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Das was bleibt (8)

27/04/2026 0 comments Article Gemischt Soe Lückel
This entry is Teil 8 von 8 in the series Das was bleibt
Windelgeschichten.org präsentiert: Das was bleibt (8)

DAS WAS BLEIBT

Was andere in uns sehen wollen,
ist nicht wirklich das, was wir sein wollen.

KAPITEL VIII

# FREITAG -TEIL III & IV

Diese Geschichte ist für all die, die nur ein bisschen träumen. Oder die nicht besonders oft träumen. Oder die sich nicht mehr so recht erinnern können, wie sich Träume anfühlen. Eigentlich ist es für uns alle hier.
Denn wir alle glauben immer noch, dass das Träumen nichts für uns ist.

So geht es Jule und auch Anne, die beiden ungleichen, mutigen Heldinnen, die weder sich selbst noch ihre momentane Lebensphase so richtig leiden können.
Sie ist für uns alle, denen es nicht gefällt, sich so zu fühlen.

Jule und Anne lernen das in dieser Geschichte durch eine zufällige, wundersame Begegnung. So belebend wundersam, dass sie selbst kaum daran glauben können.

Eine Erzählung über Umwege und eigene Wege. Und über das Suchen, Finden und Werden.

Aber vielleicht lest ihr selbst und allen viel Spass dabei. ………..Soe

*****************************

Freitag 02.April 1982

#KAPITEL VIII

Anne hatte bereits telefonisch in der Bäckerei „Töne“ Kuchen für den Nachmittag mit Silke vorbestellt, da sie wusste, dass sie heute aufgrund der Termine keine Zeit haben würde, selbst einen frischen gedeckten Apfelkuchen zu backen.

* * * * *

…….sechsundzwanzig Sekunden später musste Anne mich wieder zurück auf das raue Kopfsteinpflaster absetzen.

Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen schoss. Rasch überlegte ich mir, wie ich meine letzte Chance und die falsche Ausführung lustig verpackt Anne andrehen konnte. Kurz darauf überkam mich das schlechte Gewissen, weil ich Anne eigentlich nicht anflunkern wollte. So oder so würde mein dritter Versuch mich wieder nicht ans Ziel führen und ich würde das nächste Mal bestimmt nicht noch einmal so einfach und ungeschoren davon kommen.

Die Sonne hatte noch nicht die Kraft durch die Aprilwolken zu blinzeln, als ich im Augenwinkel sah, dass Anne sich tief zu mir runter beugte. Ich überrumpelte Anne noch bevor sie mich danach fragen konnte, „da steht Schwanensee“, jubelte ich sie mit meiner letzten verzweifelten Eingebung an. Ihr Prusten konnte Anne genau so wenig unterdrücken wie ihr ausuferndes herzhaftes Lachen, was auf meinen letzten Versuch folgte. Verblüfft mit aufgerissenen Augen fragte Anne mich: „Woher bitte kennst du denn Schwanensee?“ Ich mag Ballett und Tanzen; war meine kurze Antwort. Anne aber ahnte bestimmt auch, warum ich drei Fehlversuche hatte oder sie besaß den natürlichen Instinkt einer erfahrenen Mutter, um zu wissen, dass meine Ausflüchte anscheinend einen ernsteren Hintergrund hatten. Sag mal: „Kannst du so schlecht sehen oder klappt das mit dem Lesen noch nicht so recht“? Nein, nein, nein…. ich konnte Anne doch nicht offen sagen, dass es vielleicht sogar an beidem liegen konnte. Ich beließ es bei einem leichten Schulterzucken. Den Kloß, den ich die ganze Zeit im Hals stecken hatte, musste ich runter schlucken.

Die Apotheke sah von außen wie eine kleine Schatztruhe aus – nur eben aus Holz und Lehm, und sie stand mitten in Adersloh, direkt gegenüber der Kirche, die einen 60 Meter hohen schiefen Turm besaß. Es sah so aus, als wenn er jeden Moment umfallen könnte.

Da steht ganz groß Schwanen Apotheke – ANNO 1784 geschrieben, grummelte Anne und schluckte verlegen. Anne verschränkte ihre Arme und ihren zuckenden Mundwinkel, konnte ich ansehen, dass Anne mir bald diese kleinen Spielchen und Tricksereien nicht mehr durchgehen lassen würde. „Du kleine Hexe“, sagte Anne und knuffte meine linke Wange. Mit einem Aua!“, beschwerte ich mich gespielt. Ich wartete noch ab, ob sie mir noch mehr über Juttas Apotheke erklären und erzählen wollte. Anne zeigte und las mir vor, was als Inschrift auf dem Eichenbalken über dem Apothekeneingang stand.

ANNO 1784 „NEID BRINGT KEIN BROT UND GESUNDE“.

Mein Herz schlug schneller und ich hatte dolle Bauchschmerzen – wusste aber nicht, ob es vom Zäpfchen oder von meiner ungenügenden Leistungen her kam. „Was heißt das denn?“ ,fragte ich vor lauter Aufregung. „Willst du dich schon wieder drücken?“, neckte mich Anne mit einem sehr ernsten Blick. Anne zog ihre Augenbraue hoch und meinte: „Das ist eine ganz alte Tradition hier in Adersloh, weil hier sehr viel Wald war und man so schneller Häuser bauen konnte. Das Anno 1784 sagt nur aus, dass die Apotheke 1784 gebaut worden ist. Früher hatte fast jede Region, oder sogar jedes Dorf seinen eigenen Dialekt. Der Satz erklärt dir, dass, „Neid nicht satt macht und keine Gesundheit bringt.“

Bevor ich’s vergesse, Jule: „Wir müssen unbedingt die nächsten Tage schauen, ob du nicht doch eine Brille brauchst, oder ob es nicht sogar andere Gründe dafür gibt, dass du das nicht lesen kannst.
Ich konnte Annes Enttäuschung in ihrem Gesicht ablesen. „Ist gut, Jule.“, sagte Anne und deutete stumm an, dass wir jetzt besser reingehen sollten.

Ich wusste, das Anne trotzdem nie ihre Stimme erheben würde. Ganz im Gegensatz zu meiner Stiefmutter die ständig auf der Eskalationsstufe „Zehn“ stand und immer direkt überkochte. So wie ich Anne einschätzte war ich mir sicher, dass diese Themen nicht das letzte mal auftauchen würden.

Ich bedachte die Situation vor Juttas Apotheke jetzt einfach neu, um nicht wieder so überrascht und naiv dazustehen. Anne holte mich mit den Worten: „Lass uns jetzt bitte reingehen, Jule!“, aus meinen Gedanken. Das half mir jetzt erst einmal, um mich aus weiteren unangenehmen Nachfragen zu stehlen, die restliche Angst zu verdrängen und zu glauben, dass es für Anne erst einmal okay war. Mit jedem Schritt, den wir Richtung Eingangstür machten, fühlte ich mich ein bisschen unwohler.

Die Apotheke von Jutta wirkte von außen wie eine kleine Schachtel Pralinen, nur das sie aus buntem Holz bestand und an vielen Ecken etwas anderes zu entdecken war. Ich war mir ganz sicher, dass Sie bestimmt sowieso bald umkippte. Für mich war das schon jetzt klar, denn wenn ich meine bunten Bauklötze so schief stapel fallen meine Türmchen natürlich ständig um. Ich hatte tatsächlich Angst und Bedenken, in die baufällige Apotheke zu gehen. Jule komm jetzt bitte, ich bin schon ganz gespannt darauf, was Jutta für uns so wichtiges hat. Am Telefon hörte es sich schon sehr, sehr wichtig und dramatisch an, was sonst überhaupt nicht Juttas Art ist.“ Ich werfe noch mal einen Blick zurück auf den Marktplatz, wobei ich am liebsten so schnell und unerkannt, wie das Kätzchen heute Morgen, davon gesprungen wäre.

Als wir am Eingang zur Apotheke standen, staunte ich nicht schlecht, vor mir war sehr viel Glas. Ich hatte bisher noch nie eine so große Eingangstür aus Glas gesehen. Selbst die großen Spiegel im Spiegelpalast, die jedes Jahr auf unserer großen Stadtkirmes aufgestellt wurden, waren nicht einmal halb so groß und sauber. Bevor wir zu Jutta in die Apotheke gingen, hielt mich Anne noch am Arm zurück, um zu schauen, ob auch alles ordentlich an mir saß. Als das Kleid von mir glatt gezogen und durch einige kleine Handgriffe so zurechtgerückt war, dass alles ordentlich passte, drehte ich mich wieder zur großen Glaseingangstür um, die wie ein großer Spiegel wirkte, und betrachtete mich nachdenklich.

Anne öffnete mir die schwere große Glastür zur Apotheke, dabei prüfte sie noch einmal, ob bei mir auch wirklich alles richtig saß, und streichelte mir kurz über den Kopf. „Alles gut?“ fragte sie leise. Ich nickte, noch immer mit den Bildern von Schwanensee, und der Prinzessin im Kopf – die nur durch wahre Liebe aus dem Bann des bösen Zauberers erlöst werden konnte.

Ich holte tief Luft und krallte meine Finger fest in den Feinkordsaum meines Kleidchens, um für die neue Situation vorbereitet zu sein.

Wenn man sich heute in Juttas Apotheke umschaut, wirkt sie wie ein Vorgestern im Gestern. Die vielen braunen Apothekerflaschen, der schwarz-weiße Boden im Schachbrettmuster, schienen viele Erinnerungen zu bewahren, ohne Sie erzählen zu wollen. Alles wirkte wie in einem historischen Roman oder alten Märchenfilmen. Da gab es viele alte Bilder von vergangenen Zeiten im Dorf, in der Umgebung an den Wänden, zwischen klobigen, dunklen Holzvitrinen und dem abgenutzten Tresen erzählten Sie viele Geschichten, aber nicht laut – und genau darin lag das unheimlich erdrückende und faszinierende für mich.

Hier begegneten sich Vergangenheit und Gegenwart in einem ungewöhnlichen Gleichgewicht. Als erstes nahm ich den unangenehmen, beißenden Geruch war, den ich auch aus meinen unzähligen Klinikbesuchen her noch kannte.

Anne zog mich weiter bis zur gefüllten, massiven Verkaufstheke, als Jutta gerade hinten aus einem unbeleuchteten Flur auftauchte. Ihre himbeerroten Lippen zogen sich über ihr ganzes Gesicht. Anne und Jutta begrüßten sich überschwänglich und umarmten sich dabei sehr innig.

„Schön dass du auch mitgekommen bist, Honey.“ Freudig streichelte mir Tante Jutta über meinen Oberarm, während sie ihre andere Hand sanft auf meiner anderen Schulter ablegte. „Bestimmt wird es dir hier bald langweilig werden, wenn ich mich mit Anne unterhalte. Weniger langweilig ist es dir bestimmt im Wintergarten. Jette hat mir heute wieder ihre beiden Mädels aufs Auge gedrückt. Ich finde du solltest besser auch mit mir nach hinten zu Yala und Juna gehen, um zusammen mit ihnen zu spielen. Anne stand abwartend neben mir auf dem schwarz-weißen alten Fliesenboden und legte ihre Hände haltend auf meine Schultern, weil sich noch weitere Kundinnen in der Apotheke aufhielten, um sich Rat und Hilfe zu holen.

Ich hörte noch im umdrehen, wie die alte Frau Schade (Nachbarin) sich mit einer ihrer genauso betagten Freundinnen– einer gebeugten Frau mit Schirmstock und Dauerwelle– zusammen tuschelten. „Also, ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass „Saffy“ schon eine Enkelin hat. Ihre beiden Mädchen Marie und Sophie waren noch nie so verhuscht und leichtgläubig wie die vielen anderen Dorfgören. Zumindest habe ich bisher auch noch nie beobachten können, dass Marie oder Sophie bei Kurzbesuchen Männer mitgebracht haben. Und von meinem Küchenfenster kann ich immer direkt auf die Auffahrt von den Schneiders schauen. Du kannst mir glauben, Lieselotte, mir entgeht dabei nichts – prahlte Frau Schade ungeniert weiter.

Der Verkaufsraum wirkte ziemlich beengt, es war gerade mal genug Platz für eine Handvoll Kunden, die kaum Raum vor einem massiven, langen dunklen Tresen hatten. Hinterm Tresen bedienten und hantierten zwei junge Frauen, beide um die dreißig. Sie bedienten die beiden betagten Frauen in steifen, weißen, hoch geknöpften Kitteln. Die älteren Damen, unterhielten sich noch aufgeregt weiter, als wir schon eine Weile auf Jutta warteten. Wir bekamen nur noch das Ende mit. …“in so einem Alter, sich noch ein kleines, krankes Pflegekind ins Haus zu holen.“

Gestern Abend stand doch wirklich noch der Apotheken-Notdienst fälschlich bei mir vor der Tür und wollte bei mir starke Medikamente – eine ganze Tüte voll, abgeben. Ich war gerade dabei, zu Abend zu essen. Wer bitte schön stört zu einer solchen Unzeit? Also wirklich! Stell dir mal vor Lieselotte. So was passiert eben nur, wenn so junge Witwen sich langweilen und meinen, unglückliche Kinder aus gescheiterten Ehen erziehen zu wollen. Ihre leiblichen, eigenen Töchter kommen nur noch ganz, ganz selten auf Besuch…“ Sie stockte, als sie uns bemerkte.

Die letzten Worte konnte Anne gar nicht genau verstehen, denn genau in dem Augenblick dröhnten die wilden Jungs auf ihren Mopeds wieder über den Marktplatz – und das ziemlich laut. Hatte sie gerade wirklich „………junge Witwen sich langweilen und meinen unglücklichen Kinder aus gescheiterten Ehen erziehen zu wollen……… “ verstanden? Anne schluckte ihre Verärgerung einfach runter und begrüßte ihre Nachbarin ohne Groll. „Guten Morgen Frau Schade, es ist schön, sie wieder so mobil und aktiv nach ihrem Krankenhausaufenthalt zu erleben.“

„Hallo Saffy.“, grüßte die alte Dame kurz und knapp zurück.

Aus meinem inneren Bedürfnis heraus nahm ich zwei Ecken von meinem Kleid zwischen meine Finger und deutete einen schönen Knicks an. Das hatte ich bisher noch nie selber gemacht, aber das ein oder andere Mal in den alten „Sissi“ und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel-Filmen“ gesehen: was mir immer unheimlich gut gefallen hat.

Außerdem hatte ich das Gefühl, dass das hier jetzt total richtig und angebracht war. „Ja, das ist ja mal eine sehr elegante, süße und hübsche Begrüßung.“ , wunderte sich Jutta und streichelte mir mit der Handaußenfläche über meine Wange. „So etwas sieht man ja leider heute nicht mehr – mischte sich die ältere Dame mit dem Schirmstock ein. Dass ich sowas noch erleben darf! Saffy, da kann ich dir ja nur gratulieren, dass du eine so gut erzogene Nichte hast.“

* * * * *

„Also, der Wintergarten – wo Yala und Juna spielen, ist dort hinten“, erklärte mir Jutta mit einem Zwinkern. Ich bring dich lieber mal schnell rüber……hmm Jule, denn die beiden Mädels sind öfters ziemlich zickig und wild, wenn sie zusammen spielen. „Dass was Anne und ich jetzt gleich zusammen besprechen ist für dich weniger interessant und so was von langweilig – nichts für Kinder!“ Ich wollte mich einfach nur an Anne festhalten, um nicht ganz allein in eine fremde unbekannte Welt zu müssen.

Mein Blick hoch zu Anne war flehend, ängstlich und voller Unsicherheit. „Bitte, Anne, kann ich nicht doch hier bei dir bleiben. Ich habe Angst, flüsterte ich leise, während meine Hände zitterten.
Anne kniete sich zu mir runter, nahm meine Hände in ihre. „Jule, du brauchst überhaupt keine Angst zu haben. Ich bin ja hier, und ich werde immer bei dir sein. Niemand wird dich auslachen, du bist so wundervoll, so wie du bist.“

Ich hatte riesige Panik vor der neuen Situation, mit fremden Kindern alleine spielen zu müssen.
„Ich will lieber hier bei dir bleiben“, quengelte ich weiter. Die mögen mich bestimmt nicht, weil die ja schon viel älter sind und mich wegen meiner Windeln auslachen,“ murmelte ich leise, mit Tränen in den Augen. Anne zog Jule sanft in den Arm und flüsterte: „Du bist einzigartig und liebenswert, egal was andere sagen.“

Wir werden gemeinsam durch diese neue Welt gehen, und ich werde immer für dich da sein. „Du bist nicht allein.“ Jutta nickte Anne zu und machte auch mir Mut. Anne hat recht und versprochen, wir brauchen nicht so lange. „Können wir gehen?“, fragte Jutta und reichte mir ihre Hand.

Jutta sperrte eine bogenförmige Tür, die nach hinten führte für uns auf, und wir betraten einen kleinen Flur mit Balken an der Decke und freigelegten Dielen auf dem Boden. Während wir auf den Wintergarten zugehen, kann ich meinen Blick nicht von den Wänden lösen. Das hier war ein Traum für eine Familienromantikerin wie mich. An der Wand rechts von mir reihten sich Bild an Bild, immer ähnliche Aufnahmen nur andere Jahre und Jahreszeiten.

Die älteren Bilder zeigten Jutta mit ihren beiden Kindern, ganzer Familie oder mit einer ihrer Enkelinnen. Auf den jüngeren Bildern sah ich fast immer eine schlanke, hochgewachsene Blondine, meistens mit einem oder zwei Mädchen in lächelnden, ausgelassenen Situationen. Mal ein Sommerfoto am Strand mit Kinderwagen und laufender Tochter, dann ein Herbstbild mit zwei Mädchen, die überglücklich ihre gebastelten Laternen hoch hielten. Oder auch bunte Osterbilder mit gefüllten kleinen Körbchen, die mit Eiern und Schokolade gefüllt waren. Leuchtende Tannenbäume mit Geschenken drunter und staunenden Kindern.

Auf der anderen Seite war eine Art Durchreiche in der Wand, in der sich selbstgebastelte Figuren, Kastanienmännchen, gehäkelte Wackelmännchen, bunte Perlenbilder und Perlenarmbänder wild durcheinander lagen. Es wirkte wie ein kleines unaufgeräumtes Kinderzimmer im Pausenzustand.
Eine Treppe führte in den ersten Stock; der Weg dorthin wird eingerahmt von Bildern berühmter, alter Künstler. Jetzt verstand ich auch, wie sich Familie wirklich anfühlte. Alles hier schrie nach Kinderliebe und Familienglück! Ich schluckte meinen Klos runter und merke wie meine Wangen feucht wurden.

* * * * *

Jutta machte einen Schritt zur Seite, um mich an meiner Schulter nach vorne zu schieben, damit ich als Erste freie Sicht auf ihre beiden Enkelinnen Yala und Juna hatte. Mir fällt auf den Weg in den Wintergarten auf, dass die Deckenbalken nur ein paar Fingerbreit über Juttas Kopf verliefen. Ich hatte so viele Fragen in meinem Kopf, die ich eigentlich loswerden wollte. „War das früher mal ein Puppenhaus?“, war die erste unüberlegte Frage, die mir über meine Lippen kam.

Als wir den großen offenen Wintergarten erreichten, hörte ich schon aufgeregte Kinderstimmen.
Jutta legte schützend einen Arm um meine Schultern, und ich verspürte für den Moment ein Gefühl von Sicherheit.

„Wer bist Du denn.“ Die Stimmen der beiden Geschwister erschreckten mich.

„Ich bin Jule und bin die ganzen Osterferien bei Anne.

„Ach und übrigens, ich bin Juna“, stellte sich die ältere der beiden mir grinsend vor.

Das waren also Juttas Enkelinnen. Die ersten Freundinnen, die ich hier jetzt in Adersloh sah. Die ersten echten Mädchen in meinem Alter. Es fühlte sich irgendwie aufregend an. „Mach mal Platz“ ,keifte sie ihre kleine Schwester Yala unnötig an.

„Unsere Mom kennt deine Tante Anne schon ganz lange, seit unsere Oma mit Tante Anne zusammen ein Kind bekommen hat. Und als sie uns von dir erzählt hat, hey, da wollten wir dich unbedingt auch mal kennenlernen!“ „Juna, da hast du wohl ein bisschen durcheinandergebracht,“ widersprach Jutta ihrer Enkelin.

Ich runzle die Stirn. Was kann Anne schon über mich erzählt haben? Dass ich vor ein paar Monaten aus meinem Schneckenhäuschen gekrochen bin, nicht wirklich wusste, wer ich bin, wo ich hingehörte, und die war, die den Großteil des Tages mit Träumen verbrachte, um endlich mein richtiges „Ich“ zu finden?

Die etwas jüngere der beiden Mädchen stand auf, weil sie gerade etwas mit Kreide auf den Fußboden gemalt hatte, kam auf mich zu und nahm mich in die Arme. „Hallo, ich bin Yala und das ist meine doofe Schwester Juna.“ Sie nimmt mich in die Arme, als würden wir uns schon ewig lange kennen, obwohl ich sie noch nie zuvor gesehen habe. „Meine Mom hat mir schon so viel von dir erzählt. Komm mit!“ Sie packte mich an die Hand und zog mich einfach hinter sich her.

„Komm, wir spielen zusammen!“, rief mir Yala zu. Ängstlich sah ich zu Jutta hinüber, die sich gerade drehte, um zurück in die Apotheke zu gehen. Sie zwinkerte mir zu, während ich spürte, wie die Angst in mir aufstieg.

Juna trat vor die bunten Kästchen, die Yala gerade aufgemalt hatte, und warf einen Stein auf das Kästchen mit der Nummer „1“. Dann hüpfte sie mit einem Bein über die „1“, direkt auf die „2“ und weiter bis zur „10“, drehte sich und hüpfte wieder zurück. Als Juna die Sieben treffen wollte, blieb ihr Stein aber auf der Sechs liegen. Juna stampfte mit ihrem linken Fuß enttäuscht auf den Boden. Och, menno, wie blöd… angenervt und mit hochrotem Kopf murmelte Juna Yala aufgebracht zu:

„Du bist dran, Yala, aber nicht mogeln – ich passe ganz genau auf.“

„Ja, ja, Frau Ich-kann-ja-alles-viel-besser“, maulte Yala. „Und warum hast du schon wieder einfach angefangen?“ „Damit ich dir zeigen kann, wie das geht“, erklärte Juna frech. Yala streckte ihr die Zunge raus – doofe Kuh. Yala schaffte es im ersten Versuch sogar bis auf die Neuen, bevor ihr Steinchen beim nächsten Versuch nicht im 10er-Kästchen liegen blieb.

Yala gab mir eines ihrer anderen Steinchen – „Hier für dich, Jule.“ Du bist jetzt dran. Ich schenke dir meinen Lieblingsstein. Guck, wie schön der schimmert; den habe ich auf Rügen am Strand gefunden. Ich versuchte mein Steinchen auf die Nummer „1“ zu werfen, damit ich auch zum Hüpfen ins Spiel kommen konnte. Ich holte ungeschickt zu weit aus, gab dem Steinchen etwas zu viel Schwung und musste zusehen, wie mein Stein über die Markierung direkt in das nächste Kästchen mit der „2“ sprang. Macht gar nichts, Jule, sprang Yala mir sofort zur Seite, um mich zu trösten. Natürlich hat Juna das Spiel gewonnen und ich bin immerhin bis zur Fünf gekommen.

Danach spielten wir noch mit einem regenbogenbunten Hüpfball, hüften um die Wette, wer die schnellste Runde schaffte. Es war keine Überraschung, dass auch hier Juna mit ihren langen Beinen das Spiel gewann. Yala und ich konnten uns anstrengen, wie wir wollten, Juna war immer doppelt so gut wie wir. Yalas Kopf glühte blutrot, weil sie sich so arg ärgerte und überhaupt nicht verlieren konnte. „Du hast ja nur wieder Spiele ausgesucht, bei denen du gewinnen kannst“, blaffte sie Juna an. Juna grinste voller Schadenfreude. „Du kleine Kröte kannst ja beim nächsten Mal die Spiele aussuchen, aber nicht wieder heulen, wenn du verlierst.“ „Pööh, stimmt ja gar nicht!“, knurrte Yala Juna mit geflätschten Zähnen an.

So hatte ich also, ohne es zu bemerken, erstmals meine Ängste überwunden, während ich mit meinen neuen Freundinnen spielte – ich wunderte mich, wie das geschehen konnte, freute mich aber umso mehr darüber, daß meine Befürchtungen unbegründet waren! Während dessen führten Jutta und Anne eine wichtiges Gespräch über meine zukünftige Ernnährung, wovon ich natürlich nicht wusste.

* * * * *

Anne war sichtlich überrascht und sprachlos vor Erstaunen, als Jutta ihr gleich am Anfang erzählte, dass sie bereits heimlich und ohne Absprache im Vorfeld extra für Jule schon eine spezielle Milchpulvermischung mit Vitaminen und hochwertigen Inhaltsstoffen vorbereitet hatte. Anne fühlte einen Stich von Unsicherheit, wie sie nun mit Juttas Alleingang umgehen sollte.

„Echt jetzt Jutta, du möchtest wirklich…?“ Am liebsten würde Anne sie unterbrechen und fragen, was das für eine irre Idee sei. Doch Anne ermahnte sich selbst zu mehr Gelassenheit und Ruhe. Hör dir ihre Vorstellung und Überlegungen an, Jutta hat eine medizinische Ausbildung und andere Möglichkeiten. Meine Erfahrungen sind schon Jahre her und reichen vielleicht noch für kleine, einfache Hausrezepte. Es geht um Jule und da ist im Moment jeder Rat Gold wert. Der nächste Kinderarzt praktizierte in Lohnetal, 40 km von hier und das nächste Krankenhaus lag in Münster. Alles Gründe, sich die Ideen von Jutta wenigstens anzuhören. Ihre Entscheidung konnte Anne ja immer noch selbst treffen.

„Oh, das ist wirklich…“, sagte Anne gerührt, aber irritiert. Das war aber nur die halbe Wahrheit und gelogen. Jutta lächelte breit, doch ihre Augen wurden schmaler, während sie die Stirn krauszog. Hinter ihrer dicken, schwarzen Hornbrille blitzten ihre Pupillen, voller Überzeugung.
„Anne, meinst du wirklich, ich würde Jule vergiften wollen?“, fragte sie gütig und sanft, doch mit einem Hauch von Verletztheit in der Stimme.

„Also wirklich, Anne, was möchtest du mir da gerade unterstellen? „Ob ich mir wirklich etwas zusammen gepfuscht – ohne Sorgfalt hergestellt zu haben, um Jule bewusst zu schaden?“ „Was ich für Jule zusammengemischt habe, ist nichts anderes als Milchpulver, Lactose, Lactulose, spezielle Kohlenhydrate, förderliche Milchsäurebakterien – alles, was sie gerade wirklich dringend braucht, um länger satt zu bleiben, sowie spezielle essentielle Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Es hilft dir auch enorm, ihr einfacher und sicherer die beste Nahrung zu geben, ohne dass du dir Gedanken um Allergien oder Unverträglichkeiten machen musst. Es ist die vernünftigste und sicherste Nahrung, die du ihr gönnen und geben kannst. Keine Experimente und Unsicherheiten, wie sie auf gespritzte oder veränderte Lebensmittel reagiert. Du kannst es einfach portionieren, abfüllen und ihr überall füttern, ganz ohne blöde Fragen zu stellen, was ist denn im Kuchen, woher kommen die Karotten, der Spinat, hat der Fisch auch wirklich keine Gräten.

Ich bitte dich, Anne, stelle Jules Ernährung um. Sie wird sich schnell daran gewöhnen, auch an die Zeiten, und du hast Zeit, dich um ihre wirklichen Träume zu kümmern. Ja, es gibt natürlich noch etwas deutlich Besseres und Einfacheres, wenn du Jule stillst, aber ich befürchte, das sind Hoffnungen, die sich bei dir nicht mehr erfüllen lassen. Jutta war gekränkt, gerade von ihrer besten Freundin, die immer noch in solchen Angelegenheiten durch ihre 70er-Jahre-Irrtümer wandelte.
Sie sah Anne ernst und scharf an. „Glaubst du wirklich, dass ich Jette und Jüsse einfach so großziehen konnte, ohne auf eine gute und vollwertige Ernährung zu achten? Ich habe sie schon nach vier Monaten abgestillt, weil ich wusste, was ihnen guttat. „Wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte ich diese Apotheke doch gar nicht weiter betreiben können.“

„Sei nicht albern, Jutta“, entgegnete Anne. „Das ist eine viel zu ernste Sache, um sie auf die leichte Schulter zu nehmen oder sich darüber lustig zu machen.“ Anne verzog das Gesicht, verärgert und besorgt. Ja, es ist viel zu ernst. Mit deinem Vielleicht-das-oder-dieses-auspobieren schaden wir Jule nur und verschieben das Problem unnötig. Wie alt war Jule nochmal… Anne, mhm… völlig egal. Jule ist zu klein, zu dünn, zu wenig aktiv, hat keine verlässlichen, geregelten Toilettenzeiten und, und, und… was weiß ich. Juna ist etwas über zehn Jahre, Yala knapp neun Jahre und Jule kommt in ihrer jetzigen körperlichen Verfassung nicht mal an eine der Beiden heran. Ich habe beiden ähnliches Hexenpulver zusammengemischt, bis beide fast sieben Jahre alt waren. Es hat ihnen an nichts gefehlt und sie haben sich immer wohl gefühlt und ziemlich gut entwickelt. Fang bitte mit ganz kleinen Schritten an. Kümmere dich lieber um ihren Geist und das sie sehr viel Spaß hat… klar.

Jutta hob den Blick erneut, doch die Stimme blieb forsch und giftig. „Du kannst mir glauben, Anne. „Ich mache mir genauso viele Gedanken um Jules Darmtätigkeit und Befinden wie du – denn ich weiß nur zu gut, wie schwierig das gerade für dich ist.“

Sie legte eine Hand auf Annes Arm. „Hör mal, ich bin deine beste Freundin, und ich möchte dir nur raten, Jule mit diesem angereichertem Milchpulver zu füttern. Fang zuerst mit zwei Mahlzeiten an, steigere auf drei, und wenn sie es gut verträgt, schließe mit fünf Mahlzeiten à 180 ml täglich ab. Dann wirst du sehen, wie sich ihr Darm reguliert und sie tagsüber gut gesättigt ist und sich auch bei dir wohl fühlt.
Sie lächelte warm und aufmunternd. „Du musst ihr auch etwas Festes dazugeben – Obst, Biskuitkekse oder ein trockenes Brötchen sind völlig in Ordnung. „Jule ist sowieso viel zu schmal, und mit der Fläschchennahrung kannst du sie ganz liebevoll aufpäppeln.“

Anne nickte langsam, Tränen der Erleichterung und Dankbarkeit schimmerten in ihren Augen.

„Darf ich Jule nicht auch auf meine Weise helfen?“ fragte Jutta Anne und ließ ihre Stimme dabei auf und ab tanzen. „Das gilt nicht nur für meine klare medizinische Verantwortung, sondern auch für meine empathisch wahre Weitsicht. Anne, du bist gerade sehr unfair und egoistisch Jule und mir gegenüber – die du wochen- und monatelang um Rat und Tat wegen der Osterferien gebeten hast. Diejenige, die nicht nur eigene Kinder geboren und großgezogen hat, sondern sich längst auch mit ihren eigenen Enkeln auseinandersetzt. Und jetzt auch noch mit ihrer besten Freundin und ihrem Ferienkind mitleidet. „Als beste Freundin und Jules Patentante stehe ich dir bei – und meine Hilfe wird als Hokuspokus von dir abgetan.“ „Nicht dein Ernst Anne, oder?!“ , ist das wirklich deine Art, wie du auf meine Hilfe und Unterstützung siehst.

„Bin ich wirklich so eine Zumutung, nur weil ich dir eine einzige Frage gestellt habe, Jutta?“ , seufzte Anne. „Ich leide so sehr mit diesem Kind – fast schon mehr als zu Marie und Sophies Kinderzeiten, und ich wollte doch nur, dass du mich ernst nimmst, dass du siehst, wie unbehaglich ich mich gerade fühle.“

Sie standen sich gegenüber, gefangen in der Stille ihrer Ansichten und Verantwortung, als hätten sie gemeinsam die Pausentaste gedrückt. Für den Moment legte sich gespenstige Stille um sie herum, während in der Apotheke der Takt der Welt weiter ging.

Für einen Moment schien das Chaos zwischen ihnen zu schwinden, zu einem absoluten Nichts zu werden; ihre Körper wirkten eingefroren, kein Wimpernschlag, kein Atemzug war zu spüren.
Minuten später brachen beide gleichzeitig in schallendes, fast hysterisches Gelächter aus. Die Kunden zuckten zusammen, blickten ungläubig und kopfschüttelnd auf die sich heftig umarmenden Freundinnen.

„Danke, Jutta“, flüsterte Anne, ihre Stimme voller Achtung und Anerkennung. Schön, dass du so beharrlich, streng geblieben bist und mir die Augen für meine Fehler geöffnet hast. „Deine Worte bedeuten mir mehr, als ich sagen kann. „Es tut so gut, jemanden zu haben, der wirklich versteht, wie schwer das für Jule ist.“

Jutta drückte Annas Arm sanft und lächelte ihr aufmunternd zu. „Wir schaffen das gemeinsam, Anne. Für Jule, für dich – weil du die beste Ferienmutti der Welt sein kannst. „Mehr kann man Jule gerade wirklich nicht wünschen.“

„Meinst du, ich sollte wirklich alles zusammen direkt anwenden?“

Die Frage hing fest in Annes Gedanken, da bereute sie es schon. Nicht, weil die Gedanken abwägig waren – sondern weil Jutta von Anne eine strikte/konsequente Haltung verlangte. Und die scheute sie in diesem Moment noch.

Anne tastete über die kleine Tüte, die ihr Jutta in die Hand gedrückt hatte zwischen ihren Fingern ab. Es verschoben sich einige Päckchen unter ihrem Tasten darin. Medikamente, die schnelle Hilfe versprachen, oder doch ein Fehler, den Anne später vielleicht nicht mehr zurücknehmen konnte.

Anne hielt ihre unsicheren Gedanken zurück.

„Anne?“ Juttas Stimme blieb ruhig, aber es lag eine ernsthafte Aufforderung darin. „Du solltest es Jule nicht ohne Überzeugung und ohne Rhythmus geben. Und du musst kein schlechtes Gewissen haben.“

Anne schluckte. „Jule geht einfach nicht auf das T…..und sie möchte es auch nicht in die Windel machen“, flüsterte sie. „Sie hält alles zurück, ich merke das doch… und jetzt diese Bauchschmerzen. Sie krümmt sich richtig.“

Ein unsicheres Zittern lag in ihren Worten. Vor ihrem inneren Auge sah sie Jule, wie sie sich klein machte, die Beine an sich zog, als könnte sie damit alles festhalten, was nicht losgelassen werden durfte/konnte/sollte????.

„Hör mir zu“, sagte Jutta ruhig. „Du kannst mit den Medikamenten schnell und einfach unterstützen. Aber du darfst nicht zu lange überlegen und damit hardern. Jule und ihr Körper machen das nicht grundlos.“

Anne schloss kurz die Augen. Viele Möglichkeiten, und irgendwo dazwischen ein schmaler, richtiger Weg, den Anne kaum überblicken konnte.

„Ich habe das Gefühl, dass ich damit vielleicht zu viel mache….“
„Und du lässt sie allein, wenn du nichts machst“, entgegnete Jutta leise.

Das traf Anne tief.

„Jutta…“ ,Annes Stimme brach fast ab. Was hast du mir denn da alles eingepackt?“

Jutta ließ ihre Hand ruhig über Annes Rücken wandern. „Ich weiß, und dann ein langes, ruhiges Ausatmen: Alles, was euch beiden helfen kann, Jules trägen Darm wieder in Gang zu bringen.“

Anne öffnete die Tüte. Ihre Finger strichen über die einzelnen Packungen. „Milchpulver, Milchzucker… Kautabletten mit Aminosäuren und Mineralstoffen….die Vitamine, … Flohsamen als Balaststoffe und lösliche Stärke, dazu noch Zäpfchen…… und zwei Teesorten…“

Anne schwieg einen Moment. Ihr Blick blieb kurz an dem Begleittext hängen, dann glitt er unwillkürlich zurück zu Jutta. „Echt jetzt“, es klang beinahe wie ein kleine Anklage, um sich selbst zu vergewissern, dass das alles wirklich da war.

„Die Anleitung und die Mengenangaben habe ich dir dazugelegt“, sagte Jutta ruhig. „Schau sie dir in Ruhe an. Eigentlich erklärt es sich von allein.“

„Und wenn nicht?“, fragte sie leise.

„Dann meldest du dich“, erwiderte Jutta, ohne Zögern.

Aufgrund der ganzen Geräuschkulisse aus Telefonklingeln, Kundengesprächen und der generellen Hektik in der vollen Apotheke wollte Anne jetzt nur noch schnell nach Hause kommen. Dass es Zeit wurde, nach Hause zu gehen, hörte Anne an der Kirchturmuhr, die gerade das zwölfte Mal schlug.

„Aber falls du mal wirklich Not hast, dann denk an mich, ja? Im Ernst, Anne, solltest du dir bei irgendetwas unsicher sein – egal, ob Jule Schmerzen hat oder ihr Darm immer noch unregelmäßig aktiv ist –, dann melde dich bitte sofort bei mir“.

Danke, Jutta, sagte Anne leise und fühlte sich schon viel ruhiger. Jutta hatte schon immer die Fähigkeit mit ihren Worten, Anne mehr Sicherheit und Stabilität zu schenken.

„Ach, und Jutta?“ fragte Anne vorsichtig, ihre Stimme war ganz leise, weil sie wusste, dass Jutta immer so aufmerksam und behilflich war. „Hast du zufällig noch einen richtig großen, leeren Karton für Jule?“ Jutta stutzte überrascht und nachdenklich. Wofür braucht Jule denn einen großen Karton, fragte Jutta vorsichtig und neugierig zurück. Hmm…, für eine offene Backstube im Garten.
„Ja, da kann ich bestimmt helfen. Welche Größe brauchst du denn?“ Anne zuckte nur ahnungslos mit ihren Schultern.

„Jule möchte gern Kuchen backen!“ erklärte Anne Jutta. „Im Sandkasten.“ Da habe ich natürlich noch keinen Backofen installiert, erklärte Anne amüsiert. Anne stupste mit einem Lächeln Jutta in die Seite: – Du magst doch auch so gerne Sandkuchen – mit oder ohne Kakao und Schoko?
Jutta lächelte noch mehr und zog eine Augenbraue hoch, als würde sie schon ahnen, was sie wirklich brauchte. „Na gut, dann schauen wir doch mal im Lager, ob wir den perfekten Karton finden. „Vielleicht ist ja auch schon ein passender Karton mit Umluft und Ceranfeld dabei!“

Auf dem Weg zum Wintergarten unterhielten sich Jutta und Anne noch intensiv über Jule. Sie ist wirklich in allem sehr zurückhaltend und ängstlich. Vor dem kleinen hübschen Fahrrad, das ich von Heike bekommen habe, macht Jule einen ganz großen Bogen, obwohl ich die Stützräder noch dran gelassen habe. Ich möchte, dass sie keine Angst mehr bekommt, sondern sich angstfrei und unbekümmert an neue Aufgaben wagt und das Fahrrad nicht nur als böses Monster sieht!

„Und wir müssen auch noch etwas für ihre Füße tun“, erklärte Anne Jutta mit staubiger Kehle. „Sie soll viel üben, damit ihr schlechtes und wackeliges Gangbild Stück für Stück besser wird. Brigitte aus der Schuhabteilung meint, die Fehlstellungen bekommt man vielleicht jetzt noch mit viel Training, Schwimmen und guten Einlagen wieder in den Griff. Bei unserem gemeinsamen Straußenausflug war sie schon nach etwa einem Kilometer müde und hatte Schmerzen.“

Jutta drehte ihren Kopf zu Anne und murmelte: „Ich glaube, ich habe da eine passende Idee für dein Problem, Anne!“ und zog dabei einen großen Karton aus einer Ecke. Er sah nicht wirklich aus wie ein Backofen, dafür fehlte Jutta die Fantasie! Jutta zeigte Anne das Exemplar von Karton und lächelte, „leider ohne Ceranfeld, aber dafür mit Mikrowelle und Selbstreinigungsfunktion.“ Anne nickte angetan; ich glaube, der Karton könnte passen.

„Was denn für eine Idee?“ fragte Anne neugierig, die den Gedanken ihrer Freundin nicht wirklich folgen und erraten konnte.

Jutta lächelte nur geheimnisvoll. „Yala und Juna haben immer gern das Dreirad benutzt, wenn sie müde waren. Seit langem steht es schon unbenutzt im Schuppen. „Damit kann Jule doch erst einmal trainieren und hat bestimmt auch ihren Spaß daran!“

* * * * *

Jutta und Anne standen an der Tür zum Wintergarten, wo die Aprilsonne langsam durch die oberen Lichter kroch und beobachtete, belustigt und amüsiert das Treiben und Spielen.
„Wow!“ rief Jutta erstaunt, keine Zankerei, kein Gezicke; dabei huschte ihr ein Lächeln über das Gesicht. „So, Schluss mit der ganzen Zauberei, Jule muss nach Hause und Mittagsschlaf halten!“

„Hey Mädels“, fragte Jutta lachend, „wer ist denn die größte Spielmaus von euch?“
Juna grinste schelmisch und sagte: „Natürlich ich!“ Die beiden Bambinis müssen noch viel lernen, damit sie so gut werden wie ich!“

„Ha, ha, ha….Miss Olympia, maulte Yala lautstark zurück.“ Ich bin bestimmt kein Bambini mehr,
du giftige Schlange.

Yala schnaubte gut hörbar durch die Nase, ihre Hände hatte sie dabei auf ihre Hüfte gestemmt: „Wenn ich so alt bin wie du, dann… dann bin ich bestimmt Trielon-Siegerin!“ Juna blies nur ihre Backen auf, prustete, kicherte und meinte neunmalklug: was soll denn dieses Trielon sein, hä?

Gerade holte Juna erneut aus, Yala zu necken…..“Du.“ Bist. So. Blöd. Yala…..“ Na, na, na ihr müsst nicht jetzt noch zum Abschluß beweisen, dass ihr doch das Chaos auslösen könnt und in der Lage seit, den nächsten Krieg anzuzetteln, ging Jutta vorsorglich und scharf dazwischen.

Jutta bedachte Juna mit einem langen Blick und fragte sich wieder einmal, wie dieses elfenhafte Wesen so einen gespaltenen Charakter entwickeln können. Und in keiner Apothekenumschau stand bisher, dass sich die Teenager-Trotzphase bereits schon mit zwölf, elf oder sogar sehr viel früher einstellte und sich bis ins Unendliche ziehen konnte, und ob es wohl normal war, dass sie sich wünschte, ihre Tochter möge Juna nicht mehr so häufig bei ihr zwischenparken. Die gleichen blauen Augen, die sie früher liebevoll und bewundernd angelächelt hatten, waren immer häufiger argwöhnisch und zu Schlitzen verengt. „Jutta fragte sich: ,Wann waren wir so auseinandergedriftet?‘

Juna, du schaust jetzt bitte mal, wo euer Dreirad abgeblieben und verstaut ist. „Zuhause, in der Detmolder Straße ist es jedenfalls nicht!“

„Wo dann?“, hakte Jutta genervt direkt nach.

„Omi, das steht doch schon lange hier im Schuppen,“ plärrte Yala dann los,
„Ist es denn noch ganz und auch noch zu gebrauchen.“ , erkundigte sich Jutta bei Yala.
„Ach, Omi, natürlich!“ sagte Yala vorlaut und Juna nickte zustimmend.
„Das haben wir doch zuletzt als Babys gebraucht. „Wir fahren doch schon lange mit unseren Fahrrädern und nicht mehr mit dem Dreirad!“ Sie verschränkte dabei ihre Arme vor ihrer Brust und tat so, als wäre sie schon viel zu alt für das Dreirad.
„Juna, hol es doch bitte mal aus dem Schuppen. „Ich möchte es Jule für die Ferien hier in Adersloh schenken.“

Yale beugte sich vor, mir leise ins Ohr zu sprechen. Sie tat es aber so laut, dass auch Anne und Jutta jedes Wort verstehen konnten. „Weißt du eigentlich, dass in einer Woche schon der Osterhase kommt?“

„Ja, natürlich“ Ich nickte so heftig, dass es fast wehtat.
„Der Osterhase ist mein Freund!“

Zumindest war er das früher immer gewesen. Aber kommt denn der Osterhase auch hierher nach Adersloh, fragte ich unsicher und leise bei Yala nach.

Spontan umarmte ich sie herzlich, bis sie mich wegdrückte und kurz verschwand. Einen kleinen Moment später stand Yala strahlend vor Freude wieder vor mir und übergab mir einen bunt bedruckten Zettel.

„Hier für dich!“, strahlte mir Yala mit ihren dunkelgrünen Augen entgegen.

O S T E R L A M M – B A C K E N

* * *
Sonntag, 4. April – 11:00 bis 16:00 Uhr

* * *
Kindergarten an der Strutt

Zuerst erkannte ich die Zeichnungen von einem Osterlamm, Nudelholz, Mehl, Eiern und Vanilleschoten. Zum Lesen war ich einfach viel zu hibbelig, weil mir es hier und da noch an Übung fehlte. Aber das mussten ja Yala und Juna nicht unbedingt mitbekommen.

„Kommst du dann am Sonntag auch in den Kindergarten zum Osterlamm backen?“ fragte sie mich. Eigentlich finden es alle voll toll, machte mir Yala das Backen schmackhaft.

„Also, was meinst du, Jule?“ Mhhh….„Nein, ich weiß nicht, ich glaube, ich muss bestimmt erst Anne fragen, weil sie gesagt hat, dass wir in den Ferien ganz viel zusammen machen wollen.
Ich lief direkt zu Anne und Jutta rüber und zeigte ihr den Zettel von Yala.

„Hey, Jule.“ Yala rückte wieder näher an mich heran und flüsterte mir zu. „Weißt du, was am Besten zu Ostern ist?“ Man kann sich mit Kuchen und Süßigkeiten vollstopfen, ohne dass wir Ärger bekommen.
Lust auf Backen?“ Kurz überlegte ich, ihr eine Antwort zu geben, aber das Schweigen von Anne machte mir zu …..viel Angst, also schüttelte ich den Kopf.

„Juna, kannst du mal das Dreirad bitte aus dem Schuppen holen?“ fragte Jutta ein zweites Mal.
„Oh, natürlich Oma!“ , erwiderte Juna nicht unbedingt voller Begeisterung.
„Juna, bitte!“ , forderte Jutta noch energischer auf. Erst dann setzte sich Juna schwerfällig und lustlos in Gang, um das Dreirad zu holen.

Hüpfend und pfeifend verschwand Juna im Geräteschuppen und kam sitzend mit dem bunten Dreirad wieder aus dem Schuppen. Mit ihren langen, dünnen Beinen sties Juna immer wieder mit den Knien unter den Lenker. Es wirkte wie eine lustige Clownsnummer im Zirkus, wie Juna auf dem kleinen Dreirad saß und versuchte, darauf vorwärts zu kommen!

Als Juna vor uns vom Dreirad abstieg, lächelte sie gequält ….

Ich war kurz wie erstarrt. Wobei sich in meinem Kopf gerade ganz viel abspielte.

„Willst du es mal ausprobieren und testen, ob du auch damit klar kommst? Wir warten auch so lange“, forderten Jutta und auch Anne mich auf.

„Nö, dass geht schon.“

„Oder sollen wir dich schnell drauf setzen?“

„Ist wirklich nicht nötig!“ Ich suchte gute Argumente, damit mir nicht alle zuschauten und meine Unsicherheit mitbekamen. Innerlich hüpfte mein Herz, weil ich das Dreirad wirklich toll fand und hoffte, dass ich nicht Fahrradfahren lernen musste.

Schließlich sagte Jutta: ,“dafür bist du doch auch alt genug!“

„Sehen wir uns dann am Sonntag zum Strickabend bei mir?“ fragte Anne voller Hoffnung. „Ich möchte die Kleinen ungern aus ihrem Schlafrhythmus reißen, wenn du verstehst.“ Jutta verdrehte nur die Augen, sagte aber nichts weiter. „Nach den Ferien wechseln wir ja wieder regelmäßig durch – das ist doch okay, oder?“, erkundigte sich Anne noch einmal.

Ich möchte so gern den Abend mit euch zusammen verbringen, gemeinsam schöne, praktische Sachen stricken und häkeln – so wie früher. Du weißt doch, wie ungern ich jetzt nach Ulfs Tod abends alleine bin und mir das Alleinsein so zusetzt.
Jutta rang um eine Antwort, schien zu hadern, nickte dann aber doch. „Wie könnte ich dich in so einer Situation allein lasse?“ Anne grinste breit, drückte ihr einen Kuss auf die Wange. und verabschiedete sich, um mich für den Mittagsschlaf fertig zu machen – der erste in meinem neuen Zuhause, der erste in einer ungewissen Zukunft.

Jutta und Anne verabschiedeten sich.

Den Karton für Jules Backofen bringe ich dann auch gleich mit. Du möchtest das sperrige Ding doch wohl jetzt nicht zu Fuß durch die Stadt nach Hause schleppen. Jutta grinste über das ganze Gesicht, küsste Anne auf die Wange und strubbelte mir durch die Haare. „Ganz viel Erfolg…toi, toi, toi wünsche ich euch.“

Wir verließen Juttas Apotheke über den Hinterhof, fuhren durch eine enge Gasse, in der die Hausgiebel der gegenüberliegenden Gebäude beinahe sich zu berühren schienen. Meine schwarzen Lackschuhe knirschten auf den Pedalen der Hinterhof-Ausfahrt, als ich die ersten Bewegungen mit dem Dreirad machte.

„Tschüüüss, Jule.Yala winkte uns noch nach: Bis Sonntag zum Osterlamm backen!“ Ihr Echo hallte durch die kleine Gasse, und ich konnte kaum aufhören zu lächeln. Natürlich winkte ich freudig zurück und konnte es kaum abwarten, bis es Sonntag wurde.

Yala und Juna winkten zum Abschied, während ich zurückblickte und traurig war, dass ich nicht noch weiter mit ihnen zusammen spielen konnte.

Weil mein Windelumfang stark zugenommen hatte, waren die ersten Meter auf dem groben Pflaster mit dem Dreirad mühsam und eindeutig ungewohnt. Wobei es so aussah, als sei ich total ungeübt und motorisch stark eingeschränkt. Anne war wieder viel zu schnell unterwegs. Ich kam nicht so zügig mit, weil das Pflaster der Straße mein Trampeln erschwerte und ich kaum richtig vorwärts kam – egal, wie sehr ich mich auch anstrengte. Meine Füße rutschten immer wieder von den Pedalen.
Auf dem Gehweg neben der Hauptstraße konnte ich mein neues Dreirad dann viel leichter lenken und bewegen.

Wir überqueren die kleine Brücke, die über die „Strutt“ führte, und folgen der schmalen, kurvenreichen Gasse, die zu beiden Seiten von bunten, baufälligen Fachwerkhäusern eingerahmt ist, bis wir die kleine Bäckerei „Töne“ auf der anderen Seite des Marktplatzes erreichten.

„Hallo und einen schönen guten Tag zusammen“, verkündet eine sehr freundliche aber dünne Stimme direkt hinter einer großen Verkaufstheke. Es ist Mimi, die Chefin im Haus und sie hatte bestimmt schon die 80zig erreicht. Ihr Kopf war nach vorne geneigt. Jegliche Fülle war aus ihrem Gesicht verschwunden, die Haut an ihren Wangen war schlaff und ließ die Knochen darunter hervortreten. Ihr grauweißes Haar lag wie altes, gebleichtes Stroh kreuz und quer auf ihrem Haupt. In ihrer gestärkten weiße Latzschürze wirkte sie wie eines der letzten Blumensträuße, in Spitzendeckchen, Sonntags an der Tankstelle.

Eine Weile stehen wir einfach nur starr und fasziniert vor der gefüllten Vitrine und ich schaue erstaunt zu, wie die alte Frau gekonnt Brötchen, Apfelringe und andere Gebäckstücke wie Puzzleteile neu hin und her schiebt. Für einen Augenblick versetzt es mich zurück in meine frühe Kindheit, als ich mit meiner leiblichen Mutter immer am späten Samstag Vormittag erwartungsfroh zur Bäckerei Lange gingen, während draußen, auf dem kleinen Wendeplatz, immer Kinder lärmten oder andere sich an den Schaufenstern der Drogerie „Stiens“ ihre Nasen platt drückten.

Guten Tag, Frau Töne. Sie können wirklich nicht ohne hier in der Bäckerei das Zepter zu schwingen, nicht wahr. Möchten Sie nicht langsam einen Schritt zurücktreten und das Geschäft teilweise Ihren Kindern überlassen?

Ach was, nach achtundsechzig Jahren hier im Geschäft kann ich doch nicht einfach nichts tun. Was soll ich denn sonst den lieben langen Tag anstellen? Wenn ich hier im Laden stehe, weiß ich, dass es mir gut geht. Und Neugier gehört ja auch zu mir wie der Duft von Brot und Kaffee. Hier kommen doch alle vorbei, erzählen mir vom Dorfgeschehen, tratschen über jeden und alles – das hält mich jung und gesund. Mimi lächelt schelmisch und spitzt ihre dünnen, fahlen Lippen.

„Was darf es denn sein, Sally? Und wen hast du mir denn da mitgebracht? So süß die Kleine – niemand hat mir erzählt, dass Marie oder Sophie bereits schon eigene Kinder haben.“ Die Kleine hier heißt Jule und verbringt bei mir nur ihre Ferien. Mimi nimmt eine Katzenzunge aus der Auslage, geht um die Theke und steuert auf mich zu: „Hier, meine Süße, damit du mal größer wirst als ich.“

Überascht, über den angebotenen Keks schaue ich hilfesuchend hoch zu Anne. „Der ist für dich Schatz.“ , ermunterte mich Anne.

„Du magst die doch, oder?«, fragte Mimi mich. In ihrer Frage lag nicht der leiseste Zweifel.
„Na, greif nur zu.“ ,schnalzte Mimi mit ihrer Zunge und mit extra viel Puderzucker. Damit du nicht vergisst, dass es hier den leckersten Keks gibt.

Anne nickte und zwinkerte mir zu.

„Oh, noch so schüchtern die kleine Dame?“, hängte Mimi noch unüberhörbar dran.

„Ja, alles noch neu.“, erklärte Anne entschuldigend.

Im Drehen wuschelt sie mir schnell durchs Haar und verschwindet hinter ihrer Glastheke. So jung und schon so hübsch, murmele sie noch leise vor sich hin. Anne stupst mich leicht im Rücken an, ein Zeichen für meine kleine Benimm-Aufgabe.

„Danke für den Keks“, piepse ich leise und unsicher über die Theke. Mimi lächelt und sagt: ,„sehr gerne, laß es dir schmecken, du kannst es gut vertragen.“

Nein, nein … Gott sei Dank, dass meine beiden Töchter noch nicht bereit sind, eigene Kinder zu haben. Die Mädchen von heute möchten doch die Welt erobern und nicht schon so früh Kontakt zu den drei K´s Kirche-Küche-Kinder haben. Ja, die Stadtmädchen sind anders als wir und unsere „Torf-Tinas“, doch sie bleiben ja dem Dorf immer noch verbunden, wenn sie jährlich wieder zum traditionellen Osterfeuer mit Kind und Kegel hier einfallen und von ihren Welteroberungen erzählen. „Marie und Sophie kommen doch sicherlich auch?“ , fragte Mimi, während sie wieder die Kuchenteichen in der Auslage neu sortierte.

Anne wird bleich, dann steigt ihr peinliche Röte ins Gesicht.

Ich denke, die beiden lassen sich das sicher nicht entgehen, antwortet sie, obwohl sie weiß, dass es nur die halbe Wahrheit ist. Es wäre tatsächlich das erste Jahr, in dem wir nicht zusammen zum Osterfeuer gehen.
Achtundzwanzig Jahre – wie die Zeit rennt, ich kann mich noch gut an mein erstes Osterfest, mit Ulf, hier in Adersloh erinnern.

Sally, du möchtest doch sicher deinen vorbestellten Kuchen abholen, unterbricht Mimi geschickt, weil sie bemerkt, dass sich die Kundschaft langsam im Verkaufsraum zu einer Schlange aufstaut.

„Sechs Sahneteilchen, gemischt, und noch etwas anderes.“

„Ja, ein Pfund Kaffeebohnen, ungemahlen, von Tchibo, bitte.“

„In Ordnung sehr gerne, macht dann zusammen 23,99 DM, Sally.“

„Danke, euch noch einen schönen Tag.“

„Vielen Dank, auf bald, Mimi“.

Auf dem Weg über den Dorfplatz zum Schloßparkweg halte ich mein Gesicht in die Sonne. Die Luft hat sich verändert und den Winter zur Erinnerung, auch wenn es noch kühl ist, wenn sich die Wolken vor die Sonne schieben. Schon hat man das Gefühl, dass er gar nicht so lang gedauert hat, dass alles nicht so schlimm war. Und in Gedanken war ich schon bei Ostern, Eier färben und suchen, beim gemeinsamen Osterlamm backen mit Yala im Kindergarten – die Gedanken ließen mich jetzt einfach nicht mehr los.

Am Zebrastreifen konnte ich Luft holen, meine Lunge saugte sie gierig auf. Beim Lottoladen, biegen wir ein, und hier, abseits und hinter dem Hauptstraßenlärm, konnte man wieder ungestört sprechen ohne Worte zu verlieren.

„Wie fühlst du dich jetzt Jule?“, fragte mich Anne als wir aus der Bäckerei Töne und gerade über den Marktplatz weg gingen. Ich wurde das so gut wie nie gefragt, und ich war eigentlich froh darum. Nur meine leibliche Mom legte sich einfach zu mir, ganz ohne Fragen, ganz ohne Worte, wenn mich zuvor laute, schrille und graue böse Wortfetzen und knallende Türen aus dem Schlaf holten. Dann lag ich immer viele Minuten wach unter einem Teppich aus Watte, bis meine Bettdecke schwebte und ich ihre kalten Füße und den schnellen Atem spürte. Ich hatte mich an die Regelmäßigkeit gewöhnt, auch wenn es keinen gleichmäßigen Rhythmus folgte.

Zusammen fanden wir dann in Löffelchenstellung viel später in einen unrunden leichten Schlaf. Am Morgen kamen die Erinnerungen wieder zurück. Ein zeitlang schmerzten sie, bis sie zur Normalität wurden. Wir waren in einem Käfig gefangen, ohne Möglichkeit ihn zu verlassen.

Ich ignorierte meine feuchten Windeln und konzentrierte mich nur auf eine gleichmäßige Bewegung, damit ich das Dreirad in Schwung hielt.

Mein Kopf war nach oben Richtung Anne gerichtet. Ihr Gesicht strahlt zufrieden, als Anne mich mit ihren dunklen, glänzenden Augen fixiert. Bevor ich einen neuen Gedanken fassen kann, geht meine Kraft ins Leere – meine Füße sind zum X -ten Mal von den Pedalen geflutscht. Prompt bleibe ich auf dem stumpfen Bürgersteigbelag stehen.

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Autor: Soe Lückel | Eingesandt via Formular

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