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Das Sechste Bett

31/07/2026 0 comments Article Jungs Julian
Windelgeschichten.org präsentiert: Das Sechste Bett

Der Bus ins Ferienlager fuhr am Sonntag, dem zweiten Ferientag, vom Parkplatz vor der Schule ab.
Ich wäre viel lieber zu Hause geblieben.
Mama fuhr mich hin. Papa und Jona waren mit Packen für die Kreuzfahrt beschäftigt. Alle drei wollten dann am Nachmittag nach Hamburg fahren und auf dem Kreuzfahrtschiff einchecken.
Ich hatte mir die zerrissenste Hose, die ich finden konnte, meine besten Skater Schuhe und einen Kapuzen-Pulli mit Band-Aufdruck angezogen. Mit Papa hatte es deswegen gleich morgens Streit gegeben.
„Zieh dich ordentlich an“. So nach dem Motto.
„Das ist ordentlich genug für eine Hütte im Wald“, hatte ich gemault. Dann kam zum Glück Mama und sagte, wir müssten los, und „Er kann so fahren, wie er will“.
Etwa dreißig Kinder standen auf dem Platz vor der Bushaltestelle. Die meisten wurden von ihren Eltern gebracht. Ich schaute mich schüchtern um, ob da jemand war, der mich kannte. Da war eine Gruppe von drei Nerds, die ich lose aus dem Computer-Unterricht kannte. Sie gingen in eine Parallelklasse, soweit ich wusste. Sonst kannte ich niemanden. Wäre auch peinlich gewesen. Andererseits, für die nicht weniger als für mich. Egal, Hauptsache, keiner sah mich und konnte nachher in der Schule erzählen, dass ich in dieses peinliche Camp gefahren war.
Nach den Ferien würde ich mir irgendeine Geschichte ausdenken müssen, wo ich in den Ferien gewesen war.
Wenige waren in meinem Alter, stellte ich erleichtert fest. Es gab eine Gruppe von kleineren Kindern, in Jonas Alter oder noch jünger. Und ein paar Ältere. Sie standen in einer Gruppe direkt am Bus, wo die Rucksäcke und Reisetaschen gerade in den Gepäckraum verladen wurden. Und dann sah ich Nick. Er stand bei den Älteren und unterhielt sich. Sie lachten. Ich kannte ihn vom Skaterplatz. Er war ein paar Jahre älter als ich. Er konnte perfekt fahren, alle bewunderten ihn.
Jetzt sah er auf. Und bemerkte, wie ich ihn ansah.
Er hob einen Arm und rief meinen Namen.
Ich grinste.
Vielleicht würden die Ferien doch nicht so schlecht werden.

Im Bus durfte ich ganz hinten bei Nick und seinen Freunden sitzen. Sie waren alle cool mit dem Ferienlager und wirkten nicht so eingeschüchtert und unsicher, wie ich mich fühlte.
Dave, der eigentlich David hieß, war der Älteste von Nicks Freunden und anscheinend auch aus dem ganzen Bus.
„Warst du schon mal in einem Camp?“, fragte ich Nick.
„Klar“. Auch Dave und zwei andere nickten.
„Ich noch nie“, sagte ich.
„Was haste denn angestellt, dass du hin musst?“, fragte Dave.
Ich schluckte und fragte „wieso?“
„Na, ausgerechnet ins Adventure Camp“.
„Weiß nich, haben meine Eltern ausgesucht. Habe ner Kreuzfahrt gebucht und wollen mich nicht dabei haben“.
Ich versuchte, ein bisschen stolz zu klingen.
„Verstehe“, sagte Dave. „Immer das Gleiche. Wenn ich mal Kinder hab, werd ich die nich so behandeln“.
Ich lachte. Dave gefiel mir. Ich schaute zu Nick, und der lachte auch.
„Wieso ‚ausgerechnet ins Adventure Camp‘?“, fragte ich.
„Naja. Ist ja nicht das Camp wo man zur Belohnung hinkommt“.
„Häh?“
„Haste nich den Prospekt gelesen?“, fragte Dave und lachte.
Ich schüttelte den Kopf. Tatsächlich hatte ich mir aus Protest nichts von dem, womit meine Mutter mir den Urlaub schmackhaft machen wollte, angesehen. Ich wollte ganz sichergehen, dass sie mitbekam, dass ich da nicht hin wollte.
„Wart mal, hab ihn noch irgendwo“, sagte Dave und kramte in seinen Taschen. Schließlich zog er einen zerknitterten Flyer hervor.
„Hier“, las er vor: „Im Adventure Camp sind alle willkommen. Das integrative“ – Dave musste das Wort zweimal lesen – „Ferienlager bietet auch Kindern und Jugendlichen mit erhöhtem Betreuungsbedarf eine verständnisvolle und sichere Umgebung“.
Ich staunte.
„Was — ist denn — integrativ“?
„Kurz vor der Klapse“, klärte mich Dave auf.
„Häh?“
„Integratives Camp“, sagte Nick, „heisst das ist für Klapsen-Kinder“.
„Häh?“, machte ich wieder.
„Oder verhaltensauffällige, so wie Dave“, sagte Nick, und Dave stieß ihm seinen Ellenbogen in die Rippen. Nick antwortete darauf, indem er versuchte, Dave in den Schwitzkasten zu nehmen, und die beiden rangelten eine Weile hin- und her, bis sie sich beide erschöpft in die Sitze fallen ließen.
Die beiden strahlen so viel Energie aus.
Nick keuchte und auch Dave hatte einen leichten Schweißfilm auf der Stirn.
„Und.. was habt ihr angestellt?“, fragte ich.
„Nichts“, sagte Dave. „Wir haben da Bock drauf. Wir sind schon zum dritten Mal hier und ist ner coole Zeit. Wo man nicht zu Hause ist“.
Bei den Worten „zu Hause“ verschwand kurz das Grinsen aus seinem Gesicht.
„Nee, mach dir mal keinen Kopf“, sagte Nick und berührte mich kurz an der Schulter. „Ist ganz okay. Auch wenn ein paar Psychos dabei sind“.
War ich verhaltensauffällig?
Oder ein Psycho?
Hatten Mama und Papa mich mit Absicht in ein Camp für irgendwelche schwierigen Kinder geschickt?
Um ganz sicherzugehen, dass ich in meinen Ferien keinen Spaß hatte?
Und dann erinnerte ich mich an den Abend, als ich mir ein Glas Wasser aus der Küche holen wollte, aber nicht hereingegangen war, weil Mama und Papa noch am Küchentresen saßen. Ich war stehen geblieben und hatte gelauscht.
„Es war nicht einfach, etwas für ihn zu finden“, hatte Papa gesagt.
Es war, bevor sie mir gesagt hatten, dass ich nicht mit auf die Kreuzfahrt durfte, daher hatte ich es wieder vergessen. Aber als ich in die Küche ging, um mein Wasser zu holen, hatte ich gesehen, dass Mama einen blauen Flyer in der Hand hielt. Den Gleichen, den Dave jetzt hatte.
„Naja, wirst es schon überleben. Wir sind ja auch noch da“, sagte Dave.
Ich grinste.

Eine Stunde später führ der Bus von der Autobahn ab. Es folgten Landstraßen, die immer kleiner wurden. Dann waren wir auf einer einspurigen Straße, die sich durch dichten Kiefernwald schlängelte. Die anderen hörten Musik, und weiter vorne im Bus waren viele eingeschlafen. Und schließlich hielt der Bus vor einem einfachen Holztor. Es wurde geöffnet, wir fuhren hindurch. Einer der beiden Betreuer sagte laut „Willkommen im Adventure Camp“ durch die PA des Busses, damit auch alle aufwachten.
Auf dem Parkplatz hinter dem Tor sammelten wir uns und das Gepäck wurde ausgeladen. Nachdem jeder seinen Rucksack oder seine Tasche bekommen hatte, wanderten wir alle zusammen in das eigentliche Camp. Es bestand aus Holzhütten, die im Kreis standen. Ich sah mich um. Wir waren wirklich mitten im Wald. Nichts als Tannen ringsherum. In der Mitte des Platzes war eine Feuerstelle, darum lagen Baumstämme als Sitzplätze. Weiter hinten sah ich einen Spielplatz.
Der Betreuer stellte sich in die Mitte und sagte, wir sollen warten, bis wir auf unsere Gruppen eingeteilt werden. Nick, Dave und die anderen setzten sich auf ihre Rucksäcke. Die Sonne schien heiß auf uns nieder. Dave hatte eine Sonnenbrille und sah damit ziemlich cool aus.
Nach etwa zehn Minuten stellten sich fünf Erwachsene in unserer Mitte auf.
„Hallo, Neue aus Berlin!“, rief der in der Mitte. „Wir freuen uns, dass ihr alle da seid!“
Einige Kinder lachten.
„Darf ich vorstellen“, sagte er und zeigte nacheinander auf die anderen fünf, „das sind Ron, Maria, mein Name ist Leon, und hier sind Sabine, Rosa und Daniel. Wir sind für die nächsten Wochen eure Betreuer. Ihr könnt also mit allen Fragen zu uns kommen“.
„Ron ist okay“, sagte Nick. „Ich hatte ihn letztes Jahr“. Er winkte, und Ron winkte zurück.
„Wir habe euch in fünf Gruppen eingeteilt, die jeweils in einem Haus wohnen“, verkündete Leon. „Jeder Gruppe ist ein Betreuer zugeordnet. Er oder sie ist euer Erziehungsberechtigter, so lange ihr hier seid. Macht also lieber, was sie sagen“.
Die meisten lachten.
Dann stellte sich jeder Betreuer vor und verlas eine Liste mit den Namen der Kinder, die in seine Gruppe eingeteilt waren. Ron war als Erster dran, und auf seiner Liste standen Nick, Dave und alle anderen aus unserer Gruppe. Außer mir. Sie nahmen ihre Sachen und reihten sich vor Ron auf.
Nur ich blieb alleine sitzen.
Auch als Leon, Sabine, Maria und schließlich Rosa die Namen der Kinder in ihren Gruppen aufriefen, war meiner nicht dabei. Aber jetzt merkte ich, dass die Gruppen nach Alter gestaffelt waren. Dave und Nick waren in der Gruppe für die ältesten Jungen. Bei Maria waren die größten Mädchen. Und bei Leon und Rosa waren die Jungen und Mädchen in meinem Alter.
Nachdem alle Namen aufgerufen worden waren, waren nur noch die Kleinen übrig. Und ich.
Zu der Gruppe von Sabine gehörten etwa zehn Mädchen.
Dann, als letzter, war Daniel mit seiner Liste an der Reihe.
„Bei mir sind dieses Mal:
– Levi Schneider
– Milo Weber
– Noah Kaiser
– Jasper Hoffmann und
– Elias Keller“.
Ich stand auf. Und mit mir vier kleine Jungs.
„Levi?“, fragte Dani.
Ein blonder Junge hob die Hand. Ich schätzte ihn auf sieben oder acht.
„Milo?“
Der kleine Junge, der schüchtern seine Hand hob, war vielleicht sechs.
„Noah?“
Ich hob meine Hand.
Daniel schaute noch einmal auf seine Liste, dann lächelte er mich an.
„Jasper?“
Jasper war ein Junge in Levi’s Alter. Er stellte sich gleich zu ihm.
„Elias?“, fragte Daniel den letzten verbliebenen Jungen.
Er war in Milos Alter., vielleicht noch kleiner.
Ich war in einer Gruppe mit den Grundschulkindern.
„Na, dann kommt mal mit“, munterte Daniel uns auf. „Ich zeige euch euer neues Zuhause“.

Unser Betreuer führte und zu der kleinsten Hütte. Wir waren auch die kleinste Gruppe. Die anderen waren jeweils etwa zehn Kinder oder Jugendliche, wir nur fünf.
In unserer Hütte standen sechs Betten, an jeder Seite drei. Unter dem Fenster war ein kleiner Tisch mit zwei kleinen Stühlen und am Eingang war ein großer Schrank. Davor eine offene Tür, die zum Waschraum führte.
„Sucht euch ein Bett aus!“, forderte Daniel uns auf.
Die Kleineren ließen mir den Vortritt, also suchte ich mir ein Bett ganz hinten.
„Ihr könnt eure Rücksäcke und Taschen auspacken und eure Sachen hier in den Schrank einräumen“, erklärte Daniel. Er ging zu jedem von uns und half uns dabei, unsere Rucksäcke auszupacken. Für jeden war ein Fach im Schrank vorgesehen. Daniel klebte Kreppband an die Fächer und schrieb den Namen des jeweiligen Kindes darauf. Auch ich legte meinen Rucksack auf das Bett und packte meine Sachen aus. Zum Glück hatte meine Mama darauf verzichtet, mir die peinlichen Drynites einzupacken.
Ich schaute schnell zu Levi, der seine Tasche auf dem Bett neben mir auspackte. Auch er hatte nichts Derartiges dabei, zumindest sah ich nichts.
Ob von den Kindern in dieser Gruppe noch eines ins Bett machte?
Dann wäre ich wenigstens nicht der Einzige, falls mir das passierte.
Daniel kam zu mir und half, meinen mittlerweile leeren Rucksack auf den Schrank zu heben.
„Du bist der Älteste hier“, stellte er fest.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Kann sein“.
„Bist zehn, oder?“
„Fast elf!“
Er grinste.
„Du hättest auch in die Gruppe von Leon gepasst, vom Alter her. Aber jetzt bist du ja hier. Es wird dir bestimmt gefallen, auch wenn die anderen etwas jünger sind“.
Etwas jünger? Ich war mit Grundschulkindern in einer Gruppe!
„Okay“, sagte ich lahm.
„Du bist das erste Mal bei uns, im Adventure Camp, stimmt’s?“
Ich sah ihn an. Wie alt war er eigentlich? Auf jeden Fall erwachsen, aber nicht so alt. Vielleicht zwanzig?
„Ja“.
„Warst du denn überhaupt schon in einem Ferienlager?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Verstehe“, sagte er.
Nachdem alle ihre Sachen eingeräumt hatten, trotteten wir wieder auf den Hauptplatz. Dort erklärte uns Leon, der offenbar der Chef hier war, einiges an Regeln. Er erzählte uns von den verschiedenen Aktivitäten, die zur Auswahl standen. Für die meisten Sachen hingen Listen aus, in die wir uns eintragen konnten, wenn wir mitmachen wollten. Es gab Wandern, Feuer machen, Kochen, ein Baumhaus bauen, aber auch Malen und Reiten, und dann: eine Skaterrampe bauen, eine Halfpipe aus Holz. Dafür trug ich mich sofort ein.
Als ich die Namen von Dave und Nick auf dieser Liste sah, ging es mir wieder etwas besser.
Nur warum hatten sie mich zu den kleinen Kindern gesteckt? War Rons Gruppe einfach schon voll? Und ich war der Jüngste und musste in eine andere Gruppe? Aber dann hätte ich doch zu Leon gehen können! Das war doch einfach blöd, mit Nick und Dave hätte ich abends gut abhängen können, aber mit den Kleinen wusste ich nichts anzufangen.
Nachdem alles besprochen war, wurde uns Neuankömmlingen gezeigt, was das Camp sonst noch zu bieten hatte. Ich war wieder bei Nick und Dave, als wir uns alles ansahen. Und es gab einiges zu sehen. Ein großes Trampolin und einen Hochseilgarten, also lauter Hängebrücken oben in den Bäumen, über die man klettern konnte. Aber nicht so ein kleines Spielplatz-Teil, sondern richtig groß und vor allem echt hoch. Nick und ich kletterten auf die höchste Plattform, das war richtig anstrengend, und als wir oben waren, auch ein bisschen scary. Nick kletterte die enge Strickleiter entlang, die zur nächsten Plattform führte, und ich brauchte echt ein bisschen um mich zu beruhigen. Ich hatte richtig Herzklopfen und musste einige Male tief durchatmen, bis ich mich auf die Leiter traute, die dann total krass hin- und herschwang, als ich total verkrampft darüber kletterte. Als ich auf der anderen Seite angekommen war, ohne in die Tiefe zu stürzen, war mein T-Shirt total nassgeschwitzt.
Nachdem wir alles gesehen und das meiste auch ausprobiert hatten, gab es das gemeinsame Abendessen. Es fand im großen Raum statt, der war in dem Haus vor dem Parkplatz. Alle Kinder, Jugendlichen und Betreuer saßen an langen Tischen, und ein paar Jugendliche, die in der Koch-AG waren, servierten das Essen. Es gab Nudeln mit Tomatensoße und es war genug und lecker. Ich setzte mich zu Nick und Dave an den Tisch, aber ich hatte mir gerade aufgefüllt, als Daniel zu mir kam und sagte, ich solle doch bitte mit meiner Gruppe essen. Also nahm ich gespielt gleichgültig meinen Teller und trug ihn zu den Kleinen. Dort ging es zu wie im Kindergarten. Alle waren ausgelassen und alberten herum. Daniel musste die Kinder immer wieder zur Ordnung rufen und insbesondere dafür sorgen, dass niemand Unfug mit dem Essen trieb. Als Jasper und Elias so lachen mussten, dass Jasper sich beinahe verschluckte, wurde David laut und drohte, uns ohne Essen ins Bett zu schicken, wenn wir uns nicht beruhigten. Zuletzt warf Elias auch noch aus Versehen seinen Becher um und verschüttete seinen Saft über den Tisch und seine Hose, woraufhin er fast anfing zu heulen.
„Gut, dass du Sachen zum Wechseln mit hast“, tröstete ihn Daniel. Dann dreht er sich zu mir um und fragte: „Kannst du ein paar Minuten auf die Bande aufpassen, während ich Elias mit seiner Hose helfe?“
„Na klar“, sagte ich.
Kaum war er weg, fingen alle wieder damit an, herumzualbern. Alle waren angespannt gewesen und hatten auch etwas Angst vor dem Camp, und jetzt merkten alle, dass es nicht so schlimm war. Während ich aufpasste, dass es keine weiteren Unfälle mehr gab, musste ich schließlich selbst lachen und dann alberte ich genauso herum wie die anderen.
„Noah!“, schimpfte Daniel. „Du solltest doch aufpassen!“
Er war mit Elias zurück.
„Mach ich doch!“
„Noah“, seufzte Daniel, „ich hatte wirklich gedacht, du bist ein bisschen erwachsener. Aber du bist ja genauso albern wie Levi und die anderen!“
„Gar nicht!“, sagte ich, und zog mir eine Nudel aus dem Haar.
„Auf niemanden kann man sich verlassen“, sagte Daniel. „Noch nicht mal auf einen großen Jungen wie Noah“.
„Noah ist gar nicht so groß“, rief Levi. Außerdem hat er noch eine Nudel im Haar!“
Daniel fischte sie mir aus den Haaren.

Nach dem Essen wurden die Tische an die Wände gezogen und so war die Mitte des Raumes frei. Wir setzten und in einem großen Kreis in die Mitte und hielten ein Plenum ab. Es wurde alles mögliche besprochen, was sich an diesem Tag ereignet hatte, aber ich verlor ein wenig den Faden und wurde müde.
„Noah?“
Ich blickte mich um und sah Daniel, der eine Hand auf meine Schulter gelegt hatte.
„Bevor du hier einschläfst, bringe ich dich ins Bett“.
Ich war wirklich müde und wohl wirklich schon kurz eingeschlafen. Ich schaute mich in der Runde um. Auf der anderen Seite saßen Nick und die anderen und beteiligten sich rege an irgendeiner Diskussion, die ich nicht mehr mitbekommen hatte.
„Aber, ich bin noch nicht müde“, versuchte ich es zaghaft.
„Ja, das sehe ich“. Daniel hielt mir seine Hand hin. Hinter ihm standen Levi und Jasper. Beide sahen so müde aus, als würden sie bereits im Stehen einschlafen.
„Okay“. Ich nahm Davids Hand und zog mich hoch.
„Wo sind denn — die anderen?“
„Die habe ich eben schon ins Bett gebracht. Hast du gar nicht mehr mitbekommen, was?“.
Er strich mir durch die Haare.
Levi, Jasper und ich trotteten hinter Daniel zu unserer Hütte. Er öffnete die Tür und schob uns herein. Milo und Elias lagen echt schon in ihren Betten und schliefen. Elias hatte ein Stofftier im Arm.
„Zieht euch schon mal um“, flüsterte Daniel. „Ich helfe euch dann gleich mit dem Rest“.
Wir begannen, uns auszuziehen, und warfen unsere Sachen in die Regale.
„Komm, Noah, ich fang mit dir an“, sagte Daniel. „Nimm deinen Schlafanzug und komm mit ins Bad. Und ihr beiden“, sagte er zu Levi und Jasper, „zieht schon mal eure Schlafanzüge an und kommt dann Zähne putzen, okay?“
Ich suchte meinen Pyjama, und als ich ihn gefunden hatte, schob Dani mich in den Waschraum. Der war wie der Rest der Hütte mit Holz eingerichtet. Es gab eine einzelne Dusche, zwei Waschbecken und ein WC, das allerdings ohne Trennwände oder Kabine im Raum stand. Neben dem WC stand ein Tisch mit einer Matratze darauf.
„Zieh dich ruhig ganz aus“, sagte Daniel. „Das muss dir nicht peinlich sein“.
Ich legte meinen Schlafanzug auf den Tisch und zog meinen Pulli und die Jeans aus. Jetzt hatte ich nur noch meine Unterhose und mein T-Shirt an.
Das musste doch reichen, oder? Ich würde doch unter dem Pyjama meine Unterwäsche anbehalten dürfen, oder? Ich streckte meine Hand nach meinem Schlafanzug aus, aber dann sah ich, wie erstaunt er mich anschaute.
Und dann bekam ich Angst. Was, wenn ich eine Drynites anziehen sollte?
Wusste er etwa, dass ich manchmal ins Bett machte?
Ich stellte mir vor, wie selbst die Kleinen lachen würden, wenn sie mitbekamen, dass ich eine Goodnites tragen musste.
Und dann fragte mich Daniel: „Hast du gar keine Windel an?“
Ich stand mit offenem Mund da und meine Wangen wurden heiß.
Wieso Windel?
Sicher meinte er Drynites.
Er muss doch wissen, wie wenig Kinder es mögen, wenn man ihre Drynites Windeln nennt.
Aber warum sollte ich die denn schon vor dem Schlafen gehen anhaben?
„Und du hast den ganzen Tag nicht in die Hose gemacht?“
Ich schaffte es, den Kopf zu schütteln.
Wieso dachte er denn, dass ich in die Hose machen würde?
Jetzt schüttelte Daniel seinen Kopf.
„Na, du bist ja einer“, sagte er.
„Möchtest du denn noch auf die Toilette, bevor ich dir die Windel anziehe?“
Die — Windel — anziehen?
Es sah mich an, und ich schüttelte den Kopf.
„Na, dann leg dich mal auf den Wickeltisch“.
Mein Herz klopfte, wie wenn man auf der Skateboardrampe steht und Angst hat, herunterzufahren.
Und dann gehorchte ich einfach. Ich kletterte auf den Tisch. Der also ein Wickeltisch war. Ich legte mich auf die kalte Plastik-Auflage. Ich schaute auf die Zimmerdecke, während Daniel meine Unterhose an den Seiten anfasste und sie mir ganz herunterzog.
„Du musst keine Angst haben. Hier haben doch alle Windeln an“, sagte er.
Ich sah ihn an. „Wirklich?“
Er lächelte. Dann wuschelte er mir das Haar. „Na, du bist mir ja lustig. Wusstest du dass denn nicht? Alle Kinder in deiner Gruppe haben Windeln an. Deswegen bist du ja in dieser Gruppe, weil du auch noch Windeln brauchst, genau wie Levi, Caspar und die anderen“.
Ich war sprachlos.
Daniel öffnete eine Schublade unter dem Tisch.
Weil ich — Windeln brauchte? Wieso? Und dann fiel mir wieder ein, was auf dem Zettel gestanden hatte, den meine Mutter ausgefüllt hatte. Dass die Eltern anmelden sollte, wenn das Kind noch ins Bett macht.
Das hatte sie einfach angekreuzt.
„Wollen wir mal sehen, das wir das richtige Modell für dich finden. Du bist ja.größer als die anderen“, sagte Daniel.
Natürlich, ich war fast elf und nicht sechs.
Natürlich passten mir keine Windeln mehr.
„Zum Glück haben wir hier auch für ältere Kinder die richtige Größe. Welche hast du denn zu Hause an?“
Meine er etwa, welche Windeln ich zu Hause anbekäme?
„Keine! Ich hab doch keine Windeln mehr an!“ Ich wollte das laut und bestimmt sagen, aber es kam leise und piepsig heraus.
Daniel stand auf. „Na. Du flunkerst gern ein bisschen, wenn es um deine Windeln geht, was?“
Er stupste meine Nase an.
„Brauchst nicht zu flunkern, ich weiß doch, dass du noch Windeln anbekommst“.
„Drynites“.
„Echt? So etwas haben wir hier nicht. Aber ich glaube, ich habe etwas gefunden“.
Er faltete das Paket auseinander, das er in der Hand hielt. Es war eine weiße Windel, eine richtige Windel wie bei einem Baby, nur viel größer als Drynites oder Pampers.
Er griff nach meinen Fußgelenken, drückte meine Beine und meinen Po hoch und ließ mich wenig später wieder herunter. Mein Po lag jetzt nicht mehr auf der kalten Auflage, sondern auf etwas Weichem.
In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und Levi und Jasper kamen herein. Ich zuckte zusammen und wollte vom Tisch herunterspringen, aber Daniel legte seine Hände auf mich und hielt mich fest.
„Noah wird ja auch gewickelt“, stellte Levi fest.
„Ja, Noah wird genauso gewickelt wie Du und Jasper“, antwortete Daniel. Er hielt mich weiter fest. „Was habe ihr beiden so lange gemacht?“
„Nichts“, sagte Jasper.
„Putzt euch die Zähne, ich mache euch eine neue Windel, wenn ich mit Noah fertig bin“.
Jetzt ließ er mich langsam los.
„Ich creme dich ein bisschen ein, okay?“
Ich antwortete nicht, und dann fühlte ich, wie seine Hand mich berührte und etwas Kaltes auf meine Haut schmierte.
„Ist gleich fertig. Macht die Mama keine Creme dran?“
„Nnein“.
Jetzt drückte er die Windel an meinen Bauch und befestigte die Klebestreifen so, dass alles eng verschnürt war.
„Fertig! Jetzt bist du gut eingepackt!“
Ich setzte mich auf.
„Kannst du den Schlafanzug alleine anziehen, oder soll ich dir helfen?“
„Alleine“, brachte ich heraus. Ich kletterte vom Tisch. Dann stand ich da. Ich griff nach meiner Schlafanzughose, stieg herein und zog sie hoch. Ich bekam sie kaum über die Windel herübergezogen. Als ich es geschafft hatte, sah man jedes Detail der Windel unter dem Stoff, und der weiße Bund guckte einige Zentimeter unter der Hose hervor. Mechanisch nahm ich das Oberteil und zog es an.
Mittlerweile waren Levi und Jasper mit dem Zähneputzen fertig und Casper stand vor dem Tisch. Er hatte wie Levi bereits seinen Schlafanzug an, und jetzt konnte man sehen, dass er darunter auch eine Windel anhatte. Genau wie Levi.
Hatten sie die vorher schon angehabt?
„Leg dich schlafen, Noah. Und du“, sagte Daniel zu Casper, „ab auf den Tisch!“.
Ich öffnete die Tür, schlüpfte hindurch und ging zu meinem Bett. Ganz anders als die Drynites zu Hause spürte ich die Windel bei jedem Schritt, und darunter war meine Haut ganz klebrig. Ich legte mich in mein Bett, zog mir die Bettdecke über den Kopf und hoffte, das niemand je hiervon erfahren würde.

Autor: Julian | Eingesandt via Formular

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