Die Fußball-Jungs (13)
Die Fußball-Jungs – Kapitel 13
Sechs Jahre zuvor:
„Dann geh doch!“, hörte Jonathan seine Mutter unten in der Küche schreien. Das Nachtlicht spendete seinem Kinderzimmer zwar etwas Behaglichkeit, aber der Streit seiner Eltern, der bis oben zu hören war, ließ ihn keine Ruhe finden. Ängstlich zog der Erstklässler seine Bettdecke bis über sein Kinn und kniff die Augen zusammen. Warum mussten Mama und Papa schon wieder streiten? Konnten sie sich nicht lieb haben, wie alle anderen Eltern auch?
„Heike, bitte versteh doch…“, versuchte Frank erfolglos seine wütende Ehefrau in ihrer Tirade zu unterbrechen.
Jonathan konnte nur einige Wortfetzen verstehen. Eine ganze Zeit lang, seitdem Papa nach Hause gekommen war, stritten sich seine Eltern und warfen sich allerhand schlimme Wörter an den Kopf. Es war nicht das erste mal, dass die Beiden sich in dieser Woche so beschimpften. Der Sechsjährige hatte die schleichenden Veränderungen zuhause schon lange mitbekommen. Papa blieb immer öfter bei der Arbeit, bis er und sein kleiner Bruder längst im Bett waren und wenn er doch mal da war, redete er kaum mit Mama. Die wiederum flippte bei nahezu allem, was Papa falsch machte völlig aus. So kannte Jonathan seine Mutter gar nicht! Er merkte, wie sich ein dicker Klos in seinem Hals bildete und seine Augen feucht wurden. Salzig schmeckende Tränen rollten sein Gesicht herunter und die Atmung wurde schwerfälliger. Am liebsten hätte er laut aufgeschrien, aber seine Stimme versagte ihm den Dienst.
Die Haustür fiel leise ins Schoss und der Motor des Familienautos wurde gestartet. Heike saß auf einem der Küchenstühle und vergrub ihre feuchten Augen in einem Taschentuch. Sollte das wirklich das Ende ihrer Ehe sein? Wollte Frank sie wirklich durch seine Sekretärin ersetzen und sie mit den Kindern alleine lassen? Was war schief gelaufen? Die Gedanken rasten durch ihren Kopf. Wie sollte sie das nur Jonathan erklären? War das überhaupt ihre Aufgabe? Immerhin war das alles Franks Schuld! Wütend knüllte sie ihr mit Tränen durchtränktes Taschentuch zusammen und schluchzte. Aus dem Augenwinkel erblickte Heike eine kleine Gestalt. Jonathan stand mit seinem Teddybären im Arm im Türrahmen und schaute seine Mama verstört an.
„Mama, was ist los? Weinst du?“, hauchte der Erstklässler mit brüchiger Stimme.
Heike stand auf und nahm ihren Sohn auf den Arm: „Jonathan, mein Großer.“
„Wo ist Papa?“, murmelte Jonathan.
„Er übernachtet heute woanders, mein Schatz.“, versuchte die zweifache Mutter die Situation nicht noch schlimmer für den Jungen zu machen, „Mach dir keine Sorgen. Es wird alles wieder gut.“
Müde kuschelte sich der Grundschüler an die Schulter seiner Mama und genoss die Wärme. Bei all dem Lärm und Ärger hatte er noch keine Sekunde geschlafen und wäre am liebsten den Rest der Nacht in Heikes Arm geblieben. Seine kleine, heile Welt war heute wieder einmal ins Wanken geraten. Würden Mama und Papa sich jetzt scheiden lassen? Wer würde ihm dann beim Fußballtraining zugucken, oder ihn anfeuern, wenn er mit seiner Bambini-Mannschaft des SV Fichtenwald ein Spiel hatte? Hätten seine Eltern ihn dann noch genauso lieb? Eine Wolke aus quälenden Fragen machte sich im Kopf des erschöpften Jungen breit, bis er schließlich von seinen Emotionen übermannt wurde und salzige Tränen seine Wange herunterliefen.
„Hey, mein Schatz…nicht weinen.“, versuchte Heike ihren Sohn zu beruhigen, „Komm, wir legen uns wieder aufs Ohr, ja? Du darfst auch mit bei mir im Bett weiterschlafen.“
Jonathan schaute seiner Mama mit feuchten Augen ins Gesicht und wischte sich mit dem Ärmel seines Schlafanzuges die Tränen weg. Wortlos nickte er und hauchte leise: „Kann Noah dann auch mit bei uns schlafen?“
Sein zweijähriger Bruder lag bereits in seinem Kinderbett und schlief friedlich, ohne etwas von der chaotischen Situation mitzubekommen. Für Jonathan war es nicht einfach gewesen, die Aufmerksamkeit seiner Eltern mit dem Kleinen teilen zu müssen. Zwar hatte er seinen Bruder furchtbar lieb, aber oft genug stand er hinten an. Langsam hatte er sich an die Rolle des großen Bruders gewöhnt und war manchmal richtig stolz, wenn Noah ihn nachplapperte oder er Mama helfen durfte das Fläschchen vorzubereiten. Schließlich war er ja schon ein richtig großer Junge!
„Machen wir, aber wir müssen mucksmäuschenstill sein, ja? Noah schläft ja schon.“, instruierte Heike ihren älteren Sohn und setzte ihn mit den nackten Füßen wieder auf die Küchenfliesen, „Hol du schon mal dein Bettzeug und deine Kuscheltiere, Schatz. Ich hol Noah ins Schlafzimmer.“
Mit leisen Schritten tapste Jonathan die Holztreppe hinauf und trug nach und nach Kopfkissen, Bettdecke und drei seiner Lieblings-Plüschtiere uns Bett seiner Eltern. Heike öffnete leise die Tür zu Noahs Kinderzimmer und hob das Kleinkind vorsichtig aus seinem Bett. Der Kleine ließ sich nicht stören und quiekte nur leise, ohne die Augen zu öffnen. Entspannt nuckelte er weiter an seinem Schnuller und schlief ruhig weiter. Heike bemerkte einen unschönen, aber vertrauten Geruch. Scheinbar hatte Noah die Windel voll. Mit einem Seufzer legte sie ihren Sohn auf den Wickeltisch am anderen Ende des Zimmer und knöpfte den Body auf. Die Pampers des Zweijährigen war gelblich verfärbt und hatte eine deutlich erkennbare Beule am Po. Mit routinierten Handgriffen öffnete die zweifache Mutter die Klebestreifen der vollen Windel, als sie leise Schritte vom Flur aus vernahm.
„Puuuh, hat Noah AA gemacht?“, fragte Jonathan und hielt sich die Nase zu.
Heike lachte: „Ja, hat er. Ich muss ihm erst die Windel wechseln, bevor er mit zu uns ins Bett kommt.“
„Das stinkt!“, beschwerte sich der große Bruder.
„Gleich ist er wieder frisch. Ich bring die AA-Windel lieber gleich raus in die Mülltonne. Sein Windeleimer ist fast schon voll.“
Im Handumdrehen hatte Heike die vollgestinkerte Pampers gegen ein frisches Exemplar ausgewechselt und den Zweijährigen wieder in ein nach Windelcreme riechendes Kleinkind verwandelt, seinen Body wieder zugeknöpft und das alles, ohne dass Noah aus seinem Schlaf aufwachte. Den Kleinen brachte so schnell nichts aus der Ruhe.
So kehrte in dieser Nacht doch noch Ruhe ein in das Haus im Elsterweg. Mit Mama und Noah an seiner Seite schlief Jonathan schnell ein und hatte nicht einmal einen Albtraum. Doch trotzdem hatte dieses Erlebnis, wie so viele aus dieser Zeit, Spuren hinterlassen. Seine frühen Grundschuljahre waren geprägt vom Streit seiner Eltern, von seinem kleinen Bruder, der so oft mehr Aufmerksamkeit bekam und der Ungewissheit, wie es mit seiner Familie weiterging.
Sechs Jahre später hatte Jonathan diese harten Zeiten hinter sich gelassen. Seine Eltern waren geschieden, seinen Vater sah er nur noch jedes zweite Wochenende und sein kleiner Bruder hatte sich über die Jahre in einen verwöhnten Nervzwerg verwandelt.
„Wann gibt es eigentlich Essen?“, fragte Noah hibbelig, „Ich hab voll Hunger!“
Der Achtjährige hatte ein richtiges Loch im Bauch und konnte es kaum erwarten, sich endlich über die angekündigte Grillwurst herzumachen. Zusammen mit seiner Oma, seinem Vater und seinem großen Bruder war er an diesem Samstag im Spielepark, wo der ein Jahr jüngere Anton ihm die Anlage mit den ferngesteuerten Autos gezeigt hatte. Die beiden Grundschüler hatten unglaublich viel Spaß dabei, wollten aber nach ihren großen Geschwistern sehen. Antons Schwester, die dreizehnjährige Isi, hatte zusammen mit Jonathan im Fußballkäfig ein Tor nach dem anderen geschossen. Der Siebtklässler fand das Mädchen echt cool. Sie war überhaupt nicht so wie andere Mädchen! Der Torwart hatte keine Chance, wenn sie mit dem Ball den Strafraum betrat. Dazu kam auch noch ihre erfrischend freche Art. So ungehobelte Sprüche wie das sportliche Mädchen hatten nicht einmal seine Mannschaftskollegen vom SV Fichtenwald. So hatte sie ihm gleich den Spitznamen Blondi verpasst, weswegen der pubertäre Zwölfjährige normalerweise komplett an die Decke gegangen. Gerne hätte er weiter mit Isi geplaudert, aber da kam schon Noah an und störte die Zwei.
„Oma meinte, dass wir um Zwölf Uhr essen können.“, antwortete Jonathan leicht genervt. Möglichst unauffällig musterte er den kleinen Nervzwerg und stellte fest, dass man bei genauerem Hinsehen genau die Windelbeule in seinem Schritt erkennen konnte. Scheinbar hatte der Knirps die Pampers, die er von Oma angezogen bekommen hatte, schon ausgiebig vollgepisst! War ja klar, dass er zu faul für den Gang zum Klo war.
„Wann ist das? Ist das bald?“, fragte Noah hektisch, worauf Isi ihr Handy hervorholte, um die genaue Uhrzeit zu erfahren.
„Eine knappe Stunde musst du noch warten. Bist du Jonathans Bruder?“, fragte das Mädchen mit den hellbraunen Locken, wobei ihr Tonfall nicht mehr so cool klang wie eben. Eher wie der einer fürsorglichen großen Schwester.
Noah nickte, wobei ihm seine langen Haare ins Gesicht vielen: „Ja, ich bin Noah und du?“
„Ich bin Isi, die große Schwester von dem kleinen Stinker hier.“, lachte das Mädchen und wuschelte Anton durch die kastanienbraunen Haare.
„Isi, lass das.“, kicherte der Junge mit dem Augenpflaster.
Auf Jonathan wirkte das alles etwas grotesk. Die beiden schienen sich gut zu verstehen und nicht wie er und sein Bruder ständig zu streiten. Die beiden waren Sechs Jahre auseinander und nicht Vier wie Jonathan und Noah. Scheinbar machte das einen großen Unterschied, denn Anton schien in keinster Weise so aufmüpfig und nervig wie Noah zu sein. Aber scheinbar war der Siebenjährige auch einfach anders als sein neuer Spielgefährte. Die vier Kinder tauschten sich kurz über ihre bisherigen Erlebnisse im Spielepark aus. Dabei viel auf, dass Anton eher zurückhaltend war und lieber seine große Schwester für ihn antworten lies. Offenbar war ihm die Gegenwart des großen Zwölfjährigen nicht ganz geheuer. Im laufe des Gesprächs erfuhr Jonathan, dass Isi mit ihrer Familie hier aus der Gegend kam und auf ein Gymnasium etwa Zwanzig Kilometer entfernt von Fichtenwald ging. Allerdings schon in die Achte Klasse. Genau wie er, spielte sie in ihrer Fußballmannschaft im Mittelfeld und war gefürchtete Torjägerin. Ihre beiden Brüder, der Zehnjährige Michael und der Siebenjährige Anton, waren heute auch mit im Spielepark. Michael hatte es sich aber zur Aufgabe gemacht, die überall aufgestellten Greifarmautomaten zu überlisten und versuchte seit der Ankunft eine der großen Pikachu-Figuren zu angeln.
„Und was machen wir solange?“, krähte Noah und tänzelte um die kleine Gruppe herum.
„Wir könnten zum Autoscooter. Der ist gleich hier um die Ecke.“, schlug Isi vor.
Ein Mädchen, dass gerne Autoscooter fuhr? Jonathan wurde die Dreizehnjährige immer sympathischer! Das Mädchen ging voran und die Drei Jungs folgten ihr zum nahegelegenen Autpscooter. Viele Besucher drängten sich um das Fahrgeschäft herum, aber Isi bahnte sich sicher einen Weg durch die Menschenmenge. Vom Imbisswagen nebenan zog eine Duftwolke von frischen Pommes und anderer Leckereien herüber und lies den Kindern das Wasser im Mund zusammenlaufen. Aber für einen kleinen Snack war jetzt keine Zeit. Nach wenigen Augenblicken hielten die kleinen Autos an, sodass die nächste Gruppe fahren konnte. Jonathan lief direkt auf eines der Fahrzeuge zu, setzte sich hinein und umklammerte das Lenkrad voller Vorfreude.
„Willst du mit Noah oder mit mir fahren, Anton?“, fragte Isi ihren kleinen Bruder und streichelte ihm über den Rücken.
Doch bevor der Siebenjährige antworten konnte, hatte Noah schon nach seiner Hand gegriffen und zog ihn zum blauen Wagen. Für die beiden Grundschüler war der Innenraum groß genug.
„Du gibst Gas und ich lenke, okay?“, instruierte Noah seinen Co-Piloten und schaute sich auf der Fahrfläche um. Sämtliche Autos waren nun mit Fahrern besetzt und der Countdown ertönte durch die großen Lautsprecher am Rande der Bahn. Der elektronische Motor fing an zu summen, als Anton mit seinen Sandalen auf das Gaspedal trat. Sie fuhren eine langgezogene Kurve, um etwas Geschwindigkeit aufzubauen, verloren die anderen Fahrzeuge jedoch nicht aus den Augen. Schließlich mussten sie jederzeit damit rechnen, von den Anderen gerammt zu werden. Daher dauerte es nur ein paar Sekunden, bis Jonathans roter Wagen direkt hinter ihnen war und die Verfolgung aufnahm.
„Dein Bruder ist genau hinter uns! Wir müssen ausweichen!“, grölte Anton aufgeregt.
„Da ist aber kaum Platz.“, versuchte Noah der lauten Popmusik aus den Boxen zu übertönen.
Die beiden Grundschulkinder hatten sich an den Rand der Bahn manövriert und hatten kaum eine Chance ohne Kollision davon zu kommen. Siegessicher grinste Jonathan und presste seinen Fuß auf das Pedal. Nun würde der Zwerg was erleben!
„Isi! Hilf uns!“, rief Anton, als er seine große Schwester in ihrem gelben Wagen auf sie zukommen sah.
Blitzschnell hatte sie die Lage überblickt und zog mit dem Lenkrad scharf nach links, wodurch Jonathans Wagen mit einem festen Stoß gegen die Abgrenzung der Fahrfläche prallte. Laut lachend fuhren die beiden Jungs davon, während Isi mit Daumen und Zeigefinger ein L für Loser auf ihrer Stirn formte.
„Na warte, du Zwerg!“, fluchte Jonathan, wendete seinen Wagen und nahm wieder Kurs auf die beiden Jungs.
Doch Noah und Anton manövrierten sich geschickt durch die vielen Autos und hatten den Zwölfjährigen schon bald in eine Falle gelockt, wo sie ihn rammen konnten. Laut lachend krachten sie mit ihrem blauen Wagen in Jonathans Heck, sodass dieser wütend auf sein Lenkrad schlug. Er sah doch jetzt vor Isi wie ein Trottel aus! Und das nur damit die beiden Babys sich amüsieren konnten.
Ein lautes Hupen kündigte das abrupte Ende der wilden Fahrt an und die Wagen blieben kurz danach stehen. Anton versuchte noch einmal das Gaspedal zu drücken, aber es zeigte keine Wirkung mehr. Noah hatte sich schon mit Schwung aus dem gepolsterten Sitz gehievt und flitzte zum Rand der Bahn, wo die beiden älteren Kinder warteten.
„Ich will nochmal fahren, dass war voll cool!“, krakelte der Achtjährige voller Euphorie. Ihm fiel gar nicht auf, dass sein T-Shirt hochgerutscht war und den Blick auf seine Pampers freigab. Jonathan registrierte es sofort und sah eine Chance vor Isi wieder cool zu wirken. Natürlich hatte er schon bei der Ankunft in der Grillhütte gesehen, dass Noah gewickelt war, aber sein kleiner Bruder wusste nicht, dass sein Geheimnis längst keines mehr war.
„Alter Noah, hast du etwa eine Pampers um?!“, fragte der Zwölfjährige theatralisch, so als wäre er völlig überrascht davon.
Das andere Geschwisterpaar schaute stumm auf den achtjährigen Jungen. Der weiße Rand der Pampers ragte weit aus seiner Hose und wenn man genau hinsah, war auch die Windelbeule deutlich zu erkennen.
„Ist doch egal!“, versuchte Noah die Sache abzuwiegeln, „Besser als eine nasse Hose.“
Doch nun konnte Jonathan nicht anders, als laut loszulachen. Wie peinlich war das denn bitte? Ein Grundschüler, der mit dicker Babywindel um den Po durch den Spielepark läuft, damit ihm kein Malheur passiert.
„Junge, du bist doch wieder eh nur zu faul, um rechtzeitig pissen zu gehen!“, spottete Jonathan.
„Bin ich gar nicht!“, rief Noah beleidigt. Wie konnte sein großer Bruder ihn nur so vor den Anderen in die Pfanne hauen? Dabei hatte er doch selber letzte Nacht eine Pampers getragen! Aber als Noah weiterreden wollte, drosch Jonathan weiter auf ihn ein:
„Ich dachte, du brauchst nur nachts Pampers, aber jetzt auch tagsüber? Man Noah, du bist so ein…“
Isi konnte es nicht mehr mit ansehen. Wütend hatte sie Jonathan mitten im Satz in den Staub geschubst und starrte ihn feindselig an. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was gerade geschehen war. Das sportliche Mädchen, dass ihm so gut gefallen hatte, fand es scheinbar überhaupt nicht lustig, wie er über Noah herzog.
„Halt die Klappe! Was bist du nur für ein Typ?!“, schrie Isi ihn an, „Schon mal daran gedacht, dass du ihm damit wehtust?“
Jonathan rieb sich den Sand aus den Augen und schaute Isi mit feuchten Augen an. Ihr Blick durchbohrte ihn und ließ keinen Zweifel daran, dass er zu weit gegangen war. Er hatte doch nur cool vor dem Mädchen wirken wollen.
„Ich wollte doch nur…“
„Was wolltest du, hm? Miese Witze über deinen Bruder machen, damit wir ihn alle auslachen? Vergiss es!“
Das Adrenalin schoss Jonathan durch den Kopf. Was sollte er jetzt tun? Er hatte es total vermasselt! Mit einem Ruck raffte er sich auf,schaute in das zornige Gesicht von Isi, dann in das seines Bruders,von dem Tränen herunterkullerten und dann zu Anton, der einfach verstört aussah und vermutlich auch kurz davor war zu heulen.
„Ach, leckt mich doch alle!“, rief Jonathan wütend und rannte los. Einfach nur weg. Am liebsten wäre er bis nach Hause gelaufen. Die Wut ließ den Jungen planlos, ohne nach links und rechts zu gucken, durch den Park rennen. Hauptsache weg von den Anderen!
Am Autoscooter hatten sich die verbliebenen drei Kinder auf eine der Holzbänke gesetzt. Noah hatte von Isi ein Taschentuch bekommen, um seine Tränen zu trocknen und die Nase zu schnäuzen. Es war für den Achtjährigen nichts neues, dass sein Bruder so fies zu ihm war, aber das er ihn so bloßgestellt hatte, war für den Grundschüler schwer zu verkraften.
„Hey, alles okay, Noah. Wir lachen dich deswegen nicht aus.“, versuchte Isi den lockigen Jungen zu trösten, „Ist doch gar nicht schlimm, dass du eine Windel trägst.“
Behutsam streichelte die Dreizehnjährige Noahs Rücken, wobei der weiße Rand seiner Pampers wieder zum Vorschein kam. Scheinbar machte Isi das nicht zum ersten mal. Mit ihrer ruhigen Stimme erinnerte sie Noah eher an seine Mama, wenn sie ihn beruhigen wollte.
„Ist Jonathan immer so gemein zu dir?“
„Er lacht mich immer aus, weil ich nachts noch ins Bett pinkle.“
„Das hab ich auch noch voll lange im Kindergarten gemacht.“, versuchte Anton seinen neu gewonnenen Spielkameraden aufzumuntern, „Und wenn ich Magen-Darm hab, zieht Mama mir manchmal auch noch zur Sicherheit eine Windel an.“
„Das ist in deinem Alter echt nichts, wofür man sich schämen muss!“, stimmte Isi ihrem kleinen Bruder zu.
„Wolltest du eben bei der Autorennbahn deswegen nicht pieseln gehen?“, fragte der Junge mit dem bunten Augenpflaster vorsichtig, aber doch neugierig. Seit seiner Einschulung hatte er von seiner Mama keine Windel mehr angezogen bekommen. Davor war es nichts Ungewöhnliches, dass der braunhaarige Knirps bei Bauchschmerzen eine Hochziehwindel von Pampers angezogen bekam. So konnte er auf die Toilette gehen und war aber gleichzeitig geschützt, falls etwas in die Hose ging. Für Pipi hatte er nicht einmal mehr bei der Übernachtung im Kindergarten eine Windel gebraucht. So war das letzte Familienmitglied in Windeln sein Teddybär gewesen, den er mit einer alten Babywindel gewickelt hatte.
Noah nickte schüchtern: „Da hab ich so getan, als würde ich aufs Klo gehen und hab in die Windel gemacht.“
„Ist die denn schon…voll?“, fragte Isi vorsichtig. Schließlich wusste sie genau, dass eine Windel nicht unendlich viel Urin aufsaugen konnten und das Windelkind nach einer gewissen Zeit gewickelt werden musste.
„Glaub nicht.“, zuckte der Achtjährige mit den Schultern. Zwischen seinen Beinen fühlte es sich an, wie morgens, wenn er über Nacht unbemerkt in seine Windel gestrullert hatte. Aber der aufgeweckte Junge wusste genau, dass er mindestens noch eine ganze Blasenladung Pipi hinein machen konnte. Schließlich hatte er das an den Wochenenden bei Papa und Oma morgens vor dem Fernseher immer gemacht und war dabei nie ausgelaufen.
„Wechselst du die schon selber, oder brauchst du dabei Hilfe?“, hakte die Dreizehnjährige nach. Sie wollte ungern, dass zu allem Überfluss nun auch noch die Windel des Grundschülers auslief und er mit nasser Hose herumlaufen musste.
„Nöö, meine Oma macht das.“, antwortete Noah, „Sie hat auch Wickelzeug mitgenommen.“
„Sollen wir lieber mal zu deiner Oma gehen, damit sie nachschaut, ob du eine frische Windel brauchst?“
Isi war in ihrem Element. Zwar wirkte sie auf Gleichaltrige immer hart und cool, aber insgeheim liebte sie es, sich um ihre kleinen Brüder oder allgemein um Kinder zu kümmern. Schon früh hatte sie ihrer Mutter beim Wickeln und Baden der Jungs geholfen und war immer zur Stelle, wenn es ums Babysitten ging. So wusste sie genau, wie sie in dieser unangenehmen Situation mit Noah reden musste. Nicht zu bestimmt, aber doch so, dass der blonde Lockenkopf einwilligen würde.
„Weiß nicht.“, antwortete Noah, „Ich glaub nicht, aber wir können Oma ja fragen.“
„Und auf dem Weg kann Anton auch noch einmal pullern gehen.“, wuschelte Isi ihrem Bruder durchs kastanienbraune Haar.
„Ich muss aber gar nicht.“, krähte Anton und zog eine Grimasse.
„Sicher Bruderherz?“, hakte Isi nach, „Komm, sicher ist sicher. Du warst das letzte mal, als wir Zuhause losgefahren sind.“
So machten sich Isi und die beiden Grundschüler auf den Weg. Am nächsten Toilettenhäuschen verschwand Anton für einen Augenblick und kehrte sichtlich entspannt zurück. Noah hatte sich wieder etwas von der verbalen Attacke seines Bruders erholt und pullerte ein wenig in seine nasse Windel. Von so etwas wollte er sich den Tag im Spielepark nicht kaputtmachen lassen! Sollte Jonathan doch alleine irgendwo versauern, Isi und Anton hatten sich dafür entschieden, bei ihm zu bleiben. Der Weg zurück zur Grillhütte dauerte länger als gedacht. Die Menschenmassen machten es den Kindern nicht einfach, sich hindurchzudrängen. Vor der Hütte erwartete Noah schon der Duft von frisch gegrillten Würstchen und sein Vater, der Mit der Grillzange in der einen und seinem Weizenglas in der anderen Hand das Essen zubereitete.
„Papa!“, rief Noah und stürmte auf seinen Vater zu, „Gibt’s bald Essen? Ich hab so Hunger!“
Stürmisch fiel der Achtjährige seinem Vater um den Hals und quasselte in gewohnter Manier auf ihn ein. Der geschiedene Versicherungsmakler brauchte einen Moment, um die Situation einzuordnen.
„Wo habt ihr denn Jonathan gelassen?“, fragte er, nachdem Noah ihm seine beiden neuen Freunde vorgestellt hatte.
Noah schluckte und blickte fragend zu Isi. Das Mädchen nickte verständnisvoll und trat hervor: „Wissen sie, die beiden sind aneinander geraten. Also…“, versuchte Isi die Geschehnisse wiederzugeben, Jonathan war echt fies zu Noah und da hab ich ihn halt…zurechtgewiesen.“
Frank seufzte hörbar. Das musste ja passieren! Warum war er nicht mit dem Kleinen mitgegangen und hatte Jonathan freie Hand gelassen? War ja zu erwarten, dass es Streit geben würde.
„Und wo ist er jetzt?“, fragte Frank und blickte die drei Kinder etwas beunruhigt an.
„Keine Ahnung. Er ist daraufhin einfach abgedampft. Der könnte überall im Park sein.“
Hastig zog Frank den zusammengefalteten Lageplan des Spieleparks aus seiner Hosentasche. Nach kurzer Orientierung tippte er mit seinem Zeigefinger auf eine der Attraktionen: „Da! Elf-Meter-Torschießen. Ich gehe jede Wette ein, dass er dort ist.“
Autor: Spargeltarzan | Eingesandt via Formular
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Tolle Fortsetzung. Weiter so 🙂