Kennt ihr den Moment wenn sanfte Lichtstrahlen einer leich dunstverhangenen, tief stehenden Sonne von pulvrigen Schneekristallen reflektirt werden? Wenn das Licht diffus durch lockere Tannen bricht? Wenn das Licht so weich ist, dass es keine klaren Schatten wirft, nur hellere und dunklere Pastelltöne im glitzernden, unberührten Schnee? Und wie der Wolkenschleier gerade dick genug ist, damit man mit zusammen gekniffenen Augen direkt in die Sonne blicken kann?
Diese Momente lassen mich fühen – mich selbst, die Zeit, das Leben. Ich glaube, ich kenne kein größeres Glück.
Doch die Sonne steht tief und ich muss umkehren. Ein letzter Blick durch die licht stehenden Nadelbäume in die Weite, dann drehe ich mich um und folge meiner Spur zurück. Und bald spüre ich wieder die Kälte auf meiner Haut, mindestens 10 Grad unter Null und ziehe mir den Schal locker vor den Mund. Ich spüre die Schwere der Schneeschuhe bei jedem Schritt meinen Füßen. Schritte die ich im Einklang mit meinem Herzschlag setze. Gedanken die sich auf diesen Einklang fokussieren. Eine Art der Meditation. Eine knappe Stunde dauert der Weg zurück.
„Zurück“ ist unsere kleine Stuga im Västmanland,. Ein Blockhaus aus Holz und Metall in den Wäldern im Westen von Stockholm. Viele Stockholmer haben eine Sommarstuga und bleiben im Winter in der Stadt, aber wir nicht. Jedes Jahr ab Weihnachten sehne ich mehr nach dem Licht und der Ruhe im Wald. Ab Mitte Februar hoffe ich auf ein Wochenende gutes Wetter., dann fahren wir raus aus Stockholm, nach Westen bis Västeras, dann nach Norden.
Mit dem letzten Licht des Tages trete ich durch die Tür der Stuga, der gußeißerne Ofen läuft auf Hochtouren. Erik schneidet Gemüse für das Abendessen. Als ich hereinkomme blickt er auf, grinst „Hallo Smilla“, und gießt mir Tee in meine Lieblingstasse. Ich schäle mich aus Funktionsjacke und Tourenhose und stehe in meiner langen Skiwäsche vor ihm. Und auch nach über 30 Jahren Ehe schäme ich mich ein bisschen als sein Blick auf meinen gewindelten Hintern fällt. „Windeln?“ fragt ihr euch villeicht. Und ich würde sagen, „Ja, genau. Windeln.“ Mein kleines Stück Komfort für die Winterstuga. Bei zweistelligen Minusgraden pinkele ich einfach nicht so gern im Schnee. Und auch nicht auf dem kalten, nur von außen zugänglichen Klo der Stuga. Das Klo wurde für eine Sommerstuga gebaut.
Ich umarme Erik, er hält mich ganz fest, dann wandern seine Hände nach unten. Er drückt prüfend auf das weiche Flies, grinst und sagt „Mach dich frisch, dann gibt es Essen.“ Mein kleines Stück Komfort amüsiert ihn nach 30 Jahren Ehe noch immer. Wir essen den Eintopf, trinken einen einst aus Deutschland mitgbrachten Wein, rot und trocken. Wir genießen ohne viele Worte, wir können uns mit Blicken fast genauso unterhalten. Danach spielen wir Scrabble und kuscheln uns vor dem Ofen aneinander. Ich lehne meinen Rücken an Erik, schließe die Augen und konzentriere mich auf meine Blase und geniese die andere Wärme, die jetzt von innen an meine Schenkel drückt. Auch das ist für mich eine Art der Meditation. Meine Lieder sind schwer, es kostet Überwindung sie wieder zu öffnen. Ich blicke Erik an. „Bett?“ sage ich mit fragendem Unterton. Erik weiß, dass eine Widerrede zwecklos ist. Er nickt. Innerlich frohlocke ich als er die Stiefel und seine gefütterte Jacke anzieht um hinaus zur Toilette zu gehen, schließlich habe ich mich ja gerade schon erleichtert, und die Kapazität der Windel wird mir auch für die Nacht noch reichen.
Später in der Nacht erwache ich, ich spüre Eriks Hand angenehm auf meinem Oberbauch,meine Hände ruhen sanft auf meinem Unterbauch. Eine Pose, die mir viel Ruhe gibt. Draußen ist es noch dunkel, doch meine Blase drückt. Und ich lausche wieder auf meinen Herzschlag, langsam bringe ich meinen Schließmuskel mit ihm in Einklang. Langsam fließt es aus mir heraus, langsam kriecht die Wärme unter mir am Po nach oben. Ich fühle mich ganz ruhig und schwer. Das Wieder-Einschlafen fällt mir leicht. Es ist meine Art der Meditation.
Am Morgen erwache ich zuerst und beginne mit der Vorbereitung des Frühstücks. Es ist kalt, das Feuer ist über die Nacht herunter gebrannt, der Ofen gibt nur noch wenig Restwärme ab. Ich schiebe das vorbereitete Holz durch die Luke und feuere den Ofen wieder an. Als es lodert setze ich den Wasserkessel auf, mahle den Kaffee, röste Brot mit Butter in einer gusseisernen Pfanne. All das dauert. Erik kommt auch aus dem Schlafzimmer und murmelt „Ein Moment in dem ich nun fast auf dich neidisch werde, wenn ich morgens hinaus in die Kälte muss.“ Erik empfindet mein kleines Stück Komfort weder erstrebenswert noch angenehm. Aber nach 30 Jahren Ehe hat man die Schrulligkeiten des jeweils anderen zu Akzeptieren gelernt. Wir sind uns nur nicht einig, wer von uns in dieser Beziehung der Schrullige ist. Nach dem Frühstück ziehe ich mich auch um. Ich nehme mir eine frische Windel aus der Tasche und sage gleichermaßen zu Erik wie zu mir selbst „Noch eine Letzte für die Fahrt“. Wir packen. Das Wochenende endet, die Großstadt will mich zurück. Und damit auch all die Normen und Regeln der Zivilisation. Morgen erwartet mich wieder der stressige Alltag in der Kanzlei. Bis dahin will ich noch etwas den Wald genießen, den schönsten Teil des Winters, wenn das Licht wieder an Kraft gewinnt. Und die Fahrt möchte ich noch möglichst meditativ gestalten. Erik grinst. Er weiß sicher schon lange, was ich eigentlich damit meine.
Autor: Anonym | Eingesandt via Ticket
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Interessant Kurzgeschichte. Ich bin gespannt ob es einen weiteren Teil gibt.