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Die Katastrophe (4)

20/09/2026 0 comments Article Gemischt Apfelmus13
This entry is Teil 3 von 3 in the series Die Katastrophe
Windelgeschichten.org präsentiert: Die Katastrophe (4)

Das Abenteuer – Kapitel 4

Femke räkelte sich behaglich im Bett. Die durch das Fenster fallenden, hellen Sonnenstrahlen hatten sie geweckt. Sie brachte einen Moment um sich zu orientieren und sich daran zu erinnern wo sie lang. Sie war zusammen mit ihrer Mama im Urlaub! Die bald Achtjährige öffnete die Augen jetzt ganz. Sie lag quer im Bett mehr auf der Betthälfte ihrer Mama als auf ihrer eigenen. Aufgeregt krabbelte sie unter der Decke hervor und zum Kopf ihrer Mutter.

Sie waren in den Alpen! Wenn sie sich ein bisschen nach oben reckte konnte die Siebenjährige durch das Fenster die Berge erahnen. Sie war kein bisschen Müde mehr. Im Gegensatz zu ihrer Mutter. Die sah aus, als wolle sie am liebsten nicht gestört werden. Als Femke sich ihr näherte drehte sie nur unwirsch den Kopf weg. Die Grundschülerin blickte sich um. Auf dem Nachttisch neben ihr saß ihre Puppe Annabelle. Sie durfte gestern nicht mit ins Bett. Für drei Personen war einfach nicht genug Platz. Den Namen „Annabelle“ hatte sie von Mias großem Bruder bekommen. Als sie bei ihrer Freundin spielten und ihnen auffiel, dass ihre Puppen gar keine richtigen Namen hatten, rief dieser seine Vorschläge in die aufgekommene Diskussion rein. Die Puppe seiner Schwester wollte er „Chucky“ nennen. Mia fand den Namen aber blöd.

Femke hatte keine Lust mehr, hier im Bett rumzusitzen. Vorsichtig rutschte sie von der Kante, nicht ohne vorher die Decke über ihrer Mutter glattgestrichen zu haben. Mama sollte schön warm haben. In ihrem hellen Schlafanzug taperte sie leise durchs Zimmer. Das Parkett bremste etwas unter ihren nackten Füßen. Es war still in der Wohnung. Durch die Fenster fiel von allen Seiten heller Sonnenschein und schien sie in die neue Welt draußen locken zu wollen. Die Siebenjährige ließ sich auf einen der Stühle vor dem kleinen Esstisch fallen. Wie konnte ihre Mama nur so lange schlafen? Als sie auf dem Stuhl hin und her rutschte, fühlte sie die Windel, die sie immer noch unter der Schlafanzughose trug. Ob sie in der Nacht nass geworden war, konnte Femke nicht sicher sagen. Mit den Beinen schaukelnd betrachtete sie ihre Umgebung. Es roch ganz leicht nach frischem Holz. Zuhause war Mama immer vor ihr wach. Wenn Schule war, stand sie morgens an ihrem Bett und weckte sie. An anderen Tagen hörte sie ihre ihre Mutter unten schon in der Küche rumoren, wenn sie wach wurde.

Die Ferienwohnung war gemütlich. Femke sprang auf und lieft die paar Schritte zu der kleinen Sitzecke vor dem Fernseher. Hier hatte sie gestern Spielzeug entdeckt. Ob es zur Ausstattung der Ferienwohnung gehörte oder von jemand anderem dagelassen wurde, wussten sie nicht. Femke fand Gefallen daran alle Schranktüren und Schubladen aufzumachen um nach Schätzen zu suchen. Viel neues fand sie allerdings nicht mehr. Die meisten Fächer waren einfach leer.

Irgendwann merkte die Grundschülerin, das sie mal auf die Toilette musste. Immer noch im kuscheligen Schlafanzug könnte sie natürlich einfach in die Windel machen. Aber irgendwie wollte Femke das nicht. Sie fühlte sich hellwach und die gestrigen Erlebnisse waren noch zu frisch in ihrer Erinnerung. Femke kletterte aufs Sofa. Von Mama war immer noch nichts zu sehen. Wie konnte man nur am ersten Urlaubstag so lange schlafen? Wenn Femke Zuhause geweckt wurde, nahm ihre Mutter ihr dabei meistens auch immer schon die Windel ab. Das gehörte einfach zu ihrem morgendliche Ritual. Sie selber musste da wenig machen und mochte das auch ganz gerne so. Nur ungern zog Femke sich die Windel selber aus. Können tat die bald Achtjährige das aber natürlich auch schon, wenn es nicht anders ging. Sie wusste wo Zuhause im Bad die Handschuh-Waschlappen lagen, mit denen sie sich abtrocknen konnte. Die Windel ließ sie dann einfach auf dem Boden liegen, bis ihre Mutter sie wegräumte. Aber hier in der Ferienwohnung wollte Femke doch lieber warten, bis ihre Mutter aufwachte. So dringend musste sie nun auch noch nicht.

Um sich abzulenken beschloss Femke eins ihrer Bücher zu holen. Leise schlich sie zurück ins Schlafzimmer zu ihren ausgepackten Sachen und griff sich wahllos eins der Bücher. Die, die sie mitgebracht hatte, kannte sie alle noch nicht. Von den magischen Baumhaus Büchern hatte sie Zuhause mittlerweile schon eine kleine Sammlung. Die Bände in denen Anne und Phillip noch nicht so genau wissen, was es mit dem Baumhaus auf sich hat, und auf eigene Faust reisen können, mochte sie am liebsten. Wenn sie aber in einem öffentlichen Bücherschrank einen Teil fand, den sie noch nicht kannte, nahm Femke ihn trotzdem mit. Eine Übersicht über die Reihenfolge hatte sie sowieso nicht. Was sie an den späteren Bänden ärgerte war, dass die Hintergründe der Missionen immer verworrener wurden.

Schnell legte Femke sich wieder auf das Sofa, das dünne Buch in der Hand. Sie war immer noch alleine im Raum. Von draußen hörte sie Kirchturmglocken läuten, nicht all zu weit entfernt. Femke machte sich lang. Mit den Füßen ertastete sie eine Rille zwischen zwei Sofakissen. Das Lesen konnte sie mittlerweile schon echt gut. Nur bei manchen Worten verstand sie nicht, was sie bedeuten sollte. Wenn sie die Buchstaben laut aussprach, macht das Wort dann keinen Sinn. In diesen Fällen wusste Mama immer Bescheid. In der Schule übten sie das Lesen, indem jeder der Reihe nach einen Satz aus ihrem Übungsbuch vorließ. Herr Bachmann hatte daraus eine Art Wettbewerb entwickelt, bei dem jeder Leser seinen Nachredner auswählen durfte. Femke freute sich immer sehr darauf.

Ungeduldig und weil es das Einhalten leichter machte, hibbelte Femke mit beiden Beinen. Sie konnte sich gar nicht mehr richtig auf die Geschichte konzentrieren. Mittlerweile musste sie richtig dringend. Die Siebenjährige presste ihre Faust gegen ihre dünne Schlafanzughose. Mit der anderen Hand hielt sie immer noch das Buch. Wo blieb nur ihre Mama? Das flauschige Material der Windel unter ihrer Hand machte die Sache nicht grade leichter. In ihrem Buch notierte Phillip grade den neuen Auftrag den die beiden von der Zauberin Morgan bekommen hatten. Femke drückte ihre Beine fester zusammen. Sie fühlte sich so ähnlich wie nach der Schule, wenn sie den ganzen Vormittag nicht auf Klo gewesen war.

Schließlich, als es so dringend wurde, dass Femke ihr Pipi kaum noch halten konnte, legte sie hektisch ihr Buch zur Seite und sprang auf. Mama war immer noch nicht da. Schnell lief die bald Achtjährige in das gemeinsame Schlafzimmer. Ihre Mutter lag immer noch unter der Decke. „Mama, Mama! Ich muss mal!“, versuchte Femke ihre Mutter zu wecken. Erst als Femke auch noch wie wild an der Schuler ihrer Mutter rüttelte, blinzelte Frau Weber verschlafen mit den Aufgabe. Sie brauchte einen Moment, bis sie ihre Tochter richtig erkannte. „Was ist denn los, mein Schatz?“, fragte sie verwundert. „Ich muss ganz dringend aufs Klo und weiß nicht wohin mit der Windel“ erklärte Femke deutlich leiser.

So ganz verstand Frau Weber das Problem noch nicht. „Komm mal her“, forderte sie ihre Tochter auf, noch ein Stückchen näher ans Bett zu treten. Ohne den Kopf vom Kopfkissen zu heben, streckte Frau Weber ihre Hand seitlich unter der Bettdecke hervor und griff nach Femkes Hose. Mit einer Hand zog sie die Hose ihrer Tocher nach unten und befreite sie im Nu von der Windel. „Dann flitz mal schnell“, forderte sie ihre Tochter, der man ansehen konnte, wie dringend es war, auf.

Und da passierte es. Als die Siebenjährige losrennen wollte, verfingen sich ihre Beine in der lockeren, immer noch halb runtergezogenen Schlafanzughose. In ihrer Eile hatte sie diese gar nicht wieder nach oben gezogen. Femke stolperte nach vorne. Erst in letzter Sekunde konnte sie ihren Sturz mit den Armen abfangen. Unsanft landete sie auf dem Parkettboden.

So verdutzt über den unerwarteten Fall, realisierte Femke zuerst gar nicht, wie sich ihre Blase entspannte. Erst als ihre Beine nass wurden, merkte Femke, dass sie im Schreckmoment gar nicht mehr eingehalten hatte. Schockiert blieb die bald Achtjährige liegen. Unter ihren Oberschenkeln und am Bauch spürte sie, wie sich die Nässe auf dem Parkettboden ausbreitete. Nach zwei verdatterten Sekunden fing sie bitterlich an zu weinen

Erschrocken richtete sich Frau Weber auf. „Was ist passiert?“, fragte sie. Ihre Tochter lag mit ihrem nackten Po nach oben, den Kopf in den Armen vergraben auf dem Fußboden. „Oh“, meinte Frau Weber, als sie die Lache auf dem Boden entdeckte. Schnell schwang sie die Beine aus dem Bett und eilte zu ihrer Tochter um diese zu beruhigen. Der Anblick war wirklich etwas kurios. Grade erst von der saufähigen Unterwäsche befreit um auf Toilette zu gehen und dann das. „Hey, ist nicht schlimm, wirklich nicht!“, tröstete sie Femke. Frau Weber wollte nicht, dass dieser kleine Unfall einen Schatten über ihren ersten Urlaubstag legte. „Das machen wir ratzfatz wieder sauber und dann ist alles wieder gut, ja?“, redete sie ihre Tochter gut zu. Diese ließ sich allerdings kaum beruhigen, so sehr ärgerte sie sich über die Situation. Immer noch schluchzend traute sich die Siebenjährige nicht zu ihrer Mama aufzublicken. Femke schniefte verlegen. „Steh erstmal wieder auf“, besänftigte Frau Weber weiter. „Das haben wir im Nu wieder in Ordnung gebracht.“.

Ohne weiter abzuwarten, griff Frau Weber vorsichtig nach Femkes Armen und half sie ihr aufzustehen ohne noch weiter nass zu werden. Wiederstandlos ließ sich Femke von ihrer Mutter führen. „Du ziehst jetzt erstmal in Ruhe deine nassen Sachen aus und ich kümmere mich um die Pfütze. Und dann machen wir gemütlich Frühstück“, redete sie ihrer Tochter lieb zu: „Und dann vergessen wir die Sache ganz schnell.“. Nicht ganz überzeugt, trotte Femke ihrer Mutter hinterher. Obwohl schon runtergezogen, hatte ihre Schlafanzughose ordentlich was abbekommen und auch das Oberteil klebte klitschenass am Bauch. Langsam zog die Siebenjährige dieses zuerst nach oben und dann über den Kopf. Vorsichtig auf dem Boden abgelegt, folgte jetzt die Hose. Nachdem sie sich auch dieser entledigt hatte, griff Femke nach den neuen, trockenen Sachen, die ihre Mama ihr hingelegt hatte. Sie wollte endlich wieder die große bald Drittklässlerin sein.

Fertig angezogen ging Femke zurück zu ihrer Mutter. Die letzten Spuren des Unglücks waren tatsächlich schon beseitigt. „Siehst du, alles halb so wild“, versuchte Frau Weber die immer noch etwas deprimiert dreinschauende Femke, aufzumuntern. Mit den Armen drückte sie ihre Tochter an sich. „Weißt du noch was wir heute vorhaben?“, bemühte sie sich Femke auf andere Gedanken zu bringen.

Wenig später saßen die beiden am Frühstückstisch und dachten an die bevorstehenden Abenteuer. Irgendwie hatte Femkes Mutter es geschafft, trotz der begrenzten Ressourcen eine schmackhafte Mahlzeit zu zaubern. Nur die Löffel in der Ferienwohnung, sagten Femke nicht so ganz zu, sie fand die Form irgendwie seltsam.

Endlich ging es los. Stolz zog sich Femke ihre neuen, knöchelhohen Wanderschuhe an. Eine Schleife konnte sie natürlich schon binden, damit die langen Schnürsenkel aber gut hielten, müsste Frau Weber ihr noch helfen einen doppelten Knoten zu machen. Ihre Mutter trug den Rucksack. Diesmal enthielt er nur das notwendigste, das Reisegepäck hatten sie ausgeräumt, auf die Tagestour mitnahmen taten sie nur Zwei Wasserflaschen, Sonnencreme, Brote und natürlich eine knisternde Tüte Haribo als Notfallstärkung.

Sanft schaukelnd fuhr der Bus über die Talstraße. Mit großer Vorfreunde blickte Femke aus den großen Seitenfenstern. Draußen konnte man die steilen Hänge der Umgebung bewundern. Femke hatte sich mit ihrer Mutter in die Reihe ganz hinten gesetzt. Wenn sie mit dem Schulbus zur Sporthalle fuhren, versuchten auch immer alle diese Plätze zu bekommen. Meistens hatten sich dann schon die Jungs die Sitze gesichert. Femke drehte sich zu ihrer Mutter um. Ihre Mama behielt den Fartverlauf im Blick, damit sie auch nicht ihre Station verpassten. Den Rucksack hatte sie zwischen ihren Beinen abgestellt. Sie wollten beim Wanderparkplatz Hammersbach starten. Mama hatte ihr auf der Karte die Wege durch den Zauberwald gezeigt. Endlich konnte sie ihre Wanderschuhe einweihen. Wenn sie noch fit waren, könnten sie auch noch zur Höllentalklamm weiterlaufen. Der Vorfall heute morgen war schon wieder ganz vergessen.

Der Bus fuhr in eine enge, steile Kurve. Als er wieder in die Grade ging, hatten die beiden einen spektakulären Blick über das Werdenfelser Land. Vor ihnen ragte der charakteristische Gipfel des Großen Waxensteins in die Höhe. Wie verzaubert staunte Femke über die mächtige Bergwelt. Die Vormittagssonne streifte die Silhouette des Wettersteingebirges und tauchte das Massiv in malerische Farben. „Was ist das für ein Berg“, wollte Femke von ihrer Mutter wissen. Femke stellte sich vor, wie es wäre dort ganz oben auf dem Gipfel zu sitzen. Vielleicht konnte man bis zu ihrem Zuhause schauen. Ob man es dort oben überhaupt regnen konnte? Oder war der Gipfel schon über den Wolken? Frau Weber folgte Femkes ausgestrecktem Finger und musste einen Moment überlegen. Zwar war sie schon mal hier gewesen, alle Gipfel kannte sie aber auch nicht. „Ich glaube die Spitze gehört zum Wettersteingebirge“, antwortete sie ihrer Neugierigen Tochter: „Das ist aber wohl noch eine Nummer zu groß für uns, da muss man richtig klettern.“

Noch bevor der Bus endgültig zum Stehen gekommen war, hämmerte Femke auf den Tür Öffnen Knopf. Sie hatten den Ausgangspunkt ihrer Tour erreicht. Den Kopf in den Nacken gelegt, bewunderte die Siebenjährige die Umgebung. Kaum eine Wolke bedeckte den strahlendblauen Himmel. Die frische, morgendliche Bergluft in den Lungen weckte die Wanderslust und die gelben Schilder an allen Ecken luden zu Abenteuern ein. Die Hände zum Himmel gestreckte vollführte Femke eine Rundum Drehung. Frau Weber hatte Mühe das eifrige Kind zu bremsen.

Schnell schulterte sie den Rucksack: „Ich glaube wir müssen da rechts lang. Halt mal nach Wegweisern Ausschau“. Femke brauchte einige Senkungen um rechts und links zuzuordnen. Sie stellte sich dabei immer vor, sie würde bei sich Zuhause um Flur stehen. Dort wusste sie, das die Treppe auf der linken Seite nach oben ging. Dann fand sie auch die Richtung, die ihre Mama meinte.

Über einen schmalen Schotterpfad ging es entlang eines fröhlich plätschernden Wildbaches in den Wald. Femke hätte gerne ihre Füße in das Wasser gestreckt. Das nahmen sie sich für den Rückweg vor. Gelegentlich durch einzelne Treppenstufen unterbrochen, schlängelte sich der Weg, langsam ansteigend durch die Landschaft. Energiegeladen hüpfte Fenke voraus. Ihre blonden Haare wippten bei jedem Schritt. Indem sie immer ein Stückchen vorlief, kundschaftete die Siebenjährige den Streckenverlauf aus. Sie folgten immer noch dem Bachverlauf. Stellenweise kam man sogar so nah ans Ufer, dass man die Stromschnellen beobachten konnte mit denen das Wasser zwischen den vielen großen Steinen hindurchrauschte. Da bekam man richtig Lust einen Staudamm zu bauen. Feme dachte daran, wie Mia ihr in der Schule gezeigt hatte, wie man aus einem normalen Din-A4 Blatt ein Boot falten konnte. Das würde man hier bestimmt prima testen können. Vielleicht konnte man sogar Annabelle eine Wasserbahnfart segeln lassen. Das würde ihr bestimmt Spaß machen.

Der Wanderweg beschrieb jetzt eine Kurve und wurde deutlich steiler. Das Blattwerk über ihnen erschien jetzt viel dichter, wie in einem großer Tunnel wanderten die beiden unter dem grünen Blätterdach. Es roch frisch-modrig nach Natur. Der Boden unter ihnen enthielt immer wieder größere Steine auf die Femke versuchte draufzutreten. Frau Weber stimmte ein Lied an: „Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, steigen dem Gipfelkreuz wir zu. In unsren Herzen brennt eine Sehnsucht die lässt uns nimmermehr in Ruh“. Femke kannte den Text zwar nicht so gut, summte aber trotzdem fröhlich mit.

An jeder Weggabelung reckte Femke sich in die Höhe um die Wegweiser zu entziffern. Auf den gelben, pfeilförmigen Schildern war ihr Ziel als „Rundweg sagenhafter Bergwald“ verzeichnet. Der Rundweg selber wurde von allerlei liebevoll gestalteten Stationen gesäumt, wie aus Baumstümpfen geschnitzte Wichtel oder eine Höhle unter einem Wurzel, in die Kinder klettern konnten. Vielleicht eher etwas für noch kleinere Kinder als Femke, trotzdem war der Weg sehr schön zu laufen.

An einer Bank machten die beiden Pause. Frau Weber musste sich mal setzen, ihre Tochter war fast noch fitter als sie. Mit einem geübten Knoten, half Frau Weber Femke sich ihre dünne Jacke um die Hüfte zu binden. Inzwischen und durch die Bewegung war es echt warm geworden. Im Rucksack war leider kein Platz mehr. Aus diesem kramte sie jetzt auch die Butterbrottüten hervor. Eine kleine Stärkung konnten sie gut gebrauchen. Sie reichte Femke ein Brot. Frau Weber hätte nicht gedacht, dass ihre Tochter so tapfer wandern würde.

Es war noch früh am Tag und da Femke immer noch hoch motiviert war, beschlossen sie noch in Richtung der berühmten Höllentalklamm weiterzuwandern. Die Klamm wurde auf jedem Wegweiser genannt und schien wirklich eins der Highlights der Gegend zu sein. Sie konnten ja so weit laufen, wie sie kamen. Wenn sie schlappmachten, könnten sie immer noch umkehren, dachte sich Frau Weber.

Mit zunehmender Strecke ging es deutlich schwerer voran. Der Weg führte jetzt in engen Serpentienen nach oben. „Immer kleine Schritte machen“, gab Frau Weber ihrer Tochter einen Tipp, wie das Laufen weniger anstrengend wurde: „Und immer an der Bergseite gehen.“. Letzteres war schwerer zu berücksichtigen, da sich die Bergseite bei jeder Kurve änderte. Als sie grade eine Anhöhe erreicht hatten rief Femke plötzlich: „Schau mal, Mama“. Die Angesprochene blieb erstmal zwei Sekunden stehen um zu verschnaufen und schaute dann zu Ihrer Tochter. Die Bäume bildeten hier eine Lücke sodass man ins Tal sehen konnte. Sie hätte nicht gedacht, dass sie schon so weit oben waren. Die Aussicht war wirklich wunderschön. Tief unter sich konnte man den Ort erkennen. Der Blick reichte weit über die bewaldeten Hänge. Es schien fast so, als wäre man schon auf gleicher Höhe wie die Gipfel der gegenüberliegenden Berge. Kleine Nebelwölkchen hingen an den Stämmen der Fichten unter ihnen. „Wie klein die Häuser sind“, stellte die Siebenjährige erstaunt fest: „Wir sind ja schon fast oben“.

Frau Weber lachte: „Das glaubst auch nur du“. Sie wusste, dass der Gipfel des Massivs an dessen Hängen sie sich befanden, noch um Faktoren höher lag: „Ganz nach ober werden wir es wohl nicht schaffen. Aber dafür laufen wir aus eigener Kraft. Es gibt auch eine Seilbahn, die fast bis zum Gipfel führt. Den Weg nehmen die ganzen Faulpelze.“. Femke, strotzend vor Selbstbewusstsein, meinte: „Wir gehen bis gaaaannz nach oben!“. Das sie damit Deutschlands höchsten Berg erklimmen würde, wusste sie vermutlich nicht.

Um 11 Uhr erreichten die beiden Wanderer schließlich die Höllentalklamm. Über eine schmale Brücke führte der Weg zwischen den Felswänden hindurch zu einer kleinen Hütte. Femke setze sich auf einen von der Sonne warmen Felsen. In der Nähe hörte man den Strom, der sie immer wieder begleitet hatte. Um sie herum enddeckte Femke auch noch anderer Wanderer, die sich auf dem Weg hierher gemacht hatten um das Naturschauspiel zu besichtigen. Am Geländer lehnte ein jungen Pärchen und blickte in die Strömung und vor einem großen Infoschild stand eine ganze Gruppe von Menschen, die munter miteinander schnackten. „Die wollen bestimmt die große Tour bis zum Zugspitzengipfel machen“, meinte Frau Weber: „Der Mann, der da mit den Händen in der Luft rumfuchtelt, ist bestimmt ein Bergführer“.

Während ihre Mama die Trinkflaschen aus dem Rucksack kramte, schaute Femke sich um. Die Beine auf dem Stein ausgestreckt, legte die Siebenjährige ihren Kopf in Nacken. Im Hintergrund hörte sie das Rauschen der Klamm. Es war wirklich toll hier. Gegenüber von der Klamm ragte die Felswand steil in den grenzenlosen, blauen Himmel. Wie gesponnen Fäden zogen vereinzelte Wolken um die höchsten Spitzen. „Mama, Schau mal!“, rief Femke plötzlich. Sie hatte einen Greifvogel über sich entdeckt, der hoch über dem Boden in einem großen Bogen in Richtung Tal geleitete. Der Vogel sah aus wie auf den Bildern des Fotografen die Femke sich Gestern angucken durfte. In echt sah das Tier fast noch größer aus. Mit seinen riesigen Schwingen, machte es hin und wieder eine kleine Kurskorrektur, segelte aber ansonsten fast vollkommen bewegungslos durch die Sommerluft.

Mit gestilltem Durst rafften die beiden sich wieder auf. Über einen in den Fels geschlagenen Weg ging es weiter. Links nur durch ein kleines Geländer von der Schlucht ging es entlang der fast senkrechten Felswand. Mit großem Respekt vor dem Abgrund versuchte Femke so weit vom Geländer entfernt wie möglich zu gehen. Kurz darauf gelangten die Wanderer zu einer größeren umzäunten Fläche mit einem kleinen Holzhäuschen. „Höllentaleingangshütte“, entzifferte Femke die weiße Schrift auf dem Blauen Banner. An den vielen Tischen rund um die Hütte rasteten Wanderer und genossen eine Skiwasser 0,5l, eine Johannisberschorle oder ein kühles Franziskaner. Blickte man über das Geländer konnte man in großer Tiefe das Wasser der Klamm sehen, sodass man das Gefühl hatte, die Hütte würde an der Steilen Felswand hängen.

Frau Weber regte sich ein bisschen auf, als sie herausfand, dass man extra bezahlen sollte, um den befestigen Weg durch die Klamm gehen zu können. Weil sie aber schon hier waren und sie Femke unbedingt das Naturschauspiel der Klamm zeigen wollte, beschloss sie die 7 Euro aus der Urlaubskasse zu opfern. An der Hütte konnte man Tickets erwerben. Sie waren nicht die einzigen die den Weg aus Brücken und Tunneln durch die Klamm gehen wollten. Als sie in der Schlange standen beobachte Femke vor ihnen sogar einen Mann mit einem Baby auf dem Rücken. In einer Art Rucksack ließ sich dieses durch die Gegend tragen. Es hatte sogar ein kleines Dach überm Köpfchen.

Der Eintritt für den Weg durch die Klamm war jeden Cent wert. Über eine riesige Brücke wechselte der Pfad die Seite der Schlucht. Nur durch ein dünnes Drahtgitter unter ihnen vor dem freien Fall geschützt, konnte man Metertief nach unten schauen. Das was unten als kleiner Wildbach ankam, bestand hier oben als unzähligen Wasserfällen, die sich donnert durch den Fels gruben. In der Luft lag der feuchte Geschmack von Sprühwasser. Je weiter sie kamen, desto lauter wurde das Tosen des Wassers.

Weiter ging es durch einen richtigen Tunnel in den Berg. So schmal, das kaum zwei Menschen nebeneinander laufen konnten, machte der ins Gestein gebohrte Gang einen Knick und ermöglichte einen Blick zurück in die Schlucht. Femke fühlte sich richtig klein als sie sah mit welcher Gewalt das Wasser gegen den Stein schoss. Unermüdlich prallte der Strom gegen die Wände der Felsenge und setze mit seiner Kraft eine solche Energie frei, dass es auch auf dem höher gelegenen Weg feine Wassertropfen regnete. „Pass auf, dass du nicht ausrutschtest“, machte Frau Weber Femke auf den glatten Boden aufmerksam. Von den Wassermassen in den Bann gezogen, ging die Siebenjährige mit kleinen vorsichtigen Schritten über den glitschigen Stein.

Femke freute sich schon darauf nach den Sommerferien in der Schule hiervon erzählen zu können. Das hatte bestimmt noch kein anderer aus ihrer Klasse erlebt. Nicht mal Tom, der immer die dollsten Sachen berichtete, sodass man nicht mehr wusste was wahr war und was nicht. Von den ganzen Eindrücken ganz überwältigt, staunte Femke über die Kraft der Natur.

Frau Weber hatte Mühe Femke vom Blick auf den Wasserfall loszureißen. Der Weg durch die Klamm war aber noch nicht zu ende. Über weitere Brücken ging es entgegen des Flussrichtung weiter nach oben. Rechts und Links von sich steile Felswände gab es an einer Stelle sogar einen gigantischen Wasserfall, bei dem ein kleinerer Fluss von der Seite in die Klamm mündete.

„Mama, ich muss mal“, meinte die bald Achtjährige auf einmal vollkommen unerwartet. Von der aufregenden Umgebung so abgelenkt hatte sie den Moment so lange wie möglich hinausgezögert. Erst jetzt durch das prasselnde Wasser wurde sie wieder daran erinnert. Frau Weber seufzte. Das war jetzt wirklich ungünstig. Eine halbe Stunde vorher hätten sie bei der Hütte versuchen können eine Toilette zu finden. Sie blickte sich um. Hier in der engen Klamm gab es keine geeigneten Verstecke und außerdem waren jede Menge andere Leute um sie herum. „Kannst du noch ein bisschen einhalten? Vielleicht finden wir weiter oben eine Gelegenheit, wo uns keiner sieht“, meinte sie zu ihrer Tochter.

Im flottem Schritt ging es weiter durch das Engtal. Frau Weber erkannte, dass Eile geboten war, sodass sie dem Naturschauspiel keine Beachtung mehr schenken konnten. Femke an einer Hand hinter sich her ziehend, ging es über weitere Treppen und in noch einen Tunnel. So weit, dass man das Ende nicht sehen konnte, führte der Gang durch den kühlen Fels. Hier hatte man sich sogar die Mühe gemacht, Lampen an der Tunneldecke anzubringen, damit die Besucher sich zurecht finden konnten. Müsste sie nicht so dringend Pipi, hätte die Siebenjährige Angst vor den Gesteinsmassen über ihnen gehabt. Unterhalb von vielen tausend Tonnen Gestein führte der Pfad parallel zum Wasserlauf durch den Berg. An einer besonders engen Stelle, musste sich Femke und ihre Mutter an die Tunnelwand quetschen um zwei entgegenkommende junge Wanderer mit großen Rucksäcken vorbeizulassen.

Als sie sich dem gegenüberliegenden Ausgang näherten merkten sie erst, wie viel kühler die modrige Tunnelluft im Berg gewesen war. Draußen schlug ihnen der warme Sonnenschein entgegen. Obwohl sie sich beeilen wollte, ließ Femke es sich nicht nehmen, sich einmal über das Drahtseilgeländer zu lehnen, um zu schauen ob das Wasser sie immer noch begleitete. Auch hier rauschte das Wasser zwischen den Felsen hin und hergeworfen dem Tal entgegen. Frau Weber deutete nach oben, um ihrer Tochter zu zeigen wie die Klamm entstanden war. Sie befanden sich immer noch in der Schlucht. Zwischen den steilen Wänden konnte man den Himmel sehen. Es war wirklich beeindruckend, wie sich das Wasser in Jahrmillionen langer Arbeit in den Berg gegraben hatte.

Gerne hätte sich Femke ihre Hand zwischen die Beine gepresst um das Einhalten leichter zu machen, wagte es bei den vielen Leuten, die sie überholen oder die Ihnen entgegenkamen, aber nicht. Ihre Mama gab ein ordentliches Tempo vor. Ihrer Mutter folgend stiefelte die Siebenjährige die Stufen der nächsten Stufen nach oben. Mit ihren Wanderschuhen an den Füßen trat sie in großen Schritten über die sandigen Holzbefestigungen. Rechts und links war kein Baum oder Strauch zu sehen hinter den sie sich hocken konnte. Überall nur Felsen. Wie schön wäre es, wenn sie jetzt im Bett liegen würde und es einfach laufen lassen könnte.

Etwas weiter fanden sie dann endlich eine geeignete Stelle. Nachdem der Pfad über unzählige Stufen, der Klamm folgenden, noch ein ganzes Stück höher ging, weitete sich die Schlucht etwas. Die Felsbrocken bildeten hier fast eine Art Strand, sodass erschöpfte Wanderer hier die Möglichkeit hatten, direkt am Wasser zu rasten. Frau Weber begann über die großen Steine zu klettern. Etwas abseits vom eigentlichen Weg sollten sie problemlos einen geschützten Platz finden. Darauf achtend, dass ihre Tochter hinterherkam, versuchte Frau Weber den bestmöglichen Weg zwischen dem Geröll zu finden. An den scharfkantigen Steinen konnte man sich wirklich ernsthaft verletzen. Beim Auftreten passierte es schnell, dass die kleineren Brocken unter den Füßen wackelten. Noch ein paar Stritte weiter fand Frau Weber schließlich eine kleine Senke, die zusätzlich durch einen riesigen Felsbrocken vor Blicken geschützt war. „Hier kannst du Pipi machen, oder?“, fragte sie die Siebenjährige. „Ich halte Wache und passe auf, dass Niemand kommt“, fügte sie lächelnd hinzu und setze sich auf einen der Gesteinsbrocken. Früher hatte sie Femke beim Pipi machen immer halten müssen. Mittlerweile hatte ihre große Tochter ihre eigene Technik entwickelt und kam ganz ohne Hilfe zurecht. Dabei lehnte sie sich mit dem Rücken gegen einen Baum und ließ die Beine so weit nach vorne rutschen, bis diese nicht mehr im Weg waren. Mit den Händen konnte sie sich dann zusätzlich abstützen um die Position zu halten.

Ein wenig skeptisch schaute Femke sich um. In einiger Entfernung konnte sie immer noch den Gebirgsbach fließen hören. Inzwischen war es ihr einerlei ob man sie beim Pipi machen sehe konnte, so dolle drückte ihre Blase. Aber Mama würde es schon wissen. „Kann ich?“, fragte die Siebenjährige noch einmal zur Sicherheit. Dann zog sie sich ratz-fatz Hose und Unterhose zusammen bis zu den Kniekehlen runter. In die Hocke gehend, hielt Femke ihr T-Shirt mit der einen Hand nach oben, damit es nicht nass werden würde. An einem Geröllbrocken hielt sie sich fest. Obwohl sich mittlerweile eine Wolke vor die Sonne geschoben hatte war die Oberfläche immer noch warm. Es tat gut dem Druck endlich nachgeben zu können. Endlich konnte sie wieder die Umgebung genießen. Ihr Pipi würde jetzt früher der später mit all dem dem anderen Wasser den Weg ins Tal nehmen. Kaum war Femke fertig, zog sie die Hose schnell wieder hoch. Ihre Mutter schaute ein wenig verärgert, eigentlich hätten sie Taschentücher zum Abtrocken dabei gehabt.

Alsbald konnte die Kraxelei weitergehen. Der Tag war noch jung und das Gebirge alles andere als langweilig. Zurück auf dem eigentlichen Weg marschierten sie daher frischen Mutes der Katastrophe entgegen.

Immer abwechselnd über in die steilen Felswände geschlagene Wege, Brücken oder durch Tunnel gehend durchquerten Femke und ihre Mama innerhalb der nächsten Stunde das letzte Stück der Höllentalklamm. Teilweise hatten die Wände rechts und links so weit aufgeragt, dass der Pfad trotz der hoch stehenden Sonne vollkommen im Dunkeln gelegen hatte, nun weitete sich der Weg jedoch wieder zu einer offeneren Geröllschlucht. Zu sagen, die Strecke wäre ein gemütlicher Spaziergang, wäre definitiv eine deutliche Untertreibung, dank der gut ausgebauten Befestigungen ließen sich die schwierigen Stellen aber gut bewältigen, wenn man die nötige Ausdauer besaß.
Frau Weber saugte gierig die trockene Bergluft in ihre Lungen und blieb für eine Verschnaufpause stehen. Ihre siebenjährige Tochter lief ein ganzes Stück vor ihr. Für sie schienen die vielen Tritte und Stufen erstaunlicherweise überhaupt kein Problem zu sein. Als Frau Weber sich nach einer ewig langen Treppe nur für ein paar Sekunden keuchend auf den Knien abstützte, drehte sich Femke nur kurz nach ihr um, ohne jedoch anzuhalten. Ihr Gesichtsausdruck fragte: „Mama, wo bleibst du denn?“ Woher nahm die Kleine bloß die Energie? Sie waren zwar viel draußen unterwegs, ihre Touren beschränkten sich aber auf kleinere Strecken in der näheren Umgebung. Ein bisschen war Frau Weber auch stolz auf ihre Tochter, die so munter und ohne zu murren die Steigungen erklomm.

So kam es auch, dass die beiden sich nach einer Pause in der Nähe der Höllentalangerhütte dazu entschieden, noch ein Stück weiter in Richtung Höllentalferner zu laufen. Noch dazu kam, dass Femke weiter hinten im Hochtal tatsächlich ein Schneefeld gesichtet hatte. Der weiße Fleck wirkte, als wäre er ganz nah. Die erstaunte Siebenjährige ließ sich von ihrer Mutter erklären, dass das tatsächlich Eis sein könnte, das sich im Schatten der Felsen den ganzen Sommer über hält. Femke hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht. Schnee im Sommer! Da mussten sie unbedingt hin. Das Bergfieber in ihr war geweckt!

Autor: Apfelmus13 | Eingesandt via Formular

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Die Katastrophe

Die Katastrophe (3)
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Tags: katastrophe, femke, abenteuer, kapitel, präsentiert
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