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Stadt ohne Gesicht (3)

30/08/2026 1 comment Article Gemischt Nancy Proud
This entry is Teil 3 von 3 in the series Stadt ohne Gesicht
Windelgeschichten.org präsentiert: Stadt ohne Gesicht (3)

 

„Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ –

Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.

Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.

„Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.

Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!
Danke, Nancy Proud

KAPITEL III: Im Café Weinstein III (Februar 2010)

Als ich den Hörer auflegte, war ich wie betäubt. Ich redete kaum noch. In meiner Hand hielt ich die Telefonkarte; meine Finger zitterten ganz leicht.

Das Café Weinstein war laut – das vertraute Klappern von Geschirr, das Quietschen von Gummisohlen auf dem Dielenboden und das rhythmische Donnern des Basses aus den Musikboxen –, aber in mir war nur ein dumpfes, wattiges Rauschen. Meine Gedanken taumelten umeinander wie Kegel beim Strike. Und die Einlage zwischen meinen Beinen quoll mit jeder weiteren Minute, die ich regungslos neben dem grauen Münztelefon stand, unaufhörlich weiter. Meine Schüchternheit lähmte mich, aber auf meinen Lippen lag ein unwillkürliches, fast ertapptes Lächeln.

Ich flüchtete zurück in den Gastraum, sank tief in den dunklen Polstersessel und zündete mir mit zitternden Fingern eine Davidoff an. Der blaue Rauch kräuselte sich träge in der warmen Luft. Ich nahm einen tiefen Schluck von meinem Martini-O-Saft. Die kühle Süße beruhigte meinen rasenden Puls ein wenig, und augenblicklich setzten die Tagträume wieder ein. Bunte, warme Bilder schossen mir durch den Kopf.

Ich sah mich bereits in einer lichtdurchfluteten Küche stehen und für diese fremde Frau Wolf und die kleine Mia kochen. Auf meine ganz eigene Weise. Israelisch, voller Aromen, die das sterile Labor, das bald auf mich wartete, völlig vergessen lassen würden: samtiges Kichererbsenmus mit gutem Olivenöl, duftender Auberginenauflauf mit Kreuzkümmel, süßer French Toast mit viel Zimt am Morgen. Und für die vornehmen Bridge-Damen, von denen Vera am Telefon bereits flüchtig erzählt hatte, würde ich frisch gebackene, noch warme Scones auf silbernen Platten servieren. Im Geist kniete ich schon tief im Sennestädter Garten, ordnete das Kräuterbeet neu, zog vergessene Gemüsesorten und setzte frische Saaten in die dunkle, feuchte Erde. Eine heile, saubere Welt. Eine Oase.

„Und? Was hat die Omi gesagt? Hast du eine Chance?“

Die Stimme der Kellnerin riss mich jäh aus meiner Zuflucht. Sie stand plötzlich wieder an meinem Tisch, die Arme locker vor der Brust verschränkt, ein wissendes, fast schon amüsiertes Grinsen auf den Lippen.

„Sie… sie hat mich eingeladen. Für heute noch“, stammelte ich und spürte, wie mir schon wieder die Hitze ins Gesicht schoss. Ich fühlte mich ertappt bei meinen viel zu großen Träumen. „Ich darf mich sofort vorstellen. Sie braucht Hilfe beim Kochen wegen ihrer Hüfte. Und für die kleine Mia. Wäschepflege, Garten… sie sucht extra männliche Unterstützung für die handwerklichen Dinge in und ums Haus.“

Die Kellnerin nickte langsam, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. „Perfekt. Das Anwesen ist riesig, obere Mittelklasse. Da gibt es immer was zu tun. Aber pass auf: Die Omi hält verdammt viel auf Anstand, Haltung und Manieren. Sei einfach höflich, ordentlich und hör verdammt gut zu. Das mag sie.“

Ich blickte sie dankbar an. In meiner Trance und der Hektik des Aufbruchs fiel mir in diesem Moment gar nicht auf, wie seltsam es eigentlich war, dass eine einfache Café-Bedienung so intime Details über Frau Wolfs Angewohnheiten, ihre Hüfte und die Größe ihres Hauses wusste. Da ich vollkommen fremd in Bielefeld war, drängte die Zeit in meinem Kopf viel zu sehr, um misstrauisch zu sein.

„Wie… wie komme ich denn überhaupt dorthin? Nach Sennestadt?“, fragte ich und griff mit feuchten Händen nach meinem Rucksack.

„Ganz einfach“, sagte sie, nahm einen freien Bierdeckel vom Nachbartisch und kritzelte flink ein paar Linien auf die unbedruckte Rückseite. „Du läufst fünf Minuten von hier zur Stadtbahn-Haltestelle Jahnplatz. Da steigst du in die Linie 1 Richtung Senne und fährst bis zur Endstation. Von dort nimmst du den Bus Richtung Sennestadt und steigst am BMW-Autohaus aus. Dann gehst du in die Widumsgasse, immer weiter durch, bis zur Sackgasse direkt am kleinen Flugplatz. Da liegt das Haus, ein bisschen abseits im Grünen.“

Ich nickte eifrig, prägte mir die Straßennamen ein und kramte mein Portemonnaie hervor, um endlich zu bezahlen. Ein wohliges, aber auch zutiefst angespanntes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Während ich das Geld auf den Tisch legte und ihr ein ungewöhnlich großzügiges Trinkgeld zuschob, begegneten sich unsere Blicke ein letztes Mal.

Ich atmete den vertrauten Duft von ihrem Body Silk ein, schulterte meinen schweren Rucksack und ahnte mit keinem einzigen Gedanken, dass diese schlagfertige Frau, die mich hier gerade so geschäftstüchtig wegloste, in genau zweieinhalb Monaten den Schlüssel zu meiner gesamten veränderten Welt in den Händen halten würde.

Autor: Nancy Proud | Eingesandt via Ticket

Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.

Stadt ohne Gesicht

Stadt ohne Gesicht (2)
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Tags: präsentiert, nbsp, stadt, ohne, gesicht
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Volker
Volker
Gast
30/08/2026 22:30

Der Teil wurde doch schon mit der Teil 2 veröffentlicht

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