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Am Abgrund (2)

15/08/2026 0 comments Article Gemischt Nils
This entry is Teil 2 von 2 in the series Am Abgrund
Windelgeschichten.org präsentiert: Am Abgrund (2)

Ist halt so.“
Mehr fiel mir dazu nicht ein.
Keine Ahnung, wie lange ich schon an dieser Laterne stand. Keine Ahnung, wo diese Laterne stand. Es könnte überall in der Stadt sein. Bei Regen im Dunkeln sieht eh alles gleich aus. Ich versuchte, mich zu orientieren, aber es half nichts. Keine Menschenseele war zu sehen. Ich war ganz alleine, auf mich gestellt, wie so oft.
Mit einem kleinen Ruck setzte ich mich in Bewegung. Dieser verdammte Weg musste ein Ende haben. Ab und an fuhr mir ein Auto entgegen, mal überholte mich eines. Ein Radfahrer kam mir entgegen und rief mir zu: „Hey Junge, brauchst du Hilfe?“
„Nee, lass mal“, hörte ich mich sagen. „Ich wohne hier gleich ums Eck.“ Mit diesen Worten bog ich in die nächste Seitenstraße. Endlich wieder Ruhe, endlich alleine.
Der Regen lief mir über das Gesicht, meine Klamotten waren nass und klebten unangenehm an meinem Körper.
Eigentlich hätte ich mich schämen müssen.
Eigentlich hätte ich mir Sorgen machen müssen.
Eigentlich hätte ich nach Hause gehen sollen.
Eigentlich hätte ich die Hilfe annehmen sollen.
Stattdessen lief ich immer weiter durch den Regen, ohne Ziel, ohne Plan und ohne zu wissen, wo ich genau war.
Einige Objekte tauchten auf. Eine Schaukel, eine Rutsche, die Silhouette eines Spielplatzes konnte man erkennen. Und da war er, mein Plan, wie es weiterging.
Auf dem Spielplatz einen Unterschlupf finden, auf dem Handy schauen, wo ich war, und dann ab nach Hause.
Mit festen Schritten trottete ich los. Vorbei an einer Wippe, vorbei an einem Karussell und da war sie: die Spielhütte.
Mein Plan klappte.
Endlich eine trockene Sitzgelegenheit. Mit Schwung warf ich mich auf die doch recht kleine Bank in der Hütte.
„Was zum Geier ist das?“, schrie ich.
Kaum hatte ich mich hingesetzt, spürte ich es. Auf der Bank musste etwas Ekliges liegen, Schlamm oder so. Es verteilte sich komplett in dem Augenblick, in dem ich mich setzte. Schlagartig sprang ich wieder auf.
Mit der Hand fühlte ich vorsichtig über das Holz. Aber da war nichts, nur etwas Sand.
„Egal“, sagte ich mir. „Du hast einen super Plan und dein Handy hat auch Licht.“
Alles wird gut.
Mit frohem Mutes fasste ich in die Hosentasche. Erst links, dann rechts, dann tastete ich an meinen Beinen entlang.
Nichts.
Kein Handy.
Ich fasste an meinen Po, vielleicht ist es ja dort. Da war es wieder, dieses weiche, unangenehme Gefühl.
Scheiße!!!, mein Handy lag bei Flo auf dem Tisch.
Mein ganzer Plan war nichts mehr wert.
Müde und niedergeschlagen ließ ich mich wieder auf die Bank sinken.
Ist halt so.
Ob ich geschlafen habe? Keine Ahnung. Der Regen ließ irgendwann nach. Die Sonne bahnte sich ihren Weg in den neuen Tag.
Endlich erkannte ich, wo ich war.
Leicht zitternd machte ich mich auf den Weg. Schnell konnte ich nicht gehen, der ganze Körper fühlte sich an wie Blei. Nur langsam kam ich voran.
Die Welt um mich herum schien ganz normal. Die ersten Menschen kamen aus ihren Häusern, wohl auf dem Weg zur Arbeit oder wohin auch immer. Wirklich beachtet wurde ich nicht.
Endlich noch einmal abbiegen, dann war ich zu Hause.
Das Auto meines Vaters stand nicht mehr in der Einfahrt unseres Einfamilienhauses.
Gott sei Dank. Hoffentlich war meine Mutter auch schon los.
Zu früh gefreut.
In der Küche brannte Licht und meine Mutter ging gerade vom Esstisch zum Kühlschrank.
Egal. Ich will rein, duschen, schlafen, etwas trinken.
„Morgen“, murmelte ich, als ich ins Haus ging und an der Küche vorbeikam.
„Guten Morgen, Jonas“, hörte ich Mama aus der Küche sagen. „Du bist ja schon wach.“
Scheinbar war ihnen nicht aufgefallen, dass ich gar nicht zu Hause gewesen war.
Glück gehabt. So musste ich mir wenigstens keine guten Ratschläge anhören.
Zielsicher ging ich zur Treppe. Nach oben, in mein Zimmer.
Es sah noch genauso aus wie heute Nacht. Selbst eine halbvolle Flasche Bier stand da noch.
Immerhin ein kleiner Lichtblick.
Ich nahm einen Schluck. Es schmeckte alt, aber das war mir egal.
Bier ist Bier.
Ein leichter Druck in der Blase machte sich breit.
Ach ja, ich wollte duschen.
Na dann los.
Lust hatte ich keine. Einerseits wollte ich zwar aus diesen stinkenden Klamotten raus, sauber machen wollte ich es aber auch nicht. Es ist einfach nur ekelhaft, die Scheiße wegzumachen.
Nun, da musste ich wohl jetzt durch.
Also los.
Hose aus, Pulli aus, T-Shirt aus, Socken aus.
Die Boxershorts wollte ich erst in der Dusche ausziehen.
Fast hätte ich mich übergeben, aber es war bald geschafft. Ich war sauber und die Klamotten, inklusive meiner Bettwäsche, landeten im Keller in der Waschmaschine.
Mama hatte von all dem nichts mitbekommen. Sie musste auch los zur Arbeit. Ich war alleine im Haus.
Erst mal was essen.
Ich holte mir Brot, Butter und Wurst aus dem Kühlschrank und etwas Milch für meinen Kaffee.
Oder wollte ich einen Saft?
Im Kühlschrank stand O-Saft.
Oder beides?
Im Wohnzimmer baute ich mir alles auf. Der Fernseher lief schon. Einfach entspannen nach dieser Nacht.
Bis man endlich in Ruhe frühstücken kann, dauert es. Erst fehlt die Marmelade, dann der passende Löffel.
Beim dritten Gang in die Küche nahm ich klugerweise auch den O-Saft mit. Jedes mal kam ich dabei an unserer Hausbar vorbei. Und auf einmal beachtete ich sie. Da stand unter anderem eine Flasche Wodka. Ich sah die Flasche an, dann den Saft. Nur einen kleinen Schluck. Was kann denn schon passieren?
Es war kurz nach 13 Uhr, als ich wieder wach wurde. Das Frühstück stand immer noch auf dem Tisch. Die Flasche Wodka war fest leer. Meine Jogginghose war nass und kalt.
Ist halt so.
Gleichgültig ließ ich den Kopf wieder aufs Kissen fallen und starrte an die Decke. Da spürte ich es wieder, den leichten Druck in der Blase.
Ist halt so.
Und entspannte mich. Ich spürte, wie sich ein nasser, warmer Strahl in meiner Hose ergoss. Er lief langsam und unaufhaltsam überall hin, über meinen Po und weiter aufs Sofa.
Das Sofa!
Panisch stoppte ich den Strahl, sprang auf und sah die Bescherung. Ein großer nasser Fleck auf dem neuen Sofa. Was nun? Meine Eltern bringen mich um! Jetzt bloß keine Panik. Ich rannte in die Küche, holte Handtücher, einen Lappen und eine Schale mit Wasser. Es muss klappen. Immer wieder schrubbte ich mit dem Lappen über den Fleck. Ob es besser wurde, keine Ahnung. Aber der Fleck wurde immer größer, bis ich aufgab. „Besser kann ich es nicht“, murmelte ich.
Na toll. Nun durfte ich schon wieder Wäsche waschen! Ich war schon etwas sauer auf mich, als ich eine Hose sah. Es hilft nichts. Ist halt so.
Ich nahm mir auch die Handtücher und ging runter in den Waschkeller. Hier der nächste Schock. Die Maschine ist voll. „Man, ich habe da echt keinen Bock drauf. Immer das Gleiche. Mama macht echt nichts im Haushalt.“ Enttäuscht zog ich die Sachen aus der Maschine und stellte fest, dass alles mir gehörte. Meine Bettwäsche und auch die Hose von heute Morgen. Widerwillig hängte ich die Sachen auf. Meine nassen Klamotten warf ich mit den anderen Handtüchern in den Wäschekorb.
Mehr wollte ich nicht machen. Immerhin hatte ich schon das Sofa sauber gemacht.
Nackt, wie ich war, räumte ich noch das Frühstück weg, bevor ich wieder in meinem Zimmer auf dem Bett lag.
Mein Handy?
Mist.
Das war immer noch bei Flo. Ein Tag ohne Handy? Vergiss es! Ich musste da hin. Es holen. Ohne Handy ist man doch nur ein halber Mensch. Ich zog mir etwas an und musste zu Fuß los. Ich Trottel hatte auch noch mein Fahrrad bei ihm stehen lassen. Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg.
Draußen war inzwischen wieder alles trocken. Die Sonne schien, aber warm war es nicht. Mein Kopf fühlte sich immer noch schwer an. Jeder Schritt erinnerte mich daran, dass ich in den letzten Stunden nicht gerade gut mit meinem Körper umgegangen war.
Egal.
Ich brauchte mein Handy.
Und mein Fahrrad.
Und vielleicht auch etwas zu trinken. Jetzt ein schönes Bierchen.
Der letzte Gedanke kam mir so selbstverständlich, dass ich erst gar nicht darüber nachdachte.
Nach ungefähr zwanzig Minuten war ich an der Hauptstraße. Mein Magen knurrte. Das Frühstück am Morgen war wohl doch nicht wirklich ausreichend gewesen. Trotzdem kreisten meine Gedanken nicht ums Essen.
Ich dachte an Bier, an den Wodka von heute früh.
Vielleicht hatte Flo noch eins für mich. Bestimmt.
Ich ging weiter.
Als ich endlich vor seiner Einliegerwohnung stand, klingelte ich.
Nichts.
Ich klingelte noch einmal.
„Flo?“
Keine Antwort.
Ich drückte auf die Türklingel und wartete.
Wieder nichts.
Genervt trat ich gegen den kleinen Stein, der vor der Tür lag.
„Na super.“
Vielleicht schlief er.
Ich wollte mein Handy aus der Hosentasche holen und ihn anrufen. Dann fiel mir wieder ein, dass mein Handy nicht da war.
„Scheiße.“
Ich hatte völlig vergessen, dass es noch bei ihm lag.
Ich ging einmal um das Haus herum. Durch das Fenster konnte ich sehen, dass im Wohnzimmer der Fernseher lief. Also war er doch da.
Ich klopfte gegen die Scheibe.
Nichts.
Noch einmal.
Diesmal bewegte sich etwas.
Flo tauchte hinter dem Fenster auf. Er sah mich an, blieb aber einfach stehen. Dann ging er Richting Tür.
Er öffnete die Tür nur einen Spalt.
„Was willst du?“
„Mein Handy.“
Die Tür fiel wieder ins Schloss.
Ich war verwirrt.
Es dauerte nicht lange, da öffnete sich die Tür wieder.
„Hier ist es. Ich habe es sogar etwas aufgeladen. Und vergiss dein Fahrrad nicht, es steht da vorne bei den Mülltonnen.“
„Kann ich reinkommen? Hast du noch ein Bier?“
Flo rollte mit den Augen.
„Jetzt nicht. Und du hattest auch schon genug.“
„Was soll das? Ich dachte, wir sind Freunde!“
Flo kam etwas aus der Tür heraus. Seine Stimme war leise, aber sehr bestimmt.
„Das sind wir auch. Aber ich bin nicht alleine hier. Laura ist hier, also hau ab!“
„Dann behalte doch dein Zeug und viel Spaß mit Laura. Hoffentlich lohnt es sich für dich. Ich gehe mich nun woanders amüsieren.“
Leicht beleidigt zog ich los und schnappte mir mein Fahrrad. Flo hatte mir zwar noch etwas gesagt, aber ich hatte nicht mehr hingehört.
Er hat Laura und ich gleich ein kühles Blondes.
Ich schwang mich auf mein Drahtesel und fuhr los.
Einfach los.
Wohin? Keine Ahnung.
Nach Hause wollte ich nicht. Ich wollte noch was erleben.
Vorbei an dem Spielplatz von letzter Nacht, Richtung Marktplatz.
Bei einem Kiosk stoppte ich.
Ein Glück hatte ich mein Portemonnaie vorher noch eingesteckt.
Ein südländischer Mann saß hinterm Tresen und schaute auf sein Handy. Viel schien er gerade nicht zu tun zu haben.
Ich räusperte mich.
„Was darf es sein?“
Ich blickte umher. War etwas unentschlossen. Nehme ich ein Bier oder eine Cola?
„Zwei Bier, 0,5 l“, hörte ich mich sagen, ohne meinen Gedanken wirklich abgeschlossen zu haben. Aber nun ist es zu spät.
„Ausweis dabei?“
Ich zeigte ihn vor, bezahlte und setzte mich etwas abseits auf eine Bank.
Das tat gut.
Die erste Flasche war so schnell leer. Mit der zweiten ließ ich mir mehr Zeit. Ich wollte es genießen, bis auch dieses leer war.
„Noch zwei“, verlangte ich vom Kioskverkäufer.
Der Mann schaute mich überrascht an.
„Bist du dir sicher? Du hast gerade einen Liter Bier innerhalb von zwanzig Minuten vernichtet.“
Das war mir gar nicht bewusst.
„Ich nehme trotzdem noch zwei.“
„Eins reicht. Mehr wirst du hier heute nicht mehr bekommen.“
Na toll.
Aber besser als kein Bier.
Sitzend auf meiner Bank versuchte ich, mir das Getränk einzuteilen und zu genießen, aber auch das war schnell leer.
Ist halt so.
Hier bekomme ich bestimmt nichts mehr. Dann kann ich auch nach Hause fahren.
Ein leichtes Wanken ging durch meinen Körper, als ich mich von der Bank erhob und mir mein Fahrrad nahm.
Radfahren ist eine leichte Sache. Das können schon kleine Kinder. Nur diese doofe Stange in der Mitte ist im Weg.
Mein Bein muss da irgendwie rüber.
Aber wie?
Sonst war es doch auch kein Problem.
Also Bein hoch, ganz langsam mit beiden Händen am Lenker festhalten und dann rüber.
Ich lehnte mich leicht nach vorne und verlor mein Gleichgewicht.
Noch im letzten Augenblick konnte ich mich abfangen, aber mein Rad lag mir nun zu Füßen.
„Ich werde wohl schieben müssen“, rief ich in den Kiosk, wo der Mann mir schon einen besorgten Blick zuwarf.
Nun ja, wer sein Rad liebt, der schiebt.
Ich schob los.
Nach Hause. Zumindest war das der Plan.
Nach ein paar Minuten bemerkte ich, dass ich gar nicht in die richtige Richtung ging.
Egal. Irgendwo würde ich schon rauskommen.
Mein Handy vibrierte.
Ich blieb stehen.
Eine Nachricht von Flo.
Flo: Jonas, wo bist du?
Ich: Hier, wieso?
Flo: Sehr witzig. Bei dir zu Hause bist du nicht, da bin ich nämlich gerade.
Ich: Hmmm, und jetzt?
Flo: Wir machen uns Sorgen.
Ich: Wir???
Flo: Ja, Lisa und ich. Also, wo bist du?
Ich: Ja, keine Ahnung. Hier halt. Weiß ich doch nicht, wo ich bin. Wo bist du denn???
Flo: Sag mal, bist du besoffen???
Das wurde mir zu blöd. Ich und besoffen? Frechheit! Damit steckte ich mein Handy wieder weg.
Fortsetzung folgt.

Autor: Nils | Eingesandt via Ticket

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Tags: präsentiert, fiel, abgrund, halt, dazu
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