
#13: Verlegenheit
Auf dem Schulhof des Europagymnasiums Hemmingen.
2012 Mittwoch, der 18. Dezember, 11:20 Uhr
Ist dir irgendetwas an Fenix aufgefallen, dass darauf hindeuten könnte, dass er absichtlich in die Hose macht?, hatte Nick sie gefragt. Auf dem Schulhof, in der zweiten Hofpause, nur ein paar Meter von ihren Freunden entfernt. Robin, die sonst nie um Worte verlegen war, wusste kurz nicht, was sie sagen sollte. Holte Luft. Setzte einen überraschten Blick auf.
»Wie meinst du das?«, fragte sie um Zeit zu schinden. Der kalte Winterwind pfiff über den Schulhof, von den Ästen der kahlen Lärche, unter der sie standen, fielen vereinzelte Regentropfen in ihre Haare.
Der mindestens einen Kopf größere Nick deutete ein Lächeln an, es war ihm anzusehen dass das Thema für ihn unangenehm war. Er neigte seinen Kopf leicht nach unten und fuhr sich mit einer Hand durch die stoppeligen blonden Haare an seinem Hinterkopf: »Naja. Also, weißt du … Fenix hat ja …«, er senkte seine Stimme: » … ins Bett gemacht, bevor wir hergezogen sind …«
Robin nickte wissend, während sich ihr Puls beschleunigte.
» … und als wir hier angekommen sind, war das weg. Worauf er super stolz war. Aber dann hat er sich mit Jakob angefreundet und zwei Wochen später hat er mich gefragt, wo seine alten Windeln sind, wegen Jakobs Geburtstag. Du weißt ja, damit ein anderer Freund von Jakob sich nicht benachteiligt fühlt oder so. Aber er hat sich so komisch gefreut, als ich sie ihm rausgesucht habe … und jetzt macht er wieder ins Bett und sogar Nachmittags in die Hose …«
Robin nickte.
» … und ist komplett fine damit. Irgendwie glaube ich sogar, er macht das absichtlich.«
Robin schloss kurz die Augen.
Welches Kind macht denn absichtlich in die Hose?, könnte sie sagen. Oder einfach Wow, okay, nee, davon hab ich nichts bemerkt und dabei leicht lachen angesichts der Absurdität der Frage. Es gab viel, was Robin Kerkwald jetzt sagen könnte um Nicks Frage abzublocken. Sie wollte das Vertrauen, dass Fenix in sie gesetzt hatte keinesfalls verletzen. Aber gleichzeitig auch Nick mit seinen eisblauen Augen nicht anlügen.
Langsam räusperte sie sich und antwortete: »Ja.«
Anschließend war es kurz still, denn Nick schien zu erwarten, dass sie noch mehr sagen würde. »Wie meinst du das? Ja? Einfach Ja?«
Robin presste ihre Lippen aufeinander, verschränkte ungewohnt defensiv die Arme und rang um ihre Worte: »Ja. Er macht das mit Absicht. Ganz sicher. Wegen der Windeln, ja. Aber frag ihn das besser selbst, ich sollte dir das nicht erzählen.«
»What??«, wurde Nick unwillkürlich lauter, doch entschuldigte sich sofort.
»Weißt du …«, Robin geriet ins Stottern und war plötzlich ungewohnt unsouverän: »Er, er, er … Nein. Frag ihn selbst, aber …« und dann wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte.
Nicks Augen wurden feucht: »Fuck, was stimmt mit meinem Bruder nicht? Warum macht er das? Warum??« und seine Stimme schlug einen verzweifelten Tonfall an, den Robin so noch nie gehört hatte: »Das ist alles nur weil Mama gestorben ist …«
Die Neuntklässlerin griff nach seiner Hand: »Wie gesagt, rede mal in Ruhe mit ihm darüber. Ihr versteht euch ja gut. Aber gib ihm nicht das Gefühl, dass das etwas Schlimmes ist. Sondern dass die ganze Sache schon okay ist, ist sie bei Jakob ja auch und warum sollten für ihn andere Regeln gelten?«
Robin sah in die Augen des Sechzehnjährigen um sich zu vergewissern, dass er ihrer Argumentation folgte: »Weißt du, Fenix ist ein echt lieber Junge, er macht das nicht um negativ aufzufallen oder dich und deinen Dad zu verärgern. Keine Ahnung, warum er das macht … Ja, das hat vielleicht wirklich damit zu tun, dass eure Mutter tod ist, aber das … das ist jetzt einfach so. Ich glaub nicht, dass du das ändern kannst, also … Versuch einfach, ihn zu unterstützen.«
Jetzt schloss Nick die Augen.
Robin trat einen Schritt näher an ihn: »Ja? Gib ihm nicht das Gefühl, dass er deswegen merkwürdig ist, oder dass das etwas Schlimmes ist … «
Nick wich einen Schritt zurück und schüttelte mit dem Kopf. Er drehte sich um, steckte seine Hände in die Taschen seiner Bomberjacke und sah zu seinem kleinen Bruder herüber, der mit Jakob fangen spielte.
Robin hoffte, dass er auf sie hören würde.
In Fenix Wohnung
2023, Samstag, der 19. August, 20 Uhr.
Das Wasser auf der Unterseite des kleinen Topfes knallte leise, als es verdampfte. Fenix hatte den Topf mit der Hand gespült und nur oberflächlich trockengewischt, bevor er frische Milch hineingefüllt hatte um einen Kakao zuzubereiten. In Sichtweite seines Freundes stand Fenix in der Kochnische der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung und schmierte dazu noch zwei Butterbrote, während Jakob den Updatebildschirm des Polizeilaptops anstarrte, in der Hoffnung, er könnte den Prozess alleine dadurch beschleunigen. Die matschig-nasse Windel, die sich nach vielen Stunden mittlerweile an der Kapazitätsgrenze befand, blendete er noch genauso effektiv aus wie früher als Kind. Höchstens unterbewusst nahm er die Nässe des gesättigten Gels war, aber im Zusammenspiel mit dem gemütlichen Sitzen auf der Couch, zu der Erwartung eines warmen Kakaos und, ja, auch Fenix, passte das so gut, dass er kaum bewusst darüber nachdachte.
»Passt das denn, wenn du so spät noch Kakao trinkst?«, fragte Fenix ihn beiläufig, während er die Milch in zwei Tassen abgoss.
Durch den Stau auf der Rückfahrt war es mittlerweile Acht Uhr Abends und nach der Party gestern war Jakob schon ziemlich müde. Lange würde er nicht mehr wach bleiben, auch wenn er für den Rückweg zum Studentenwohnheim noch mindestens eine halbe Stunde brauchen würde.
Jakob gähnte, bevor er antwortete: »Nein. Ich mach heute Nacht wieder ins Bett, ganz sicher.«
Fenix lachte und merkte dann, dass Jakob das Ernst meinte, woraufhin der Bettnässer in Spe mit den Schultern zuckte: »Ich hab noch Windeln im Wohnheim, alles gut. Lieber trink ich den Kakao jetzt als dass ich durstig bleibe und versuche, heute Nacht trocken zu blieben.«
»Awww«, antwortete Fenix und fragte sich sofort, ob diese Reaktion nicht vielleicht übertrieben gewesen war. Diese nonchalante, gleichzeitig realistische und überaus pragmatische Herangehensweise an das Thema Windeln war so typisch für Jakob, dass Fenix nicht anders konnte, als die Argumentation seines Freundes überaus süß zu finden. Welcher andere Mensch würde sich bei der Auswahl Kakao oder ins Bett machen? so unbekümmert und nüchtern für letzteres entscheiden?
Von einem weiteren Gähnen begleitet rutschte Jakob tiefer in das Sofa hinein und stützte den Kopf müde auf einem Kissen auf, woraufhin Fenix mit den Kakaotassen in der Hand innehielt. Wenn er so weitermachte, würde Jakob den Kakao noch aus Versehen verschütten: »Wart mal kurz«, sagte er, stellte die für sich bestimmte Tasse ab und ging mit der anderen zurück zur Küchenzeile. Unauffällig huschte Fenix schnell in sein Schlafzimmer rüber, kramte in einer Schublade, fand was er suchte und war so schnell zurück, dass Jakob nichts mitbekommen hatte.
Erst, als Fenix ihm den Kakao reichte, löste sich Jakobs Blick vom Laptopbildschirm und er erkannte, was sein Freund ihm hinhielt.
Die Augen des schmächtigen Tweens wurden groß, dann öffnete sich sein Mund vor Empörung: »Dafür bin ich doch schon viel zu groooß« – gesprochen in Jakobs kleiner-Junge-Tonfall.
Doch Fenix hielt ihm die mit Kakao gefüllte Nuckelflasche beharrlich hin: »Naja. Siebenjährige die noch Pampers brauchen, dürfen auch Nuckiflaschen haben, find ich …«
Jakob rollte mit den Augen, griff nach der Nuckelflasche, schob sich den Sauger in den Mund und nuckelte schweigsam daran. Sein Kopf sank noch tiefer auf das Kissen und seine Beine zog er hoch auf den langen Teil der Couch, sodass er unabsichtlich den Blick auf seinen prallen Windelschritt preisgab. Fenix nippte ebenfalls an seiner Porzellantasse und genoss die Wärme und das Gefühl von Geborgenheit, was sich bei jedem Schluck in ihm breitmachte. Als er die Beule in Jakobs Hose sah, dachte er automatisch an die Seni darunter. Seitdem Jakob selbst einen Windelwechsel angeregt hatte – wie untypisch für ihn – waren fast vier Stunden vergangen. Seine Windel musste am absoluten Limit sein, sodass Fenix so langsam doch Angst um seine Polster bekam. Wobei das eher einer der nachrangigeren Gedanken war, die ihm bei diesem Thema einfielen.
»Ähm Jakob? Ich glaub jetzt ist ein guter Moment für eine frische Windel, oder?«, fragte Fenix.
Weder wandte Jakob seinen Blick vom Bildschirm ab, noch hörte er auf an der Flasche zu nuckeln, sondern antwortete abwesend: »Ja. Gleeich …«
Erst das Fenix daraufhin unwillkürlich lachte, zog Jakobs Aufmerksamkeit auf das Gespräch. Sein Freund war wirklich immer noch genau derselbe Junge wie vor fast zehn Jahren. Kein Stück weit hatte er sich verändert, dachte Fenix.
»Was denn?«, fragte Jakob und setzte die Nuckelflasche ab.
»Was hab ich grade gesagt?«, fragte Fenix, der die Antwort darauf schon vorhersehen konnte …
»Äääh …«, wurde Jakob verlegen, woraufhin er mit einer Hand am Nuckel der Flasche herumpiddelte.
»Bärchen, du brauchst dringend ne frische Pampers!«
Das war Jakob plötzlich peinlich, oder zumindest tat er so und quetschte seine Beine zusammen, woraufhin die Seni hörbar schmatzte und beide Jungs lachten.
Fenix schüttelte den Kopf: »Aber sowas von!«
Jakob nickte beschämt, krabbelte vom langen Teil des Sofas runter – anstatt zum Couchtisch hin aufzustehen – präsentierte ihm dabei seinen dicken Windelpo und stand dann erstmal so lange unschlüssig im Wohnzimmer herum, dass Fenix schon befürchtete, Jakob würde ein weiteres Mal in seine überforderte Windel pinkeln.
»Äh, kannst du mir Feuchttücher leihen? Und weißt du wo meine Unterhose ist?«, fragte er nach einem kurzen Moment der Unschlüssigkeit, doch es war Fenix, der mit der Antwort auf sich warten ließ.
Jakob, ich kann dich auch einfach schnell frisch wickeln, formulierte er in Gedanken. Oder Bärchen, komm, ich mach dir schnell eine neue Pampi drum.
Das, was er Jakob schon damals hatte vorschlagen wollen.
In Fenix Kinderzimmer
2014, Samstag, der 13. September.
»Du immer mit deinem Cleanstone«, rollte Fenix mit den Augen, doch Jakob verteidigte sich: »Der sieht halt so cool nach Beton aus …«
»Jaa, aber beleg doch nicht alle Öfen deswegen …«, bat er seinen Freund, während er seine Minecraftfigur wieder hinab in das unterirdische Höhlensystem, aus dem er grade emporgekommen war, springen ließ. Kaum war er unten angekommen, sprang er in den Wagen einer kleinen Mineneisenbahn und ließ sich von selbiger durch den Untergrund transportieren.
Seit fast einem Jahr baute er zusammen mit Jakob, Maxi, Benni und anderen Kindern aus dem Dorf und der Schule an ihrem gemeinsamen Minecraftserver. Zuletzt hatte Jakob sogar Sarah eingeladen. Oft trafen sie sich online, aber manchmal verbrachten Jakob und Fenix auch den gesamten Samstag zusammen, bauten an der Klötzchenwelt und übernachteten beieinander. Meist bei Fenix, denn der hatte immerhin den Gaming-PC, während Jakob nur den alten Laptop seiner großen Schwester sein Eigen nennen durfte. Während Fenix an seinem Bürostuhl saß und seinen Avatar mit einer giftgrün leuchtenden Gamingtastatur und einer Maus in regenbogenfarben durch die selbst erbaute Welt steuerte, lag Jakob bäuchlings auf Fenix Bett und drückte auf der alten, klapprigen Laptoptastatur herum. Seine Beine ließ der Fast-Dreizehnjährige verspielt in der Luft herumbaumeln, den Oberkörper hatte er unter Fenix Kopfkissen aufgebockt. Sämtliche Wachstumsschübe waren in den letzten zwei Jahren bei ihm ausgeblieben und auch ansonsten schien sich Jakob beinahe absichtlich zu bemühen, sich möglichst wenig zu verändern.
Obwohl es in seinem Kleiderschrank – das hatte Fenix gesehen, als er zuletzt bei Jakob übernachtet hatte – genug unauffällige, schwarze Sportsocken gab, trug Jakob blaugrün geringelte Strümpfe, die ebenso wie sein bunt gestreiftes Tshirt eigentlich viel zu kindisch für einen Siebtklässler waren. Und unter seiner bequemen dunkelblauen Jogginghose spannte eine pralle Windel, die am Hosenbund einige Zentimeter leuchtend weiß hervorlugte. Allerdings musste Fenix zugeben, dass er in dem Punkt auch nicht viel besser war, wobei seine eigene Windel wesentlich besser kaschiert war. Jakobs schwarze Haare waren verstrubbelt wie eh und je, aber das kümmerte ihn wenig. Mit einem zufriedenen Grinsen und als hätte er alle Zeit der Welt und an diesem Samstag nichts anderes mehr vor baute er an seinem Laptop einen modern ausgeschmückten Bahnhof für Minecarts.
»Duuurst«, quengelte sein Freund vergnügt, kaum hatte er bemerkt, dass Fenix ihn musterte.
»Wollen wir mal schauen, was im Vorratsraum ist?«
Doch Jakob wandte den Blick wieder seinem Spiel zu: »Oder du schaust und ich bau währenddessen den Bahnhof fertig!«
»Bin ich dein Kellner, oder was?«, schüttelte Fenix mit dem Kopf und stand dabei schon auf dem Teppich in der Mitte seines Zimmers.
»Nö. Aaber vielleicht meine Alexa? Alexa, bring Getränke!«, kicherte Jakob, woraufhin Fenix ihn unvermittelt in die Hüfte piekste und Jakob sich vor Lachen krümmte. »Heeeey!«, quiekte der ein halbes Jahr ältere Junge empört und trat spielerisch nach Fenix.
Fenix schnappte Jakobs Fuß, zog ihm dabei fast die schmutzige bunte Socke aus und anschließend Jakob selbst bis zur Bettkante vor.
»Vorsichtig, mein Laptop!«, warnte Jakob aufgeregt, doch kaum hatte er Boden unter seinen Füßen jagte er Fenix hinterher. Auf Socken polterten die beiden Siebtklässler die Treppe herunter, schlitterten durch den Eingangsbereich des modernen Hauses, rannten durch die Küche und Jakob versuchte noch, schnell genug die schwere Schiebetüre der angrenzenden Vorratskammer aufzuziehen, da hatte Fenix ihn bereits erwischt und unterzog seinen vorlauten Freund einer Kitzelattacke.
Pipigeruch stieg Fenix in die Nase, während Jakob »Lass!«, quengelte, sich losriss und dabei fast gegen das Weinregal stieß. Nicht eine Sekunde lang fragte Fenix sich, ob der Geruch von ihm selbst oder von Jakob ausging. Seine eigene Windel war fast noch frisch, er trug sie kaum länger als eine Stunde. Jakob hingegen war heute Vormittag bei ihm aufgeschlagen und hatte sich seitdem nicht um seine Windel gekümmert. Während der einen Kopf kleinere Junge den Kühlschrank öffnete und ihm den Rücken zuwandte, überschlug Fenix: Das war jetzt Sieben Stunden her – Jakobs Windel musste am absoluten Limit sein, auch wenn er vor kurzem von Größe XS auf S gewechselt war und die nochmal etwas mehr aushielt.
»Jakob, kann’s sein dass du ne frische Pampers brauchst?«, erinnerte er seinen Freund.
Auch wenn seine Windeln keine Pampers mehr waren, sondern von Seni, nannten beide Jungen sie weiterhin so – und auch fast alle anderen, Jakobs Eltern, Robin – nach mehr als zehn Jahren hatte sich das einfach eingebürgert und passte obendrein viel besser zu Jakob.
»Jaa …«, gab Jakob verlegen zu, während er eine Punicaflasche aus dem Kühlschrank entnahm: »Gleeich. Wenn wir den Bahnhof fertig haben!«
»Ey, ich will nicht, dass mein Bett wieder wegen dir nass wird!«, nörgelte Fenix zurück, woraufhin Jakob ihn bockig ansah und Fenix sofort der Impuls überkam, klein beizugeben.
Allerdings sah die Pampers seines einen Kopf kleineren Freundes auch von vorne betrachtet aus als wäre ein Windelwechsel allerhöchste Eisenbahn. Der Nässeindikatorstreifen war sicherlich nicht mehr blau, auch nicht gelb, sondern bereits gänzlich verschwunden und Fenix wusste genau so gut wie Jakob, dass sich zwischen seinen Beinen schon ein kleiner See sammeln dürfte.
Es hatte schon einen Grund, dass Jakob zuhause meist zum Wickeln ermahnt wurde.
Oder soll ich dich schnell frisch wickeln?, legte Fenix sich die Worte gedanklich zurecht. Wie Robin das Jakob früher vorgeschlagen hatte, wenn sie zusammen in Jakobs Zimmer Lego gespielt hatten und seine Pampers – tatsächliche, bunte Kinderpampers – kurz vor dem Überlaufen gewesen waren.
Nein, das wäre doch komisch.
Vielleicht kann das ja schnell Alexa übernehmen …
Konnte er das vielleicht so sagen?
Dann würde sich Jakob auf sein Bett legen, er würde ihm die Jogginghose bis zu den Knöcheln runterziehen, eine frische Seni unterlegen und …
»Was guckst du so?«, wunderte sich der verspielte Zwölfjährige. Jakob hatte die Arme immer noch verschränkt und sah ihn herausfordernd an, fast so, als würde er mach doch was dagegen, dass ich die Windel anbehalte! sagen wollen.
»Nix«, murmelte Fenix schnell, woraufhin Jakob sich an ihm vorbeidrängte und mit zwischen den Beinen wackelnder Pipiwindel über die glatten Fliesen wieder in den ersten Stock rutsch-rannte.
Es war alles so toll gewesen. Aber ein halbes Jahr später hatten sie sich wegen Sarah so sehr gestritten, dass Jakob nicht mehr mit ihm geredet hatte. Und daraufhin hatte Fenix alles, wirklich alles, versaut.
Im Wohnzimmer der Kerkwalds
2012 Mittwoch, der 18. Dezember, irgendwann am Nachmittag.
Die neongrüne Siebensegmentanzeige des Radios in der mit Buchenfurnier verkleideten Wohnwand zeigte blinkend Punkt Zwölf Uhr. Aber das tat sie seit fast zwei Jahren durchgehend, nachdem einmal kurz der Strom ausgefallen war und sich anschließend niemand darum gekümmert hatte, die Uhrzeit wieder einzustellen.
Ungeachtet der falschen Uhrzeit wurde es in dem länglichen Raum langsam dunkel. Kleine Halogen-Pendelleuchten über dem dunklen Wohnzimmertisch tauchten denselben in ein spotartiges Licht, während es im Rest des Raumes langsam dämmrig wurde. Durch das Fenster schien die tiefstehende, rötliche Abendsonne hinein und erzeugte auf der Raufasertapete ein längliches Trapez, das langsam in Richtung Fernseher wanderte.
Natürlich war der Fernseher aus.
Nicht mal das Radio lief.
Still und konzentriert saß Jakob am Wohnzimmertisch, vor sich ein kariertes Schulheft mit blauem Plastikeinband und schräg links daneben das Mathebuch. Mit einem Bein wippte er vor und zurück, das andere hatte er auf dem Stuhl angewinkelt, sodass er halb im Schneidersitz saß. Seine Hose hatte er schon bald nachdem er aus der Schule gekommen war ausgezogen, sodass er nur im bequemen, weiten Kaputzenpulli und seiner mintgrün-weiß-geringelten Strumpfhose dasaß. Die Pampers darunter war warm, weich und kuschelig und alles weitere – wie die Frage, ob und wie nass sie war – war für Jakob in diesem Moment völlig unwichtig.
Aber natürlich war sie nass.
Er tröpfelte sogar in diesem Moment langsam in seine Windel, aber merkte davon nicht das geringste.
Unbewusst kaute der Elfjährige am Stiel seines Bleistiftes, während er im Kopf nach einem gemeinsamen Nenner für die Addition zweier Brüche suchte.
Nein, das war zu kompliziert, das musste er aufschreiben.
Zum Glück hatte Frau Harlekin ihm erklärt, wie das KGV-Verfahren ging. Jakob zerlegte sowohl die Dreißig als auch die Zweiundvierzig in Primfaktoren, was total einfach war, wenn man wusste, was damit gemeint war. Einfach teilen, bis es nichts weiter zu teilen gab. Primfaktorzerlegung klang zwar gruselig, wenn Jakobs Mathelehrer ihn wütend fragte Sagmal, kann es sein, dass du die Primfaktorzerlegung überhaupt nicht verstanden hast?, nach etwas das kompliziert und schwer zu begreifen war, aber jetzt wo er wusste, was er zu tun hatte, war das alles ganz einfach!
Aus Dreißig wurde zwei mal fünfzehn, also zwei mal fünf mal drei.
Aus Zweiundvierzig wurde zwei mal einundzwanzig, also zwei mal sieben mal drei.
Jakob schrieb beide Zerlegungen sauber in sein Heft und multiplizierte entsprechend beide Brüche so, dass sie als Nenner 210 hatten.
Schon seit einer halben Stunde saß der Fünftklässler konzentriert an seinen Hausaufgaben. Dabei war er so schön am Malen gewesen, am Schreibtisch oben in seinem Zimmer, als seine Mutter reingeplatzt war und ihn gefragt hatte, ob er für den morgigen Schultag nicht noch Hausaufgaben machen müsse. Mit ihrer Vermutung hatte Eva natürlich recht gehabt und Jakob war reumütig nach unten getrottet, um unter ihrer Aufsicht damit anzufangen.
Natürlich war der Elfjährige erleichtert gewesen, als irgendwann das Telefon geklingelt hatte und seine Mutter den Raum und wenig später auch das Haus verlassen hatte. Jetzt könnte er eigentlich wieder hoch in sein Zimmer gehen, die Hörspielkassette weiterhören und an seinem Bild weitermalen. Aber grade schaffte er die Mathehausaufgaben so gut, dass er viel lieber daran weiterrechnete. Er freute sich sogar ein bisschen auf den Matheunterricht morgen, obwohl er natürlich trotzdem weiterhin Angst vor Herrn Hammer hatte.
Das Sonnenuntergangstrapez erhellte bereits das ausgeblichene schwarze Plastik des Fernsehers, als es an der Haustüre klingelte. Jakob erschrak, setzte sich kerzengrade hin und lauschte gespannt.
Keine Türe öffnete sich, die Treppe knarzte nicht und niemand lief durch den Flur. Dann klingelte es erneut. Das zweitönige Läuten schallte viel lauter als sonst, zumindest kam es ihm so vor. Allerdings war es im Haus ansonsten auch mucksmäuschenstill.
Erst jetzt dämmerte Jakob, dass er vermutlich alleine zu Hause war. Schnell sprang er von seinem Stuhl auf und rannte zur Haustür.
Zum Glück war sein Pullover lang genug, um seine Windel notdürftig zu verdecken wenn er stand. Trotzdem versteckte Jakob sich halb hinter der Türe, während er sie öffnete. Zumindest bis er erkannte, wer vor ihm stand.
»Fenix!«, rief er überrascht.
Die tiefstehende Sonne tauchte die Haarspitzen seines zehnjährigen Freundes in ein grelles Orange. Fenix zuppelte nervös an seinem roten Pullover, aber gab sich keinerlei Mühe, den großen nassen Fleck im Schritt seiner hellblauen Hose zu verbergen.
»Hi«, murmelte er leise, lief in den Flur bevor Jakob irgendetwas zu sagen wusste und kickte seine Klettschuhe auf den Schuhhaufen. Seine Jacke musste er nicht aufhängen, denn er hatte gar keine an. Fenix Augen waren rot, es sah aus, als hätte er geweint. Jakob wollte grade fragen was los war, da kam Fenix ihm zuvor: »Kann ich heute Nachmittag bei dir bleiben?«
»Klar … was, was ist passiert?«, fragte Jakob bestürzt: »Alles okay?«
Jakobs Herz begann zu klopfen und er machte sich Sorgen um seinen Freund. Es war überhaupt eines der ersten Male in seinem Leben, das er sich Sorgen um jemand anderen machte.
»Ich hab mich mit Nick gestritten. Und ich hab in die Hose gemacht. Kann ich eine frische Hose von dir haben? Und eine Pampers?«
»Oh, äh, klar …«, antwortete Jakob überrumpelt angesichts des schnellen Themenwechsels und die beiden Jungen liefen nacheinander die Treppe hoch. Jakob, der hinter seinem Freund herlief erkannte, dass dessen Hose auch am Po nass war. Nicht an den Rändern, so wie das bei ihm immer war, wenn die Pampers auslief, sondern in der Mitte.
»Hast du dir wieder mit Absicht in die Hose gemacht?«, frage Jakob.
»Klar«, antwortete Fenix nonchalant.
»Und weshalb habt ihr gestritten?«
»Deshalb«, lautete Fenix einsilbige Antwort, während er eine zusammengefaltete Pampers aus Jakobs Schublade nahm.
»Weil du in die Hose gemacht hast?«, fragte ihn Jakob und kramte währenddessen die dunkelgrüne Cargohose, die er bis vor einer halben Stunde selbst noch getragen hatte aus der Ecke unter seinem Bett hervor und reichte sie Fenix.
»Neeein«, verdrehte der die Augen: »Weil ich es mit Absicht mache!«
»Woher soll er das wissen?«
»Keine Ahnung …«, resignierte Fenix: »Er hat mich gefragt, ob ich mir mit Absicht in die Hosen pinkel, weil ich wieder Windeln so wie du haben möchte … Und dass ich ihn deswegen nicht verarschen soll …«
So wie du, das fand Jakob irgendwie merkwürdig. Fenix wollte die Windeln doch nicht haben um wie er zu sein, sondern einfach, weil sie so toll waren. Woher kam Nick auf diese komische Idee?
Immerhin hatte er mit seiner Vermutung grundsätzlich recht.
»Und was hast du geantwortet?«
Fenix presste die Lippen aufeinander und schüttelte aufgeregt mit dem Kopf: »Will ich nicht sagen«, antwortete er.
Jakob sah, wie eine Träne aus dem linken Auge seines Freundes lief und plötzlich tat ihm Fenix total leid. Er fing erneut an zu weinen und kurz wusste Jakob nicht, was er tun sollte, aber dann ließ er die Hose, die er immer noch in seiner Hand hielt fallen und umarmte Fenix. Denn das war das, was er in dieser Situation brauchen würde: Eine Umarmung.
»Ich war gemein zu meinem Bruder …«, jammerte Fenix: »Aber er auch zu mir!«
Autor: giaci9 | Automatische Veröffentlichung
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Bitte den nächsten Teil etwas schneller aber wundervolle Geschichte wenn ich doch nur 6 Sterne geben könnte.