Sucht nach Sternen
Vorerst ein kleiner Appetizer in die weite Welt. Es gibt einen Rhythmus in den Welten der gehobenen Gastronomie, den nur jemand verstehen kann, der seine jungen Lebenjahren darin verbrachte, und ihnen immer noch etwas außergewöhnliches beisteuern wollte. Die Aussicht, die dumpfe Küchenluft, dieses Dasein war mir immer genug.
Mein Name ist Sören Bals, und ich bin eine gestandene Kraft an den Herden der Welt. Eine Kraft an den Hot-Spots in Europa, ein achtundzwanzigjähriger Besessener, der auf allen kulinarischen Höhen tanzen konnte und es mühelos aussehen ließ. Süchtiger, angefixt aber nicht nur von den Aromen und Geschmack der Küche sondern auch von seinem jugendlichen Makel. Ein Westfale der eben weiß, wie man bergauf kommt.
Die Kochkunst wird sich entwickeln, ohne dabei aufzuhören, Kunst zu sein.
(1846 – 1935), Georges Auguste Escoffier,…
# KAPITEL 1
* Für alle die gerne Reisen *
Singapur 1995
Die schwülen heißen Straßen von Singapur waren an einem Junitag kein guter Ort, an dem sich Nervenbündel und Orientierungslose Menschen aufhalten sollten, außer man hatte wie ich einen Überflug von Europa und musste schon wenige Tage später, pünktlichst am White Bay Cruise Terminal, direkt neben der Harbour Bridge, in Sydney einchecken.
Die knapp dreizehn Stunden Flug, ab Frankfurt, hatte ich soweit eigentlich gut mit dem trinkenbaren roten Italiener überstanden. Die Stewardess hatte zwar mehrfach mit mir gemeckert, weil ich mir doch auch besser etwas Ruhe und Schlaf gönnen sollte. In Wahrheit aber hatte sie nur fürchterliche Angst, dass ich nach dem vierten Glas Amarone della Valpolicella Classico, DOCG, um 03:17 Uhr besoffen randalierte konnte, wahlweise in den Mittelgang kotzte oder schmutzige Lieder zum besten Geben würde. Dann würde sich sicherlich der Käpitän gezwungerner Maße wahrscheinlich persönliche um die Angelegenheit kümmern. Sie würde die sofortige Kündigung erhalten und ich müsste den Flug-LH 780 als unangenehmer Gast umgehend verlassen. Das wäre eine wirklich unschöne Angelegenheit für uns beide. Wir hatten gerade eine Flughöhe von 11.320 Metern und jeder konnte sich ausrechnen, dass das für uns recht ungesund endete.
Ich versicherte der schlanken, verunsicherten blonden Stewardess, dass ich weder Alkoholiker bin noch zum lallenden Karaokesänger mutieren würde. Mit einer hochgezogenen Braue und einem langgezogenen – Okay, ich drücke mal ein Auge zu. Ich wirkte also vertrauenswürdig, oder war es einfach nur meine sechswöchige Tmmendorf -Bräune, die ich mir praktisch kostenlos bei der „Cook&Sail“ Tour auf der Ostsee geholt hatte. Der Grund für diesen Segeltörn waren vierzig, elitäre Versicherungsgauner der Hamburg Mannheimer Versicherung. Täglich zwei klassische Fünf-Gang-Menue´s, BBQ-auf Visby, Gevsir-Büffet auf Island, Fingerfoot auf Schottland zur Whisky-Destination und nicht zu vergessen die abendlichen Sundowner, irgendwo zwischen den Stockholmer Schären, in den Fjorden Norwegens oder auf den eskalierenden Seetagen, ohne Landgang. Mir brach fast täglich mein kulinarisches Herz, weil ich der ungehobelten Truppe, vom Aal, über Brioche, Dorade bis zur Gänsestopferleber, dem Hummer a la nage, und einer getrüffelte Kalbsleber in Portweinschaum meine ganzen technischen Fingerspiele, leichtsinnig in das Bordtagebuch geschrieben hatte. Im Gegenzug war ich Zeuge, wie sich erwachsene Männer mit Netzhemden daran versuchten, in der Ostsee Makrelen zu angeln, oder im Geirangerfjord nach Lachsen tauchten, um dann mit zwei und mehr Promille, zu den sieben Schwestern wandern wollten.
Käpitän Arvid Kristensen und die drei Gästebetreuerinnen hatten immer alle Hände voll zutun, mit diesem barbarischen Haufen und Elite-Hammeln, die weder Gesellschaftliche Regeln noch kultivierte Gespräche führen konnten.
Mit Haltung und antrainierter, gehorsamem Verhaltenskodex, aber mit einer gewissen natürlichen Eleganz schlich sich Frau Sandmann durch den Mittelgang bis zur Reihe 15 und räusperte sich, weil ich mir den aktuellen „Feinschmecker“ noch schnell im Flughafen-Shop gekauft hatte. Herr Bals; -ich zuckte zusammen. „Ja, bitte!“ , dabei stirrte ich in ihr makelloses Make-up und auf ihre Lufthansa-Livree, Konfektionsgröße 34-36. „Ihr Rotwein“ ,wobei sie mir das Etikett lesbar zudrehte. Ich nickte kurz, gefolgt von einem „sehr freundlich“ und amüsierten Lächeln, welches nicht ihr galt, sondern dem Artikel über die abenteuerliche Geschichte eine eigene Austern-Art, ausgerechnet auf Sylt zu züchten. „Jürgen Schmelzer erklärte dem Magazin, welche betriebswirtschaftlichen Herausforderung darin lag seine Idee zu verwirklichen. Stand heute hat er gut 300.000,00 DM und fünf Jahre Entwicklung investiert. Herr Bals merkte die Stewardess noch schnell an – „Leider haben wir den Valpolicella Classico, DOCG nicht mehr im Programm. So wie ich es überblicken kann, verfügen wir leider nur noch über deutsche Rotweine. Proviant nehmen wir erst wieder in Singapur auf. Ihr inneres Lächeln konnte sie nur mit großer Mühe verbergen.
„Ahh, verstehe, gebe ich ihr zu Verstehen und lasse den Rest meiner Antwort unausgesprochen auf meiner Zunge liegen.“ Zwei Kolleginnen helfen ihr, jeder Handgriff ist routiniert, und doch wirkt valles immer noch so wie in einer Studenten-WG. Die sind hier alle einfach noch so jung. Ihre Alibi-Darbietung bringt mich nicht wirklich aus der Ruhe, weil mich das Kranich-Trio nur sprachlich ins Abseits stellen will. Ihre Verantwortung, mich unbeschwipst und ehrenhaft in Singapur abzusetzen, erklärt ihre kleine Notlüge.
Mein Konter kommt spontan – an der Qualität der deutschen Rotweine ist doch sicherlich nichts auszusetzen, oder…frage ich innerlich amüsiert. Sie braucht ein paar Minuten, um in eine Antwort zu flüchten. In ihr buntes Halstuchen tropfen sicherliche ein paar Mükrogramm Körperflüssigkeit. „Rufen Sie mich ruhig, wenn Sie noch Bedürfnisse haben, aber nehmen sie bitte Rücksicht auch auf unsere anderen Gäste, die bestimmt im Anschluß geschäftliche Termine wahrnehmen möchten.
Ich nickte wortlos und studiere ihre Gesichtszüge. Sie war völlig genervt und hatte im Eifer des Gefechtes vergessen ihre künstlich, aufgestezten Gesichtszüge zu kontrollieren. Mit ihren natürlichen Gesichtausdruck punkte sie bei mir deutlich mehr, weil sie wärmer und zugänglicher wirkte und sich nicht mehr hinter dem mathematisch errechneten Rahmen der Lufthansa Personal-Coaches versteckte.
Ich widmete mich wieder den Sylter-Austern, trang neben dem letzten Glas Italierner noch zwei Gläser Badener Spätburgunder vom Weingut Franz Keller. Ein schwerer Tropfen, der mich nach gut achtundzwanzig Stunden Unschlaf an meiner körperlichen Rerserve knabberte.
Gegen 11:12 Uhr schaltete der Flugkäpitän wahrscheinlich den Autopilot ab und gurrgelte irgendetwas Unverständliches ins Bordnetz…, das hieß für mich eine Stunde Rauchverbot, Mist. Nur gut, dass ich erst vor fünfzehn Minuten der Bordtoilette mit zwei Zigaretten eine natürliche Patina gegönnt habe.
Pünktlich um 12:15 Uhr setzte der „Airbus A340“ unter dem Beifall von gut 280 Passagieren in Singapur auf. Meine Energie setze ich für den albernen Zirkus nicht ein, weil mein Programm für heute noch nicht abgespult war und ich chaotische Zustände auf dem Flughafen und in der Megacity erwartete. So sollte es auch eintreffen.
Ich genoss noch den klimatisierten Flughafen von Singapur, schlängelte mich bis zum Kofferband durch, um auf mein Hab und Gut, für die nächsten sechs Monate zu warten. Den neuen schwarzen Samsonite hatte ich mir extra neu anschaffen müssen, weil ich die Befürchtung hatte, dass mein alter bordeaux-roter Lederkoffer meine zukünftigen Reiseaktivitäten nicht mehr lange überstehen würde. Ich bedauerte gerade meine Farbauswahl, weil auf dem laufenden Band, ein schwarzer Koffer dem anderen folgte. Gelegendlich stach zwischen dem schwarzen Einheitsbrei mal der ein oder andere Rindslederne Weekender oder einer der quietschigen roter Damentrollis raus.
Gähnend umkurve ich mit meinem Rollkoffer auf dem Changi Airport die Menschenmassen entlang der Checkpoints, vorbei am Zoll, den modersten Shopping-Möglichkeiten und Touristen, die den spektakulären Indoor-Wasserfall vom Airport in Singapur sofort belagerten, um gleich eines ihrer spektakulären Asiafotos zu schießen.
Für die Shopinhaber und alle anderen, die mit den Touris ihr Geld verdienen, ist das toll. Für mich ist es saudämlich, weil es bedeutete, dass ich Zeit verliere. Bereits für den Mittwoch hatte die Happag Loyd meinen Weiterflug nach Sydney gebucht. Natürlich wusste ich, dass ich das Zeitfenster mit ganzen fünf Tagen für Singaur viel zu knapp gewählt hatte, um mir einen Überblick über die Top-Restaurants und Hotels in dieser Megacity zu verschaffen.
Nachdem ich erfolgreich den Zoll und ewigen Meilen an Duty-Free´s hinter mich gebracht hatte, schließe ich mich in die nächste freie Behindertentoilette ein. Nachdem ich mir mein Gesicht gewaschen und die Zähne geputzt habe, schnappe ich mir ein frische Pampers aus meinem Handgepäck, gerade noch rechtzeitig, um nach dem mörderischen zwölf Stundenflug, der billigen, schaligen Rotweinorgie, den ich mir immer auf Langstreckenflüge wegen meiner Schlaflosigkeit gönnte, optisch auffalle.
Ich lehne meinen Kopf gegen die kühle Fensterfront um die hämmernden Rotweingeräusche in mir zu egalisieren, während ich dabei zusehe, wie sich der Horizont aus einer riesengroßen Farbpalette bediente, aus den schönsten Blautönen, Rosa Färbungen und die aufsteigenden Quellwolken in den Orbit schickte.……..
Autor: Soe | Eingesandt via Formular
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