräch gesetzt, und meine Vergangenheit durfte mir die neue Möglichkeit und Hoffnung nicht auch noch wieder zerstören.

Nichts hatte mich davor gewarnt, dass mir heute Ungeplantes zustoßen würde. Mein Unterbewusstsein hatte keinen Verdacht gehegt, dass sich in meinen Schatten heute so viele Ereignisse wie an einer Perlenschnur aufreihen und mein Inneres in eine Achterbahnfahrt verwandeln würden. Ich versuchte krampfhaft, mir nichts anmerken zu lassen, wie sehr mich die alten Geister gerade wieder eingeholt und aufgewühlt hatten.

„Warum bist du denn jetzt so still? Und traurig?“, hörte ich Mias dünne Stimme plötzlich ganz nah neben mir fragen. Sie zupfte an meinem Cardigan. „Du musst gar nicht traurig sein, weil du kein Kacki geschafft hast. Bei mir geht das auch nicht immer, egal wie feste ich arbeite. Und manchmal kommt der einfach ganz von alleine, ohne dass ich ihn bestellt habe.“

Ein flüchtiges, unmerkliches Lächeln überzog mein Gesicht bei ihrer kindlichen Logik, bevor meine Augen wieder feucht wurden.

„Nein, mein Herz, ich bin nicht deshalb traurig“, antwortete ich leise und wischte mir unauffällig über die Wangen. „Ich bin ein bisschen traurig, weil ich heute Abend wieder nach Hause fahren muss.“

„Und deshalb bist du traurig?“, fragte sie mit großen Augen. „Freust du dich denn gar nicht auf deine Mami und deinen Papi? Ich würde mich viel, viel mehr freuen als wie du.“

„Doch, doch… natürlich freue ich mich, mein Zuhause wiederzusehen“, flüsterte ich. Es war eine Lüge, die wie Asche auf meiner Zunge schmeckte. „Ich bin nur traurig, weil es beim Abschied dann schon ganz dunkel ist und ich dann unsere Windmühle auf dem Weg nicht mehr sehen kann.“

Ich hoffte inständig, dass meine Notlüge nicht aufflog. Es tat weh, zu diesem unschuldigen Kind nicht ehrlich sein zu dürfen. Aber wie sollte man die schrecklichen Erlebnisse der eigenen Kindheit einer fast Fünfjährigen erklären, ohne sie zu ängstigen? In meiner eigenen Jugend hatte ich weiß Gott genug von den harten, lauten Stimmen gehört – von Onkel Bernd, Onkel Andreas, den ständig wechselnden Männern meiner Mutter und von Opa Georg. Sie alle waren immer der Meinung gewesen, dass man als Erwachsener tun und lassen konnte, was man wollte, während man als Kind gefälligst zu gehorchen hatte. Meine Mutter hatte mich ohnehin nie als eigenständigen Menschen gesehen. Pfarrer Olaf Hahn hatte mir schon früh beigebracht, mich zurückzunehmen und demütig zu bleiben. Das immerhin beherrschte ich perfekt. Wenn Vera Wolf mir eine Chance gab, würde ich mit all meiner sanften Fürsorge dafür sorgen, dass Mia niemals so eine Kindheit durchleiden musste wie ich.

Mia beobachtete mich weiterhin ganz intensiv. Seit unserem Vorfall auf der Toilette hatte ich das Gefühl, dass sie mich noch genauer prüfte. Sie musterte mich vom Scheitel bis zur Sohle, legte den Kopf schief und fragte wie aus dem Nichts: „Du siehst irgendwie ein bisschen verkleidet aus. So wie an Karneval oder Halloween. Warum hast du denn so blaue Augen?“

Ich staunte und sah das Mia verwundert an. Mein Herz setzte kurz aus. Ahnte sie etwas? Konnte sie das Haarspray riechen oder das Mieder unter meiner Bundfaltenhose sehen? Nachfragen wollte ich um keinen Preis, um das Eis nicht zu brechen. Ich musste das Thema wechseln und mich ganz auf unsere Pfannkuchen-Mission konzentrieren.

„Sag mal, Mia…“, begann ich rasch und hob sie mit einer weichen Bewegung zurück auf ihren Sonderplatz auf der Küchenarbeitsplatte. „Isst du eigentlich nur gerne Pfannkuchen, oder weißt du auch schon, wie man den Teig zusammenrührt?“

Mia rollte theatralisch mit ihren smaragd-grünen Augen und schnaubte wichtig durch die Nase. „Omi macht die mit ganz anderen Sachen! Und das, was Charly und Britta da immer reinbäcken, das mag ich sowieso überhaupt nicht. Ih-bäh.“

„Ach was? Und wie magst du deine Pfannkuchen dann am liebsten? Und wo finde ich die Sachen wie Eier, Mehl, Milch und Zucker?“

„Ganz, ganz lecker müssen die sein!“, piepste sie. „Und das Rezept von Oma ist natürlich ein echtes Geheimrezept. Und die schläft ja gerade… wie soll ich dir das denn jetzt verraten?“

„Isst du sie denn lieber mit oder ohne Zimt?“, schob ich schmunzelnd hinterher.
„Ähm… mit beiden!“, entschied Mia prompt.
„Mit beiden, verstehe. Möchtest du mir dann nicht helfen und mir zeigen, wo die Oma das Mehl und die Eier versteckt hat?“

„Ja, ja, ja, ja, natürlich!“, rief sie und wackelte voller Vorfreude mit den freihängenden Beinen auf der Holzplatte. „Aber von hier oben kann ich ja auch viel besser gucken, wo das alles ist.“

Ich war hier, weil ich genau hier sein wollte. Dass ich den beiden jetzt helfen konnte, weil Charlotte nicht erreichbar war, erfüllte mich mit einem leisen, ungewohnten Stolz. Im Grunde war die Aufgabe ein Geschenk: Ich musste nur ein paar Pfannkuchen ausbacken und Mia ein bisschen bespaßen, bis Vera wieder ausgeschlafen an Bord war. Das musste doch zu schaffen sein. Millionen Mütter bundesweit bewältigten das täglich mit zwei, drei oder mehr Kindern. Für mich war es der ultimative Beweis für Vera Wolf, dass ich nicht nur guten Willen mitbrachte, sondern flexibel und der Situation gewachsen war.

„Okay, Mia. Dann spiele ich heute mal für dich die Wunschfee. Wie findest du das?“
„Wow… das ist eine supercoole Idee!“, Mias Augen begannen hell zu leuchten. „Kannst du dann nicht nur heute, sondern auch morgen, übermorgen und gestern meine Wunschfee spielen? Ich habe nämlich immer ganz viele Wünsche. Und wenn du für immer zu uns ziehst, kannst du mir bestimmt dein Hokus-Pokus beibringen, und ich kann mir Mami und Papi immer, immer herbeiwünschen, wenn ich sie vermisse.“

Ein dicker Kloß bildete sich in meiner Kehle. „Das… das kann leider nur deine Oma oder dein Papi entscheiden, Mia.“

„Wenn du wirklich eine echte Fee bist, dann kannst du doch zaubern“, plapperte sie ungerührt weiter und stupste Noffel an. „Dann kannst du doch die Omi einfach umzaubern, falls sie Nein sagt! Meine Omi kann nämlich gar nicht zaubern. Die sagt zwar jeden Abend im Bett zu mir, wenn ich die Augen ganz feste zumache, kann ich mir was wünschen und die Wünsche werden wahr… Aber ich habe mir schon so oft meine Mami und meinen Papi hergewünscht, und noch nie waren die am nächsten Morgen da. Omi verrät mir aber auch einfach nicht den richtigen Zauberspruch.“

Mia stieß ungeduldig die Luft aus und rutschte unruhig hin und her. „Fängst du jetzt endlich an? Das Kacki hat in meinem Bauch nämlich ein ganz, ganz großes Loch gemacht! Willst du mal sehen, häää?“

Ich hielt kurz inne, dankbar für die Ablenkung. „Okay… dann zeig mir mal das große Loch in deinem Bauch.“
Schnell lüftete Mia ihr Kleidchen, beugte den Oberkörper weit nach hinten und tippte mit dem kleinen Zeigefinger wichtig auf ihren Bauchnabel.

„Ohhh… mmhhh… das sieht ja wirklich ganz schlimm aus“, bescheinigte ich ihr mit ernster Stimme. „Das Loch müssen wir dringend mit Apfelpfannkuchen stopfen. Was meinst du, wie viele müssen wir da denn reinstecken? Eins?

Vier? Zwei? Neun? Acht?“„Ganz viele!“, kicherte Mia.

Inzwischen hatten wir mit Mias Adleraugen von der Arbeitsplatte aus alles zusammengetragen: Eier, Mehl, Zucker, eine echte Vanilleschote, Butter, eine Prise Salz und den Zimt. Ich stellte die große Rührschüssel vor Mia hin.

„Möchtest du den Teig rühren oder mir die Zutaten in die Schüssel schütten?“, fragte ich sie vorsichtig.

„Nein, ich möchte probieren! Das ist nämlich die wichtigste Aufgabe von einer Chefköchin, das ist doch wohl klar wie Kloßbrühe!“, bestimmte sie forsch.

Mia strahlt, giggelt und schüttelt sich vor Lachsalven offensichtlich erfreut über ihren eigen Spruch, und steckt sich frech eine Rosine in den Mund. Charlotte hat mir das beigebracht, wenn Omi mir etwas befiehlt.

Dann legte Mia ihren Kopf schief und schaute mich intensiv an. „Und was bist du dann, wenn deine Pfannkuchen mir wirklich schmecken? …….ich hab´s meine Pfannkuchen-Zauber-Fee? ………oder……oder…..“

Autor: Nancy Proud | Eingesandt via Formular

Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.

Stadt ohne Gesicht

Stadt ohne Gesicht (7)
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Tags: ohne, gesicht, präsentiert, bist, stadt
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