Kapitel 3: Das unfreiwillige Duo
Am Mittwoch hatten wir zum ersten Mal Kunst. Nachdem der Letzte im Kunstraum war, sagte Herr Endres, unser Lehrer: „Alle raus in den Schulhof. Und nehmt einen unlinierten Block und Bleistifte mit.“
Wir gingen raus. Tom erzählte mir unterwegs, dass Herr Endres gerne ungewöhnliche Dinge im Unterricht machte. Im Schulhof setzten wir uns in einem großen Kreis auf die Bänke. Dort sagte Herr Endres uns, dass wir innerhalb von zwei Monaten ein Architekturmodell in Zweiergruppen bauen sollten. Er holte weit aus, erklärte die Bedeutung von Architekturmodellen und ließ ausgedruckte Beispiele im Kreis herumgehen.
„Irgendein Haus der Stadt in einem Maßstab, dass es auf ein DIN-A3-Blatt passt oder kleiner. Egal ob das das Haus ist, in dem ihr wohnt, oder eines aus der Stadtmitte. Wichtig ist, dass es möglichst originalgetreu und maßstäblich wird. So, als wolltet ihr jemandem das Haus verkaufen, könnt ihm das Original aber nicht zeigen. Ihr dürft Holz, Pappe, Papier, Kunststoff verwenden. Alles, was stabil genug ist und sich gut verarbeiten lässt. Die Farbe ist nicht so wichtig. Ach ja, 3D-Druck ist nicht erlaubt.“ Die Klasse lachte.
„So, und jetzt bildet bitte Paare und überlegt euch als Team, was und wie ihr das bauen wollt. Bis nächste Woche will ich von jedem Paar wissen, welches Haus sie bauen wollen.“
Sofort sprangen alle auf und liefen durcheinander.
„Ich nehme Jonas!“
„Wir zusammen!“
„Ich wollte zuerst mit Mia!“
Es dauerte keine halbe Minute, da hatten sich fast alle gefunden. Ich hatte gehofft, mit Tom zusammenarbeiten zu können. Aber natürlich hatte Tom schon jemand anderen gefunden. Er klatschte mit seinem Partner ab, als hätten sie gerade ein Fußballturnier gewonnen.
Ich sah mich um. Dann bemerkte ich Leo. Er saß als Einziger noch und tat so, als würde ihn das Ganze überhaupt nicht interessieren. Um ihn herum waren alle beschäftigt.
Herr Endres notierte sich die Paare.
„Leo und …. Ben“
Wir sahen uns an. Leo verzog das Gesicht. Ich ebenfalls.
Wir setzten uns etwas abseits in den Schatten unter einen Baum.
„Wir müssen das Projekt zusammen machen.“
„Ich weiß“, sagte Leo wenig begeistert. „Allein kann ich das besser.“
„Tja Pech gehabt. Wir müssen das aber zusammen machen. Also, was wollen wir bauen? Gibt es in der Stadt irgendwelche hübschen Häuser?“
„Hübsche Häuser? Was soll das werden, ein Puppenhaus? Sollen wir Herrn Endres fragen, ob du mit einem Mädchen zusammen bauen darfst?“ Leo schüttelte den Kopf. „Nee, ich habe eine viel bessere Idee. Da muss ich aber erst jemanden fragen, ob das geht.“
„Dann sag doch wenigstens, was deine Idee ist.“
„Eine Burg.“
„Wo gibt es in der Stadt eine Burg?“
„Gar nicht. Nur eine Ruine. Die Drachenburg. Mehr als ein paar Steine der Grundmauern sind aber nicht mehr übrig.“
„Ah, schade. Aber ich denke nicht, dass Herr Endres happy ist, wenn wir nur eine Ruine mit ein paar Steinen bauen.“
„Ich will sie bauen, wie sie aussah, als sie noch ganz war.“
„Krass! Aber woher wissen wir, wie sie mal ausgesehen hat?“
„Das hab ich ja gemeint mit, ich muss erst jemanden fragen.“
„Okay. Und wenn das klappt, wie willst du die Burg bauen?“
„So wie die letzten.“
„Du hast schon mal eine Burg gebaut?“
„Ja.“
„Echt?“
Leo zuckte mit den Schultern. „Ja. Hast du ein Handy?“
„Ja.“ Ich las ihm meine Nummer vor.
„Gut. Dann schicke ich dir ein paar Links zu Videos von Leuten, die das voll gut können. Vor allem Boylei. Dann siehst du, wie das geht.“
„Okay. Die schaue ich mir heute Nachmittag an. Und wo bauen wir die Burg?“
„Hast du Werkzeug?“
„Was für welches?“
„Verschiedene Bastelmesser, einen guten Seitenschneider, eine Minibohrmaschine, eine Airbrush, einen Styroporschneidetisch, eine Atemschutzmaske. Was man halt so braucht.“
„Nö. Nichts davon.“
„Also müssen wir bei mir bauen. Falls wir das dürfen.“
„Okay. Aber wir machen das zusammen. Nicht dass du alles baust und ich nur den Staubsauger halten darf.“
Leo sah mich kurz an. Dann zuckte ein Mundwinkel nach oben.
„Wie du willst. Komm einfach heute um vier Uhr bei mir vorbei. Um die Zeit kommt mein Stiefvater von der Arbeit. Mit dem müssen wir als Erstes reden.“
Er erklärte mir noch den Weg zu seinem Haus.
Den Rest der Kunststunde mussten wir noch die Fassade der Schule abmalen.
***
Das Haus, in dem Leo wohnte, war das erste alte Haus nach unserer Siedlung. Es war ein kleines altes Bauernhaus wie von einer Postkarte mit Holzbalkon und Geranien. War ich hier wirklich richtig? Ich suchte nach einer Klingel. Der Name passte. Ich läutete.
Kurz darauf öffnete eine junge Frau, die ein kleines Mädchen auf ihrer Hüfte sitzen hatte. Also kein Baby mehr, sondern ein Kind, das schon laufen konnte, das man aber besser auf den Arm nahm, wenn man schnell an die Tür musste. Die Frau sah viel jünger aus als meine Mama oder die Mütter meiner alten Klassenkameraden. Für Leos Schwester war sie aber zu alt.
„Hallo, ich bin Ben. Wohnt Leo hier?“
„Hallo Ben. Ja, du bist richtig. Komm doch rein. Ich bin Maria.“ Sie drehte den Kopf. „Leo! Komm mal runter. Ben ist da.“
„Ich Maja“, sagte die Kleine.
„Hallo Maja. Wohnst du hier?“
Sie nickte eifrig und strengte sich sehr an, zwei Finger zu zeigen und sagte: „So.“
„Tja, tut mir leid. Ich müsste die Socken ausziehen, um dir zu zeigen, wie alt ich bin. Aber ich bin so alt wie Leo.“
Maja sah meine Füße an.
„Wohnst du schon lange hier?“, fragte Maria.
„Eben erst hergezogen. Aus Wolfsburg.“
„Das hört man. Dann war dein Vater sicher bei einem Autobauer mit zwei Buchstaben und arbeitet jetzt bei einer großen Firma für Energietechnik.“
„Ja, genau.“
Inzwischen war Leo auch da. „Servus Ben. Papa ist noch nicht da.“ Mehr sagte er nicht.
Maria bemerkte die Pause.
„Wie wär’s, wenn wir uns bei dem schönen Wetter in den Garten setzen und warten? Ben, willst du was trinken? Wasser, Saft, Kracherl?“, fragte Maria.
„Kracherl?“
„Ach so. Kracherl ist Limonade.“
„Eine Apfelschorle, bitte.“
„Für mich auch.“
„Auch!“, ergänzte Maja.
Leo nahm Maja an der Hand und zeigte mir den Weg in den Garten. Seitlich vom Haus war eine Fläche, so groß wie drei Grundstücke in unserer Siedlung. Es gab einen Gemüsegarten, Obstbäume und einen Spielplatz für Maja. Unter einem großen Laubbaum standen ein Tisch und zwei Bänke aus halben Baumstämmen. Wir setzten uns.
Maja kletterte einfach auf meinen Schoß und sagte: „Dino!“
„Maja, komm, lass Ben in Ruhe und geh in den Sandkasten Kuchen backen.“
„Nein. Dino.“
Leo seufzte laut, stampfte rüber zum Sandkasten und kam mit einem grünen Plastikdino zurück, den er Maja wortlos in die Hand drückte.
Maja strahlte und spielte, wie der Dino über den Tisch lief: „Roar!“
Leo schüttelte den Kopf, musste aber kurz grinsen.
Maria kam mit einem Tablett aus der Küche. „Stört dich Maja?“
„Nein. Ist schon okay. Die Frage ist eher, ob es Maja stört, wenn ich sie kitzle.“
Ich fing an, mit den Fingern an Majas Bauch zu krabbeln. Maja quietschte laut auf, ließ den Plastikdino auf den Tisch fallen und bog sich vor Lachen auf meinem Schoß.
„Mami. Hilf!“
Maria stellte lachend Majas Trinkflasche und drei Gläser auf den Tisch und schenkte uns Apfelschorle aus einer großen Karaffe ein. Mein Hals war vom Radfahren sowieso total trocken. Ich hörte auf Maja zu kitzeln. Maja schnappte sich sofort ihre Trinkflasche.
Ich starrte auf mein Glas. Die Apfelschorle sah irgendwie grau und trüb aus. Nicht klar gelb-orange wie die aus dem Supermarkt. Leo nahm einen großen Schluck, als wäre nichts Besonderes daran. Auch Maja saugte zufrieden an ihrer Flasche. Offenbar war ich der Einzige, der das Getränk merkwürdig fand.
Maria bemerkte meinen Blick und lächelte. „Sieht komisch aus, oder?“
Ich zuckte ertappt mit den Schultern. „Ein bisschen.“
„Das ist selbstgepresster Saft von unseren eigenen Äpfeln. Naturtrüb nennt man das. Sieht zwar nicht so schön aus wie der Saft aus dem Supermarkt, weil er ungefiltert ist, schmeckt aber besser und ist viel gesünder.“
Ich betrachtete das Glas noch einmal. „Und der schmeckt wirklich?“
Leo verdrehte die Augen. „Keine Angst, Ben. Der Saft ist nicht aus solchen Äpfeln wie bei Schneewittchen. Davon landest du nicht im Glassarg.“
Ich musste kurz lachen, dann probierte ich einfach. Sofort zog ich überrascht die Augenbrauen hoch. Der Saft schmeckte viel stärker nach Apfel als alles, was ich bisher getrunken hatte. Fruchtiger und irgendwie echter. Ich nahm gleich noch einen großen Schluck.
„Okay“, sagte ich. „Der ist wirklich lecker.“
Maria grinste zufrieden. „Schau. Hab ich doch glei g‘sagt.“
„Darf ich Sie noch was fragen?“
„Du darfst ruhig du zu mir sagen.“
„Danke. Maria, was bedeutet Preis?“
„In welchem Zusammenhang? Mach mal ein Beispiel.“
„Die aus unserer Klasse haben sowas ähnliches gesagt wie: ‘Genau, was wir gebraucht haben. Ein Preis, der nicht Fußballspielen kann.“
Sie lachte. „A Preiß ist ein Preuße, also ein Norddeutscher. Das muss nicht unbedingt negativ sein. Ich hätte zum Beispiel vorhin sagen können: ‚Des hob i doch glei g’hört, dass du a Preiß bist.’ Was übersetzt so viel bedeutet wie: ‚Ich habe gleich gehört, dass du nicht von hier bist.‘ Eindeutig negativ wird es erst, wenn man ein Tier davor setzt.“
Ich sah sie ratlos an. Ein Tier? Was sollte das denn heißen?
Leo beugte sich zu mir und flüsterte: „Saupreiß. Dann ist es ein Schimpfwort.“
„So Leo, jetzt aber raus mit der Sprache. Warum ist Ben hier, bevor ich aus Neugier platze. Es geht ja sicher nicht um einen Sprachkurs in Bayerisch.“
„Wir müssen für die Schule ein Architekturmodell basteln. Immer zwei zusammen. Ich muss das mit Ben machen.“
„Leo!“ Sie schüttelte den Kopf. „Du darfst das mit Ben machen, wolltest du sagen, oder?“
„Tschuldigung Mama. Ja.“
Also doch Mama. So jung?
„Und was wollt ihr bauen?“
„Die Drachenburg.“
„Die Ruine mit den paar Steinen? Also Leo, da hätte ich schon mehr von dir erwartet.“
„Nein, wir wollen sie bauen vor der Zerstörung.“
„Eine Rekonstruktion? Puh, das ist dann eine andere Liga. Hoffentlich habt ihr euch da nicht zu viel vorgenommen.“
„Darum wollte ich ja zuerst mit Papa reden. Ob wir seine Werkzeuge verwenden dürfen und ob er uns hilft, die Burg zu rekonstruieren.“
„Verstehe. Er müsste ja bald kommen. Apropos Ben. Hast du Leo das Buch über Drachen geliehen?“
„Ja. Wieso?“
„Na dann habe ich ein Hühnchen mit dir zu rupfen. Heute Nacht um zehn Uhr hat Leo immer noch heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen.“
„Aber da kann ich doch nichts dafür.“
„Natürlich nicht. Das war nur Spaß. Ich wollte ja nur danke sagen.“
Leo schaute plötzlich sehr interessiert auf sein Glas. Offenbar war es ihm peinlich, dass seine Mutter das erzählte. Ich fand es eher cool, dass er so lange gelesen hatte.
„Leo, habt ihr gerade irgendwelche Wildtiere, die ihr aufzieht?“
„Ne, nur das Krümelmonster auf deinem Schoß“
Maja machte mit dem Zeigefinger die Du-du-Geste und zog eine Schnute. „Pizessin! Kein Monschter!“ Alle lachten.
„Okay, Prinzessin Pampers.“
Maja stemmte die Hände in die Hüften. „Selber Pempa!“
Leo erstarrte für einen winzigen Moment. Es war nur ein kurzer Blick, aber er sah plötzlich nicht mehr so aus, als fände er den Witz lustig.
Maria sagte ungewöhnlich schnell: „Jetzt ist gut, ihr zwei. Leo, willst du nicht das Fotobuch vom Oachkatzerl holen und Ben zeigen?“
Leo nickte sofort, stand auf und verschwand im Haus.
Ich runzelte kurz die Stirn. Irgendetwas an der Situation war merkwürdig gewesen. Ich wusste nur nicht, was. Vielleicht hatte ich mir das auch eingebildet.
„Okatzl!“, rief Maja begeistert.
„Was ist ein Okatzl?“
„O-a-ch-kat-zerl“ – Maria sagte es bewusst langsam – „ist ein Eichkätzchen oder Eichhörnchen.“
„Du kennst das Eichhörnchen?“, fragte ich Maja.
„Ja!“
Maria lachte. „Eigentlich nicht. Als es bei uns war, war Maja noch ein Baby. Sie kennt es nur von den Bildern und weil es manchmal noch zum Fressen kommt.“
Schon kam Leo mit einem dicken Fotobuch zurück.
„Hier, bitte.“ Er legte es vor mir auf den Tisch.
Auf dem Einband war ein Eichhörnchen zu sehen, das direkt in die Kamera schaute.
„Okatzl!“, rief Maja.
„Das ist euer Eichhörnchen?“
„Ja,“ sagte Leo.
Ich blätterte um. Auf den ersten Fotos war das Eichhörnchen kaum größer als eine Maus. Es lag in einer Handfläche und hatte die Augen noch geschlossen.
„Boah, ist das winzig.“
„Da war er erst ein paar Tage alt“, erklärte Leo.
Maja zeigte auf das Bild.
„Okatzl Baby!“
Ich blätterte weiter.
Auf einem Foto bekam das Eichhörnchen Milch aus einer winzigen Flasche von Leo, während Maria Maja das Fläschchen gab.
„Okatzl Durscht!“
„Stimmt.“
Auf einem anderen saß es auf einer Schulter. Dann wieder hing es kopfüber an einem Vorhang.
„Okatzl klettern!“, stellte Maja fest.
„Auch richtig.“
Auf einem Bild saß es mitten in einer Schale voller Walnüsse.
„Das sieht aus, als würde es gleich etwas aushecken“, meinte ich.
„Oh ja“, lachte Maria. „Und wo es die Nüsse überall in der Wohnung versteckt hat. Am liebsten unter dem Teppich.“
Nachdem ich durch das Buch geblättert hatte und Maria und Leo mir lustige Geschichten über das Eichhörnchen erzählt hatten, sagte Maria plötzlich: „Ah, da kommt endlich der Papa.“
Unter einem Förster hatte ich mir einen großen, alten Mann mit Vollbart und Lodenmantel vorgestellt, der mit einem großen Geländewagen fuhr. Stattdessen kam ein junger Mann auf dem Mountainbike angefahren, so alt wie Leos Mama, mit langen Haaren, kurzer schwarzer Jeans und einem schwarzen T-Shirt, auf dem ein Monster abgebildet war und groß IRON MAIDEN stand. Er stellte das Rad vor dem Haus ab und kam zu uns. Zuerst bekam Maria einen Kuss, dann Maja, und dann sogar Leo einen auf die Backe. Ich hoffte, dass ich nicht auch noch einen bekam.
Er streckte mir die Hand hin. „Servus, i bin der Franz.“
„Hallo. Ich bin Ben. Ich bin ein Klassenkamerad von Leo.“
„Na, da schau her.“ Franz blickte Maria fragend an.
Leo erklärte: „Papa, Ben und ich sollen zusammen für die Schule ein Architekturmodell bauen …“
Plötzlich wurde es an meinem Bein warm. Oh nein. Hatte Maja sich in die Hose gemacht? Ich beugte mich leicht zurück, damit Maja mich nicht sehen konnte, hielt mir kurz die Nase zu und zeigte auf Maja, um Maria ein Zeichen zu geben. Maria hatte sofort kapiert. Sie ging zu Maja und sagte: „Komm kurz mit, Mausi. Wir machen dich schnell sauber.“ Sie verschwand mit Maja auf dem Arm im Haus.
Kaum war Maja weg, kam eine Katze mit langem, graugestreiftem Fell aus dem hohen Gras direkt auf uns zugelaufen. Sie hielt kurz vor mir an, streckte sich ausgiebig, ließ ein leises „Miau“ hören und rieb mit dem Kopf an meinem Bein.
Ich klopfte auf meinen Schenkel und sagte leise: „Komm!“
Mit einem eleganten Satz sprang sie auf die Bank und stieg auf meinen Schoß. Ich kraulte sie vorsichtig hinter den Ohren. Die Katze schnurrte sofort los und machte es sich bequem, als wäre mein Schoß ihr persönlicher Lieblingsplatz. „Na, du bist aber verschmust“, sagte ich.
„Das ist Mauz“, erklärte Leo. „Der gehört auch zur Familie.“
Während ich die Katze kraulte, war Leo wieder bei seinem eigentlichen Anliegen angekommen. „Papa, dürfen wir deine Werkzeuge für das Architekturmodell benutzen?“
„Freilich. Da hättest du gar nicht erst fragen müssen. Am besten, wir schauen uns am Wochenende die Ruine einfach gemeinsam an. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es eine Vorlage für eine Rekonstruktion gibt. Aber wenn sich jemand mit der Drachenburg auskennt, dann mein Onkel Ludwig.“
„Klar, Onkel Ludwig. Dass ich da nicht selbst sofort drauf gekommen bin.“
„Ben, Leos Großonkel – eigentlich mein Onkel Ludwig – ist der Heimatpfleger der Stadt“, erklärte Franz. „Sein größtes Hobby ist die Drachenburg oder eher die Geschichte der Drachenburg. Wenn sich jemand damit auskennt, dann er.“
„Er arbeitet im Rathaus“, sagte Leo. „Dann sollten wir morgen nach der Schule zu ihm.“
„Auf jeden Fall. Ich ruf ihn gleich mal an und frage, ob er für euch Zeit hat.“ Franz telefonierte mit seinem Onkel. Nachdem er kurz erklärt hatte, worum es ging, hatten wir für morgen um 14 Uhr einen Termin mit ihm.
Maria und Maja waren inzwischen auch wieder da. Maja lief sofort zu mir, streckte die Hände aus und rief: „Mizi!“ Sie patschte mit ihren kleinen Händen auf Mauz’ Fell, und ich passte gut auf, dass sie nicht zu grob wurde. Doch irgendwann wurde es Mauz zu viel, und er verzog sich wieder ins Gras.
„Am besten esst ihr nach der Schule in der Stadt – aber kein Fast Food von einer großen Kette – und fahrt dann gemeinsam später mit dem Bus heim“, schlug Maria vor.
Leo nickte. „Ja, so machen wir es. Dann sind wir ja für heute fertig und Ben kann wieder gehen, oder?“
Maria schüttelte den Kopf, ging zu Leo und streichelte ihm den Rücken. „Leo. Willst du Ben nicht noch deine Dioramen zeigen? Schließlich wollt ihr doch zusammen was Ähnliches bauen.“
„Nein. Dazu braucht Ben die nicht zu sehen.“
„Schon gut, ist echt kein Problem“, sagte ich schnell und stand auf. „Ich muss eh los. Ich muss für unser Modell noch ein paar Videos schauen, damit ich mit Leo wenigstens ein bisschen beim Bauen mithalten kann. Tschüs zusammen.“
Maria sagte: „Warte Ben, ich bringe dich noch zur Tür.“
Als ich an meinem Fahrrad war, sagte sie: „Ich muss mich für Leo entschuldigen. Er kann manchmal sehr schroff und abweisend sein.“
„Ich weiß schon. Irgendwie hat er Angst, anderen zu vertrauen, oder?“
„Woher weißt du das?“
„Kombiniert wie die drei Fragezeichen.“
„Respekt, Sherlock Holmes. Er hatte einmal einen besten Freund, der ihn sehr verletzt und enttäuscht hat. Danke, dass du gekommen bist.“
„Kein Problem. Ich habe voll Bock, mit Leo die Burg zu bauen.“
Als ich nach Hause radelte, musste ich die ganze Zeit an Leo denken. Je mehr ich über ihn erfuhr, desto weniger verstand ich ihn. Zuerst hatte ich gedacht, er hätte merkwürdige Eltern. Einen grimmigen, bösen Stiefvater und eine schrullige Mutter wie im Märchen, irgendwo zwischen Hänsel und Gretel und Aschenputtel. Aber Leos Eltern waren voll nett.
Auch in der Schule passte nichts zusammen. Niemand schien Leo zu ärgern. Tom mochte ihn. Die Lehrer mochten ihn. Eigentlich schienen ihn alle zu mögen. Trotzdem hielt er alle auf Abstand. Dabei hatte er coole Hobbys, kannte sich mit Tieren aus und baute Modelllandschaften, die ich unbedingt sehen wollte.
Ich trat kräftiger in die Pedale. Leo hatte ganz offensichtlich irgendein Geheimnis. Und ich wollte verdammt noch mal herausfinden, was dahintersteckte. Ich hatte nur das Gefühl, dass er absolut alles dafür tat, damit ich es niemals herausbekomme.
Autor: Hans_Steam | Automatische Veröffentlichung
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