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Ein Traum mit Folgen

26/05/2026 0 comments Article Jungs Littleboy99
Windelgeschichten.org präsentiert: Ein Traum mit Folgen

Kapitel 1

Durch das Zwitschern der Vögel vor dem Kinderzimmerfenster des kleinen Einfamilienhauses wurde der Elfjährige Simon langsam wach.

Der Junge blinzelte leicht und öffnete seine Augen.
In der Ferne war der Motor eines Traktors zu hören.
Dieser fuhr wohl gerade in die Felder des kleinen Dorfes.

Verschlafen blickte Simon auf seinen Wecker, welcher neben dem Bett auf seinem Nachttisch stand, und erschrak.
07:20 Uhr zeigte die rote Digitalanzeige an, er hatte verschlafen.
In 30 Minuten würde die Schule beginnen.

Wieso hatte ihn Papa nicht geweckt?
Wieso hatte sein Wecker nicht geklingelt?

Hastig sprang Simon aus dem Bett, öffnete seinen Kleiderschrank und nahm sich wahllos Kleidung heraus.
Eine kurze beige Shorts, ein grünes T-Shirt sowie eine Unterhose und Socken.
Mit dem Kleidungsstapel in der Hand ging er auf den Flur und in das Schlafzimmer seines Vaters.

Das Bett war leer.

Wo war sein Vater? Da fiel es dem Jungen wie Schuppen von den Augen.
Papa musste heute früher in die Firma, wegen irgendeiner wichtigen Besprechung, welche auf 07:30 Uhr angesetzt war.
Sein Vater hatte es ihm gestern Abend extra noch einmal gesagt und ihn gebeten, rechtzeitig aufzustehen, da er um 06:15 Uhr bereits losmüsse.
Aufgrund einer großen Baustelle auf der Hauptverkehrsstraße des Dorfes musste man dementsprechend zu den nächsten Orten einen Umweg fahren.
Dies dauerte wesentlich länger.

Simon rannte mit dem Kleidungsstapel in der Hand ins Badezimmer, putzte sich schnell die Zähne und kämmte mit einem nassen Kamm seine Haare.
Rasch zog er sich an und lief in die Küche.

07:38 Uhr war es laut Küchenuhr.

Er würde es nie und nimmer rechtzeitig zur Schule schaffen.
Es war zwar der letzte Schultag vor den Sommerferien, weswegen es nicht großartig schlimm sein würde, zu spät zu kommen, aber es war trotzdem irgendwie doof.

In der Küche nahm sich Simon einen Apfel und eine Flasche Wasser mit und ging mit der Verpflegung in sein Zimmer, wo er den Apfel und die Flasche in seinen Rucksack packte und diesen mit in die Küche nahm.

Zügig steckte er sein Smartphone vom Ladegerät und packte das Gerät ebenfalls in seinen Rucksack.
Er ging in den Flur, zog sich seine Schuhe an und schloss, nachdem er seinen Haustürschlüssel vom Schlüsselbrett genommen hatte, die Haustür zu.

Simon öffnete die Garage, holte sein Fahrrad heraus und fuhr los.
Erst als er schon auf dem Weg zur Schule war, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, seinen Helm aufzuziehen.
Wenn sein Vater das sehen würde, bekäme er jetzt sicherlich mächtig Ärger.
Aber zum Zurückfahren war es jetzt zu spät, er war nämlich schon fast an der Schule angekommen.
Er musste nur noch eine Ampel überqueren, es war also nicht mehr weit.

An der Schule angelangt, schloss Simon sein Fahrrad an den Fahrradständer an und betrat das große Schulgebäude.
Da der Unterricht bereits begonnen hatte, waren die Gänge leer.
Wenigstens etwas Positives, dachte Simon.

Zügig machte sich Simon auf den Weg zu seinem Klassenraum.
Dem Schulkiosk, an welchem es immer frische Backwaren, Getränke und Süßigkeiten gab, würdigte er keines Blickes, genauso wie dem Vertretungsplan und dem Sekreteriat.
Hastig rannte Simon die Treppe nach oben und stand kurze Zeit später vor seiner Klassenzimmertür.
R.1.09 war auf dem kleinen Schild neben der orangenen Türe zu lesen.

An seinem Klassenzimmer angekommen, klopfte er und wartete, dass seine Klassenlehrerin Frau Petersen ihn eintreten ließ. „Herein“, rief seine Lehrerin, nachdem er geklopft hatte, und gab ihm somit die Erlaubnis zum Eintreten.
Simon öffnete die Tür und betrat sein Klassenzimmer.
„Entschuldigung, Frau Petersen, ich habe verschlafen“, sagte der Elfjährige zu seiner Lehrerin, als er gerade die Tür hinter sich schloss.
Die Enddreißigerin lächelte ihn aufmunternd an, so wie sie es oft tat, nachdem seine Mutter vor drei Jahren an Leukämie gestorben war, sagte aber nichts.

Seit dem Tod seiner Mutter waren er und sein Vater auf sich alleine gestellt.
Simon spürte jeden Tag, wie sehr ihm seine Mutter fehlte.
Kein „Räum dein Zimmer auf“, kein „Zieh dir bitte eine Jacke an, wenn du rausgehst“ mehr, einfach nur Stille.
Wie sehr hatte er es früher gehasst, wenn seine Mutter ihn manchmal zurechtwies, wenn er sein Zimmer nicht aufgeräumt hatte oder direkt nach dem Mittagessen seine Hausaufgaben machen musste, bevor er an seine Spielekonsole durfte.
Jetzt wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass er wieder zurechtgewiesen werden würde von seiner Mutter.

Still setzte sich der Junge an seinen Platz.
Sein Banknachbar und zugleich bester Freund Matthis sah ihn an.
„Alles okay?“, flüsterte er ihm zu und sah ihn besorgt an.
„Jup“, sagte Simon kurz und konzentrierte sich auf den Film, welchen sie sich ansahen.
Er hatte schon ein paar Minuten verpasst.
„Hast du dir keinen Wecker gestellt?“, flüsterte Matthis seinem Freund leise zu.
„Doch, aber das Teil hat nicht geklingelt“, hatte Simon ihm schließlich geantwortet und nahm kurz darauf einen kräftigen Schluck Wasser, aus seiner Flasche zu sich.
Nun versuchten beide, sich auf den Film zu konzentrieren.

Das Gekichere von Tizian und Benjamin, welches schräg hinter ihm zu hören war, blendete er aus.
Vermutlich machten sich die beiden wieder über ihn lustig.
Schon als er das Zimmer betreten hatte, war es ihm nicht entgangen.
Innerlich säufzte er und versuchte, sich wieder auf das Filmgeschehen zu fokussieren.

Seine Gedanken schweiften ab.

Sein bester Freund Matthis würde heute für Vier Wochen mit seiner Familie in den Urlaub nach Barcelona fliegen.
Sein Vater war Vorstand in einer großen Firma.
Aus diesem Grund konnte sich die Familie, bestehend aus Matthis, seiner fünfzehnjährigen Schwester Lena und ihren Eltern, solche Urlaube leisten.
Früher war er auch oft mit seinen Eltern in Urlaub gewesen, aber nach dem Tod seiner Mutter nicht mehr.

Eigentlich schade.

Aber Papa hatte, als Simon gefragt hatte, warum sie nicht mehr in den Urlaub gingen, gemeint, dass es einfach nicht drin sei, finanziell im Moment.
Damit hatte sich Simon dann abgefunden und nicht mehr gefragt.

Als der Gong zur großen Pause läutete und der Film gerade vorbei war, strömte die Klasse aus dem Zimmer.
Nachdem alle das Klassenzimmer verlassen hatten, liefen auch Simon, Matthis, Paul und Finn Richtung Pausenhof.
Die vier Freunde kannten sich seit dem Kindergarten und waren im Laufe der Jahre zu einem eingeschworenen Team zusammengewachsen.
„Ich und Paul holen uns schnell etwas am Kiosk, hoffentlich dauert es nicht so lange“, erklärte Finn, als die Jungs gerade am Kiosk vorbeikamen.
Eine lange Schlange hatte sich vor dem Schulkiosk bereits gebildet.
Die Chance, dass die beiden vor dem Ende der Hofpause drankamen, war sehr gering.

„Ja, macht das. Komm, Simon, wir gehen schon mal zu den Tischtennisplatten, nicht dass die wieder die Zehntklässler für sich beanspruchen“, rief Matthis und war, ohne auf eine Reaktion von Simon zu warten, bereits nach draußen auf den Hof gesprintet. Simon musste schmunzeln und rannte ihm hinterher.
Auf dem Pausenhof war ein Getümmel von Schülern.
Über neunhundert Schüler besuchten die Regelschule in dem kleinen Ort.

Zielstrebig rannten die Jungs auf eine der drei Tischtennisplatten auf dem Schulhof zu und setzten sich darauf.
Die beiden unterhielten sich über Fußball, Videospiele und andere Dinge.
Simon nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche, aß seinen Apfel und sah völlig in Gedanken ein paar Kindern dabei zu, wie sie sich gegenseitig über den Pausenhof jagten.

Plötzlich wurde er irgendwie traurig.

Simon sah zu Boden, dachte nach und hatte seinen Blick auf seine schwarzen Sneaker gerichtet.
„Was ist los, Simon?“, wurde er plötzlich von seinem besten Freund angesprochen und so wieder aus seinen Gedanken gerissen. Simon sah ihn an.
„Bist du traurig, weil ich vier Wochen weg bin?“, fragte der Zwölfjährige ihn.
Simon spielte nervös mit dem Stoff seiner Shorts herum und sah zu Boden.
„Mhm“, murmelte er traurig und musste sich zusammenreißen, nicht loszuheulen.
Er und Matthis waren seit dem Kindergarten beste Freunde und eigentlich immer zusammen.
„Hey, nicht traurig sein, Kumpel, in vier Wochen bin ich ja wieder da und es gibt zum Glück Messenger“, versuchte Matthis, seinen Freund aufzumuntern, und legte ihm einen Arm um die Schulter.
Simon sah ihn an und nickte leicht.

„Iiihhhh, cringe“, rief plötzlich Tizian abwertend und zeigte auf die beiden Jungs.
Schnell zog Simon die Hand von Matthis weg.

Was machte ihr nerviger Klassenkamerad und zugleich Fiesling der Klasse jetzt plötzlich hier?

„Was ist?“, fragte Simon den großen Jungen genervt und sah ihn an.
Matthis wollte etwas sagen, doch er wurde durch den Gong, welcher das Ende der Pause einläutete, unterbrochen.
Simon und Matthis standen auf und wollten gerade wieder in das Schulgebäude gehen, doch Tizian stellte Simon beim Vorbeigehen ein Bein.
Dieser stolperte und fiel fast zu Boden.
Gerade noch so konnte er sein Gleichgewicht halten und verhindern, dass er Bekanntschaft mit dem Boden machte.

„Lass den Scheiß!“, rief Simon sauer und funkelte Tizian wütend an.
Dieser lachte.
„Oh, hab ich dem Kleinen wehgetan? Holst du jetzt deine Mami? Ach, warte, geht ja nicht, so ein Pech“, spottete Tizian.

Simon wurde wütend.

„Nimm das sofort zurück!“, schrie Simon und schubste den viel größeren Jungen unsanft.
Dieser ließ sich das nicht gefallen und stürzte sich auf Simon.
Beide rangelten am Boden miteinander.

Die ganze Schule hatte sich mittlerweile um die drei Jungs versammelt und verfolgte das Geschehen.
Matthis versuchte, beide voneinander zu lösen, hatte aber keine Chance.
„Auseinander, sofort auseinander“, hörte Simon einen Lehrer laut rufen.
Sekunden später wurden er und Tizian voneinander getrennt.
„Alle in eure Klassen, hier gibt es nichts zu sehen“, hörte er einen anderen Lehrer sagen.
Kurz darauf löste sich der Kreis und alle gingen wieder in ihre Klassen.
„Was ist hier los?“, wurde Simon von einem Lehrer gefragt, gab ihm aber keine Antwort.
Matthis versuchte zu erklären, was vorgefallen war.
Ein Lehrer verschwand in der Zwischenzeit und ging wieder in das Gebäude.
Kurz darauf kam er mit Frau Petersen zurück.
„In die Klasse mit euch, wir reden gleich“, rief Frau Petersen bestimmt und ging mit den drei Jungen, nachdem sie grob über das Geschehen aufgeklärt worden war, wieder ins Klassenzimmer.

Im Klassenzimmer angekommen, wurde die Klasse damit beauftragt, das Zimmer aufzuräumen und ihre Materialien zu sortieren. Simon, Tizian und Matthis wurden von Frau Petersen für ein Gespräch vor die Tür gebeten.
„Also, was genau ist vorgefallen?“, sagte die Klassenlehrerin und wartete auf eine Antwort.
„Tizian hat mir ein Bein gestellt, daraufhin hab ich gesagt, dass er es lassen soll. Er hat mich verspottet und gemeint, ob ich jetzt meine Mama holen würde und dass ja aber nicht ginge. Dann hab ich ihn geschubst und dann hat er sich auf mich gestürzt“, sprudelte es nur so aus Simon heraus.

Dieser musste, nachdem er seiner Lehrerin von den Geschehnissen berichtet hatte, erst einmal durchatmen.

„Laber keinen Scheiß, das stimmt nicht“, sagte Tizian daraufhin kühl und sah Simon an.
Es war klar, dass es Tizian wieder abstreiten würde, wie immer, wenn er etwas getan hatte, ging es Simon durch den Kopf. „Natürlich stimmt das, ich hab’s doch gesehen“, rief daraufhin Matthis wütend, welcher sich bis dahin aus dem Gespräch rausgehalten hatte, und funkelte Tizian böse an.
Simon konnte die Wut in seinen Augen sehen.

„Ruhe“, rief Frau Petersen und sah alle Kinder nacheinander an.
Simon zuckte durch die laute Stimme seiner Klassenlehrerin leicht zusammen.
„Tizian, ich werde deine Eltern informieren, nach der Schule wird es ein Gespräch geben“, erklärte die Lehrerin dem Jungen.
Dieser war wenig begeistert.
„Wieso? Ich …“, setzte Tizian zum Reden an, wurde aber unterbrochen.
„Ich will nichts hören, in die Klasse“, erklärte Frau Petersen bestimmt und machte damit Tizian klar, dass er mit seiner Aktion nicht einfach so davonkam.
„Simon, du kommst bitte nach Schulschluss zu Frau Maier ins Sekretariat und wartest dort auf mich.Wir beide müssen mal reden“, bat Frau Petersen den Jungen, nachdem Tizian die Klassenzimmertüre hinter sich schloss und sah ihn an.
Der Angesprochene nickte und ging mit seiner Klassenlehrerin wieder in den Klassenraum zurück.

—————————————–

Still saß Simon an einem kleinen Tisch im Sekretariat und wartete, dass seine Lehrerin kommen würde.
Es war 11:30 Uhr und die Schule war seit 25 Minuten zu Ende.

Sommerferien.

Aber Simon war gerade ganz und gar nicht in Sommerferienstimmung.
Er hatte Angst vor dem Gespräch.
Was würde passieren?
Würde er nach den Ferien nachsitzen müssen?
Er hatte sein Kinn auf seine Hände gestützt, welche auf der Tischplatte lagen, und dachte nach.
Vorhin hatte er sich von seinen Freunden verabschiedet.
Matthis hatte ihn versucht, aufzumuntern, und gemeint, dass das Gespräch schon nicht so schlimm werden würde.
Aber da war er sich nicht so sicher.

Als sich die Tür des Sekretariates öffnete, blickte er auf.
Seine Klassenlehrerin betrat den Raum.

„Hallo, Simon“, wurde er von seiner Lehrerin empfangen.
„Hallo“, sagte er kurz und sah sie an.
Frau Petersen sah Simon an.
„Wir gehen am besten in das Besprechungszimmer“, sagte Frau Petersen und lief voraus.
Simon stand auf, nahm seine Schultasche und folgte schweigend seiner Klassenlehrerin.
Im Besprechungsraum angekommen setzten sich die beiden an einen großen Tisch.
Simon erklärte noch einmal haargenau, was vorgefallen war.

Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, trank er einen Schluck aus seiner Flasche.
Sein Hals fühlte sich so trocken an wie ein Fisch in der Wüste.
„Danke Simon, ich habe bereits mit Tizian und seiner Mutter gesprochen.Sollte so etwas noch einmal vorkommen, wird es für Tizian Konsequenzen haben, das gilt aber auch für dich. Gewalt ist nie eine Lösung, verstanden Simon?“, beendete die Pädagogin ihre Ansprache und sah den Jungen an.

„Außerdem habe ich gerade mit deinem Vater telefoniert.Sollte so etwas wie gesagt noch einmal passieren und Tizian dich erneut körperlich angreifen, werde ich die entsprechenden Maßnahmen ergreifen und die Schulleitung hinzuziehen.“, erklärte die Pädagogin die Sachlage und lehnte sich zurück.

Simon nickte schwach.

„Dann würde ich das Gespräch hiermit beenden und es dabei belassen“, erklärte Frau Petersen, erhob sich von ihrem Stuhl und verabschiedete sich von ihm.
Erleichtert atmete Simon durch.
Zum Glück hatte seine Aktion keine Konsequenzen.
Wieso hatte er so überreagiert?
Er hätte einfach weggehen können, dann wäre das alles nicht passiert.
Aber er war in dem Moment einfach so unglaublich wütend auf Tizian gewesen.

Wieso musste er ihn auch immer provozieren?
Nie ließ der Junge eine Gelegenheit aus, Simon zu ärgern.
Mal warf er eine Papierkugel auf Simons Platz, mal stellte er ihm in Sport beim Rennen ein Bein oder machte ihn wegen seiner Größe runter.
Simon ließ es meistens über sich ergehen und versuchte, Tizian so gut es ging aus dem Weg zu gehen.
Was passiert, wenn er sich wehrte, hatte er heute gesehen.

Schweigend verließ Simon das Schulgebäude.
Simon holte sein Fahrrad und fuhr nach Hause.

Nachdem Simon das Fahrrad in die Garage gestellt und das Garagentor per Fernbedienung geschlossen hatte, lief der Junge durch die Garagentür, welche die Garage mit dem Rest des Hauses verband, ins Haus.
Simon wollte mit seiner Schultasche in der Hand gerade die Treppe hoch in sein Zimmer gehen, doch sein Vater hatte andere Pläne.
„Warte, Simon, wir müssen reden“, sagte dieser und sah ihn an.
Simon blieb abrupt stehen.
„Ich habe vorhin einen Anruf von deiner Klassenlehrerin erhalten“, fing er an.
Der Angesprochene nickte.
„Ich bin nicht sauer Simon. Wenn dich etwas nervt oder dich jemand ärgert, dann gehe einfach aus der Situation raus und atme tief durch. Das hilft mir immer, wenn ich wütend bin“, erklärte er seinem Sohn, wie er besser mit Wut umgehen könnte.
Erneut nickte Simon.
Der Junge umarmte ihn, sein Vater strich ihm über den Rücken.
„Danke, Papa“, murmelte Simon leise.

Eine Weile verblieben beide in dieser Position.
Nachdem sie sich voneinander gelöst hatten, ging Simon die Treppe nach oben in sein Zimmer.
Simon setzte sich auf sein Bett und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen.
Der Kleiderschrank stand auf der linken Seite des Zimmers, direkt neben dem Schreibtisch.
Auf der rechten Seite stand das Bett, direkt an der Wand.
Rechts neben seinem Bett stand der PC, ein Gaming-PC.
Simon spielte zwar überwiegend an der Konsole im Wohnzimmer, aber gerade Ego-Shooter zockten sich am PC mit Maus und Tastatur wesentlich besser, fand Simon.
Im ganzen Zimmer hingen verschiedene Poster von schicken Sportwagen, Fußballern und anderen Promis wie z. B. Musikern.
Auf dem Boden lag, damit das Zimmer ein wenig freundlicher aussah, ein großer, grüner, Teppich.

Früher, genauer gesagt vor Vier Jahren, lag dort noch ein Spielteppich und das restliche Zimmer war um einiges wilder und unordentlicher als jetzt.
Ein Autobett stand anstelle des Jugendbettes an der Wand, der Gaming-PC fehlte, verschiedene Kinderposter mit Superhelden hingen an der Wand und überall lag Lego herum.
Simon musste lächeln, als er daran dachte, wie unordentlich sein Zimmer damals aussah.

Einmal, als Mama ihn für die Schule wecken wollte und ins Zimmer gekommen war, wäre seine Mutter fast auf sein Legoraumschiff getreten und musste zickzacklaufen, um zu ihm an sein Bett zu kommen.
Er hatte nur so getan, als würde er schlafen, und sich totgelacht, als seine Mutter sich wie in einem Spionagefilm durch die Laserstrahlen, also sein Lego, kämpfen musste, um zu ihm zu gelangen.

Hatte er sich zumindest so vorgestellt.

Als seine Mutter dann schließlich endlich bei ihm angekommen war, hatte sie ihn in den Arm genommen und wie jeden Morgen erstmal geknuddelt.
Es hatte sich seitdem hier einiges verändert, aus dem Kinderzimmer war ein Jugendzimmer geworden, sein Lego stand jetzt im Keller und seine Mutter war nicht mehr da, einfach weg.
Sie wurde ihnen durch die Leukämie genommen, für immer.
Eine Weile saß der Elfjährige noch auf seinem Bett und dachte nach.

Plötzlich vibrierte sein Handy.

Er nahm das Gerät, welches auf seinem Schreibtisch lag, in die Hand und sah, dass Matthis ihm geschrieben hatte.
„Und was kam bei dem Gespräch raus? Hoffe, nichts Schlimmes“, las er, schnell flogen seine Finger über die Tastatur.
„Frau Petersen hat gesagt, dass sie mit Tizian und seiner Mutter gesprochen hat und falls er nochmal sowas macht, es Konsequenzen geben wird. Das gleiche gilt auch für mich, ansonsten hat sie es dabei belassen“, schrieb Simon zurück.
„Puh, zum Glück. Tizian ist so ein Arsch“, antwortete Matthis schnell.
„So, wir müssen Schluss machen, wir fahren jetzt zum Flughafen, lass dich nicht nerven“, schrieb er kurz darauf.
„Ne werde ich nicht, ruhigen Flug euch und viel Spaß in Barcelona“, schrieb Simon und beendete somit ihren Chat.
Sie schickten sich beide noch einen lachenden Smiley, kurz darauf war sein bester Freund offline.

Eine Weile starrte Simon auf das Gerät und tippte, um sich von seinen Gedanken abzulenken, wahllos darauf herum.
„Simon, Essen“, hörte er plötzlich seinen Vater von unten rufen.
Schnell legte er sein Smartphone wieder auf seinen Schreibtisch und ging runter in die Küche.
Dort duftete es bereits nach Spaghetti Bolognese, Simons Lieblingsessen.
Er hatte mächtig Hunger.
Kein Wunder, er hatte ja heute Morgen auch nur einen Apfel gegessen.

Während des Essens unterhielten sich die beiden.
Simon erzählte, wie sie den letzten Schultag verbracht hatten, und sein Vater von seiner Arbeit.
Das Küchenradio spielte währenddessen leise Musik.
Nach dem Essen unterschrieb sein Vater noch sein Zeugnis, eine 2,3 im Durchschnitt.
Simon war mit dem Schnitt sehr zufrieden, hatte er sich doch dieses Schuljahr besonders angestrengt.

Der bald 6-Klässler ging mit dem unterschriebenen Zeugnis nach oben in sein Zimmer, packte es in die Postmappe und diese in seinen Ranzen.
Anschließend verfrachtete er den Ranzen in die hinterste Ecke unter seinem Schreibtisch, wo er die nächsten sechs Wochen verbleiben würde.
Der Junge ging anschließend nach unten ins Wohnzimmer.

Das Wohnzimmer war recht gemütlich eingerichtet.
Ein großer beiger Teppich lag unter der schwarzen Ledercouch und darauf stand ein großer holzfarbener Couchtisch, auf dem eine Fernsehzeitschrift und die Fernbedienung für den Fernseher lagen.
Viele Bilder, überwiegend Familienbilder, hingen im Wohnzimmer an der Wand und ein Sideboard mit allerlei Deko stand auf der rechten Seite.
An der Wand hing ein großer 65-Zoll-Fernseher, darunter stand ein ebenfalls holzfarbenes TV-Board, welches mit einer Spielekonsole und einem Blu-ray-Player bestückt war.
Eine große Fensterfront mit weißen Vorhängen bot einen guten Blick auf den Garten.
Zu guter Letzt rundete ein großer brauner Wohnzimmertisch mit sechs Stühlen den Raum ab.

Simon setzte sich auf die Couch, schaltete den Fernseher sowie die Spielekonsole ein und begann zu zocken.
Eine Runde zocken war jetzt genau das Richtige, fand der Junge.
Dass sein Vater mit seinem Laptop nach oben in sein Arbeitszimmer ging, um zu arbeiten, bekam Simon nur am Rande mit.

—————————————

17:32 Uhr war auf der Digitalanzeige des Radioweckers zu lesen.
Simon lag in seinem Bett und hatte die Augen geschlossen.
Er hatte irgendwie spontan Lust, die Lieder seiner Lieblingsband mal wieder durchzuhören.
Der Junge hatte sich das Album mit allen Songs vor ein paar Monaten bei einer großen Elektromarktkette von seinem Taschengeld gekauft.
Es gab zwar mittlerweile diverse Musikstreaminganbieter, welche einem eine große Auswahl an Musik aus allen möglichen Genres zu einem monatlichen Festpreis boten, aber Simon hatte sich lieber für das physische Medium entschieden.
Einerseits deshalb, weil er es schöner fand, ein Album in den Händen zu halten, als es nur digital zu besitzen.
Andererseits hörte sich eine CD dank der höheren Bitrate im Gegensatz zu einem gestreamten Titel wesentlich besser an.
Gerade in Kombination mit seinen hochwertigen PC-Lautsprechern war dies ein ganz anderes Erlebnis.
Es war einfach besser, zumindest für Simon.

Ruckartig setzte sich Simon auf, ging an seinen Schreibtisch und öffnete die Schublade.
Allerlei Krimskrams befand sich darin: Stifte, Klebezettel, Radiergummis, aber keine CD.

Merkwürdig.

Wo hatte er die jetzt schon wieder hingelegt?
Es gab nur eine Möglichkeit, wo sich die CD sonst noch befinden könnte: der Kleiderschrank.
Als er die beiden Türen des Kleiderschrankes öffnete, zog er, um einen besseren Überblick zu haben, erstmal einen Kleidungsstapel heraus.
Diesen legte er neben sich auf den Boden.
Simon begann, in einer orangenen Aufbewahrungsbox herumzuwühlen.
Nach einigen Handgriffen hatte er das gesuchte Album gefunden, doch in der Kiste befand sich noch eine andere CD.

„Privat“, stand darauf mit einem Edding geschrieben.
Simon wurde neugierig.
Seine Lieblingsband würde wohl noch einen Augenblick warten müssen.

Mit der Disk in der Hand ging er zu seinem PC und schaltete diesen ein.
Nachdem der Computer hochgefahren war, entnahm Simon die CD aus der durchsichtigen Hülle und legte diese in das Laufwerk ein.
Auf der Disk befanden sich viele Bilder, von seinem ersten Geburtstag, dem Kindergarten, diversen Geburtstagen und seiner Einschulung.
Plötzlich fiel sein Blick auf ein Video.

„Weihnachten 2020“.

Schnell öffnete Simon das Video, kurz darauf wurde es abgespielt.
Auf dem Video waren er und seine Eltern zu sehen.
Die Familie feierte gerade Weihnachten und packte Geschenke aus.
„Wow, eine Nerf Gun, danke Mama“, rief Simon, nachdem dieser voller Begeisterung das Geschenk ausgepackt hatte, und fiel seiner Mutter in die Arme.
„Bitte, mein Hase“, erwiderte seine Mutter und küsste ihren Sohn auf die Wange.
Seine Mutter war so glücklich auf dem Video, alles war perfekt.

Simon sah sich das Video weiter an, musste aber schnell feststellen, dass das keine gute Idee war.
Er konnte seine Emotionen nicht mehr zurückhalten.
All die Wut, die Trauer und der ganze Schmerz, welche Simon lange unterdrückt hatte, brachen aus ihm heraus.
Erst war es nur ein leises Weinen, doch nach einigen Sekunden ging es in ein Schluchzen über.
Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter und kurz darauf die starken Arme seines Vaters, welche ihn zu seinem Bett führten.

Das Video war mittlerweile zum Glück zu Ende.
Simon weinte einfach nur, ließ all die Emotionen raus.
Eine Weile hatte der Junge seinen Kopf an die Schulter seines Vaters gelehnt und ließ sich von seinem Papa den Rücken streicheln. „Ist okay, Großer“, hatte dieser zwischendurch immer wieder leise gesagt.
„Ich bin so verdammt stolz auf dich, mein Junge, genauso wie deine Mama jetzt auf dich stolz wäre“, antwortete sein Vater nach einigen Minuten der Stille und sah seinen Sohn an.
„Mhm“, murmelte dieser leise und wischte sich seine verweinten Augen mit dem T-Shirt trocken.

„Was hältst du davon, wenn wir meine Pizza Speziale machen?“, fragte sein Vater seinen Sohn, nachdem er sich wieder beruhigt hatte und auf seinem Bett im Schneidersitz saß.
Dessen Mundwinkel gingen automatisch in die Höhe.
„Boah ja, ich gehe schonmal runter“, rief dieser und sprang ruckartig von seinem Bett.
Sein Vater lächelte.
„Ich komme gleich, ich werde hier ein wenig Ordnung schaffen, Hände waschen und deine Schürze anziehen, nicht vergessen“, rief dieser seinem Sohn noch nach, doch da war Simon schon längst die Treppe runtergerannt.

Es gab einfach nichts Besseres als die selbstgemachte Pizza seines Vaters.

Autor: Littleboy99

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