Kein Zurück (28)
Kapitel 28: Hauptkommissar Obermeier
Als ich nach dem Gespräch mit Mom gerade auf mein Zimmer gegangen war, bekam ich eine Message von Steffi. ‘Ich soll Dir Ninas Nummer weiterleiten. Viel Erfolg!‘ und Ninas Nummer.
Mit viel Herzklopfen rief ich Nina an. Nach dem zweiten Klingeln hob sie ab. „Hallo Nina. Hier ist Nico.“
„Hallo Nico.“
„Bist du schon wieder vom Wettkampf zu Hause?“
„Ja, schon länger.“
„Und wie lief’s?“
„Bei der 400-Meter-Staffel wurden wir Erste und über 800-Meter wurde ich Zweite. Vielleicht sollte ich mal ein bisschen Ausdauer mit dir trainieren, dann hätte ich vielleicht auch die 800 gewonnen.“
„Für Grundlage ist es diese Saison zu spät, aber das können wir im Winter sehr gerne mal machen. Im Winter laufe ich auch regelmäßig. Ich habe übrigens eine gute Idee für dein Geburtstagsgeschenk. Aber das soll eine Überraschung werden. Du brauchst einen Abend Zeit, ab ungefähr fünf Uhr und bis es dunkel wird. Wir fahren mit dem Rad wo hin und sind dann im Freien. Wir brauchen also auch gutes Wetter. Darf ich dich dazu einladen?“
„Ja, aber unter der Woche geht es eher nicht. Am kommenden Wochenende muss ich Freitag und Samstag schon babysitten. Wie wäre es mit übernächstem Samstag, wenn das Wetter gut ist? Lass uns einfach so zwei bis drei Tage vorher nochmal telefonieren und das abhängig vom Wetterbericht fix machen. Ja?“
„Klar. Danke, dass du meine Einladung annimmst.“
Ich telefonierte noch bis neun mit Nina.
***
Am Dienstag traf ich vor der Yogastunde auf Nina. Sie setzte sich wie früher auf die Bank zu mir und wir unterhielten uns. Mein Herz machte einen Hüpfer. Noch eineinhalb Wochen bis zu unserem Picknick. Inzwischen beschäftigte mich nicht mehr die Frage nach einer zweiten Chance, denn die bekam ich ja scheinbar schon. Wenn das Picknick so lief, wie ich es mir vorstellte, würde ich aber allen Mut zusammennehmen und sie fragen, ob sie meine Freundin sein möchte. Wer weiß, vielleicht würde es ja zu einem ersten Kuss kommen. Meinem ersten richtigen Kuss.
***
Am Mittwochabend trafen wir uns wieder in großer Runde in der Eisdiele. Lea und Hannah mussten noch verschiedene Dinge erledigen und verabschiedeten sich daher vorzeitig. Dann gaben sie sich noch einen langen Kuss und gingen in verschiedene Richtungen davon.
Sophie hatte das mit Lea und Hannah scheinbar noch gar nicht mitbekommen. Sie fragte völlig verstört: „Habt ihr das gesehen? Lea und Hannah haben sich geküsst!“
Jannik, der heute wieder einen seiner fiesen Tage hatte, sagte: „Nein, das glaube ich nicht, da bildest du dir sicher was ein. Wahrscheinlich hatte Hannah nur noch etwas Eiscreme an der Backe und Lea hat sie sauber gemacht.“
„Nein, die haben sich geküsst! Ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen. Das geht doch nicht, das sind doch beides Mädchen.“
Jannik setzte noch eins drauf: „Also bist du dir da ganz sicher? Hast du schon nachgeschaut?“
Sophie schrie aufgebracht: „Jannik, hör auf mich zu verarschen!“
Zum Glück mischte sich Janina ein, um sie zu besänftigen: „Sophie, das ist doch nichts Außergewöhnliches mit Lea und Hannah. Wir wussten das alle schon und hatten nicht mitbekommen, dass dir das entgangen ist.“
Doch Sophie ließ sich nicht beruhigen und rauschte wutentbrannt ab. Janina sagte noch: „Mann, Jannik!“ und rannte ihr hinterher.
***
Am Donnerstag war ich zum Abendessen bei den Schmalbecks eingeladen. Lea hatte Geburtstag. Am Freitag war ihre große Party und heute feierten wir nur im kleinen Familienkreis. Es war eine große Ehre für mich, dass ich zur Familie gezählt wurde. Außerdem lernte ich Flo kennen. Er war sehr maskulin. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er schwul ist. Er und Tom waren ein sehr attraktives Paar und passten offensichtlich sehr gut zueinander.
Tom fuhr schon wieder fleißig auf der Rolle. Nicht mehr lange, dann konnten wir gemeinsam trainieren. Was unsere Trainer wohl von der Idee hielten?
Lea hatte ihr Praktikum inzwischen abgeschlossen und steckte mitten in den Vorbereitungen für den Umzug und das Studium.
Da Hannah unter der Woche nicht übernachten konnte, nutzte sie wieder die Gelegenheit, mit mir gemeinsam nach Hause zu fahren. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, fuhren wir den Berg hinunter. Plötzlich schrie Hannah: „Ich kann nicht bremsen!“ Ich fuhr hinter ihr und musste hilflos mit ansehen, wie sie in der Kurve ungebremst geradeaus ins Unterholz fuhr. Ich hörte nur noch einen langen Schrei und Äste knacken. Ich hielt so schnell wie möglich an, legte mein Rad auf den Boden und rannte zu der Stelle zurück, wo Hannah die Straße verlassen hatte. Auf dem Waldboden sah man deutlich ihre Fahrspur und zwei tiefe Schleifspuren, wo sie mit den Füßen bremsen wollte. Ich folgte der Spur etwa zehn Meter, bis ich Hannah neben ihrem Rad am Boden liegen sah.
„Hannah, bist du bei Bewusstsein?“
Hannah blickte mich kreidebleich an: „Ja.“
„Wo tut es dir weh? Kannst du deine Beine spüren?“
„Mir tut es nirgends weh.“
„Okay, du stehst unter Schock. Warte mal, bis das Adrenalin nachlässt.“
„Aber mir tut nichts weh. Nur die kleinen Kratzer an den Armen und Beinen von den Ästen. Ich glaube, mir ist tatsächlich nichts passiert.“ Sie setzte sich auf und bewegte langsam alle Gelenke, zitterte aber am ganzen Körper.
„Echt? Dann hast du ja mächtig Glück gehabt. Alleine schon, dass du genau zwischen allen Bäumen durch bist. Soll ich trotzdem einen Krankenwagen rufen?“
„Nein, gib mir noch einen Augenblick, bis ich mich wieder gefangen habe. Aber mir tut immer noch nichts weh.“
Ich ließ Hannah ein paar Minuten auf dem Boden sitzen, bis sie aufhörte zu zittern. Ich schaltete am Handy das Licht an, schaute ich mir ihr Rad an und fragte: „Wie alt ist dein Rad?“
„Das habe ich im April neu zum Geburtstag bekommen.“
„Und wer schraubt daran rum?“
„Niemand. Bisher war noch nichts kaputt.“
„Hannah, dir hat jemand ziemlich dilettantisch mit dem falschen Werkzeug die Bremsleitungen losgeschraubt.“
„Sicher?“
„Ja, ganz sicher. Beide Überwurfmuttern sind locker und zerkratzt.“
„Und jetzt?“
„Mit dem Rad kannst du nicht mehr fahren. Außerdem sollten wir zur Polizei gehen. Haben deine Eltern einen Radträger?“
„Nein.“
„Dann rufe ich meine Mom an.“ Ich rief sie an und sagte ihr, dass es einen Unfall gegeben hatte, bei dem sich aber niemand verletzt hat und dass Hannahs Rad kaputt ist und Mom bitte den Radträger montieren und uns holen sollte. Ich schickte Mom noch ein Glympse, damit sie uns schneller finden konnte. Dann half ich Hannah auf und befreite sie vom Laub. Danach gingen wir gemeinsam zur Straße zurück und gaben noch Hannahs Eltern Bescheid.
Zum Glück war Mom sehr geübt darin, den Radträger zu montieren, sodass sie schon nach knapp 20 Minuten da war. Während der Fahrt erzählten wir ihr, was passiert war und ließen uns zum Polizeirevier fahren.
Wir betraten zu dritt das Revier. Da Hannah immer noch ziemlich mitgenommen war, übernahm ich das Reden. Ich erklärte der jungen Polizistin hinter der Theke kurz, was passiert war. Sie bat uns, kurz auf der Wartebank Platz zu nehmen und verständigte jemanden. Kurz darauf kam ein sportlicher Vierzigjähriger mit kurz rasierten Haaren in Zivil. Er stellte sich uns als Hauptkommissar Obermeier vor. Er bat uns, in ihm in sein Büro zu folgen. Dort nahm er unsere Personalien auf und ich musste ihm die Geschichte noch einmal ganz ausführlich erzählen. Danach wollte er noch Hannahs Rad sehen. Bisher hatte er noch fast gar nichts gesagt. Wir gingen zurück in sein Büro, wo er anfing, ganz viele Fragen zu stellen. Die meisten gingen in die Richtung, ob Hannah Feinde hatte oder einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte. Natürlich hatte Hannah keine Ahnung.
Danach sagte er zu mir: „Ich habe ein gutes Personengedächtnis. Das ist von Vorteil in meinem Job. Wenn ich mich richtig erinnere, war dein Bild in der Zeitung mit einem Artikel über dich, weil du ein erfolgreicher Nachwuchs-Radrennfahrer bist, oder?“
„Ja. Aber mit meinem größten Konkurrenten bin ich befreundet und er war den ganzen Nachmittag mit uns zusammen. Außerdem, hätte sich niemand aus dem Radsport an Hannahs Rad vergriffen, wenn er mir an den Kragen will.“
„Wieso, auf dem Auto sah ich zwei fast identische Rennräder. Ich konnte da keinen Unterschied erkennen.“
„Ja, aber Hannahs Rad ist von der Marke Liv. Jeder, der sich ein bisschen mit Rennrädern auskennt, weiß, dass Liv die Damenlinie von Giant ist. So ein Rad würde ich nie fahren. Ich habe keine Feinde oder wüsste auch keinen, der mir sowas antun will.“ Kevin konnte ich ausschließen. Der hatte ja kein Problem damit, mir offen Gewalt anzutun und jetzt auch kein Motiv mehr.
Danach überlegte der Kommissar kurz und setzte uns grob über seine Eindrücke in Kenntnis: „Ich kenne es, dass Jugendliche aus Übermut die Luft aus den Reifen lassen, sogar losgeschraubte Teile kommen vor. Aber beide Bremsleitungen zu manipulieren ist kein Spaß mehr, selbst wenn es einer hätte sein sollen, was ich aber bezweifle. Ich habe noch keine Ahnung, wer der Täter sein könnte und welches Motiv er hatte, aber wir werden dem nachgehen. Hannah, kann ich dein Fahrrad für ein paar Tage für die Spurensicherung haben? Ich gebe dir Bescheid, wenn du es wiederhaben kannst. Und dann müsstet ihr und Sie bitte noch draußen bei meinen Kollegen eure und Ihre Fingerabdrücke zum Vergleich dalassen. Ihr zwei, bitte seid in nächster Zeit vorsichtig.“
***
Als ich am Freitagnachmittag zu Leas Feier wieder bei Tom war, sah ich mir die Stelle, an der Hannahs Rad am Zaun festgekettet war, genauer an. Deutlich waren zwei kleine Flecken von der Bremsflüssigkeit und Kreidemarkierungen der Spurensicherung zu erkennen. Als ich die Flecken betrachtete, fiel mir ein Funkeln auf, das nur in einem ganz bestimmten Winkel zu sehen war. Unter dem Zaun waren grobe Kieselsteine. Ich hob einen davon an und sah ein, nicht ganz zwei Zentimeter großes, silbernes Kreuz. Ich klingelte bei Tom und fragte ihn, ob er eine Pinzette und einen kleinen Zip-Beutel hatte. Er holte beides. Ich machte mit dem Handy ein paar Fotos von der Fundstelle und packte das Kreuz mit der Pinzette in den Beutel. Das Kreuz hatte eine Öse, in der der Rest eines aufgebogenen Rings war. Es war aufwändig mit feinen Mustern graviert. Irgendwo hatte ich ein ähnliches Kreuz schon mal gesehen. Mir wollte aber nicht einfallen, wo oder an wem.
***
Auf Leas Party war Hannahs Unfall natürlich auch ein Thema, doch niemand konnte sich erklären, warum jemand Hannah etwas antun wollte. Die meisten vermuteten, dass die Aktion nicht gezielt gegen Hannah gerichtet war, sondern dass irgendwelche besoffenen oder von Natur aus bescheuerten Kids dahintersteckten. Die Party selbst war für mich nicht so spannend, weil die meisten Gäste deutlich älter waren als ich. Tom unterhielt sich zwar mit mir, aber ich musste mir seine Aufmerksamkeit jetzt verständlicherweise mit Flo teilen.
Autor: Hans_Steam | Eingesandt via Ticket
Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.
Kein Zurück
Kein Zurück (27)Report
Vorlesen
Weitere Teile dieser Geschichte
- Kein Zurück
- Kein Zurück (2)
- Kein Zurück (3)
- Kein Zurück (4)
- Kein Zurück (5)
- Kein Zurück (6)
- Kein Zurück (7)
- Kein Zurück (8)
- Kein Zurück (9)
- Kein Zurück (10)
- Kein Zurück (11)
- Kein Zurück (12)
- Kein Zurück (13)
- Kein Zurück (14)
- Kein Zurück (15)
- Kein Zurück (16)
- Kein Zurück (17)
- Kein Zurück (18)
- Kein Zurück (19)
- Kein Zurück (20)
- Kein Zurück (21)
- Kein Zurück (22)
- Kein Zurück (23)
- Kein Zurück (24)
- Kein Zurück (25)
- Kein Zurück (26)
- Kein Zurück (27)
- Kein Zurück (28)
Archiv
Neueste Beiträge
Neueste Kommentare
- Spargeltarzan bei Die Fußball-Jungs (13)
- Spargeltarzan bei Die Fußball-Jungs (13)
- Zeitwandler bei Kein Zurück (28)
- Anonymus bei Max – Mission zur Windel (3)
- leonxy bei Die N-Bande
- Michael bei Kein Zurück (27)
- Norbert bei Florians Schatten (27)
- Tobi bei Kein Zurück (27)
Wieder ein spannender neuer Teil der Geschichte