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Stadt ohne Gesicht (4)

31/08/2026 0 comments Article Gemischt Nancy Proud
This entry is Teil 4 von 4 in the series Stadt ohne Gesicht
Windelgeschichten.org präsentiert: Stadt ohne Gesicht (4)

Stadt ohne Gesicht
„Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ –

Hallo, ich bin Nancy Proud! Ich war schon immer eine Wanderin zwischen den Welten und eine Grenzgängerin. Ich mag das Leben und die Lebenskunst abseits starrer Strukturen. Auf meinen Reisen habe ich schnell gelernt: Regeln gibt es überall, aber keine davon ist unumstößlich. Meine Neugier treibt mich an, mein Tagebuch ständig mit neuen Erfahrungen zu füllen.

Hier auf Windelgeschichten möchte ich heute eine ganz besondere Geschichte mit euch teilen, die mich in die Abgeschiedenheit der Senne bei Bielefeld führt. Begleitet mit mir meinen Protagonisten Joshua Amarell. Joshua versucht, ein höchst ungewöhnliches WG-Zimmer in einem Haus zu ergattern, das den stolzen Charme und den verstaubten Muff der neueren Buddenbrooks atmet.

„Stadt ohne Gesicht – Wer bist du, wenn niemand hinsieht?“ ist eine Geschichte für alle offenen Leser, die nicht in festen Grenzen oder Strukturen denken. Für alle, die ahnen, dass es da draußen ganz andere Lebenswege gibt, sich aber vielleicht selbst noch nicht trauen.

Da ich hobbymäßig schreibe, werde ich hier immer mal wieder ein paar neue Seiten hochladen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Reinlesen und freue mich riesig über eure Votes, Gedanken und Rezensionen in den Kommentaren!
Danke, Nancy Proud

KAPITEL IIII: Spur aus Puder
(Februar 2010)
Gerade als ich mir im Gehen meinen Cardigan zuknöpfte, wurde die schwere Eingangstür des Cafés Weinstein heftig aufgestoßen. Reflexartig hielt ich die Klinke fest, um drei kichernden Mädchen Platz zu machen. Sie mochten vielleicht gerade einundzwanzig sein, waren aber bis in die Haarspitzen hinein maskenhaft geschminkt. Bevor ich die drei Stufen zum kalten Stadtbordstein erreichte, wirbelte mir ein schweres, künstliches Gemisch aus billigem Haarspray, spritzigen Zitrusfrüchten und überreifer Honigmelone entgegen.

Während die Straßen vom letzten Regenschauer noch nass glänzten, reagierten meine Gedanken sofort auf die aufdringliche Duftkombination des Mädchentrios. In meinem Kopf entstand augenblicklich das Bild eines völlig überfrachteten, amerikanischen Weihnachtsbaums – einer, der in der gesamten Farbpalette des Universums glitzerte und blinkte, aber darunter deutlich nach Katzenklo roch. Das Bild stieß mich ab. Es verhinderte, dass ich mich länger in dieser Duftglocke aufhalten oder ihr bewundernd näher kommen wollte. Ähnlich wie dieser blinkende Weihnachtsbaum für mich einfach nicht in eine besinnliche Adventszeit passte, so passte das Bild dieses schrillen Trios nicht in mein feines Frauenbild.

Sofort stieg wieder das angenehme, warme Bild der Kellnerin in mir auf, und ich musste zufrieden lächeln. Ich mochte Charlottes extreme Selbstsicherheit und ihr natürliches Erscheinungsbild. Sie provozierte nicht so plump. Sie musste sich nicht gekünstelt in den Vordergrund drängen, um zu wirken. Sie war einfach da.

Ich zog den Kopf tief zwischen die Schultern, um mich vor dem frischen Winterwind zu schützen, und lief die fünf Minuten hinüber zum Jahnplatz. Das monotone Rauschen des Stadtverkehrs schluckte die leise Musik des Cafés. Ich löste hastig eine Fahrkarte, drückte mich durch die wartenden Menschenmassen und stieg in die Stadtbahn der Linie 1 Richtung Senne.

Als die Bahn mit einem metallischen Quietschen anfuhr, sank ich auf einen der freien Sitze am Fenster. Draußen zog das graue Bielefeld an mir vorbei, doch im feuchten, von Regentropfen verschleierten Glas spiegelte sich nur mein eigenes Gesicht. Ich starrte mein Spiegelbild an. Die Haare saßen noch starr vom Haarspray, und unter der blauen Bundfaltenhose spürte ich bei jeder kleinen Erschütterung der Schienen das dicke, warme Vlies der frischen Windel. Es war wie ein geheimes Korsett, das mir in dieser fremden Stadt Halt gab.

Knapp vierzig Minuten Fahrtweg lagen noch vor mir bis Sennestadt. Vierzig Minuten bis zu einer Frau, die laut Charlotte so enorm viel auf Anstand, Respekt und eine gute Kinderstube legte.

Ich lehnte die Stirn gegen die kühle Scheibe. Während das Rattern der Bahn gleichmäßiger wurde, begann mein Kopf wieder zu rotieren. Konnte ich das überhaupt? Das Handwerk, das Kochen, die Wäschepflege für eine ältere Dame und ein fünfjähriges Kind? Ich dachte an die harten, lieblosen Worte meiner Mutter, die wie Schmutz an meiner Vergangenheit klebten. Wenn sie mich jetzt sehen könnte, wie ich mit einer dicken Windel und einer stützenden Miederhose unter der Jeans zu einem Vorstellungsgespräch für eine Wohn-Pflege-WG fuhr – sie würde lauthals lachen. Ihre flache, vulgäre Schadenfreude hätte mich augenblicklich verunsichert und zerschmettert.

Das Ungewisse trieb jetzt auch meine Blase weiter an. Die reine Fahrtzeit mit der Stadtbahn vom Jahnplatz bis zur Endstation Senne sollte laut Fahrplan gerade mal zwanzig Minuten dauern, aber für mich fühlte sie sich an wie eine unendliche Reise an den äußersten Rand der Gesellschaft. Schnell hatte ich in der Bahn einen ruhigen Platz auf einer grau gemusterten Sitzschale ausgemacht und steuerte ihn an. Bevor ich mich setzte, kontrollierte ich sicherheitshalber noch einmal die Informationstafel über mir. Sie ließ keinen Zweifel zu:
Linie 1 – Endstation Senne.
Die Stadtbahn schlich durch den feinen Regen, der sich wie ein undurchsichtiger Vorhang auf die Fenster legte. Noch fünfzehn Minuten Fahrt. Ich starrte auf das beschlagene Fenster, aber ich sah die nassen Straßen draußen nicht mehr. Stattdessen ploppten sie wieder auf, ungefragt, wie giftiger Nebel: die grell geschminkten Lippen meiner Mutter. Ihr bösartiges Lachen, die theatralischen, schrillen Töne wegen absoluter Banalitäten. Wenn ich sie früher als Kind nur nach einfachen Bastelbögen für meine Geburtstagseinladungen gefragt hatte, war ihre Stimme sofort eskaliert. Ihre schwachen Nerven verlangten dann nach Zigaretten oder wahlweise nach einem Piccolo.

Ihr narzisstisches Ego konnte es nicht ertragen, dass es noch jemanden neben ihr gab, der Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchte. Ich wurde von ihr nur gebraucht, wenn sie mich vor ihrer Schwester Annette oder meinen fast gleichaltrigen Cousinen Rea und Milena lächerlich machen konnte.

„Stell dir vor, Annette“, hatte sie damals auf einer Familienfeier lautstark geätzt, „Joshua hat eine Eins in Hauswirtschaftslehre, aber eine Fünf im Schwimmen!“

Ich sah noch immer die betroffenen Blicke von Milena und Rea vor mir, die beschämt zu Boden geschaut hatten. In dieser Zeit hatte ich keine passende Badehose besessen, weil meine Mutter das Geld dafür lieber in Rauchwaren umgesetzt hatte. Unter unzähligen erfundenen Entschuldigungen für den Schwimmunterricht hatte ich schließlich ihre Unterschrift gefälscht. Natürlich kannten Rea und Milena meine Geschichte, meinen Makel.
Ich hauchte bewusst meinen warmen Atem gegen die kalte Fensterscheibe und ritzte mit dem

Knöchel ein einsames Wort in das feuchte Nass:
„Schade“.
Ein prüfender Blick durch die Bahn zeigte mir, dass eine brünette Frau um die vierzig in der gegenüberliegenden Reihe saß. Sie beobachtete meine nervösen Bewegungen interessiert und argwöhnisch. Bestimmt jemand von den Stadtwerken, dachte ich panisch, oder eine Kontrolleurin auf dem Heimweg. Ich drehte mich hastig zurück zum Fenster und setzte meinen Atem erneut gegen das Betongrau der Autohäuser, die sich stadtauswärts wie Perlen aufreihten. Ich ritzte ein zweites Wort in das vergängliche Gebilde:
„Ich“.
Verschwommen tauchte vor meinem inneren Auge wieder die Szene auf, in der ich als kleiner Junge mal wieder keinen sauberen Schlafanzug im Schrank finden konnte. Meine Mutter hatte mir dann mürrisch erklärt, dass er leider noch in der Wäsche sei, weil es angeblich Arbeiten an der Wasserleitung gegeben hatte. Das kam häufig vor. Sehr häufig.

Ich hatte dann nackt ins Bett gehen müssen, schutzlos. In den Jahren zwischen meinem sechsten und zehnten Lebensjahr war ich nachts oft heimlich aufgestanden, hatte mir eine weiße, gestärkte Tischdecke aus dem Geschirrschrank geholt und mich fest darin eingewickelt, um überhaupt Wärme und Schlaf zu finden. Später, mit zwölf oder dreizehn, stibitzte ich einfach die Nachthemden meiner Mutter, damit ich nicht fror.

Mir lief bei diesen Kopfbildern ein eiskalter Schauer über den Rücken. Doch es war nicht nur die Erinnerung, die mich frösteln ließ – meine Blase holte mich in diesem Moment mit einem plötzlichen, warmen Schwall in die reale Welt zurück.

Unsicher rutschte ich auf dem bereits feuchten, schwerer werdenden Vlies zwischen meinen Schenkeln hin und her. Und ich hoffte einfach nur, dass es hielt. Sofort schoss die Angst ein. Bloß nicht bewegen. Bloß nicht die Hand unauffällig in den Schritt wandern lassen, um die Windel zu prüfen. Das Dilemma lähmte mich: Jede Faser meines Körpers schrie danach, die Kontrolle zurückzuholen und zu tasten, ob das Vlies alles sicher umschloss. Aber die Augen der brünetten Frau gegenüber waren viel zu neugierig. Also blieb ich starr sitzen, während das warme Vlies zwischen meinen Beinen langsam abkühlte und schwerer wurde.

Draußen zogen die Haltestellen vorbei, und das Grau der Stadt verwandelte sich allmählich in ein seichtes Grün und unterdrücktes Ocker. Ich musste den Impuls zu tasten einfach ignorieren. Eine wahre Inspektion konnte ich erst im Bus oder in einem einsamen Bushäuschen abhalten. Hauptsache, ich musste nicht später, auf den letzten Metern des Fußwegs vor dem Haus der alten Dame, nach einem geschützten Ort suchen.

Mein Blick fiel auf die digitale Anzeige im Wagen: Bethel. Das hieß für mich noch sechs Stationen. Die aufmerksame Brünette saß immer noch seelenruhig auf ihrem Platz und schien mein Profil zu fixieren.
Natürlich hatte ich das. Ich hatte den Rucksack ja selbst bestückt. Meine Mutter hatte dieses Mal keine Gelegenheit gehabt, ihn zu manipulieren – so wie damals, als ich gerade fünfzehn war. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch für ein Schulpraktikum im urologischen Labor des Marienkrankenhauses gehabt. Akribisch hatte ich mich vorbereitet und mir extra zwei Pampers ganz nach unten in den Rucksack gelegt. Wie unendlich peinlich es gewesen wäre, wenn jemand hineingesehen hätte.

Wieder hauchte ich eine Wolke an das beschlagene Fenster. Mit dem Zeigefinger schrieb ich zitternd in das Nass:

„hätte dich“.

Meine Mutter hatte sich in jener Zeit ungeniert von wechselnden Männern aushalten lassen. Gerade an diesem einen Montag war sie wieder einmal angetrunken in unsere Wohnung gestolpert, hatte sich meinen Rucksack geschnappt und angefangen, darin herumzuwühlen. „Wo ist deine Geldbörse? Ich habe nur große Scheine, und die gehen nicht in den Zigarettenautomaten!“, rief sie.

Das war natürlich gelogen gewesen. Doch bei ihrer gierigen Suche hatte sie die Windeln gefunden. „Wofür sind die denn?!“, hatte sie schrill und misstrauisch gefragt. Kurz und knapp hatte ich ihr damals erklärt, dass wir die für eine Chemie-Studie in der Schule brauchten. Damit war sie glücklicherweise zufrieden gewesen und hatte nie wieder danach gefragt.

Ein letztes Mal setzte ich meinen kräftigen Atem an und platzierte versetzt eine große Wolke auf die Scheibe. Mein Zeigefinger zitterte das letzte Wort in das gehauchte Nass, bevor die Wärme schwand:

„wirklich gebrau…“

„Endstation Senne“, tönte es im selben Moment blechern und verzerrend durch die Lautsprecher der schreddernden Stadtbahn.

Auch die brünette Frau stand nun auf und suchte mit schnellen Schritten den Ausgang. Ich schnappte mir meinen Rucksack, wischte mit dem Ärmel hastig über meine geschriebenen, verräterischen Wörter und stand plötzlich im nasskalten Nirgendwo der Senne. Alles hatte sich auf dieser kurzen Fahrt verdichtet: die schmerzhafte Vergangenheit, die einsame Gegenwart und sogar die Zukunft, die mir hinter der regennassen Glasscheibe der Linie 1 den klaren Blick noch verwehrte…

„Okay, Joshua, du schaffst das“, sagte ich leise zu mir selbst. Ich schüttelte meine Hände aus, als wären sie nass, während ich am Steinplatz in den Anschlussbus umstieg und nach Orientierung suchte.

Zu meiner Überraschung stieg auch mein brünetter Schatten mit ein. Sie zupfte sich im Gang ihr knielanges, geblümtes Kleid zurecht und warf die lockigen Haare nach hinten, die ihr in dichten Wellen den Rücken hinunterfielen. Als sie sich schließlich setzte und die Beine elegant überkreuzte, sah sie aus, als wäre sie direkt einem mystisch-romantischen Kunstwerk aus dem 19. Jahrhundert entsprungen. Ihr Blick streifte mich erneut, und in der Enge des Busses schien das Netz, das mich umgab, nur noch dichter zu werden.

Die Geschichte darf nicht kopiert werden

Autor: Nancy Proud | Eingesandt via Formular

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Stadt ohne Gesicht

Stadt ohne Gesicht (3)
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Tags: gesicht, präsentiert, bist, stadt, ohne
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