Die Start-up Familie
Teil I
Das Auto brauste entlang der Hauptstraße, während die Straßenlaternen das helle Lederinterieur in gleichmäßigen Abständen erhellten. Im Hintergrund klimpert Emilias Lieblings-Playlist, ganz zum Leidwesen ihrer kleinen Schwester Amelie, die mit dieser „Alte-Leute-Musik“ wenig anfangen konnte.
„Wie lange brauchen wir denn noch?“, fragte die siebenjährige Amelie, schon genervt von der ewigen Autofahrt.
„Maximal eine halbe Stunde“, antwortete ihre 19-jährige Schwester mit einem Blick auf den Beifahrerplatz. „Wieso bist du denn so nervtötend die ganze Zeit?“, fragte Emilia hinterher.
„Ich meinte doch ich muss Pipi, als wir tanken waren, aber du wolltest ja unbedingt weiterfahren“, gab Amelie zurück: „Jetzt mach ich mir gleich in die Hose.“
„Weißt du, wie eklig diese Toiletten da waren?“, verteidigte Emilia ihre Entscheidung: „Du hättest dir da am Ende sonst was eingefangen. Kannst du jetzt einfach eine halbe Stunde einhalten und kein Baby sein?“
„Du willst einfach schneller bei Tim sein, weil du in ihn verlieeeebt bist“, stichelte Amelie ihre Schwester an.
Emilia biss sich auf die Lippe, um sich das Lächeln zu verkneifen, das typischerweise auf ihrem Gesicht erscheint, wenn dieser Name fällt. Tim und sie kannten sich aus der Oberschule und waren seither unzertrennliche „beste Freunde“. Naja, zumindest sah Tim das so: Er hatte über die Jahre hinweg drei verschiedene feste Freundinnen, mit denen es aber nie länger als ein halbes Jahr klappte. Emilia hingegen hatte bisher keinen einzigen festen Freund und hatte ihre vermeintlichen Gefühle für Tim ganz weit unten vergraben, sodass sie ihnen bei der Arbeit nicht im Weg standen.
Arbeit? Ja, dachtet ihr etwa, das sind zwei langweilige Teenies?
Seit der neunten Klasse sind die beiden mehr als nur beste Freunde. Mit etwas Hilfe der Eltern und ihrer Schule entwickelten Emilia und Tim eine Software für die Organisation der Schulverwaltung. Lernpläne, Fehlzeiten, Noten und vieles mehr wurden im Rahmen eines Pilotprojekts in das System eingespielt, und gegen alle Wahrscheinlichkeiten funktionierte das System einwandfrei.
Auf der Liste der reichsten Menschen der Welt sind die beiden zwar noch nicht zu finden, dennoch ist ein regionaler VC-Fonds in das Projekt eingestiegen und hat dafür gesorgt, dass es letztes Jahr für einen nicht unbeträchtlichen Betrag weiterverkauft werden konnte.
Alle waren aus dem Häuschen: Eltern, Lehrer, Freunde. Wie kann man mit 18 ein Unternehmen verkaufen und nicht aus dem Häuschen sein? Nun, Emilia hatte mit einem Dilemma zu kämpfen. Wenn sie doch jetzt kein Projekt mehr verbindet, bleibt der Kontakt zwischen ihr und Tim dann weiterhin so intensiv?
Teil II
Im Sommer letzten Jahres, gleich nach Tims Geburtstag, starteten die beiden ihr Studium. Der eine Informatik und die andere BWL. Das Problem: der eine in Zürich und die andere in München… Uff.
Die Freunde schworen sich, jeden Tag zu telefonieren und sich regelmäßig zu besuchen. Das klappte die ersten Monate ganz gut, doch bereits kurz vor der ersten Klausurenphase immer schlechter. Hier eine Vorlesung, da ein Seminar – und schon wird aus täglich nur noch wöchentlich.
Bis plötzlich Tims Vater letzte Woche bei Emilia anruft: „Marcel“, fragt sie etwas verwundert, „ist alles gut?“
„Ja, na klar. Darf man die beste Freundin seines Sohnes nicht anrufen?“, antwortet Marcel mit einem hörbaren Lächeln: „Ich habe ein schönes Projekt auf dem Tisch und ich denke, dafür seid ihr beide wie gemacht. Ein Mandant hat mir von einem Unternehmen erzählt, das er gerne kaufen möchte, aber er braucht jemanden, der sich in dem Bereich auskennt und einen Blick von innen darauf wirft.“
„Aber sind wir da nicht ein bisschen zu unerfahren für?“, fragt Emilia typisch vorsichtig.
„Ach, Quatsch“, beruhigt sie Marcel. „Das ist ein kleines Projekt. Ihr sollt euch das vor Ort ein bisschen anschauen und eure Meinung dazu sagen. Wenn, dann seid ihr eher zu überqualifiziert. Es gibt nur eine Schwierigkeit: Das Ganze soll schon in einer Woche anfangen und zwei Wochen dauern. Ach so, das Unternehmen sitzt in Zürich, du müsstest also für die Zeit mit Tim wohnen.“
Emilias Herz klopfte schneller und ihr Kopf wurde rot wie eine Tomate. Ein Glück, war das kein Videocall.
„Wow, Marcel, das klingt super spannend“, antwortet Emilia: „Meine Eltern verreisen aber in einer Woche und dann bin ich allein mit meiner siebenjährigen Schwester. Die kann ich ja schlecht mitnehmen.“
„Wieso?“, unterbricht sie Marcel, dessen Pläne natürlich unfehlbar sind: „Natürlich kannst du sie mitnehmen, die hat doch auf Ferien. Meine Schulfreundin Christina wohnt in Zürich und kann bestimmt auch mal auf deine Schwester aufpassen. Das meiste werdet ihr aber sowieso von zu Hause erledigen können.“
Das ließ sich Emilia nicht zweimal sagen. Mir nichts, dir nichts war die Sache eingetütet, das Auto beladen und die beiden Mädels auf dem Weg nach Zürich.
„Es geht wirklich nichtmehr“ unterbrach Amelie ihre Schwester plötzlich in ihren Gedanken: „Ich muss wirklich dringend jetzt, halt bitte an Emi!!“
Autor: Anonym | Eingesandt via Ticket
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Liest sich erstmal ganz interessant! Bin gespannt was das für ein Projekt sein soll, das Enilia und Tim begleiten sollen.
Der Start gefällt mir gut. Bitte weiterschreiben!