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Ein Traum mit Folgen (5)

07/08/2026 0 comments Article Jungs Littleboy99
This entry is Teil 5 von 5 in the series Ein Traum mit Folgen
Windelgeschichten.org präsentiert: Ein Traum mit Folgen (5)
Kapitel 5

Mit der rechten Hand griff er in die Packung und hielt einen Augenblick später etwas in den Händen. Etwas, was er bis vor einigen Jahren noch jede Nacht benötigt hatte. Eine flauschig-weiche Windel. Nicht irgendeine Windel, sondern eine Pampers Baby Dry in der Größe acht.

Der Herzschlag des Jungen beschleunigte sich, er war aufgeregt und leicht nervös. Aber wieso eigentlich? Einige Zeit hielt Simon die Windel in der Hand und fuhr nachdenklich über die Klebestreifen der Pampers. Er hatte in den letzten Minuten einen Plan geschmiedet, es würde absolut nichts schiefgehen und niemand würde etwas mitbekommen.

Nach einigen tiefen Atemzügen legte er die Windel auf den Rand der Badewanne und zog seine Shorts herunter. Nachdem er die Klebestreifen der Pampers geöffnet hatte, versuchte er, sich die Windel im Stehen anzulegen. Nach einigen erfolglosen Versuchen schloss er schließlich die Klebestreifen der Windel und zog die Schlafanzugshorts hoch.

Der Elfjährige lief einige Schritte umher und musste feststellen, dass sein erster Wickelvorgang sehr gut geklappt hatte. Die Windel saß genau richtig und fühlte sich angenehm an.

Leise schloss der Junge die Badezimmertür und schaltete anschließend noch das Licht aus. Das Haus war still und das Licht des Vollmondes fiel durch das Fenster des Kinderzimmers seines Cousins, als er dieses betrat. Auf leisen Sohlen schlich der Junge zum unteren Bett des Stockbettes, setzte sich auf die Bettkante und atmete durch.

Dem gleichmäßigen Atem nach zu urteilen schlief Luan bereits und bekam nicht mit, dass eine zweite Person sein Kinderzimmer betreten hatte. Der Junge blieb weiterhin möglichst still und versuchte, nicht zu viel Lärm zu machen. Er wollte Luan unter keinen Umständen aufwecken.

Simon dachte kurz nach. Er trug allen Ernstes wieder eine Windel und dies sogar freiwillig. Hätte ihm das jemand vor einigen Tagen gesagt, hätte Simon denjenigen wohl für vollkommen verrückt erklärt.

Der Junge erblickte, nachdem er in Gedanken auf seine Füße gestarrt hatte, einen länglichen Gegenstand auf dem Boden. Neben dem Bett stand eine volle Wasserflasche für ihn bereit, falls er in der Nacht Durst bekam. Durch die Aufregung hatte er allerdings schon jetzt mächtig das Verlangen nach Flüssigkeit.

Simon trank einen großen Schluck des kohlensäurehaltigen Wassers und stellte die Flasche anschließend wieder auf dem Boden ab.

Er sollte jetzt so langsam auch endlich mal schlafen. Der Tag war lange gewesen und seine Beine fühlten sich schwer an.

Als Simon unter der dünnen Decke, welche aufgrund der warmen Temperaturen nur seine Beine bedeckte, lag, drehte er sich auf die linke Seite zur Wand. Das Licht des Mondes war etwas auf der weißen Tapete zu sehen und ließ den Raum somit nicht komplett dunkel wirken.

Nach einigem Hin und Her hatte der Elfjährige schließlich eine optimale Schlafposition gefunden und war kurz darauf auch eingeschlafen.

Verschlafen öffnete Simon seine Augen und blickte auf eine große Holzplatte. Holzplatte? Merkwürdig. Wo war er denn jetzt wieder gelandet? War das schon wieder so ein wirrer Traum wie vor einigen Nächten?

Sein Blick wanderte im Raum umher. Er lag augenscheinlich in einem Kinderzimmer im unteren Bett eines Hochbettes. Waren sie gestern Abend nicht heimgefahren?

Simon grübelte und legte die Stirn in Falten. Ach ja, stimmt. Er und sein Vater übernachteten spontan bei Onkel Alex. Sein Hirn war wohl noch nicht ganz auf Betriebstemperatur angelangt.

Simon musste schmunzeln, doch im selben Moment änderte sich seine Miene. Eine geleeartige Masse war zwischen seinen Beinen zu spüren.

Erschrocken zog er seine Shorts ein wenig herunter und blickte auf den Windelbund einer Pampers. Er hatte es also gestern Abend wirklich durchgezogen und eine Windel angezogen. Die Windel war gut gefüllt und hatte ihren Dienst mit Bravour bestanden.

Simon tastete die Unterlage und das Laken auf der Suche nach Nässe ab. Alles trocken. Zum Glück war die Windel nicht ausgelaufen.

Eine Bewegung über ihm ließ Simon sofort aufhorchen. Luan war wohl auch bereits wach. Schnell stellte er sich schlafend und legte sich mit dem Rücken zur Wand. Jetzt bloß keinen Verdacht erregen.

Kurze Zeit später hörte Simon, wie sein Cousin die Leiter des Hochbettes herunterstieg.

„Ich weiß, dass du wach bist, Simon. Du musst dich nicht schlafend stellen“, scherzte Luan und stellte sich an die Bettkante.

„Ich bin noch nicht wach“, protestierte der Angesprochene erheitert und stellte sich weiterhin schlafend.

„Jetzt schon“, feixte der Achtjährige und warf seinem Übernachtungsgast kurzerhand seinen Kuschelaffen ins Gesicht.

Doch Simon konnte den Überraschungsangriff erfolgreich abwehren, indem er die Hände schützend vor sein Gesicht hielt.

„Ja, okay, ich geb’s auf“, grinste Simon und gab Luan seinen Affen zurück.

„Ich gehe runter, kommst du mit?“, fragte Luan und drückte sein Kuscheltier an sich.

„Gleich, ich muss noch kurz zur Toilette, dann komme ich auch runter“, log Simon. Er musste zwar ins Badezimmer, aber nicht, um auf die Toilette zu gehen, sondern um unbemerkt seine Windel zu entsorgen.

„Okay“, sagte Luan gut gelaunt und lief anschließend aus dem Zimmer. Sekunden später hörte er, wie Luan die Treppe ins Erdgeschoss herunterlief.

Simon blieb noch einen Augenblick liegen und stand anschließend auf.

Das Kinderzimmer von Luan war fast genauso eingerichtet wie seines, als Simon in Luans Alter war. Ein Stockbett, Kleiderschrank, ein Schreibtisch, Poster und ein Spieleteppich. Das Interieur war nahezu identisch, sogar das Legochaos auf dem Boden passte perfekt. Die beiden Zeiger der Wanduhr über dem Schreibtisch zeigten 07:35 Uhr an. Er hatte also ungefähr neun Stunden geschlafen.

Simon blieb vor dem Kleiderschrank stehen und sah sich im Spiegel an. Die Pampers zeichnete sich deutlich unter der Shorts ab und ließ keinen Zweifel offen, dass er ein Wickelkind war. Ein Außenstehender hätte den Jungen vermutlich eher als Neun- oder Zehnjährigen eingeschätzt und käme nie auf die Idee, dass Simon bereits elf Jahre alt sei. Dies lag nicht nur an seiner Körpergröße, sondern auch an der Tatsache, dass Simon einen grauen Schlafanzug mit einem grünen Dinosaurier auf der Vorderseite trug. Hätte ihn einer seiner Klassenkameraden in diesem Aufzug gesehen, wäre er geliefert gewesen.

Wieso stand er hier noch herum? Er sollte schleunigst die Windel loswerden, solange das Badezimmer noch frei war. Simon lief mit schnellen Schritten aus dem Kinderzimmer und lauschte, bevor er durch die Türe trat, ob die Luft rein war. Unten im Erdgeschoss hörte er Luan mit seiner Mutter sprechen. Die Stimme seines Onkels und seines Vaters konnte er nicht ausmachen. Vielleicht schliefen beide noch.

Schnell lief er zur Badezimmertür und klopfte an die Tür. Keine Reaktion. Es war also gerade nicht besetzt. Nachdem er die Badezimmertüre hinter sich geschlossen und zur Sicherheit die Türe abgeschlossen hatte, setzte er sich auf den Toilettendeckel. Der Junge musste die Windel einfach nur in den kleinen Mülleimer tun. Guter Plan. Ruckartig zog er die Shorts herunter und blickte auf die leicht gelb gefärbte Babywindel. Mit einem Ruck riss er den Klebestreifen auf und rollte die Windel zusammen. Sekunden später landete die Windel mit einem lauten Plopp im Mülleimer. Simon hoffte einfach nur, dass sein Plan funktionierte und niemand die Windel entdeckte. Nachdem er sich notdürftig mit Klopapier sauber gemacht hatte, wusch er sich am Waschbecken die Hände.

Gemütlich lief Simon anschließend die Treppe herunter und machte sich auf direktem Wege auf in die Küche.

„Morgen, Großer, gut geschlafen?“, begrüßte ihn sein Vater, nachdem er die Küche betreten hatte.

„Ja, ganz gut“, lächelte sein Sohn, umarmte seinen Vater und setzte sich kurz darauf neben Luan an den üppig gedeckten Frühstückstisch. Es gab ein reichliches Angebot an Belag für die Frühstücksbrötchen, welche im Brotkorb bereits vor sich hin dufteten und nur darauf warteten, verspeist zu werden.

„Wo ist Onkel Alex?“, fragte Simon in die Runde und sah auf.

„Dein Onkel schläft noch. Es wurde gestern doch etwas zu spät“, sprach Nicole gut gelaunt und schenkte den beiden Kindern jeweils eine Tasse kalten Kakao ein.

Nach und nach fingen alle am Tisch an, zu frühstücken, und es wurde still in der Küche. Die einzigen Geräusche, welche zu hören waren, waren das Ticken der Küchenuhr und das vereinzelte Klirren von Besteck.

Nach dem Frühstück räumten alle gemeinsam den Tisch ab.

„Ich und Simon sind in meinem Zimmer, ich möchte ihm mein Lego zeigen“, sprach Luan, dessen Wörter sich beim Sprechen fast überschlugen. Die beiden Kinder hatten die Küche bereits fast verlassen, doch seine Mutter hatte etwas dagegen.

„Moment, ihr zwei. Luan, du putzt dir bitte zuerst die Zähne und ziehst dich an. Anschließend macht sich Simon fertig und dann könnt ihr spielen“, bremste Nicole die Euphorie ihres Sohnes und brachte den Achtjährigen dazu, einen Schmollmund zu ziehen.

„Aber …“, versuchte Luan zu protestieren, musste aber schnell einsehen, dass er damit wenig Aussichten auf Erfolg hatte.

„Kein Aber, je schneller du fertig bist, je eher kann sich Simon anziehen. Also ab ins Bad mit dir“, stellte Nicole ihren Standpunkt klar und ließ den Achtjährigen mit einem einfachen „Na gut“ nachgeben. Unmittelbar danach war Luan auch schon die Treppe nach oben hochgestiegen.

——————————————

Ungefähr zwei Stunden später saßen die Jungs in Luans Kinderzimmer auf dem Teppich. Vor ihnen lagen allerlei kleine Legosteine, welche die beiden zuvor aus einer großen Kiste ausgekippt hatten. Luan setzte gerade den nächsten Baustein an das Fundament eines großen Wolkenkratzers.

„Denkst du, das hält?“, fragte der Achtjährige skeptisch und begutachtete das angefangene Bauwerk von allen Seiten.

Simon dachte nach. Ihr Ziel war es, den Turm so hoch wie möglich zu bauen. Damit dieser nicht früher oder später in sich zusammenfiel, mussten sie mehr Steine an die Ecken befestigen, um den Gewichtsunterschied auszugleichen.

„Wir müssen mehr Steine unten an den Seiten befestigen, damit sich das Gewicht ausgleicht“, erklärte Simon und schob mit der Hand einen Haufen Steine vor die beiden.

„Woher weißt du das?“, wollte Luan wissen und sah den Jungen kurz an, während beide eifrig an dem Wolkenkratzer weiterbauten.

Der Angesprochene musste schmunzeln. „Habe ich mal in einem Video gesehen“, antwortete Simon.

Kaum hatte Simon den Satz zu Ende gesprochen, klopfte es an der Türe des Kinderzimmers. Onkel Alex betrat das Zimmer und sah beide Kinder an. „Hallo ihr beiden, ich habe euch etwas Saft mitgebracht“, sagte Alex und stellte die beiden Gläser, welche mit Saft gefüllt waren, auf den Schreibtisch seines Sohnes.

„Na, was baut ihr denn Schönes?“, wollte Alex wissen und sah sich das Bauprojekt der beiden an.

„Den höchsten Wolkenkratzer der Welt“, rief Luan euphorisch und sah seinen Papa an.

Erneut musste Simon grinsen. Die Begeisterung, welche sein kleiner Cousin beim Legobauen hatte, kannte er nur zu gut. Früher hatte er, besonders an regnerischen Tagen, nahezu jede freie Minute an seinen Bauprojekten mit derselben Begeisterung gesessen. Manchmal bauten sogar seine Eltern mit ihm zusammen.

„Wow, na dann möchte ich euch auch nicht lange stören. Ich wollte euch eigentlich nur fragen, was ihr lieber zu Mittag mögt. Kartoffeln mit Schnitzel und Spinat oder Pommes mit Nuggets“, wollte Alex von den beiden wissen.

Kaum hatte er den Kindern die beiden Vorschläge unterbreitet, hatten sich die beiden entschieden.

„Pommes mit Nuggets“, riefen die zwei synchron und mussten Sekunden später lachen.

Auch Alex stieg mit ein.

„Alles klar, ihr beiden, dann weiß ich Bescheid. Wenn ihr etwas braucht, wir sind im Garten. Wir stutzen gerade die Hecken. Wir holen euch dann, wenn das Essen fertig ist“, sprach Alex, lächelte und verließ Sekunden später wieder das Zimmer.

Nun waren die beiden wieder komplett in ihr Bauprojekt vertieft. Stein um Stein wurde zusammengesetzt und der Wolkenkratzer wurde immer stabiler.

„Bin gleich wieder da, ich muss zur Toilette“, sagte Luan kurz, stand auf und lief aus dem Zimmer.

Um nicht sinnlos Löcher in die Luft zu starren, nahm Simon sein Smartphone aus der rechten Hosentasche und entsperrte es. Matthis hatte ihm Bilder aus dem Barcelonaurlaub geschickt. Außerdem gab es noch allerlei Nachrichten in der Klassengruppe. Finn und Sascha spammten die Klassengruppe wieder einmal mit sinnlosen Memes und Videos zu. Desinteressiert schloss er den Chat wieder. Er hatte keine Lust, sich diese ganzen sinnlosen Nachrichten durchzulesen.

Stattdessen wechselte Simon noch einmal in den Chat mit Matthis. „Coole Bilder, kannst dich ja heute Abend mal melden, falls du Zeit hast. Hau rein“, schrieb er zurück und wechselte in den Homescreen. Ziellos scrollte er durch seine Galerie und versuchte, die Wartezeit zu überbrücken.

„Bin wieder da“, rief Luan und setzte sich wieder neben Simon auf den Teppich.

„Dann können wir ja weitermachen“, grinste der Junge, steckte sein Smartphone wieder weg und widmete sich wieder ihrem Bauprojekt.

——————————————

„Ist das kurz genug, Alex?“, fragte Thomas, während er auf der Leiter stand, und zu ihm hinunter sah.

Alex schaltete den Rasenmäher aus und sah sich die Hecke genauer an. Mit größter Genauigkeit hatten beide in den letzten Stunden die Hecken gestutzt und waren mit ihrem Ergebnis bisher ziemlich zufrieden.

„Ja, sollte passen. Gute Arbeit“, erklärte er lächelnd und nahm die Heckenschere, die ihm sein Bruder gegeben hatte, entgegen.

Die beiden Familienväter hatten die freie Zeit genutzt und gemeinsam in den letzten Stunden die Hecken, welche den Garten des Einfamilienhauses umgaben, gestutzt sowie den Rasen gemäht. Da ihre Söhne gerade in Luans Zimmer miteinander spielten und Nicole Hausarbeiten erledigte, war dies die perfekte Gelegenheit gewesen, in Ruhe zu arbeiten.

Die Mittagssonne stand bereits am Himmel und schien auch an diesem Tag keine Anstalten zu machen, ihre UV-Strahlung zu reduzieren. Bis zu sechsunddreißig Grad sollten die Temperaturen heute steigen.

„Zum Glück sind wir recht zügig fertig geworden. Jetzt ist es noch angenehm, aber später soll es wieder heiß werden. In der Mittagshitze hätten wir es nicht lange ausgehalten“, stellte Alex fest, nachdem er den Rasenmäher in den geräumigen Gartenschuppen gestellt hatte und die Türe schloss.

„Ja, da hast du Recht“, bestätigte Thomas und schenkte ihnen jeweils ein Glas Wasser ein.

„Ach übrigens, Ich habe da noch eine Überraschung für dich, Bruderherz. Eine Sekunde“, sprach Alex und war, ohne dass sein Bruder auch nur den Hauch einer Chance hatte, nachzuhaken, aufgestanden und im Haus verschwunden.

Fragend sah ihm Thomas hinterher und nippte an seinem Wasserglas. Was für eine Überraschung sein Bruder wohl für ihn haben würde? Es gab schließlich keinen Anlass für irgendwelche Geschenke oder Sonstiges.

Gut gelaunt setzte sich sein Bruder, nachdem er wieder zurück war, ihm gegenüber und drückte ihm mit einem knappen „Bitte“ einen Umschlag in die Hand.

„Was ist das?“, fragte er nachdenklich und sah sich den weißen Briefumschlag genauer an. Auf den ersten Blick war nicht zu erkennen, was sich in dem Umschlag befand. Es stand weder ein Empfänger noch ein Absender darauf.

„Mach ihn auf, dann siehst du es“, grinste Alex und wartete gespannt darauf, dass Thomas den Umschlag öffnen würde und der Inhalt zum Vorschein kam.

Vorsichtig öffnete sein Bruder den Umschlag und blickte überrascht hinein. Zum Vorschein kam etwas, was er so niemals erwartet hätte.

„Was? Ich dachte, das Konzert wäre längst ausverkauft“, rief der Beschenkte ungläubig und starrte die beiden Konzerttickets an.

Vor zwölf Jahren waren er und sein Bruder zuletzt auf einem Konzert der Band gewesen und hatten sich seitdem eigentlich fest vorgenommen, wieder hinzugehen. Doch mit der Geburt ihrer beiden Söhne und nicht zuletzt dem Tod von Simons Mutter geriet der Plan in Vergessenheit. Bis jetzt.

„Wie hast du noch Karten bekommen?“, fragte er und legte die beiden Eintrittskarten in die Mitte des Gartentisches.

„Mein Kollege auf der Wache kennt jemanden, der jemanden kennt, welcher einen guten Draht zum Konzertbetreiber hat. Über denjenigen habe ich noch zwei Karten ergattern können“, antwortete er und zog die Karten zu sich.

„Schau mal, wo wir sitzen“, sprach er knapp und deutete mit dem Finger auf die Platzzuweisung ihrer Eintrittskarten.

„Reihe Eins, Platz Acht und Neun“, war jeweils darauf zu lesen und brachte Thomas, als er realisierte, dass beide Premiumplätze ergattert hatten, dazu, seinem Bruder freudig um den Hals zu fallen.

Doch die Euphorie hielt nicht lange an. Plötzlich wirkte Thomas unsicher und sah nachdenklich auf die Tischplatte vor sich.

„Alex, denkst du wirklich, dass es eine gute Idee ist, zu diesem Konzert zu gehen? Ich weiß nicht, ob ich dazu schon bereit bin, zumal ich nicht weiß, wer in der Zeit auf Simon aufpassen soll“, erklärte er unsicher und brachte seinen Bruder dazu, lautstark zu säufzen.

Alex sah ihm tief in die Augen und dachte nach.

„Mensch Thomas, du kannst dich nicht ewig in deinem Schneckenhaus verkriechen und nur Vater sein. Du musst auch mal an dich denken und mal wieder Spaß haben. Simon ist kein Kleinkind mehr und merkt auch, dass du dich immer mehr zurückziehst“, tadelte Alex anschließend seinen Bruder.

„Bis zum Konzert dauert es ja noch, da bleibt noch Zeit, sich zu überlegen, wo Simon dann unterkommt. Wenn er möchte, kann er auch wieder hier übernachten. Luan würde sich mit Sicherheit riesig freuen. Du weißt, dass unsere Türe für euch immer offensteht, dafür sind Brüder da“, redete Alex weiter auf ihn ein und redete seinem Bruder ins Gewissen.

„Mhm“, murmelte Thomas kurz und hob seinen Blick.

„Wir gehen zu diesem Konzert und lassen mal wieder richtig die Sau raus, wie früher. Keine Diskussion“, erklärte er abschließend und Thomas sah ein, dass er, genauso wie gestern Abend, keine Chance hatte, gegen den Willen von ihm anzukommen. Hatte sich Alex einmal etwas in den Kopf gesetzt, wurde es auch am Ende so gemacht. Es war schon immer so gewesen und würde sich auch nie ändern.

„Na schön, du hast wieder einmal gewonnen und deinen Kopf erfolgreich durchgesetzt“, witzelte Thomas und steckte die beiden Eintrittskarten wieder in den Umschlag zurück.

Alex legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Wie ich sehe, hat die Überraschung funktioniert“, kam es unerwartet von Nicole, welche im Türrahmen stand und die beiden Männer wissend anlächelte.

„Das Mittagessen ist übrigens gleich fertig. Ich hole mal die Jungs, ihr könnt ja in der Zeit den Tisch decken“, erklärte Nicole anschließend und machte sich auf den Weg nach oben.

In der oberen Etage hatten die beiden Kinder ihr Bauprojekt mittlerweile so gut wie beendet. Der Wolkenkratzer, welchen beide in den letzten Stunden erfolgreich errichtet hatten, war fertig. Stolz blickte Luan ihr vollendetes Werk an und stellte sein, mittlerweile ausgetrunkenes, Glas auf den Schreibtisch zurück. Auch Simon hatte sein Glas bis auf den letzten Tropfen geleert und war ebenfalls sehr zufrieden mit ihrem Bauwerk.

„Der ist echt groß geworden“, staunte Luan noch immer und sah Simon stolz an.

Der Elfjährige hatte sich gerade auf den roten Schreibtischstuhl seines Cousins gesetzt und wippte mit dem Fuß auf und ab.

„Ja und wie“, war auch er zufrieden und schlug mit Luan ein.

Ein Klopfen an der Zimmertüre ließ beide Kinder ihren Kopf fast synchron zur Türe schnellen.

„Hallo ihr zwei, das Essen ist fertig. Kommt ihr?“, lächelte Nicole, im Türrahmen stehend, freundlich und sah beide Kinder an.

„Schau mal, was wir gebaut haben“, lenkte Luan ihre Aufmerksamkeit auf ihr vollendetes Lego-Werk und erklärte seiner Mutter nun detailliert, wie sie die Konstruktion so hoch bauen konnten. Die Wörter sprudelten nur so aus dem Mund des quirligen Achtjährigen heraus und Simon fragte sich, woher der Kleine diese unbändige Energie hernahm.

„Sehr gut habt ihr das gemacht, Luan. Aber jetzt essen wir erstmal“, erklärte sie ihrem Sohn und wuschelte ihm durch die Haare.

„Ja, klingt gut“, schaltete sich nun Simon ein, welcher bis hierhin still auf dem Schreibtischstuhl gesessen hatte, und stand auf.

Nachdem Simon und Luan zusammen mit Nicole nach unten gegangen waren und sich vor dem Essen die Hände gewaschen hatte, saßen nun alle beim Mittagessen.

Natürlich musste Luan auch dort den Erwachsenen haargenau die Statik ihres Legokonstruktes erklären und brachte Simon mehrmals dazu, zu grinsen.

„Also, ich glaube, ich weiß schon, was Luan später mal wird“, sagte Thomas erheitert und brachte Luan dazu, ihn fragend anzusehen.

„Was denn?“, kam es prompt vom Jüngsten am Tisch.

„Architekt“, war die kurze, aber präzise Antwort von Simon, welcher sich bis eben aus den Gesprächen am Tisch rausgehalten hatte.

„Braucht man da Mathe?“, kam die Gegenfrage von Luan.

„Ja“, bestätigte Simon und piekste gerade eine Pommes mit der Gabel auf.

Luan zog eine Augenbraue hoch.

„Dann will ich doch kein Architekt werden. Ich hasse Mathe“, stellte Luan nun klar und lehnte sich zurück.

Das konnte Simon sehr gut verstehen. Mathe war auch nicht gerade seine Stärke. Vor der letzten Klassenarbeit bei Herrn Haschke hatte er eine Woche zuvor jede freie Minute genutzt, um zu lernen. Er wollte schließlich unbedingt ein gutes Endjahreszeugnis. Am Ende wurde seine Arbeit eine Drei minus und Simon war damit mehr als zufrieden.

Herr Haschke hatte nämlich die Angewohnheit, seine Schüler einzeln nach vorne zu bitten und ihnen ihre Note mitzuteilen. Tizian hatte ihm, nachdem er seine Arbeit bekam und an Simons Tisch vorbeilief, einen Todesblick zugeworfen. Sein Erzfeind musste sich, ganz im Gegensatz zu ihm, mit einer glatten Vier begnügen und war aufgrund dessen echt sauer gewesen. Simon konnte sich an diesem Tag ein fettes Grinsen nicht verkneifen.

——————————————

Mittlerweile war es Abend geworden und er und sein Vater waren seit einigen Stunden wieder zuhause. Nach dem Mittagessen hatten er und Luan noch ein wenig zusammen Fußball gespielt. Die Erwachsenen kümmerten sich in dieser Zeit um den Abwasch und hatten sich nach getaner Arbeit auf die Terrasse gesetzt.

Nun lag Simon in seinem Bett und war in ein Buch vertieft. Kurz nach Einundzwanzig Uhr war es bereits. Der Elfjährige hatte schon seit einer Stunde seinen Schlafanzug an. Dieser würde mit ziemlicher Sicherheit wieder nass werden, genauso wie die anderen Exemplare zuvor, dachte Simon. Gestern Abend hatte er sich, um ein erneutes Missgeschick zu vermeiden, heimlich eine von Luans Windeln angezogen und war zum ersten Mal seit Tagen am nächsten Morgen in einem trockenen Schlafanzug aufgewacht.

Simon dachte nach.

Wieso musste auch ausgerechnet ihm sowas passieren? Ach, fuck. Das war doch alles Mist. Frustriert schlug Simon auf die grüne, mit Fußbällen bestückte Bettdecke und legte sein Buch zur Seite. Als hätte er nicht schon genug andere Probleme. Das Letzte, was er jetzt noch gebrauchen konnte, war diese nächtliche Bettnässerei.

Die Vibration seines Smartphones ließ den Elfjährigen seinen Blick von der Decke abwenden. Er hatte diese in den vergangenen Minuten angestarrt und wie so oft in den letzten Tagen nachgedacht. Simon bekam einen Anruf. Sein bester Freund Matthis rief aus Spanien an.

„Hi Matthis“, begrüßte er seinen besten Freund.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

„Hey Simon, endlich habe ich mal Gelegenheit, dich anzurufen“, sagte er gut gelaunt.

Simon konnte das Grinsen in Matthis‘ Gesicht förmlich sehen und musste kichern. Der Elfjährige hatte seine Position nun gewechselt und lag auf dem Bauch. Lässig hielt er das schwarze Gerät an sein Ohr und hörte seinem Freund aufmerksam zu.

Matthis erzählte ihm gerade davon, wo sie heute und in den vergangenen Tagen überall waren. Die Familie hatte bereits einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt besichtigt. Ein besonderes Highlight war für seinen Freund ohne Zweifel das weltberühmte Fußballstadion der Metropole. Er und sein Vater hatten sich einer Stadionführung angeschlossen und bekamen Einblicke in verschiedene Bereiche des Stadions, wie z. B. die Presseräume oder das vereinseigene Museum. Am besten gefielen Matthis allerdings die Umkleidekabinen.

„Das war sowas von krass, Alter. Ich saß einfach auf einem der Plätze“, schwärmte er und Simon hörte gespannt zu. Der Junge konnte die Begeisterung von ihm so gut nachvollziehen. Als er mit seinen Eltern damals ebenfalls dort Urlaub gemacht hatte, war er genauso überwältigt von der Stadt gewesen wie Matthis.

„Und bei dir? Alles klar?“, fragte Matthis, und Simon konnte nicht anders, als zu seufzen. Es war überhaupt nichts klar, ganz und gar nicht.

„Ich hatte letztens einen Traum von Mama“, platzte es aus ihm heraus.

„Oh“, kam es prompt aus der anderen Leitung.

Langsam fing Simon an, von seinem Traum zu erzählen. Das Thema mit dem Bettnässen ließ er bewusst weg. Alle Einzelheiten wollte er ihm jetzt doch nicht erzählen. Simon fuhr währenddessen nachdenklich über den Stoff seines Schlafanzuges und war sich ziemlich sicher, dass dies ein längeres Gespräch zwischen den beiden Freunden werden würde.

Autor: Littleboy99 | Eingesandt via Formular

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