„Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ –
✍️Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.
Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.
„Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.
Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!
Danke, Nancy Proud
Die Geschichte darf nicht kopiert werden
Kapitel 9
Mia zappelte schon länger unruhig hin und her, und ich musste aufpassen, dass der zuckersüße Teig sie nicht schon vorab satt machte.
„Kann ich noch mal probieren?“, quengelte sie nach dem ersten, zweiten und dritten Abschmecken mit dem kleinen Holzlöffel. „Das ist so voll lecker! Da will mein Finger automatisch tunken,
tunken und tunken. Guck mal, wie schrumpelig mein Finger schon ist. Genauso schrumpelig wie beim Baden!“
Die erste Hürde – den Geschmackstest der kleinen Chefköchin – hatte ich also mühelos übersprungen. Ich lächelte sie an. „Mia, soll ich deine Äpfel auch karamellisieren, oder lieber doch nicht?“
Ich konnte zusehen, wie sich ihre Stirn skeptisch kräuselte. „Was ist dieses… kanalisiert?“
„Ich bestreue die Apfelschnitze mit Zucker und lasse sie schön in der heißen Pfanne schmorgeln, zusammen mit guter Butter. Das schmeckt ziemlich fantastisch, Mia.
Lass dich einfach überraschen… sei lieb“, rutschte es mir ganz weich heraus.
„Mmhh… wirklich? Das soll schmecken?“
„Und ob, warte es nur ab. Das gibt den besten Apfelpfannkuchen der Welt.“
Jetzt musste ich liefern. Mir war klar, dass der Teig in der Pfanne im ersten Anlauf ein wenig kleben würde, weil sie frisch gespült war. Das hatte ich bereits einkalkuliert. Aber was gab es für Kinder Schöneres, als den allerersten, leicht verunglückten Pfannkuchen direkt mit den noch verklebten Teigfingern warm und fast zu heiß aus der Hand zu essen?
Mit vollem Mund und hochroten, rosa Wangen kaute Mia selig. Ein langes, tiefes „Mmmmmhhhhh… so lecker!“, kam von ihr.
Ich fettete die Pfanne erneut kräftig mit Butter und karamellisierte mit etwas Puderzucker genau fünf Apfelschnitze. Bei mir musste es beim Anrichten auf Porzellan oder in der Pfanne immer eine ungerade Anzahl sein; mein innerer Kompass verlangte nach dieser Symmetrie. Zwei kleine Schöpfkellen Teig verteilten sich im Anschluss wie kriechende Lava zwischen den goldbraunen Apfelstückchen. Drei Minuten später ließ ich noch ein paar Rosinen in die leichte, noch flüssige Masse plumsen und sah zu, wie sie langsam im Teig untertauchten.
Neben mir stand Mia und leckte sich hingebungsvoll die klebrigen Finger ab, während ich den Pfannkuchen schwenkend in der Pfanne tanzen ließ und ihn mit einem gekonnten, kleinen Salto sicher in der aufspritzenden Butter landen ließ. Obwohl die Kleine schon hundemüde war und bereits das dritte Mal herzhaft gähnte, bekamen ihre Augen bei meinem kleinen Kunststück regelrecht Froschaugen. Nach dem zweiten oder dritten Pfannkuchen fing sie an zu kichern und ausgiebig zu giggeln. Sie versuchte beinahe schneller zu mampfen, als ich nachbacken konnte.
Zwischen zwei Bissen erklärte sie mir geschäftig, dass Oma Vera zum Abendbrot immer eine Tasse Örl-Kreie-Tee trank. Ich hörte ihr leise zu und sah sie an. Erst in ihren smaragdgrünen Augen begann ich an diesem Abend, mich selbst ganz neu zu sehen. Meine Sommersprossen, meine knubbeligen Ohrläppchen – all die Dinge, die mich sonst an mir gestört hatten, verloren in ihrem unschuldigen Blick an Schrecken.
Ich begann, mich ein Stück weit zu mögen. Zumindest fast alles. Ich war einundzwanzig Jahre alt und spürte in dieser fremden Küche ein heimliches, warmes Gefühl von Stolz auf mich selbst. Wie man so etwas hinbekommen konnte, wenn das Leben einem ständig Steine oder riesige Felsbrocken in den Weg warf? Mit Vertrauen und Zuversicht, würde ich behaupten. Ich hatte mich jeden Tag aufs Neue bemüht, glücklich zu sein, und hier, in dieser Sekunde, hatte ich es geschafft. Mit positiven Gedanken, die ich oft erst mühsam unter den Trümmern meiner Kindheit freilegen musste. Und indem ich versuchte, wieder ganz leise auf mein eigenes Herz zu hören. Ich wusste einfach, dass dieses heutige Ereignis kein weiteres, einzelnes Puzzlestück bleiben würde. Es war der Anfang von etwas Großem.
„Ich will nur nicht, dass du gleich einen Pfannkuchen essen musst, der nach Käsefüßen oder alter Pappe schmeckt“, scherzte ich leise und hob den nächsten Goldgelben auf ihren Teller.
„Das sagt die Omi auch immer wieder!“, bestätigte Mia eifrig und kaute zufrieden. „Nur gutes Essen macht glücklich und satt. Eis macht mich zwar nie satt, aber trotzdem bin ich danach immer besonders glücklich…“
Kapitel 10: Apfelgirlanden
Es lagen achteinhalb Pfannkuchen warmgestellt im Backofen, zweieinhalb waren bereits direkt in Mias Bauch gelandet. Irgendwo in der hintersten Ecke der Vorratskammer hatte ich ein verstaubtes Silbertablett entdeckt. Mit etwas Zahncreme und einem Stück alter Zeitung hatte ich es behutsam abgerieben und wieder zum Leben erweckt. Nun glänzte es im fahlen Licht. Auf dem Tablett hatte ich den frisch aufgegossenen Earl Grey Tee, ein Glas Wasser für Mia, die frisch gepresste Zitrone und den Zucker vorsorglich und nett drapiert.
Ich zeigte Mia gerade mit leisem Stolz, dass ich die Schale von allen drei Äpfeln in einem einzigen, ununterbrochenen Band abgeschält hatte. Das Mädchen legte den Kopf auf die Seite, riss den Mund weit auf und kniff die Augen zusammen. Sie starrte die drei roten Apfelgirlanden an, als wären sie eine Wundertüte oder ein verblüffender Zaubertrick.
„Häää…? Ist das auch so ein Hokus-Pokus von dir, oder hast du das einfach nur heimlich zusammengeklebt? Du bist echt komisch!“ Sie schnaubte bewundernd. „Mmmhh… ich glaube, du könntest bestimmt die große Schwester von Bibi Blocksberg sein. Die macht auch immer so komische Experimente und Zaubertricks. Dann kann deine Mami bestimmt auch alle Tricks aus dem großen Zauberbuch, oder?“
Ich zuckte innerlich kurz zusammen, spürte das schrille Bild meiner Mutter wie einen kalten Schatten, ließ mir vor dem Kind aber nichts anmerken.
„Okay!“, erwiderte ich weich und lächelte das Gefühl weg. „Ich habe leider keine Schwester und keinen Bruder, und schon gar nicht so eine tolle kleine Schwester wie Bibi Blocksberg. Schade eigentlich, sonst könnte ich ja jetzt auch auf einem Besenstiel mit dir durch die Luft reiten. Soll ich dir aus den Apfelkringeln mal ein lustiges, rotes Armbändchen machen?“
Sofort hielt mir Mia beide Arme entgegen. „Au ja, fein! Da wird die Omi aber ganz doll staunen.“
Ich wand das kühle, fruchtige Band um ihr schmales Gelenk. „Und? Gefällt es dir, dein toller Schmuck?“
„Du gefällst mir!“, plauderte Mia einfach so frei heraus.
Die unbändige Kinderehrlichkeit traf mich unvorbereitet und ließ meine Wangen sofort wieder glühend rot werden. Sie musterte mich noch einmal ganz intensiv von oben bis unten, grinste, kicherte und zeigte mir stolz einen Popel, den sie frisch aus ihrer Nase geholt hatte.
„Mmh… also, Joshua, wenn die Omi mich fragen tut, dann werde ich ihr sagen, dass ich mich schon längst für dich entschieden habe“, erklärte sie mit tiefer Ernsthaftigkeit. „Ich mag dich nämlich. Ich wollte ja eigentlich überhaupt keine Nanny, so wie die bei meiner Kita-Freundin. Die ist viel uralter als die Omi und kocht auch ganz komische Sachen. Sogar Milla kann sie überhaupt nicht leiden, weil die in echt gar nicht nett ist. Aber die Omi kann ja jetzt nicht mehr so lange mit mir spielen und sich mit mir beschäftigen, weil ihre Hüfte immer so blöd piekst und so ein fürchterliches Aua macht. Geschichten erzählen und mich ins Bett bringen, das klappt ja bis jetzt noch ein bisschen. Nur manchmal, da ruft sie unsere Nachbarin Britta… und die hat leider auch immer die blöden Mädchen und Jungs von ihrer Tochter dabei.“
Es hatte nur ein paar Minuten gedauert, ehe sich Mia daran erfreute, wie sicher ich in der Küche hantierte und eines ihrer Lieblingsessen zubereitete. Sie hatte sichtlich Spaß an unserer Backaktion gehabt. Wie gut ich mich mit der Zeit an den gewöhnlichen Alltag im Haus und die vielfältigen Aufgaben gewöhnen würde, musste die Zukunft zeigen.
Besonders Vera Wolf hatte im Stillen wohl gerade schwer mit der Situation zu kämpfen. Es ging für sie nicht nur darum, eine weitere, fremde Person in ihrem Haus zu akzeptieren, sondern vor allem um die schmerzhafte Erkenntnis, wie sie mit ihren zunehmenden eigenen Einschränkungen umgehen sollte. Sie musste ein großes Aufgabengebiet abgeben, das ihr von nun an nicht mehr vergönnt sein sollte.
„Pass ja auf, dass sie nicht hübscher ist als Charlotte! So eine neue Haushaltshilfe kann für Morton und für dich sehr unangenehm und gefährlich werden!“, hatten Veras Rommé-Mitspielerinnen bei ihrem Besuch in der Klinik nach der Hüft-OP lautstark gewarnt. Monika hatte dabei ihren Piccolo weitergetrunken und Irene hatte wie üblich einfach mitgelacht. Nur Gesine hatte pikiert und verschämt die Augen gerollt – wohl auch, weil sie kein Gegenargument vorbringen konnte. Ihr Ex-Mann Gerold hatte sie erst kürzlich wegen einer wilden Affäre mit seiner achtundzwanzigjährigen Sekretärin verlassen. Aus genau diesen Gründen hatte Vera Wolf im Vorfeld gleich alle weiblichen Bewerberinnen für die aktuelle Anzeige kategorisch ausgeschlossen. Und wegen des heimlichen Tächtelmächtels zwischen Morton und Charlotte, das Vera im Grunde im Haus nicht dulden wollte, aber wegen Mortons unbeabsichtigtem Single-Dasein dennoch zähneknirschend durchgehen ließ, war die Schablone eng geworden. Deswegen hatte Vera Wolf eigentlich schon jede Hoffnung begraben, dass sich überhaupt jemand auf das Inserat im Stadt-Blatt melden würde. Sie hatte das Projekt innerlich abgeschrieben – obwohl sie im Stillen zugeben musste, dass dieser schüchterne Joshua ihr am Telefon von allen am sympathischsten gewesen war.
Ich hatte gerade zwei der Pfannkuchen extra auf einem flachen Teller als kleines Highlight positioniert, um sie mit etwas Obst kreativ zu dekorieren, als plötzlich ein lauter, metallischer Knall aus dem Wohnzimmer drang.
Mia sprang ohne Vorwarnung von der hölzernen Anrichte. „Ohh! Das ist Omas Gehstock, der hingeknallt ist! Ich muss ihr sofort helfen, an den Stock zu kommen, sonst kann sie gar nicht aus dem Sessel aufstehen!“
Während sie schon losflitzte, blieben meine Finger in Bewegung. Im Obstkorb lagen noch Bananen, Mandarinen und Kiwis. Für Mia fummelte ich schnell den Pfannkuchen in Kätzchenform zusammen: Mandarinenstückchen als Öhrchen, das Gesicht mit einem umgedrehten Glas sauber ausgestochen, das Schnäuzchen aus Bananenscheiben, Nutella für die Schnurrhaare sowie schlitzige, giftgrüne Kiwipupillen in den weißen Teigaugen. Für Vera Wolf faltete ich den Pfannkuchen zu einem eleganten Viertel in Eistütenform. Runde Bananenscheiben imitierten die Eiskugeln, und die Mandarinen legte ich wie eine kleine Obstkrone zwischen den Teigrand. Zu guter Letzt träufelte ich das Nutella ganz sparsam und ordentlich über Veras Portion.
Ich nahm das glänzende Silbertablett auf und folgte Mia zügig ins Wohnzimmer, um nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht brauchte das Kind ja meine Hilfe – oder doch die stolze Vera Wolf.
Als wir den Raum betraten, thronte Vera bereits wieder gewohnt majestätisch in ihrem Ohrensessel, den aufgehobenen Stock fest in den Händen. Sie war adrett gekleidet, ihr graues Haar zu einem ordentlichen Dutt gebunden, was ihre grau-blauen Augen betonte. Sie hatte sehr markante Gesichtszüge, schmale Lippen, war für ihr Alter noch sehr gut in Form und trug ihr Hahnentritt-Kleid mit einer unbestreitbaren Eleganz und staunte als ich mit dem beladenen Silbertablett hinter Mia auftauchte und……………………………
Autor: Nancy Proud | Eingesandt via Formular
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