Das Einzige, was meiner Freiheit im Weg war, war mein Fahrrad. Immer wieder behinderte mich
dieses Ding beim Gehen. Mal lenkte es in die falsche Richtung, mal war das Pedal im Weg. An
einer Bushaltestelle stellte ich das Rad zwischen ein paar anderen ab. Nun kann die Freiheit
beginnen.
Noch einmal vibrierte mein Handy, aber ich ließ es in der Tasche und ging weiter. Vorbei an einem
Schild. „Rosenpark rechts herum.“
Das Ziel stand fest. Hier war immer was los. Mit der Clique waren wir hier häufiger gewesen. Hier
war so viel passiert. Mein erster Kuss damals beim Flaschendrehen. Ausgerechnet mit Paul. Immer
noch bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich küsse einen anderen Jungen.
Ekelhaft! Für die anderen war es extrem lustig. Aber für mich – ich hatte mich so geschämt. Hier
hatte ich auch meine erste Zigarette.
Und mein erstes Bier.
Das war vor etwa vier Jahren. Damals hatte ich gerade meinen 15. Geburtstag gefeiert. Wirklich
geschmeckt hatte es mir nicht. Mit Cola oder Limonade ging es dann irgendwie. Was war das für
eine herrliche Zeit. Da war die Welt noch in Ordnung.
Bis vor etwa sechs Monaten. Da änderte sich alles. Mein kleiner Bruder Johannes. Das
Nesthäkchen. Meine Mutter war tatsächlich noch einmal schwanger geworden und ich bekam mit
acht Jahren einen kleinen Bruder. Am Anfang hatte ich keine Ahnung, was ich mit ihm anfangen
sollte. Er war laut, nervig und hat ständig meine Sachen genommen.
Aber irgendwann war er einfach mein kleiner Bruder.
Ich hatte viel mit ihm gemacht. Wir haben zusammen gespielt, uns gestritten und uns fünf Minuten
später wieder vertragen. Wenn er etwas wollte, kam er meistens zu mir. Nicht zu Mama, nicht zu
Papa. Zu mir.
Ich war so stolz auf ihn. Auch wenn ich ihm das natürlich nie gesagt hätte.
Es war ein Dienstag. Ich hatte ihm meinen Apple iPod geliehen. Er wollte damit zu einem Freund,
der nur drei Straßen weiter wohnte. Zehn Minuten mit dem Fahrrad, wenn überhaupt.
Als er wiederkam, hatte er den iPod nicht dabei.
„Wo ist der?“, fragte ich.
„Bei Tim.“
„Wie, bei Tim?“
Ich wurde sofort sauer.
„Dann fahr zurück und hol ihn!“
„Jetzt?“
„Ja, jetzt!“
Er verdrehte die Augen, schnappte sich sein Fahrrad und fuhr wieder los. Ich weiß noch, wie ich
ihm vom Fenster aus hinterhergesehen hatte. Das war das letzte Mal, dass ich ihn lebend gesehen
hatte. Auf dem Weg zu seinem Freund wurde er von einem Auto erfasst. Zwei Tage später starb er
im Krankenhaus.
Einfach so.
Seitdem ist zu Hause alles anders.
Meine Mutter arbeitet ständig. Mein Vater auch. Keine Ahnung, ob sie damit versuchen, nicht
darüber nachzudenken.
Und ich?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht habe ich irgendwann auch aufgehört, darüber nachzudenken.
Ist halt so.
„Hab ich vergessen.“
Das Klirren zweier Flaschen aneinander weckte meine Aufmerksamkeit. Auf einer Bank etwas
abseits saß ein junges Pärchen, vielleicht Mitte zwanzig. Es waren eine Cola- und eine
Wodkaflasche, mit denen sie anstießen. Das wäre jetzt genau das Richtige, auch wenn ich am Kiosk
schon einiges getrunken hatte.
Neugierig schaute ich zu den beiden rüber.
„Ist was?“, fragte der Mann. „Nein, ich habe nur etwas Durst“, stammelte ich. Er hielt mir seine
Flasche hin. „Wodka mit Cola, das hilft gegen alles.“
Ich nahm einen großen Schluck, dann einen weiteren. „Setz dich, Kleiner. Ich bin Marcel und das
ist meine Freundin Clara, wie Clara Schnaps.“ Dabei stieß er sie leicht an und bekam einen
Lachkrampf. „Jonas“, sagte ich und setzte mich dazu.
Endlich wieder sitzen. Nach dem langen Weg hierher tat diese Pause richtig gut und in netter
Gesellschaft war ich auch. Marcel hielt mir eine Schachtel Zigaretten hin. Doch ich schüttelte nur
ihren Arm um meine Schulter.
Eine Zeit lang saßen wir zu dritt auf dieser Bank. „Was ist nur los mit dir?“, hörte ich Florian
fragen. Keine Ahnung, was ich sagen sollte. Dieser Satz hätte auch von meiner Mutter kommen
können. Immer diese guten Ratschläge. Ich war doch immer noch derselbe gewesen.
„Ich kann dich verstehen. Du weißt, auch ich trinke gern mal ein Bierchen in einer lockeren
mit dem Kopf. Rauchen wollte ich jetzt nicht. „Endlich mal ein Nichtraucher“, lachte Clara und
schlug mir leicht auf mein Bein. Ich erschrak. Dabei passierte es: Ein kleiner Spritzer Pipi kam
heraus. In meinem Schritt sah ich einen kleinen dunklen Fleck. Ich wurde rot.
„Ich muss mal pissen“, sagte ich und erhob mich.
Ich weiß nicht, was passiert war. Ich fand mich neben der Bank wieder, meine Blase war leer, meine
Hose nass. Ob ich etwas dazu gesagt hatte, weiß ich nicht. Wen ich hörte, war Marcel: „Komm, wir
verschwinden. Auf besoffene Kleinkinder, die sich vollpissen, habe ich keinen Bock. Kannst die
Flasche behalten.“ Die beiden verschwanden.
Mühsam schleppte ich mich wieder auf diese Bank. Auch die haben mich im Stich gelassen. Es
fühlte sich fast normal an. Alleine saß ich mit der nassen Hose da. Keine Ahnung, wie lange. Im
Park wurde es ruhiger. Die Zeit verrann mir wie Sand durch die Hände. Immer wieder bahnte sich
neues Pipi einen Weg in meine Hose. Warum sollte ich mir jetzt noch Mühe geben? Es war eh alles
nass. Die Flasche Wodka beachtete ich kaum, Durst hatte ich gerade keinen.
„Hier ist er“, hörte ich jemanden aus der Ferne rufen. „Laura, er ist hier.“ Müde und verwirrt
schaute ich in die Gegend. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Inzwischen hatte auch die
Dämmerung eingesetzt. Zwei Gestalten kamen auf mich zugerannt. Flo und Laura.
Die beiden musterten mich, als sie an der Bank ankamen. Fast kam ich mir vor wie in einem Zoo
„Und hier sehen Sie einen vollgepissten Trottel in seinem natürlichen Lebensraum. Er bevorzugt
Bier und Wodka als Grundnahrungsmittel. Für seine täglichen menschlichen Bedürfnisse nutzt der
Trottel einfach seine Hose. Mit großem Gelächter kann man ihn am besten anlocken.
Doch es geschah nichts. Die beiden standen einfach nur da. Keiner sagte was, keiner lachte.
Auf den Boden starrend sah ich aus dem Augenwinkel, dass sich Flo seine Jacke auszog. Liebevoll
legte er sie mir über die Schulter. Er setzte sich zu mir und nahm mich einfach in den Arm. Auch
Laura tat es ihm gleich. Als wenn nichts gewesen wäre, setzte sie sich auf die andere Seite und legte
Gesellschaft. Ich will dir keine Vorschriften machen …“ „Dann lass es bleiben“, unterbrach ich
meinen Freund. „Wir wollen dir doch nur helfen.“ Aber irgendwie kamen Lauras Worte nicht
wirklich bei mir an. Am liebsten wäre ich einfach aufgestanden und weggelaufen. Nur wohin?
Nach Hause? Auf gar keinen Fall. Da kann ich mir wieder gute Ratschläge von meinen Eltern
anhören.
„Komm, wir gehen nach Hause“, sagte Flo ganz ruhig und entspannt. Noch immer schaute ich auf
den Boden. Ich konnte ihn nicht ansehen. „Ich will nicht“, sagte ich kaum hörbar. „Nicht zu dir, zu
uns“, sagte er.
Gut klang es nicht, aber ich gab ihm recht. Hier konnte ich schließlich auch nicht bleiben. Schwer
richtete ich mich auf. Ich wankte beim Stehen so stark, dass Flo mich abstützen musste. Die nasse
Hose klebte an meinen Beinen. Es war kalt und unangenehm. Schritt für Schritt gingen wir durch
den Park.
„Ich muss pissen“, hörte ich mich sagen. Laura wies auf einen Baum. „Da drüben kannst du“,
schlug sie vor. Ich schaute in die Richtung und blieb stehen. „Ach, scheiß drauf.“ Es wurde wieder
warm in meinem Schritt.
„Ist das gerade sein Ernst?“, flüsterte Laura Flo zu. „Pisst er sich hier erst mal ein, als wäre das das
Normalste von der Welt. Und überhaupt, was sollen wir mit ihm machen? Eigentlich gehört er in
diesem Zustand in ein Krankenhaus.“ „Ins Krankenhaus? Das ist doch etwas übertrieben. Was
können die da schon machen? Die werden ihn trockenlegen und schlafen lassen. Das können wir
auch.“ „Trockenlegen ist gut. Wickeln wäre passender. Und wo soll er schlafen?“ „Auf dem Sofa,
wo denn sonst!“ „Florian, sei doch nicht so naiv. Der wird das ganze Sofa vollpissen. Das kannst du
danach wegschmeißen.“
Von dieser Diskussion bekam ich nicht wirklich was mit. Ich hatte andere Sorgen. Meine Hose
wurde langsam wieder kalt und unangenehm.
Wir gingen weiter, vorbei an der Bushaltestelle. „Staut“, stammelte ich, „da steht ja mein Fahrrad.
Damit wären wir doch viel schneller.“ „Das nehmen wir mit“, schlug Flo vor, „bevor es
wegkommt.“
Wir zogen weiter. Ein schier unendlicher Weg, doch bald war es geschafft. Eigentlich wollte ich
mich gleich aufs Sofa fallen lassen, doch Laura drängte mich auf einen einfachen Holzstuhl. Egal,
immerhin sitzen. Flo hielt mir ein Glas hin. „Das ist ja Wasser!“, stellte ich nach dem ersten
Schluck fest. „Trink das, das tut dir gut“, kam als Antwort. Ich trank das Glas aus. Immer hatte ich
Durst.
„Möchtest du duschen?“, fragte Flo. Ich schüttelte den Kopf. „Auf jeden Fall musst du aus diesen
Klamotten raus. Komm, Arme hoch.“ Fast kam ich mir vor wie ein kleines Kind. Erst zog mir Flo
den Pullover aus, dann mein T-Shirt. Meine Schuhe und meine Socken waren als Nächstes dran.
„Willst du dir die Hose selber ausziehen?“ Ich wollte gerade etwas sagen, aber es dauerte Flo wohl
zu lange. Auf einmal stand ich vor ihm. Er öffnete den Gürtel, den Knopf und meine Hose lag auf
dem Boden. Mit einem Ruck verschwand auch meine nasse Unterhose. In dem Augenblick kam
Laura wieder ins Zimmer. Sie hatte ein großes Badetuch in der Hand und legte es mir um den
Körper. „Hier, damit du nicht frierst.“ Peinlich war mir das Ganze schon sehr. Noch nie stand ich so
nackt vor einem Mädchen und auch noch in so einer doofen Situation. Ihr schien es egal zu sein. Sie
nahm einfach meine Klamotten und verschwand wieder.
„Möchtest du wirklich nicht noch duschen?“ So fürsorglich hatte ich Flo noch nie erlebt. „Nein,
danke, ich bin müde.“ „Komm, ich gebe dir einen Schlafanzug von mir. Dann legst du dich aufs
Sofa und morgen sehen wir weiter.“
Auf dem Sofa waren viele Handtücher verteilt, ein Eimer stand daneben sowie eine Flasche Wasser.
Ich konnte mir schon denken, warum. „Brauchst du noch Hilfe?“, fragte Flo, als er mir den
Schlafanzug gab. Ich schüttelte nur den Kopf und zog ihn an.
Wie lange ich geschlafen hatte, wusste ich nicht. Sofort merkte ich, dass ich wieder ins Bett
gemacht hatte. Besser gesagt: aufs Sofa. Alles war nass und kalt. Ich nahm einen Schluck Wasser.
„Scheußlich“, sagte ich mir. „Gibt es hier nichts Besseres?“ Systematisch suchte ich alles ab. Ich
schaute in jeden Schrank und da fand ich was. Eine Flasche Rum und eine Flasche Korn. „Mist,
keine Cola da. Ist halt so.“ Ich nahm einen Schluck, dann noch einen, immer mehr und mehr, bis …
Mir wurde schwarz vor Augen.
Fortsetzung folgt
Autor: Nils | Eingesandt via Ticket
Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.
Es schmerzt diese Geschichte zu lesen. Aber sie ist sehr gut.
Ich hoffe das nicht nicht all zu autobiographisch gefärbt und es gibt irgendwann ein happy end. Der Protagonist macht sich also für den Tod seines Bruders verantwortlich und meint das nur mit Alkohol „lösen“ zu können. Dramatisch!