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Stadt ohne Gesicht (2)

31/07/2026 0 comments Article Gemischt Nancy Proud
This entry is Teil 2 von 2 in the series Stadt ohne Gesicht
Windelgeschichten.org präsentiert: Stadt ohne Gesicht

„Eine Stadt ohne Gesicht“
Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.
Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.
„Eine Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.
Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!
Danke, eure Nancy Proud.

Teil II

Kapitel 3: Das Telefonat

Es tutete wieder. Zweimal. Dann knackte die Leitung.

„Wolf, guten Tag“, meldete sich eine Stimme. Sie klang glasklar, bestimmt und besaß die natürliche Würde einer Frau, die feste Prinzipien lebte. Keine künstliche, abgehobene Aristokratie, sondern die ruhige Autorität einer Dame, für die gutes Benehmen und Etikette einfach zum Fundament des Lebens gehörten – so wie in ihrer wöchentlichen Bridge-Runde. Schnöder Reichtum und Protz waren ihr zuwider; ihr ging es um Bildung, Haltung und Anstand.

„Guten Tag, Frau Wolf. Mein Name ist… Amarell. Joshua Amarell“, stammelte ich. Meine Stimme rutschte vor Nervosität fast eine Oktave nach oben. Ich presste den Hörer so fest an mein Ohr, dass das Hartplastik schmerzte. „Ich rufe wegen Ihrer Anzeige an. Wegen der Wohn-WG… gegen, gegen Mithilfe.“

„Ah, Herr Amarell. Schön, dass Sie anrufen“, erwiderte sie, und ich meinte ein wohlwollendes, wenn auch strenges Lächeln zu hören. „Die Stelle und das WG-Zimmer ist in der Tat noch frei. Erzählen Sie mir kurz von sich. Was führt einen jungen Mann aus Hessen nach Bielefeld?“

Ich schluckte trocken. Jetzt bloß keine Fehler machen. Ich durfte nicht zu weit ausholen, keine Angriffsfläche bieten und vor allem nichts erwähnen, was Rückschlüsse auf meine Herkunft zuließ.
Was willst du denn mit Annette? Da steht dir ihr Vater und diese unmögliche Mutter doch immer im Weg!, gellte plötzlich die Stimme meiner eigenen Mutter in meinem Kopf auf. Ein verbaler Giftschwall aus meiner Jugend, flach, missgünstig und laut.

Meine Mutter war im Grunde die plakative, hessische Version von Peggy Bundy gewesen – permanent auf dem Sofa thronend, den Geist gefüttert mit Fernseh-Nichtigkeiten, unfähig, irgendetwas Schönes oder Feines im Leben zu ertragen. Warum gibst du dich überhaupt mit den Dorfblagen ab? Die kennen doch außer Gummistiefeln kein anderes Schuhwerk im Grundprinzip!, hatte sie immer geätzt, wenn ich versucht hatte, irgendwo Anschluss zu finden. Jedes Mal, wenn ich als Kind nach etwas Höherem, nach Struktur oder Zärtlichkeit gesucht hatte, war sie mit ihren vulgären, destruktiven Weisheiten dazwischengegrätscht. Sie hatte meine Kindheit mit einer sozialen Kälte und einem permanenten, lauten Chaos verkompliziert, vor dem ich bis heute auf der Flucht war.

Ich straffte die Schultern in der stickigen Telefonnische und drückte die Erinnerung weg. „Ich… ich werde in zweieinhalb Monaten an der Universität im Labor anfangen. Ich möchte mich beruflich verändern. Und endlich auf eigenen Beinen stehen.“

„Ein Labor. Das erfordert Struktur und Genauigkeit. Das gefällt mir“, stellte Frau Wolf fest. „Nun zu den Fakten, Herr Amarell. Nach einer unglücklichen Hüftoperation bin ich leider sehr unmobil geworden. Ich muss am Stock gehen. Da meine Enkelin Mia – sie ist fünf, wird bald sechs – bei mir lebt, schaffe ich das alles nicht mehr allein. Es geht um zwanzig Arbeitsstunden in der Woche. Dafür wohnen Sie mietfrei.“

„Das… das würde mir sehr gut passen“, sagte ich leise, fast schon entschuldigend.
„Die Aufgaben sind klar definiert“, fuhr sie fort und ihre Stimme bekam einen eindringlichen, fast fürsorglichen Ton. „Sind Sie denn auch in der Lage, mich bei den Mahlzeiten umfassend zu unterstützen? Seit dieser unsäglichen Operation kann ich einfach nicht mehr ausgiebig lange und ausdauernd am Herd stehen. Mir ist das Kochen aber ein großes Anliegen. Ich bevorzuge das eigene Gemüse aus unserem Garten. Mia soll von klein auf eine bewusste Ernährung und natürlich auch die Selbstversorgung kennenlernen und verinnerlichen. Das sind wichtige Punkte, die ich unbedingt umgesetzt wissen möchte.“

Ein eigener Gemüsegarten. Echtes, ehrliches Kochen. Bei uns zu Hause hatte es nur Dosenfutter gegeben, lieblos auf den Tisch geknallt, untermalt vom Dröhnen des Fernsehers. Kultur und Haltung waren Fremdwörter gewesen. Ich flüsterte, während sich in mir alles vor freudiger Erwartung zusammenzog: „Ich verstehe.“

„Zudem gehört nach meinem Eingriff nun leider auch die komplette Wäschepflege für mich und die Kleine zu Ihren Aufgaben – vom Waschen im Keller bis zum Auf- und Abhängen auf dem Dachboden“, erklärte Vera Wolf mit großer Offenheit. Sie hielt kurz inne, ehe sie mit spürbarer Absicht hinzufügte: „Ich möchte diese Stelle ganz bewusst mit einer männlichen Hilfskraft besetzen.

Ihre zukünftige WG-Mitbewohnerin, die bereits hier wohnt, ist ebenfalls weiblich. Von einer zweiten Hilfe erwarte ich mir daher ganz klar auch häusliche und handwerkliche Fähigkeiten im und am Haus. Die Aufgaben müssen untereinander präzise abgesprochen werden. Ich erziehe meine Enkelin nach traditionellen Werten und gutem Knigge. Darauf lege ich auch im Umgang im Haus großen Wert.“

Bei dem Wort Wäschepflege lief mir ein verräterischer, heißer Schauer über den Rücken. Gott sei Dank konnte sie mich durch das Kabel hindurch nicht sehen. Das weiche, dicke Vlies unter meiner Bundfaltenhose fühlte sich plötzlich unendlich warm an. Häusliche Pflichten. Wäsche. Ordnung. Für meine Mutter war Wäsche nur ein lästiger Haufen Dreck gewesen; für mich war es jetzt schon eine geheime Sehnsucht nach Reinheit.

„Ordnung, Handwerk und Struktur sind mir extrem wichtig, Frau Wolf“, warf ich schüchtern ein. Ich wagte kaum zu atmen, wollte meine Fähigkeiten aber auch nicht arrogant hinstellen. „Und… ich koche und backe wirklich leidenschaftlich gern. Und sehr, sehr ordentlich. Ich packe überall an, wo es fehlt.“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause. Meine leise, fast devote Zurückhaltung schien Eindruck zu hinterlassen. In einer Zeit, in der junge Leute oft so laut, fordernd und ungezogen auftraten – wie die Pärchen, die ich eben noch im Café beobachtet hatte –, war meine Schüchternheit für sie offenbar ein seltenes Zeichen von echtem Anstand.

„Wissen Sie was, Herr Amarell?“, sagte Frau Wolf entschlossen. „Die Sprache verrät den Charakter, aber ich möchte den Menschen hinter der Stimme kennenlernen. Sind Sie gerade in Bielefeld? Wäre es Ihnen möglich, sich heute noch bei mir vorzustellen?“

Mein Herz machte einen gewaltigen Satz. Heute noch? Panik stieg in mir auf, die nackte Angst vor dem Unbekannten, vor dem Verlassen meines Kronkorken-Radius. Aber da war noch etwas anderes: die übermächtige Sehnsucht nach dieser kleinen, geordneten, sauberen Welt. Nach einer Ersatzfamilie, die vielleicht endlich angenehm, nützlich und friedlich war. Ein Ort, an dem meine sensible Art kein Makel war, sondern gebraucht wurde.

„Ich… ja. Ja, das kann ich einrichten. Ich mache mich sofort auf den Weg, Frau Wolf.“

Kapitel 4: Im Café Weinstein III

Als ich den Hörer auflegte, war ich wie betäubt. Ich redete kaum noch. In meiner Hand hielt ich die Telefonkarte, die Finger zitterten leicht.

Das Café Weinstein war laut – das Klappern von Geschirr, das Quietschen von Gummisohlen auf dem Dielenboden, das rhythmische Donnern des Basses aus den Boxen –, aber in mir war nur ein dumpfes, wattiges Rauschen. Meine Gedanken taumelten umeinander wie Kegel beim Strike. Und die Einlage zwischen meinen Beinen quoll mit jeder weiteren Minute, die ich neben dem grauen Telefon stand, unaufhörlich weiter. Meine Schüchternheit lähmte mich, aber auf meinen Lippen lag ein unwillkürliches, fast ertapptes Lächeln.

Ich flüchtete zurück in den Gastraum, sank tief in den Polstersessel und zündete mir mit zitternden Fingern eine Davidoff an. Der blaue Rauch kräuselte sich träge in der warmen Luft. Ich nahm einen tiefen Schluck von meinem Martini-O-Saft. Die kühle Süße beruhigte meinen rasenden Puls, und augenblicklich setzten die Tagträume ein. Bunte, warme Bilder schossen mir durch den Kopf.

Ich sah mich bereits in einer lichtdurchfluteten Küche stehen und für Frau Wolf und die kleine Mia kochen. Auf meine ganz eigene Weise. Israelisch, voller Aromen, die das sterile Labor vergessen lassen würden: samtiges Kichererbsenmus mit gutem Olivenöl, duftender Auberginenauflauf mit Kreuzkümmel, süßer French Toast mit Zimt am Morgen. Und für die vornehmen Bridge-Damen, von denen Vera erzählt hatte, würde ich frisch gebackene, noch warme Scones auf silbernen Platten servieren. Im Geist kniete ich schon tief im Sennestädter Garten, ordnete das Kräuterbeet neu, zog vergessene Gemüsesorten und setzte frische Saaten in die dunkle, feuchte Erde. Eine heile, saubere Welt. Eine Oase.

„Und? Was hat die Omi gesagt? Hast du eine Chance?“
Die Stimme der Kellnerin riss mich jäh aus meiner Zuflucht. Sie stand plötzlich wieder an meinem Tisch, die Arme locker vor der Brust verschränkt, ein wissendes, fast amüsiertes Grinsen auf den Lippen.

„Sie… sie hat mich eingeladen. Für heute noch“, stammelte ich und spürte, wie mir schon wieder die Hitze ins Gesicht schoss. Ich fühlte mich ertappt bei meinen viel zu großen Träumen. „Ich darf mich sofort vorstellen. Sie braucht Hilfe beim Kochen wegen ihrer Hüfte. Und für die kleine Mia. Wäschepflege, Garten… sie sucht extra männliche Unterstützung für die handwerklichen Dinge in und ums Haus.“

Die Kellnerin nickte, als hätte sie genau das erwartet. „Perfekt. Das Anwesen ist riesig, obere Mittelklasse. Da gibt es immer was zu tun. Aber pass auf: Die Omi hält verdammt viel auf Anstand, Haltung und Manieren. Sei einfach höflich, ordentlich und hör verdammt gut zu. Das mag sie.“

Ich blickte sie dankbar an. In meiner Trance und der Hektik des Aufbruchs fiel mir gar nicht auf, wie seltsam es eigentlich war, dass eine Café-Bedienung so intime Details über Frau Wolfs Angewohnheiten, ihre Hüfte und die Größe ihres Hauses wusste. Da ich vollkommen fremd in Bielefeld war, drängte die Zeit in meinem Kopf viel zu sehr, um misstrauisch zu sein.
„Wie… wie komme ich denn überhaupt dorthin? Nach Sennestadt?“, fragte ich und griff nach meinem Rucksack.

„Ganz einfach“, sagte sie, griff nach einem freien Bierdeckel und kritzelte flink ein paar Linien auf die Rückseite. „Du läufst fünf Minuten von hier zur Stadtbahn-Haltestelle Jahnplatz. Da steigst du in die Linie 1 Richtung Senne und fährst bis zur Endstation. Von dort nimmst du den Bus Richtung Sennestadt und steigst am BMW-Autohaus aus. Dann gehst du in die Widumsgasse, immer weiter durch, bis zur Sackgasse direkt am kleinen Flugplatz. Da liegt das Haus, ein bisschen abseits im Grünen.“

Ich nickte eifrig, prägte mir die Straßennamen ein und kramte mein Portemonnaie hervor, um endlich zu bezahlen. Ein wohliges, aber auch zutiefst angespanntes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Während ich das Geld auf den Tisch legte und ihr ein großzügiges Trinkgeld zuschob, begegneten sich unsere Blicke ein letztes Mal.

Ich atmete den vertrauten Duft von ihrem Body Silk ein, schulterte meinen Rucksack und ahnte mit keinem einzigen Gedanken, dass diese schlagfertige Frau, die mich hier gerade so geschäftstüchtig wegloste, in genau zweieinhalb Monaten den Schlüssel zu meiner gesamten veränderten Welt in den Händen halten würde.

Autor: Nancy Proud | Eingesandt via Formular

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Tags: präsentiert, hallo, stadt, ohne, gesicht
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