Kapitel 4: Gartenstuhlpsychologie
Die restliche Woche verlief ereignislos, zumindest wenn man ein trockenes Bett oder besser gesagt eine trockene Windel am Morgen als ereignislos betrachtete. Am Freitagmorgen stellte ich tatsächlich fest, dass ich anscheinend seit Dienstag nicht mehr ins Bett gemacht hatte. Gut möglicherweise auch seit Montag nicht mehr, aber das konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, denn die Windel, die meine Mutter mir am Montag vor dem Essen angelegt hatte, hatte ich schon genutzt bevor ich eingeschlafen war, also war das zumindest verfälscht. Bislang hatte sich trotz meiner Befürchtungen nichts geändert. Ich bekam weiterhin die Zuwendung, die mir über die letzten zwei Jahre durch eine wirklich üble Zeit geholfen hatte. Wirklich weiter war ich mit meiner Einstellung zu der neuen Situation trotzdem noch nicht. Ich hoffte, dass das Wochenende so etwas wie einen Geistesblitz bringen würde.
„Du wirkst schon wieder so nachdenklich.“ sprach Kathi mich von der Seite an. Ich blieb stehen und schaute zu ihr. Wir waren gerade auf dem Weg nach Hause.
„Schon wieder?“ fragte ich verwundert. Vermutlich konnte ich das Problem, das ich mit mir rum trug nicht ewig verbergen, dafür kannte Kathi mich einfach zu gut.
„Du schaust die gesamte Woche immer mal wieder so nachdenklich. Irgendwas stimmt doch nicht.“ bohrte Kathi nach.
„Es ist…nichts…also nichts wildes…lass uns da besser zu Hause drüber sprechen.“ entgegnete ich unsicher. Wirklich Lust darauf Kathi alles zu erzählen hatte ich nicht, nicht weil sie es nicht wissen sollte, sondern einfach weil sie alles wahrscheinlich viel zu positiv sehen würde und möglicherweise das eigentliche Problem nicht verstehen oder ernst nehmen würde. Bei ihr war das mit dem klein sein nicht mit der Bewältigung irgendwelcher Probleme verbunden, zumindest nicht mit Problemen mit denen man sich täglich rum schlug. Mir war durchaus bewusst, dass sie das klein sein als Stressventil nutzte, aber unser Stresslevel war trotz der bald anstehenden Abiturprüfungen eigentlich auf einem sehr humanen Level, also zählte das meiner Meinung nach gerade nicht als Problemlöser bei ihr.
„Gut reden wir zu Hause in Ruhe. Was gibt es eigentlich neues von Rob? Läuft das Studium? Haben die ab übernächster Woche auch frei?“ fragte Kathi, nachdem wir uns wieder in Bewegung gesetzt hatten.
„Scheint so, ich weiß aber noch nicht wann Rob her kommt, er muss wohl noch ein bisschen was organisieren. Ist wohl ganz anders als Schule so ein Studium. Du musst viel selbst organisieren und machst dir deinen eigenen Stundenplan falls man das so nennen kann.“ erklärte ich.
„Das mit dem Stundenplan hat Sandra auch erzählt. Scheint ganz schön viel Zeit zu fressen das alles zu organisieren. Sie weiß auch noch nicht wann sie über die Feiertage hierher kommt. Anscheinend sind manche Vorlesungen von ihr sogar so voll, dass die Leute auf dem Boden sitzen.“ stimmte Kathi meiner Aussage zu. Ich wusste warum ich nicht studieren wollte. Alleine schon der Aufwand mit der ganzen Organisation schreckte mich ein wenig ab. Ich war froh, dass ich mein Leben inzwischen halbwegs im Griff hatte, da wollte ich mir nicht noch zusätzlich irgendwelchen Stress durch übermäßige Organisation eines Studiums ans Bein binden.
„Das mit dem Boden ist krass. Interessiert es da keinen, dass nicht genug Platz ist?“ fragte ich.
„Anscheinend nicht. So wie ich Sandra verstanden habe sind gerade die ersten Vorlesungen, also die die du am Anfang brauchst immer übermäßig besucht, aber das ändert sich dann später, wenn viele das Studium abgebrochen haben, weil sie festgestellt haben, dass es nicht das richtige für sie ist.“ antwortete Kathi.
„Bist du dir denn sicher, dass du dir das antun willst?“ fragte ich. Ich hatte ihre Studienentscheidung bislang nicht wirklich hinterfragt.
„Ganz ehrlich? Mehr als schief gehen kann es nicht. Ob ich damit glücklich werde, kann ich dir nicht sagen, aber ich will es einfach mal versuchen. Keine Ahnung warum ich mir das in den Kopf gesetzt habe. Ich kann mir einfach vorstellen, dass es passt.“ erwiderte Kathi.
„Schon klar…die Wahl ist…naja…ich weiß nicht…meine Schwester als Lehrerin, das ist schon was seltsam. Ich weiß aber was du mit dem Versuchen meinst, ist mit der Ausbildung nichts anderes, aber notfalls hab ich halt drei Jahre in den Sand gesetzt. Bei nem Studium kann schon mehr Zeit drauf gehen.“ merkte ich an.
„Ich weiß was du meinst, aber das schreckt mich nicht wirklich ab. Klar wäre ärgerlich, wenn das schief geht, aber notfalls kann ich auch noch was anderes machen.“ gab Kathi zurück. Ich blieb nochmals stehen.
„Ich glaube Mama und Papa finden das dann aber weniger toll.“ warf ich ein. Kathi, die ein paar Schritte weitergegangen war, drehte sich um und musste grinsen.
„Mach dir deswegen keine Sorgen. Papa wird der letzte sein, der sich deswegen aufregt.“ entgegnete sie. Ich schaute sie verwundert an, weil ich mir keinen Reim auf die Aussage machen konnte.
„Mama hat mir da mal was erzählt. Ist eigentlich nicht so wichtig, aber sagen wir es mal so, Papa hat sich auch mal dafür entschieden seinen Job zu wechseln. Mehr weiß ich aber auch nicht.“ fuhr Kathi fort.
Ich konnte mir zwar nicht wirklich vorstellen, dass mein Vater mal einen anderen Beruf gewählt hatte, aber bislang hatte ich das auch noch nie hinterfragt. Warum auch? Ich setzte mich wieder in Bewegung in folgte Kathi nach Hause.
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Ich stellte meine Schultasche auf die Treppe und zog meine Schuhe aus, Kathi tat es mir gleich.
„Ganz schön warm oder?“ fragte ich. Ich hoffte durch die Frage würde Kathi nicht daran denken, dass ich ihr noch erzählen wollte was in mir vorging.
„Joa schon. Ich glaubte Mama hat irgendwann die Woche Eis gekauft. Das wäre doch jetzt ne gute Idee oder? Ein schönes Eis und dabei hinten im Garten im Schatten liegen, na was sagst du?“ fragte Kathi begeistert. Meine Begeisterung hielt sich zwar in Grenzen, aber schlecht klang die Idee nicht. Ich nickte zustimmend.
„Gut pass auf, du wartest im Garten ich hole das Eis.“ schlug Kathi vor. Ich nickte erneut und machte mich auf den Weg in den Garten. Gerade im Sommer war es hier immer schön. Meine Mutter hatte mit viel Arbeit Blumen gepflanzt, die jetzt im Sommer in allen möglichen Farben blühten. Wenn ich an meinen ersten Besuch hier im Garten dachte, dann war der Garten damals eigentlich ziemlich traurig. Gut mein erster Besuch hier war im Herbst und der Einzug von Kathi und meinen Eltern war noch nicht lange her, also war es klar, dass der Garten nicht die erste Baustelle gewesen war. Mein Blick fiel auf die Stelle, an der wir das Foto gemacht hatten, das sowohl Kathi wie auch ich im Zimmer hängen hatten. Ich schritt ein wenig näher zu der Stelle und kniete mich hin. Keine Ahnung warum, aber meine Hand wanderte auf die Stelle, fast so als ob ich mir erhoffte irgendwelche magischen Ströme aus dieser Stelle ziehen zu können.
„Was treibst du denn da?“ hörte ich Kathi hinter mir fragen. Ich schreckte kurz hoch und drehte mich um.
„Kleiner Flashback. Erinnerst du dich noch?“ entgegnete ich. Kathi schien nicht gleich zu wissen was ich meinte.
„Ich komm gerade nicht drauf.“ antwortete Kathi.
„Das Bild von uns.“ meinte ich.
„Achso…stimmt. Das haben wir da gemacht. Daran hätte ich jetzt gar nicht gedacht.“ erwiderte Kathi. Die kam näher zu mir und hielt mir ein Eis hin. „Hier, hoffe es schmeckt dir. Mama hat irgendwas neues mitgebracht.“ fuhr Kathi fort. Ich nahm das Eis, ging zu einer der Gartenliegen und setzte mich. Kathi setzte sich auf die Liege neben mir.
„Wir versuchen das einfach mal würde ich sagen.“ meinte ich und packte das Eis aus.
„Meinst du jetzt das Eis? Oder geht es darum mir zu erzählen was los ist?“ fragte Kathi mit einem breiten Grinsen und packte ihr Eis ebenfalls aus. Ich hätte mir eigentlich denken können, dass sie nicht vergessen würde, dass ich etwas erzählen wollte. Ich probierte mein Eis und stellte fest, dass es verdammt lecker war. Ich schaute kurz auf die Verpackung, die ich auf den Tisch gelegt hatte. Anscheinend war es irgendein Fruchtmix, der aber augenscheinlich hauptsächlich aus Blaubeere bestand.
„Ich hatte die Hoffnung, dass du das von vorhin vergisst.“ gestand ich Kathi.
„Dich bedrückt irgendwas, da vergesse ich doch nicht das anzusprechen. Was wäre ich denn für eine Schwester, wenn ich das einfach vergesse.“ erklärte Kathi. Ich fand es lustig, dass sie das als eine solche Selbstverständlichkeit hinnahm obwohl sie eigentlich erst eine vergleichsweise kurze Zeit eine Schwester hatte. Es waren nicht mal zwei Jahre seit ich eingezogen war und nicht mal zwei Jahre seit der Adoption.
„Du bist die beste Schwester, die man haben kann, auch wenn du das jetzt nicht nochmal angesprochen hättest. Du musst dich nicht mit jedem Scheiß belasten, mit dem ich mich rumschlage.“ fing ich an.
„Schon klar, aber seit Montag stehst du meiner Meinung nach ein bisschen neben dir und ich weiß nicht warum. Nicht mal Mama hat mir gesagt woran es liegt. Ich mach mir ein bisschen Sorgen. Liegt es an dem Ende der Therapie? War es zu früh?“ unterbrach Kathi mich. Ich musste lächeln und gönnte mir noch ein wenig von meinem Eis.
„Nein das mit der Therapie ist in Ordnung, glaube ich zumindest. Es sind halt einfach ein paar neue Sachen dazu gekommen, die…hmmm…die alles etwas seltsam machen.“ fuhr ich fort.
„Seltsam? Inwiefern seltsam?“ bohrte Kathi nach und gönnte sich gleich darauf auch ein Bissen von ihrem Eis. Ich legte meine Füße auf die Liege und lehnte mich nach hinten. Irgendwie kam ich mir liegend ein wenig vor wie in einer Therapiesitzung, wie man sie aus schlechten Serien oder Filmen kannte, in denen die Leute zum Psychologen gingen und sich dann auf ein Couch legten und ihre Sorgen erzählten und dann war alles urplötzlich wieder gut. Naja so einfach war es nicht, das hatte ich selbst festgestellt und auf einer Couch hatte ich auch nicht gelegen während meiner Sitzungen.
„Ich weiß nicht…es ist halt komisch weißt du…das klingt jetzt vielleicht ein bisschen paradox, aber ich zweifle gerade ein wenig bei der Sache mit dem klein sein.“ fing ich an.
„Ok…warum zweifelst du daran?“ unterbrach Kathi mich sofort.
„Weißt du…das Bettnässen…es scheint aufzuhören.“ antwortete ich.
„Hey das ist doch super. Freut mich für dich.“ beglückwünschte Kathi mich sofort. Ich entgegnete den Glückwünschen mit einem müden Lächeln.
„Ja ist schon ein tolles Gefühl in nem trockenen Bett oder mit ner trockenen Windel aufzuwachen, aber da beginnt dann auch schon mein Problem.“ fuhr ich fort und gönnte mir noch einen Bissen Eis.
„Ich kann dir nicht so ganz folgen. Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun.“ merkte Kathi an. Ich seufzte.
„Für dich vielleicht nicht…für mich irgendwie schon. Ich hab das mit dem klein sein bislang gemacht, weil ich mir irgendwas zurückholen wollte oder besser gesagt überhaupt holen wollte. Ich wollte einfach nur Zuwendung und die habe ich darüber bekommen. Das Bettnässen hat dabei…sagen wir mal…ein kleines bisschen geholfen.“ versuchte ich zu erklären was ich meinte.
„Lass mich raten, die Zuwendung war das Wickeln durch Mama richtig?“ fragte Kathi. Ich schaute sie verwundert. Eigentlich hatte ich nie wirklich darüber gesprochen, dass meine Mutter das öfter, wenn nicht sogar fast täglich gemacht hatte. Ich nickte unsicher.
„Keine Sorge sie hat es mir nicht erzählt oder so, aber unsere Zimmer sind halt direkt nebeneinander…da kriegt man manchmal schon ein bisschen was mit und ich habe halt mitbekommen, dass irgendwer häufig abends bei dir rein und raus gegangen ist, da denkt man sich halt seinen Teil.“ erklärte Kathi.
„Und wie kommst du dann automatisch zum Wickeln durch Mama?“ fragte ich verwirrt.
„Hmmm…naja ein bisschen logische Schlussfolgerung und ein bisschen Glück beim Raten. Konnte ja nur irgendwie damit was zu tun haben. Klar du warst auch so zwischendurch mal am Wochenende klein, aber ich würde behaupten, dass du das meistens eher anders ausgelebt hast als ich. Das mit dem Jumpsuit in der Küche am Montag…das war doch bestimmt auch nicht deine Idee oder?“ fuhr Kathi fort. Es war erstaunlich, dass sie mit ein wenig Schlussfolgerung und Glück fast direkt mein Problem erkannt hatte oder besser gesagt einen Teil davon.
„Du bist gut…“ staunte ich.
„Ich bin halt ne verdammt gute beste Freundin…ähm und Schwester. Und Mama hat auch ein wenig Spaß daran ihre beiden Teenie-Töchter wie früher zu bemuttern, auch wenn sie es nicht offen zu geben würde.“ scherzte Kathi und biss ein letztes großes Stück ihres Eises ab.
„Das mit Mama unterschreibe ich so. Könnte das daran liegen, weil irgendwer mal ne richtige Furie war und ihr dann ein kleines Mädchen doch lieber gewesen wäre?“ fragte halb scherzhaft halb ernst um kurz das Thema von mir abzulenken.
„Möglich, aber glaub ja nicht,dass du damit ablenken kannst.“ konterte Kathi.
„Versuch macht klug. Ich bin echt ein offenes Buch für dich oder? Ob ich jetzt ablenken will oder mir den Kopf über irgendwas zerbreche oder? Mich wundert es, dass du mich nicht vorher mal angesprochen hast…du wirst doch bestimmt schon ne Weile gemerkt haben, dass ich ein wenig nachdenklicher bin oder?“ entgegnete ich.
„Klar, aber wenn ich eines in den zwei Jahren gelernt habe, die wir uns kennen, dann dass ich dir auch deinen Freiraum geben muss und nicht wegen jeder Kleinigkeit oder jedem Grübler für dich in die Bresche springen muss. Klar am Anfang war das ein wenig…übereifrig was ich gemacht habe, aber ich habe versucht das nach und nach abzubauen. Ist dir vielleicht gar nicht aufgefallen, weil du mit allen möglichen Sachen beschäftigt warst.“ antwortete Kathi. Ich überlegte. Tatsächlich war es mir nicht aufgefallen, dass sie sich ein wenig zurückgenommen hatte bei meinen Problemen.
„Interessant. Ist mir nicht aufgefallen. Ich hätte jetzt irgendwie auch schon lange mit einer typischen Kathi Antwort gerechnet, die mir das klein sein irgendwie versüßen will gerechnet.“ neckte ich sie ein wenig um die Situation auf zu lockern.
„Die hätte ich dir vermutlich auch gegeben. Vielleicht geb ich sie dir ja noch. Was hältst du davon, wenn du erst mal genau erzählst was dein Problem ist. So ganz genau klar geworden ist das jetzt immer noch nicht.“ konterte Kathi.
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„Ok ich versuche das nochmal zusammen zu fassen. Also du schiebst gerade auf gut deutsch gesagt Panik, weil du Angst hast, dass wegen dem Wegfallen des Bettnässens auch das klein sein irgendwie weg geht oder wegfällt oder einfach nichts mehr für dich ist und das stellt gerade deine Welt auf den Kopf?“ fragte Kathi nachdem ich ihr versucht hatte mein Problem zu erklären.
„Ähm…so ganz grob zusammen gefasst würde ich das bejahen.“ stimmte ich ihrer Zusammenfassung zu.
„Du machst es auch extra kompliziert oder?“ fragte Kathi nachdenklich.
„Ich glaube einfach kann ich nicht. Ich wünschte es wäre bei mir so einfach wie bei dir. Du genießt es einfach und fertig ohne großartig drüber nachzudenken. Dafür beneide ich dich ein wenig.“ warf ich deprimiert ein und lehnte mich nach hinten.
„Glaub mal ich kann das ganz gut verstehen. Man macht sich schon nen Kopf mit dem Kram.“ fing Kathi erneut an. Ich schaute verwundert zu ihr. „Was schaust du so verwundert. Das war für mich auch am Anfang nicht so simpel wie du glaubst. Bis ich mich überhaupt mal darauf eingelassen habe, hat es auch ne Zeit gedauert.“ fuhr sie fort.
„Hast du nie erzählt, also nicht dass ich mich erinnere.“ entgegnete ich.
„Nicht? Ich hätte schwören können, dass ich dir davon erzählt habe, aber ich hab so viel erzählt, dass ich mir das vielleicht auch nur gedacht habe. Ich habe dir auf jeden Fall erzählt warum das bei mir angefangen hat, da bin ich mir ziemlich sicher.“ fing Kathi an zu erzählen.
„Das war doch wegen dem Stress, wenn ich mich nicht irre. In der Schule und mit Mama und Papa.“ warf ich ein.
„Genau…der Stress mit Mama und Papa…naja den habe eher ich verursacht, aber das hatten wir gerade ja schon kurz. War ziemlich deprimierend…irgendwann konnte ich gefühlt nicht mehr…ich hatte keine Kraft mehr und fühlte mich einfach nur erschöpft. Das war nicht mal am Ende des Schuljahres, sondern schon ziemlich am Anfang des zweiten Halbjahres…irgendwann kurz vor Ostern würde ich sagen. Ich hab mich teilweise in den Schlaf geweint aus Verzweiflung es einfach nicht hinzubekommen und zu Mama und Papa wollte ich auch nicht gehen um mich auszuheulen. Falscher Stolz halt und vermutlich eine gehörige Portion Trotz. Du machst wenigstens das klüger und sprichst mit den beiden.“ fuhr Kathi fort. Ich stand auf und setzte mich neben sie.
„Wusste gar nicht, dass es so krass war.“ merkte ich an.
„Schon, man spricht über solche Erlebnisse halt nicht gerne. Dürftest du doch verstehen oder? Du hast ja auch versucht deinen Vater möglichst selten zu erwähnen. Klar meine schulischen Leistungen sind damit nicht vergleichbar, aber es war ja nicht nur das…damals kam noch das mit Jen dazu. Ich bin mir sicher, dass ich das schon mal erwähnt habe, vielleicht nicht so ausführlich, aber ich bin mir trotzdem sicher.“ entgegnete Kathi.
„Möglich, möglicherweise habe ich das auch ausgeblendet. Das mit Jen hab ich nicht vergessen. Deine Situation ist schwer vergleichbar, aber ich kann mir vorstellen, dass dich das auch aus der Bahn geworfen hat. Du hättest jederzeit mit Mama und Papa reden können und es hätte Lösungen gegeben.“ konterte ich sofort. Kathi lächelte.
„Wollte ich aber nicht. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich habe mich also in eine andere Welt geflüchtet…naja oder zumindest habe ich es versucht. Als ich die ersten Gedanken darüber hatte…ich dachte ich verliere den Verstand. Ich weiß nicht mal genau wie ich drauf gekommen bin. Ich glaube ich habe irgendwie bei Jen im Fernseher irgendwas im unglaublich tollen Nachmittagsprogramm mitbekommen. Irgendwas mit Windeln halt. Keine Ahnung was genau. Wirkte irgendwie interessant. Vermutlich war es irgendwelcher Nonsense, den die gesendet haben, aber bei mir hat es zumindest ein gewisses Interesse geweckt.“ erzählte Kathi wieter.
„Nur durchs Fernsehen? Ziemlich krasser Schritt.“ kommentierte ich Kathis Erzählung.
„Nein nicht direkt. Ich hab das dann auch erst mal vergessen. Dann kamen diese komischen Träume. Kennst du die? Die Träume mit Windeln…ganz übler Kram. Ich bin danach mehrmals schweißgebadet wach geworden und hab irgendwas über Windeln geträumt. Mehr wusste ich nicht. Dann fing es an, dass ich wirklich dachte ich werde verrückt.“ antwortete Kathi.
„Ja diese Träume sind…anstrengend. Hatte bislang nur ein oder zwei und die waren recht unschön. Wenn du die öfter hattest, dann war es ne wirklich harte Zeit.“ meinte ich sofort.
„Es waren auch nur eine Hand voll bei mir, aber in relativ kurzer Zeit. Das machte mich mürbe. Ich hab versucht das wegzuschieben. Dann kam dieser eine Tag…der hat alles verändert. Ich wollte mir irgendwann abends mal ein Bad gönnen. Irgendwas entspannendes mit Badesalz und so. Einfach mal wirklich einen Moment Ruhe bevor ich mich wieder ins Gefecht stürze. Ich bin also in die nächste Drogerie und wollte mir nur das Badesalz holen…naja aus dem Mal eben wurde glaube ich eine Stunde, in der ich drei Mal durch den Gang mit den Windeln gestreift bin…ich fand das zum einen total aufregend mir die anzusehen, auf der anderen Seite dachte ich mir nur, dass ich spinne. Das gleiche passierte mit den Schnullern als ich sie sah. Irgendwann hab ich meinem inneren Schweinehund nachgegeben und habe zugegriffen.“ erzählte Kathi weiter.
„Einfach so…urplötzlich?“ fragte ich erstaunt.
„Ja ich wollte mich einfach nicht weiter quälen. Irgendwas in mir sagte ich will das probieren. Ich wusste nicht mal warum. Der andere Teil in mir wollte mich abhalten. Ein innerer Kampf wenn man so will. Ich habe einfach alle Gedanken abgeschaltet und habe einfach nur zugegriffen. Ich kann dir nicht mal sagen wie ich danach nach Hause gekommen bin so sehr stand ich neben mir und mein Badesalz hatte ich auch vergessen.“ antwortete Kathi.
„Doof gelaufen, aber dafür hattest du die Windeln, muss ja auch was wert gewesen sein oder?“ bohrte ich nach.
„Hmmm…naja ich habe an dem Abend Stunden vor der Verpackung gesessen und überlegt warum ich das getan habe. Dann bin ich auch mal auf die Idee gekommen das Internet zu befragen…ich habe viele Sachen gefunden. Seltsame Sachen, interessante Sachen und viele andere Sachen. Hat mich aber auch nur bedingt weitergebracht. Ich wusste aber schon mal, dass es anscheinend mehrere Menschen damit gibt. An dem Abend hab ich nochmal versucht alle möglichen Gedanken beiseite zu wischen und hab die Verpackung einfach aufgerissen, eine von den Drynites angezogen und mir einen Schnuller in den Mund gesteckt. So hab ich mich dann ins Bett gelegt und eingemümmelt. Mein Kopf machte so viel Gedankensprünge in der Nacht. Ich glaube ich habe kaum geschlafen, aber irgendwie hab ich gemerkt, dass mir das relativ wenig ausgemacht hat, denn irgendwie hat mir das ein wenig Erholung gebracht. Kein Ahnung warum, aber ich fühlte mich wirklich besser. Erst danach kam langsam die Erkenntnis und dann natürlich auch die Freiheit, die ich dermaßen genossen habe, dass ich es vielleicht auch ein wenig übertrieben habe.“ schloss Kathi ihre Erzählung. Es wirkte irgendwie so ähnlich wie bei mir, nur aus anderen Gründen.
„Hmmm…das klingt irgendwie schon ähnlich…in manchen Punkten…also hauptsächlich mit dem Denken.“ merkte ich unsicher an.
„Dachte ich mir. Wenn du einen wirklich guten Rat von mir haben willst. Schalte dieses Wochenende einfach einen Kopf aus und genieße einfach so viel Zeit wie möglich in deiner kleinen Welt. Mach es einfach egal was du denkst. Wenn du dir am Sonntag immer noch nicht sicher sein solltest, dann unterhalten wir uns nochmal. Einfach fallen lassen und abschalten. Wenn du willst können wir uns auch ne Runde Zug um Zug geben, das könnte vielleicht ein bisschen helfen.“ empfahl Kathi mir.
„Ich versuche es…ganz ehrlich du hast mich auf eine ganz andere gute Idee gebracht.“ erwiderte ich und stand auf. Kathi schaute mich verwundert an.
„Was denn für ne Idee?“ fragte sie.
„Ich gönne mir jetzt erst mal ein entspanntes Bad und danach sehe ich weiter.“ entgegnete ich grinsend und verschwand durch die Türe nach drinnen.
Autor: Timo | Eingesandt via Ticket
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