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Ein Traum mit Folgen (6)

31/10/2026 0 comments Article Jungs Littleboy99
This entry is Teil 6 von 6 in the series Ein Traum mit Folgen
Windelgeschichten.org präsentiert: Ein Traum mit Folgen (6)

Kapitel 6

Nachdenklich saß Simon in seinem roten Kindersitz, wippte währenddessen mit seinen Beinen und starrte aus dem Autofenster. Der Wagen kam gerade an einer Ampel zum Stehen und zugleich auch seinem Ziel immer näher.

Der Kinderarztpraxis.

Eigentlich war dies kein Ort, welcher Simon die Sorgenfalten auf die Stirn trieb.
Der Anlass für den heutigen Besuch bot allerdings reichlich Potenzial für Besorgnis.
Seit Tagen wachte der Elfjährige morgens in einem nassen Bett auf und war damit nun offiziell wieder ein Bettnässer.
Diesen Status hatte er eigentlich seit drei Jahren erfolgreich abgelegt und war sich ziemlich sicher, diesen Makel für immer los zu sein. Doch sein Körper war da leider anderer Meinung und schien jegliche Kontrolle über seine Blase ganz plötzlich eingestellt zu haben.
Gestern Abend hatte Simon im Internet nach Informationen diesbezüglich gesucht.
Bettnässen hatte verschiedene Ursachen. Genetik, Entwicklungsverzögerung und sekundäres Einnässen waren einige davon.
Des Weiteren betraf dieses Thema doppelt so häufig Jungen als Mädchen im Kindesalter und auch bei Erwachsenen konnte Bettnässen vorkommen.
Dies waren nur einige Informationen, welche der Junge herausgefunden hatte.
Erst kurz vor 23 Uhr hatte er schließlich sein Smartphone ausgeschaltet, beschlossen, es gut sein zu lassen, und den kommenden Termin abzuwarten.

Nachdem der Wagen die Kreuzung passiert hatte, fuhr dieser schließlich auf einen der wenigen freien Parkplätze des Gebäudekomplexes. Nicht nur die Kinderarztpraxis war hier beheimatet, sondern auch ein HNO-Arzt und einige andere Dienstleister wie z. B. ein Fitnessstudio waren in diesem Gebäude vertreten.

Nachdem Simon ausgestiegen war, schloss sein Vater den Wagen ab und lief gemeinsam mit seinem Sohn zum Eingang des komplett in knalligem Rot gestrichenen Gebäudes. Da sich die Arztpraxis im Erdgeschoss befand, mussten sie den Fahrstuhl nicht benutzen und konnten so wertvolle Zeit sparen.

„Guten Morgen“, begrüßte die ältere blonde Arzthelferin hinter dem Empfangstresen die beiden freundlich und sah von ihrem Computerbildschirm, auf welchen sie bis gerade eben noch hochkonzentriert geblickt hatte, auf.

„Morgen, wir haben einen Termin um elf Uhr“, nannte sein Vater den Grund für ihr Erscheinen und reichte der Dame unmittelbar danach die Gesundheitskarte seines Sohnes über den Tresen.

„Alles klar, nehmen Sie doch bitte im Wartezimmer Platz. Sie werden dann aufgerufen“, lächelte die Dame und gab Thomas die Karte, nachdem sie diese zuvor in ein Kartenlesegerät gesteckt hatte, wieder zurück.

Im Wartezimmer herrschte reges Treiben. Drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, spielten an einem kleinen Tisch mit Bausteinen und hatten dabei eine Menge Spaß. Einige Erwachsene unterhielten sich leise miteinander oder lasen eine Zeitschrift, welche in großer Auswahl auf einem Tisch in der Mitte des Raumes lagen. Gegenüber von Simon und seinem Vater sah sich eine junge Mutter zusammen mit ihrem kleinen Sohn ein Bilderbuch an und ein älterer Junge, vermutlich der Bruder des kleineren Kindes, schaute irgendein Video auf einem Smartphone.

Um sich die Wartezeit angenehmer zu gestalten, hatte sich Simon ebenfalls sein Smartphone geschnappt und irgendein Spiel, welches er sich vor einiger Zeit heruntergeladen hatte, gestartet. Im Augenwinkel sah er, wie sein Vater in einer Autozeitschrift blätterte und zwischendurch immer mal wieder auf die Wanduhr, welche gegenüber an der grün gestrichenen Wand hing, blickte.

Zwanzig Minuten warteten die beiden bereits und Simon konnte sich immer weniger auf sein Spiel konzentrieren. Er wollte diesen Termin einfach so schnell wie möglich hinter sich bringen und endlich Gewissheit haben, was die Ursache für sein nächtliches Bettnässen war.

„Simon Weber, bitte“, hörte Simon unvermittelt eine weibliche Stimme sagen und blickte, genauso wie sein Vater, zu der Quelle, wo diese herkam. Eine junge Arzthelferin in weißem Kittel stand im Türrahmen des Wartezimmers und scannte den Raum nach der gesuchten Person ab.

„Ja“, sprach Thomas knapp, legte im selben Augenblick seine Zeitschrift, in welcher er bis gerade eben noch geblättert hatte, zur Seite und stand auf. Simon tat es ihm gleich, steckte sein Smartphone weg und folgte seinem Vater und der Arzthelferin in eines der Behandlungszimmer.

Die Türklinke des Zimmers mit einer gelben Drei auf der Türe wurde von der Arzthelferin heruntergedrückt und zum Vorschein kam ein komplett in Dunkelgrün gestrichenes Behandlungszimmer. Langsam setzte sich Simon auf die Patientenliege und ließ seine Beine von dieser herunterbaumeln.

„Dr. Neumann kommt gleich“, erklärte die Dame lächelnd und verschwand genauso schnell wieder, wie sie gekommen war.

Nach einigen Minuten wurde die Türklinke erneut betätigt und der Arzt betrat das Zimmer.

„Morgen“, begrüßte dieser zunächst die beiden und setzte sich auf einen kleinen Rollhocker, welcher unter dem weißen Schreibtisch stand.

„Ich habe gehört, du hast seit neuestem Probleme mit Bettnässen?“, fragte der junge Arzt den Elfjährigen und sah ihn freundlich an.

Zur Bestätigung nickte Simon und zupfte mit seinen Fingern an der Auflage der Patientenliege herum.
Diese Situation war dem Jungen sichtlich unangenehm.

„Wann hat das Bettnässen denn begonnen?“, wandte sich Dr. Neumann nun seinem Vater zu und rückte seinen blauen Kasak zurecht.

„Vor einer Woche“, beantwortete Thomas die Frage.

Nun wandte sich der Mediziner wieder Simon zu.

„Hast du Schmerzen, wenn du zur Toilette gehst?“, stellte dieser ihm erneut eine Frage.

Verneinend schüttelte der Elfjährige den Kopf. Der Arzt stellte seinem Vater nun einige weitere Fragen, wie z. B. zur Trinkmenge oder zur allgemeinen Gesundheit des Jungen.

„Hattest du in letzter Zeit Stress oder belastet dich irgendetwas?“, kam plötzlich die Frage des Arztes, welche Simon sofort seinen kompletten Körper anspannen ließ.

Ja, es gab etwas, was ihn belastete. Dieser merkwürdige Traum von seiner Mutter, welchen er vor einer Woche geträumt hatte und der ihn seitdem immer wieder beschäftigte. Seitdem war sein Schlafanzug jede Nacht nass und er machte wieder ins Bett.

Die Blicke von Vater und Sohn trafen sich und es kam Simon so vor, als würde sein Vater ihn nonverbal fragen, ob es in Ordnung sei, wenn er diese Information dem Doktor mitteilte. Kurz nickte Simon und gab seinem Vater somit die Erlaubnis, diese Frage für ihn zu beantworten.

„Vor einer Woche hatte Simon einen Traum von seiner Mutter, die vor drei Jahren an Krebs gestorben ist und ist schreiend aufgewacht. In dieser Nacht hat er zweimal ins Bett gemacht. Seitdem hat sich daran nichts geändert“, beantwortete sein Vater die Frage und kratzte sich währenddessen nervös am Hinterkopf.

„Wir verfahren jetzt wie folgt. Ich werde dich untersuchen und eine Urinprobe nehmen, das heißt, dass du ein bisschen Pipi in einen Becher machst, um zu sehen, ob eine Erkrankung oder dergleichen vorliegt“, überbrachte Dr. Neumann den beiden die weiteren Schritte und wies Simon anschließend an, sich auf den Rücken zu legen.

Zuvor musste der Junge sein T-Shirt ausziehen. Gründlich fing der Arzt anschließend an, den Bauch des Elfjährigen abzutasten, und war währenddessen hochkonzentriert. Simon fröstelte leicht, als die blauen Handschuhe des Kinderarztes seinen Bauch berührten, und zog für einen kurzen Moment scharf die Luft an.

Um sich etwas abzulenken, hatte Simon sich einen fixen Punkt im Raum gesucht, auf welchen nun seine Augen gerichtet waren. Sein Blick blieb an einer gelben Biene hängen, welche groß an der rechten Wand des Raumes prangte und die Kinder wohl beruhigen sollte, während diese untersucht wurden. Das schien auch bei ihm zu funktionieren. Er hatte zwar keine Angst und es tat auch überhaupt nicht weh, aber das Herumdrücken und Abtasten seines Bauches war trotzdem sehr gewöhnungsbedürftig.

„Keine Auffälligkeiten“, murmelte Dr. Neumann, nachdem er den Bauch des Jungen abgetastet hatte, und wandte sich kurz darauf seinem Vater zu.

„Im Bauchraum und Genitalbereich konnte ich keine Auffälligkeiten feststellen. Ich würde jetzt gerne eine Urinprobe nehmen, welche daraufhin im Labor untersucht wird. Anschließend folgt noch eine Ultraschalluntersuchung“, sprach der Mann im weißen Kittel und drückte Thomas im selben Moment einen kleinen Becher mit einem grünen Deckel in die Hand.

„Die Toiletten sind ganz am Ende des Flures auf der linken Seite. Bitte achte darauf, den Becher nicht randvoll zu machen“, sagte Dr. Neumann und drückte dem Elfjährigen den Becher in die Hand.

Kaum hatte dieser den Becher erhalten, lief er aus dem Zimmer und auf direktem Wege zu den Toiletten. Dort tat er, was ihm aufgetragen wurde. Nachdem sich der Junge die Hände gewaschen hatte, stellte er den gefüllten Becher in die dafür vorgesehene Durchreiche, welche direkt mit dem Labor verbunden war und lief zurück in das Behandlungszimmer mit der Nummer drei.

„Erledigt“, lächelte Simon und war erleichtert, diese Prozedur hinter sich zu haben.

„Sobald die Ergebnisse der Urinuntersuchung feststehen, wissen wir mehr“, sagte er und tippte währenddessen etwas in den Computer ein.

Der Mediziner öffnete, nachdem er sich von seinem Computer abgewendet hatte, die Schublade des Schreibtisches und holte etwas hervor. Auf den ersten Blick sah es für Simon so aus wie ein Stundenplan für Grundschüler, doch als ihm Dr. Neumann besagtes Schriftstück aushändigte, wurde er eines Besseren belehrt.

„Das hier ist ein sogenanntes Trink- und Pipiprotokoll. In die Spalten sollten sie bitte zwei Wochen täglich mit entsprechender Uhrzeit Simons Trinkmenge eintragen. Des Weiteren bitte auch eintragen, ob es zum Einnässen kam. Bei Fragen können sie sich jederzeit melden“, erklärte er dem Elfjährigen sowie seinem Vater, und beide hörten aufmerksam zu.

Thomas nahm das Blatt an sich und überflog das Protokoll kurz.

„Das sollten wir schon hinbekommen“, sagte Thomas wissend.

„Sehr schön. Eine Kollegin wird sie jetzt zur Ultraschalluntersuchung bringen. Ein Kollege wird dann die Untersuchung durchführen“, verabschiedete der Arzt die beiden und öffnete die Türe.

Eine Arzthelferin brachte die beiden anschließend in einen separaten Raum. Dieser war kleiner und schlichter eingerichtet als das Behandlungszimmer.

„Dr. Hansen kommt jeden Moment“, erklärte die Schwester anschließend und verließ das Zimmer wieder.

Einige Minuten später öffnete sich die Türe und der Arzt betrat den Raum. Nach der Begrüßung und der Erklärung der Untersuchung wurde Simon gebeten, sich auf die Behandlungsliege zu legen und, genau wie zuvor, sein T-Shirt auszuziehen.

Eine merkwürdige Paste wurde nun auf seinem Bauch verteilt und ein Gerät fuhr langsam über Simons Bauch. Auf dem Monitor konnte Simon das Innere seines Bauches sehen, auch wenn er nicht wirklich viel erkennen konnte.

„So, du hast es geschafft. Ich konnte nichts Auffälliges feststellen. Alles in Ordnung“, beendete der Arzt die Untersuchung und wischte Simon den Bauch sauber.

Erleichtert atmete der Junge aus und richtete sich, als alles sauber war, wieder auf. Nachdem Simon sich angezogen hatte, klopfte es an der Türe und eine Arzthelferin kam herein. Laut dem Test gab es auch hier keine Auffälligkeiten, es schien alles in Ordnung zu sein.

Der Mediziner verabschiedete sich kurz darauf von ihnen und es wurde gebeten, nach zwei Wochen in der Praxis anzurufen, um das Protokoll zu besprechen.

Beide verließen anschließend die Praxis und liefen zum Auto. Während Thomas mit seinem Sohn über den Parkplatz lief, grübelte er. Die Untersuchungen waren alle ohne Befund. Körperlich schien mit seinem Sohn alles in Ordnung zu sein. Ein gutes Zeichen also. Somit musste der Traum, welcher sein Sohn vor einer Woche geträumt hatte, wohl der Auslöser sein.

Thomas beschloss, seinen Sohn in den nächsten Tagen genauer zu beobachten.

Eine kühle Brise wehte und brachte eine leichte Abkühlung an diesen, wieder einmal fast heißen Sommertag. Der Wind brachte sogar die Äste der Bäume, welche das Areal umgaben, dazu, sich leicht mit dem Wind mitzubewegen. Eine Seltenheit, wenn man bedachte, dass in den vergangenen Tagen Wind zu einer Rarität geworden war.

Thomas hatte gerade den Wagen entriegelt, als plötzlich dessen Smartphone zu klingeln begann. Der Witwer nahm das Gerät aus seiner Hosentasche und blickte auf das Display. Er nahm den Anruf anschließend an und hielt sich das Gerät an sein Ohr.

„Hallo Mama, was gibt’s?“, hörte Simon seinen Vater fragen und wusste sofort, wer am anderen Ende der Leitung zu hören war. Seine Oma.

Der Elfjährige bekam nur einige Wortfetzen der Unterhaltung zwischen den beiden mit. „Nein, kein Problem“ und „Können wir machen“ waren nur einige davon.

„Bis gleich, sind in fünfzehn Minuten da“, waren die letzten Worte von Thomas, bevor dieser schließlich den Anruf beendete und selbiges wieder in die Hosentasche steckte.

„Hast du Lust, mit mir und Oma in das Gartencenter zu gehen?“, fragte Thomas seinen Sohn, nachdem der Junge die Hintertür des Wagens geöffnet hatte und sich in seinen Kindersitz gesetzt hatte.

„Ja, gerne“, sagte Simon und schloss seinen Sicherheitsgurt.

Thomas startete anschließend den Motor des Wagens, manövrierte diesen geschickt aus der Parklücke und fuhr wenig später auf die Kreuzung.

—————-‐‐—‐—‐—————–

Das gelbe Rosenfurter Ortsschild, welches der Kleinwagen gerade eben passierte, machte Simon deutlich, dass sie bald an ihrem Ziel ankommen würden. Nachdem der Wagen schließlich die Ortseinfahrt und die Kirche hinter sich gelassen hatte, kam dieser an einem alten Backsteinhaus zum Stehen.

Graue Fensterläden waren an den Fenstern angebracht und machten somit deutlich, dass es sich um ein älteres Haus handeln musste. Eine kleine Scheune, deren Tor geschlossen war, stand in einigen Metern Entfernung und eine holzfarbene Bank lud zum Verweilen vor dem Hauseingang ein.

Die Großeltern waren früher Eigentümer eines kleinen Hofladens in dem Ort gewesen und steckten bis vor einigen Jahren ihr ganzes Herzblut in diesen Laden. Auch mit über siebzig Jahren stand Brigitte noch hinter der Theke und hielt den Laden in Schuss. Selbst Thomas hatte, wenn am Wochenende sehr viel Betrieb war, mitgeholfen.

Nun, fünf Jahre später, hatte sich alles geändert. Mit dem Tod ihres Mannes hatte die rüstige Dame schwer zu kämpfen und kam nie richtig über den Verlust ihres Gatten hinweg. Nachdem die Umsätze des Ladens schließlich mehr und mehr einbrachen und die Verbindlichkeiten zunahmen, musste die Witwe schließlich ihren geliebten Hofladen schließen.

Seitdem lebte die Dame nun alleine in ihrem Eigenheim und pflegte dieses, auch in ihrem Alter noch vorbildlich. Beachtlich, fand Simon.

Kaum hatte Simon die Hintertüre des Wagens geöffnet, sprang er aus dem Auto, lief mit schnellen Schritten zur Haustüre und betätigte den Summer.

Einige Sekunden regte sich nichts, doch dann wurde die Haustüre geöffnet und eine ältere Dame erschien im Türrahmen und schloss, kaum hatte sie ihren Enkel erblickt, diesen in ihre Arme.

„Oma, ich kriege keine Luft“, witzelte der Elfjährige und löste sich nach einer innigen Umarmung seiner Großmutter wieder von ihr.

„Hallo Mama“, begrüßte Thomas anschließend seine Mutter und wurde, genauso wie zuvor sein Sohn, in eine Umarmung gezogen.

„Kommt doch erstmal rein. Ich bin gleich soweit“, sagte Brigitte, schloss die Haustür und lief ins Haus. Thomas und Simon folgten ihr.

Die Einrichtung wirkte für Simon wie eine Reise in eine vergangene Zeit. Im Wohnzimmer standen z. B. eine ältere Couch und ein Teppich sowie eine Wohnwand mit einem kleinen Fernseher, die den Eindruck bestätigten.

Im ganzen Haus roch es leicht nach Holz und der Holzboden knarrte bei jedem Schritt. In jedem Zimmer standen außerdem viele Erinnerungsstücke sowie Antiquitäten und gaben dem Haus somit eine ganz eigene, persönliche Note. Das Haus seiner Großmutter wirkte für Simon fast wie ein Museum.

„Wir können los“, sagte Brigitte nach einiger Zeit, schulterte ihre Tasche und stand abfahrbereit im Flur.

Ungefähr dreißig Minuten später parkte der Wagen von Thomas auf einem der Parkplätze des Gartencenters.

„Wir brauchen doch bestimmt einen Wagen, oder?“, fragte Simon seinen Vater. Kaum war der Motor abgestellt, hatte er sich abgeschnallt und war bereits im Begriff, die Hintertüre zu öffnen.

„Ja, hier hast du den Chip“, lächelte Thomas und gab seinem Sohn sogleich den Chip, mit welchem man einen Einkaufswagen erhielt.

„Bin gleich wieder da“, erklärte der Junge, sprang aus dem Wagen und machte sich auf den Weg, einen Einkaufswagen zu beschaffen.

Schnell hatte Simon den grauen Chip in den Schlitz des Einkaufswagens geschoben und lief mit diesem zurück zum Auto.

„Das ist ja ein Service“, lachte Brigitte und wuschelte ihrem Enkel durch dessen Haare.

„Oma“, quittierte dieser ihre Aktion ein wenig genervt und strich sich sogleich seine Haare wieder zurecht. Der Fast-Teenager konnte es nämlich absolut nicht leiden, wenn jemand seine Frisur durcheinanderbrachte.

Seiner Großmutter entlockte die Reaktion ihres Enkels ein verschmitztes Lächeln.

Gemeinsam betraten sie das Geschäft und liefen, ohne den anderen Abteilungen Beachtung zu schenken, auf direktem Wege in die Gartenabteilung. Eine Mischung aus feuchter Erde, warmer Luft und dem typischen Pflanzengeruch stieg Simon, kaum hatten sie die Gartenabteilung betreten, in die Nase und sorgte für eine Geruchsexplosion in dessen Geruchsapparat.

Immer mehr Blumen, von Gerbera bis Hortensien, wanderten in den Einkaufswagen und es ging schneller voran, als Simon gedacht hatte.

Der Junge sah sich gerade interessiert die verschiedenen Blumen an, welche in einer großen Auswahl in der Auslage standen, als ihn plötzlich etwas an seinem Schuh berührte. Erschrocken blickte er auf seine Füße und sah ein pelziges Tier, welches neugierig an seinem Schuh schnupperte, und musste kichern.

Eine schwarze Katze hatte sich direkt neben ihn gesetzt und sich wohl entschieden, ihm Gesellschaft zu leisten.

„Na, du“, lächelte Simon, kniete sich hin und fing an, die Katze zu streicheln. Schnurrend hatte sich die Katze anschließend hingesetzt und schien die Aufmerksamkeit, welche ihr in diesem Moment gewidmet wurde, sichtlich zu genießen.

Eine ganze Weile kniete er schon auf dem Fußboden, streichelte die Katze und beobachtete die Leute, welche an ihm vorbeiliefen. Das Geschäft war, wie eigentlich immer, wenn er mit seinem Vater hier einkaufen war, gut besucht.

Die Beliebtheit schien kein Zufall zu sein, schließlich gab es hier ein großes Sortiment an Gartengeräten, Tierbedarf und noch einige andere Dinge zu kaufen.

„Lucy scheint dich zu mögen. Normalerweise ist er meistens schüchtern“, nahm der Junge plötzlich eine Stimme wahr, welche er ohne jeden Zweifel einer Frau zuordnen konnte.

Simon hob seinen Blick und sah, wie ihn eine Verkäuferin anlächelte. Die Dame trug eine dunkelgrüne Weste mit dem Logo des Marktes darauf und hatte ihre braunen Haare zu einem Zopf zusammengebunden.

„Wo sind denn deine Eltern?“, kam prompt die Frage und ließ Simon in der Bewegung innehalten.

Gute Frage. Suchend sah er sich um, konnte aber weder seine Oma noch seinen Vater irgendwo entdecken.

Blitzartig kam dem Jungen sein Smartphone in den Sinn, welches er in der Hosentasche hatte. Er könnte seinem Vater einfach eine kurze Nachricht schreiben oder ihn, wie vor einigen Tagen, als er Noah im Möbelhaus kennengelernt hatte, anrufen. Gute Idee.

Nachdem der Junge die beiden Hosentaschen erfolglos nach dem Gerät durchsucht hatte, musste er feststellen, dass er es nicht dabei hatte. Simon hatte das Gerät, damit es im Sitzen nicht störte, wie immer in die Getränkehalterung des Wagens gelegt und dieses, ganz zu seiner Verwunderung, dort liegenlassen.

Ausgerechnet jetzt hätte er es dringend gebraucht. Damit hatte sich das Thema wohl erledigt.

„Ähm“, stammelte er unsicher und dachte einen Augenblick nach.

Zuletzt waren sie in der Gartenabteilung gewesen. Demzufolge müssten sie also entweder noch immer hier irgendwo sein oder schon Richtung Kasse gegangen sein.

„Wo hast du sie denn zuletzt gesehen?“, versuchte die Frau, mehr Informationen zu erhalten, und kniete sich schließlich zu dem Jungen hin.

Simon erklärte ihr, wo er die beiden zuletzt gesehen hatte.

„Okay, wollen wir deinen Papa und deine Oma mal suchen?“, schlug die Dame vor und brachte den Jungen dazu, innerlich zu schmunzeln. Die Verkäuferin schien ihn wohl für jünger zu halten, als er in Wirklichkeit war.

Normalerweise wäre der Elfjährige jetzt aufgestanden, hätte der Verkäuferin versichert, dass er schon zurechtkäme, und wäre auf eigene Regie suchen gegangen. Doch diesmal hielt ihn etwas davon ab, genauso zu handeln.

Stattdessen nickte der Junge energisch mit dem Kopf, um so der Dame zu signalisieren, dass er damit einverstanden war.

„Dann komm mal mit, junger Mann“, lächelte diese und lief mit ihm los.

Ganz im hintersten Winkel im Außenbereich, bei der Blumenerde, konnte Simon plötzlich zwei Personen erkennen, welche sich mit einem Verkäufer unterhielten.

„Da sind sie“, erklärte er der Verkäuferin, nachdem er sich vergewissert hatte, dass es sich auch wirklich um seinen Vater und seine Oma handelte, und blieb stehen.

„Sicher?“, fragte die Dame anschließend und sah ihn an.

Wieder nickte Simon.

„Na, dann ist ja alles noch einmal gut gegangen. Aber bleib bitte in Zukunft bei deinem Papa in der Nähe, okay?“, erklärte sie.

„Ja“, antwortete Simon anschließend einsilbig, winkte der Verkäuferin kurz zu und lief eilig zu seinem Vater und seiner Oma.

„Wo kommst du denn her, Großer?“, stieß dieser verwundert aus und schien wohl jetzt erst mitbekommen zu haben, dass sein Sohn weg war.

„Habe mir die Blumen angesehen“, kam es möglichst cool von ihm und Simon konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

Die Verkäuferin hatte ihn wie ein Kindergartenkind behandelt und ihm ihre ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Seit dem Tod seiner Mutter kam es äußerst selten dazu.

Sein Vater war meistens mit seiner Arbeit beschäftigt und hatte auch sonst viel um die Ohren. Simon konnte spüren, dass sein Vater, genauso wie er, noch immer nicht über den Tod seiner Mutter hinweggekommen war, und versuchte, so gut es ging, für seinen Sohn da zu sein. In der Zwischenzeit hatte Simon gemerkt, dass seinem Vater eine Auszeit mal guttun würde, und hatte aus diesem Grund auch direkt zugestimmt, als er heute Morgen beim Frühstück von dem Konzertbesuch, zu welchem sein Onkel ihn eingeladen hatte, erfuhr.

Um ihn musste sein Vater sich keine Sorgen machen. Er würde den einen Tag Abwesenheit schon verkraften und freute sich insgeheim schon auf eine Übernachtung bei Luan, welche mittlerweile beschlossene Sache war.

„Hallo, Erde an Simon“, hörte er plötzlich eine bekannte Stimme sagen und erblickte eine wedelnde Hand vor seinem Gesicht.

Der Junge war wieder einmal völlig in seinen Gedanken versunken und schien die Ansprache seines Vaters nicht bemerkt zu haben.

„Wir haben alles“, wiederholte Thomas noch einmal und schien wohl bemerkt zu haben, dass sein Sohn bis gerade in seinen Gedanken versunken war.

„Ähm, ja, sorry“, erwiderte er und räusperte sich.

Einige Augenblicke später setzten sich alle in Bewegung und liefen mit dem vollen Einkaufswagen zur Kasse.

Gekonnt schloss Simon schließlich den Kofferraum, nachdem die letzten Blumen in den Kleinwagen verladen worden waren, und wischte sich seine mittlerweile schwitzenden Hände am T-Shirt ab.

Ein Grummeln, welches sein Magen verursachte, machte Simon darauf aufmerksam, dass es so langsam mal Zeit war, etwas zu essen. Kurz nach Dreizehn Uhr war es, laut der Armbanduhr seiner Oma, bereits und damit höchste Zeit für eine Nahrungsaufnahme. In einem nahegelegenen Schnellimbiss hatten die Drei schließlich etwas zu essen zu sich genommen und befanden sich nun, einige Zeit später, wieder auf dem Weg zum Haus von Oma Brigitte.

„Bis bald, Oma“, verabschiedete sich Simon, nachdem sie die Einkäufe ins Haus gebracht hatten, schließlich von ihr und umarmte sie, wie bereits zuvor, fest.

„Bis bald, Großer“, erwiderte die Dame und winkte ihnen, nachdem sie losgefahren waren, noch hinterher.

—————-‐‐—‐—‐—————–

Nun, einige Stunden später, saß Simon in seinem Zimmer und las an seinem Buch weiter. Er hatte gerade ein neues Kapitel begonnen, als er durch das Klopfen an seiner Zimmertür unterbrochen wurde.

„Simon, kann ich reinkommen?“, bat sein Vater um Erlaubnis, sein Reich zu betreten, und betrat, nachdem ihm sein Sohn hereinließ, das Zimmer.

„Was gibt’s?“, erkundigte sich Simon.

Kaum hatte Thomas die Zimmertür geschlossen, legte er sein Lesezeichen auf die angefangene Buchseite des Jugendromans und schloss diesen. „Wir müssen mal reden. Wegen dem Bettnässen“, kam sein Vater direkt auf den Punkt und brachte seinen Sohn dazu, sich abrupt in eine aufrechte Position zu setzen.

Wieso wollte sein Vater mit ihm darüber sprechen? Sie mussten ja erst einmal die Untersuchung seines Urins abwarten und ansonsten war doch eigentlich alles geklärt. Es gab also eigentlich keinen Grund dazu.

„Du hast vielleicht selbst gemerkt, dass wir immer das Bett neu beziehen müssen und zudem deine Schlafanzüge so langsam knapp werden“, versuchte Thomas, ihm ruhig zu erklären.

Das tägliche Waschen seiner Bettwäsche gehörte schon so gut wie zum Alltag und ein frischer Schlafanzug war in den vergangenen Tagen nur äußerst selten in seinem Kleiderschrank zu finden gewesen.

„Ich habe da einen Vorschlag, den ich mit dir besprechen will. Entscheiden darfst und musst das aber du. Du bist ja schon groß. Das Bett beziehen und waschen ist ja trotz der Bettschutzeinlage ziemlich Aufwand und im nassen Bett aufzuwachen, ist sicher auch nicht schön. Du könntest vorerst mal nachts Windeln anziehen. Falls wir das ausprobieren, ist das auch nicht in Stein gemeißelt. Wenn es sich für dich schlimmer anfühlt als ein nasses Bett, können wir es auch wieder lassen. Wenn es dir lieber ist, kann ich die auch alleine kaufen fahren und ich kann auch extra in den Nachbarort fahren, damit mich niemand sieht, der uns kennt. Die gibt es auch für größere. Du bist nicht der Einzige mit dem Problem“, erklärte Thomas abschließend.
Tausende Zahnräder fingen an, in seinem Kopf mit Hochdruck zu arbeiten.

„Okay“, hörte er sich nun selbst sagen und kratzte sich nachdenklich an der Nase.

Unter normalen Umständen hätte der Elfjährige jetzt protestiert und seinen Vater gefragt, ob er noch ganz bei Trost sei. Er war schließlich schon elf und kein Kleinkind mehr.

Aber es waren keine normalen Umstände. Ja, die nassen Schlafanzüge störten ihn und die Wäscherei war auch nicht gerade der Hit. Es hatte also nur Vorteile, nicht nur für ihn, sondern auch für seinen Vater.

Nachteile? Konnte er auf die Schnelle keine feststellen. Er musste nur aufpassen, dass es niemand außerhalb seiner Familie herausfand. Seine Freunde würden ihn sowieso nicht verraten, Luan schon zweimal nicht, und ansonsten hatte er nicht so viele Kontakte. Zumindest wenn man den täglichen Schulbesuch ausklammerte.

Er war also eigentlich auf der sicheren Seite.

„Sehr schön. Dann mache ich jetzt noch schnell einen Abstecher in den Drogeriemarkt“, sagte Thomas und stand auf.

Der Motor des Wagens wurde einige Zeit später gestartet und Simon hörte, wie sein Vater losfuhr.

Das konnte noch heiter werden, dachte er sich und widmete sich wieder seinem Buch.

Autor: Littleboy99 | Eingesandt via Formular

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