Kapitel 29: Helden kotzen nicht
Nachts saß ich wieder auf der Wartebank im Polizeirevier. Ich musste warten, bis Kommissar Obermeier von zu Hause auf dem Revier eintraf. Als er nach zehn Minuten kam, bat er mich in sein Büro.
„Nico, deine Personalien habe ich ja schon. Erzähle mir nun bitte möglichst ausführlich, was du eben gesehen hast.“
„Also, ich bin heute Abend nach Leas Schmalbecks Party gegen 21 Uhr 30 wieder den Ritterberg hinuntergefahren. Diesmal war ich allein, weil Hannah bei den Schmalbecks übernachtet. Kurz vor der Kurve am Fuß des Ritterbergs war ein anderer Radfahrer vor mir. Da ich mit dem Rennrad deutlich schneller war, blickte ich mich um, ob Verkehr von hinten kam, und setzte dann zum Überholen an. Am Beginn der Kurve ist neben der Straße ein großer Stapel Holz aufgeschichtet. Kurz bevor der andere Radfahrer das Ende des Holzstapels erreichte, warf jemand von hinter dem Holzstapel eine Flasche auf die Straße, die sofort zerbrach. Es war in der Dämmerung und mit meinen Lichtern hell genug, sodass ich das genau erkennen konnte. Ich war da noch so 10 bis 15 Meter hinter dem anderen Radfahrer. Eine Flüssigkeit verteilte sich. Der andere Radfahrer konnte nicht mehr ausweichen und fuhr auf die nasse Stelle. In dem Moment, wo er auf den Fleck fuhr, verlor er sofort den Halt mit beiden Rädern, rutschte in der Kurve weg und stürzte. Zum Glück kam kein Gegenverkehr und ich konnte der feuchten Stelle auf der Gegenfahrbahn ausweichen. Ich hielt sofort an und lief zu dem Mann. Er hatte keinen Helm auf, war mit dem Kopf aufgeschlagen, blutete am Kopf, war bewusstlos, aber er atmete noch. Ich habe sofort den Notruf gewählt und Hilfe gerufen. Hinter dem Holzstapel konnte ich in der Dunkelheit niemanden sehen und ich habe auch niemanden weglaufen gesehen oder gehört. Bis der Krankenwagen kam, blieb ich noch bei dem Mann, aber er kam nicht mehr zu sich. Die Sanitäter haben sich dann um ihn gekümmert.“
„Kennst du den Mann zufällig, der gestürzt ist?“
„Ja und nein. Ich kenne ihn vom Sehen, weiß aber seinen richtigen Namen nicht. Die anderen Jungs haben einen üblen Spitznamen für ihn, den will ich aber nicht verwenden.“
„Okay, aber mir darfst du ihn ausnahmsweise einmal sagen.“
„Sie nennen ihn den ‘Schwuchtel Rudi’.“ In unserer verschlafenen Kleinstadt gab es nur ein Paar, das offen schwul lebte. Die beiden wurde von den intoleranten Idioten als ‘Schwuchtel Rudi’ und ‘Warmer Wiener’ bezeichnet, weil der zweite einen österreichischen Akzent hatte.
„Okay, verstehe. Dann weiß ich, wen du meinst.“
Danach stellte mir der Kommissar noch viele Fragen, bei denen ich nicht verstand, worauf er hinauswollte.
Als er mit den Fragen fertig war, ließ er mich wieder an seinen Gedanken teilhaben: „Zwei von außen herbeigeführte Unfälle gegen Radfahrer in so kurzer Zeit und so nah beieinander sind zu viel Zufall, als dass ich an einen Zufall glauben will. Im schlimmsten Fall müssen wir von einem Täter ausgehen. Wenn es so ist, gibt es bei beiden Anschlägen zwei Gemeinsamkeiten: Fahrradfahrer und dich. Nico, ich mache mir Sorgen um dich. Kannst du bitte folgende Sicherheitsmaßnahmen ergreifen: Fahre nicht mehr von den Schmalbecks kommend den Ritterberg runter. Beim Radtraining, fahre jedes Mal neue Strecken. Lass dein Rad nicht unbeaufsichtigt irgendwo stehen. Halte außerdem die Augen auf. Leider hat die Spurensicherung bei Hannas Rad nichts ergeben. Wir werden uns jetzt die Stelle hinter dem Holzstapel und die Reste der Flasche anschauen. Ich hoffe, dass wir da weiterkommen. Solange ich nicht ausschließen kann, dass der Täter es auf dich abgesehen hat, sei bitte vorsichtig, ja?“
Bei Wort ‘Spurensicherung‘ fiel mir etwas ein. „Übrigens, ich habe noch etwas für Sie. Als ich heute bei Tom war, habe ich mir die Stelle, an der Hannahs Rad stand, als die Leitungen gelockert wurden, noch einmal genauer angeschaut. Mir ist zwischen den Steinen ein Funkeln aufgefallen.“ Ich zeigte ihm die Fotos und gab ihm das Tütchen mit dem Kreuz. „Ich habe alle aus der Familie Schmalbeck und Hannah gefragt, aber niemand hatte oder kannte ein Schmuckstück mit einem silbernen Kreuz.“
„Wow, Nico. Das ist der Spusi heute Vormittag entgangen“, er holte eine Lupe aus seiner Schreibtischschublade und sah sich das Kreuz an: „Schwer zu erkennen durch die Folie, aber das sieht fast wie eine Punze für Sterlingsilber aus. Das könnte durchaus vom Täter sein.“
„Ich glaube, ich habe das Kreuz schon einmal an jemandem gesehen, aber ich komme einfach nicht darauf, an wem. Ich weiß, wie wichtig das ist, auch in meinem eigenen Interesse. Aber je mehr ich mir das Hirn zermartere, desto weniger fällt es mir ein.“
„Ja, das kenne ich. Wahrscheinlich, fällt es dir irgendwann auf dem Klo oder unter der Dusche ein, wenn du nicht mehr daran denkst. Wenn es dir wieder einfällt oder dir noch andere Dinge auffallen, ruf mich bitte sofort an.“ Er gab mir seine Visitenkarte.
***
Am Samstagnachmittag war ich mit Hannah, JayJay, Leon und Lisa am Weiher. Sophie kam heute ausnahmsweise mal als Letzte. Gerade als sie kam, klingelte mein Handy. Es war eine mir unbekannte Nummer. Ich ging ran: „Hallo, Nico hier.“
„Hallo Nico. Obermeier hier. Wo bist du gerade?“
„Ich bin mit Freunden am Hausener Weiher.“
„Können wir uns dort treffen? Ich muss dringend mit dir reden.“
„Ja, ich komme an den Parkplatz an der Straße und schicke Ihnen noch ein Glympse.“
„Was ist ein Glympse?“
„Das ist eine SMS mit einem Link. Wenn Sie den anklicken, öffnet sich eine Karte in der mein aktueller Standort angezeigt wird. Dann finden Sie mich leichter.“
„Oh, wie praktisch. Ja mach’ das bitte.“
Ich ging zum Parkplatz und wartete. Kurz darauf kam ein großer dunkler BMW, parkte halb auf der Straße und Kommissar Obermeier stieg aus.
„Hallo Nico, lass uns da in den Schatten gehen. … Hör zu, es gab noch einen Anschlag. Eigentlich darf ich Ermittlungsergebnisse nicht weitergeben, aber ich habe dir beim letzten Mal ja ziemlich Angst gemacht, dass der Täter es auf dich abgesehen hat. Die gute Nachricht für dich: Diesmal warst du nicht in der Nähe. Damit bist du als primäres Ziel raus.“
„Aber es war wieder ein Radfahrer, oder?“
„Ja, woher wusstest du das?“
„Sonst würde die Tat nicht im Zusammenhang mit den anderen stehen. Also bin ich dann also doch nicht so ganz raus. Wie hat der Täter es diesmal gemacht?“
„Er hat ein Seil über den einen Radweg an einer Bergabstelle gespannt. Schrecklich. Rudolph ‘Rudi‘ Meier liegt immer noch im Koma und sein Partner, du weißt schon, den man den ‘warmen Wiener‘ nennt, liegt gerade mit einem schwerem Schädel-Hirn-Trauma unterm Messer. Das dürfte ich dir zwar nicht sagen, aber die Presse war schon am Unfallort. Das steht morgen eh in der Zeitung und wer das Opfer ist, weiß wahrscheinlich eh schon die ganze Stadt.“
„Dann gibt noch eine Gemeinsamkeit, außer Radfahrer. Alle Opfer sind homosexuell.“
„Nico, was hast du da gesagt? Bist du dir da ganz sicher? Bist du …?“
„Nein, ich nicht. Alle Opfer. Also auch Hannah.“
„Weißt du zufällig, wo Hannah ist?“
„Ja, dort unten auf der Liegewiese. Soll ich sie schnell holen?“
„Ja, bitte.“
Als ich mit Hannah zurückkam, meinte Kommissar Obermeier zu mir: „Danke, aber kannst du uns jetzt bitte kurz alleine lassen?“
Hannah sagte: „Nicht nötig. Nico hat mir eben kurz von seiner Theorie erzählt, dass es der Täter auf Homosexuelle abgesehen hat. Ja stimmt, ich bin lesbisch.“
„Wer weiß alles davon?“
„Wir halten es seit rund zwei Monaten nicht mehr geheim, also so rund fünfzig Leute. Und theoretisch jeder in der Stadt, weil wir uns auch schon in der Öffentlichkeit geküsst haben.“
„Wir?“
„Ja ich und meine feste Freundin Lea.“
„Wenn der Täter weiß, dass du lesbisch bist, wie hoch schätzt du die Chance ein, dass er es auch über Lea weiß?“
„99 Prozent.“
„Weißt du wo Lea ist?“
„Mit dem Rad auf dem Weg hierher. Sie sollte schon längst da sein. Ich versuche mal, sie anzurufen … So ein Mist! Mein Akku ist leer.“
Ich nahm mein Handy. Hannah diktierte mir Leas Nummer. „Ich erreiche sie nicht, es geht nur die Mailbox ran.“ Danach rief ich Tina an, deren Nummer ich seit dem Urlaub hatte, und gab dem Kommissar mein Handy. Er telefonierte mit Tina und sage ihr kurz seinen Verdacht, aber so, dass er Tina möglichst wenig beunruhigte, und fragte sie einige Dinge, wie was für Klamotten Lea heute anhatte. Danach sagte er zu uns: „Lea ist vor rund 30 Minuten aus dem Haus. Hannah, kannst du mir eine Personenbeschreibung geben?“
Natürlich fiel es Hannah leicht Lea perfekt zu beschreiben.
Kommissar Obermeier nahm sein Handy und rief einen Kollegen an: „Patrick, es hat sich etwas Neues im Fall ‘Fahrrad‘ ergeben. Der Täter scheint es auf Homosexuelle abgesehen zu haben. Alle drei Opfer leben offen homosexuell. Außerdem gibt es noch eine Person, die potenziell akut gefährdet ist. Lea Schmalbeck. Personenbeschreibung: Weiblich, achtzehn Jahre, schulterlange braune Haare, athletische Figur. Trägt eine dunkelblaue kurze Hose und ein hellblaues T-Shirt. Vermutlich mit dem Fahrrad unterwegs vom Ritterberg Richtung Hausener Weiher. Das Fahrrad ist ein …“
„Weißes Canyon Fitnessbike“, sagte Hannah.
„… weißes Canyon Fitnessbike. Kannst du bitte mal eine Streife auf der Strecke suchen lassen und wenn die nichts finden, zur Gefahrenabwehr fahnden lassen. Ach so, und frag mal im Revier rum, ob jemandem zufällig noch weitere Homosexuelle bekannt sind. Vielleicht gibt es ja einen Treffpunkt oder eine kleine Szene. Wobei, in diesem konservativen Nest wohl eher hinter verschlossener Tür. Ich fürchte aber, es gibt noch mehr potenzielle Ziele.“
Mir fielen sofort drei ein. Zum Glück war bei denen aber ausgeschlossen, dass der Täter von ihnen wusste. Wobei ein bisschen Sorgen machte ich mir doch um Mom und Steffi. Nicht dass sie sich doch einmal in der Öffentlichkeit geküsst hatten. Auch bei Tom war ich mir nicht sicher, wie heimlich er das mit Flo hielt. Aber Tom war heute mit Volker unterwegs und damit erst mal nicht in akuter Gefahr.
Ich rief Mom an und sagte: „Pass auf, es gibt vielleicht einen Verrückten, der Jagd auf Homosexuelle macht. Mach bitte Türen und Fester zu und passe auf, wem du die Türe öffnest. Und gib ‘du weißt schon wem’ bitte auch Bescheid.“
Das Handy von Kommissar Obermeier klingelte: „Patrick? … Ein Treffer? Jetzt schon? … Wie bitte? Wird der rechten Szene zugeordnet. Vorbestraft wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung. Alle Opfer homosexuell. Das könnte er sein. Gib mir mal seine Adresse … Tulpenstraße zwölf, das ist ja genau unterm Ritterberg. Patrick, das ist brandheiß. Schick die Kavallerie los! Ich komme auch direkt da hin.“
„Hannah, Nico, ich muss los. Es gibt einen Verdächtigen. Hannah, was machen wir jetzt mit dir? Ich lasse dich nur ungern hier allein.“
Ich sagte: „Meine Freundin Sophie wohnt dort hinten in dem gelben Haus, das man da zwischen den Bäumen erkennen kann. Sophie ist unten auf der Liegewiese.“
„Okay. Nico, kannst du bitte Sophie holen. Hannah, ich bringe dich und Sophie noch schnell zu ihr nach Hause in Sicherheit. Dann können deine Eltern dich da abholen, und ich fahre dann zum Einsatz.“
Ich rannte zur Liegewiese, sagte Sophie kurz, dass Hannah vielleicht in Gefahr sei, Sophie sie bei sich zu Hause unterbringen musste und Hannahs Eltern Bescheid geben sollte. Sophie und ich packten unsere Sachen zusammen. JayJay, Leon und Lisa gab ich die Nummer des Kommissars und sagte ihnen, dass sie ihn sofort anrufen sollten, wenn Lea auftauchte. Sophie und ich gingen schnell zum Kommissar und zu Hannah zurück. Ich sah noch zu, wie Sophie und Hannah in das Auto des Kommissars einstiegen und wegfuhren. Ich wusste, wo die Tulpenstraße war und fuhr dorthin. Kurz bevor ich an der Adresse ankam, überholte mich der Kommissar mit eingeschaltetem Magnetblaulicht und Sirene. Vor dem Haus mit der Nummer zwölf standen bereits mehrere Streifenwagen mit Blaulicht. Der Kommissar hielt, schaltete die Sirene aus und sprang aus dem Auto. „Nico, ich bin dir wirklich sehr dankbar für deine große Hilfe. Das ist aber nichts für dich. Bitte fahr nach Hause. Ich gebe dir Bescheid, wenn Lea in Sicherheit ist.“
Wahrscheinlich hatte der Kommissar Recht und ich wäre nur im Weg rumgestanden oder hätte mich selbst in Gefahr gebracht. Aber ich machte mir solche Sorgen um Lea. Während ich wieder Richtung See fuhr, hatte ich aber plötzlich eine Idee. Wollte Hannah nicht mit Lea am Weiher Abendessen? Was, wenn Leas Handy auch leer war oder sie keinen Empfang hatte und Lea noch einkaufen war? Dann standen hier ein Haufen Polizisten und rechneten mit dem Schlimmsten, während Lea im Supermarkt gerade fröhlich an der Kasse bezahlte. Sollte ich das dem Kommissar sagen? Was, wenn ich mich irrte? Ich hielt an, nahm mein Handy und rief Hannah an. Mailbox, verdammt. Sie hatte ihr Handy scheinbar immer noch nicht geladen. Also wählte ich Sophies Nummer. Auch nur die Mailbox. Ich entschied mich, zu Sophie zu fahren, um Hannah zu fragen, ob meine Idee stimmen könnte. Vielleicht hatte Hannah in der Aufregung das mit dem Abendessen ja vergessen.
Ich wollte so schnell wie möglich zu Hannah. Ich fuhr komplett in der anaeroben Zone zu Sophies Haus und hatte mich völlig verausgabt. Meine Beine brannten, der Schweiß lief mir herunter, ich rang nach Atem und Übelkeit stieg in mir hoch. Ich klingelte. Niemand öffnete. Ich klingelte Sturm.
„Nico, was ist los? Warum machst du so einen Radau?“
„Hannah, … wo ist Hannah?“ rang ich um Atem.
Sophie sagte mit einer fremden, süßen, sanften Stimme: „Der war das alles zu viel. Sie schläft gerade ein bisschen. Und du solltest dich auch etwas ausruhen. Am besten du kommt morgen wieder“ und wollte die Tür schließen.
Als sie die Hand an die Tür legte, sah ich an ihrem Handgelenk ein silbernes Kettchen. Das silberne Kettchen, an dem früher ein kleines Kreuz hing.
Mit aller Kraft drückte ich gegen die Tür, schob Sophie zur Seite und verschaffte mir Zugang. Ich ging auf das einzige Zimmer zu, in dem Licht brannte. Ich war vorher noch nie in Sophies Zimmer gewesen. Überall hingen Kreuze, Ikonen und Heiligenbilder. Es wirkte fast wie eine Kapelle.
Hannah saß gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl und blickte mich mit Panik in den Augen an.
Sophie stand in der Tür hinter mir. Ich drehte mich um.
„Sophie, … was soll das?“
In Sophies Augen sah ich Wahnsinn. Ich erkannte meine Schulfreundin nicht mehr wieder.
„Nico, Hannah lebt ein sündiges Leben. Homosexualität ist eine Todsünde. Dem Herrn gefällt das nicht. Ich helfe ihm, Sünder vom Antlitz der Erde zu tilgen.“
Immer noch außer Atem sagte ich so gut es ging: „Sophie, … komm zu Dir! … Ich bin’s, … Nico, … dein Freund. … Weißt du noch, … wie ich dich getragen habe, … als du dir am Wandertag … den Fuß … verstaucht hast?“
„Nico, stell dich nicht zwischen mich und den Herrn! Stör’ mich nicht dabei Gottes Willen zu vollstrecken! Hinter ihrem Rücken zog sie ein großes Küchenmesser hervor und bedrohte mich damit.
Ich griff nach dem Erstbesten, um mich zu verteidigen – dem Radiowecker auf Sophies Nachttisch. Der Wecker hing jedoch am Stromkabel fest. Mit panischer Kraft zog ich und in dem Moment, als das Kabel riss, schleuderte ich den Wecker durch den Ruck fester an Sophies Kopf, als ich vorhatte. Sophie fiel sofort bewusstlos zu Boden. An der Schläfe hatte sie eine Platzwunde. Ich nahm mir das Messer und ging zu Hannah. Das Adrenalin und die Anstrengung waren zu viel für mich. Meine zittrigen Beine versagten mir den Dienst. Ich musste mich hinknien, um Hannah die Fesseln durchzuschneiden. Doch plötzlich musste ich mich übergeben. Verzweiflung stieg in mir auf, als mir bewusst wurde, dass wir beide gerade wehrlos waren und in Lebensgefahr schwebten, wenn Sophie jetzt wieder zu sich kommen würde. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich wieder halbwegs Herr über meinen Körper war. Ich versuchte erneut Hannah die Fesseln zu durchschneiden, ohne sie mit dem Messer zu verletzen. Irgendwann schaffte ich es, das Seil an einer Stelle zu durchtrennen. Zum Glück hatte Sophie nur ein langes Seil genommen, sodass ich Hannah schnell befreien konnte, ohne weitere Stellen mit dem Messer durchschneiden zu müssen. Hannah nahm sich den Knebel vom Mund und stieß einen langen verzweifelten Schrei aus, während sie sich mir zitternd um den Hals warf. Ich nahm mein Handy und schaffte es gerade so, den Notruf zu wählen und zu sagen was passiert war.
„Hannah, ich muss schauen, ob die Haustür offen ist, damit die Polizei reinkommt.“ Doch Hannah klammerte sich in Panik so fest an mich, dass ich nicht aufstehen konnte. Ich versuchte sie zu beruhigen.
Aber Hannah schrie: „Lass mich nicht alleine mit DER!“
Es half nichts, sollte die Polizei halt die Türe aufbrechen, falls sie zu war. Ich sah zu Sophie und merkte, dass sie regelmäßig atmete. Eigentlich sollte ich erste Hilfe leisten, aber Hannah ließ mich ja nicht aufstehen und außerdem war das Letzte, was ich jetzt wollte, dass Sophie zu sich kam und ich nochmal mit ihr kämpfen musste.
Kurz darauf hörte ich Martinshorn und sah blaue Lichtblitze im Flur.
„Hallo, ist da jemand?“
„Wir sind hier. Ich bin Nico und habe den Notruf gewählt.“
Die Polizisten kamen mit gezogener Waffe. Ich erklärte ihnen kurz, was passiert war. Ein Polizist kümmerte sich um Sophie, der andere gab die Lage über sein Funkgerät durch, ohne die Waffe wegzustecken und dabei Hannah, mich und das Messer aus den Augen zu lassen.
Zeitgleich mit den Krankenwagen und weiteren Streifenwagen kam Kommissar Obermeier. Er nahm mich mit nach draußen, während sich die Sanitäter um Hannah und Sophie kümmerten. Der Kommissar sagte zu mir: „Das in der Tulpenstraße war ein Fehlschlag. Der Gesuchte war nicht zu Hause und war da wohl schon länger nicht mehr da. Lea ist inzwischen am Weiher angekommen. Sie war noch einkaufen. Und jetzt erzähl du mir mal, was hier passiert ist.“
Ich erzählte ihm, was ich gerade erleben musste. Als ich fertig war, sagte der Kommissar zu mir: „Hast du schon einen Berufswunsch? Du würdest einen guten Kriminalkommissar abgeben.“
„Glaub ich nicht. Helden kotzen nicht.“
„Täusch’ dich mal nicht. Das ist nur in Hollywood so. Im echten Leben kommt das schon mal vor. Jetzt ruh dich erst mal aus und morgen nachmittags kommst du bitte nochmal auf dem Revier vorbei, für eine offizielle Zeugenaussage. Dieses Wochenende muss ich eh durcharbeiten. Da wartet jetzt einiges an Papierkram auf mich. Soll ich dich von einem Kollegen nach Hause bringen lassen?“
„Nein, danke. Geht schon. Ist ja nicht weit und ich fahre vorsichtig.“
***
Nach meinem mysteriösen Anruf wollte Mom zu Hause natürlich sofort wissen, was los war. Ich erzählte ihr, was ich heute erleben musste. Als ich fertig war, war selbst Mom schockiert und konnte nichts sagen. Sie nahm mich einfach in den Arm und tröstete mich wortlos. Wir saßen sehr lange so da, während in meinem Kopf immer wieder dieselbe Szene wie ein Horrorfilm in Endlosschleife ablief. Danach versuchte Mom, mich noch aufzubauen, aber ich merkte, dass selbst sie überfordert war und ihr nicht wie sonst eine strukturierte und souveräne Gesprächsführung gelang.
Später gingen wir zum Abendessen zu Steffi. Mom erzählte Steffi im Schlafzimmer was passiert war, während ich mich um Anne kümmerte, damit ich die Geschichte nicht noch einmal erzählen oder hören musste.
An diesem Abend wollte ich keine Windel tragen. Ich wusste auch nicht genau warum, aber es fühlte sich in dieser Situation einfach falsch an. Ich lag die ganze Nacht wach und versuchte den Albtraum in meinem Kopf loszuwerden.
***
Am Sonntagnachmittag hatte Mom JayJay, Leon, Hannah, Lea und Tom zu uns eingeladen als ich vom Polizeirevier zurück war. Es half, die Sache gemeinsam zu verarbeiten, aber die Stimmung war schrecklich, wie auf einer Beerdigung.
Danach überlegte Mom, ob sie mich für Montag in der Schule entschuldigen sollte. Aber genau in dem Moment rief Herr Ballenstädt an und bat Mom, mich am Montag in die Schule zu bringen oder dafür zu sorgen, dass ich morgens eine Viertelstunde später kam und dann direkt in sein Büro ging, damit ich nicht von anderen Schülern angesprochen wurde. Er wollte zuerst nur mit Leon, JayJay und mir und später mit der gesamten Klasse reden.
Später kam Steffi mit Anne. Ich saß immer noch am Tisch, so wie vorher mit meinen Freunden, und starrte ins Leere. Steffi kam und streichelte mir zärtlich über die Bake. Das war der letzte Tropfen für mein Gefühlschaos, der das Fass zum Überlaufen brachte und ich begann zu weinen wie ein Schlosshund. Steffi nahm mich in den Arm, um mich zu trösten und sagte hilfesuchend: „Anja?“
Mom kam, nahm mich an die Hand und sagte: „Komm Nico, ich glaube, du brauchst etwas Schlaf.“
Ich konnte nicht mit dem Weinen aufhören. Mom führte mich in mein Zimmer und setzte mich aufs Bett. Sie begann mich bis auf die Unterhose auszuziehen. Ich war wie ferngesteuert und ließ alles mir mit geschehen. Dann öffnete die den Bettkasten und nahm ein paar Dinge heraus.
„Nini. Lass mich mal ‘was probieren. Vielleicht hilft dir das.“
Sie steckte mir den Schnuller in den Mund. Dann legte sie mich nach hinten und sagte sanft „Po hoch.“ Sie zog mir die Unterhose aus, legte die Windel unter mich und verschloss sie langsam. Noch nie hatte sich eine Windel so intensiv angefühlt. Endlich konnte ich mit dem Weinen aufhören. Danach zog Mom mir noch meinen Body an, gab mir Schnuffi in den Arm und deckte mich zu. Sie ließ das Rollo herab, machte mein Nachttischlicht an, nahm ein Buch aus meinem Regal, setzte sich auf mein Bett, gab mir einen Kuss auf die Stirn und begann mir aus ‘Wo die wilden Kerle wohnen‘ vorzulesen. Hatte ich das Buch wirklich noch im Regal oder hatte Mom das da unbemerkt platziert? Nach kürzester Zeit war ich eingeschlafen und schlief einen traumlosen, tiefen Schlaf.
Als der Wecker morgens klingelte, ging ich mit meinem Outfit mit aufgequollener, randvoll nasser Windel, Schuller und Schuffi zu Mom in die Küche.
„Morgen Nini. Na gut geschlafen?“
Ich nickte und nahm den Schuller heraus: „Danke Mami.“
Mom kam und nahm mich in den Arm. „Ich bin so froh, dass dir das geholfen hat.“
***
Am Dienstag stand ich vor der Yogastunde neben der Parkbank und wartet auf Anne und Steffi. Ich war immer noch ziemlich mitgenommen, lief unruhig vor der Parkbank auf und ab und zuckte bei jedem Geräusch zusammen.
Ich sah Nina kommen. Sie lief direkt auf mich zu und sage: „Nico, ich habe gehört was passiert ist. Oh Gott, wie schrecklich. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass dir nichts passiert ist. Du siehst ziemlich mitgenommen aus.“
Ninas sorgenvoller Blick war wieder zu viel für mich. Ich hatte die Ereignisse noch immer nicht verarbeitet. Meine Gefühle brachen erneut aus mir heraus und während mir Tränen herunterliefen schluchzte ich: „Sie war meine Freundin. Sie wollte uns umbringen!“ Nina umarmte mich, um mich zu trösten. Ich vergrub mein Gesicht in ihrem Hals, während mein Mund zitterte und meine heißen Tränen an ihrem Hals herunterliefen. Ich spürte ihre warme, weiche Haut und wie sich unsere Oberkörper mit schwerem Atem berührten. Sie streichele mir zärtlich den Rücken und beruhigte mich wie ein Baby: „Schhh, schhh. Nicht weinen. Du bist in Sicherheit. Jetzt wird alles wieder gut.“ Ninas Zuneigung tat so gut. Allmählich beruhigte ich mich und hörte auf zu weinen. Ich nahm meine Arme, umarmte Nina und streichelte ihre Schultern. Sie schob mich ganz sanft von sich, nahm meinen Kopf zwischen ihre Hände und führte unsere Münder ganz langsam zueinander und gab mir einen langen, zärtlichen Kuss.
Ich nahm sie bei der Hand und führte sie zur Parkbank. Ich setzte mich und sie sich quer auf meinen Schoß und wieder küssten wir uns leidenschaftlich. Ich streichelte mit der einen Hand ihren Rücken und der anderen ihren Schenkel. Wir rieben unsere Backen zärtlich aneinander oder knabberten uns am Hals und küssten uns zwischendurch immer wieder lange.
Plötzlich merkte ich, dass Mom, Steffi und Anna neben uns waren.
„Nina, die Yogastunde geht los. Ich muss auf Anne aufpassen.“
„Ich habe Anne heute mit in den Kurs reingenommen. Die Yogastunde ist gerade aus“, sagte Steffi grinsend.
„Mom, Nina hat mich nur getröstet und wir sind dann … äh wir sind …“, Nina legte mir den Finger auf den Mund, sah mich mit strahlendem Gesicht und Tränen in den Augen an und sagte: „Wir sind jetzt zusammen.“ Wieder küssten wir uns.
Mom und Steffi hatten auch feuchte Augen und fielen sich auch um den Hals. Ich hörte ein leises „Na endlich“.
Mom sagte: „Hallo Nina, willkommen in der Familie. So, heute wird auf den Ernährungsplan gepfiffen. Wie gehen heute Abend alle zum Italiener. Es gibt ‘was zu feiern.“
Ende Teil 2
Autor: Hans_Steam