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Windelfreunde (11)

08/08/2026 0 comments Article Gemischt giaci9
This entry is Teil 11 von 11 in the series Windelfreunde
Windelgeschichten.org präsentiert: Windelfreunde (11)

#11: Prioritäten

Haus der Familie Herbrands.

Dienstag, der 17. Dezember 2012,

kurz nach 6 Uhr morgens

Verschlafen drückte Fenix seinen Kopf tief in das weiche, seidige Kopfkissen. Hatte er da eine Stimme gehört, hatte da jemand was gesagt?

»Na komm, Fussel, langsam wirds echt Zeit«, hörte er und Fenix brauchte einen Moment um zu verstehen, dass sein Vater mit ihm sprach.

Müde öffnete er das linke Auge.

Die Sonne strahlte hell, so hell strahlte sie morgens sonst nie in sein Zimmer!

Fenix Hand tastete nach Links, zu seinem Wecker, doch dort wo sein Nachttisch sein sollte, war immer noch die Matratze. Kurz war er verwirrt, dann fiel ihm ein, wo er grade war und warum er im großen Bett von seinem Vater geschlafen hatte. Und nicht in seinem eigenen Bett.

Und das, was er für die Sonne gehalten hatte, war die LED-Beleuchtung an der Bettkante. Die Sonne würde erst in ein paar Stunden aufgehen, so viel war sicher.

Und diese paar Stunden hätte er auch gerne noch: Hier im großen Bett war es so kuschelig, warm und gemütlich! Fenix seufzte entspannt und schloss seine Augen erneut. Er drehte sich linksherum, vergrub seinen Kopf im Kissen und zog die Decke weiter nach oben.

Sein Vater streichelte ihm behutsam über seinen Kopf: »Ich hoffe, du hast gut geschlafen.«

»Mmmh«, summte der Zehnjährige, ohne die Augen zu öffnen: »Total gut. Ich hoffe, du auch.«

Robert Herbrands musste lachen angesichts der unerwarteten Rückfrage: »Ja, bis auf die kleine Unterbrechung in der Nacht auf jeden Fall. Aber Fussel, jetzt musst du wirklich mal aufstehen«, fügte er an und räusperte sich dann kurz: »Musst du wieder unter die Dusche?«

Fenix sah ihn fragend an, dann dämmerte es ihm. Das vorgetäuschte Bettnässen. Die Underjams, die er heute Nacht angezogen hatte. Die hatte er ja immer noch an.

Kuschelig, dick, wattig-weich … aber staubtrocken.

»Jap«, log Fenix: »Oder Feuchttücher …«, schlug er vor, während er langsam aufstand.

»Wie kommst du denn jetzt darauf? Feuchttücher?«, wunderte sich sein Vater, während er sein Hemd zuknöpfte.

»Jakob nimmt Feuchttücher, wenn er sich wickelt«, antwortete Fenix gähnend.

»Oh«, antwortete sein Vater überrascht: »Klar. Ja, die zu besorgen ist vielleicht eine gute Idee. Aber möglicherweise klappt es ja heute Nacht wieder ohne die Dinger?!«

»Glaub nicht!«, antwortete Fenix angesichts des heiklen Themas erstaunlich unaufgeregt, während er an seinem Vater vorbei ins Bad ging. Dort zog er seine Schlafanzughose bis zu den Knöcheln herunter und setzte sich, in Hochziehwindel, auf die Toilette.

Dann lies er den Inhalt seiner Blase in die Windel laufen.

Die Underjams saugte sich gierig voll.

Ja, natürlich, dass er sich dafür aufs Klo setzte war Quatsch und Jakob würde ihn deswegen aufziehen, wenn er das mitbekäme. Aber er war noch so Müde und heute Morgen musste es schnell gehen, wenn er nicht schon wieder den Bus verpassen wollte. Da hatte er keine Zeit, in Ruhe im Bett in seine Nachtwindel zu pullern. Das würde viel zu lange dauern, bis sein Pipi anfangen würde zu laufen.

Außerdem war nur wichtig, dass die Windel tatsächlich nass war, bevor sie im Badmülleimer landete, damit sein Vater beim ausleeren nicht bemerken würde, dass er ihn angelogen hatte.

Aber was hätte er sonst sagen sollen? Er wollte unbedingt wieder Windeln tragen. Wenn er jetzt zugab, dass die Windel, die er heute Nacht zur Sicherheit angezogen hatte, trocken geblieben war, dann klang das doch so, als würde er sie gar nicht wirklich brauchen!

Auch wenn Fenix die sich zwischen seinen Beinen ausbreitende Wärme liebte, wartete er kaum mehr als ein paar Sekunden, nachdem er fertiggepinkelt hatte, sondern zog seine Hochziehwindel sofort aus und warf sie in den kleinen Hygienemülleimer, der sonst hauptsächlich für die Rasierklingen von Nick und seinem Vater verwendet wurde.

Auch wenn das Duschen länger dauerte, als sich mit den Pampers-Feuchttüchern von Jakob sauberzuwischen, kam Fenix in Rekordzeit wieder aus dem Bad heraus. Schließlich wollte er heute nicht schon wieder den Bus verpassen. Auch wenn er es mochte von seinem Vater zur Schule gefahren zu werden, in der bequemen, großen Limousine. Und vor allem, dass sein Vater dabei so gelassen war und aufmerksam gegenüber ihm, obwohl er deshalb selbst zu spät zur Arbeit kommen würde. Er hatte sogar noch gewartet, bis Fenix auf den Schulhof gelaufen war und hatte ihm damit das Gefühl gegeben, der wichtigste Junge auf der ganzen Welt zu sein. Zumindest für ihn.

Und dieses Gefühl war sogar noch toller als das Gefühl, in eine Windel zu pullern.

Doch Fenix konnte es nicht erwarten, Jakob von seiner Nachtwindel zu erzählen! Und wenn er das seinem Freund nicht an der Bushaltestelle zuflüstern konnte, dann müsste er damit vermutlich bis heute Nachmittag warten und das war definitiv zu lange, das würde er kaum aushalten!

In seinem Zimmer zog er sich schnell die oberste Unterhose vom Stapel an, darüber eine weiße Strumpfhose und dann eine orange Cordhose, die er nicht besonders mochte. Aber seine Lieblingshose hatte er ja gestern nassgepinkelt. Vom Boden neben seinem Schreibtischstuhl hob er einen roten Kaputzenhoodie im Skateboard-Design auf und war innerhalb von nichtmal einer Minute angezogen.

Vor dem großen Spiegel seines Kleiderschrankes hob er seinen Pulli leicht an, sodass darunter der weiße Rand seiner Strumpfhose sichtbar wurde.

Wenn man nicht genau hinsah, sah das aus wie eine Windel und das gefiel ihm sehr. Ob Jakob in diesem Moment wohl noch seine Nachtpampi anhatte, oder schon von seiner tollen Schwester gewickelt worden war? Die Pampersbündchen, die so oft verräterisch aus dessen Hosen herausschauten, sahen nicht so viel anders aus wie Fenix weißer Strumpfhosenrand in diesem Moment, auch wenn sie weiter nach oben abstanden und nicht so eng anlagen.

Oh, was würde er dafür geben, jetzt auch eine Windel anzuhaben wie sein Freund.

Stattdessen lief er die Treppe hinunter und setzte sich an den Tisch, an dem sein Papa bereits das Frühstück gedeckt hatte. Nick fehlte noch, aber das war leider meistens so.

Knopphof, Ortsrand Kleinfeldern.

Samstag, der 19. August 2023,

kurz nach 12

In dem Trubel, was beim Aufräumen auf dem Knopphof herrschte, hatte Jakob seine Windel schneller vergessen, als ihm eigentlich leib war. Es war fast so, als wäre die Kombination aus diesem Ort und der Windel auf eine gewisse Art und Weise eine Selbstverständlichkeit. Vor nicht allzu langer Zeit erst war ihm bewusst geworden, dass seine ganze Liebe zu Windeln eigentlich hier ihren Ursprung gehabt hatte. Als er Zehn Jahre alt war, an Halloween 2012, als er sein Kostüm nicht richtig aufbekommen hatte, seine Mutter keine Zeit oder Lust gehabt hatte ihm zu helfen und er stattdessen in seine Drynites hatte pinkeln müssen. Ab diesem Abend hatte er die nächsten drei Jahre durchgehend Windeln getragen und hatte fast jeden Tag davon genossen.

Und heute war er wie früher gewickelt, in derselben Windelmarke wie damals, und keiner außer Fenix vermutete irgendetwas. Es war ein fantastischer Tag und Jakob war seinem Freund mehr als dankbar dafür, dass er ihn zum erneuten Windeltragen überredet hatte.

Auch wenn sie zu viert hektisch herumräumten, gab es eigentlich nicht wirklich viel von Maximilians zwanzigstem Geburtstag aufzuräumen. Die Bierbänke und Gartenstühle, die sie runter zur Feuerstelle getragen hatten, waren schnell wieder oben in der großen Scheune verstaut, sodass bald nur noch der kleine Kühlschrank voller Grillsaucen, der Müllsack und die – nun größtenteils leeren und daher schön leichten – Getränkekisten übrigblieben.

Und auch das war schnell erledigt: »Weißt du noch, wo der Vorratskeller ist?«, fragte Max Jakob, der sich zusammen mit Fenix die letzten beiden vollen Getränkekisten nahm.

Jakob nickte und leitete Fenix den Weg. Den schmalen Pfad vom Waldrand hoch zur Scheune, über den Innenhof und ins Haupthaus hinein. Als Jakob dort in den ersten Stock ging, wunderte Fenix sich, hatte Maxi doch vom Vorratskeller gesprochen, doch nachdem sie im ersten Stock links abgebogen waren, führte Jakob seinen Freund durch die Küche, in der grade Maxis großer Bruder Ludwig die Saucen wieder einsortierte und anschließend über die Terrasse wieder nach draußen.

Dort wiederrum, in der Nähe des Gewächshauses, war eine ebenerdige Treppe, die gradewegs nach unten in den Vorratsraum führte.

»Wow, was für eine Odysee. Haben die keinen richtigen Keller in dem Schuppen?«, witzelte Fenix, auch wenn er offenkundig deutlich weniger mit dem Gewicht seiner Bierkiste zu kämpfen hatte wie Jakob.

»Doch, klar. Aber in den Vorratsraum kommt man nur von außen, war schon immer so«, antwortete Jakob, der den weitläufigen Hof von klein auf kannte.

»Und wo führt dann die Tür da hin?«, fragte Fenix, kaum war er die Kellertreppe hinter Jakob hinabgestiegen und deutete auf die andere Seite der Wand. Doch Jakob antwortete nicht und Fenix war sofort klar, warum. Sein Freund war in die Hocke gegangen, um die Kiste vor der Wand abzustellen und verharrte eingefroren in ebenjener Position. Keine Frage: Jakob machte sich in die Hose.

Sogar sein Shirt war leicht nach oben gerutscht, sodass die grellweißen Windelbündchen unter seiner schwarzen Outdoorshorts hervorragten. Seine schwarzen Haare waren leicht strubbelig und unordentlich, obwohl er nach dem duschen eigentlich die Gelegenheit gehabt hätte, seine Frisur zu richten. Es war fast alles genau wie vor zehn Jahren und Fenix hätte seinen Freund in diesem Moment am liebsten umarmt.

Natürlich traute er sich das nicht. Stattdessen wollte er grade einen schnippischen Kommentar abgeben, da kam ihm jemand zuvor!

»Jaja, Jakob, der kleine Hosenscheißer!«

Der Angesprochene wirbelte wie von der Tarantel gestochen herum und selbst Fenix fiel vor Schreck das Herz in die Hose.

»Du brauchst gar nicht so zu gucken! Ich wusste schon immer, dass du dich nie ändern würdest!«, schimpfte der alte Mann.

Herbert Knopp. Der ehemalige Bürgermeister von Kleinfeldern, bevor er ausgerechnet von einem windeltragenden Elfjährigen und dessen opportunistischer Mutter gestürzt worden war.

»Ich … ich …«, stotterte Jakob und hatte plötzlich so viel Angst, dass der jäh unterbrochene Pipistrahl in seiner Windel wieder von selbst loslief.

»Immer noch machst du in die Windeln!«, lachte der Greis, doch wurde jäh von seinem Enkel unterbrochen, der plötzlich nach seiner Schulter griff: »Quatsch, Opa. Du bist der Einzige, der heute Windeln braucht!«, raunte Ludwig unverhalten.

Doch dieser spitzfindige Kommentar brachte Herbert nur noch mehr in Fahrt: »Ich glaub es wohl! Ich bin doch noch nicht plem plem! Wie du mit mir redest?! Wie ihr alle mit mir redet?! Was dieser Junge uns angetan hat?! Und seine Mutter erst! Nichtmal Bürgermeisterin ist sie noch! Sie hat den ganzen Ort verraten! Und dieser Junge, Jakob, dieser Windelscheißer, der ist Schuld! Und Aylin! Aylin, diese verdammte Hure von Frau, ohne sie wäre nie … hätte nie … muss ich nicht … nein, ich will nicht … ich will nicht … ich will nicht! Bitte nicht!«

Dann fing er an zu weinen und riss sich dabei an den zerzausten, schneeweißen Haaren.

Ludwig nahm seinen Großvater in den Arm und führte ihn langsam vom Treppenabsatz weg: »Sorry Jakob. Er ist etwas komisch geworden in den letzten Jahren. Er bringt manchmal Personen durcheinander und weiß nicht, in welchem Jahr wir sind …«

»Hey, ist nix passiert …«, beschwichtigte Fenix ihn derweil und legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter. Jakob war wie erstarrt.

Aylin.

Plötzlich, nach mehr als einer Woche, endlich, lockerte sich das Dickicht seines Gedächtnisses.

»Lass uns hier schnell fertig werden«, sagte Jakob seinem Freund ungewöhnlich ernst: »Wir müssen gleich noch in die alte Kegelbahn einbrechen.«

Bei Jakob Zuhause.

Dienstag, der 17. Dezember 2012,

Halb vier am Nachmittag

Die Jugendlichen von TKKG jagten auf ihren Fahrrädern grade eine Verbrecherbande und damit war die Hörspielkassette, die Jakob eingelegt hatte, so spannend, dass die beiden Jungen dabei fast vergaßen, weiter mit Lego zu bauen. Nach der Schule war Fenix einfach mit zu Jakob nach Hause gegangen und hatte dort zu Mittag gegessen. Da Jakobs Mama sie nicht nach etwaigen Hausaufgaben gefragt hatte, so wie das Fenix Vater sonst immer machte, waren sie nach dem Essen schnurstracks in Jakobs Zimmer gelaufen um zu spielen.

Wobei Jakob direkt unterbrochen werden musste, weil seine Mama ihn zum Windelwechsel verdonnerte. Was Fenix verstehen konnte, denn sein Freund hatte wieder einen richtig dicken Pamperspo gehabt, seine Windel musste total voll gewesen sein.

Nur Jakob selbst hatte das etwas anders gesehen, hatte mit den Augen gerollt und hörbar genervt »jaja«, geantwortet, woraufhin seine Mutter wütend geworden war.

»Meister, wenn du dir wieder die ganze Hose vollpinkeln willst so wie gestern, auch noch vor deinem Freund, ja dann mach so weiter!«, hatte seine Mama von unten hochgeschrien, woraufhin Jakob rot angelaufen war und kleinlaut »Okaay« geantwortet hatte, bevor er eine frische Pampers aus seiner Schublade genommen hatte und zum Windelwechsel aus seinem Zimmer gelaufen war. Fenix hätte gerne gewusst, wovon Jakobs Mutter sprach, aber sein Freund tat ihm leid und deshalb fragte er lieber nicht genauer nach.

Als er zurückgekommen war, hatte er untenrum über der frischen, kaum auftragenden Windel nur noch eine grüngeringelte Strumpfhose an und als Fenix das sah, fand er sofort, dass das eine sehr gute Idee war.

»Oh, ja, mir ist auch zu warm so«, erklärte er, als er seine Hose auszog und zu seinem Schulranzen in die Ecke warf.

Jetzt, eine halbe Stunde später lehnte er sich mit seinen Armen auf die Legokiste und sah herab auf die weiße Strumpfhose. Zwischen seinen Beine bildete ein einzelner Tropfen einen kaum merklichen nassen Fleck. Im nächsten Moment entstand der zweite kleine Fleck, direkt daneben aber doch getrennt. Dann, als der Strahl immer mehr durchsickerte, bildete sich schnell ein großer Kreis. Seine Unterhose wurde wunderbar warm, auch wenn sein Pipi im nächsten Moment schon an seinen Beinen runterlief. Seine Füße wurden nass und die Feuchtigkeit kroch über seine Oberschenkel. In alle nur erdenklichen Richtungen breitete sie sich aus.

»Soll ich Bescheid sagen?«, fragte Jakob ganz sachlich. Der Elfjährige hatte sein Lego beiseitegelegt und zugesehen, wie Fenix sich in die Hose gepinkelt hatte.

Der Zehnjährige nickte wortlos, doch erkennbar aufgeregt. Genau so hatten sie es abgemacht.

Im geben Licht der Esstischlampe beugte Eva sich über aufgeschlagene Leitzordner, die sie auf der dünnen Plastiktischdecke ausgebreitet hatte, kaum war das Essen fertig gewesen. Draußen dämmerte es bereits, bald würde die Sonne, die es an diesem Tag kaum geschafft hatte, durch die Wolkendecke durchzudringen, wieder untergehen.

Roberts Tipp zu den Gemeindefinanzen war Gold wert gewesen. Auch wenn sie nur die Hälfte verstand, angesichts der vielen Abkürzungen und abstrakten Begriffe, die den Haushaltsplan der Gemeinde Kleinfeldern so unübersichtlich machten. Vielleicht sollte sie Robert nachher einmal anrufen, sicherlich könnte er ihr …

Da hörte sie ein leises Rascheln aus dem Flur und im nächsten Moment stand ihr jüngster Sohn vor ihr. Nervös verschränkte der Junge die Beine, zuppelte am Saum seines Pullovers herum und nuschelte: »Fenix hat in die Hose gemacht!«

Eva seufzte: »Das kann nicht euer Ernst sein …«

Sie schlug die Seite um: »Geh doch zu deiner Schwester …«, winkte sie ab.

»Die ist nicht da«, antwortete der Elfjährige zögerlich.

»Hm. Na guut«, seufzte Eva, und folgte ihrem Sohn nach oben. Unterwegs ordnete sie ihre Gedanken und fragte sich, warum Roberts Sohn plötzlich in die Hose machte, immerhin war er dafür definitiv zu alt. Auch wenn sie das schlecht sagen konnte, sollte ihr eigener Sohn doch selbst schon längst trocken sein und war es so gar nicht: Ihr fiel auf, wie Jakob beim gehen die linke Hand in den Schritt presste. Das passte auch dazu, wie er am Küchentisch die Beine überkreuzt hatte. Nach Jahren leidvoller Sauberkeitserziehungsfehlschläge kannte sie die kläglichen Einhalteversuche des Jungen zur Genüge.

Sie machte den Mund auf und wollte ihn, jahrelanger Gewohnheit folgend, barsch zur Toilette schicken. Doch dann schimmerte seine weiße Windel unter der Strumpfhose hindurch und ihr wurde wieder bewusst, dass Jakob schon seit mehr als einem Monat nicht mehr auf Toilette ging wenn er pinkeln musste.

Natürlich, sie könnte ihn drauf aufmerksam machen, dass er pinkeln musste und ihm vorschlagen, doch einfach aufs Klo zu gehen. Das wäre wirklich gut, wenn er es zur Abwechslung mal wieder rechtzeitig auf Toilette schaffen würde, vielleicht würde ihn das motivieren und er würde sich endlich wieder anstrengen.

Aber vielleicht würde Jakob ihren Rat auch einfach ignorieren. Nö sagen, oder Weiß nich nuscheln, ganz genau wissend, dass es dank der Pampers für ihn egal war, ob er sich einpullerte oder nicht.

Wenn sie ehrlich war, wäre das sogar wesentlich wahrscheinlicher.

Und diesen Triumph wollte Eva ihrem Sohn wirklich nicht gönnen, dann sagte sie lieber nichts.

In Jakobs Zimmer saß Roberts Sohn Fenix betreten im Schneidersitz auf dem Boden. »Tschuldigung, tut mir leid«, murmelte er nur, und auch wenn Eva sich dabei so einiges Dachte, sagte sie lieber nichts. Immerhin kam von Fenix selbst der Vorschlag, dass er ja die Hose anziehen konnte, die er bis eben über seiner Strumpfhose getragen hatte.

»Nur meine Unterhose ist halt nass …«, stellte Fenix fest und da schaltete sich Jakob ein: »Mama? Soll Fenix eine von meinen alten Pipihosen anziehen, zur Sicherheit?«

Pipihosen, so nannten sie Jakobs Hochziehwindeln, die in seiner Kommode verstaubten, seit er rund um die Uhr Pampers trug.

Eva schnaubte verächtlich: »Jakob! Hör doch auf mit so einem Quatsch. Fenix ist kein Kleinkind so wie du! Der braucht doch keine Windeln mehr!«

»Aber …«, setzte Jakob an, doch dann verging ihm der Mut zur Widerrede. Mit der linken Hand quetschte er seine Pampers zusammen, jeden Moment würde er sich in die Hose machen. Eva schüttelte bei dem Gedanken daran den Kopf: »Gib ihm eine der Unterhosen, die du sonst für die Schule über deine Pampers ziehst.«

Auch wenn er das offenkundig nicht mehr machte, wie Eva auffiel, kaum hatte sie die Worte ausgesprochen. Unter Jakobs Strumpfhose schimmerte der bunte Aufdruck der Pampers hindurch und keine kümmerliche Unterhose, die wie aufgeblasen über einer dicken Windel spannte. Egal. Sie schickte Fenix zum Umziehen ins Badezimmer, gab ihm eine Packung von Jakobs Feuchttüchern mit, schlug ihm vor, sich schnell mit der Duschbrause sauber zu machen und hatte Jakob die Aufgabe gegeben, den Fleck auf dem Boden wegzuwischen. Zusammen mit ihm ging sie wieder nach unten, wobei Jakob in den Keller weiterlief, um Eimer und Putzlappen zu holen, während sie sich wieder an ihren Schreibtisch setzte. Als das Knarzen der alten Kellertreppe plötzlich abrupt verstummte und erst viele Sekunden später wieder begann wusste Eva genau, dass Jakob sich nun auch in die Hose gemacht hatte. Es war zum Heulen!

ehemaliger Gasthof Raabe, Kleinfeldern.

Samstag, der 19. August 2023,

kurz nach 13 Uhr

Als Jakob sich an der bröckeligen Mauer hochzog, schaute der Rand seiner Windel abermals über dem Hosenbund hervor. Doch auch Fenix Gedanken waren in diesem Moment woanders, auch wenn es durchaus beeindruckend war, wie sein schmächtiger Freund die Backsteinmauer erklomm.

»Jakob, das ist Hausfriedensbruch, besonders wir Beide sollten das wirklich nicht machen!«, wandte er ein. Doch da rollte sich Jakob von der Mauer auf die andere Seite ab und verschwand aus seinem Blickfeld.

»Psst«, ermahnte er seinen Freund: »Ich glaub ich rieche hier etwas!«

»Was? Was denn?«

»Gas …«, zischte Jakob: »Oder so. Gefahr-im-Verzug-Geruch. Du weißt schon. SOG Hamburg, Paragraph Keine-Ahnung …«

»Paragraph 16«, seufzte Fenix: »Du weiß, dass das so nicht funktioniert …«

»Klar. Aber jetzt komm. Frau Raabe wird uns schon nicht anzeigen«, überzeugte Jakob seinen Freund. Paragraph 16a SOG war eines der wenigen Gesetze, welche Fenix nach Schlüsselnummer bekannt waren. Es setzte den Richtervorbehalt, der Hausdurchsuchungen nur auf richterlichen Beschluss hin erlaubte, außer Kraft, beispielsweise bei Gefahr im Verzug. Aber das galt natürlich nur bei echter Gefahr, nur im Dienst und definitiv nicht für windeltragende Studis.

»Warum genau fragen wir sie dann nicht einfach?«, fragte Fenix seinen Freund kopfschüttelnd, als auch er über die Mauer in den verwilderten Hinterhof hinter dem ehemaligen Gasthof geklettert war.

»Ich glaub das Restaurant gehört nicht mehr ihr, sondern der Bank jetzt. Verstehst du?«

Halb verstand Fenix seinen Freund, halb war er sich nicht sicher, ob sich Jakob da grade nicht in etwas hineinsteigerte. Nachdem Wutanfall des greisen Herrn Knopp war er wie ausgewechselt gewesen. Was Fenix bestens hatte verstehen können, wusste er doch, in welchem Umfeld Jakob aufgewachsen war und auch, dass er schon immer Angst vor Maximilians Opa gehabt hatte. Doch kaum waren sie mit dem Aufräumen fertig gewesen, hatte Jakob ihn zur Seite genommen und in knappen Worten von der Fallakte, die er im Archiv der Staatsanwaltschaft studiert hatte erzählt. Und dann davon, weswegen sie in das alte Restaurant der Raabes einbrechen mussten.

Wobei es rechtlich gesehen kaum ein Einbruch war, abgesehen davon, dass sie eine ein Meter achtzig hohe Mauer überstiegen hatten, denn die Hintertüre, welche vom Hof in dem Verbindungsgang zwischen Gastraum und Kegelbahn mündete, war lediglich angelehnt. Innendrin war es dunkel und modrig, aus der offenen Türe zu den WC-Anlagen roch es nach Kanalisation. Lebhaft erinnerte sich Fenix daran, wie er sich vor mehr als zehn Jahren in einer der damals schon muffigen Kabinen eingeschlossen hatte um dort, unbemerkt von den anderen Kindern, in eine von Jakob geborgte Windel zu pinkeln. Seitdem schien hier nicht mehr renoviert worden zu sein, die Coronajahre hatten dem Gasthof dann den Rest gegeben.

Im Gastraum lagen die Stühle lose verstreut und teils zerbrochen auf dem Boden und Fenix fragte sich, ob sie nicht die ersten waren, die den nach vorne mit Spanplatten verbarrikadierten Gasthof unerlaubt erkundeten. Im Dämmerlicht griff Fenix an seinen Gürtel um die Taschenlampe zu ziehen – es wurde langsam zu dunkel, um den von zurückgelassenen Hausrat gesäumten Boden gefahrlos zu durchschreiten – doch da war keine Taschenlampe, nicht mal ein Gürtel. Er war ja auch nicht im Dienst.

Stattdessen nahm er sein Handy aus der Hose und schaltete die Taschenlampenfunktion ein.

»Danke«, flüsterte Jakob und schlängelte sich an einer lose herumstehenden Spüle vorbei hinter den Tresen. »Mist«, murmelte er, und legte eine Hand auf die in das Holz eingelassene Fläche, auf der früher die Kasse gestanden hatte. Natürlich war sie weg.

Jakob bückte sich, zog die Schubladen unterhalb des Kassenplatzes auf und abermals blitzte dabei der weiße Rand seiner Windel hervor. Fenix fragte sich, ob Jakob überhaupt noch daran dachte, dass er gewickelt war, oder ob sich das für ihn nach all den Jahren immer noch so gewohnt anfühlte wie früher.

»Hier!!!!«, rief Jakob euphorisch und hielt ihm ein Foto vor die Nase, an welches sich Fenix sofort wieder erinnerte. Nicht, weil das Foto so außergewöhnlich gewesen war, sondern vor allem, weil Bennis Mutter so merkwürdig reagiert hatte, als sie es ihr gezeigt hatten. Es zeigte Maximilians Vater in jungen Jahren, etwa so alt wie jetzt sein jüngster Sohn war. Er hatte den Arm um die Schultern einer jungen, südländischen Frau gelegt und – das war ihnen schon als Kinder aufgefallen – die beiden saßen in einem roten Porsche Cabrio. Ein alter Boxer, wie Fenix heute wusste.

Jakob drehte das Bild um: »Oh mein Gott! Hier, schau mal! Das Foto ist vom dritten November 1999, in der Woche bevor Aylin verschwunden ist!«

Fenix schüttelte mit dem Kopf: »Nee. Hatten wir auch schon mal. Das Datum, das hinten auf so alte Fotos gedruckt ist, ist der Tag an dem sie entwickelt worden sind, nicht das Aufnahmedatum …«

»Hm«, grummelte Jakob: »Aber das ist Aylin, ganz sicher! Und schau, sie hat Alfred doch gekannt, gut gekannt … guck doch mal! Aber er wurde nicht vernommen, sein Name steht nicht mal in der Akte!«, insistierte Jakob: »Außerdem: Das war doch damals total strange, wie Frau Raabe reagiert hat, als wir ihr das Foto gezeigt haben. Und der alte Knopp heute doch auch! Die wissen doch etwas!«

Jakob schien Feuer und Flamme für einen Kriminalfall, den nur er sehen konnte. Er war aufgeregt, seine Stimme war plötzlich höher und seine Worte überschlugen sich fast. Fenix hatte das Bedürfnis, seinen Freund beruhigen zu wollen.

Er räusperte sich, legte eine Hand auf seine Schulter und redete mit ruhiger Stimme auf Jakob ein: »Okay. Zeig mir die Akte bei nächster Gelegenheit. Vielleicht ist das ja nur ein Zufall und sie sehen sich ähnlich. Aber lass uns erstmal von hier verschwinden. Wir sind keine kleinen Jungs mehr und … es geht doch auch um nen Vermisstenfall, nicht um ne Teenagerin, die Farbbeutel auf ne Fassade geworfen hat …«

Jakob kniff die Augen zusammen, verschränkte die Arme und sah plötzlich wieder aus wie der kleine Junge, der es hasste, wenn man ihn nicht ernstnahm. Doch dann weiteten sich seine Augen: »Oh mein Gott! Ich hab dir nie erzählt, was damals WIRKLICH war mit den Farbbomben, mit dem Anrufbeantworter und mit Alfred Knopp, oder?«

Bei Jakob Zuhause.

Dienstag, der 17. Dezember 2012,

kurz vor 6 Uhr Abends

Als Fenix sich das nächste Mal traute, hing Jakobs Pampers schon schwer in seiner Strumpfhose. Vier Mal hatte er in seine Windel gestrullert: Als er in der Waschküche den Putzheimer holen wollte, hatte er plötzlich so dolle pieseln gemusst, dass er auf der Kellertreppe stehengeblieben war, weil es zwischen seinen Beinen plötzlich warm wurde. Dann später beim Spielen noch zweimal und jetzt, bei den Hausaufgaben noch einmal richtig viel, was bestimmt auch daran lag, dass Robin ihnen einen leckeren Kakao zubereitet hatte. Als Entschädigung dafür, dass sie die beiden Fünftklässler zum Hausaufgabenmachen verdonnert hatte, kaum war sie vor einer halben Stunde nach Hause gekommen.

Da der Küchentisch durch Jakobs Mutter blockiert war und sein Schreibtisch zu klein war, um zu zweit daran zu arbeiten, lagen die beiden Jungen bäuchlings inmitten seines Kinderzimmerchaos und hatten ihre Arbeitshefte aufgeschlagen. Als Jakobs Gedanken abdrifteten und er das Pochen seiner Blase spürte, wechselte er kurzerhand in die Hocke. Seine Windel war definitiv zu nass als das er gefahrlos auf dem Bauch liegend hineinstrullern könnte.

Auch Fenix ließ sich sofort ablenken: »Machst du wieder?«

Jakob nickte stumm, während er seine aufgequollene Pampers Unterwasser setzte.

»Ich muss jetzt auch dolle«, sagte er und wechselte, genau wie Jakob, ebenfalls in die Hocke: »Soll ich?«

Jakob nickte, während sein Pipistrahl versiegte und der heiße Urin durch die volle Windel schwappte, suchend nach einem Flecken, an dem es aufgesaugt werden würde.

»Äh, und das ist okay, wenn ich in die Unterhose, die du mir ausgeliehen hast, puller?«, vergewisserte Fenix sich verlegen.

Bei dieser Frage musste Jakob lachen: »Klar. Ist mir doch egal. Wenn meine Pampi überläuft und ich hab die Unterhose drüber, dann ist das doch nichts anderes.«

Außerdem freute er sich total darauf, dass Fenix ein weiteres Mal in die einpullern würde. Weil es immer total toll war, wenn sich sein bester Freund in die Hose pinkelte, egal ob Fenix dabei eine Pampers trug wie am Wochenende, ob er in seine Hosen pinkelte wie heute, oder ihm davon erzählte, wie er jetzt wieder ins Bett machte. Endlich war er nicht mehr der einzige Junge, der noch in die Hose machte und endlich hatte er jemanden, der Verstand, wie toll einpullern überhaupt war!

Und, was noch dazukam, damit würden sie seiner Mama zeigen, wie unrecht sie hatte!

Fenix ist kein Kleinkind so wie du, der braucht keine Windel mehr!, hatte seine Mama geschimpft. Klar, jetzt hatte er die Pampi voll wie ein Dreijähriger, das stimmte schon. Trotzdem hasste er die Worte seiner Mutter, denn in ihnen steckte keinerlei Zuneigung oder Sympathie sondern nur Gemeinheit.

Also freute sich Jakob darauf, dass Fenix genau so ein Kleinkind sein würde wie er.

»Aber puller nicht alles raus, sondern nur so, dass deine Hose echt nass ist, aber der Boden nicht so!«, bat Jakob seinen Freund.

»Wie lange soll ich?«

Jakob überlegte: »Hm. Zehn Sekunden!«

Eins.

Nichts. Jakob stellte sich vor, wie es zwischen Fenix Beinen warm wurde, das Gefühl kannte er ja zur Genüge.

Zwei.

Auf seiner orangenen Cordhose bildete sich unterhalb des Reisverschlusses ein dunkler Fleck von der Größe einer Aprikose.

Drei.

Der Fleck wuchs rasant, viel schneller als die Jungen gedacht hatten. Auch wenn sie es kaum sahen, denn vor allem breitete sich die Nässe über Fenix Po nach hinten aus.

Vier.

Fenix ganzer Po war nass.

Fünf.

Ein zweiter Fleck bildete sich an seinem linken Oberschenkel und bereitete sich rasant zu Fenix Knie aus.

Sechs.

»Stopp Stopp Stopp, das reicht schon!«, rief Jakob aufgeregt.

Sieben.

Pipi tropfte von Fenix Hintern herab und landete teilweise auf den Holzdielen, größtenteils aber auf dessen Socken.

Acht.

Das Rinnsal, was von seinem Oberschenkel zum Knie runterlief wurde zu einem reißenden Strom, der durch sein Hosenbein floss.

Neun.

Die ersten Pipitropfen flossen an Fenix linkem Hosenbein auf den Boden und vermischten sich mit dem See, der von seinem Po heruntertropfte.

Zehn.

Den Vorsatz, den Boden nicht nass zu machen, hatte Fenix nicht umsetzen können.

Autor: giaci9 | Eingesandt via Ticket

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