Der Jetlag ließ einfach nicht nach. Lynn lag wach in einem der Hostelbetten, fand die Matratze zu weich, das Kissen zu dick. Über ihr an der Decke hatte ein Wasserfleck die Form eines umgestürzten Kanus. Irgendwo im Raum schnarchte jemand, ziemlich gleichmäßig, fast schon beruhigend. Sie drehte sich erst auf die Seite, dann wieder auf den Rücken. Ihr Handy zeigte 4:17 Uhr. Draußen wurde es langsam heller, dieses milchige Vancouver-Dämmern, das nie so recht zwischen Nacht und Tag unterscheiden wollte.
Sie hatte wirklich versucht zu schlafen. Aber ihr Körper wollte nicht, die innere Uhr hing noch irgendwo über dem Atlantik. Und dann war da noch dieses leise Ziehen im Bauch – das hatte sie in fremden Betten immer besonders gespürt. Lynn seufzte, schob die Decke zur Seite und stand auf. Auf Zehenspitzen schlich sie an den schlafenden Körpern vorbei. Die Toilette war zwei Türen weiter. Das Hostel war alt, die Fliesen im Bad eiskalt unter ihren Füßen. Sie schloss die Tür, lehnte sich an und atmete tief durch.
Morgen geht’s los, dachte sie. Acht Wochen. Mit einem Fremden. Und fünf Nächte lang würde niemand allein sein.
Das Frühstück war in einem Raum, der nach Toast und Nervosität roch. Lynn saß an einem langen Tisch, vor sich einen Müsliriegel und eine Tasse ziemlich dünnen Kaffee. Beni setzte sich ihr gegenüber. Das gleiche ausgewaschene T-Shirt wie gestern, darüber ein offenes Flanellhemd, zwei Tassen in der Hand.
„Ich hab gehört, der hier ist stärker“, sagte er und schob ihr die zweite Tasse rüber. „Wenn man den überlebt, schafft man auch Kanada.“
Lynn grinste. „Danke.“ Sie nahm einen Schluck. Bitter, klar, aber wenigstens machte er wach. „Hast du gut geschlafen?“
„Nicht wirklich.“ Beni rieb sich die Augen. „Ich hab die ganze Zeit überlegt, was ich vergessen haben könnte. Ob mein Zelt dicht ist. Ob ich genug Socken dabei hab.“ Er zuckte die Schultern. „Irgendwelche blöden Sachen halt.“
„Klingt gar nicht blöd.“
„Und du?“
Sie zögerte kurz. „Halbwegs. Der Jetlag halt.“
Dann wechselten sie das Thema. Redeten über die Fahrräder, über die Route, die der Guide gestern an der Wandkarte gezeigt hatte. Beni wusste erstaunlich viel über die Gegend – er hatte wohl ordentlich recherchiert, während Lynn ihre Vorbereitung eher „organisiertes Chaos“ nannte. Er erzählte von den Rocky Mountains, von Bärenwarnungen, von Städten, deren Namen Lynn zum ersten Mal hörte. Sie hörte zu, nippte an ihrem Kaffee und merkte, wie sie langsam entspannte. Er war nicht laut, nicht aufdringlich. Nervös, klar, aber auf eine Art, die irgendwie auch ihr half.
„Wir sollten vielleicht mal schauen, ob unsere Taschen passen“, meinte sie irgendwann. „Bevor wir losfahren.“
Beni nickte. „Gute Idee. Ich hab so ein seltsames Gefühl bei der Packliste. Als hätte ich was vergessen.“
„Was denn?“
„Keine Ahnung. Irgendwas Persönliches vielleicht. Nichts, das auf der Liste steht.“
Lynn sah ihn an, nur einen Moment. Dann stand sie auf. „Komm. Schauen wir nach.“
Die Fahrräder standen auf dem Parkplatz, aufgereiht wie eine Herde vor dem Start. An jedem Rahmen klebte ein Stück Tape mit ihren Namen: „Lynn & Beni – Team 7“. Lynn fuhr mit dem Finger über die Buchstaben, bevor sie begann, die Taschen festzumachen. Vorne die Lenkertasche, hinten die Satteltaschen, dazwischen kleine Beutel am Rahmen – Werkzeug, Snacks, alles griffbereit.
Packen konnte sie inzwischen im Schlaf. Ihre Mutter hatte geholfen, alles ordentlich in wasserdichte Säcke zu stopfen. Trotzdem – ein paar Sachen hatte Lynn heimlich eingepackt. Das kleine Notizbuch. Ein Foto von der Familie, direkt unter dem Deckel festgeklebt. Und ganz unten, versteckt in einer blickdichten Plastiktüte, die sie extra besorgt hatte, lag das eine Ding, das sie auf keinen Fall vergessen durfte. Das, was nachts alles verkomplizierte. Zusammen mit einem kleinen Beutel und ein paar Dingen, die niemand sehen sollte.
„Alles okay?“ Beni rief von seinem Rad herüber. Er kämpfte gerade damit, eine Trinkflasche in einen viel zu engen Halter zu quetschen.
„Ja.“ Lynn schloss ihre Tasche, zog den Reißverschluss bis zum Anschlag. „Bin gleich soweit.“
Dann sammelte der Guide die Gruppe – zwölf Jugendliche, die zwischen ihren Rädern standen wie Starter vor einem Rennen, von dem keiner so richtig wusste, was auf ihn zukommt. Er hielt ein Klemmbrett hoch, Papierkram zum Unterschreiben: Haftungsverzicht, Gesundheitszeugnis, Notfallkontakte, das volle Programm.
„Wichtig ist“, sagte er, während alle Formulare durchgingen, „dass ihr euch wirklich kennt. Nicht nur so oberflächlich. Ihr seid jetzt acht Wochen ein Team, oft ohne Handyempfang, die nächste Stadt weit weg. Vertrauen zählt mehr als Fitness.“
Er machte eine kurze Pause und grinste breit. „Und damit ihr genau das üben könnt, bleiben wir die ersten fünf Nächte alle zusammen an einem festen Basecamp. Ein großer Campingplatz direkt am Start der Route. Kein wildes Verteilen, kein Stress mit Zeltplatz-Suche. Ihr habt Zeit, euch einzugewöhnen, die Routine zu finden und als Gruppe zusammenzuwachsen. Ab der sechsten Nacht seid ihr dann frei – dann entscheidet jedes Team selbst, wo und wann es weiterzieht.“
Lynn spürte, wie sich ihr Magen kurz zusammenzog. Fünf Nächte. Alle zusammen. Keine Möglichkeit, einfach mal kurz allein zu sein.
„Wenn ihr was Medizinisches habt, was euer Partner wissen sollte – jetzt ist der Moment. Allergien, Medikamente, Ängste, alles. Ihr seid ein Team, das heißt, aufeinander aufpassen.“
Ein paar tuschelten. Einer erwähnte eine Nussallergie, eine andere Asthma. Lynn setzte ihr Kreuz bei „Schlafstörungen“. Nicht gelogen, nicht ganz die Wahrheit – irgendwo dazwischen.
„Schlafstörungen?“, fragte Beni leise, als der Guide schon weiterging.
„Manchmal.“ Lynn zuckte die Schultern. „Nichts Wildes. Ich wache halt öfter auf. Brauche dann, um wieder einzuschlafen.“
Es war die ehrlichste Lüge, die sie je erzählt hatte. Oder die verlogenste Wahrheit. So genau wusste sie’s nicht mehr.
„Ich auch“, meinte Beni. „Schon als Kind. Meine Eltern sagen, ich bin ein Nachtwandler.“ Er grinste schief. „Stimmt nicht wirklich, aber ich rede manchmal im Schlaf. Hab ich zumindest gehört.“
Lynn musste grinsen. „Dann passen wir ja. Ich rede nicht, ich bin einfach nur… wach.“
Der Tag zog sich in die Länge, eine endlose Abfolge aus Briefings und Warten. Immer wieder das Gleiche: Der Guide dozierte die Bärenregeln, als würde er ein Mantra herunterbeten. „Kein Essen im Zelt, niemals.“ Dann das Erste-Hilfe-Training – im Grunde lernten sie nur, wann der Notruf nötig war und wann ein Pflaster genügte. Kartenlesen, Kompass, und natürlich der GPS-Tracker.
„Aber“, betonte der Guide erneut, „den Tracker nehmt ihr nur, wenn’s wirklich ernst ist. Nicht, weil ihr keine Lust mehr habt oder weil’s regnet. Ihr seid hier, um euch selbst was zu beweisen. Das heißt, auch mal durchhalten.“
Lynn saß im Gras, lehnte sich an einen Baumstamm und hörte zu. Die Sonne brannte ihr ins Gesicht, und der Jetlag verwandelte sich langsam in eine angenehme Müdigkeit. In Gedanken plante sie die nächsten Nächte: Fünf Nächte Basecamp. Viele Leute. Wenig Privatsphäre. Sie hatte einen Plan – grob, aber immerhin. Entweder früh schlafen gehen, bevor die anderen es tun. Oder ganz spät, wenn alle schon weg sind. Die Tasche immer griffbereit, aber nicht zu auffällig. Schon ein paar Ausreden parat: „Ich muss mal kurz raus“, „Ich hab Durst“, „Ich kann nicht schlafen, geh mal frische Luft schnappen.“
Das musste funktionieren. Eigentlich blieb ihr nichts anderes übrig.
„Woran denkst du?“, fragte plötzlich Beni, der sich leise neben sie gesetzt hatte.
Lynn ließ sich einen Moment Zeit. „Ich frage mich, wie oft wir draußen schlafen werden.“
„Respekt vor der Wildnis?“
„Nee.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin einfach… neugierig. Wie es ist, wenn’s richtig still ist. Und richtig dunkel.“
Beni nickte, als würde er genau verstehen, was sie meinte. „Meine Mutter sagt immer, nachts redet man wirklich mal mit sich selbst. Tagsüber ist man ständig abgelenkt.“
„Und was sagt sie zu deiner verrückten Reise?“
Beni grinste. „Dass ich einen Knall hab. Aber das sagt sie jedes Mal. Ist nicht böse gemeint.“
„Meine ist genauso.“ Lynn zog die Beine an, verschränkte die Arme darum. „Letzte Nacht hat sie dreimal per WhatsApp gefragt, ob ich noch lebe.“
„Und? Tust du’s noch?“
„Sieht so aus.“
Sie lachten, und plötzlich fühlten sich die acht Wochen gar nicht mehr bedrohlich an. Eher wie eine Gelegenheit. Wie eine Tür, die offen steht.
Am Abend saßen alle zusammen im Gemeinschaftsraum des Hostels, Abschlussbesprechung. Zwölf Leute im Kreis, der Guide hatte ein Spiel vorbereitet: „Zwei Wahrheiten und eine Lüge“. Ein bisschen Smalltalk, aber trotzdem spannend, weil man dabei die anderen besser kennenlernt. Lynn hörte einfach zu. Jemand war schon mal allein durch Neuseeland gereist. Eine andere Person sprach fließend drei Sprachen. Und da war noch jemand, der Angst vor Spinnen hatte – angeblich soll das in Kanada ziemlich lästig werden.
„Du bist dran“, sagte der Guide und zeigte auf Lynn.
Sie überlegte kurz. „Ich habe mal einen Marathon beendet. Ich kann kein Klavier spielen, obwohl ich’s versucht habe. Und ich hasse es, im Dunkeln aufzuwachen.“
Die Gruppe diskutierte. Fast alle tippten auf den Marathon – sie sah wirklich nicht aus wie jemand, der gerne 42 Kilometer läuft. Eher wie jemand, der nur rennt, wenn der Bus schon blinken lässt. Aber das war die Wahrheit. Sie hatte das wirklich geschafft, damals mit ihrer Mutter.
„Die Lüge ist das Klavier“, sagte sie dann. „Ich hab’s nie versucht. Zu viele Tasten.“
„Und das mit dem Dunkeln?“, fragte jemand.
„Stimmt“, antwortete Lynn und zuckte die Schultern. „Ich schlafe am liebsten mit einem kleinen Licht. Nicht hell, nur so, dass ich weiß, wo ich bin.“
Das war nicht mal die ganze Wahrheit. Eigentlich brauchte sie das Licht nicht, um zu wissen, wo sie war. Sie wollte einfach im Notfall schnell reagieren können. Sehen, wenn was passiert. Nicht hilflos sein, wenn’s dunkel ist.
Beni sah sie an, als der Guide weitermachte. „Ich auch“, sagte er leise. „Mit dem Licht. Meine Schwester hat immer gelacht, ich wäre zu alt für ein Nachtlicht.“
„Man ist nie zu alt für Sicherheit“, meinte Lynn.
Ob er wirklich verstanden hat, was sie meinte, wusste sie nicht. Aber er nickte, und das reichte fürs Erste.
Letzte Nacht im Hostel. Lynn lag wieder wach, diesmal nicht wegen Jetlag. Es war eher diese Mischung aus Vorfreude und dem leisen Panikgefühl, das manchmal hochkam, wenn sie zu lange darüber nachdachte. Die Tasche war gepackt, alles ordentlich. Das eine Ding lag ganz unten, sicher versteckt. Schlafsack ausgebreitet, bereit für morgen, für die erste Nacht im Basecamp.
Sie dachte an Beni, zwei Betten weiter. An das sanfte Schnarchen, das sie gestern gehört hatte. An diese offene Art von ihm, die trotzdem vorsichtig wirkte, als würde auch er etwas verbergen, das er noch nicht erzählen will.
Fünf Nächte. Alle zusammen. Dann erst Freiheit.
Wir sind alle Nachtwandler, dachte sie. Jede*r auf die eigene Art.
Draußen begann es zu regnen, leises Trommeln auf dem Dach. Lynn schloss die Augen, atmete tief ein. Morgen geht’s los. Morgen beginnt das Abenteuer, mit allem, was dazugehört: die Herausforderungen, die Schönheit, das Unvermeidliche.
Kurz vor Sonnenaufgang schlief sie ein. Und träumte von Wegen, die immer weiterführten, und von einem Licht, das nie ganz ausging.
Autor: Anonym | Eingesandt via Formular
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