Das was bleibt (7)
DAS WAS BLEIBT
KAPITEL VII
# FREITAG -TEIL 2
Diese Geschichte ist für all die, die nur ein bisschen träumen. Oder die nicht besonders oft träumen. Oder die sich nicht mehr so recht erinnern können, wie sich Träume anfühlen. Eigentlich ist es für uns alle hier.
Denn wir alle glauben immer noch, dass das Träumen nichts für uns ist.
So geht es Jule und auch Anne, die beiden ungleichen, mutigen Heldinnen, die weder sich selbst noch ihre momentane Lebensphase so richtig leiden können.
Sie ist für uns alle, denen es nicht gefällt, sich so zu fühlen.
Jule und Anne lernen das in dieser Geschichte durch eine zufällige, wundersame Begegnung. So belebend wundersam, dass sie selbst kaum daran glauben können.
Eine Erzählung über Umwege und eigene Wege. Und über das Suchen, Finden und Werden.
Aber vielleicht lest ihr selbst und allen viel Spass dabei. ………..Soe
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# Kapitel VII
Freitag 02.April 1982
Ich presste meine Lippen fest aufeinander. Stumm griff Anne nach meiner Hand, und ich spürrte urplötzlich, dass das hier alles wirklich passierte. Die Ferien bei Anne, das Dorf im Nirgendwo und die ganze Erfahrung und Zuneigung von Anne sollten jetzt wirklich Schauplatz und Erfüllung meines Traums werden. Ich erschrak kurz, als ich Annes Hand an meiner nassen Windel bemerkte. Ihr Griff zwischen meine Schenkeln war nicht unangenehm, trotzdem schoss mir mein Blut bis zum Hals.
Mit dem letzten Schluck Tee schickte mich Anne zum Spielen; „aber nur so lange, bis ich dich rufe,okay.“ Wir wollen gleich ins Dorf zu Jutta und vorher müssen wir dir noch schnell deinen Popo frisch machen. „Darf ich in den Garten zum Spielen“ , fragte ich und wollte schon los. „Hey, hey, nicht so schnell, hier, du brauchst noch deine Schläppchen und das Lätzchen lassen wir lieber auch mal hier.
Zusammen gingen wir zur Terrassentür, da sie sehr schwer zu öffnen war. Mit sei lieb, durfte ich dann endlich zum Sandkasten. Mein verborgenes kleines „Ich“ war vor Freude glücklich und ich bearbeitete sofort neben dem Sandkasten mit einer kleinen Harke den Boden, bohrte ganz, ganz viele Löcher. Annes Worte und meine Gedanken blieben nicht ganz ohne Wirkung und noch stark in meinem Inneren. Mit einem alten Strick, den ich im Sandkasten ausgegraben hatte, grenzte ich mein kleines Stück frisch bearbeiteten Boden ab. Ich war ganz in meinen Gedanken versunken und war richtig stolz auf dieses hübsche Stück Boden, was ich so toll hergerichtet hatte.
„Wunderschön“, dachte ich gerade, als ich erschrak, weil mich jemand einfach ruckartig hochhob. Es war so überraschend, dass mein Herz kurz einen Takt aussetzte. Trotzdem ließ ich Anne machen. Ich legte meinen Kopf an ihre Brust, spürte ihren warmen Herzschlag und murmelte leise: „Ich bin gerade erst fertig geworden…,wirklich.“
Anne sagte nichts, sondern setzte mich mit einer hochgezogenen Augenbraue erst wieder auf der Wickelinsel ab. „Hast du nicht gehört, dass ich dich drei, vier Mal laut gerufen habe?“ fragte mich Anne ruhig, aber mit einem kleinen Anflug von Strenge in ihrer Stimme. „Ich hatte das Gefühl, du warst in einer ganz anderen Welt unterwegs. „Möchtest du mir vielleicht verraten, wo du gerade in Gedanken gewesen bist?“
„Nirgends“, antwortete ich schnell und schmalzig. „Ich hab nur das kleine Stück zum Pflanzen hübsch gemacht.
Neben mir lagen schon frische Sachen und Windeln. „Bereit?“, fragte Anne. Darauf hin nickte ich nur, weil ich ahnte, dass jetzt Annes den Takt übernahm.
Nachdem meine nassen Nachtwindeln mit der kleinen Einlage direkt im Wäscheeimer entsorgt waren, nahm Anne behutsam einen warmen Waschlappen in die Hand. Sie begann, mich vorsichtig zu reinigen, ihre Bewegungen waren sanft und beruhigend. Ich stieß hörbar Luft durch meine Nasenflügel aus und nuckelte kräftig am Kleid von Selma, um mich abzulenken. Nebenbei fragte
Anne ruhig und liebevoll: „Es ist bestimmt sehr viel vorteilhafter für Selmas Kleid, wenn wir vielleicht eine andere Beschäftigung in solchen Situationen für dich finden. „Was meinst du, Jule?“
Ich wusste nicht wirklich, was Anne in dem Moment in ihrem Sinn hatte und wie ich ihre Frage deuten konnte. Ich starrte Anne nur wortlos an, ohne ihr wirkliche eine Antwort zu geben. Ich mochte immer schon die Bilder, wenn ich die kleinen Kinder mit diesen bunten und bedruckten Nukis im Mund sah. Nicht selten waren sogar früher auch noch die Nachbarskinder, die sogenannten I-Dötzchen, am Nachmittag damit auf der Straße unterwegs. Seit wann ich nicht mehr nuckelte weiß ich nicht mehr und als Einzelkind hatte ich auch keine Möglichkeiten heimlich an solche Glücksbringer zu kommen. Später, als ich häufiger mit Iris Hausaufgaben zusammen machte und wir danach zusammen spielten, lagen in einigen Spielkisten noch abgekaute Nuckis zwischen den Spielsachen. Selber traute ich mich aber nicht, den kurzen, unbeobachteten Augenblick zu nutzen, um einen dieser Nuckis auszuprobieren oder zu stibitzen.
Ich fragte mich nur, ob Anne meine frischen Gedanken lesen konnte. Mein Grübeln musste ich kurz unterbrechen, denn Anne kündigte an, mir jetzt ein Zäpfchen zu geben, damit ich mich heute nicht so quälen und anstrengen musste. „Heute lassen wir das Mittagstöpfchen auch erst einmal weg. Wir haben ja heute noch einen schönen und langen Tag vor uns, und ich möchte, dass du dich hier auch wohl fühlst.“ Wir gehen gleich zuerst in die Apotheke, um Jutta zu besuchen und am Nachmittag bekommen wir Besuch. „Ist das toll?“ – Ich lächelte automatisch. „Ja, Jutta ist wirklich sehr nett, ich freue mich schon darauf, ihre Apotheke endlich zu sehen.“
Bevor ich weiter sprechen konnte, sprach Anne sanft und beruhigend: „Jetzt musst du bitte ganz still bleiben, ja? „Nur so können wir das schnell hinter uns bringen.“
Ich spürte, wie Anne mir mit dem Finger vorsichtig das Zäpfchen reichte und es behutsam weit hoch in meinen Popo schob. „Das tut zwar ein bisschen weh, aber es ist nur kurz, und danach wirst du dich sehr schnell bestimmt viel besser fühlen.“
Durch Annes liebevolle Berührung im Intimbereich stöhnte ich ungewollt auf, doch schon bald fühlte ich diese Erleichterung. Anne streichelte mir sanft über den Bauch und lächelte mir aufmunternd zu. „Du bist so tapfer und mutig, mein Schatz und ich bin so stolz auf dich“ , ermutigte mich Anne, als sie sah wie ich meine Wangen aufblies.
„Ach, mein kleiner Schatz, du bist so toll und ehrlich. Manchmal wünschte ich mir, du könntest für immer hier ganz bei mir bleiben, damit ich immer für dich da sein kann. „Du bringst so viel Freude und Glück in mein Leben.“ Verwirrt reagierte ich automatisch – mit einem Lächeln, auf ihre herzliche Mimik, während ich darauf wartete, das sie noch etwas mehr sagte. Weiter erklärt was sie damit meint, während ich mir die Wangen hektisch reibe, über die gerade unaufhörlich Tränen liefen. Auf der einen Seite weil ich mein jetziges Glück nicht fassen konnte und auf der anderen Seite, weil mir bewusst wurde wie verkümmert meine letzten Jahre doch waren.
Ich dachte an die vielen peinlichen Situationen, die ich erst kürzlich noch durchlebt hatte, doch Annes liebevolle Worte und ihre fürsorgliche Art machten das Vergangene gerade wieder erträglicher.
Ächzend presste ich meine Hände gegen meine Schläfen und starrte zur Decke, weil mein Kopf nicht verstehen konnte, was mein Herz schon längst verstanden hatte. Ich lasse den rest meiner Gedanken auf meiner Zunge sterben, weil ich höre wie Anne laut ausatmet und dabei den Kopf schüttelt. Nervös und entmutigt schaut mich Anne an. „Was mache ich denn so falsch, dass dir die Tränen im Gesicht stehen?“ , fragte mich Anne verunsichert. Ich ballte meine Hände neben mir zu Fäusten, weil ich kurz davor war meine Nerven zu verlieren. Ich hatte Anne nocht nichts davon erzählt wie schwer mein Leben als Vollwaise war und mir der ganze Scheiß zu viel war, wenn man komplett auf sich alleine gestellt ist – vor allem, wenn man wie ich gerade glücklich, trocken und gewickelt verwöhnt wurde und leise genießen konnte. Also machte es für mich wieder keinen Sinn mit der Wahrheit das wenige Schöne zu zerstören. Ich wollte ja selbst nicht akzeptieren, dass das nicht mal die schlechteste Nachricht war die ich mit mir trug. Deshalb biss ich mir auf die Zähne und schaute bewusst an Anne vorbei, weil ich nicht bereit war zu akzeptieren, das diese glücklichen Momente für mich bald schon wieder vorbei sein konnten.
Meine Optionen nach den Osterferien waren nicht wirklich rosig, entweder musste ich zurück ins Kloster oder ich saß wieder in einem Auto, auf dem Weg in eine andere Pflegefamilie.
Die liebevollen, respektvollen Berührungen, die warmen, schützenden Umarmungen und die Hingabe, mit der Anne sich um mich kümmerte, berührten mich tief. Ich spürte, wie meine Anspannung langsam wich und eine angenehme Geborgenheit in mir wuchs. Dabei ertappte ich mich, all diese Zuwendungen zu genießen und mich ganz auf sie einzulassen, um ihre ganze Aufmerksamkeit zu spüren. Anne weckte in mir ein hohes Maß an Vertrauen und Zuneigung, das immer stärker wurde.
Ich bemerkte, dass Anne meine Reaktion sah, doch sie unterbrach nicht ihre Arbeit. Sie blieb ruhig und konzentriert, hielt ihren Finger weiterhin an der Stelle, wo das Zäpfchen lag, und sagte sanft: „Bleib noch einen Moment ruhig liegen, das Zäpfchen braucht etwas Zeit, um vollständig zu wirken.“ Ihre Stimme war warm und beruhigend, was mir half, noch mehr Vertrauen zu fassen.
Während das Zäpfchen bereits sorgfältig arbeitete, spürte ich eine andere, wohltuende Wärme, als Anne sanft die Wundcreme zwischen meine Schenkel verteilte. Ein angenehmes Gefühl breitete sich aus, während sie meine Beine behutsam nach außen drückte. Obwohl ich keinen Ton sagte, hatte ich den Eindruck, dass sie meine Reaktionen wahrnahm, doch sie meinte nur mit einem leichten Lächeln: „Du brauchst keine Angst zu haben, das ist alles, damit ich alles richtig erreichen und schützen kann.“ Ihre Worte gaben mir das wunderbare Gefühl, gut bei ihr aufgehoben zu sein.
Dann verteilte Anne mit ihren schmalen Händen Babyöl bis zum Hals, während sie gleichzeitig noch reichlich Puder auf Po und Schambereich streute. Inzwischen lagen schon drei gefaltete Stoffwindeln unter mir, die sie sorgfältig vorbereitet hatte. Zuerst hob sie die Spitze zwischen meine Schenkeln hoch, klappte sie wieder zurück, weil sie noch eine dicke Flockenwindel zusätzlich einlegte. Dabei erklärte sie mir ruhig: „Wir müssen vorsichtig sein, falls das Zäpfchen doch schon früher wirkt. „Es ist wichtig, dass alles gut sitzt.“ Ich hob automatisch meinen Po, um ihr das Anlegen der dicken Einlage zu erleichtern, und spürte die enge, schützende Umarmung der Stoffe. Beim Wickeln erklärte Anne mir noch, dass wir später Besuch von Silke bekommen würden. Ihre Stimme war dabei warm und freundlich: „Sie freut sich schon sehr, dich wieder zu sehen.“
Anne zog die Spitze zwischen meine Schenkel stramm und fest hoch, dann legte sie die beiden Stoffseiten zur Mitte, wobei sie ruhig und souverän blieb. Ich spürte die enge, stramme Passform um meine Hüften, doch ihre ruhige Art gab mir das Gefühl, alles ist in guten Händen bei Anne. Mit einem letzten, liebevollen Blick und einem zufriedenen Lächeln schloss sie noch das Gummihöschen, knöpfte es sorgsam zu und sagte: „Alles ist jetzt gut und sicher.“
Souverän und ruhig vollendete Anne ihre Arbeit, indem sie noch einmal alles genau überprüfte. Währenddessen sprach sie leise mit sich selbst, um die nächsten Schritte gedanklich durchzugehen, mit den Worten: „,Hilfst du mir?‘ ,strecke mir Anne beide Arme entgegen, damit sie mich in den Stand ziehen konnte. Dann zog sie die Strumpfhose und das Rüschenhöschen gekonnt über die Windel, bis alles über den Bauchnabel hochgezogen war.
Neugierig hob ich den Blick und fragte vorsichtig: „Was machen wir denn heute alles zusammen?“ Anne lächelte leicht – ihre Augen waren warm und verständnisvoll. „Ach, Silke hat eben angerufen, Sie hat Urlaub und möchte dir und mir einige Sachen zeigen und bringen, damit du dich hier in den Ferien wohler fühlst und gut geschützt bist.“ Ihre Stimme war dabei ruhig, tröstlich, als wollte sie mir noch mehr Sicherheit geben.
Auf meiner Stirn bildeten sich unwillkürlich kleine Falten, die Anne sofort bemerkte. Sie legte sanft ihre Hand auf meine. „Welche Silke? „Habe ich die schon mal gesehen?“ fragte ich etwas unsicher, meine Stimme brach leicht vor Neugier und Unsicherheit.
Anne lächelte verständnisvoll und antwortete ruhig: „Das ist die Silke von meinem kleinen Kaufhof und arbeitet dort in der Drogerie… „Vielleicht hast du sie ja schon mal gesehen.“ Ich zögerte einen Moment, meine fragenden Augen suchten hilfesuchend Annes Blick. „Aber keine Sorge, du wirst sie kennenlernen, wenn sie kommt. „Es wird bestimmt alles gut.“
„Lass dich einfach überraschen, Maus“, sagte sie mit ihrer warmen Stimme, die mir Mut machte. „Es wird bestimmt schön.“ „Und jetzt ist genug mit der ganzen Fragestunde!“
Da ich nicht genau wusste, was ich noch fragen wollte, gluckste ich aufgeregt wie ein kleines Kind und strahlte Anne übermütig an. „Oh, wie toll! Ich bekomme Besuch… “ Meine Stimme brach vor Freude, und ich fühlte, wie mein Herz einen Takt schneller schlug.
Anne sah mich liebevoll an und streichelte sanft über meinen Arm. „Das freut mich so sehr. „Du hast wirklich ein Recht, dich zu freuen.“ Ihre Worte waren voller Empathie, und ich spürte, dass sie wirklich für mich da war, egal was kommen würde.
Anne hatte mir das hübsche bordeaux-rote, ärmellose Feincordkleidchen, das nur knapp bis zum Oberschenkel reichte, angezogen. Eine dicke schneeweiße Trachtenstrumpfhose mit passender Strickjacke und die grüne hochgeknöpfte Kragenbluse machten meine Ausgehgarnitur komplett. Es war frisch an diesem Morgen, weshalb mir Anne noch schnell die Jacke zuknöpfte. Bei diesen Temperaturen und dem leichten Wind war es nicht ungewöhnlich, dass manche sogar noch dicke Jacken trugen oder mit Wollhandschuhen auf dem Fahrrad an uns vorbei fuhren.
„Bist du bereit, Schatz?“ fragte Anne mit einem liebevollen Blick, während sie die letzten Knöpfe an meiner Jacke schloss. Ich folgte Anne durch den Flur, natürlich mit einem letzten Blick in den großen Spiegel und durch die Haustür nach draußen. Zitternd stand ich mit meiner gerippten Zopfstrumpfhose und der dünnen Strickjacke draußen auf der Hofeinfahrt. „Ja, ich freue mich schon so auf den Tag und auch auf Jutta“, antwortete ich, meine Stimme war ein bisschen zitternd vor Aufregung und wegen der Nachtkälte, die noch sehr kühl auf der Straße lag.
„Danke, es ist so toll von dir“, sagte Anne schließlich überraschend. „Dafür, dass du bei mir deine ganzen Ferien verbringst. „Ich denke, das werden wir bestimmt sehr gut hinbekommen, oder was meinst du Jule?“
„Ich wusste ja noch nicht wirklich, ob es an ihrer einfühlsamen Art oder an meinem eingeschüchterten „Ich“ lag, oder aus einer Kombination aus beidem, aber ich war zuversichtlich, dass sie recht hatte. Wir wollten beide wohl das Gleiche, das bemerkte ich schon jetzt. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass sie es bis zum Ende der Ferien schafft, meine Altlasten aufzulösen und für mich bereits neue Anreize vorzubereiten. Ich wich Annes Frage aus und nickte nur einfach.
„Keine Sorge, wir sind wieder schnell drinnen. Und nachher holen wir uns einen warmen Kakao, „Okay?“ Annes Worte gaben mir ein bisschen Hoffnung und Sicherheit, auch wenn mir die Kälte schon nach den ersten Metern an meinen Beine hoch krabbelte.
Zu Fuß brauchten wir gut 25 Minuten von der „Strutt“ bis zur Juttas Apotheke, die direkt am Marktplatz von Adersloh lag. Weil wir Freitag hatten und die meisten ja arbeiten mussten, glaubte ich, dass auf den Straßen fast niemand unterwegs war. Weder Autos noch Einheimische, auch weil die Kirchturmuhr gerade mal für halb zehn, zwei Mal anschlug. „Siehst du, kaum jemand ist unterwegs. „Es ist so schön und ruhig, oder?“ sprach Anne, während sie meinen Handgriff leicht drückte.
Der Schloßparkweg führte fast direkt Richtung Marktplatz. Es fühlte sich schön an, meine neue Ferienheimat langsam und zu Fuß aufzusaugen. Die Leute grüßten sehr freundlich und unterhielten sich teilweise über das fremde Gesicht, das an Annes Hand lief. „Siehst du, wie freundlich alle hier sind? „Das macht das Gefühl hier zu Leben so besonders.“ flüsterte Anne. „Ich mag das. Hier ist alles so gemütlich und einfach.“, während ich mich vorsichtig kurz an Anne lehnte.
Auf der linken Seite vom Schloßparkweg standen lange Hainbuchen-Hecken und schirmten die Grundstücke vor fremden Blicken ab.
„Und da, schau mal, wie die alten Eichenbäume dort hinten auf der Anhöhe alles verbergen und schützen. „Das ist besonders schön, so nah an einem echten Zauberwald, zu wohnen“ ,wollte mich Anne mit ihrer Begeisterung für diesen atemberaubenden Anblick locken.
In meinem Dorf gab es definitiv auch diese Art Nachbarn, die sich gern hinter den Vorhängen versteckten und spionierten; als ich mit fast neun Jahren noch mit Stützrädern am Fahrrad fuhr und auf der Straße übte, traschten und tuschelten sofort unsere nächsten Nachbarn. Ich fühlte mich schutzlos preisgegeben, ganz so, als hätte mir jemand die Kleidung vom Körper gerissen. „Das verfolgte mich monatelang, oft auch noch bis heute, in meinen Träumen, ich versuchte es nie wieder mit dem Fahrrad zu fahren.
Wir hielten kurz an der Kreuzung, die direkt zum kleinen Marktplatz führte. Ein paar Jugendliche veranstalteten Wettrennen auf ihren knatternden Mofas. Das strenge Motoröl der Mofas lag noch minutenlang über der Hauptstraße und in den engen Gassen. Über einen Zebrastreifen kamen wir sicher auf die andere Seite. In einem Halb-Oval lagen auf der linken Seite diverse kleine Läden, aus denen überall Kunden mit prallen Taschen kamen. Alle grüßten sehr freundlich mit der Tageszeit oder grüßten uns – natürlich eigentlich nur Anne sehr persönlich. Ich stockte, als wir uns durch eine kleine Gasse zum Kirchplatz bewegten. Für einen Moment schloss ich die Augen und atmete tief ein, den Duft, den ich von klein auf auch mit meinem Dorf verband. Es war der mir bekannte Duft von pudrigen, modrigen Düften aus Rosen, Veilchen, Jasmin und Maiglöckchen. Das waren die gleichen Düfte, die auch immer aus der kleinen Drogerie und dem Schreibwarenladen von Oma „Tessi“ strömten.
Ein Kloß längst verdrängter Erinnerungen machte sich in meinem Inneren breit. Auch wenn solche oder ähnliche Düfte bestimmt auch durch viele andere Dörfer waberten, konnte ich die vielen negativen Erinnerungen nicht einfach verdrängen. Meine Abneigung gegen mein ganzes Dorf war sicherlich übertrieben – schließlich konnte ich nicht alle über einen Kamm scheren –, verstand aber meine eigene, aufsteigende Wut. Ich verband mit diesem Dorf und seinen Einwohnern nicht viel Gutes. Mein Vater war immerhin einer von ihnen und hatte mich im Stich gelassen – in jeder Hinsicht. Am liebsten hätte ich diesen Teil von mir einfach rausgerissen, genau wie die Erfahrungen, die für mich damit zusammenhingen. Denn als ich mit fast elf Jahren zu seiner Schwester ziehen musste, wurde ich in den nächsten Jahren nur noch von fast allem ausgeschlossen.
Anne schmunzelte. „Manchmal ist es schön, solche Erinnerungen zu haben. „Aber manchmal…“
„Manchmal ist es schwer, sie loszulassen,“ unterbrach ich sie. „Der Geruch… erinnert mich auch an meine frühe Kindheit. „An Momente, die ich lieber vergessen wollte.“ Mein Blick wurde schwer. „Gerüche, die mich an die Zeiten erinnern, in denen ich ausgeschlossen wurde, weil ich so anders war.“
Das strenge Motoröl lag immer noch in der Luft, während die rostigen Kisten wieder vorbei sausten. Auf ein paar großen, sandfarbenen Steinblöcken, die einen Teil des Marktplatzes abtrennten, saßen wohl die andere Hälfte der jugendlichen Gruppe und verrenkten sich ihre Köpfe nach den brausenden Kisten.
Anne schaute kurz, dann legte sie eine Hand auf meine Schulter. „Jede Gegend hat ihre Eigenheiten. „Für manche sind sie schön, für andere schwer zu ertragen.“ Ich seufzte. Sie trat einen Schritt näher und sah mir aufmerksam in die Augen. „Du hast das Recht, diese Gefühle zu haben. Es ist okay, sich manchmal so zu fühlen. „Aber weißt du, wir können versuchen, das Positive daraus zu ziehen.“ Ich schnaubte leise. „Das klingt schön, aber in meinem Herzen ist noch viel Schmerz, wie sehr ich damals allein war.“
„Vielleicht können wir gemeinsam einen Weg finden, das zu heilen,“ sagte Anne ruhig und bestimmt. „Nicht alles muss so bleiben, wie es war. „Manchmal braucht es nur jemanden, der einem den Weg zeigt und dass man nicht allein ist.“ Ein Kloß legte sich wieder in meine Kehle. „Ich schniefte und zuckte mit meinen Schultern. Anne lächelte warm. „Ich bin für dich da. „Und vielleicht wird dieser Ort eines Tages auch für dich ein bisschen leichter.“
Wie friedlich doch Adersloh mit seinen wunderschönen alten Fachwerkhäusern aus den hier typischen lehmfarbenen, gelb-grünen, rotbraunen und geschnitzten Fachwerk ist. „Wenn du genau hinschaust, entdeckst du sogar kunstvolle Verzierungen und ein paar witzige Figuren.“ , erklärte mir Anne, weil sie meine aufgerissenen Augen bemerkte. Wir überquerten den Dorfplatz, wobei ich den Blick über das Till Eulenspiegel Denkmal, die hübsche sandfarbene Kirche, den Tante-Emma-Laden, ein Café sowie die einzige Boutique am Ort schweifen lasse, die neben Klimperkram, Karten auch überteuerte Klamotten verkaufte. Alles zu Fuß in Kürze von der „Strutt“ zu erreichen, erklärte mir Anne angetan auf dem Weg zur Apotheke.
Mit dem großen Waldgebiet und seinen mächtigen Eichenbäumen umgeben, die höher als der Kirchturm wirkten, vermittelt mir alles hier den Eindruck, als wollte sich Adersloh vor dem Rest der Welt verbergen.
Anne erinnerte mich daran, dass Jutta schon lange auf uns warten würde und sich schnell Sorgen machte. „Den Rest von Adersloh zeige ich dir in Ruhe die nächsten Tage, Schatz.“ , lass uns schnell gehen, damit wir Jutta nicht so lange warten lassen – das ist unhöflich. Mit leichten Druck dirigierte mich Anne nach Rechts, praktisch Richtung schiefen Kirchturm. „Und bist du schon ein bisschen neugierig, wie Juttas Apotheke aussieht?“, fragte Anne mich, bevor wir die letzten Meter gingen. „Wieso gab ich zurück, ist denn Juttas Apotheke so besonders?“ „Ja, schon irgendwie zwinkerte mir Anne zu, lass dich überraschen.“
Zuerst konnte ich nur einen riesigen, goldenen Schwan auf einer der Häuserecken erkennen. Alle Häuser hatten zwei bis drei Etagen und schienen sich gegenseitig zu stützen, als wenn sie alleine sofort umfallen würden. Als wir noch näher kamen, war unter dem Schwan ein verschnörkeltes Schild mit merkwürdiger Schrift zu erkennen. „Und erkennst du schon, wo die Apotheke sein könnte, versuchte mich Anne etwas anzuleiten.“ „Ähm………. nein, ich konnte weder den großen Schwan noch das Schild darunter zuordnen.“ Schau mal, was genau auf dem Schild steht, Schatz, forderte mich Anne nochmals auf. „Ich halte kurz meinen Atem an, bemerkte aber sofort diese unbekannte Spannung unter meinen Schultern, die immer dann auftauchte wenn ich etwas lesen sollte.“
Kurz überlege ich, wie ich die unangenehme Situation auflösen konnte. Im Kopf versuche ich, schnell eine Wortkombination mit Schwan-Gold-und-Dorf zu finden. Hmm…., da steht „Zum Zauberschwan“, behauptete ich standhaft. Anne feixte, dass ich sofort Jutta vorschlagen und kicherte. Und was steht da, wenn du deine Augen öffnest und liest. Och blöd gelaufen, dachte ich leise für mich. Jetzt weiß ich es aber………“Zur Schwanengold-Ecke“, richtig. Anne lächelte amüsiert, griff mir unter die Arme und brachte mich näher ans Schild. Mir war jetzt klar, dass Anne auch meine zweite Idee nicht wirklich ernst nahm…….
„Du Märchenfee, ich möchte gern, dass du genau hinschaust und versuchst zu lesen, solange ich dich hochhalten kann.“
Es vergingen…..zehn …..zwölf … fünfzehn…..siebzehn……neunzehn Sekunden…..und …
Autor: Soe Lückel | Eingesandt via Formular
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