Kapitel 7: Der alte Mann
Mein Herz raste. Ich hatte immer noch die Augen fest verschlossen. Meine Hände umklammerten das Lenkrad. Es hatte keinen Knall gegeben? Ich öffnete vorsichtig die Augen. Ich stand auf der Abbiegerspur und hatte kurz bevor ich auf die abgehende Straße gefahren war das Auto zum Stehen gebracht. Was genau war gerade eigentlich passiert? Ich wollte rechts abbiegen und dann dieses laute Getöse und…und diese schwarze Protzkarre, die anscheinend über die rote Ampel gebrettert war und vor mir auf die Straße gezogen war. Stimmt…das war es. Ich hatte kurzschlussartig einfach mit meinen Füßen die Bremse getreten und anscheinend das Auto rechtzeitig zum Stehen bekommen.
„Schaffst du es von der Kreuzung runter?“ fragte meine Mutter vorsichtig neben mir. Ich merkte, dass meine Hände immer noch das Lenkrad umklammerten. Ich nickte zaghaft und wollte weiterfahren, stellte jedoch fest, dass der Motor ausgeschaltet war. Die letzten paar Sekunden waren so schnell vergangen…ich hatte irgendwie nur die Hälfte wirklich mitbekommen. Ich drehte den Zündschlüssel um und fuhr schnellstmöglich von der Kreuzung. Glücklicherweise war die Kreuzung außer uns tatsächlich leer was mir alles etwas einfacher machte. An der nächsten Bushaltestelle hielt ich an und schaltete die Motor aus. Ich atmete tief durch. Meine Mutter schaltete den Warnblinker an, vermutlich um einen Bus zu warnen. Ewig wollte ich eigentlich nicht hier stehen. Ich musste gerade nur die Situation verarbeiten. Ich merkte, dass meine Hände zitterten.
„Alles gut?“ fragte meine Mutter einen Moment später. Ich schaute langsam zu ihr.
„Hmmm…das war knapp.“ meinte ich nachdenklich.
„War es. Du hast gut reagiert. Ich glaube es ist trotzdem sinnvoller, wenn ich weiter fahre. Am besten fahren wir nach Hause zurück.“ gab meine Mutter besorgt zurück. Ich konnte verstehen wie sie darauf kam.
„Gib mir einen Moment um mich von dem Schock zu erholen, dann fahre ich weiter.“ sagte ich selbstsicher. Ich hatte es immerhin geschafft diesen Unfall zu vermeiden, für den ich nicht mal etwas konnte. Das musste ja irgendwas wert sein und wenn es nur das Ende der Fahrt war und vielleicht wirklich der finale Beweis, dass man mir das Auto anvertrauen konnte.
„Sicher?“ bohrte meine Mutter nach. Es war klar, dass sie mich eigentlich nicht weiterfahren lassen wollte.
„Es ist nicht mehr weit. Es sind nur fünf Minuten. Das schaffe ich. Wirklich. Den Rückweg überlasse ich dir, wenn es dir lieber ist.“ schlug ich vor.
„Gut.“ stimmte meine Mutter zu. Ich atmete nochmals durch und startete den Motor erneut. Tatsächlich machte sich ein mulmiges Gefühl in meinem Magen breit, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und konzentrierte mich wieder so gut es ging auf die Straße und versuchte das Erlebnis von gerade möglichst wenig Einfluss nehmen zu lassen, auch wenn das alles andere als einfach war.
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Ich hatte endlich die erlösende Einfahrt zum Parkplatz erreicht und fuhr auf eben diesen. Ein paar vereinzelte Autos standen dort. Ich nahm die erstbeste Parkbucht und stellte das Auto dort ab. Das Drehen des Zündschlüssels ließ eine gewaltige Last von mir abfallen. Es wäre definitiv sinnvoller gewesen meine Mutter nach der Beinahekollision weiterfahren zu lassen. Um es mit Kathis Worten zu beschreiben war das Fortsetzen der Fahrt durch mich nichts anderes als falscher Stolz und Trotz. Ich wollte meiner Mutter einfach etwas beweisen koste es was es wolle. Jetzt am Ende der Reise und der Wegfall der Anspannung wurde mir das klar. Ich schaute zu meiner Mutter, die gerade gar nicht auf mich zu achten schien.
„Alles in Ordnung?“ fragte ein wenig ratlos.
Meine Mutter sagte nichts sondern verließ das Fahrzeug und betrachtete das Fahrzeug neben dem ich geparkt hatte. Der Sinn war mir nicht ganz klar. Ich ließ das Beifahrerfenster nach unten.
„Mama was ist denn los?“ fragte ich nochmal. Jetzt reagierte sie.
„Das muss das Fahrzeug sein, dass gerade an der Kreuzung fast in uns rein gefahren ist.“ erklärte sie. Ich schaute nochmal. Die Farbe und das Aussehen passte zumindest soweit ich das beurteilen konnte.
„Wie kommst du drauf?“ fragte ich. Ich hätte das Fahrzeug nicht von irgendeinem anderen schwarzen Fahrzeug unterscheiden können.
„Ich habe auf das Kennzeichen geachtet.“ antwortete meine Mutter. Das erklärte natürlich warum meine Mutter sich sicher war.
„Und jetzt?“ fragte ich.
„Warten wir und ich knöpfe mir denjenigen vor, der meint meine Tochter wie ein Berserker umfahren zu wollen.“ erklärte meine Mutter mit einem Unterton, der mich schlucken ließ.
Ich schaute immer wieder auf meine Mutter, die immer noch gegen das Auto gelehnt auf den Fahrer des Fahrzeugs wartet. Ich fand es persönlich ziemlich schwachsinnig deswegen so ein Fass auf zu machen, ja die Aktion war alles andere als ungefährlich, aber ich hätte mich irgendwie besser gefühlt, wenn wir einfach nach der Ankunft wieder umgedreht hätten und nach Hause gefahren wäre. Jetzt durfte ich hier die Zeit totschlagen ohne zu wissen wie lange es dauern würde. Ich versuchte die Zeit so gut zu überbrücken wie es mir möglich war. Ich hatte schon die Augen zu gemacht und war sogar ein paar Minuten weg gewesen, nur um im nächsten Moment wieder hell wach zu sein. Ich öffnete die Türe der Beifahrerseite, auf die ich mich schon kurz nach der Ankunft gesetzt hatte.
„Willst du jetzt wirklich noch warten bis der Fahrer hier auftaucht? Der könnte sonst wo sein. Hier sind auch ein paar Wohnhäuser. Vielleicht wohnt der hier, dann warten wir hier umsonst.“ versuchte ich meine Mutter erneut zu überzeugen, dass es sinnvoller war einfach nach Hause zu fahren. Meine Mutter schaute kurz zu mir, dann auf ihre Uhr, dann wieder zu mir.
„Vielleicht hast du recht. Gib mir noch eine Viertelstunde, dann geb ichs auf.“ gab sich meine Mutter geschlagen. Endlich. Ich schloss wieder die Türe und lehnte mich nochmals zurück. Von dem Schock hatte ich mich inzwischen eigentlich erholt. Was mich jetzt viel mehr störte war die Tatsache, dass wir auf dem Parkplatz der Kanzlei rumstanden oder besser gesagt lauerten wo ich in wenigen Tagen mein Vorstellungsgespräch haben sollte. Wenn ich Pech hatte, war der Typ in dem Fahrzeug am Ende noch Herr Braun. Ich stellte mir mit geschlossenen Augen vor wie meine Mutter ihn ankeifen würde und meine Chancen auf die Ausbildungsstelle damit gestorben wären. Ich hoffte einfach, dass genau das nicht der Fall wäre. Ich öffnete wieder meine Augen und blickte nicht zu meiner Mutter sondern zum Eingang ins Gebäude. Eigentlich hatte ich gehofft, dass dort niemand auftauchen würde, aber tatsächlich tauchte in dem Augenblick, in dem ich hinsah ein älterer Mann auf. Als er sich dann auch noch in unsere Richtung bewegte, verfluchte ich mich selbst, weil mir meine Befürchtungen, die ich wenige Momente vorher hatte sich jetzt bewahrheiten konnten. Ich wollte keinen Konflikt mit dem Mann, anders als meine Mutter. Ich wollte mir den ganzen Spaß aber zumindest anhören. Ich öffnete das Fenster und schloss wieder meine Augen. Sich jetzt schlafend stellen war bestimmt nicht die schlechteste Idee. Es dauerte nicht lange bis ich meine Mutter hörte.
„Ist das ihr Fahrzeug?“ fragte sie den Mann. Leider war ihr Gesprächspartner noch nicht nah genug um ihn zu verstehen, was mich ärgerte, da ich so nicht das gesamte Gespräch mitbekam.
„Nein wir haben keinen Kratzer in das Fahrzeug gefahren.“ erklärte sie mit einem gereizten Unterton. Klar wäre auch meine erste Intention mich zu erkundigen ob jemand, der mich auf einem Parkplatz anspricht in mein Fahrzeug gefahren wäre. Ich konnte mir zumindest aus den Antworten das Gespräch halbwegs herleiten.
„Wir sind ihnen wohl nicht aufgefallen oder?“ fragte meine Mutter. „Wirklich nicht? Soll ich ihrer Erinnerung auf die Sprünge helfen?“ fragte sie weiter. Wahrscheinlich hatte ihr Gegenüber überhaupt keinen Plan was meine Mutter wollte.
„Jansen. Sie sind vorhin an einer Kreuzung fast in unser Auto gefahren. Meine Tochter konnte gerade noch rechtzeitig reagieren.“ erklärte sie ihm.
„Im Auto.“ entgegnete meine Mutter, dann hörte ich Schritte, die sich nährten und dann wieder ein wenig entfernten. Ich hoffte meine Mutter hatte nicht auf das Fenster geachtet.
„Sie schläft erholt sich von dem Schock.“ erklärte meine Mutter.
„Wie wäre es zumindest mit einer Entschuldigung und ihrem Namen.“ kam von meiner Mutter. Wirklich einsichtig wirkte ihr Gesprächspartner nicht. Dann hörte ich wie die Türe des benachbarten Fahrzeugs geöffnet und wieder geschlossen wurde, der Motor wurde jedoch nicht gestartet.
„Hören Sie Frau Jansen. Das war keine Absicht. Ich war wegen meinem Termin hier in Eile. Bitte richten sie ihrer Tochter meine Entschuldigung aus. Nehmen sie das hier und geben sie es ihrer Tochter.“ hörte ich den Mann erstmals sagen. Die Stimme klang irgendwie seltsam vertraut, aber ich konnte nicht sagen warum.
„Was soll ich damit?“ fragte meine Mutter unsicher. Warum wusste ich nicht.
„Sie soll sich ein Stück aussuchen, dass ich ihr als Ausgleich zukommen lassen kann. Wenn sonst nichts mehr ist würde ich gerne hier weg. Ich muss noch zu einem weiteren Termin.“ versuchte der Mann sie anscheinend los zu werden. Meine Mutter sagte nichts, ich hörte einen Moment später wie das benachbarte Fahrzeug gestartet wurde und sich vom Parkplatz weg bewegte. Meine Mutter stieg noch nicht sofort ein. Ich öffnete vorsichtig ein Auge und konnte sehen, wie sie ein Foto von etwas in ihrer Hand machte, dann schaute sie argwöhnisch in meine Richtung und machte noch ein Foto von der Rückseite des Gegenstands. Warum machte sie denn die Fotos? Das nächste was ich sehen konnte, verwirrte mich noch mehr. Meine Mutter nahm den Gegenstand und zerriss ihm. Ich sah kleine Schnipsel auf den Boden fallen. Irgendwie fand ich das Verhalten mehr als seltsam. Nachdem sich die Schnipsel vermutlich in alle Himmelsrichtungen verteilt hatten, bewegte sich meine Mutter zum Auto und stieg ein.
„Hmmm…was ist los? Sind wir schon zu Hause?“ fragte ich möglichst verschlafen und schaute meine Mutter gähnend an.
„Nein. Wir sind noch gar nicht los gefahren. Ich habe gerade noch mit dem Fahrer des Fahrzeugs gesprochen.“ erklärte sie. Das hatte ich mitbekommen, aber anscheinend war da wohl noch mehr hinter als sie mir sagen wollte.
„Und hast du ihn angekeift? Hat er sich entschuldigt?“ fragte ich neugierig und tat so als ob ich das Gespräch nicht mitbekommen hätte.
„Er hat sich entschuldigt. Ich soll dir seine Entschuldigung ausrichten. Ich wollte dich nach dem Schock schlafen lassen.“ gab sie mir zumindest einen Teil des Gesprächs wieder.
„Mehr ist nicht passiert? Keine Rechtfertigung oder ähnliches?“ bohrte ich nach.
„Ein wichtiger Termin, mehr hat er nicht gesagt. Sollen wir jetzt nach Hause? Soll ich fahren?“ entgegnete meine Mutter. Ich merkte schon, dass sie anscheinend keine weitere Zeit mit dem Fahrer verschwenden wollte. Irgendetwas stimmte hier trotzdem nicht. Ich konnte mir nur absolut keinen Reim darauf machen. Auch wenn alles mehr als seltsam war, entschied ich mich trotzdem wieder die Augen zu schließen und ein wenig zu schlafen.
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Ich saß in meinem Zimmer über meinen Matheaufgaben. Der Ausflug zu meinem Bewerbungsgespräch hatte wegen des Beinaheunfalls lange gedauert. Einen wirklichen Kopf bekam ich nach der Aktion meiner Mutter nicht mehr an die Aufgaben. Vielmehr dachte ich darüber nach was sie da zerrissen hatte. War es etwas was ich nicht sehen sollte? Warum hatte sie dann ein Foto davon gemacht? Was war es überhaupt gewesen? Wirklich groß war der Gegenstand nicht. Möglicherweise eine Visitenkarte? Die Größe würde passen. Mein Vater hatte auch welche, nichts besonderes, aber manchmal brauchte er die zu Außenterminen. Meine Mutter hatte komischerweise keine, was entweder damit zu tun hatte, dass sie entweder keine Außendiensttermine hatte oder war mein Vater einfach ein höheres Tier in der Firma. Fragen über Fragen und keine Antwort zu der alles entscheidenden Frage.
„Du schaust ganz schön verzweifelt aus.“ hörte ich Kathi neben mir. Ich drehte mich erschrocken zu ihr um.
„Hab dich gar nicht klopfen gehört.“ meinte ich.
„Hast die Türe offen gelassen. Stimmt irgendwas nicht? Du schaust schon wieder so…“ sie brach ab. Ich brauchte einen Moment um zu verstehen worauf sie hinaus wollte.
„Ach…war heute alles ein bisschen viel. Fast einen Unfall gehabt.“ berichtete ich kurz.
„Scheiße…wird Mama bestimmt gefreut haben, dass du das Auto fast zu Schrott gefahren hast. Wird wohl nichts mit selber fahren oder?“ bohrte Kathi nach.
„Ich habe den Unfall verhindert. Der Andere wäre fast in uns rein gerast.“ verteidigte ich mich.
„Oh…ähm…Glückwunsch? Sagt man das in so ner Situation?“ fragte Kathi vorsichtig. Ich musste schmunzeln.
„Keine Ahnung. Ich glaube ich stehe einfach noch ein bisschen neben mir wegen der Aufregung. Deshalb geb ich es jetzt auch mit den Hausaufgaben dran.“ antwortete ich unschlüssig ob Kathis Glückwünsche passend waren oder nicht. Meinen Stift, den ich noch in der Hand hielt, legte ich demonstrativ auf den Schreibtisch.
„Ich hab auch nicht alles für morgen…so wichtig sollte das jetzt aber auch nicht mehr sein. Wer macht sich eigentlich noch die Mühe in der letzten normalen Schulwoche Hausaufgaben zu verteilen? Jetzt aufhören lohnt sich sogar, Mama meinte ich soll dir wegen dem Abendessen Bescheid geben.“ erklärte Kathi. Abendessen konnte ich jetzt irgendwie gut gebrauchen, möglicherweise würde ja irgendwas zu dem Gegenstand fallen, auch wenn ich mir das nicht vorstellen konnte, aber vielleicht ließ die Reaktion meiner Eltern irgendwelche Rückschlüsse zu, auch wenn ich wahrscheinlich mit noch mehr Fragezeichen zurück kommen würde.
„Klingt gut.“ meinte ich und stand langsam auf.
Autor: Timo | Eingesandt via Ticket
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Eindeutig zu kurz das Kapitel 😜.
Wenigstens bleiben wir dieses Mal nicht so richtig fies in der Luft hängen.
Vielen Dank Timo, ist wie immer super geschrieben und ich hasse den Fahrer jetzt so richtig. Wer das mit dem Fahren nicht mehr richtig kann, sollte eindeutig den Lappen abgenommen bekommen.
Gruß Dragi
Freut mich das es nicht zu einem Unfall gekommen ist. So unachtsame Fahrer sind immer ein Problem. Ich hoffe das Maike noch das Vertrauen Ihrer Mutter hat und beim nächsten mal alles klappt. Freu mich auf den nächsten Teil.