Kapitel 9: Vorstellungsverhör
Es dauerte nicht lange bis sich die Türe wieder öffnete und Herr Braun wieder zurück kam.
„Frau Schuster? Ich habe nicht mehr mit ihnen gerechnet. Ich dachte sie wären bereits nach Hause?“ wunderte er sich über Jens Anwesenheit, nachdem er die Türe wieder hinter sich geschlossen hatte.
„Ja wollte ich eigentlich auch, aber dann ist mir spontan ein Idee gekommen. Wissen sie Meike und ich…wir kennen uns ganz zufälligerweise und wollten gleich noch einen Kaffee trinken gehen. Wenn es ihnen nichts ausmacht würde ich einfach hier warten. Ist ein bisschen gemütlicher als mein Auto.“ erklärte Jen. Herr Braun schaute es nicht begeistert, zumindest verrieten das seine Gesichtszüge, die sich dann aber einen Augenblick später wieder entspannten.
„Ich denke als kleinen Ausgleich für das Chaos tue ich ihnen den Gefallen.“ antwortete er schließlich.
„Danke.“ entgegneten Jen und ich gleichzeitig.
„Dann fahren wir jetzt mit ihnen fort Frau Jansen.“ kam sofort von ihm und er öffnete die Türe. Ich folgte ihm wieder durch einen Türengang. Diese Kanzlei war größer als sie auf den ersten Blick wirkte. Wir kamen schließlich an einer offenen Türe an vor der Herr Braun stehen blieb.
„Nach ihnen.“ sagte er und wies mit einer Hand in Richtung der Türe. Ich betrat den Raum, der ziemlich schlicht eingerichtet war. Der massive Holztisch in der Mitte fiel mir sofort ins Auge, weil er aus aussah wie ein dicker Baumstamm, der längs durchgesägt und dann zu dieser Tischplatte weiter verarbeitet worden war. Auf dem Tisch lagen auf der einen Seite zwei farbige Mappen, die offensichtlich mit meiner und Jens Bewerbung gefüllt sein mussten, denn meine Bewerbung war tatsächlich aufgeschlagen. Eine weitere Mappe lag zugeklappt ein Stückchen entfernt von der Mappe mit meiner Bewerbung. Das war offensichtlich der Platz von Herrn Braun. Neben dem massiven Möbelstück, befanden sich noch ein Regal mit Büchern mit mir nicht ganz nachvollziehbaren Abkürzungen und ein Fernseher an der Wand, der aber offensichtlich zweckentfremdet wurde, da sich direkt neben dem Fernseher ein Computer befand. Nicht so ein Computer wie Rob ihn hatte, sondern irgendwelche kleinen Rechner mit wenig Leistung, die gerade so zum arbeiten reichten. In der Schule gab es auch so Teile. Ich empfand die immer als extrem langsam im Vergleich zu Robs Computer oder meinem Laptop. Ich ging um den Tisch herum und setzte mich auf den Stuhl, der sich gegenüber meiner Bewerbung befand. Herr Braun schloss die Türe und setzte sich auf den Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite.
„Ich bitte nochmals um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten. Viele unserer Termine sind durch ein Update gelöscht worden und unserer Sekretärin hat den Termin von Frau Schuster in meinem Auftrag vereinbart und da ihr ursprünglicher Termin nicht mehr geblockt war, kam es zu dieser äußerst unschönen Doppelbelegung.“ entschuldigte sich Herr Braun nochmals und gab mir die gleiche Erklärung, die ich schon am Empfang gehört hatte. Wirklich schön war eine solche Doppelbelegung definitiv nicht, aber ich hätte mir eine schlechtere Gesellschaft als Jen vorstellen können. Unsere Beziehung war nicht so eng wie die Beziehung zwischen ihr und Kathi, aber wir verstanden uns auch gut.
„Hat doch alles irgendwie doch funktioniert.“ entgegnete ich kurz, um das Problem nicht näher zu vertiefen.
„Stimmt. Jetzt bin ich ein bisschen neugierig woher sie und Frau Schuster sich kennen.“ fuhr Herr Braun fort.
„Jen…ähm…Frau Schuster ist die beste Freundin meiner Schwester.“ antwortete ich und merkte wie komisch es war von Jen als Frau Schuster zu sprechen. Es wirkte irgendwie so als ob ich von ihrer Mutter, die ich nicht mal kannte, berichten würde.
„Dann hat ihre Schwester aber ein schweres los mit einer besten Freundin, die so weit von ihr weg wohnt. Wo ich gerade vom Wohnen spreche. Ich bin aus zwei Dingen in ihrer Bewerbung nicht ganz schlau geworden. Vielleicht können sie mir die erklären.“ meinte er. Ich schluckte so unauffällig wie möglich. Ich hatte penibel darauf geachtet, dass mit der Bewerbung alles stimmte.
„Was meinen sie?“ fragte ich vorsichtig.
„Naja zum einen sehe ich, dass sie anscheinend lange Zeit an einem Ort gewohnt haben. Dort haben sie die Grundschule besucht und auch das Gymnasium, bis vor etwa zwei Jahren, dann müssen sie umgezogen sein. Wenn ich richtig rechne, dann müssten sie eigentlich schon letztes Jahr ihr Abitur gemacht haben.“ stellte er fest.
„Ähm..ja…meine Eltern haben sich getrennt, deshalb bin ich mit meiner Mutter und meinem Bruder umgezogen.“ erklärte ich und merkte erst jetzt, dass die Antwort auf die Frage zwar die Wahrheit war. Vermutlich hatte mir die Aufregung die Worte einfach so in den Mund gelegt, dass ich nicht mal daran gedacht hatte es irgendwie sinnvoll zu verpacken.
„Und ihre Schwester ist nicht mit umgezogen?“ fragte Herr Braun.
„Das ist ein bisschen komplizierter…ich wurde vor etwa zwei Jahren adoptiert, deshalb habe ich jetzt eine Schwester.“ versuchte ich das Chaos ein wenig zu lichten. Herr Braun wirkte in dem Moment so als ob sich mehrere Gedanken überschlagen würden.
„Sie haben aber nichts mit diesem Familiendrama vor etwa zwei Jahren zu tun? Das würde zumindest zu ihren Wohnorten passen und auch grob zu dem was damals berichtet wurde, wenn ich mich recht erinnere.“ fragte er neugierig. Anscheinend hatte sich die Geschichte mit meinem Vater weiter herumgesprochen als ich es bislang angenommen hatte. Mir war durchaus bewusst, dass es auch Menschen, die weiter weg wohnten, mitbekommen haben konnte, aber ich versuchte so selten wie möglich an dieses Ereignis zu denken, weshalb ich auch nicht wirklich verfolgt hatte welches lokales Käseblatt darüber berichtet hatte und welches nicht. Glücklicherweise hatten meine Eltern und auch alle anderen es gut genug geschafft mich abzuschirmen, sodass ich nicht belagert wurde oder sonst irgendwas. Es war fast so etwas wie ein Wunder, dass ich so selten darauf angesprochen wurde, da meiner Meinung nach jedem in meinem Umfeld klar gewesen sein musste was passiert war. Möglicherweise war es mir aber auch nicht aufgefallen, weil ich mit mir selbst mehr als genug zu kämpfen hatte. Ich war froh als das Interesse an diesem für mich höchst traumatisierenden Erlebnis abebbte und irgendwann vollends im Sande verlaufen war. Ich war über die ganze Zeit der Berichterstattung nur die überlebende Tochter des Amok-Vaters gewesen. Ich merkte mein Unbehagen bei dem Gedanken an meinen leiblichen Vater.
„Reicht ihnen ein einfaches ja um das Thema nicht näher zu vertiefen?“ entgegnete ich Herr Braun in der Hoffnung, dass das Thema definitiv keine Relevanz mehr haben dürfte.
„Sicher.“ antwortete Herr Braun und machte sich Notizen. Ich kam mir ein wenig vor wie bei Dr. Berger in den Therapiesitzung, auch wenn die Notizen von Dr. Berger vermutlich einen weitreichenderen Hintergrund hatten als die Notizen von Herrn Braun. Herr Braun begann erneut durch die Bewerbung zu blättern und gelangte zu meinen Zeugnissen. Berauschend waren sie nicht, aber immerhin durchschnittlich, was mich persönlich freute, aber für eine Bewerbung bestimmt nicht förderlich war. Vielleicht war diese durchschnittliche Leistung der Grund warum ich noch nichts von den anderen Bewerbungen gehört hatte.
„Hmmm…“ hörte ich Herr Braun nachdenklich summen.
„Stimmt etwas nicht?“ fragte ich unsicher. Herr Braun wandte seinen Blick mir zu.
„Eigentlich wollte ich noch ihre schulischen Leistungen ansprechen, aber dieses Ereignis…dürfte einiges erklären und dafür sind die Leistungen sogar gut. Ohne das Thema zu vertiefen, ich kann mir vorstellen, dass ein solches Ereignis einen jungen Menschen ziemlich aus der Bahn wirft. Irgendetwas leidet darunter, am ehesten die Schule. Wissen sie meine Tochter ist in einem ähnlichen Alter wie sie und als sie von ihrem Freund verlassen wurde, haben wir das auch an ihrem Zeugnis erkennen können. Das ist natürlich nicht vergleichbar, aber wenn schon etwas banales wie eine Liebe unter Teenagern einen sichtbaren Einfluss hat, dann…sie verstehen bestimmt auf was ich hinaus will.“ erklärte er. Wenigstens waren die Leistungen anscheinend für die Bewerbung nicht problematisch. Das Problem daran war, dass man den Hintergrund hinter den durchschnittlichen Leistungen kennen musste und der stand nicht in der Bewerbung sondern würde sich höchsten wie jetzt im Vorstellungsgespräch ergeben.
„Ja ich kann ihnen folgen. Danke für das Verständnis. Ja, es wirft jemanden aus der Bahn…gewaltig sogar…ich bin froh, dass ich entsprechende Unterstützung hatte.“ entgegnete ich kurz.
„Freut mich mich zu hören. Dann erzählen sie mir doch, warum sie sich beworben haben.“ forderte er mich auf. Wenigstens eine der Fragen auf die ich mich vorbereitet hatte.
„Ich war mit der Schule im letzten Schuljahr auf einer Berufsmesse, da haben wir uns verschiedene Berufe angesehen. Irgendwie bin bei dem Beruf ein bisschen hellhörig geworden. Es wirkte zum einen interessant, zum anderen auch anspruchsvoll.“ fing ich an.
„Hmmm…ok. Was stellen sie sich denn interessant vor an dem Beruf?“ bohrte Herr Braun nach.
„Naja zum einen ist es glaube ich ganz gut wenn man ein bisschen steuerlich bewandert ist, etwas was die Schule einem ja nicht beibringt. Ich habe meinen Vater immer wieder fluchen hören, wenn es um die Steuererklärung ging. Ich habe dann auch mal einen Blick drauf geworfen. Sah schon ein bisschen kompliziert aus, aber irgendwie wollte ich das dann auch verstehen.“ erklärte ich nervös. Die Geschichte war zwar nicht gelogen, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass ich mich um Kopf und Kragen reden würde.
„Was machen ihre Eltern beruflich?“ fragte Herr Braun. Vermutlich eine Zwischenfrage zur Auflockerung.
„Die sind beide Architekten.“ antwortete ich.
„Nicht selbstständig, oder?“ bohrte er nach.
„Nein, beide sind angestellt.“ entgegnete ich.
„Und das ist keine Option für sie? In die Fußstapfen ihrer Eltern treten?“ fragte Herr Braun.
„Ich hab mir mal was über den Beruf erzählen lassen, das klang ziemlich langweilig und sehr zahlen lastig.“ erklärte ich kurz.
„Als Steuerfachangestellte hätten sie auch mit vielen Zahlen zu tun, das müsste doch dann eigentlich auch gegen diesen Beruf sprechen oder nicht?“ konterte er sofort. Ich musste einen Moment überlegen auf was er genau hinaus wollte bis mir auffiel was ich genau gesagt hatte.
„Mit zahlen lastig meinte ich mathematisch komplex. Wenn ich das richtig gesehen habe reichen für die Ausbildung Prozentrechnung und Dreisatz grundlegend aus und es werden nicht irgendwelche komplexen Berechnungen angestellt, bei denen mir schon beim Zuhören schwindelig wird.“ konkretisierte ich meine Aussage. Herr Braun machte sich erneut Notizen.
„Also sind Zahlen nicht ihr Problem sondern eher komplexe mathematische Probleme?“ fragte er nochmals zur Absicherung ob er mich richtig verstanden hatte.
„Ja genau.“ bestätigte ich.
„Hmmm…warum wollen sie nicht studieren? Ich denke ihre Leistungen würden für einige Studiengänge ausreichen.“ warf Herr Braun ein.
„Ich habe genug vom Lernen von allen möglichen Dingen. Ja in der Ausbildung muss ich auch lernen und muss zur Berufsschule, das habe ich schon gelesen, aber ich stelle mir das mehr fachbezogen vor, also man lernt das, was man auch für die Arbeit braucht und nicht alles mögliche was man vielleicht nie wieder braucht. Ein Studium stelle ich mir da noch schlimmer vor als die Schule.“ erwiderte ich sofort.
„Hmmm…warum wollen sie gerade hier anfangen?“ kam sofort die nächste Frage nach ein paar Notizen. Er zog ein wenig das Tempo an. Möglicherweise ein Test um zu prüfen wie ich unter Druck reagiere? Natürlich war es für mich schwer die Frage sinnig zu beantworten. Ich hatte zum einen keinen Vergleich, da das das erste Vorstellungsgespräch war zum anderen gab die Internetseite nicht so viel Informationen her.
„Ganz ehrlich. Es ist vergleichsweise gut erreichbar und sie sind tatsächlich die erste Kanzlei, die sich gemeldet hat.“ gab ich spontan zurück.
„Wie viele Bewerbungen haben sie geschrieben?“ fragte er sofort. Ich überschlug die Anzahl grob.
„Ähm…vielleicht zehn oder fünfzehn? So um den Dreh würde ich sagen.“ überlegte ich laut.
„Dann habe ich jetzt noch eine Frage. Was glauben sie ist ihre Aufgabe als Steuerfachangestellte?“ fragte er. Jetzt konnte ich wieder trumpfen, zumindest dachte ich das.
„Ich glaube es beschränkt sich auf drei Hauptaufgabenbereiche. Finanzbuchhaltung, Lohnbuchhaltung und Steuererklärungen.“ antwortete ich.
„Nehmen sie noch Mandantenbetreuung und Jahresabschlüsse dazu, dann haben sie alle Aufgabenbereiche. Können sie sich unter den Aufgabenbereichen auch vorstellen was dort für Tätigkeiten anfallen?“ bohrte Herr Braun nach.
„Lohnbuchhaltung ist soweit ich weiß das Erstellen von Lohnabrechnungen, Finanzbuchhaltung…ich glaube das hat etwas mit Rechnungen und Buchen zu tun. Ich habe da sowas von Soll und Haben im Kopf, das hat mir mal wer gesagt. Das kenne ich bislang von meinem Bankkonto, also kann ich mir vorstellen, dass es auch etwas damit zu tun hat. Jahresabschlüsse…puh…ist das vielleicht sowas wie eine Steuererklärung, das sagt mir gerade gar nichts. Steuererklärungen, da werden die verschiedenen Steuererklärungen für Mandanten erstellt und Mandantenbetreuung…ich glaube das habe ich gerade eben bei dem älteren Herrn live gesehen, was man darunter verstehen kann.“ versuchte ich die Tätigkeiten irgendwie näher zu beschreiben.
„Die Antwort zur Mandantenbetreuung gefällt mir. Der Rest war auch schon nicht so schlecht.“ entgegnete Herr Braun und machte sich erneut Notizen. Ich atmete ein wenig erleichtert auf, da ich gefühlt das schlimmste hinter mir hatte.
„Gut…dann machen wir jetzt zum Abschluss einen kleinen Test. Wären sie gut und würden sich das dicke grüne Buch aus dem Schrank nehmen.“ forderte er mich auf. Ich drehte mich zu dem Schrank um und suchte das Buch. Ich fand es, aber sitzend war es nicht zu erreichen. Ich stand auf, griff es aus dem Regel, legte es auf den Tisch und setzte mich wieder.
„Das hier?“ fragte ich vorsichtshalber, auch wenn es das einzige dickere grüne Buch in dem Regal war.
„Ja genau das Buch.“ antwortete Herr Braun und schob mir einen Zettel und einen Stift über den Tisch. „Ich habe eine kleine Aufgabe vorbereitet. Ich möchte, dass sie mir den Gewinn berechnen. Als Hilfsmittel können sie das Buch nutzen, ich gebe ihnen den Tipp in den § 4 Absatz 1 des Einkommensteuergesetzes zu schauen. Ich denke fünf bis zehn Minuten sollten ausreichen. Ich würde die Zeit nutzen um mir noch einen Kaffee zu holen, darf es für sie auch noch etwas sein?“ fragte er freundlich.
„Ein Glas Wasser bitte.“ antwortete ich. Herr Braun nickte und stand auf. Als er an der Türe stand, drehte er sich um: „Sie dürfen anfangen.“
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Gewinn ist der Unterschiedsbetrag zwischen dem Betriebsvermögen am Schluss des Wirtschaftsjahres und dem Betriebsvermögen am Schluss des vorangegangenen Wirtschaftsjahres, vermehrt um den Wert der Entnahmen und vermindert um den Wert der Einlagen. Den Satz hatte ich jetzt mehrmals gelesen, aber irgendwie machte er noch nicht wirklich Sinn. Der Gewinn war auf jeden Fall mein Ergebnis das war klar. Einlagen…musste ich abziehen? Was waren überhaupt Einlagen? Und Entnahmen? Wieder hinzurechnen? Ergab das überhaupt Sinn? Ich nahm mir den Zettel von Herrn Braun.
Einlagen 50.000 €
Entnahmen 25.000 €
BV 31.12.01 100.000 €
BV 31.12.02 120.000 €
Mehr Zahlen wies der Zettel nicht aus. Was BV heißen sollte konnte ich mir nicht erklären. Ich blickte erneut ins Gesetz. War BV das Betriebsvermögen? Zumindest würde das Sinn ergeben oder? Der Unterschiedsbetrag? Das eine vom anderen abziehen? Aber was war das Wirtschaftsjahr? Einfach das normale Jahr? Ich versuchte mein Verständnis von dem Text irgendwie anzuwenden.
„Dann müsste das abzüglich dem…ja…ok…und dann…kommt etwas negatives raus…das ergibt keinen Sinn.“ dachte ich laut, während ich meine Rechnung notierte. Hatte ich den Text falsch verstanden? Ich überlegte erneut, wurde aber durch die sich öffnende Türe unterbrochen. Herr Braun war zurück. Er stellte ein Tablett mit einer Kaffeetasse und einem Glas Wasser auf den Tisch und schloss die Türe.
„Sieht so aus als ob sie zu einem Ergebnis gekommen sind.“ meinte er, während er sich wieder hinsetzte und kurz darauf nach der Kaffeetasse griff. Ich nickte und griff nach dem Wasserglas und nahm einen Schluck. Die Aufgabe hatte mich Nerven gekostet und ich hatte das Gefühl, dass mein Hals durch die Nervosität der Sahara gleich kam.
„Ja, aber ich glaube ich habe es nicht richtig verstanden. Mein Ergebnis ist negativ und ein Gewinn sollte doch positiv sein oder?“ antwortete ich unsicher. Herr Braun musste bei meiner Frage Grinsen.
„Also ein Gewinn ist sicherlich positiv, aber der Gewinn, der im Gesetz definiert ist, ist nicht so zu verstehen, dass das Ergebnis zwingend positiv sein muss. Ein negativer Gewinn ist ein Verlust. Wenn sie auf einen Verlust von 5.000 € gekommen sind, was sie sind, wenn ich das richtig erkennen kann, dann ist ihre Berechnung korrekt.“ erklärte er. Wenigstens war meine Berechnung richtig.
„Das ist aber schon ein bisschen verwirrend, wenn man mit einem positiven Ergebnis rechnet und dann ein negatives Ergebnis herauskommt.“ meinte ich.
„Das habe ich bewusst so in der Aufgabe vorgegeben. Das negative Ergebnis verunsichert viele Bewerber und lässt sie mehrmals nachrechnen und nochmals lesen. Manche geben sogar komplett auf. Sie haben anscheinend nur einmal gerechnet, sind zum richtigen Ergebnis gekommen und dachten trotzdem, dass sie falsch liegen und haben mir sogar noch begründet warum sie meinen, dass ihr Ergebnis falsch ist. Das schaffen nicht viele.“ erklärte Herr Braun die Falle in der Aufgabenstellung. Irgendwie hätte ich damit rechnen müssen, dass es in der Aufgabe eine Falle gibt. Mein Vater hatte mich schon dahingehend gebrieft, dass es bei manchen Bewerbungen Einstellungstests geben würde, die alle möglichen Kniffe und Tricks beinhalten würden. Da war das hier eigentlich noch ziemlich human.
„Ähm…danke.“ gab ich unsicher zurück.
„Gerne, ich wäre dann auch von meiner Seite durch, wenn sie keine Fragen mehr haben. Wir haben noch ein paar Vorstellungsgespräche zu führen. Ich würde sagen sie hören in etwa ein bis zwei Wochen von mir ob sie die Stelle haben oder nicht.“ läutete Herr Braun das Ende des Vorstellungsgesprächs ein.
„Gerade habe ich keine Fragen mehr.“ entgegnete ich.
„Dann bringe ich zurück zu Frau Schuster.“kam von Herrn Braun der sich langsam aus seinem Stuhl erhob.
Autor: Timo | Eingesandt via Ticket
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