Kapitel 4: Die Mystara-Legende
Ich erhielt die Nachricht, dass wir für den Besuch der Mystara-Sümpfe ausgelost wurden. So schnell schon? Ich vermutete, dass Lioran seine Finger im Spiel hatte, zumal morgen ausgerechnet Keeras Geburtstag war. Da Keera schon wieder das Pensum einer Schulwoche plus einer Woche Akademie geschafft hatte, sprach nichts dagegen, die Besuchstickets fest zu buchen, auch wenn der Besuch der Sümpfe mit Übernachtung zwei Tage dauerte. Und der Chief war vermutlich nicht erfreut über die immensen Kosten, die die Besuchsgebühren für die Sümpfe und die Lodge verursachten.
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Am nächsten Morgen fanden wir uns pünktlich zur vorgegebenen Zeit im Besucherzentrum der Sümpfe ein. Insgesamt waren vierzig Personen pro Tag zugelassen. Zunächst mussten wir uns einen Lehrfilm über die Sümpfe ansehen. Dieser handelte von der Entstehung, den seltenen Tieren und Pflanzen sowie den Verhaltensregeln. Gegen Ende des Films kam ein Teil, der mir sehr unangenehm war. Die Mystara-Sümpfe waren äußerst empfindlich gegenüber Säure und bereits geringste Mengen Harnsäure im menschlichen Urin verursachten großflächige Schäden. Es gab einen vorgegebenen Rundweg durch die Sümpfe, der zu einem Restaurant, einer Lodge und einem zweiten Restaurant führte. Dazwischen gab es früher Klohäuschen. Trotzdem war es immer wieder vorgekommen, dass Besucher wild pinkelten, wodurch enorme Schäden verursacht wurden. Man hatte lange diskutiert, ob man die Sümpfe für Besucher komplett sperren sollte und war schließlich zu einer anderen drastischen Lösung gekommen. Die Sümpfe durften nur noch mit einer elektronisch überwachten Windel durchwandert werden. Die Windel diente gleichzeitig dazu, zu kontrollieren, ob der Weg verlassen wurde. Als der Film fertig war, sagte ich zu Keera, dass ich keine Lust hatte, zwei Tage in Windeln zu wandern. Sie blickte mich mit einem Blick an, dass es mir ganz anders wurde. Es war klar, dass ich nicht Nein sagen konnte. Aber ich durfte Keera auf keinen Fall merken lassen, was sie mit diesem Blick bei mir ausrichten konnte, sonst würde sie mich in kürzester Zeit um den Finger wickeln. Ich zierte mich also noch eine Weile und tat dann so, als ob das teure Eintrittsgeld, das man uns nicht rückerstatten würde, den Ausschlag gab. Wir gingen im Schleusenbereich in die Umkleiden und zogen uns die Windeln an. Am Ausgang wurden die Windeln elektronisch verriegelt und es wurde überprüft, ob sie ein Positionssignal sendeten. Dann schickte man uns nach und nach in kleinen Gruppen oder Pärchen los. Der große Vorteil der Windeln war, dass man über eine App jederzeit im Komputer sehen konnte, wie weit man auf dem Weg zur nächsten Station war, um dort pünktlich anzukommen, und wo sich die anderen im Verhältnis dazu befanden. Das hätte man aber sicher auch anders mit dem Komputer realisieren können. Aber wenigstens waren die Windeln speziell zum Wandern ausgelegt und überraschenderweise auch beim Laufen sehr bequem.
Die Sümpfe waren unglaublich schön. Die Pflanzen verströmten ein angenehmes Aroma und die Tierwelt war sehr faszinierend. Nachdem wir die ersten schönen Eindrücke verarbeitet hatten, liefen wir langsam den Weg entlang und konnten uns gar nicht sattsehen.
Obwohl wir frei sprechen konnten, war Keera überraschend schweigsam. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Nach einer Weile fragte ich sie: „Keera, du bist so ruhig. Bedrückt dich etwas?“
„Nein, es ist nichts.“
„Keera, ich kann dir nur helfen, wenn du mit mir darüber sprichst. Also komm schon, was ist los?“
„Okay. Es gibt da etwas, das mich sehr beschäftigt. Wie du dich in der Kapsel, als ich krank war, um mich gekümmert hast und du mich gefüttert und mir die Windeln gewechselt hast. Ich habe dir das nie gesagt. Das hat sich damals so unglaublich schön angefühlt. Es war der schönste Moment in meinem Leben bis dahin, obwohl es mir schlecht ging. Vorhin habe ich mir so sehr gewünscht, dass du mir die Windeln anziehen würdest. Das ist doch nicht normal. Dass ich mir gewisse intime Dinge von dir wünsche, später einmal, das schon. Aber doch nicht, dass du mich wickelst und fütterst.“
„Vielleicht hängt das mit deiner Kindheit, beziehungsweise der fehlenden Kindheit zusammen. Ich bin im Moment etwas überfordert und weiß auch nicht, was ich dir raten soll. Vielleicht solltest du einmal mit einem Psychologen reden.“
„Mhm, wenn du meinst. Aber nur, wenn du mich begleitest.“
„Ja, natürlich, wenn du das so willst.“
Wir liefen die meiste Zeit Hand in Hand. Je tiefer wir in die Sümpfe vordrangen, desto dichter und ursprünglicher wurde die Natur. Pünktlich kamen wir mittags am Restaurant an. Am Eingang wurde die Windel entriegelt und man konnte sie je nach Belieben im Restaurant ausziehen oder bei Bedarf erst vor dem Verlassen wechseln. Unsere Windeln waren auf dem Weg hierher nicht unbenutzt geblieben, hatten aber noch Kapazität. Wir entschieden uns, sie zum Essen anzubehalten und erst beim Verlassen des Restaurants zu wechseln. Das Essen im Restaurant war sehr gut, auch wenn es nur relativ einfache Gerichte aus lokalen Pflanzen gab.
Als wir nach dem Essen in der Umkleide waren, um unsere Windeln zu wechseln, fragte ich Keera: „Soll ich dir deine Windel wechseln?“
„Nein, danke Daxon. Das ist sehr lieb von dir, dass du mir das anbietest. Ich will aber den Besuch beim Psychologen abwarten, ob wir das wirklich machen sollen.“
Nachdem wir nach dem Essen ungefähr eine Stunde gelaufen waren, sahen wir unseren ersten Mystara-Hasen. Das war ein kleines, pelziges Tier mit fünf Beinen, das sogar relativ zutraulich war. Er schaute, ob wir etwas zu fressen für ihn hatten. Tiere zu füttern, war in den Sümpfen natürlich strengstens verboten, aber so wie der Hase bettelte, hielten sich wohl nicht alle Besucher daran. Keera erkannte sofort, dass es sich um eines der Tiere handelte, das sie als Deko auf ihren Fingernägeln hatte.
Auf dem Weg zur Lodge änderte sich die Pflanzenwelt allmählich. Immer häufiger wuchsen Kristalle und Kristallpflanzen. Zunächst waren sie klein und vereinzelt, dann immer mehr und größer. Im Film im Besucherzentrum hieß es, dass die Kristalle auf menschliche Emotionen reagierten und bei positiven Gefühlen leuchteten. Ich hielt von solch unwissenschaftlichem, esoterischem Unfug nichts. Wahrscheinlich erzählte man den Besuchern das, damit sie ihre negativen Gefühle unterdrückten und der Besuch dadurch positiver in Erinnerung blieb. Jedenfalls leuchteten die meisten Kristalle, die wir sahen, kräftig. Jetzt gab es immer häufiger Mystara-Hasen und dann auch die ersten Sumpfbären und Mystara-Sumpfwächter. Das waren harmlose große, schlangenartige Wesen, die einen mit vielen großen Augen aus dem Wasser anblickten.

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Nach unserer Ankunft an der Lodge, gab es einen Willkommens-Cocktail. Alle Besucher sammelten sich auf der großen Aussichtsplattform, tranken ihren Cocktail und sahen sich den Liebestanz der großen Mystara-Schwalbenmücke in der tief stehenden Sonne an. Ein älteres Ehepaar stand neben uns.
Die ältere Dame sagte: „Wir haben unser Leben lang gespart, um uns den Flug nach Lumora und den Besuch der Sümpfe einmal im Leben leisten zu können. Wie schön muss das für Sie sein, so jung.“
„Na ja, die Sümpfe sind doch für jeden gleich schön, egal wie alt, oder?“, erwiderte ich.
„Kennen Sie die Mystara-Legende gar nicht?“
„Nein, davon wurde im Film im Besucherzentrum nichts erwähnt.“
„Also genau neben der Lodge sind die Kristallquellen. Die Mystara-Legende besagt, dass wenn man frisch verliebt mit seiner wahren Liebe im Wasser der Kristallquellen badet, es zu einer Geistesverschmelzung kommen kann, die noch intensiver als ein Höhepunkt unter Masqua sein soll. Es soll die schönste nicht sexuelle Erfahrung sein, die ein Mensch haben kann. Jedes der Zimmer hat einen kleinen Pool, in dem nach dem Abendessen das Wasser der Kristallquellen geleitet wird. Wobei das Bad im Heilwasser der Kristallquellen so oder so sehr angenehm sein soll.“
„Danke für die interessante Geschichte. Dann werden wir ja vielleicht einen interessanten Abend haben.“ Ich blickte Keera tief in die Augen und sah eine Mischung aus Verliebtheit und Verlegenheit.
Dann gingen wir auf unser Zimmer, um zu duschen und uns fürs Essen umzuziehen. Mitten im Zimmer war der Pool, von dem die Frau gesprochen hatte. Aber noch war er leer. Das Zimmer war groß, sehr schön und in einer Architektur gestaltet, die sich perfekt in die Natur einfügte. Es war auch sehr luxuriös ausgestattet. Für jeden Gast gab es alle erdenklichen Komfortartikel wie Bademäntel und Badekleidung.
Während wir sehr gut aßen, ging die Sonne allmählich unter und ließ den Himmel in den Farben Gold, Rosa und Violett erstrahlen. Das Licht spiegelte sich auf den Wasserflächen und schaffte eine märchenhafte Kulisse. Dazu hörten wir das komplexe Lied des Mystara-Sumpfsängers, einem ungewöhnlichen Tier, dessen Erscheinung man wohl am besten als Mischung von Reptil und Insekt umschreiben konnte.
Das Essen in der Lodge war außergewöhnlich gut. Vor allem das Wurzelragout war köstlich und dazu gab es Nebulawein, der eine leicht berauschende Wirkung hatte. Als wir auf den nächsten Gang warteten, nahm ich Keeras Hand.
„Keera, du warst heute den ganzen Tag so schweigsam. Ist alles in Ordnung mit dir? Gefällt es dir?“
Mit feuchten Augen sagte sie: „Sorry, Daxon. Ich will nicht undankbar sein. Natürlich gefällt es mir. Vielen Dank, dass du mir das alles ermöglicht hast. Aber es ist so überwältigend schön. Ich kann meine Gefühle und die vielen Eindrücke nicht mehr in Worte fassen. Immer wenn ich denke, jetzt habe ich es realisiert, kommt das Nächste und ist noch schöner. Erst der Hase, dann die Kristalle, die Bären, die Sumpf-Wächter, dann der Sonnenuntergang und die Schwalbenmücke, der Sumpfsänger und jetzt dieses köstliche Essen und der Wein.“
Ich streichelte Keera sanft die Hand und sagte: „Schade, das Schönste, was es hier zu sehen gibt, hast du leider verpasst.“
„Was hast du gesehen, was ich nicht gesehen habe?“
„Wie sich die Kristalle in deinen Augen spiegeln.“ Ich küsste Keeras Hand und sie sah mich verlegen an.
„Mach bitte mal die Augen zu. Vorsicht kalt.“
Keera schloss die Augen. Ich hatte ihr zum Geburtstag ein wunderschönes goldenes Kettchen mit einem herzförmigen Anhänger aus einem seltenen blauen Nebula-Opal besorgt, die ich ihr jetzt umlegte. Nebula-Opale waren in anderen Teilen des Universums sehr teuer. Da sie aber von Lumora stammten, waren die Preise hier noch akzeptabel und der Anhänger passte perfekt zu Keeras neuer Identität.
„So, jetzt darfst du die Augen wieder öffnen. Alles Gute zum Geburtstag.“
Keera sah den Anhänger an und bekam feuchte Augen.
„Danke Daxon. Der ist wunderschön.“
Ich wusste, dass das Keeras erstes Geburtstagsgeschenk war. Aber Keera hatte inzwischen gelernt ihre Rolle zu spielen und Keera, die Nageldesignerin, hatte schon öfter Geburtstagsgeschenke bekommen. Keera musste sich in der Öffentlichkeit also so gut wie es ging zusammenreißen. Nachdem sie sich wieder gefangen hatte und nicht mehr so verweint ausgesehen hatte, tupfte ich ihr die Tränen vorsichtig mit einer Serviette ab und macht ein Foto, das ich ihr für ihren OmniNet-Account sendete.
***
Als wir später eng umschlungen auf unser Zimmer gingen, war der Pool mit schimmerndem Wasser gefüllt.
Keera warf mir einen verführerischen Blick zu und fragte: „Sollen wir da nackt rein?“
„Keera, glaub mir, ich würde sehr gerne nackt mit dir baden. Aber ich habe Angst, dass ich mich dann nicht mehr zurückhalten kann und wir uns zu etwas hinreißen lassen. Ich glaube, du bist aber noch nicht so weit. Jedenfalls würde ich mich schlecht fühlen, wenn es jetzt schon dazu käme. Also mach es mir bitte nicht unnötig schwer und zieh dir einen Badeanzug an, ja?“
Ich zog mir eine Badehose an, Keera einen Badeanzug. Hand in Hand stiegen wir in den Pool. Das Wasser hatte die perfekte Temperatur und prickelte und kitzelte leicht auf der Haut. Es erzeugte Auftrieb, sodass man sich wie in Schwerelosigkeit fühlte. Es hatte eine entspannende Wirkung. Ich ließ mich treiben und legte nur meinen Kopf und den Nacken auf dem Polster am Beckenrand ab. Keera schmiegte sich an mich und legte ihren Kopf auf meine Schulter. Allen guten Vorsätzen zum Trotz konnte ich mich doch nicht beherrschen und gab ihr einen Kuss. Unseren ersten Kuss. Genau in diesem Moment passierte es. Mein Verstand löste sich vom Körper. Ich war in einer Sphäre aus Licht und ich war Keera. Keera und ich gleichzeitig und keines von beiden. Einfach unbeschreiblich. Raum, Zeit, Körper, alles verlor an Bedeutung. Ich konnte Keeras Gefühle spüren. All das Leid und Elend, das sie durchgemacht hatte und die Hoffnung und Liebe für mich. Ich konzentrierte mich auf die positiven Gefühle und sie wurden immer intensiver. Ich war nur noch Liebe und Ekstase. Es war wie ein stundenlanger Orgasmus. Ich hatte keine Ahnung, wie lange das in Wirklichkeit gedauert hatte, Minuten, Stunden? Irgendwann wurde das Wasser aus dem Pool langsam abgelassen und mein Verstand kehrte ganz langsam in meinen Körper zurück. Keera lag immer noch an mich gekuschelt wie zuvor.
Als ich wieder soweit klar denken konnte, um Worte zu formulieren, sagte ich: „Keera, hast du das eben auch erlebt?“
Keera schaute mich verwirrt an und antwortete: „Ich habe keine Ahnung, was ich eben erlebt habe, aber es war unbeschreiblich schön.“ Wir küssten uns erneut.
Als das Wasser fast komplett aus dem Pool abgeflossen war, fühlte ich mich so unglaublich schwer und erschöpft.
Keera sagte: „Ich schaffe es nicht aufzustehen und ins Bett zu gehen.“
Ich nahm all meine Kraft zusammen und trug Keera ins Bett, nass wie sie war. Ich schaffte es gerade noch, mich völlig erschöpft neben sie zu legen und schlief sofort ein.
Autor: Hans_Steam | Automatische Veröffentlichung
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