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Am Abgrund (4)

05/09/2026 0 comments Article Jungs Nils
This entry is Teil 4 von 4 in the series Am Abgrund
Windelgeschichten.org präsentiert: Am Abgrund (4)

„Dein Ernst?“ Verwirrt öffnete ich meine Augen. Flo stand im Türrahmen. Er schaute mich an.

„Was denn?“ Keine Ahnung, was er meinte. Ich sah mich um. Alles schien normal zu sein.

Gut, das Sofa von heute Nacht war wohl nass geworden.

Gut, meine geliehenen Klamotten waren auch nass.

Gut, die Hose war nicht nur nass. Ich spürte diese warme, weiche Masse am Po und der Geruch im Raum verriet alles.

Gut, ich hatte den Schnapsschrank geplündert.

Ist halt so.

Schlimm fand ich es nun überhaupt nicht.

Flo rollte mit den Augen und kam auf mich zu und hockte sich vor mich. „Das ist doch nicht mehr normal. Was mit dir passiert?“

Wirklich verstehen konnte ich meinen Freund nicht. Er reichte mir die Hand, damit ich aufstehen konnte. Noch immer lag ich zwischen Sofa und Schrank auf dem Boden. Ich setzte mich auf. Sofort merkte ich, wie sich meine Kacke richtig breit verteilte. Und auf einmal stand ich wieder.

Mir war etwas schwindelig. Im Kopf drehte sich alles. Am liebsten hätte ich mich gleich wieder hingesetzt, aber Flo griff mich unter die Schulter.

Ich spürte einen leichten Druck in meiner Blase. Da lief es auch schon. Konnte ich es nicht aufhalten oder wollte ich es nicht?

Ist halt so. Hose ist eh dreckig.

Flo sah mich nur leicht kopfschüttelnd an, sagte aber nichts. Stattdessen drängte er mich in Richtung Badewanne und zog mich aus. Ich setzte mich auf den Wannenrand und ließ es einfach über mich ergehen. Wie ein kleines Kind fühlte ich mich, als er die dreckige Schlafanzugshose auszog.

„Geh weg, das ist kalt“, sagte ich energisch. Doch Flo war es egal. Er duschte mich mit dem Wasser ab. Erst an meinem Pullermann, dann an meinem Po. Mit einem Waschlappen und viel Seife machte er mich gründlich sauber. Jede Ritze, überall. Gott, war das erniedrigend. Er kam wieder mit der Brause und dem kalten Wasser. Ich stand einfach nur in der Badewanne und ließ es über mich ergehen.

Immer wieder spürte ich, wie der Dreck mein Bein herunterlief. Immer wieder berührte mich Flo in meinem Intimbereich. Auch wenn das Wasser langsam wärmer wurde, angenehm war etwas anderes. Mit der Hand drückte er auf meine Schulter nach unten. Was er von mir wollte, verstand ich schnell, also setzte ich mich in die Wanne.

Das Wasser strömte nun über meinen Kopf, über den gesamten Körper. Alles wurde eingeseift. Die Haare, die Arme, die Brust und der Rücken. Ich kam mir immer mehr vor wie ein kleines Kind. Dabei sah ich auf die dreckige Hose von heute Nacht.

Ich seufzte tief. Mir war es so peinlich gewesen.

„Fertig“, sagte Flo fast etwas stolz, als er das Wasser abstellte. „Ich hole dir neue Klamotten.“

Regungslos saß ich nackt und nass in der Wanne. Mir wurde kalt. Als Flo mit neuer Kleidung zurückkam, regte ich mich kein Stück.

„Hey Jonas, es wird alles wieder. Mach dir keinen Kopf. Du bist wieder sauber und die Klamotten werden gewaschen. Komm aus der Dusche, du bist ja schon ganz kalt.“ Seine Worte klangen warm und ehrlich. Besser fühlte ich mich trotzdem nicht.

Meine Beine fühlten sich an wie Pudding, als ich mich aufrichtete. Fast wäre ich wieder in die Wanne gefallen, aber ich konnte mich gerade noch auffangen und unbeschadet aus der Wanne klettern.

Mit den geliehenen Klamotten schlurfte ich in die Küche. Flo saß am Tisch, lächelte mich an und nahm einen Schluck Kaffee. „Endlich bist du wieder ein Mensch“, sagte er und deutete auf einen freien Stuhl. „Kaffee?“ Ich nickte nur. „Kann ich sonst noch was für dich tun?“ „Deine Unterhose ist zu eng und kneift etwas“, murmelte ich. Flo lachte. „Kaffee ist in der Kanne, Brot steht dort und Wurst und Käse sind im Kühlschrank. Ich habe nun einen wichtigen Termin und muss los. Fühle dich wie zu Hause. Und damit du es weißt: Ich habe vorhin noch meinen gesamten Alkohol rüber zu meinen Eltern gebracht. Ich finde, du hast in letzter Zeit genug getrunken.“ Mit einem einfachen „Danke“ kommentierte ich ihn und saß, wie er in Richtung Tür verschwand. „Ach ja, eine Bitte noch: Wenn du merkst, dass du mal musst, geh bitte einfach zum Klo, okay?“ Mit diesen Worten fiel die Tür ins Schloss.

Alleine saß ich in der Küche. Der Kaffee in der Tasse wurde langsam kalt. Hunger hatte ich nicht wirklich. Eine trockene Scheibe Brot reichte fürs Erste.

Ich dachte über seine Worte nach. Besonders der letzte Satz. Fast frech fand ich ihn schon. Natürlich, wenn ich muss, gehe ich zum Klo. Wohin sollte ich sonst gehen?

Tja, was sollte ich sonst tun? Dieser Gedanke klang irgendwie etwas hohl. Wann war ich eigentlich das letzte Mal auf dem Klo? Erschrocken dachte ich darüber nach.

Heute? Nein.

Gestern? Auch nicht.

Vorgestern? Vielleicht. Oder? Nein, auch nicht.

Letzte Woche? Keine Ahnung.

Aber wenn ich nicht zum Klo gehe, wie mache ich es denn?

Langsam wurde es mir bewusst. Seit Tagen mache ich einfach in die Hose, als wäre es das Normalste der Welt.

Ist halt so.

Der zweite Satz von Flo, über den ich nachdachte. Warum hat er den Alkohol weggeschafft? Alle Menschen trinken doch mal was. Alle kommen damit klar. Alle schließt mich ja wohl ein. Also ist es doch nicht schlimm.

Mit diesem Gedanken stand ich auf und schaute in den Kühlschrank. Nichts. Kein Bier, kein Wein. Ich ging ins Wohnzimmer. Der Schnapsschrank stand offen. Leer. In den anderen Schränken war auch kein Tropfen.

Ich setzte mich aufs Sofa. Das Ergebnis der letzten Nacht lag immer noch dort. „Ach, was soll’s“, murmelte ich und schnappte mir die Sachen. Im Hauswirtschaftsraum stand die Waschmaschine. Auch die Sachen aus dem Badezimmer fanden den Weg in die Maschine. Fragend schaute ich mich

  1. „Wo steht wohl das Waschmittel?“ Ich sah mich um. Da stand etwas neben dem Gefrierschrank.

Die Maschine lief und ich stellte den Karton mit dem Pulver wieder zurück. „Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ich wollte nach was zu trinken suchen. Hier wird wohl kaum was sein. Es sei denn …“

Der Blick fiel auf den Gefrierschrank und tatsächlich. Da fand ich eine Flasche Rote Kirsche. Schön eiskalt. Ich begann zu strahlen.

Mit meinem Fund in der Hand setzte ich mich an den Küchentisch. Ein Glas brauchte ich nicht. Die Kaffeetasse war perfekt und auch nicht so klein wie ein Schnapsglas.

Das tat gut. Schon nach dem ersten Schluck fühlte ich mich besser. Mein Körper wurde nun richtig wach. Mit jedem Schluck bekam ich mehr Energie, bis die erste Tasse leer war.

„Nun kann ich gut in den Tag starten“, sagte ich mir. Ohne darüber nachzudenken, goss ich die Tasse wieder voll, nahm aber nur einen kleinen Schluck.

Voller Tatendrang stand ich auf. Ich wollte was tun. Irgendwas Sinnvolles. Flo hatte so viel für mich getan. Ich wollte ihm einfach was zurückgeben.

Im Wohnzimmer rückte ich das Sofa wieder gerade. Die Kissen, die in der Ecke lagen, sortierte ich liebevoll nebeneinander. Auch den Tisch schob ich wieder an seinen Platz. Immer wieder ging ich in die Küche zurück und nahm einen Schluck.

Keine Ahnung, wie viele Tassen ich getrunken hatte. Hausarbeit macht nun mal durstig.

Zufrieden stand ich im Türrahmen der Küche. Alles wieder so wie immer. Ich hatte sogar Staub gesaugt.

Die Flasche Rote Kirsche war mehr als halb leer, als ich sie wieder in den Gefrierschrank legte. Mehr wollte ich nicht trinken. So wie es jetzt ist, geht es mir blendend.

Auf einer Kommode sah ich mein Handy und mein Portemonnaie. „Flo, du bist der Beste“, sagte ich laut, als ich sah, dass das Handy bei 95 % Akku war.

Nur was mache ich jetzt? Alleine hier herumzusitzen und zu warten, bis Flo nach Hause kommt, wollte ich auch nicht. Zumal wusste ich auch nicht, wann er heimkommt.

Nein, ich möchte heute noch was erleben, egal was. Ich hatte Geld und mein war Handy voll. Mir liegt doch die Welt zu Füßen, also los.

Es kam mir vor wie ein Schlag ins Gesicht, als ich nach draußen trat. Auf einmal war mir schwindelig. Auf einmal bekam ich Kopfschmerzen. Die frische Luft tat mir überhaupt nicht gut.

Zurück ins Haus konnte ich nicht. Die Tür war ins Schloss gefallen und ich hatte keinen Schlüssel.

Ist halt so.

Mein Fahrrad stand an der Ecke. Fahren konnte ich mehr schlecht als recht, aber es ging.

Die Welt gehörte zwar nicht mir, aber ich beanspruchte die gesamte Straße für mich. Dieses doofe Rad konnte nicht einmal geradeaus fahren. Und früher war es auch viel schneller.

Ein Hupen, quietschende Reifen, ein grelles Licht. Wie durch Geisterhand wurde mir mein Rad unter mir weggerissen. Erst haute mein Bein gegen einen Gegenstand, dann mein Arm und Oberkörper. Mehrfach drehte ich mich um die eigene Achse. Eine Karussellfahrt war nichts dagegen, was mit mir geschah.

Mit der Hand versuchte ich, meinen Kopf zu schützen, und auf einmal lag ich da. Auf der Straße. Blut lief mir übers Gesicht.

Einige Menschen schrien panisch. Um mich herum bildete sich eine Menschentraube.

Fortsetzung Folgt

Autor: Nils | Eingesandt via Ticket

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Tags: präsentiert, abgrund, dein, ernst, verwirrt
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