Langsam kehre wieder leben in meinem Körper als ich die Augen öffnete. Ich wusste sofort, dass etwas schiefgelaufen war.
Im Bett liegend starrte ich einfach an die Decke. Durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen fiel fahles Morgenlicht in mein Zimmer. Ein Auto fuhr irgendwo über die nasse Straße, ein bellender Hund war zu hören. Geräusche des normalen Lebens. Alles klang so weit entfernt, aber wirklich beruhigend wirkten sie nicht auf mich.
Erst jetzt bemerkte ich die Kälte. Nicht die im Zimmer, die Heizung lief. Es fühlte sich feucht und unangenehm an. Die Matratze!
„Scheiße, nicht schon wieder“, murmelte ich.
Ich schaute mich um. Auf meinem Nachttisch standen zwei leere Bierflaschen, ein halbvolles Glas und eine Wodkaflasche, in der nur noch ein kleiner Rest war. Mein Handy lag daneben. Der Bildschirm war schwarz.
Keine Ahnung, wann ich eingeschlafen war. Ehrlich gesagt hatte ich von gestern Abend kaum noch Erinnerungen.
Langsam setzte ich mich auf.
Mein Kopf dröhnte, als hätte jemand die ganze Nacht mit einem Hammer dagegen geschlagen. Bei jeder Bewegung wurde es schlimmer. Alles drehte sich und verschwamm vor meinen Augen. Blass versuchte ich, die Erinnerungen an gestern wieder aufzurufen.
Ein paar Freunde waren bei mir gewesen. Ein toller Abend, wie so oft. Wir hatten Bier getrunken und Musik gehört, gute Laune eben. Mal ging einer, mal kam einer wieder. Irgendwann standen auch Schnapsflaschen auf dem Tisch, und irgendetwas zum Rauchen war auch dabei gewesen.
Und danach?
Nichts.
Nur einzelne Bilder.
Lachen.
Laute Musik.
Eine Stimme, die irgendetwas sagte.
Dann Dunkelheit.
Ich blickte auf meine Boxershorts. Auch die war feucht. Ich fluchte leise. Jedes Mal das Gleiche. Genau das war das Problem.
Vor ein paar Monaten hätte mich so etwas noch völlig fertiggemacht. Ich hätte sofort die Bettwäsche abgezogen, alles versteckt und versucht, die Matratze irgendwie trocken zu bekommen, bevor meine Eltern etwas bemerkten.
Mittlerweile war es beinahe Routine. Das Bett konnte man trocknen. Die Kleidung konnte man waschen. Es war nur unangenehm, aber nicht das Ende der Welt. Zumindest redete ich mir das ein.
„Ist halt so“, sagte ich leise.
Diesen Satz benutzte ich inzwischen für ziemlich vieles.
Die Schule abgebrochen!
Ist halt so.
Keine Ausbildung angefangen!
Ist halt so.
Keinen Job gefunden!
Ist halt so.
Zu viel getrunken?
Ist halt so.
Ins Bett gemacht!
Ist halt so.
Ich stand auf. Meine Beine fühlten sich schwer an, und für einen Moment musste ich mich am Schreibtisch abstützen.
Im Spiegel des Badezimmers betrachtete ich mich. Ich sah aus wie jemand, der seit einer Woche nicht geschlafen hatte. Meine Haare standen in alle Richtungen, meine Augen waren gerötet und unter ihnen lagen dunkle Schatten.
„Super“, sagte ich zu meinem Spiegelbild.
Ich zog mir die Unterhose aus und stellte die Dusche an. Heißes Wasser. Einfach nur herrlich. Auch wenn sich mein Körper danach etwas besser anfühlte, war mein Gedächtnis immer noch nicht richtig aktiv. Obwohl ich mich sehr anstrengte, kamen weitere Details von gestern Abend nicht ans Licht.
Vermutlich war das auch besser so. Wer weiß, was alles noch passiert war.
Nur mit einem Handtuch um die Hüfte trottete ich wieder in mein Zimmer. Erst jetzt bemerkte ich den Gestank: eine Mischung aus kaltem Rauch, Bier und Urin.
Mir wurde schlecht und die Kopfschmerzen wurden stärker.
Leicht benebelt ließ ich mich auf mein Bett fallen und griff nach dem Glas auf dem Nachttisch. Keine Ahnung, was das für ein Zeug war, aber gegen den Durst und die Kopfschmerzen half es nicht wirklich. Im Gegenteil.
Nun, Ist halt so.
Ein Klopfen. Im Türrahmen stand meine Mutter. Sie schaute sich im Zimmer um. „Jonas?“, hörte ich sie fragen. Meine Reaktion war nicht wirklich vorhanden. Sie versuchte es erneut:, „Bist du wach?“ „Lass mich!“, mehr wollte ich nicht sagen. Hoffentlich war sie bald wieder weg, dachte ich mir. „Du bist betrunken.“ „Hau ab.“, völlig genervt griff ich nach einer Bierflasche und warf sie in Richtung Tür. Sie prallte irgendwo gegen den Boden. Gequält stand ich auf und schob mich an ihr vorbei auf den Flur. „Lass mich einfach in Ruhe, okay!“ „Warte! Wo willst du so hin?“ Ich blieb
stehen. „Man, du nervst. Geh putzen oder mach das, was Frauen sonst so machen. Die Jungs erwarten mich.“ „Nackt?“ Geschockt sah ich an mir runter, dann Richtung Bett, da lag es, mein Handtuch, welches ich mir nach dem Duschen umgemacht hatte.
Gott, war das peinlich ist das denn. Nicht nur, dass meine Mutter mich nackt gesehen hatte, ich hatte es nicht einmal gemerkt. Schnell versuchte ich, mit der Hand das Wichtigste zu verdecken, schob mich wieder an ihr vorbei in mein Zimmer und schloss diesmal die Tür hinter mir. Endlich wieder alleine.
Im Chaos meines Zimmers suchte ich nach sauberer Kleidung. Was ich fand, war eine volle Flasche Bier. „Immerhin was zu trinken“, sagte ich mir, öffnete sie und griff nach meinem Handy.
Leer. Ist halt so.
Ich versuchte, mir einen Plan zu machen. Erst Bier trinken. Der Körper brauchte Flüssigkeit. Dann Handy laden. Man ist schließlich wichtig und möchte auf dem laufenden Bleiben. Das Fenster öffnen für frische Luft.
Und dann?
Keine Ahnung.
Ich ließ mich einfach wieder auf das Bett fallen.
•
Es war schon dunkel, als ich wieder wach wurde. Draußen hörte ich den Regen, der auf die Straße niederprasselte. Die Kopfschmerzen waren wieder besser geworden. Aber mein Bett … Die Decke … Es war alles nass. Ich seufzte tief. Mir wurde kalt und suchte mir eine Stelle im Bett, die ich nicht vollgepisst hatte, und drehte die Decke einfach um. Das ging schon mal ganz gut.
Fast etwas stolz stellte ich fest, dass mein Plan von vorhin funktioniert hatte. Die Kopfschmerzen waren fast weg und mein Handy war geladen. Neue Nachrichten hatte ich keine. Nur irgendein Schwachsinn in der Familiengruppe, den sowieso keiner las. Ich tippte in die Freundesgruppe:
Ich: Noch jemand wach?
Flo: jep
Ich: Was machst du?
Flo: nichts
Etwas später:
Flo: Du?
Ich: Auch …
Flo: Cool
Ich: Kann ich rüberkommen? Hast du was zu trinken?
Flo: klar, komm her.
Endlich hatte der Tag wieder einen Sinn. Rasch zog ich mir etwas an, holte mein Rad aus der Garage und fuhr in die verregnete Nacht.
Es war nur eine Fahrt von etwa fünfzehn Minuten, aber die reichten. Meine Klamotten waren so durchgeweicht wie mein Bett, aber es war mir egal. Bei Flo war es warm. Es gab etwas zu essen und zu trinken. Alles andere war mir so egal. Flo wohnte richtig schön. Er hatte die Einliegerwohnung seiner Eltern für sich und konnte dort machen, was er wollte. Nicht so wie bei mir. Meine Eltern mischten sich in alles ein. Immer wussten sie es besser. Jonas, mach dies, Jonas, mach jenes. Hier bei Flo konnte ich mich richtig entspannen und niemand störte mich. Bier, Toast mit Wurst und Käse. Was wollte man mehr?
„Haben deine Eltern noch etwas zu gestern gesagt?“, fing Flo an. „Natürlich nicht“, erwiderte ich und nahm mir ein weiteres Bier. „Und wenn schon. Es ist doch nichts passiert.“ „Nichts passiert? Du bist gut.“ Flo wusste offenbar noch mehr darüber, was gestern passiert war. Ich hakte nach. „Was meinst du?“ „Du warst ziemlich gut betrunken und hast echt nicht mehr viel mitbekommen.“ Ich hörte ihm zu, ohne zu merken, dass ich mir automatisch ein weiteres Bier öffnete. Und dann noch eins. Alles war perfekt. Bis zu dem Moment, in dem Flo mir nichts mehr geben wollte.
Wütend lallte ich irgendetwas Unverständliches, stand auf und wankte Richtung Tür und Fahrrad „Dann hau doch ab“, hörte ich noch von meinem Freund. Auch er war schon lange nicht mehr nüchtern. Mir war alles egal. Auch mein Fahrrad. Frustriert schmiss ich es gegen eine Wand.
Es wollte einfach nicht stillhalten, als ich losfahren wollte, also trottete ich zu Fuß in die Nacht.
„Wo bin ich? Bin ich hier richtig? Na, ist halt so“, redete ich mir ein. Viel merkte ich nicht mehr. Auch das Drücken meine Blase, war mir total egal. Irgendwann lief es einfach mein Bein hinunter. Aber nicht nur meine Blase meldete sich. Ich lehnte an einer Laterne und spürte plötzlich, wie auch mein Darm nicht mehr mitspielte. Ich hatte keine Kontrolle mehr. Es dauerte nicht lange, da bildete sich eine warmer weicher Haufen in meiner Hose. Ich starrte einen Moment lang ins Leere. Dann zuckte ich nur mit den Schultern.
„Ist halt so.“
Fortsetzung folgt
Autor: Nils | Eingesandt via Ticket
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Ist schon ziemlich übel so ohne jede Perspektive oder einen Funken Anstand. Das sich manch einer mal gehen lässt in der Jugend, gehört für viele dazu. Ist mir nur etwas zu derb. Bin dennoch auf den nächsten Teil gespannt.