Prolog – Der Brief, der alles veränderte
Der Regen zog wie ein dünner Schleier über den Zürichsee. So ein typischer Märztag, an dem der Himmel so grau wirkt, dass man nicht mehr weiß, wo die Wolken aufhören und der See anfängt. Lynn saß halb verschlafen in der Küche, starrte auf ihren Laptop, während ihre Cornflakes langsam in der Milch zerfielen. Sie trug ihren alten grauen Hoodie, die braunen Haare irgendwie zu einem Pferdeschwanz gebunden – nicht ganz ordentlich, nicht ganz chaotisch. Eigentlich wollte sie nur kurz die Mails checken, bevor sie zur Schule musste.
Zwischen Newslettern und einer Nachricht von ihrer Freundin fiel ihr eine Mail auf, die sie sofort stutzen ließ: Herzlichen Glückwunsch – Du hast gewonnen! Adventure of a Lifetime – Kanada by Bike. Lynn schnaubte leise. „Ja, klar“, murmelte sie und wollte die Mail schon löschen. Wieder eins von diesen Gewinnspielen, Werbung, irgendein Outdoor-Shop, der ihr etwas andrehen will. Trotzdem klickte sie drauf.
Die Nachricht sah überraschend offiziell aus: Logos von Outdoor-Firmen, eine Stiftung für Jugendprojekte, alles ordentlich formatiert. Sie überflog die ersten Zeilen und hörte auf zu essen. Da stand, dass ihr Essay und das Video über nachhaltige Mobilität und Abenteuer die Jury überzeugt hatten. Als Preis: eine achtwöchige Fahrradtour quer durch Kanada – Start in British Columbia, Ziel irgendwo in Ontario, alles bezahlt.
Lynn blinzelte. Vor zwei Monaten hatte ihre Geografielehrerin einfach einen Link zu dem Wettbewerb geschickt. „Wer Lust hat, kann mitmachen“, hatte sie gesagt. Ein kurzes Essay und ein Video über nachhaltige Mobilität und Abenteuer für Jugendliche – mehr nicht. Lynn hatte an einem Samstag ihr Handy an einen Zaun gestellt, war mit dem Fahrrad um den See gefahren und hatte ein paar Minuten darüber geredet, wie sehr sie das unterwegs sein liebt, wie viel man sieht, wenn man langsam reist. Sie hatte nie gedacht, dass das wirklich jemand anschaut.
Sie scrollte weiter. Da stand schwarz auf weiß, dass die Teilnehmer allein anreisen, die Teams erst vor Ort ausgelost werden – absichtlich mit Leuten, die sich vorher nicht kennen. „Damit das Abenteuer wirklich mit Fremden beginnt.“ Lynn lehnte sich zurück. Acht Wochen. Mit dem Fahrrad. Durch Kanada.
In dem Moment kam ihre Mutter in die Küche. „Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“ Lynn drehte den Laptop zu ihr. „Ich glaube… ich fahre im Sommer nach Kanada.“
Kapitel 1 – Der Sommer, der anders begann
Die letzten Wochen im Gymnasium fühlten sich für Lynn an, als würde jemand gleichzeitig vorspulen und auf Pause drücken – alles ging schnell, aber irgendwie auch gar nicht. Maturaprüfungen, die letzten Unterrichtsstunden, Lehrer, die plötzlich Geschichten aus alten Klassen erzählten, als hätten sie Angst, nach dem Abschluss höre ihnen niemand mehr zu. Und immer wieder derselbe Satz: „Genießt die Zeit.“ Lynn genoss vor allem den Moment, als die letzte Prüfung vorbei war.
Ein paar Tage später saß sie mit Freunden am Seeufer. Es war warm, irgendwo spielte Musik aus einer kleinen Box, und überall lagen halb leere Pizzaschachteln. „Und, Lynn?“, fragte Jana irgendwann und stützte das Kinn in die Hände, „was machst du jetzt nach dem Gymi?“ Lynn zuckte mit den Schultern. „Zuerst flieg ich nach Kanada.“ Die anderen starrten sie an. „Ferien?“, fragte jemand. „Nicht ganz.“
Sie erzählte ihnen vom Wettbewerb, dem Video, der Fahrradtour. Jana sah sie an, als hätte Lynn gerade gesagt, sie fliegt zum Mond. „Moment. Acht Wochen mit dem Fahrrad durch Kanada…“ „Genau.“ „Mit jemandem, den du nicht kennst?“ Lynn nickte. „Die Teams werden ausgelost.“ Jana fing an zu lachen. „Das ist entweder die beste Idee der Welt oder der Anfang von einem Horrorfilm.“ Lynn grinste. „Ich hoffe auf die erste Option.“
Drei Monate später stand sie mit ihrem Rucksack am Flughafen Zürich. Gymnasium vorbei, Sommerferien ganz frisch – aber für Lynn fühlte sich das eher wie der Start von etwas ganz Neuem an. Ihr Rucksack war nicht riesig, aber voll: Kleidung für viele Radtage, eine leichte Regenjacke, robuste Boots und ein kleines Notizbuch, das sie im letzten Moment eingepackt hatte. Ihre Mutter zog sie nochmal fest an sich. „Acht Wochen sind lang.“ „Geht schnell vorbei“, meinte Lynn. Ihr Vater klopfte ihr auf die Schulter. „Wenn du einen Bären siehst, fahr schneller.“ „Sehr witzig.“
Der Flug schien kein Ende zu nehmen. Erst Zürich nach Frankfurt, dann weiter nach Vancouver. Irgendwann, irgendwo über dem Atlantik, starrte Lynn einfach nur aus dem Fenster. Unter ihr nur Wolken, über ihr der Himmel. Und mittendrin der Gedanke: In ein paar Stunden ist alles anders. Ein neuer Kontinent, ein völlig fremder Mensch an ihrer Seite. Sie wusste nicht mal, ob ihr künftiger Partner nervig, sportlich, ruhig oder ein Dauerquassler war. Der Gedanke war spannend – und ehrlich gesagt auch ein bisschen beängstigend.
Als sie schließlich in Vancouver aus dem Flughafen kam, fiel ihr sofort die Luft auf. Frischer, feuchter, ein Hauch von Wald. In der Ferne ragten sogar Berge empor. Direkt vor dem Ausgang stand ein Schild: Canadian Youth Adventure – Welcome Riders. Daneben ein Mann mit Basecap und einer Liste. Er begrüßte die Ankömmlinge, sammelte Namen und brachte schließlich alle zum Shuttlebus.
Im Hostel am Stadtrand kamen die zwölf Teilnehmer langsam miteinander ins Gespräch. Sie kamen aus verschiedenen Ländern, waren ungefähr gleich alt, und alle wirkten ein bisschen angespannt, aber auch neugierig. Diese Mischung aus Vorfreude und Nervosität lag in der Luft. Am Abend erklärte der Guide, wie es weitergeht: Die Fahrräder kommen morgen früh, dann werden die Teams ausgelost. Er grinste und meinte: „Adventure begins with strangers.“
Lynn war am nächsten Morgen schon früh wach – Jetlag eben. Sie band sich die Haare zu einem neuen Pferdeschwanz, zog eine leichte Jacke an. Es war noch kühl, aber der Himmel klar. Auf dem Parkplatz standen schon die Gravelbikes bereit, breite Reifen, große Bikepacking-Taschen. Die sahen aus, als könnten sie quer durchs Land fahren – und wahrscheinlich würden sie das auch. Nach und nach trafen die anderen ein, manche mit Kaffee, andere liefen aufgeregt um die Räder herum.
Dann stellte der Guide eine kleine Box auf den Tisch. „Okay“, sagte er, „Zeit für die Auslosung.“ Einer nach dem anderen griff hinein. Lynn war ungefähr in der Mitte dran, ihr Herz schlug plötzlich schneller. Sie zog einen Zettel, klappte ihn auf – und darauf stand: Beni. Sie schaute sich um. „Ähm…“, rief sie, „Who is Beni?“
Am anderen Ende des Parkplatzes hob ein Typ den Kopf. Ungefähr ihr Alter, vielleicht ein bisschen größer. Dunkelbraune Haare, die ihm in die Stirn fielen, und ein Gesichtsausdruck, als hätte er gerade erst realisiert, dass das hier alles wirklich passiert. „Ich“, sagte er und hob kurz die Hand.
Lynn musste lachen und ging zu ihm hinüber. „Lynn.“ – „Beni.“ Sie schüttelten sich kurz die Hand. Einen Moment standen sie einfach da und wussten nicht so recht, was sie sagen sollten. Dann blickte Beni zu den Rädern, dann wieder zu ihr. „Also… wir fahren jetzt zusammen durch Kanada.“ Lynn folgte seinem Blick. Hinter dem Parkplatz begann eine Straße, die zwischen Bäumen und Hügeln verschwand. Irgendwo da draußen warteten tausende Kilometer. Sie grinste. „Sieht so aus.“
Autor: Anonym | Eingesandt via Formular
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