DIE LEHRE
#KAPITEL XIV
Hallo liebe Leserinnen und Leser,
nach einer längeren Pause hat mich „Die Lehre“ wieder eingeholt. Ich konnte nicht davon lassen einfacch aufhören, undenkbar. Die Geschichte war ja schon längst gedacht, nur vielleicht hier an einem falschen Ort? Habe immer wieder darüber nachgedacht es zu lassen. Trotz allem glaube ich die Geschichte gehört hier her und kann auch ein Punkt für anderes sein. Ich habe nachgedacht und weiter gedacht – und nun möchte ich die geplanten Kapitel endlich zu Ende erzählen.
Für mich geht es also weiter, und ich würde mich sehr freuen, wenn die eine oder der andere noch einmal hereinschaut und Jule ein Stück begleitet.
Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen der Geschichte.
Was bisher geschah
Viele Jahre lang fühlte sich Jule wie eine kleine, unscheinbare Amsel. Sie war einfach da, ganz leise, fast so, als würde man sie leicht übersehen. Doch tief in ihr drin flatterte schon lange ein bunter Vogel, der nur darauf wartete, endlich hinauszudürfen.
Dann kam dieser eine Moment: ein mutiger Entschluss und eine fingierte Einkaufsliste, die genau in die richtigen Hände geriet – in die der gutgläubigen Kaufhof-Mitarbeiterin Frau Schneider. Und plötzlich war da dieses leise Kribbeln, als hätte jemand ein Fenster geöffnet. Zum ersten Mal konnte Jule spüren, dass sie vielleicht wirklich mehr sein durfte.
Aber der Weg hatte gerade erst begonnen. Weder Jule noch die Mitarbeiterinnen im kleinen Kaufhof-Ableger ahnten, wie weit er noch führen würde.
Bevor Jule ihr Leben in all seinen Farben entdecken konnte und ihren Träumen folgte, warteten noch ein paar Stolpersteine auf sie.
Davon erzählen die kommenden Kapitel …
Die Lehre
# Kapitel XIV
Neben der Spur
Dieser bunte und schöne Ausblick, dieser Moment, diese Auswahl und diese neuen Erfahrungen waren es einfach wert – jede Sekunde sprach meine innere, unsichere Stimme plötzlich zu mir.
Die Versuchung war einfach zu stark für mich. Ich versuchte einen Moment lang, alles um mich herum auszublenden, was mir ziemlich gut gelang. Zu lange waren mir diese Türen und Möglichkeiten verschlossen geblieben. Jetzt war ich kurz vor der nächsten Ziellinie – war es doch immer das gewesen, was ich mir so sehnlich gewünscht hatte.
Dies hier war anders – ganz anders – und wurde immer noch besser. Ich wusste ja überhaupt nicht, dass die reale Welt noch intensiver und stärker sein könnte als meine Tagträume.
Die Enge in der Kinderabteilung schien dichter zu werden, je später es wurde. Es hatte etwas Beruhigendes, aber auch Einschüchterndes. Kein Geräusch drang mehr an meine Ohren, nur das ferne Lächeln von Frau Schneider, die meine ganze Unsicherheit bereits kannte. Ich spürte das Gewicht meiner frühen Kindheit, das über die letzten Jahre mich zu ersticken drohte, all die Kompromisse, die ich gemacht und ertragen hatte. All die Masken, die ich schon getragen hatte.
In diesem Moment wurde mir klar, dass diese Masken mich nicht nur schützen, sondern auch isolierten. Sie hatten mich durch die Jahre getragen, mich vor Fragen, Urteilen und neugierigen Blicken bewahrt – aber sie hatten mich auch von einem Teil von mir getrennt. Von mir selbst.
Von dem Teil, der sich jetzt plötzlich so lebendig anfühlte, wenn ich nur an die große Auswahl und vielen Möglichkeiten dachte.
Ein leiser Gedanke drängte sich in mein Bewusstsein: Was, wenn heute nicht einfach nur ein weiterer dieser Tage war?
Es war kein Gedanke der Angst. Es war eher ein Ergreifen der Möglichkeit. Eine leise Ahnung, dass sich etwas lösen könnte, dass etwas in meinem Inneren wacher werden könnte, das ich so lange versteckt hatte.
Vielleicht werde ich heute mutiger sein. Vielleicht werde ich heute etwas wagen, das ich gestern noch nicht gekonnt hatte. Vielleicht mache ich einen Schritt in eine Richtung, die ich bisher nicht einmal vor mir selbst richtig zugeben konnte.
Gerade als ich ein Kleid von der Stange gezogen hatte und mich darin verlor, meldete sich Frau Köhler zurück.
Ich dachte nur: wie herrlich. Ein echter Traum. Aber es kam anders, als ich erwartet hatte – ganz anders. Fremde Blicke – die mich sonst verunsicherten und ängstlich machten, zerbrachen an meinen Glücksgefühlen. Für einen kurzen Moment öffneten sich kurz alle Türen und Möglichkeiten, die sonst verschlossen blieben. Jetzt war ich so nah an meinem großen Wunsch, an meinem Ziel, das ich mir so sehnsüchtig erhofft hatte. Es war anders, viel besser. Ich wusste gar nicht, wie gut sich das Glücksgefühl und die echte Welt anfühlte.
„Na bitte, geht doch!“, sagte sie hinter mir. Ihre Stimme war warm, fast ein bisschen stolz, und ich konnte kaum glauben, dass sie sich wirklich über meine Entscheidung freute.
„Möchtest du das gleich mal anprobieren?“
Mein Herz klopfte sofort schneller. Ich wollte so gern „Na klar!“ sagen – aber meine Lippen blieben stumm. Stattdessen spürte ich nur, wie meine Wangen heiß wurden. Ein Gefühl so komisch, so aufgeregt und voller Freude fühlte. Ihre Wärme, ihr echtes Interesse – das fühlte sich so gut an. Fast wie eine Umarmung.
Sie sah mir tief in die Augen, als könnte sie meine Gedanken lesen.Sie sah mir tief in die Augen, als würde sie meine Gedanken lesen. „Du möchtest also gern so etwas in deinem Kleiderschrank haben, Jule?“
Sanft stupste sie meine Nasenspitze an. Eine blonde Strähne fiel ihr über das Ohr, während sie schmunzelte. „Das ist ja wirklich ein zauberhafter Hingucker.“
Ihre Worte machten mich stolz, auch wenn ich noch immer nicht wusste, wie ich reagieren sollte.
„Du hast eine sehr gute Wahl getroffen. Ihr zwei passt bestimmt wunderbar zusammen.“
Ich war kurz verwirrt, weil ich nicht ganz wusste, was sie meinte – aber ihre Stimme war so freundlich, dass ich mich sofort ein wenig sicherer fühlte.
„Du bist auf dem richtigen Weg“, zwinkerte sie mir zu. Ich wollte so viel sagen, aber meine Gedanken wirbelten durcheinander.
„Du hast eine sehr gute Wahl getroffen“, sagte sie. „Ihr zwei passt bestimmt wunderbar zusammen. „Möchtest du vielleicht etwas trinken?“
„Nein, danke“, antwortete ich leise, während sie ihre störrische blonde Strähne wieder hinter das Ohr schob.
All das machte mich ein kleines bisschen mutiger. Auch wenn mein Herz noch immer schneller schlug als sonst – so wie in dem Moment, als ich Frau Schneider meinen erfundenen Einkaufszettel gezeigt hatte.
„Wovor hast du eigentlich so große Angst?“, fragte sie plötzlich, und ich wollte ihr so gern meine ganze Geschichte erzählen. Meine Träume. Meine Ängste.
Sie sah aus, als würde sie sich wirklich sorgen und genau das berührte mich. Aber meine Angst war größer. Ich schob die Gedanken beiseite. Weil ich fürchtete, sie könnte mich erkennen. Oder mich wegschicken.
Bevor ich die richtigen Worte finden konnte, sah mir Frau Köhler wohl schon an meinem Gesicht an, wie sehr ich mit mir innerlich kämpfte. Ich gab mir Mühe, entspannt und sicher zu sprechen, doch es klang wie quitschende Kreide auf einer Schultafel.
Dann hockte sie sich neben mich. Direkt neben mich. Mein Herz schlug schneller – noch schneller wie vor ein paar Stunden, als ich Frau Schneider meine erdachte Einkaufsliste hingehalten hatte.
Ich staunte, was plötzlich selbstverständlich werden konnte, was mich so berauschte, faszinierte und meinen Herzschlag immer bis zum Anschlag brachte, während Frau Köhler mir eine bunte, verspielte neue Kleiderwelt zeigte – eine, die mich seit Jahren beschäftigte und elektrisierte.
Ich schaute verlegen zu ihr hinüber. Meine roten Wangen. Mein unsicheres, verschämtes Gesicht.
Ich hatte den Eindruck, dass sie meine Aufregung und Unsicherheit genoß und sich meine Reaktionen sehr genau einprägte. Vorsichtig brachte sie mich dazu, mein Hosenbündchen loszulassen, als sie mir leise ins Ohr flüsterte:
„Vielleicht musst du dich ja überhaupt nicht schämen, wenn wir dich jetzt richtig schick machen und die passenden Kleidchen für dich raussuchen. Du musst mir nur ein bisschen helfen.“
Für einige Sekunden wurde es still. Nur das gedämpfte Murmeln der Kunden und das leise Rauschen der Lüftung waren zu hören. Ich spürte, wie ich mich ganz auf sie konzentrierte. Auf ihre Worte. Auf jede kleine Bewegung.
Dann drehte Frau Köhler den Kopf leicht, fast unmerklich. Es war kein abrupter Blick, sondern eine feine Bewegung, die ein Nachdenken ankündigte.
„Jule … darf ich dich etwas Persönliches fragen?“
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog.
Ganz leicht nur.
Aber deutlich genug, dass ich es nicht ignorieren konnte.
Ich nickte.
Oder zumindest glaubte ich, dass ich genickt hatte.
„Hast du … also, brauchst du noch Windeln? „Merkst du, wenn es passiert und du dann nass wirst?“
Die Frage traf mich.
Nicht laut. Nicht plötzlich.
Eher so, als würde sie sich langsam in mich hinfräsem.
Und genau das machte sie so schwer.
Mein Herz stolperte. Traf mich bis ins Mark. Pumpte schneller.
Als hätte das Herz, die Welt und ich für einen Moment den Rhythmus verloren.
Ein Moment der Orientierungslosigkeit, während sich meine kalten Hände fest in das Hosenbündchen krallten.
Meine bleichen Hände fanden Halt im festen Bündchen.
Ich merkte es erst, als es schon passiert war.
Ich wusste nicht, wohin mit mir.
Nicht mit meinem Körper.
Nicht mit meinem Blick.
Nicht mit diesem Gefühl, das sich plötzlich in mir ausbreitete.
Es gab Momente, in denen ein bisheriges Leben leise kippen konnte. Kein Sturm, kein Feuerwerk mit Knall, kein dramatisches Zerbrechen.
Nur ein kaum hörbares Knacken – wie gefallene, reife Eicheln unter vorsichtigen Schritten. Wie die zarte Schokoladenschicht ein Magnum-Eises umhüllt, die unter leichtem Druck der Lippen zersplittert. Ein Geräusch, das man leicht überhört. Und doch bleibt es. In diesem Augenblick wusste man es noch nicht.
Man spürt es höchstens als kurzen Taktwechsel im Inneren, da, wo sonst Vertrauen ist. Aber etwas verschob sich und sollte bleiben.
Man steht noch.
Man atmet noch.
Man funktioniert noch.
Und gleichzeitig ist da dieses Gefühl, dass etwas nicht mehr so ist wie vorher.
Man spürt es nicht sofort als Gedanken.
Eher als ein Stolpern im Inneren. Dort, wo sonst etwas Sicheres war.
Und irgendwann – vielleicht viel später –wird einem klar:
Dass genau in diesem Moment etwas begonnen hat, das sich nicht mehr zurücknehmen lässt.
Ich wollte etwas sagen.
Wirklich.
Ich wollte antworten.
Ihr erklären.
Irgendetwas sagen, das Sinn ergibt.
Aber meine Worte blieben irgendwo stecken.
Zwischen meinem Hals und meinem Herz.
Weil ich nicht wusste, was ich sagen durfte, oder was ich überhaupt sagen konnte.
Weil da plötzlich wieder diese Angst war, dass sie mich versteht.
Und gleichzeitig die Angst, dass sie es nicht tut.
Ich spürte ihren Blick.
Nicht drängend.
Nicht hart.
Eher aufmerksam.
Abwartend.
Und genau das machte es nicht leichter.
Man lebt lange in einer persönlichen Unordnung, die man nicht bewusst gewählt hat.
Man wächst in Strukturen auf, die bereits lange bestehen, wenn man ankommt. Man richte sich zwischen Erwartungen, Rollen und Blaupausen ein. Man lernt, wie man zu sein hat.
Was man will.
Was man nicht will.
Was als richtig gilt, was als vernünftig, was als normal.
Und irgendwann fühlt sich genau das
wie Ordnung an.
Obwohl es vielleicht nie wirklich eine war.
Dieser Unordnung wird vertraut.
Wie ein Haus, das man kennt.
Jeder Raum.
Jede Ecke.
Man weiß, wo es laut ist.
Wo es warm ist.
Wo man sich besser nicht zu lange aufhält.
Man bewegt sich darin.
Man funktioniert darin.
Man passt hinein.
Und man lebt.
Vielleicht nennt man es sogar Leben.
Weil man nichts anderes kennt.
Weil es nie infrage gestellt wurde.
Weil es reicht, um nicht aufzufallen.
Und manchmal reicht es tatsächlich.
Für eine Zeit.
Aber diese Zeit wird kürzer.
Denn irgendwo darunter
bleibt etwas offen.
Unberührt.
Ein leiser Wunsch.
Eine Unruhe,
die noch keinen Namen hat.
Ein Gefühl,
dass da noch mehr ist.
Und man schiebt es weg.
Immer wieder.
Weil es unbequem ist.
Weil es alles verändern könnte.
Dann kommt manchmal etwas dazwischen.
Ganz unerwartet.
Ein Blick.
Einer, der nicht fragt.
Der einfach sieht
Mit einem Gedanken, den man nicht mehr einfach vertreibt.
Mit einem Satz, der nachhallt, obwohl er längst gesprochen ist.
Mit einem Gefühl, das sich nicht mehr auflöst, egal, wie sehr man es versucht.
Seit langer Zeit hatte ich dieses beunruhigende Gefühl, dass etwas auf mich zukommt. Etwas, das mich einholen wird. Etwas, das ich immer gespürt habe. Aber nie wirklich gelebt. Ich kann nicht sagen, wann es begonnen hat. Es war einfach irgendwann da. Und ist geblieben.
Und jetzt war es wieder stärker da. Noch viel deutlicher als zuvor.
Auf jeden Fall haben Frau Schneider und Frau Köhler diesen Blick. Diesen einen Blick. Und sie berühren mich nicht einfach nur beiläufig.
Frau Köhler löste sich gerade aus ihrer unbequemen Hocke, als hinter uns jemand ruft:
„Simone Köhler, ich glaube es ja nicht!“
Eine Frau mit einem akkurat geschnittenen, brünetten Bob, braunen Augen und großen Creolen, die Simone eben noch vage bekannt vorgekommen war, kam auf uns zu. Ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht, das jeder Außenstehende als freudige Überraschung gedeutet hätte – aber Simone ahnte, dass mehr dahinter lag.
„Also damit habe ich nun wirklich nicht mehr gerechnet. „Hast du inzwischen doch noch eine zweite Tochter, Simone?“
Frau Köhler zuckte kurz erschrocken zusammen. Sie strich über ihren schwarzen, knielangen Faltenrock und zupfte ein paar Fussel ab, bevor sie sich umdrehte.
„Keine Tochter – dafür eine süße Enkelin.“
Die Frau mit dem schulterlangen, brünetten Bob und dem auffälligen grünen Hosenanzug sah Frau Köhler mit leicht gekräuselter Stirn an und neigte sich dann zur Seite, um einen besseren Blick auf mich zu werfen. Doch ich versteckte mich schnell hinter Frau Köhler und drückte mich mit meinem ganzen Körper gegen ihren Rücken.
Die fremde Frau richtete sich wieder auf, umarmte Frau Köhler herzlich, küsste sie auf die Wange Kurz herrschte Stille zwischen den beiden ungleichen Persönlichkeiten. :
„Was verschlägt dich nach so langer Zeit wieder hierher?“, fragte Frau Köhler.
Ihre Stimme war ruhig. Zu ruhig vielleicht.
„Hast du es wirklich schon vergessen, dass wir zusammen entbunden haben?“
Ich Yannic, du Isabella.
„Die beiden gehen doch zusammen in den gleichen Kommunionskurs.“
„Ich glaube, ich sollte dir einiges genauer erklären“, murmelte Diana.
„Nur keine falsche Scheu“, erwiderte Frau Köhler, und jetzt war da etwas schäferes in ihrer Stimme, das vorher nicht da gewesen war.
„Das wäre nach so langer Zeit ohne ein Wort vielleicht wirklich ein gter Anfang.“
Diana wich dem Blick nicht aus. „Ich fürchte, ich habe eine zeitlang den roten Faden in meinem Leben verloren.“
Etwas an diesem Satz blieb hängen.
„Ich bin wirklich sehr gespannt, was du mir zu erzählen hast. Wollen wir uns nicht mal wieder auf einen Kaffee verabreden, Diana? Sonst, sonst vergehen wieder fünf oder sechs Jahre, ohne dass wir uns sehen und …“.
Ich blieb kurz stehen und kreuzte die Beine. Als ich mich leicht nach vorn beugte, erkannte Diana sofort meine verzwickte Lage.
„Ich glaube, deine Enkelin muss mal. „Willst du sie nicht schnell zur Toilette begleiten – oder findet sie sie schon allein?“, fragte sie und schaute auf mich hinunter.
„Mom!“ , ruft eine jugendliche Stimme suchend quer durch die Kinderabteilung.“Mom!“
„Ich bin hier, Yannic!“ ,ruft Diana.
Ein Blick über meine Schulter verrät mir, dass es ein Junge ist der auf uns zusteuert. Kurz darauf steht ihr Sohn Yannic neben uns. Ich reiße die Augen auf, verwirrt, weil es mich einen Moment kostet, bis ich den Jungen neben mir nicht mehr doppelt sehe. Bis ich endlich begreife, dass es Yannic ist. Der Yannic, vom Pferdegestüt Börgel.
Ich sehe, dass er meinen Namen sagt, aber ich spüre seine Augen viel eher auf meinem
Körper, als dass ich ihn höre, weil ein nerviges Piepen in meinen Ohren alles übertönt. Und
ich spüre so viel anderes, was ich nicht verstehe: ein Stechen, Schmerzen, Lärm, auch
wenn das keinen Sinn macht.
Vor allem aber spüre ich Angst, weil Yannic mich weiter starr ansieht. Was ich bei seinen Blicken empfinde ist mehr als widersprüchlich. Ich freue mich, dass er mich so gar nicht wieder erkennt.
Schnell blicke ich zu Boden, weil Yannic offensichtlich noch kein Plan hatte, wer ich bin. Ich hingegen würde seine überhebliche Mimik und Körperhaltung immer und überall wieder erkennen.
Im Gegenteil zu mir, wirkte und bewegte er sich haargenau so wie vor etwa sechs Jahren, nur das er jetzt sehr gewachsen war, als wir uns das letzte mal auf dem Gestüt gesehen haben.
„Also bis Freitag im Cafe „Hemmer“!“, wiederholte Diana den Termin noch einmal laut, um auch sicher zu gehen, dass sie alles richtig verstanden hat.
„Ja, genau und pünktlich um 15:00 Uhr, an unserem Stammplatz“, bestätigte Simone die Verabredung zum Kaffee und zum aufarbeiten ihrer Mißverständnisse.
Beide umarmten und küssten sich zum Abschied und beide drehten sich in gegengesetzte Richtungen.
Frau Köhler zupfte an meinen Trägern, „wollen wir jetzt endlich weiter nach etwas Hübschen für dich suchen?“
Ständig blieb Frau Köhler vor einem anderen Kleidchen stehen, zog es aufgeregt aus der Reihe, drehte es nach links und wieder nach rechts, zeigte es mir und teilte ihre Einschätzung.
„Oh Gott, ist das nicht süß! Was meinst du dazu, Jule?“
Ich stellte mir vor, dass sie in einem ganz normalen Haushalt aufgewachsen ist, als richtiges Mädchen. Ich wusste nicht, wie sie damit umgehen würde, wenn sie erfuhr, dass bei mir vieles nicht so glatt und selbstverständlich verlaufen war. Und wahrscheinlich hat auch ihre Tochter eine behütete Kindheit mit klaren Strukturen erlebt. Ich wusste ja nicht einmal, was Frau Schneider bereits über mich erzählt hatte.
In mir kämpften zwei große Kräfte gegeneinander: das Team „Hoffnungslosigkeit“ gegen den alten Dauersieger „Verzweiflung“. Dieses kunterbunte Gefühlschaos war mir nur zu vertraut – seit Jahren trug ich diese kleinen und großen inneren Katastrophen mit mir herum.
Und doch war da auch etwas anderes.
Eine leise Mischung aus Aufregung und Zufriedenheit. Ich fühlte mich inzwischen erstaunlich wohl in ihrer Nähe und freute mich auf das, was noch kommen würde – auf die nächsten Momente, auf das Anprobieren, auf alles, was dieser Tag noch für mich bereithält.
Eigentlich war es eine gute Gelegenheit, vorsichtig etwas zu verändern. Ein kleines Stück mutiger zu sein. Auch wenn ich durch Frau Schneider schon ein wenig Sicherheit gewonnen hatte, blieb ich still. Ich lächelte meine Antworten nur oder zuckte mit den Schultern, weil es sich einfacher anfühlte.
Während andere Mädchen in so einem Moment vielleicht vor Begeisterung gestrahlt hatten, löschte ich mein kleines Licht wieder selbst. Kaum war es aufgeflackert, zog ich mich zurück – wie auf meine eigene Tauchstation.
Ich wartete auf ein Zeichen von Frau Köhler. Auf etwas, das mir sagte, was ich als Nächstes tun sollte. Ich hatte gedacht, sie würde alles bestimmen, mir Kleidchen zeigen, Entscheidungen treffen. Aber sie wartete. Geduldig. Und ich wusste nicht, worauf.
Sie ließ sich von meinem Schweigen nicht irritieren. Trotzdem spürte ich ihre Blicke, während ich starr auf den Teppich sah und das Bündchen meines Höschens zwischen den Fingern knetete. Die Unsicherheit kroch wieder in mir hoch.
Was, wenn ich etwas falsch mache?
Was, wenn sie mich beobachtete – und doch beurteilte?
Ich seufzte leise.
„Wow … das ist aber schön“, flüsterte ich schließlich, fast überrascht von mir selbst, während mein Blick weiter über die bunten Kleider wanderte. Für einen Moment fühlte es sich an, als könnte ich fliegen – so leicht und frei war alles plötzlich.
„Ist das wirklich echt?“, fragte meine leise innere Stimme.
„Oder träume ich nur?“
Aber tief in mir wusste ich: Es war echt. Und es war es wert, jeden einzelnen Moment zu spüren.
Sie setzte sich wieder neben mich, und ich merkte, wie mein Herz schneller schlug. Das Gefühl, dass sie mich sah und ein Stück weit für mich mit dachte, machte mich ein wenig mutiger.
Natürlich waren sie noch da, diese beiden Stimmen in mir – Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Aber sie wurden leiser.
Stattdessen blieb etwas anderes.
Eine ruhige, vorsichtige Zufriedenheit. Ich mochte es, hier zu sein. Bei Frau Schneider. Bei Frau Köhler. In diesem Moment. Und ich begann mich auf das zu freuen, dass zu bewundern und zu begehren was mir Frau Köhler zeigte und empfahl.
Ich wartete weiterhin auf ein Zeichen. Auf ein Wort, das mir den nächsten Schritt zeigte. Ich dachte immer noch, sie würde mich führen – doch sie blieb einfach ruhig.
Also blieb ich ebenfalls still, schaute auf den Teppich vor mir und knetete gedankenverloren den Stoff zwischen meinen Fingern. Die Unsicherheit war noch da, aber sie bestimmte mich nicht mehr ganz.
Und irgendwo in mir begann das kleine Licht, das eben noch zu verlöschen drohte, wieder ein wenig heller zu werden.
Wieder blieb Frau Köhler vor einem Kleidchen stehen, zog es aufgeregt aus der Reihe, drehte es nach links und wieder nach rechts und hielt es mir hin.
Ich knirschte mit den Zähnen, wollte gerade etwas zum Kleidchen sagen, aber ein heftiger Schmerz durchfuhr meine Blase, und bemerkte wie es wieder warm um meine Schenkel wurde. In diesem Moment wollte ich nur, das, das der Schmerz und der Druck aufhörte.
Das die Hand, die mich immer noch festhielt, nicht bemerkte, das sich gerade meine Blase völlig entspannte.
„Oh Gott, wie goldig! „Was hälst du davon, Jule?“
Ich hob kurz den Blick, nickte vorsichtig. „Schön“, murmelte ich, kaum hörbar, und strich mit den Fingern über den Stoff, den sie mir hinhielt.
Das Kleidchen, was mir Frau Köhler gerade zeigte, strahlte in einem kräftigen Zitronengelb mir entgegen. Zuerst vielen mir die großen Puffärmel und der gesmokte, verspielte Brustbereich auf. Ein ähnliches Kleidchen hatte ich bereits schon im Versandkatalog gesehen, nur das es dort ganze ohne blaue Blümchenspitzenborde abgebildet war.
In mir kämpften zwei große Kräfte gegeneinander. Verwirrung gegen Glückseligkeit.
Ich zog unbewusst an meinem Bündchen, hielt inne, als ich merkte, dass sie es sehen konnte, und ließ den Stoff wieder los.
„Jule?“
„Hey! Maus! Aufwachen!“, wir müssen noch weiter, höre ich Frau Köhler durch eine Art Nebel rufen.
„D.., das hier … gefällt mir wirklich so gut“, sagte ich automatisch und deutete auf das gelbe Kleid in ihrer Hand, ohne sie direkt anzusehen.
Ich wartete auf ein Zeichen von ihr – und gleichzeitig merkte ich, dass sie wieder auf mich wartete.
Ich sah kurz zu ihr auf. Nur einen Moment.
Sie lächelte.
„Möchtest du das anprobieren?“, fragte sie ruhig.
Ich zögerte. Dann nickte ich.
Ganz leicht.
Autor: Soe Lückel02 | Eingesandt via Formular
Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.
Hallo,
wieder ein so schönes Kapitel. Ich fühle mit Jule, ihre Unsicherheit, ihre Leere, ihren unermesslichen Wunsch nach dem neuen, unbekümmerten Leben eines Mädchens, auf diesen Neustart, der so oft nie erfolgt. Ich leide richtig mit Jule und hoffe, sie wird erlöst. Ich weis, dass sie erlöst wird, in einer anderen Geschichte, von Frau Schneider.
Was passiert jetzt, da Jules Blase sich öffnete…..sie nass ist, wie ein kleines Mädchen…. diese aufwühlende Gefühlswelt, diese kleinen Schritte machen die Geschichte so wunderbar. Dieses zwischen den Zeilen lesen, das liebe ich. Wie immer, bin gespannt und sehne mich nach einem nächsten Kapitel. Vielen Dank.
Petra