„Ja, es ist 2026. Welches Jahr denn sonst?“, sage ich mit einem leichten Lachen.
„Nein, nein, haha! Willst du uns verarschen? Hat Jonas dich geschickt?“, sagt Bastian und lacht laut los.
„Sei ruhig, Basti!“, hält Laura ihn auf, bevor er weiterspricht.
Jetzt kniet sie sich wieder vor mich hin und schaut mir tief in die Augen, bevor sie weiterspricht. „Jonas, bist du dir wirklich sicher, dass wir 2026 haben?“
„Ja, auf jeden Fall! Ich bin mir hundertprozentig sicher!“
„Das ist dann wirklich ein Problem. Jonas, wir haben das Jahr 2032!“, sagt Laura aufgeregt.
„Du glaubst doch nicht wirk…“, möchte Bastian gerade erwidern, bevor ich ihn unterbreche.
„Jetzt legt ihr mich aber rein! Wie soll ich denn in die Zukunft gekommen sein? Zeitreisen gibt es doch gar nicht!“
„Ganz ruhig, Kleiner. Wir klären das schon“, sagt Laura, um mich zu beruhigen.
„Laura, können wir mal kurz reden?“, fragt Bastian sie.
Laura nickt nur und die beiden gehen ein paar Meter von mir weg.
Sie können aber scheinbar schlecht einschätzen, wie laut sie reden, denn ich höre trotzdem jedes Wort von ihnen.
„Du glaubst nicht wirklich, dass er ein Zeitreisender ist, oder?“, fragt Bastian sie leicht gereizt.
„Ich bin mir natürlich nicht komplett sicher. Aber ich glaube ihm. Ich habe ihm in die Augen gesehen und ich habe Jonas’ Augen gesehen.“
„Du studierst Physik. Solltest du nicht am besten wissen, dass Zeitreisen nicht möglich sind?“
„Ja, ich weiß, es ist sehr unwahrscheinlich, dass es Zeitreisen gibt. Es ist aber nicht ausgeschlossen! Und selbst wenn er nicht aus der Vergangenheit kommt, müssen wir ihm trotzdem helfen!“
„Okay, wie willst du ihm helfen? Sollen wir Jonas dazu holen?“
„Nein! Bloß nicht! Wenn er wirklich die Wahrheit sagt, dann sollten wir kein Paradoxon riskieren.“
„Du hast recht. Wir sollten darauf achten, dass die beiden sich nicht sehen. Aber wie willst du dann beweisen, ob er die Wahrheit sagt?“
„Da gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir sollten einen DNA-Test machen. Dafür brauchen wir nur ein Haar von unserem Jonas und dann fahren wir drei zur Uni und testen sie.“
Die glauben wirklich, dass ich aus der Vergangenheit komme. Aber wie soll das nur passiert sein? Also, es würde erklären, warum hier so viele fremde Menschen bei mir zu Hause sind, aber Zeitreisen?
Aber was, wenn es doch stimmt? Werde ich mich dann auflösen? Oder muss ich jetzt für immer hierbleiben?
Ich möchte wieder zurück! Ich möchte wieder zu meinen Eltern!
Ich bin so tief in Gedanken, dass ich gar nicht merke, dass Laura mit mir spricht.
„Jonas? Hörst du mir zu?“
Ich nicke.
„Wir werden gleich einen DNA-Test machen und dann wird sich bestimmt alles aufklären. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, erklärt sie mir, bevor sie sich zu Bastian dreht und weiterspricht.
„Jonas und ich gehen jetzt kurz ein Haar von unserem Jonas suchen. Kannst du bitte in der Zeit die Party beenden?“
„Klar, mache ich“, antwortet Basti.
Während Laura und ich in mein Zimmer gehen, höre ich, wie die Musik ausgeht und Bastian laut ruft, dass jetzt alle raus sollen. Die Gäste scheinen genervt darüber zu sein, kommen der Aufforderung aber nach. Ich merke, wie angenehm still es jetzt ist.
Viel besser als mit dieser lauten Musik.
Laura öffnet meine Zimmertür und schaltet das Licht an. Sie möchte scheinbar gerade zu meinem Bett gehen, aber plötzlich bleibt sie stehen.
„Was ist los?“, frage ich verunsichert.
Laura schaut auf den Boden.
Ich folge ihrem Blick und sehe genau, was sie meint.
Man sieht ganz deutlich die Pipipfütze, in der ich vor einer halben Stunde aufgewacht bin.
Kurz stehen wir beide nur still da.
Jetzt dreht sie sich wieder zu mir um und hockt sich vor mich hin.
„Jonas, kann es sein, dass du dir vorhin eingepullert hast?“
Ich nicke sanft und spüre, wie mir schon wieder eine Träne die Wange hinunterläuft.
„Das ist überhaupt nicht schlimm! Das kann jedem mal passieren. Hast du dir deswegen den Pullover um die Hüfte gebunden?“
Wieder nicke ich.
Laura streicht mir mit ihrem Handrücken über die Wange und löst mit der anderen Hand den Pullover von meinen Hüften.
„Okay, du brauchst auf jeden Fall eine neue Hose“, sagt Laura sanft.
„Ich habe schon in meinem Schrank geschaut, aber die sind mir alle viel zu groß.“
„Ja, das stimmt. Das sind ja die Klamotten von unserem Jonas. Die passen dir wirklich nicht. Was machen wir denn jetzt?“, überlegt sie, während sie mich weiter tröstet.
Jetzt öffnet sich die Tür und Bastian kommt zu uns.
„Die Gäste sind jetzt alle …“, möchte Bastian sagen, bevor er sieht, dass ich am Weinen bin, und aufhört zu sprechen.
„Jonas, ist alles gut?“, fragt er besorgt.
„Ja, alles gut, nur ein kleiner Unfall. Weißt du, ob wir irgendwo noch Hosen in seiner Größe haben?“, antwortet Laura für mich.
„Oh, gute Frage! Ich schaue mal kurz im Keller. Ich bin gleich wieder da“, sagt Basti und lässt uns wieder allein.
„Darf ich dich was fragen, Laura?“, frage ich vorsichtig.
„Klar, du darfst mich alles fragen!“, bekomme ich als Antwort.
„Wieso schmeißt ihr an einem Mittwochabend eine Party? Und wo sind Mama und Papa? Und wenn ich wirklich aus der Vergangenheit komme, wo ist dann das andere Ich?“, schießt es aus mir heraus.
„Ganz ruhig. Eine Frage nach der anderen“, sagt sie lachend.
„Also, erstens haben wir nicht Mittwoch, sondern Freitag. Mama und Papa sind mit ein paar Freunden weggefahren. Sie kommen erst morgen früh wieder.
Und du, also dein zukünftiges Ich, bist mit Freunden unterwegs“, erklärt sie mir.
„War ich nicht eingeladen, oder was?“, frage ich lachend.
„Doch, natürlich warst du. Aber in den letzten Jahren hast du dich eben ein bisschen verändert.“
„Wie denn verändert?“
„Also, du verbringst halt mehr Zeit mit deinen Freunden und weniger mit uns. Aber das ist ganz normal in dem Alter.“
„Ach so“, gebe ich nachdenklich zurück.
In diesem Moment kommt Bastian wieder in das Zimmer. In seinen Händen hält er einen Klamottenstapel. Das sind auf jeden Fall mehr als nur eine Hose. Er hat vermutlich direkt mehr mitgenommen.
Er drückt sie Laura in die Hand und verlässt mein Zimmer wieder.
„Sooo, dann wollen wir mal schauen“, sagt sie, während sie eine Hose aus dem Stapel nimmt und sie auseinanderfaltet. Jetzt hält sie mir die Hose vor meine Beine. Ich glaube, sie überprüft, ob die Hose mir passt. „Ja, die sollte dir eigentlich passen. Zieh dir die und noch diese Unterhose hier an! In der Zeit werde ich mich um das Haar kümmern“, sagt sie, während sie mir die blaue Jeans und die grüne Unterhose in die Hand drückt.
…
Jetzt, wo ich wieder eine trockene Hose anhabe, die mir zwar ein bisschen zu lang ist, aber sonst eigentlich ganz gut passt, merke ich erst, wie unangenehm es eigentlich in der nassen Hose war. Ganz kalt und klebrig.
Apropos nass: Ich bin wieder ziemlich durstig. Ich sollte Laura fragen, ob sie mir etwas zu trinken geben kann. Wenn ich wirklich durch die Zeit gereist bin, habe ich dann seit sechs Jahren nichts mehr getrunken? Oder …
„Jonas, bist du so weit?“, reißt Laura mich aus meinen Gedanken.
„Ja, eigentlich schon, aber könnte ich bitte noch etwas zu trinken bekommen?“, frage ich.
„Natürlich, ich hole dir kurz etwas. Geh du schon mal zu Bastian ins Wohnzimmer. Ich komme gleich und dann fahren wir los.“
Ich öffne meine Zimmertür und betrete den Flur.
Laura, die nach mir das Zimmer verlässt, geht nach rechts in Richtung Küche.
Ich gehe aber nach links ins Wohnzimmer, wo Bastian auf dem Sofa sitzt und etwas an seinem Smartphone macht. Er schaut nach oben und lächelt mich an.
„Ist alles wieder in Ordnung?“, fragt er mich.
„Ja, alles wieder okay. Ist das ein Handy aus 2032?“, frage ich erstaunt, während ich auf sein Smartphone zeige.
„Ja, ganz neu. Habe ich mir erst letzten Monat gekauft!“, gibt er stolz zu.
„Darf ich das mal in die Hand nehmen?“, frage ich vorsichtig.
„Klar, hier!“, sagt er, während er es mir hinhält.
Es ist ganz leicht, viel leichter als Handys aus 2026, und auch viel dünner. Vielleicht halb so dick wie die Handys, die ich kenne. Es sieht aus, als würde es nur aus dem Bildschirm bestehen. Wie funktioniert so was? Das ist ja unglaublich!
Scheinbar erkennt man, dass ich sehr erstaunt bin, denn Bastian fragt, ob ich noch nie ein Handy gesehen habe. „Doch, klar habe ich, aber noch nie so ein dünnes! Das muss ja die neueste Technologie sein. Das war bestimmt teuer“, stelle ich fest.
„Ach, ging eigentlich. Die Technologie gibt es ja jetzt auch schon seit drei Jahren.“
„So, einmal hier dein Getränk!“, sagt Laura, während sie mir eine Flasche Apfelschorle in die Hand drückt.
„Können wir dann jetzt los?“, fragt Bastian.
„Ja, auf geht’s!“, bestätigt sie.
„Wartet mal! Wie sollen wir denn zur Universität hinkommen?“, frage ich verwirrt.
„Na, wir fahren mit dem Auto“, beantwortet Bastian meine Frage.
„Hast du denn schon einen Führerschein?“, setze ich nach.
„Klar habe ich einen. Sonst könnte ich ja schlecht fahren, oder?“, sagt er mit einem Lachen.
Vor dem Haus steht auf dem Parkplatz ein grauer VW Polo, in den wir drei auch direkt einsteigen.
…
„Wenn ich wirklich aus der Vergangenheit bin, wie ist dann mein zukünftiges Ich so?“, frage ich, nachdem die ersten zehn Minuten der Fahrt sehr ruhig verlaufen sind.
„Ähm, also, er ist eigentlich immer noch ganz nett, so wie du, auch wenn er manchmal Unsinn macht“, erzählt mir Laura.
„Was denn für Unsinn?“, hake ich nach.
„Na ja, zum Beispiel wurde er vor ein paar Monaten verhaftet, weil er zusammen mit Julian Sven erschrecken wollte“, erklärt sie mir.
„Das muss dann ja was richtig Übertriebenes gewesen sein, wenn er deswegen verhaftet wurde. Was hat er denn gemacht?“
„Also, er und Julian haben sich Sturmhauben übers Gesicht gezogen und sind dann mit Spielzeugpistolen in Svens Bank reingestürmt und haben so getan, als würden sie die Bank ausrauben. Sven haben sie auf jeden Fall erschreckt, aber alle anderen auch, weshalb die Polizei kam und die beiden festgenommen wurden. Aber das hat sich dann alles aufgeklärt“, erzählt mir Laura.
„Was wirklich? Das war ja wirklich dumm von mir, also meinem zukünftigen Ich.“
„Ja, aber sowas von! Was glaubst du, wie Mama und Papa ausgerastet sind!“, fügt Bastian hinzu.
„Das glaube ich“, sage ich nachdenklich.
Das war ja wirklich bescheuert von mir. Aber ich wäre trotzdem gerne dabei gewesen. Hoffentlich kann ich irgendwann wieder in meine Zeit! Ich möchte alles selbst erleben und nicht nur davon hören.
…
„Wieso hast du denn einen Schlüssel für dieses Labor hier?“, frage ich Laura, während wir ein Labor der Universität betreten.
„Ich studiere hier im vierten Semester Physik und arbeite nebenbei hier im Labor für Dr. Friedrich Busch als Assistentin. Kennst du ihn schon? Also, hast du ihn zu dem Zeitpunkt, von dem du kommst, schon mal getroffen?“, fragt sie mich.
„Nein, ich glaube nicht“, antworte ich.
„Unser Jonas und Dr. Busch verstehen sich sehr gut. Er versucht ihm ein bisschen in der Schule nachzuhelfen, seit der fünften Klasse. Seitdem sind deine Noten auch viel besser geworden“, erklärt mir Bastian.
„Also bekomme ich Nachhilfe von jemandem, der einen Doktortitel in Physik hat?“, frage ich ungläubig.
„Ja, seitdem ihr euch das erste Mal getroffen habt, ist eine tiefe Freundschaft entstanden“, erzählt mir Bastian.
Laura arbeitet währenddessen an dem DNA-Test und holt aus einer Plastiktüte das Haar heraus, das sie sich eben von dem anderen Jonas gesucht hat.
„Wo hast du das Haar eigentlich gefunden?“, fragt Bastian sie.
„Das lag auf seinem Kissen“, antwortet sie.
Jetzt kommt sie zu mir und hockt sich wieder vor mich hin. „So, Jonas, ich werde jetzt ganz vorsichtig versuchen, dir ein Haar auszurupfen. Danach werde ich den Test schnell machen und dann wissen wir mehr. Okay?“, erklärt mir Laura.
Ich nicke vorsichtig.
Und dann ziept es kurz. Es tut nicht dolle weh, aber es war auch nicht gerade angenehm.
…
„Okay, der Test ist jetzt gleich fertig!“, sagt Laura 45 Minuten später. Bastian und ich haben in der Zeit Uno gespielt und ich habe ihn sogar ganz oft besiegt.
Laura setzt sich an den PC und Bastian und ich setzen uns ihr gegenüber.
„Alsooo!“, sagt Laura, während sie auf dem Bildschirm etwas liest.
„Die DNA ist dieselbe. Das heißt, meine Vermutung wurde bestätigt. Ich würde aber morgen am liebsten noch einen Test machen, damit wir sicher sein können. Aber nach aktuellem Stand, Jonas, bist du in der Zukunft!“
Oh Mann! Sie hatte recht! Ich bin durch die Zeit gereist! Wie geht das? Und komme ich jemals wieder nach Hause? Werde ich ein Paradoxon auslösen, wenn ich hierbleibe? Oder werde ich vielleicht krank durch zukünftige Krankheiten, gegen die sich mein Körper nicht wehren kann? Was wird wohl der andere Jonas sagen, wenn er von mir erfährt? Ich wäre bestimmt auch nicht so glücklich, wenn plötzlich ein jüngeres Ich vor der Haustür steht!
Ich bin so tief in Gedanken, dass ich gar nicht merke, dass ich mir eingepullert habe. Schon das zweite Mal an nur einem Tag! Was stimmt nicht mit mir?
„Jonas? Hast du dir gerade eingepullert?“, fragt Bastian vorsichtig. Ich reagiere nicht. Mann, ist das peinlich. Jetzt bin ich vielleicht der erste Zeitreisende aller Zeiten und das Einzige, was ich tue, ist, mich vor meinen großen Geschwistern nass zu machen.
„Das ist nicht schlimm, Jonas! Wirklich nicht. Du machst gerade sehr viel durch. Da ist so etwas verständlich!“, erklärt mir Bastian.
„Komm, wir gehen jetzt erst mal zum Auto und fahren dann wieder nach Hause. Okay?“, setzt er nach.
Wir drei stehen auf und gehen zum Auto. Ich schaue beschämt auf meine Füße und sage kein Wort, während wir gehen. Am Auto angekommen, kramt Basti eine alte Decke aus dem Kofferraum, die er dann auf meinen Sitz legt, damit er nicht nass wird.
Es ist sehr unangenehm in der nassen Hose. Sie ist ganz kalt und klebrig.
Während der Heimfahrt ruft Laura jemanden an.
„Hallo, Dr. Busch, können wir uns morgen treffen? Ich habe da eine kleine … Überraschung. Ja, klingt gut. Bis morgen“, spricht sie in ihr Telefon.
Dann dreht sie sich um und schaut mir in die Augen.
„Morgen treffen wir Dr. Busch. Er kann uns bestimmt helfen. Du bist schon sehr müde, oder? Gleich zu Hause solltest du direkt schlafen gehen! Es ist schon nach null Uhr!“, sagt Laura.
Basti öffnet gerade die Tür und ich sehe plötzlich jemanden in der Wohnung stehen. Er ist ein bisschen kleiner als Bastian und scheint ein bisschen wackelig auf den Beinen zu sein. Bin das etwa ich? Und bin ich betrunken?
Autor: Loki | Eingesandt via Ticket
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