
Lektorat: Volker
Kapitel 1: Das Ende der Nemisis
Ich stieg im letzten Moment in die Rettungskapsel. Unsere Undercover-Mission war sowas von schiefgelaufen. Dabei lag es weder an meinem Space-Ranger-Team noch an der Vorbereitung. Die Festnahme des intergalaktischen Waffenschiebers lief wie am Schnürchen. Aber wie hätten wir ahnen können, dass sich dieses skrupellose Arschloch mit dem Falschen angelegt hatte und ausgerechnet jetzt die Nemisis angegriffen wurde. Zurück zu unserem Schiff schaffte ich es nicht mehr und so war die Rettungskapsel meine einzige Chance auf Überleben. Ich hätte zu gerne gewusst, wie es den anderen aus meinem Team ging, doch unser getarntes Kommunikationssystem konnte die Hülle der Rettungskapsel nicht durchdringen, die gegen die kosmische Strahlung geschirmt war. Diese Blechbüchse hatte aus Kostengründen nicht einmal Fenster. Wobei es wenig zu sehen gegeben hätte. Das Ende der Nemisis war schließlich nicht wie in dem alten 2D-Filmen aus den Hochzeiten der USA, den wir damals in der Schule gesehen hatten. Dort gab es einen lauten Knall und eine Explosion. Dabei gab es doch schon damals erste primitive Raumflüge und eigentlich hätte man wissen müssen, dass es im Vakuum des Weltalls weder Schall noch Feuer gibt. Die Schüsse der Energiewaffen sah und hörte man nicht. Die Nemisis würde einfach lautlos dunkel werden und mit dem Schwarz des Alls verschmelzen. Man hätte höchstens vereinzelt das Aufglühen von kollabierenden Energiezellen und ein paar davonschwebende Trümmer sehen können. In den Sektionen, die sich das Vakuum holte, würden die Menschen einen hässlichen, aber sehr kurzen Tod sterben. In den anderen Sektionen würden sie elendig ganz langsam erfrieren oder am Kohlendioxid ersticken, falls sie es nicht in eine Rettungskapsel schafften.
Ich sah mich um. Im vorderen Bereich der Kapsel waren vier kombinierte Schwerelos-Betten und Aufenthaltsstationen ringförmig an den Wänden angebracht. Danach folgte der Nahrungsbereich mit dem Ergogerät und das Reinigungs- und Recyclinggerät. Das war es auch schon. Ich war allein in der Kapsel, sodass ich mir wenigstens keine Sorgen machen musste, dass ich irgendwann um die Nahrung kämpfen müsste, falls die Rettung länger dauern würde. Vorausgesetzt, diese Rettungskapsel war ordnungsgemäß ausgestattet. Wenn nicht genügend Nahrung und Energie an Bord waren, konnte ich auch nichts machen, außer einsam zu sterben. Ich hasste die Schwerelosigkeit, vor allem mit der Aussicht, dass ich sie für sehr lange Zeit aushalten musste. Aber künstliche Gravitation gab es natürlich nur auf den großen Schiffen wie der Nemisis mit einer Ringstruktur, die sich drehte und so Zentrifugalkraft erzeugte. Dass sich in nächster Zeit außer Leichenfledderern jemand in diese Gegend trauen würde und es eine schnelle Rettung gab, war sehr unwahrscheinlich. Ich musste dringend ans Navigations- und Kommunikationssystem.
„Steuerungssystem: Status!“
Vor mir erschien eine Holoprojektion einer jungen Frau. „Hallo, ich bin Synthia, deine Flugbegleiterin. Es wird alles gut.“
Fuck! Konnte es noch schlimmer kommen? Diese Art von KI-Steuerung kannte ich nur zu gut. Wenn ich jemals Zugriff auf das Navigations- und Kommunikationssystem bekommen wollte, war ich sehr lange damit beschäftigt, diese ‘Software from Hell‘ zu überlisten und jedes Wort gut zu überlegen. Oberstes Gebot war jetzt, Vertrauen zu erschleichen und zu kooperieren.
„Hallo, ich bin Daxon.“ Die Rolle des unterbelichten Masqua-Händlers Daxon spielte ich schon so oft und so lange, dass sie langsam zu meinem zweiten Ich wurde. Ich musste allmählich aufpassen, nicht selbst so zu verblöden und nur noch aufs Geld aus zu sein. Aber wenn man unter Schweinen nicht auffallen wollte, musste man eben laut grunzen. Ich dachte an das unsägliche Leid und Sterben auf der Nemisis, nur weil zwei Arschlöcher zu gierig waren. Und ich dachte an die schönen Augen von Tilara, meiner Kollegin. Mich schmerzte der Gedanke, das vielleicht gerade jetzt diese schönen Augen während Tilaras Todeskampf durch das Weltraumvakuum aufkochten und platzten. Daxon, dem Masqua-Händler, war das natürlich egal. Der trauerte nur um sein zurückgelassenes Louis-Vuitton-Multipack. Ich überlegte, ob Synthia noch die Standardprogrammierung hatte, und falls ja, welche. Oder war sie mit der Nemisis verbunden und hatte sich adaptiert? Seinen Gegner nicht zu kennen, machte den Kampf doppelt schwer. In dem Moment hätte ich zu gerne gewusst, in wessen Diensten Synthia stand und an wen sie Notrufe geschickt hatte. Daxon war das egal. Ein Masqua-Händler hatte keine Feinde. Aber wenn sich herausstellte, dass der Großteil des Masquas, das ich versteckt implantiert in meinem Körper dabei hatte, nur Fake war, würde ich gegebenenfalls auch nicht lange überleben.
„Hallo Daxon.“
„Wie lange wird es wohl dauern, bis wir gefunden werden?“
„Keine Angst, es wird alles gut. Entspanne dich einfach. Ich werde dir die Zeit an Bord so angenehm wie möglich machen. Zunächst musst du mir helfen, dich mit unserem Gesundheits- und Hygienesystem GHS auszurüsten.“
Shit! Bei allen durchgeschmolzenen Energiekupplungen! Nicht auch noch das! Gab es hier einen Selbstzerstörungsknopf? Nicht nur, dass mich diese KI früher oder später in den Wahnsinn treiben würde, jetzt sollte ich auch noch Windeln anziehen. Aber war ja klar, dass man in dieser Rettungskapsel maximal gespart und nicht mal ein Vacuklo eingebaut hatte, weil Windeln zehn Credits billiger waren. Die Verwendung von Windeln hatten wir ausführlich in der Ausbildung, bisher konnte ich sie aber immer vermeiden.
Synthia gab mir Anweisungen: „Bitte öffne das Vorrats-Kompartment.“
Der Holoprojektor zeichnete einen Rahmen um die Tür des Kompartments und zeigte mithilfe einer animierten Hand, wie sich der Verschluss öffnen ließ. Ich schwebte zum Kompartment. Wie so oft stieß ich mich zu fest ab und knallte mit der Schulter gegen die Wand.
„Daxon, sei bitte vorsichtiger. Verwende immer den Handlauf.“
Ich öffnete das Cabinet. Daraufhin ließ der Holoprojektor die oberste und vorderste Windel aufleuchten.
„Bitte nimm ein GHS-Item heraus.“
Ich nahm die Windel und steckte sie in meine Jacke.
„Begebe dich jetzt bitte zu deiner Aufenthaltsstation, ziehe dich aus und folge meinen Anweisungen.“
Ich zog mich aus und verstaute die Kleidung im Gepäcknetz. Unter Synthias Anleitung und mit begleitenden Animationen durch die Holoprojektion, zog ich mir die Windel an. Nachdem ich die Seitenteile geschlossen hatte, leuchtete vorne in der Statusanzeige der Windel ein animierter gelber Ring auf, der sich drehte, während die Windel ihre Größe automatisch anpasste. Als der Vorgang abgeschlossen war, leuchtete ein grünes Symbol auf. Die Windel passte jetzt zwar perfekt und war ganz bequem, aber sie drückte zwischen den Beinen und um mein bestes Stück. Das musste in der Windel nach unten zeigen, was im Vergleich zu meinen Unterhosen sehr ungewohnt war. Ich zog mich wieder an.
„Einen Moment. Ich scanne deine Gesundheitsdaten mit dem GHS.“
Das machte mir die Sache nicht einfacher, dass die KI jetzt mit der Windel auch noch meinen Puls, Blutdruck und wer weiß was sonst noch mittrackte und ich quasi einen Lügendetektor um die Hüfte trug. Was hätte ich jetzt für meinen Uniprog geben, mit dem ich das KI-System umgehen und mich direkt in die Basissysteme der Kapsel hätte einhacken können, um Synthia den virtuellen Hals umzudrehen.
„Du solltest etwas trinken und essen. Danach musst du Entspannen und ein bisschen schlafen.“
Ja, Daxon, sei ein braves Baby. Mit was würde mir Synthia wohl fürs Bäuerchen auf den Rücken klopfen?
Mit Synthias Anleitung bereitete ich etwas Essen zu, nahm mir zu trinken und aß, beziehungsweise trank ohne Murren. Was für ein ekliger Fraß, dieses synthetische Zeug! Danach ging ich schlafen. Es gab im Moment eh nichts Besseres zu tun.
Als ich aufwachte, hatte ich Druck auf der Blase. Es führt kein Weg daran vorbei, meine Windel zu benutzen. Aber dank meiner Sauberkeitserziehung weigerte sich mein Körper in die Hose, beziehungsweise Windel zu machen. Ich probierte es mehrmals und obwohl der Druck in der Blase kontinuierlich stieg, wollte es nicht klappen. Synthia bemerkte das scheinbar und sagte: „Klappt es nicht dich zu erleichtern? Moment, ich helfe dir.“ Per Neurotransmitter entspannte sie meinen Schließmuskel. In der Windel es wurde es sofort warm, aber sie fühlte sich weiterhin trocken an. Trotz des Gefühls der Erleichterung hasste ich Synthia dafür, wie sie ungefragt das Kommando über meinen Körper übernahm und mir das Gefühl von Hilflosigkeit gab. Nachdem ich fertig war, deaktivierte Synthia den Neurotransmitter, sodass ich meinen Schließmuskel wieder anspannen konnte und sagte: „Das GHS hat noch Kapazität. Ein Refresh ist noch nicht nötig.“ Nachdem mir Synthia eben vorgeführt hatte, welche Macht sie über mich hatte, lehrte mich das, ab jetzt noch vorsichtiger ihr gegenüber zu sein.
Ich sah auf die Uhr. Es waren erst zehn Stunden seit Verlassen der Nemisis vergangen. Eigentlich 8,5 Sekora. Sekora war eine Einheit der intergalaktischen Universalzeit, die man eingeführt hatte, um zum Ausdruck zu bringen, dass die Erde keine Vormachtstellung mehr hatte. Dennoch war Jelyra ziemlich genau ein Erdenjahr, Mora ein Monat, Wochron eine Woche, Tour ungefähr ein Tag oder wurde auf dem jeweiligen Planeten an dessen Rotation angepasst und Sekora ein Bruchteil von Tour, sodass sich auf den meisten erdähnlichen Planeten wieder rund eine Stunde ergab und Millitour eine ungefähr eine Minute. Die Seka, Kurzform der Millisekora, war in etwa 3,6 Sekunden. Dadurch, dass die Anfangsbuchstaben gleich waren, konnte man sich das auch gut merken. Im All war eine Sekora 1,18 Stunden. Leute wie Daxon bildeten sich etwas auf ihre Herkunft von der Erde ein und verwendeten bewusst weiterhin die alte Zeit, um dies zu betonen. Damit ich mich nicht durch Verwendung der neuen Zeit verriet, hatte ich mir das auch angewöhnen müssen.
***
„Wir führen ein Rendezvous-Manöver durch“, sagte Synthia.
„Werde ich schon gerettet?“
„Nein, in der Nähe ist eine andere Rettungskapsel mit technischen Problemen. Wir nehmen einen Passagier an Bord.“
Ich konnte nicht einschätzen, ob das meine Chancen auf Rettung verbesserte, weil das davon abhing, wer der Passagier war. Zumindest senkte es die Wahrscheinlichkeit, dass Synthia mich in den Wahnsinn trieb. Kurz darauf spürte ich einen kleinen Stoß. Ich hörte, wie sich der Verriegelungsmechanismus einklinkte und spürte eine minimale Druckschwankung. Dann öffnete sich die Luke. Aus der anderen Kapsel sah mich das Gesicht einer bildschönen jungen Frau an. Allerdings wirkte sie sehr erschöpft und ausgemergelt. Sie war geschätzte zwanzig, also zehn Jahre jünger als ich. Sie hatte dunkle Haare und sehr helle Haut. Vermutlich hatte sie schon lange kein natürliches UV-Licht mehr abbekommen. Sie trug die Uniform eines Besatzungsmitglieds der Nemisis.
„Ich bin Daxon.“
„Hallo, ich bin Keera“, sagte sie schüchtern.
Synthia sagte: „Du bist Crewmitglied 43-921. Wie konntest du dann einen Passagier-Notruf der ersten Klasse absetzen?“
„Ich habe nichts gemacht. Die Kapsel ist, glaube ich, defekt.“
„Unsere Kapsel ist nur für Passagiere der ersten Klasse. Entferne dich von der Luke.“

„Synthia, ich wünsche, dass die Frau an Bord kommt und mir zu Diensten ist.“
„Daxon, das halbiert aber deine maximale Überlebensdauer. Die andere Kapsel hat keine Nahrungsvorräte.“
„Das Risiko bin ich bereit einzugehen. Wir lassen die andere Kapsel angedockt und wenn ich ihrer überdrüssig bin, kann ich sie ja jederzeit wieder in ihre Kapsel zurückschicken.“
„Wie du willst.“
Synthia wies Keera an, ein paar Dinge, wie eine Uniform und Windeln zum Wechseln, in der anderen Kapsel zusammenzusuchen. Nachdem Keera bei mir an Bord war, schloss sich die Luke wieder. Synthia erklärte mir, dass sie die andere Kapsel so in einen Stand-By-Zustand versetzen konnte, um Energie zu sparen.
Keera war verschwitzt. Synthia befahl ihr: „921, du bist schmutzig. Reinige dich!“ Keera zog sich aus und reinigte sich mit Feuchttüchern. Sie nicht anzustarren und dabei nicht auf dumme Gedanken zu kommen, war wirklich schwer. Aber einen flüchtigen Blick konnte ich mir nicht verkneifen. Sie trug auch eine Windel und war klapperdürr. Danach zog sie sich eine neue Uniform an und steckte die andere in die Reinigungsstation.
Nachdem sie sich wieder angezogen hatte, bereitete Keera das Essen zu und wir aßen. Als wir fertig waren, fragte Keera: „Daxon, darf ich Sie etwas fragen, Sir?“
Unter Sklaven und anderen geknechteten Schichten gab es eine Geheimzeichensprache. Leider war diese nicht sehr effizient, weil es viele Versionen gab und man nie sicher sein konnte, ob der andere einen verstand oder ob das Zeichen in seiner Variante nicht das Gegenteil bedeutete. Eines der wichtigsten Zeichen, das allerdings nie variierte, war ‘kann nicht frei reden‘. Ich gab Keera das Zeichen. Sie nickte kaum wahrnehmbar.
„Ja, was willst du denn wissen?“
„Wo darf ich schlafen, Sir?“
„Das hier ist meine Station. Such dir eine der drei anderen aus.“
Sie wählte sich die mir gegenüberliegende und begann, an ihrer Decke herumzuzupfen. Was zum Geier machte sie da? Plötzlich sah ich es. Sie hatte das Icon für ‘KI‘ geformt. Als ich es erkannte, machte sie mit ihren Daumen kaum wahrnehmbar die Geste für ‘Hals aufschlitzen‘. Ich nickte unauffällig, woraufhin Keera sagte: „Synthia, wie viele GHS-Items haben wir und wie lange reichen die? Wie viele GHS-Items dürfen wir pro Tour nutzen? Wie viele GHS-Items bräuchten wir, wenn sie unendlich reichen sollen?“
„Ich nehme keine Fragen und Befehle von Crewmitgliedern entgegen.“
Ich verstand nicht, was Keera mit diesen sinnlosen Fragen bezweckte, aber sie sah mich eindringlich an und da sie vorher ja schon signalisiert hatte, dass sie Synthia deaktivieren wollte, wiederholte ich Wort-für-Wort, was sie gesagt hatte.
Synthia begann zu flackern und das Bild fror ein.
Keera drückte an einer glatten Wand ohne Schloss herum. „Das ist eine Schwachstelle in dieser Version der KI, sie irgendwas mit Unendlich rechnen lassen. Das ist schon länger bekannt, aber den Besitzern der Nemisis war das Update zu teuer. Zu versuchen, die KI zu deaktivieren, während sie aktiv ist, ist sehr gefährlich.“
Plötzlich öffnete sich wie aus dem Nichts ein Wartungspanel. Zielsicher deaktivierte sie eine Sicherung. Das Holo-Bild von Synthia erlosch und an einer anderen Stelle öffnete sich das normale Bedienterminal. So einfach ging das?
Ich hangelte mich zum Terminal und las mit breitem Grinsen vor: „Störung der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Soll ein Neustart versucht werden, ja oder nein?“
„Drücken Sie bitte ‘Ja‘, Sir. Dann sind wir sicher, dass sich die KI nicht reaktivieren kann“, sagte Keera.
Ich drückte ‘Ja‘ und las vor: „Mensch-Maschine-Schnittstelle dauerhaft defekt. Manuelle Steuerung notwendig. Du hast es geschafft. Keera, sag bitte du zu mir und lass das ‘Sir‘ weg. Das mit dem ‘zu Diensten sein‘ vorhin, habe ich nur gesagt, damit die Synthia dich an Bord ließ. Wir sind zwei gleichgestellte Gestrandete, die sich die Zeit vertreiben, während sie auf Rettung warten. Und keine Angst, hier geschieht nichts, was du nicht auch willst. Hast du die KI in der anderen Kapsel auch so deaktiviert und das System so manipuliert, dass es den Notruf der ersten Klasse abgesetzt hat?“
„Ja, die andere Kapsel ist eine Crew-Kapsel, aus der jemand die Nahrung gestohlen hat. Ich hätte in der nicht so lange überleben können, bis Hilfe gekommen wäre. Außerdem, wer rettet schon eine Crewkapsel, außer wenn er Sklaven braucht?“
„Warst du Technikerin auf der Nemisis?“
„Nein, Reinigungskraft.“
„Und wieso konntest du dann die KI so einfach deaktivieren und die andere Kapsel manipulieren?“
„Ich bin als Sklavin auf einem kleinen Mond aufgewachsen, auf dem eine Erzkolonie war. An meine frühe Kindheit kann ich mich nicht erinnern. Alle, die dort lebten, wurden als Kinder von ihren Eltern entführt oder künstlich gezeugt. Ein Shuttlepilot war vernarrt in mich, weil ich, wie er sagte, aussah wie seine Tochter, die jung bei einem Unfall gestorben war. Er hat mich dann von dem Mond geschmuggelt. Shuttlepiloten geht es auch kaum besser als Sklaven und er konnte mich nicht dauerhaft versorgen. Aber wenigstens konnte er mir Lesen und andere nützliche Dinge beibringen. Er hat mich auf der Nemisis untergebracht, wo ich als Reinigungskraft arbeiten durfte. Meine gesamte Freizeit habe ich dazu genutzt, das nachzuholen, was andere in der Schule lernen. Viel Freizeit hatte ich allerdings nicht. Außerdem schnappte ich von anderen der Crew so einiges Nützliches auf.“
Ich suchte im Kom-Bereich des Terminals nach dem Notruf-Log. „Statt der üblichen Notrufe auf allen Bändern hat Synthia nur einen einzigen an die Reederei der Nemisis gesendet. Verdammt!“ Ich aktivierte alle Bänder und startete ein periodisches Notrufsignal. „Solange Synthia aktiv war, hätte ich nicht den Hauch einer Chance auf Rettung gehabt.“
Da fiel mir auf, dass Keera schon wieder verschwitzt war. Ich wechselte im Terminal zu den Gesundheitsdaten. Im System waren aber nur meine Daten. Keeras Panel war leer.
„Deine Windel sendet keine Daten.“
„Die Windeln für die Crew aus der anderen Rettungskapsel erfassen keine Gesundheitsdaten.“
Ich legte meine Hand auf ihre Stirn. Sie kochte. „Dann zieh dir schnell eine aus dieser an.“
Keera wechselte ihre Windel. Sobald die neue Windel aktiv war, gingen sofort zahlreiche Alarme los. Keera hatte hohes Fieber. Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Blutzucker waren alle gelb.
„Du bist krank. Weißt du, was du hast?“
„Nein. Ich hatte bisher ein hartes Leben. Viel Arbeit, schlechte Ernährung, wenig Schlaf. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal gesund gefühlt habe.“
Das System kam zu dem Ergebnis ‘schwerer unspezifischer Infekt‘ und ‘Unterernährung‘. Sofort fing ich an Essen zuzubereiten. Keera wollte nicht zulassen, dass ich sie bediente. Ich erklärte ihr nochmals, was ich vorhin mit gleichgestellt gemeint hatte und gab ihr in einen strengen Ton, der sie mehr als beabsichtigt einschüchterte, den Befehl: „Du bist krank und dein Job ist es jetzt, dich auszuruhen und schnell gesund zu werden. Solange kümmere ich mich um alles. Wenn du heimlich zu Putzen anfängst oder so etwas, gibt’s richtig Ärger. Du wirst sehen, ausreichend Schlaf, genug Essen und es wird dir bald wieder besser gehen.“ Dann sorgte dafür, dass Keera aß und ausreichend dazu trank. Danach schickte ich sie ins Bett, damit sie sich ausruhen konnte, und legte ich mich auch schlafen.
***
Ich wurde wach, weil mir etwas Ekelhaftes an die Backe klatschte. Ich machte das Licht an. Keera hatte sich im Schlaf übergeben müssen. Die Sauerei in der Kapsel war gewaltig, wobei das meiste langsam in die Lüftung gezogen wurde. Zum Glück war die Lüftung für solche Fälle ausgelegt, sodass keine Gefahr für uns bestand. Ich schnallte mich sofort los und sah nach Keera. Sie hatte sehr hohes Fieber und konnte nicht mehr klar denken. Sie fummelte an ihren Gurten herum, konnte sie aber nicht öffnen.
„Ich muss aufstehen und das saubermachen.“
„Du bleibst liegen! Ich kümmere mich darum.“ Ich säuberte sie vom Gröbsten, gab ihr zu trinken und befeuchtete ihre heiße Stirn, dann sah ich am Terminal nach ihren Daten. Ihre Körpertemperatur blinkte rot und auch andere Werte waren inzwischen rot. So schnell wie sich die Werte verschlechterten, würde ich sie bald verlieren. Ich suchte verzweifelt am Terminal in der Inventarliste nach etwas, mit dem ich Keera helfen konnte. Ich war schon kurz davor Synthia zu reaktivieren, doch dann fand ich es endlich. Zwei Klicks und ein Kompartment öffnete sich. Ich entnahm eine Erste-Hilfe-Box. Darin befand sich ein sehr wirkungsvolles Breitbandantibiotikum. Synthia hätte das nie herausgerückt. Das Mittel war wahrscheinlich mehr wert, als zehn Jahresgehälter von Keera – sofern sie überhaupt Gehalt bekam. Ich verabreichte Keera die Injektion über die Haut. Danach gab ich ihr wieder etwas zu trinken, verband ihre Arme und Beine mit feuchten Tüchern und machte mich daran, die Kapsel zu säubern. Nachdem ich alles eingefangen hatte, was in der Luft schwebte, konnte ich die Oberflächen und zuletzt die Lüftungsgitter reinigen. Danach zog ich Keera und dann mich um.
Keera schlief unruhig. Hoffentlich half das Antibiotikum. Ihre Windel piepte. Ich öffnete ihren Overall. Das Statussymbol zeigte ‘Aufnahmekapazität erschöpft‘. Ich zog Keera aus und öffnete ihre Windel. Keera hatte wohl auch noch Durchfall. Es dauerte lange, bis ich sie gründlich gesäubert hatte. Dann zog ich ihr eine frische Windel an und steckte die volle Windel in die Recyclingstation. Einer der wenigen Vorteile der Schwerelosigkeit war, dass jemand anderen zu wickeln einfacher ging. Bei Keera war ich im Moment sehr froh um die Windeln. Sie in diesem Zustand in der Schwerelosigkeit rechtzeitig auf ein Vacuklo zu bringen, wäre nahezu unmöglich. Da wechselte ich ihr doch lieber die Windeln, statt Kleidung und Bettzeug. Ich schaffte es inzwischen zum Glück auch meine Windeln zu benutzen, ohne dass Synthia mir den Schließmuskel lahmlegte.
Was ich gerade durchstehen musste, war zwar eklig, aber es störte mich merkwürdigerweise überhaupt nicht. Alles, was zählte, war, dass Keera überlebte. Ich konnte aber nichts anderes für sie tun, als ihr zu trinken zu geben, sie ab und zu füttern, sie mit feuchten Tüchern zu kühlen, ihre Windeln zu wechseln und ihre Hand zu halten. Ich weiß nicht, wie lange das ging. Zum Glück musste sie sich nicht noch einmal übergeben und auch der Durchfall wurde mit der Zeit besser.
Irgendwann sagte Keera: „Daxon, willst du nicht lieber in deiner Station schlafen?“
Ich war mit ihrer Hand in meiner im Schweben eingeschlafen. „Wie geht es Dir?“
„Schon besser.“
Ich sah im Terminal nach und ihre Werte hatten sich endlich verbessert. Einige Felder waren von Rot auf Gelb gewechselt. Das Antibiotikum schlug an. Ich gab ihr noch etwas zu essen und trinken und legte mich dann erschöpft schlafen.
Als ich aufwachte, schlief Keera noch. Als Erstes sah ich mir ihre Gesundheitsdaten an. Die ersten Felder waren wieder grün, die restlichen nur noch gelb. Ich weckte sie sanft.
„Keera, aufwachen. Na, gut geschlafen? Du musst essen. Aber zuerst braucht du eine frische Windel. Kannst du das schon selbst?“
„Kannst du mich bitte dieses Mal noch wickeln?“
Ich war mir zwar sicher, dass Keera das inzwischen auch selbst gekonnt hätte, aber scheinbar wollte sie lieber von mir umsorgt werden. Vermutlich hatte sie in ihrem Leben noch nicht viel Zuneigung bekommen. Ich hatte ihr in letzter Zeit so oft die Windeln gewechselt, da kam es auf das eine Mal auch nicht mehr an. Nachdem ich ihr die nasse Windel ausgezogen hatte, hielt ich sie mit einer Hand zärtlich am Bauch fest und streichelte sie leicht. Außerdem machte ich sie mit den Feuchttüchern ein bisschen gründlicher sauber, als nötig gewesen wäre. Als ich kurz unauffällig auf ihr Gesicht sah, hatte sie die Augen geschlossen und lächelte glücklich, was meinen Verdacht verstärkte. Ich zog ihr langsam eine frische Windel an. Dann bereitete ich das Essen zu und achtete darauf, dass Keera genug aß und trank.
„Wie hast du es geschafft, dass ich so schnell gesund geworden bin?“
„Ich habe dir ein wirkungsvolles Antibiotikum verabreicht.“
„Wie viel davon gibt es in der Kapsel?“
„Es gab nur das eine. Das Zeug ist ziemlich teuer.“
„Aber wie konntest du das an mich verschwenden? Was ist, wenn du krank wirst?“
„Ich habe es nicht verschwendet, sondern es dir gegeben. Du hast es dringend gebraucht. Das ist nicht meine Rettungskapsel und das war auch nicht mein Medikament. Alles hier gehört uns beiden zu gleichen Teilen.“
„Danke. Auch dafür, dass du dich um mich gekümmert hast. Du musstest wegen mir die Kapsel putzen und mir die Windeln wechseln. Noch nie hat jemand so viel für mich gemacht. Wie soll ich dir das jemals wieder zurückzahlen?“
„Du musst mir nichts zurückzahlen. Dass ich mich mit dir unterhalten kann und in deine schönen Augen blicken kann, ist Belohnung genug. Außerdem hast du Synthia deaktiviert und mich davor bewahrt, dass sie mich in den Wahnsinn getrieben hätte. Synthia hat nur einen einzigen nutzlosen Notruf abgesetzt. Ohne dich wäre ich nie gefunden worden.“
„Weißt du, das einzig Wertvolle, das ich mir über all die Zeit bewahren konnte, ist meine Jungfräulichkeit. Wenn du willst, darfst du sie dir jetzt nehmen.“
„Danke, ich weiß das zu schätzen und weiß, wie viel dir das bedeutet.“ Ich streichelte ihr sanft über die Backe. „Aber nicht so. Die Jungfräulichkeit verkauft man nicht, man verschenkt sie aus Liebe.“
„Ich weiß nicht, was Liebe ist. In meinem Leben gab es so etwas noch nicht.“
„Dann wird es Zeit, dass für dich ein neues Leben beginnt und du lernst, was Liebe ist.“
Ich durchsuchte am Terminal die Inventarliste und tatsächlich fand ich, was ich suchte. Nach einem Klick öffnete sich ein Kompartment und ich entnahm einen schicken Overall für eine junge Frau, der Keera gerade so passte. Leider gab es davon nur einen. Ich reichte ihn Keera und sagte: „Ab heute bist du kein Crewmitglied mehr. Ich kann dir leider noch keine sichere neue Identität bieten, aber das mache ich, sobald es mir möglich ist. Vorerst bist du Keera, die Freundin von Daxon, dem Masqua-Händler.“
„Was ist Masqua?“
„Masqua ist eine Droge. Sie gaukelt einem vor glücklich zu sein. Außerdem ist es ein Libido-Booster und intensiviert den Orgasmus.“
„Ist es illegal mit Masqua zu handeln?“
„Auf den meisten Planeten ist der Handel mit Masqua legal. Auf einigen ist es nicht gern gesehen, aber straffrei. Illegal ist es vor allem auf dem Planeten, von dem Masqua stammt, da die Gewinnung von Masqua fest in der Hand von konkurrierenden kriminellen Banden ist. Aber nachdem die Nachfrage im gesamten Universum so groß ist und horrende Preise dafür bezahlt werden, wird man den Anbau wohl nie komplett unterbinden können.“
***
Keera ging es schnell wieder gut. Die regelmäßigen Mahlzeiten taten ihr gut und sie konnte zunehmen mehr Ergoeinheiten absolvieren. Den Großteil der Zeit nutzten wir jedoch mit Unterricht für Keera. Sie war wie ein Schwamm und lernte extrem schnell. Innerhalb eines Monats hatte sie den Stoff für mehrere Monate der neunten Klasse durch.
Neben dem normalen Schulstoff brachte ich ihr unauffällig Basiswissen aus der ersten Zeit auf der Akademie für Space-Ranger bei.
***
Das Bordsystem spielte einen Kommunikationston ab. Ich sah am Terminal nach.
„Eine Antwort. Endlich. Das Schiff Stellar Nomad ist auf dem Weg nach Lumora im Xandria-System und bietet uns an, uns dorthin zu bringen. Lumora, das ist am Arsch des Universums.“
Ich schrieb zurück und fragte, wie viel sie dafür wollten, uns zwei als Passagiere nach Lumora zu bringen. Die Übertragung hatte sehr viel Zeitverzug. Sie mussten noch weit weg sein.
„Sie wollen 8.000 Credits, weil das ein ziemlicher Umweg für sie ist.“
„Das geht nicht. Wie soll ich an 4.000 Credits kommen? Du musst mich in der Kapsel lassen und ich warte, ob ich von jemand anderem für weniger gerettet werde“, protestierte Keera.
„Das ist wahrscheinlich die einzige Chance. Außerdem musst du mir davon nichts zurückzahlen. Wie gesagt, du spielst erst einmal meine Freundin und ich komme für alles auf.“
„Hast du denn so viel Geld?“
„Ja, das ist kein Problem.“
Ich schrieb zurück: ‘Ok. 1.500 jetzt, plus den Inhalt von zwei Rettungskapseln und 6.000 auf Lumora.‘
„Okay, sie haben zugestimmt und sind in fünf Tour, bei uns.“
Wir machten mit Keeras Unterricht weiter. Ich sehnte mich nach Abwechslung. Ich war zwar kein schlechter Schüler gewesen, war aber doch ganz froh, als ich mit der Schule fertig war. Auf Dauer war mir unsere Schulkapsel zu langweilig. Keera hingegen konnte nicht genug Informationen bekommen.
Autor: Hans_Steam | Automatische Veröffentlichung
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