Der Start fühlte sich weniger spektakulär an, als Lynn es erwartet hatte.
Kein großes „Los geht’s“, keine Musik, kein Countdown. Nur der Guide, der einmal in die Hände klatschte, ein paar letzte Hinweise rief – und dann rollten sie einfach los. Einer nach dem anderen, noch etwas unsicher, als müsste sich erst alles sortieren: die Räder, das Gewicht, die Gedanken.
Lynn trat in die Pedale und spürte sofort den Widerstand der vollgepackten Taschen. Das war etwas anderes als ihre Runden um den Zürichsee. Schwerer. Träger. Aber auch echter irgendwie. Echter, weil es zählte.
Neben ihr fuhr Beni. Erst ein bisschen zu schnell, dann wieder zu langsam, bis sie sich irgendwann ungefähr im gleichen Rhythmus fanden.
„Fühlt sich komisch an, oder?“, sagte er nach einer Weile.
„Ja.“ Lynn sah kurz zu ihm rüber. „Als hätten wir keine Ahnung, was wir tun.“
„Haben wir auch nicht.“
Sie lachte leise. Der Wind war kühl, die Luft roch nach feuchtem Asphalt und ein bisschen nach Wald. Vancouver verschwand langsam hinter ihnen, die Straßen wurden ruhiger, die Häuser seltener.
Am Anfang redeten sie noch viel. Über Kleinigkeiten – ob der Sattel unbequem war, ob die Bremsen quietschten, ob sie zu viel oder zu wenig eingepackt hatten. Es war dieses vorsichtige Kennenlernen, bei dem man sich entlangtastet, ohne zu viel von sich preiszugeben.
Nach einer Stunde wurde es stiller.
Nicht unangenehm still. Eher konzentriert. Jeder bei sich, beim Treten, beim Atmen. Das gleichmäßige Surren der Reifen wurde fast meditativ.
Lynn merkte, wie ihr Kopf langsam leer wurde. Kein Zürich mehr. Keine Schule. Keine Matura. Nur noch Straße, die sich vor ihr aufrollte wie ein langer, ruhiger Atemzug.
Und irgendwo dahinter, ganz leise, dieser eine Gedanke.
Die Nacht.
Sie schob ihn weg.
Noch war es hell. Noch war alles einfach.
Sie machten ihre erste Pause an einem kleinen Aussichtspunkt. Ein paar Bänke, ein Blick über Wasser und Bäume, irgendwo in der Ferne ein Frachtschiff, das so langsam zog, dass es fast stand.
Lynn ließ sich ins Gras fallen und streckte die Beine aus. „Okay. Das Gewicht ist echt.“
Beni setzte sich neben sie, zog die Schuhe ein Stück auf. „Ich hab das Gefühl, ich hab Steine eingepackt.“
„Hast du wahrscheinlich auch.“
„Ja, aber aus Versehen.“
Sie grinste.
Eine Weile saßen sie einfach da, aßen Müsliriegel, tranken Wasser. Die anderen verteilten sich, redeten in kleinen Gruppen, lachten. Es wirkte plötzlich viel lockerer als am Morgen, als hätte die Strecke alle ein bisschen aufgeweicht.
„Warum hast du eigentlich mitgemacht?“, fragte Beni irgendwann.
Lynn überlegte kurz. „Weil ich wissen wollte, ob ich’s kann.“
„Was genau?“
„Einfach losgehen. Ohne Plan, ohne zu wissen, wie’s endet.“ Sie zog ein Blatt Gras aus dem Boden, drehte es zwischen den Fingern. „Und du?“
Beni zuckte mit den Schultern. „Ähnlich. Ich plane sonst alles. Wirklich alles.“ Er lachte kurz über sich selbst. „Irgendwann dachte ich: Mach mal was, bei dem du nicht alles kontrollieren kannst.“
„Und? Wie läuft’s bisher?“
„Schrecklich.“ Er grinste. „Aber auch gut.“
Lynn nickte langsam. „Ja. Genau das.“
Ein kurzer Moment, in dem sie sich einfach ansahen. Nicht lange, nicht intensiv – aber genug, um zu merken, dass da etwas war. Kein großes Gefühl. Eher ein Anfang.
Am Nachmittag wurde die Strecke flacher. Die Gruppe zog sich auseinander, kleine Zweier- und Dreierkonstellationen bildeten sich, ohne dass jemand groß darüber sprach. Lynn und Beni blieben zusammen.
„Ich glaub, wir sind ein gutes Tempo-Team“, meinte Beni.
„Heißt?“
„Wir sind beide nicht schnell genug, um die anderen einzuholen, aber auch nicht langsam genug, um zurückzufallen.“
„Mittelmaß als Strategie.“
„Im besten Sinne.“
Sie stieß ihn leicht mit dem Ellbogen an, musste aber selbst lachen.
Die Müdigkeit kam schleichend. Nicht nur vom Fahren – eher dieses tiefe, ziehende Gefühl, das Jetlag und Anstrengung und zu viele neue Eindrücke hinterlassen. Lynn trat gleichmäßig weiter, ließ sich von der Straße tragen.
Und darunter, wieder, dieser Gedanke.
Die Nacht.
Diesmal blieb er länger.
Der Campingplatz lag an einem kleinen See. Nichts Spektakuläres, aber ruhig. Ein paar Bäume, eine Wiese, eine einfache Sanitäranlage. Der Guide wartete schon dort.
„Erste Nacht. Ihr baut eure Zelte selbst auf. Morgen früh sehen wir dann, wer wirklich vorbereitet ist.“
Ein paar lachten.
Lynn und Beni stellten ihre Räder nebeneinander ab und standen einen Moment lang einfach vor dem Chaos aus Taschen, Stangen und Stoff.
„Also…“, sagte Beni.
„Also.“
„Hast du Ahnung?“
„Ein bisschen.“
„Gut. Ich gar nicht.“
Sie hockten sich hin, breiteten das Zelt aus. Es war ein Durcheinander aus falschen Stangen und verdrehten Schnüren, aber nach und nach nahm es Form an. Als es schließlich stand, traten sie beide einen Schritt zurück.
„Mehr oder weniger“, meinte Beni.
„Mehr als weniger.“
Er sah sie an. „Team 7 rettet die Nacht.“
„Hoffentlich.“
Das Wort hing einen Moment in der Luft.
Später saßen sie am See, die Füße im Wasser. Die Sonne senkte sich, tauchte alles in dieses warme, goldene Licht, das irgendwie immer ein bisschen unwirklich wirkt.
„Ich kann nicht glauben, dass wir heute Morgen noch im Hostel waren“, sagte Lynn.
„Ich kann nicht glauben, dass wir das acht Wochen machen.“
„Ich schon.“ Sie lächelte leicht. „Also – ich versuch’s zumindest.“
Beni zog die Knie an. „Hast du Angst?“
Die Frage kam ruhig. Ohne Druck.
Lynn antwortete nicht sofort.
„Ein bisschen“, sagte sie dann. „Nicht vor dem Fahren. Eher vor den Momenten, in denen man nicht ausweichen kann.“
„Was meinst du?“
„Wenn’s still wird. Wenn keine Ablenkung mehr da ist.“
Beni nickte langsam. „Ich hab manchmal Phasen, da kann ich nicht schlafen, weil mein Kopf nicht aufhört. Lieg einfach da und denk zu viel.“
Lynn spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Nicht unangenehm. Vertraut.
„Ich auch“, sagte sie leise.
Das war nicht ganz gelogen. Aber auch nicht die ganze Wahrheit.
Als es dunkler wurde, zog sich die Gruppe langsam zurück. Reißverschlüsse, gedämpfte Stimmen, irgendwo ein letztes leises Lachen.
Lynn wartete. Sie wartete bewusst, bis das Sanitärgebäude ruhig wurde, bis die Schritte weniger wurden und das Licht durch die Milchglasscheiben nicht mehr flackerte. Dann nahm sie ihren Rucksack und ging hinüber.
Drinnen: kaltes Neonlicht, der Geruch nach Seife und nassem Beton. Die Kabinentür fiel hinter ihr ins Schloss.
Sie stellte den Rucksack ab und kniete sich hin. Ihre Finger fuhren unter die ordentlich gefalteten Klamotten, tasteten sich ganz nach unten – bis sie den kleinen, festen Beutel spürten. Sie holte ihn heraus, legte ihn auf ihre Knie. Einen Moment lang kniete sie einfach nur da.
Atmete.
Dann öffnete sie ihn ruhig und holte die zusammengefaltete Windel heraus. Es war eine der flacheren, diskretere Variante, die sie extra für die Reise ausgesucht hatte. Nichts Sperriges, nichts Lautes. Aber trotzdem – hier, in dieser fremden Kabine, auf diesem fremden Campingplatz – fühlte es sich merkwürdig exponiert an.
Sie zog sich aus, legte die Hose beiseite. Breitete die Windel auf dem kalten Boden aus, setzte sich, legte sich der Länge nach hin, so wie sie es immer tat. Die Bewegungen kannte sie auswendig. Zu Hause, bei Freundinnen, auf dem Klassenlager – sie hatte das schon hundertmal gemacht. Trotzdem lauschte sie jetzt in die Stille, hielt inne, bevor sie die Bänder befestigte. Keine Schritte draußen. Kein Rascheln.
Alles ruhig.
Sie zog die Bänder fest, glatt, gerade so, dass es saß ohne zu spannen. Danach zog sie die Hose wieder an. Fasste das Material ab – unauffällig, flach, kein Umriss, der durch den Stoff drückte. Alles so, wie es sein sollte.
Der Beutel wurde wieder verschlossen. Ganz nach unten in den Rucksack. Unsichtbar.
Ein letzter Blick in den Spiegel.
Alles normal. Als wäre nichts.
Im Zelt war es enger, als Lynn gedacht hatte.
Zwei Schlafsäcke nebeneinander, kaum Platz dazwischen. Die Geräusche von draußen gedämpft, aber hörbar: Schritte, Stimmen, das Rascheln von Stoff an anderen Zelten.
Beni lag schon da, auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. „Hey.“
„Hey.“ Lynn kroch zu ihrem Schlafsack, ließ sich langsam hinein. Jede Bewegung bewusst, kontrolliert. Das Plastik der Windel war dünn, gut verarbeitet – aber trotzdem: In der Stille eines Zeltes hört man anders. Schärfer. Sie wusste das.
Sie drehte sich leicht zur Seite, weg von ihm. Zog den Reißverschluss des Schlafsacks hoch. Einmal. Dann noch ein kleines Stück.
Beni räusperte sich leise. „Komisch, oder? Dass wir uns gestern noch nicht kannten.“
„Ja.“
„Und jetzt teilen wir uns ein Zelt.“
„Schnell gegangen.“
„Zu schnell?“
Sie überlegte kurz. „Noch nicht.“
Er sagte nichts mehr darauf. Die Stille legte sich zwischen sie, nicht unangenehm, aber wach.
Lynn lag still. Sie atmete ruhig, gleichmäßig, und spürte dabei ihren Körper viel intensiver als sonst. Jede minimale Bewegung. Das leise Material des Schlafsacks, der jede Geste zurückwarf. Sie ließ die Arme eng am Körper. Kein unnötiges Umdrehen. Kein Strecken. Einfach liegen.
Nicht rascheln. Nichts verraten. Einfach schlafen.
„Lynn?“, flüsterte Beni.
Sie zuckte innerlich leicht zusammen. „Hm?“
„Wenn irgendwas ist… also egal was… du kannst mir das schon sagen, okay?“ Eine kleine Pause. „Ich frag nicht weiter nach.“
Der Satz kam vorsichtig. Fast unsicher. Als würde er selbst nicht ganz wissen, warum er ihn sagte.
Lynn starrte in die Dunkelheit.
Für einen Moment war sie versucht. Irgendetwas zu sagen. Nur einen kleinen Teil der Wahrheit vielleicht – nicht alles, aber genug, um das Gewicht ein bisschen abzulegen. Es wäre so einfach gewesen. Einfach anfangen zu reden.
Aber dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf.
„Alles gut“, sagte sie leise.
Stille.
Beni atmete weiter, gleichmäßiger jetzt, tiefer. Nach ein paar Minuten konnte sie hören, dass er schlief.
Lynn blieb wach.
Sie lauschte. Auf ihn. Auf das leise Knistern der Zeltwand im Wind. Auf sich selbst. Und irgendwo unter all dem lag dieses Wissen, schwer und ruhig zugleich: Das hier würde nicht ewig ein Geheimnis bleiben. Nicht acht Wochen lang. Nicht in einem Zelt dieser Größe, mit dieser Stille.
Aber heute Nacht.
Heute Nacht funktionierte alles.
Und das reichte.
Irgendwann, viel später, schlief sie ein – vorsichtig, angespannt, aber auch mit etwas, das sich fast wie Erleichterung anfühlte.
Der erste Tag war geschafft.
Die erste Nacht auch.
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Autor: Anonym | Eingesandt via Formular
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